Part 25
Barg sich dann halb hinter einem fetten Palast im trächtigen Kuhstil mit vier Renaissance-Trampeln als Karyatiden, um ungestört schauen zu können. Denn er hatte bemerkt: das Natürlichste: in der Stadt die Stadt anzusehen, fiel hier peinlich auf. Ihre Bewohner, ausschließlich damit beschäftigt, einander erst entgegen -- dann an -- dann nachzustarren, sammelten sich alsobald im Kreis, stierten eine Weile mit hinauf, frugen schließlich ägrirt, wo der ausgeflogene Kanarienvogel denn säße.
Dort aber stand er in Deckung vor dem wimmelnden Heute. Gegenüber der stumme Platz einer verschwundenen Menschheit, mit dem segnenden Reiterbild in steilem Empire, nicht eben gut, doch echt in seinen Fehlern. Dahinter stieg, unvergleichlich an Maß und Adel männlicher Anmut, des großen Saales steinerne Schale. Sein inneres Rund, wie leise hindurchgeatmet durch des Sockels breite Kantigkeit, hatte etwas vom Tier und vom Kristall.
Oben die fein verdrückte Kuppel. Er liebte Kuppeln, das Dreifache weisend in schwierigem und edlem Schwung, irgendwie verwandt dem Broncereifen der Ekliptik auf wundersamen Weltmodellen Tycho de Brahes oder auch einem überpersönlichen Haupt vergleichbar, durch das sich der Geist des dreifachen Raumes Gestalt erwölbt.
Als er diesmal den menschenarmen Platz betrat, sahen die Näherkommenden alle aus, als wäre ihnen etwas passiert. Verlegener Hohn in der Haltung; die ganze Atmosphäre wie um Gargis Erscheinung, ersten Tags im Speisesaal, nur noch manierloser, aggressiver. Gargi hier? Doch nein! Er ließ sie ja an diesem Ort nicht mehr allein ausgehen, seit vor ihm zwei junge »Herren« auf der Straße -- gleichsam als Promenadespiel -- einander die möglichst niedrige Summe jeweils zugerufen, die jeder für den Geschlechtsakt mit den ihm entgegenwandelnden Mädchen und Frauen anzulegen sich bemüßigt fühlte. Das tiefste Angebot teilten sie sich dann immer grinsend, von den zehn Fingern pantomimisch unterstützt, über die Köpfe der Ahnungslosen hinweg, mit.
Die Principessa Dango? Wohl kaum. Als Archies Hörige war sie momentan am Tempelhofer Feld in einem Gecco Pintaccio-Film prostituiert.
Doch wozu die Lügen um sein Herz. An dem strahlenden Schauder wußte er, was -- nicht weiße -- noch schwarze -- einzig die rote Magie intensiv wünschender Sehnsucht ihm, nach so vielen Monaten da zu erscheinen zwang. Es stand: eine lichte, leicht noch nachschwingende Lanze, wie in einer Steilrechten heruntergezückt, aus klarerer Heimat, ohne das Weichbild dieser Stadt auch nur berührt zu haben. Hob kritisch beglückt das Profil dem andern, steinernen entgegen, dort wo der Eckbau aus Pylonenbreite in einer höfisch feinen Kurve der Vollendung sich verjüngte.
Ganz langsam genießend kam er heran auf erhöhten Sinnen, seinem gewohnten Standort zu, unmittelbar hinter dem ihren. Selbst jetzt hätte er dieses ernste, holde und sehr geheimnisvolle Gesetz nicht durchbrechen, sich ihr in Willkür auch nicht um einen Schritt nähern mögen. Gerade deshalb war sie nun auf seinen Weg gestellt worden, in so viel verheißungsvollerer, weil freigeborner Weise »zufällig«, somit aus reinster Notwendigkeit.
Ganz in die Erblickung gestürzt, beobachtete er noch mit dem erleuchteten Saum seiner Sinne amüsiert den ganzen ranzigen Aufruhr: die mannigfachen Schreckphänomene aller Unreingegliederten dem Niegeschauten gegenüber. Hier, wo der Mob viel höher heraufreichte wie irgendwo anders, glaubte jeder Vorüberkommende sich berechtigt, durch Haltung, Miene oder erkünstelten Naturlaut eine Meinung, um die er nicht gefragt worden war, der Dame kund zu tun.
Frauen versuchten, voll höhnischem Mitleid zu erschrecken, zwinkerten um Solidarität hinüber zu wildfremden, achselzuckenden Männern. Andre, mit Kindern an der Hand, ermunterten diese, die nicht recht wußten weshalb, sich kichernd umzudrehen. »Pfuitterdeixel« pfiff ein ganz ausgekegelter Schlosserlehrling mit O-Beinen, Überbeinen und Plattfüßen, in die Luft. Er nickte ihm zu: »So recht Crapüle, hätte sie bei Deinesgleichen Succzes, müßte sie sich doch erschießen«. Gleich bei jener ersten Szene im Restaurant hatte er ja für immer begriffen: nichts haßt und fürchtet der Kötermensch so sehr, wie den Stilbildner, der durch sein bloßes Dasein etwas zu fordern scheint, eine Anstrengung, das Niveau zu ändern. Weder Bescheidenheit noch Diskretion retten da den Ungemeinen. Erst wird man ihn mit boshafter Herablassung niederzugrinsen, dann mit aggressiver Infamie von sich abzutun versuchen, denn als »schön« vermag der optisch Ungebildete nur den eigenen Komparativ zu begreifen, lediglich was einer zum größeren Grade als er selbst besitzt. Das in der Linie des leicht Erreichbaren gelegene allein gefällt ihm, sodaß im Wohlgefallen noch Faulheit und persönliche Eitelkeit befriedigenden Platz finden. Erst der sich selbst Erziehende, welcher Art er auch sein möge, wird Fremdes: daher Befremdendes sogleich optisch »vom Blatt zu lesen« und zu werten vermögen.
Jetzt war er hinter ihr, auf seinem gewohnten Platz. Sie stand abgeschirmt mit unvergleichlich lässiger Verachtung. Schaute. »Die Wellen dieser zappelnden Gemeinheit sind viel zu kurz, um ihre langen Wogenzüge zu stören,« fühlte der Entzückte, »können garnicht an diesen hohen Sender mit strahlender Antenne rühren.«
Sein Männerschatten beugte sich über. Da rief sie sich wie in eine bedrohte Festung zurück. Das unverweslich Herbe an ihr, diese steigernde Dissonanz des Reizes, vereiste sofort ins Abschreckende, absichtlich Abstoßende. Hochgemutes gerann zu Hochmut. Das war ihm neu! Eine Kultur des Hasses, kundig und erlesen.
»Kristallumpanzerte« fühlte er. »Ganz Weiße. Fremdeste der Fremden hier.«
Sie einfach vom Trottoir wegheben, ganz in Zartheit wickeln und hintragen, wo er der Herr war. Ihr Wesen und ihr Ort trafen ihn wie eine Blasphemie von Gott aus; mindestens wie ein schwer zu verantwortender _faux pas_ himmlischerseits. In des Schattens Haltung lag jetzt so viel Diskretion, wie er jede Berührung mit dem ihren mied, daß sie sich halb wandte. Die einsamen Sternsaphire sahen ihn zum erstenmal an. In Padua hatten sie durch ihn hindurch in die Erwartung des Glücks geschaut. Sahen jetzt statt eines Überlästigen, statt eines pöbelnden Männchens einen Menschen vor sich: einen brüderlichen Gentleman. Geschwisterlich gleichgerichtet, Seite an Seite flog von nun an ihr Genießen alle Linien des Baus entlang; einen Augenblick verschmolzen die Schattenkerne in Eins. Wann dieses Schauen auch zu klingen begonnen, wem zuerst Worte sich geformt, wußte er nie. Es waren Worte von jener scheuen, weil tiefsten Vertraulichkeit, die wie aus einem Abgrund der Zeiten herauf-, herübergetastet kommt in eine erste Begegnung voll seltener, unbegreiflicher Anziehung; lustvoll und furchteinflößend zugleich. Die Worte selbst? Das Geheimnis ihres Reizes? Daß einer vom andern alles vorauszusetzen schien: alles Wissen und alle Erkenntnis und daß es doch wie nichts war, kaum mit juwelenen Händen gestreift, um ganz draußen nur die Spitzen der Persönlichkeiten im Licht miteinander spielen zu lassen.
Jetzt wandte sie sich ganz, prüfte mit den Wimpern durch die Luft hin die Knabenglätte seiner großen Züge, das starke Kinn aus Stein. Verwundert, als wäre sie gewohnt, nur in durchackerten Gesichtern Saat von Geist aufgegangen zu sehen.
Die gelähmte Zeit stand wie ein ins Unerträgliche gespannter Bogen ausgestrahlt um ihn. So ganz nah, war sie von verwegener überwältigender Vollendung. Nicht nur ausgespart aus einer saloppen Umwelt. Der niegesehene Typus, jene neue Schlankheitsgrenze, hatte auch neue Gesetze der Anmut erfordert und erschaffen. Welch zähe Treue zum Ideal war hier bis in die letzten Lineamente offenbart. Hingerissen und sachlich zugleich, ingenieurhaft beinahe fühlte er dieser neuen Anmut: dieser Natürlichkeit höherer Ordnung nach. Ihre gepflegte Wahrheit kam aus einer solch adeligen Tiefe her, daß jede Bewegung sie ganz enthielt. Etwas von Tier und Seraph und gleitendem Erz.
»Alle Städte, durch die sie geht, müßte man vor ihr niederlegen,« dachte er. »Denn keine paßt noch zu ihr. Sie aber ist im Recht.«
War seine Musterung indiskret geworden? Sie schrak auf aus holdem und tiefem Vertrauen. Verherbte wieder. Schlüpfte in einen schwarzen Block Abwehr.
Indessen hatte sich ein loser Halbkranz von Gaffern gebildet. Eine düstre Kuh mit Plattfüßen mißbilligte beide Erscheinungen. Andre starrten des Fischer von Erlach Meisterbau auf den entflogenen Kanarienvogel hin an. Ungeratenheit, die sich dreist machte. Noch einmal grüßten ihn die einsamen Sternsaphire ganz flüchtig, und die hohe Silhouette schwankend vor Schlauheit entwich in eine Nebengasse. Er sah den kühnen Gang ihrer göttlichen Beine durch das Kleid hindurchspiegeln, dann sog der braune Rüssel eines Durchhauses sie ein.
Gleichen Abends reiste er ab. Wußte: hier führte kein Weg mehr näher heran zum
»Elf von einem großen Stern«.
Viertes Buch
Zur Zeit als Horus ins Haus der Elchos zog, erwuchs auf der andern Seite der Erde ein kleines Mädchen gleichen Alters in einem sonderbaren Gebäude: halb Palais, halb Fabrik.
Täglich Punkt zwei bog die wenig stilvolle Equipage um das grasige Viereck im asphaltierten Innenhof, an den Statuen und dem alten Nußbaum vorbei, der Gärtner öffnete weite Torflügel unter der gewölbten Einfahrt, und man fuhr bis vier spazieren. Papa und Mama im Fond. Immer denselben Weg: erst durch ratternde Vorstadtstraßen voll anrüchiger Kramläden und Klaviergehacke, dann um den Ring herum. Die Beinchen reichten nicht bis zum Wagenboden und schliefen einem immer ein in den kleinen Prunellestiefeln. Baumeln durfte man nicht, reden meist auch nicht. Oben redeten die Eltern diese endlosen, gereizten Erwachsenensachen, bei denen man nicht stören sollte, obwohl es doch immer dasselbe war und so überflüssig. Manchmal hob Papa den Hut schräg weg und Mama nickte mit einem süßschiefen und entzückten Gesicht, wie sie es zu Hause nie hatte. Dann mußte man auch nicken und mit dem Mund knicksen, meist ohne Ahnung, wer die Leute gewesen, denn Besuch kam fast nie ins Haus.
Alles war fader, als es sich sagen läßt. Bis auf die Ecke mit der Ballonfrau. Da wurde man innen voll aufreizender Kugelchen. Bekam man ihn? Und wenn ... rot oder blau? Leider machte die Ballonfrau auch immer so einen Freundlichkeitskrampf im Gesicht, wie Mama beim Grüßen, während sie einem mit Händen voll gemeiner Fingernägel die leise aufwärts ziehende Kugel ums Handgelenk band. Plärrte dabei:
»Nein, a soa schöns blond's Kind!«
»Aber recht eigensinnig und unfolgsam« pflegte Mama zu erwidern, »gerade heute sollte sie gar nichts bekommen.«
Meist log Mama. An Ballontagen war zufällig nie das Kleinste passiert. Der Ballon aber war ein Wunder, obwohl er schlecht roch; denn er blieb aufrecht oben am Faden, während sonst alles unten an Fäden hing. Hatte auch am Bauch ein komisch verrunzeltes, herausgestülptes Knöpfchen, vor dem einem ein wenig ekelte, wie ein Schwein. Ein fliegendes Gasschwein ohne Flügel.
Jetzt begann die große Versuchung: heimlich die Schnur vom Handgelenk gleiten lassen, damit der Ballon frei hinauf könne, immer schneller und kleiner würde, schließlich wie eine Traubenbeere mit Schwanz. War er aber auch ganz weg, hinter ihm, das Loch im Himmel blieb noch lange, indes man Bestürzung heucheln mußte und gezankt wurde wegen der Unachtsamkeit. Es schien: Geschenke gehörten einem doch nicht recht. Nie durfte man mit ihnen Lustiges tun, meist nicht einmal sagen, was man tun möchte. Sie war im sechsten Jahr -- eben bog der Wagen wieder einmal ins Tor heim -- da vergaß das kleine Mädchen mit dem Mund zu knicksen, während Papa den Hut schief weg zog und Mama das Gesicht, denn: etwas Überwältigendes war geschehen und viel zu groß für Angst:
Sie wußte nicht mehr, wo sie aufhörte.
Da war die Hand; ihre Hand mit dem aufrechten Ballonfaden. Flöge jetzt die Hand mit dem Ballon davon, durfte dann der Ballon zur Hand »ich« sagen oder die alleine Hand zu sich selber ich?
Wer ist Ich? fühlte das Kind. Sah über den Rand der Frage in ein Bodenloses. Streifte den Handschuh ab, spannte und entspannte jedes dünne Fingerwesen, ließ es tun -- empfinden ...
»Wo fange ich an -- wo ende ich?« staunte immer weiter. Rann noch einmal mit allem Gefühl vom Herzen in die Körperspitzen, wollte ins Grenzenlose, konnte nicht weiter, war von diesem Augenblick an bewußt mit der Welt in Ich und Nicht-Ich zerfallen, das Wunder Dasein hatte fragende Augen aufgeschlagen, die sich erst im Tode schließen. Das Fremdlinghafte war da; für immer. Mit ihm: Persönlichkeit, Einsamkeit und Sehnsucht.
Das wußte aber die winzige Philosophin noch nicht. Vorerst ging alles in Staunen auf. Probleme spannten helle spitze Flügel, wollten durch sie hindurchbrechen, pfeilrecht und silbrig, die junge Seele erfüllen und tragen.
»Warum hast du nicht gegrüßt? Was wird die Frau Regierungsrat Dostal denken.«
Papas Augen und Stimme rissen durch den dünnhäutigen Kinderkörper hindurch. Die gestockte Zeit begann auf einmal heftig zu laufen. Der Wagen fuhr weiter durchs Tor. Alle Dinge taten wieder und man schrak auf in einem Abgrund von Verworfenheit, saß bestürzt mit einem Bums mitten in unübersehbaren Folgen: hatte zu grüßen vergessen. Das Herz schlug breit wie ein Fächer durch die ganze Brust.
»Weil du immer deine Hand angeschaut hast. Immer muß sie sich bewundern, der eitle Fratz,« sagte Mama.
»Fratz,« das war wie ein verzerrter Blitz und kreischte obendrein.
»Aber ich hab' ja gar nicht ... bewundert,« wollte das Kind beteuern.
»Lüg nicht, ich hab' es doch selbst gesehen.«
»Ja, aber ...« man stammelte, suchte gierig das mit dem »Ich« und »Nicht-Ich« zu erklären.
»Wirst du endlich still sein und nicht fortwährend nachmaulen.« Papa machte seine aufgerissenen Glasaugen aus ungeheurer Macht, vor denen man immer sehr erschrak.
Noch einmal setzte das Kind zum Sprechen ein, wurde hilflos, gab es auf, denn am Vordersitz hub jetzt jenes aufgedonnerte Entsetzen an und didaktische »_pour la galerie_«-Reden, dem die kleinen Kinder ihre große Erwachsenenverachtung verdanken.
»So eine abscheuliche Rechthaberei, dieser Eigensinn, wo sie das alles nur her haben mag, von uns doch nicht.«
Und Papa wandte sich in seiner schlanken Länge Mama zu, schüttelte dabei edel und gebrochen den Kopf.
»Von mir gewiß nicht,« himmelte Mama mit ganz verzuckerten Augenlidern, und beider Eltern linde Vollkommenheiten sahen einander schwergeprüft an.
Dem verworfenen blonden Wechselbalg am Rücksitz ballte sich das kleine Herz zur Faust. Alle echte Beschämung war weg:
»Vielleicht bin ich wirklich nicht ihr richtiges Kind? Welch Glück!« Und den Gedanken weitertrotzend:
»Meine echte Mama trägt keinen Bauch unterm Korsett und mein wirklicher Papa ... nun aussehen tut er vielleicht wie Papa, aber er schreit gewiß nicht so häßlich in der Fabrik herum. Die Katze und das Reh nehm ich natürlich mit in mein Königreich, sonst aber niemand. Da stehen dann Papa und Mama voll Reue am Haustor und flehen. Aber erst ganz zum Schluß dreh ich aus dem Wagen heraus ein wenig den Kopf und sag: >Später einmal -- vielleicht<.«
Sie lächelte in das Königreich hinauf.
»Der Ballon,« sagte Mama empört und hatte zwei hängende kleine Schrotsäcke in den Mundecken, alles Verzuckerte war auf einmal fort, »man sollte ihn ihr wirklich zur Strafe wegnehmen.«
Papa zog sein Taschenmesser, durchschnitt die Schnur. Wundergrad stieg der Ballon bis über den Rauchfang. Dann drehten ihm Krallen aus Gas den Hals um, er duckte sich, wutschte weg, schräg packte ihn ein Wirbel -- sie hob entzückt die Hände, fühlte an ihren Rändern wieder das Problem eigenen Aufhörens. Dunkle Angst und Verantwortung, so ein ganz alleines Ich zu sein unter lauter fragwürdigem Draußen, überwältigten plötzlich das Kind. Es brach in Tränen aus.
»Das kommt davon, wenn man vorlaut ist,« sagte Papa, dann tröstend: »aber vielleicht gibt es morgen einen neuen Ballon, den binden wir dann so fest, daß er gewiß nicht wieder fortfliegt.«
Voll Mitleid mit so viel dickhäutiger Begriffstützigkeit sahen die jungen Sternsaphire sich diesen desolaten Erwachsenen an, der obendrein ein Papa war.
Großen konnte man ja überhaupt nichts erklären, sie aber auch nichts fragen; wenigstens nichts »Eigentliches«. Mama sah dann aus starrgrauen Augen meist zur Seite, tat, als tauche sie eben aus einer überaus wichtigen Erwachsenensache auf, in die sie sofort wieder zurück müsse, nickte flüchtig und falsch zerstreut:
»Ja, ja, schon gut, aber halt dich grad.«
Papa ließ sich gern fragen, doch nie durfte man weiter wollen als er selber wußte, nannte die Frage dann albern und wurde heftig. Als ganz kleines Kind hatte sie einmal stolz von ihm gesagt: »der Papa weiß alles.« Diese vierjährige Voreiligkeit sollte sich bitter rächen. Er hatte nachsichtig und doch wieder ehrgeizig dazu geschmunzelt, sich in seine riesige Rübezahlhöhe gereckt, so mit einer Haltung, als wünsche er, dies möge dauern. Darum tat man auch viel später noch oft so, ließ es hingehen, hörte widerspruchslos zu, redete er mit herrischen Bewegungen vag daneben, hatte man aus Versehen nach einem »Eigentlichen« gefragt. Er roch ja doch so vertraut und gut, mit den graublonden weichen Wellen draußen über der Stirn voll trotziger Löwenfalten, und man küßte ihn fieberhaft gern, obgleich er jähzornig schrie und einen viereckigen Daumen hatte; überhaupt lang nicht so mit allem in Ordnung war, wie etwa Butz, die Katze, und Iblis, das Reh. Aber das waren ja die wenigsten. Bei den andern ließ sich stets ein »noch« hinzudenken.
Was für ein »noch?« Sie grübelte: »noch schöner? Nein noch _nocher_, ganz einfach.«
Da war zum Beispiel das Matterhorn. Alle hatten im Sommer davor so überwältigt getan. -- War man aber schon ein Berg, hatte man doch eigentlich _noch_ steiler zu sein, _noch_ höher, mit _noch_ eckigerer Schulter, und mit einer solchen Eisnase hinaufzustoßen durchs Blaue, daß es in Sprünge zerkrachte wie ein Glasdach.
Die Dinge waren eben irgendwie faul und nie bis zu ihren eigenen Enden gegangen. Das hatte aber durchaus nicht immer etwas mit »groß sein« zu tun ... Butz und Iblis waren klein und doch bis in ihre Enden gekommen und ganz rundherum wunderbar, daß man nie satt an ihnen wurde vor Zärtlichkeit und Entzücken.
Das also war das »_Noch-nocher_«. Außerdem gab es das »Eigentliche«. Von dem aber mochte erst recht keiner was hören; auch ein paar Jahre später die Lehrer nicht. Versuchte man es zu begreifen, hieß es, man sei begriffstützig und halte die Fleißigen nur auf. Lange weigerte sie sich einzusehen, warum eine Flaumfeder und ein Bleistück im leeren Raum gleich schnell fallen sollten. Das Gerede mit dem Luftwiderstand war doch nur Nebenschein, tief drinnen aber lag ein Unbegreifliches. Überall lag ein Unbegreifliches tief drinnen: das »_Eigentliche_« eben. Wie im Ich und Nicht-Ich.
Auch magische Worte gab es, wie »Masse« und »Substanz.« Sie erregten einen oft so, daß man den Kopf in die Waschschüssel stecken mußte, führten aber doch nur zu Konflikten, bis man es gleich den andern Kindern weghatte, Lernen von Verstehen zu trennen, alles so glatt zu wissen wie die albernste Gans; es auch nicht mehr beanstandete, daß die Welt Dienstag und Samstag von zehn bis elf in »Naturgeschichte« Jahrmillionen zur Entwicklung brauchte, und auf ihr aus einem Schleimpatzen, einfach durch »Überleben des Passendsten« einmal etwas wie ein Elefant wurde, ein andermal etwas, das die Neunte Symphonie schrieb oder den Tristan, je nachdem; während wieder alles, einmal der Woche von drei bis vier, beim Religionsunterricht, in sechs Tagen gemacht worden war, von einer heftigen älteren Persönlichkeit ganz plötzlich und ohne jede ersichtliche Veranlassung.
Als Kind eines eingewanderten deutschen Patriziers fanden die Religionsstunden, im Gegensatz zu dem gemeinsamen katholischen Unterricht der Schule, privat bei dem evangelischen Pfarrer statt. Man landete dort wie auf einer Insel von Gespreiztheit und durchgesessenem Plüsch, ohne recht zu wissen warum, schon allein durch die Art, wie Mama devot, verschroben und leer »Hochwürden« sagte. Dann gab es Verse auswendig zu lernen:
Das Wort, sie sollen lassen stahn Und keinen Dank dazu haben. Er ist bei uns wohl auf dem Plan Mit seinem Geist und Gaben ...
Sie hatte das nie begriffen. Da nicht, aber auch niemals später. Doch wozu diesen Greis, der so schon einen Stockschnupfen mit rotgewürfeltem Taschentuch hatte und einem -- ließ man ihn in Ruhe -- automatisch »sehr gut« gab, durch Fragen entfesseln. Außerdem gehörte er ja zu den Leuten, die sterben. Schon als kleines Kind hatte sich diese Idee bei ihr festgesetzt: nur Leute, die zur Kirche gehen, sterben. So alte Weiber eben, die immer im Weihrauch lungern, mit Kerzen und Geplärr bei Leichenbegängnissen herumschlurfen. Ein gut und gradgebornes Wesen stirbt nicht. Wie könnte etwa Iblis, das Rehli sterben? Höchstens haaren. Dann bekam es eben ein noch glänzenderes Fell, und man grub das Gesicht noch lieber hinein, wenn man, die Arme um seinen Hals, mit ihm aus der Heukammer in den Garten sprang, bis unter die Fichtengruppe beim Neptunbassin, wo Iblis seine lackschwarze Nase in die Leberblümchen steckte, sie rupfte und fraß.
Und gar Butz! Wie könnte Butz je auch nur so wässrig aufdunsen oder knotig vertrocknen wie Begräbnisweiber? Sie warf sich flach auf den Boden und betete Butz an. Es war eine lichte und festliche Andacht: lebendige Adoration, steigender als Fieber, tiefer als Schlaf, mit der alle bewunderte Bewegung in den eigenen Körper herübergesogen wurde. Denn sie hatte entdeckt: war man auch ein ganz alleines Ich, vermochte man doch Dinge in sich hereinzulieben nach Wahl, denn da war eine Welt von außen nach innen und eine von innen heraus; durch den feinhäutigen, zartherzigen Kinderkörper osmosierten sie hindurch und man meinte, einmal müßten sie sich zueinander küssen.
Jetzt war Butz dran, hereingeliebt zu werden. Bald hatte der Kater den Schwanz um sich getan, saß mitten in ihm wie ein Turm mit Ringmauer, sah ganz oben aus zwei grünen Scheinwerfern in Lichtkegeln um sich; bald strich er, schmäler wie sein Schnurrbart, durch Türspalten, schwanzhoch, lässig und einsam. Oder man nahm ihn auf den Schoß, streichelte sich die Herrlichkeiten seines Lebens hinein.
Andern Tags ergab es sich dann richtig, daß man den deutschen Aufsatz total vergessen hatte mit seinen zwei Themen zur Wahl: »Hausmütterchen, der Sonnenstrahl im Elternhaus« oder »Kleopatra« (Richtlinie: schade, daß in einem so schönen Körper nicht eine ebenso schöne Seele wohnte) und auch in der Geschichtsstunde dem Faktum, daß durch Margarete Maultasch Tirol an das Erzhaus gefallen war, eher fremd, um nicht zu sagen lieblos, gegenüberstand.
Bald hieß es: »dieses ewige Herumschmieren mit den Tieren im Garten muß aufhören. Es lenkt zu sehr ab.« Schien ein System: bei allem Erhabenen, Hinreißenden, Holden, es verbieten unter der Devise: »es lenkt ab«.
»Unverstand in idealem Zusammenfluß mit Malevolenz,« wie sie ein paar Jahre später diese Bestrebungen innerlich zusammenfaßte. Zeigte man Freude an etwas, ward es zu Erpressungen ausgenutzt, seine Entziehung angedroht; verbarg man deshalb seine Neigungen, hieß es: »pfui, ein Kind und schon so blasiert.«
»Warum spielst du nicht mit dem schönen, teuren Spielzeug?« frug Mama. »Andre Kinder wären froh und dankbar ...«
Hinter diesem schönen, teuren Spielzeug aber lauerte endlos und heimtückisch das Aufräumen. Gar noch zum Schluß, wenn man jedes Stück schon so satt hatte. Butz und Iblis bekam man nie satt, und sie räumten sich selber auf. Oh, nur rasch groß sein, erwachsen sein, frei sein. Nicht mehr bis in seine Spiele hinein gezwungen werden, die verkappte Plage waren! Diese Großen aber sagten:
»Sei froh, daß du noch ein Kind bist, immer sorglos und glücklich.«