Die Kegelschnitte Gottes

Part 24

Chapter 243,494 wordsPublic domain

Da war er selbst -- -- hatte mit einem Blick die Situation erfaßt und seine Haltung ließ kaum einen Zweifel, daß er in gradliniger Betätigung zu blendenden Handgreiflichkeiten ohne Verzug überzugehen gewillt war. Sein Gesicht sah aus wie eine konzentrierte und höchst vermeidenswerte Tracht Prügel. Alles verebbte in Unschuld; treuherzig sah man einander in die Augen, und aggressive Zudringlichkeit flaute sichtbarlich ins Unterwürfige ab. Er staunte. Hier gedieh offenbar eine besondere Spielart europäischen Rüpeltums: das Knieweiche; immer feig bereit bei festem Zugriff als »Gemütlichkeit« wieder ins Verantwortungslose zu zerrinnen. Ein verwester Käse, den eine scharfe Klinge trifft.

Nun wuchs aus dem Plüschläufer plötzlich der Hoteldirektor heraus -- in kriechendem Salonrock und weißer Atlasbinde -- letztere immer neu aus dem alten Brautkleid seiner Frau geschnitten, und verteilte in falscher Hausväterlichkeit die Mittagsration Banalitäten von Tisch zu Tisch. Horus Elcho wisperte er so ungefragt als wichtig zu, die Herrschaften in der Ehrenecke seien ihre fürstliche Gnaden die Durchlaucht W. und ihre Gesellschaft -- der melierte Herr in der Pepitahose neben der Fürstin, Exzellenz Graf X., lenke die äußere Politik des Landes. Am Tisch der Durchlaucht meldete er wieder, die Fremden da, die Neuen, hätten chinesische Dienerschaft mit und kämen gar aus Indien. Die »Fesche« atmete herablassend auf:

»Na also -- a Murl is.«

In der Ehrenecke war man indes vom Französischen endgültig abgekommen, nachdem das Wort »Kokotte« wiederholt und deutlich gefallen. Offenbar sollte damit gemeint sein, was in Paris »_femme entretenue_« heißt. Nun wandte sich das mit Kose- und Eigennamen reichlich durchsetzte Gespräch irgendeinem alpinen Jagdunfall zu:

»Und wie er aus die Wänd scho beinah heraust war,« berichtete die melierte Exzellenz, »is a Steindl wie eine Erbsen oder wia Haselnuß von ganz oben kommen, das hat 'n am Kopf erwischt und aus war's.«

»Aber geh, Ferdi, plausch nicht,« tadelte die Durchlaucht und wiegte den winzigen Straußenkopf.

»A so a kleins Steindl kann do net an Menschen erschlagen!«

»Na, wanns von so hoch kommt.«

»Was is da für a Unterschied -- -- was sein das wieder für neumodische Sachen.«

Der Minister sammelte sich in seiner letzten Erkenntnis vom Theresianum her:

»Wann's von weit fallt, nachher wird's schwerer, a jed's mal,« fügte er, nachdenklich geworden, hinzu. Doch die andern drängten, daß man das wissenschaftliche Gebiet endlich verlasse, um zu leichteren Gesprächsthemen zurückzukehren.

»Hast scho g'hört -- -- der Rudi hat an H-Hahn g'schossen?«

»Ah geh, der Rudi hat an H-Hahn g'schossen -- jetzt außer der Zeit.«

»Ja, hast net g'hört, Mittwoch hat ern g'schossen.«

Horus stand auf, nach Wen-Kiün zu sehen, ob man ihr ungeschälten Reis gebracht und Fisch, wie er bestellt. Kaum war Gargi allein, als wieder ein Schnuppern begann, saloppes Zusammenrotten, um den Moment der Wehrlosigkeit einer Dame nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Jene »Fesche«, die Gargis Rasse mit so tiefer Einsicht vermerkt, stand eben auf, mit ihren Begleitern den Darm des Saales durch einen perforierten Appendix zu verlassen. Gedrängt -- gleichsam hingespült von allem Abschaum -- vielleicht auch nicht mehr ganz nüchtern, murmelte der gänzlich verfaulte Oberleutnant im Vorübergehen Gargi ins Gesicht:

»Sie gefollen mir aber schon garrrrr nicht.«

»Behalten Sie Ihre erotische Meinung für sich, nach der Sie nicht gefragt worden sind und entschuldigen Sie sich augenblicklich bei der Dame« -- Horus stand vor ihm. »Wird's ... drei Sekunden gebe ich Ihnen Zeit.«

Sollte er nicht doch lieber kneifen? Aber schon hatte es sich hinten an den Fremden herangeschlichen -- die gesamte _jeunesse dorée_ des Lokals -- und eine Traube von Ministerialbeamten hing plötzlich an seinen Armen -- hielt ihn von rückwärts fest. Nun riß der Krieger seinen Säbel heraus, schrie etwas von beleidigter Ehre, rief alle zu Zeugen auf und machte sich unter den anfeuernden Rufen von Damen und Herren daran, einen völlig Wehrlosen mit blanker Waffe zusammenzuhauen.

Leider wies es sich, daß eine lediglich an Ohrfeigen erzogene Jugend intelligenteren Formen der Brutalität gegenüber versagt. Durch eine ungeahnte Drehung aus Schulter und Hüfte des Gefesselten barst die trübe Traube, kollerte abgerebelt beerenweise auseinander. Ein Griff, und die Rechte des Oberleutnants lag krumm geschlossen auf dessen Rücken. Quer durch den ganzen Saal flog der Säbel -- gerade in den Spucknapf, wo er als zuständige Waffe zitternd stecken blieb. Und dann -- der Unterkörper seines Gegners lag in einem Leg-Lock festgeschraubt -- ganz langsam, ganz ruhig in dem Panzer seiner Wut, tastete sich Horus an diesem krummgeschlossenen rechten Arm entlang -- verschob ihn erst ein Weniges in den Gelenken und immer mehr -- -- Der Krieger winselte um Gnade, dann mit einem kurzen Ruck, brach er dem halb Ohnmächtigen den Knochen, knapp über dem Ellenbogen, ab. Überlegte: sollte er ihm zu mehr offensichtlicher Erinnerung das Nasenbein eintreiben? Aber das hatte ja bereits sein Vorleben klaglos besorgt. Ließ also die Arme sinken und wartete ruhig auf seine Verhaftung. Wußte: Notwehr hatte er weit überschritten und sich schwerer Körperverletzung schuldig gemacht. Gewiß verständigte schon der bestialische Herr mit den rotgestreiften Hosen die Polizei, denn er war -- kaum flog der Säbel in den Spucknapf -- zwei Spargel im Mund, in der Flaggengala seiner Serviette mit Linksgalopp zur Tür hinaus.

Doch nichts geschah. Und seltsam -- hub da nicht ein Wedeln an, als wäre es an ihm -- als lägen Gnaden in seiner Hand? Der Hofrat fand zuerst Worte:

»Bittsi, bittsi, Sie wern do nicht eine Anzeige machen.«

Und der Hoteldirektor meldete: Exzellenz Novotny von Eichensieg lasse auf ein paar Worte ins Nebenzimmer bitten.

»I hab von nix was g'sehn,« begrüßte ihn der Feldherr.

»Wie bitte?«

»No ich meine halt, Sie werden doch nicht einen verdienstvollen Offizier um seine Karriere bringen am End!«

»Davon kann keine Rede sein -- es ist ein einfacher Bruch und in sechs Wochen ohne Folgen geheilt.«

»Aber nein, aber nein« unterbrach die Exzellenz ungeduldig, »net wegn em Armbruch -- ich meine die Velöötzung -- sondern do weils ihn ihm brochen haben, wird er g'spritzt -- verabschiedet, vastehn S'!«

»Aber wenn nur Sie die Anzeig net machen täten -- mir ham nix g'sehn. Nacha geht sie sie no gut aus.«

»Und hätte ihr >verdienter Offizier< mich, den Waffenlosen, obendrein niedergemacht, weil er vorher meine Lieblingsfrau angeflegelt, wäre es dann, nach Ihrer Ansicht, auch noch >gut ausgegangen<?«

»Na hin wern S' halt gwest,« grinste die Exzellenz gemütlich.

Man darf doch die Beobachtungen der Alten nie leichtfertig ablehnen, dachte der Fremdling -- nach Aristoteles soll es Ochsen geben, die einen Knochen im Herzen haben.

Gäste waren nachgedrängt, besonders jene, an denen die stagnierenden Unarten der neuen Umwelt ausgerundet und wärmer belebt schienen. Mit abschnellenden Handgelenken schleuderten sie einander ihre Argumente wechselseitig ins Zwerchfell, nahmen dann plötzlich wieder den Nukleus der Sache, sozusagen als Kügelchen, auf die fünf geschlossenen Fingerspitzen wie eine erbeutete Laus, um dem Widersacher damit vor der Nase auf und ab zu wedeln. Ratlos sah er um sich:

»Ein Dackel, ein Pintsch, ein Mops -- gut! Sie beglücken mich als Typen nicht; doch gut und zugegeben. Aber diese Kreuzung hier aus Dackel, Mops und Pintsch -- nein, das geht nicht. Dachte: als ich im Recht war, wollten sie mich niedersäbeln helfen, da ich im Unrecht bin: jemanden schwer verletzt habe, flehen sie mich an, nicht nach der Polizei zu schicken; wie wenn ein bösartiger Irrer das alles gemacht hätte.« Am Schwersten war der Hofrat loszuwerden, witterte einen raren Fang für »_jours_«. Endlich an der Tür seines Appartements wandte sich Horus zum erstenmal direkt an den Betulichen:

»Ich wünschte Ihren Landsleuten so sehr Kolonien -- das ist, scheint mir -- was sie zuvörderst brauchen.«

Der Andre dalberte entzückt etwas von Gemütlichkeit, leichter Musik und alter Kultur verbreiten.

»Sie irren: ich meine, daß durch fortgesetzte Berührung mit Anmut, Anstand und Takt -- sagen wir der Botokuden, sich schließlich auch der Standard ihres Landes heben lassen müßte.«

Dann schloß er die Tür. Packte gar nicht erst aus. Zog um. In eine Pension.

»Lassen Sie wenigstens ab und zu die Leute mit Ihnen reden,« riet die Inhaberin, eine erfahrene Person, »wenn Sie schon fremdartig leben, ich weiß mir keine Rettung mehr, sonst besticht man das Personal, schleicht sich hinterrücks in ihre Zimmer und der Tratsch und Gierberg begräbt uns noch alle.«

»Haben denn die Leute hier ein so pauvres Dasein, daß sie nur durch schleimiges Abtasten fremder Erlebnisse sich befriedigen können? Entrüstete Neugier als Brunstersatz brauchen?«

»Ja,« sagte die erfahrene Person.

»Und zu tun haben sie sonst gar nichts?«

»Nein,« sagte die erfahrene Person.

Die Weiber erwürgten langsam ihre Tage mit fortwährendem Lauern: auf das neue Modeheft -- die Manicure -- die Sommerreise, allem zum Grund: ein vag erotisches Lauern. Schon am Morgen begann es mit Rudeln von Schlafröcken um den Fernsprecher im Korridor, bis die junge Frau »in Scheidung«, -- sie trat jeden Tag ein Kind per Telephon ab, -- mit ihrem Advokaten fertig war; ihm für den Prozeß alle Arten unnatürlichen Verkehrs geschildert hatte, zu denen ihr Mann sie angeblich gezwungen. Der am andern Ende des Drahtes schien als Frager emsig und gewissenhaft, doch nicht eben leicht zu befriedigen.

Dann kam für die übrigen das Lauern auf die Börsenkurse. Ließen sich mit Stellen verbinden, die sie neckisch oder betörend »Herr Spitzer« oder »Herr Neustein« anredeten, girrend nach Tips für »Prager Eisen«, »Rima«, »vereinigten Gummi«. Alles in merkwürdig breiigen Kretinlauten; galt es doch in dieser Stadt offenbar für unweiblich, einen korrekten Satz zu sprechen, die Männer fanden das gespreizt, witterten für sich Unbequemlichkeiten, winkten ab.

Nun erschien meist das Stubenmädchen im Korridor, um sich laut zu beschweren: Nacht für Nacht müsse sie bis ein Uhr wachbleiben, um dem Fräulein von Nummer acht, der sozialdemokratischen Führerin, noch die Bluse hinten aufzuhaken, wenn sie aus den Versammlungen in Ottakring nach Hause käme. Jetzt gehe sie zur Direktrice kündigen.

Mit den frühen Nachmittagsstunden begann jenes Lauern, das die Frauen »Ordination« nannten oder »den Professor konsultieren«. Es bestand offenbar darin, daß ein indifferenter Mann, durch Entgegennahme von Geldeswert bewogen wurde, ihre intimsten Teile täglich längere Zeit hindurch -- wenn auch ohne sonderliche Freude -- eingehend zu betrachten, und dort womöglich operationsreife Geschwülste oder krankhafte Entartungen zu konstatieren. War dieses Ziel erreicht, wisperten die Arrivierten, glitzernd aufgeregt, nur mehr über ihren Unterleib, der von nun an auch in der Konversation den breitesten Raum einnahm. Gebrauchten schleierlose medizinische Ausdrücke: Uterusbespiegelung -- Auskratzung -- Eierstockzisten gleich Aphrodisien. Durfte man ihrem Gehaben trauen, war so ein Operationstisch das reine Lotterbett.

»Ich bin es meiner Gesundheit schuldig,« eiferten sie, wollte der Mann das viele Geld nicht hergeben. Daliegen und mit Instrumenten an sich herumstochern lassen, galt für Pflege; sonst hatten sie nur eine nachweisbare Tätigkeit: Zu- und Abnehmen.

»Fünf Kilo hab ich schon abgenommen, seit Sie da sind,« sagte die Dame mit der Auskratzung und machte Märchenaugen, »mir scheint, Sie sind ja für Magere.«

»Doch nicht für Abgemagerte.« Dann höflich belehrend: »Eine Frau darf nach dem fünfzehnten Lebensjahr ihr Gewicht nie mehr verändern, sonst ist durch Spannung oder Schlaffung ihre Oberfläche nicht mehr kindlich zart genug, feinste Entzückungen zu geben und zu empfangen. Muß doch, wo immer man eine Frau hinküßt, ein winziger Muskel den Kuß erwidern können.«

Von da ab galt er für eine Art ästhetischen Ogers, hatte aber Ruhe vor den Weibern.

Manchmal erlustigte er sich zu staunen, wie dies alles schon mit differenzierten Organen protze. Ließen sie sich denn wirklich nicht mehr beliebig durchschneiden wie niedre Lebewesen? Gerannen nicht doch wieder irgendwie zu einer amorphen Masse, die »Fritschi« oder »Lentscherl« hieß?

Nach der Ordination wurde von vier bis sechs »_bridge_« gespielt, dann ging man in eine Schubertposse mit Gesang oder den Tristan.

Dieser unaufhörliche Musikbetrieb gab ihm zu denken.

»Der Blinde hört gut,« fiel ihm ein. An Stelle des verkümmerten Sehens scheinen die mehresten Menschen eben mit etwas musikalischem Schwachsinn behaftet. Auch ist ja insofern Musik die bequemste Kunst, als in ihr Reproduktion bereits die Illusion selbständiger Schöpfung gibt. Schließlich gilt es schon beinahe als eine Art Leistung, in einem Konzert gewesen zu sein. Er dachte: schlappschenklig sitzen, dösend rezipieren, ohne daß die dicken Augenlider dabei aufgehen müssen oder sonst etwas, das ist bei übriger Denkfäule und Stagnation noch eben möglich. Hatte aber etwa ein Fremder hier noch nicht jedes Musikwerk und in jeglicher Bearbeitung gehört, wich man vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen, kam sich maßlos überlegen vor.

»Daß Sie irgendwelcher Rezeption -- man könnte auch fragen: warum gerade dieser -- solche Bedeutung beilegen mögen?« Erkundigte er sich erstaunt.

»Mir scheint bei Schätzung von Menschen wichtig, wie eigenartige, irgendwie wertvolle oder erfreuliche Gesamtexemplare sie sind. Wie großer Schwingungen, welcher Erregung oder Bewegbarkeit fähig, welcher Verläßlichkeit und Verständnisfülle, welcher Intensität in ihren Leistungen, welcher Hingabe an irgend ein Werk, eine übernommene Verpflichtung.«

»Sie reden ja wie ein Preuß',« hieß es dann hämisch, und man nahm die hier zu allem übliche, zerwitzelnde, breiig zynische Haltung an. Denn nichts haßten sie so sehr wie Größe. Und immer waren sie geistreich: Merkmal schlechter Rasse. Ein Pack Ansichten und Erfahrungen höchst gemischter Pedigree, noch nicht zu einer Persönlichkeit einmalig und eindeutig verknüpfbar, lag wie Kraut und Rüben in ihnen, konnte aber, weil nicht organisch verwachsen, durch kaleidoskopartig wechselnde Anordnung in verblüffender Reihenfolge etwas wie Witz vortäuschen; ranziger Ironie voll, doch ohne Leuchtkraft im Ernst. Relativ Erfreuliches war nie aus unbeugsamem Geschmack, bestenfalls aus beugsamem Ungeschmack heraus, entstanden.

Der kleine Dr. Eskenasi nahm ihm den letzten Glauben.

»Musikstadt?« Er schwenkte die melancholischen Augen in dem langen Emmanuel-Kant-Köpfchen her und hin, dann, die winzigen, schlaffvenigen Hände ineinandergepreßt, um sie am Dreinreden zu verhindern, noch einmal:

»Musikstadt! Lesen Sie doch nur die einschlägigen Biographien. Immer das gleiche: erst Massengrab, dann Ehrengrab. Mozart hineingeschmissen -- Fidelio ausgepfiffen -- Wagner zergrinst -- den alten Bruckner bis aufs Blut gequält -- Hugo Wolf hungern lassen -- Mahler vertrieben. Jedes Urteil eine Blamage: zweiunddreißig -- vierundsechzig -- hundertzwanzig Weltblamagen. Von der Wiener Musikzeitschrift 1787 und Sarti angefangen, der über Mozart schrieb: »Die Musik müßte zugrunde gehen, wenn Barbaren von Mozarts Art sich einfallen ließen, komponieren zu wollen,« an Hanslicks Definition des Rheingold als: >Hurenaquarium< vorbei, bis in die neueste Zeit. In der Allerneuesten möchten sie zwar auch noch, trauen sich aber nicht mehr so recht, feiern dafür Kuschorgien. Wedeln erst einmal zur Sicherheit jeden Kitsch an.«

Der Kleine litt an Kitschpsychose. Sonne, Frühling, Blumen, Melodien: alles was ihm wirklich gefiel, hatte er im Verdacht und wandte sich schaudernd ab. Mied auch das elterliche Palais, wartete noch auf Endgültiges, lebte bis dahin in der Pension, gleich seiner Schwester, jener sozialen Vorkämpferin mit den hinten und unzeitgemäß zu erschließenden Blusen. Doch verkehrten die Geschwister kaum, schämten sich einer des andern noch mehr als ihres Vaters, der, dem innersten Ring der Bank- und Börsenhaie zugehörig, dafür bekannt war, selbst dort die schmutzigsten, größten und anrüchigsten Brocken anstandslos zu schnappen. Beide Kinder gaben sein Geld unter Märtyrerallüren für einen Marstall von Steckenpferden aus. Betrachteten das wie eine Art Aufgabe, als solche auch zu werten und zu würdigen, nur daß einer des andern Methode übel fand. Er ertrug ihre vergröbernden Versammlungsgesten nicht -- die schrille Stimme. Nannte sie: »Pöbelsklavin«. Sie ihn einen »aus der Zwiebel gezogenen Narziß.«

Er sagte: »Cäsarenwahn des Mob züchtet ihr, statt ihm zu sagen: anders werden, zuerst und vor allem um Gottes willen anders werden, dazu wollen wir euch helfen, aber da flögt ihr schön aus euren Mandaten heraus,« und er zitierte:

»In diesen Zeiten war die Menschheit irre geworden durch Leute, mit denen ich nicht rechten will. Sie stellten sich der Masse gleich, um sie zu beherrschen, sie begünstigten das Gemeine als ihnen selbst gemäß, und alles Höhere ward als anmaßend verrufen.« -- »Jeder ein Kretin oder ein Schuft, der anderer Ansicht ist als ihr.«

»Wir sind eben der Fortschritt,« sagte sie, »somit richtet sich jeder selbst, der nicht für den Marxismus ist.«

»Du vergißt, das hebräische Wort: »Fortschritt« wirkt nicht auf jeden wie ein Fetisch.«

»Snob,« sagte sie und verlor jede Selbstbeherrschung, »verächtlicher Snob.«

Horus nahm ihn in Schutz:

»Die andern hier sind noch nicht einmal das: ich würde sogar Kurse für _snobs_ einführen. Erst scheinen wollen, was man nicht ist: ein Weg vielleicht, dereinst zu sein, was man scheint.«

»Ach was: Schein, -- Sein, alles erst einmal in die große Arbeitsarmee eingereiht, dann hören sich diese Faxen von selbst auf,« rief sie grob.

Er sah ihr mit solch warmem Wohlwollen in die Augen, nicht ohne Respekt und voll Humor. Sie konnte nicht widerstehen, wollte die Worte zu diesem Gesicht wissen:

»Legen Sie los, Sonnenprinz.«

»Arbeit? Was ist Arbeit? Der chinesische Weise Schun saß die größte Zeit seines Lebens unbeweglich nach Süden gewandt und lächelte. Da blieben die Jahreszeiten in ihren Grenzen, alle Gatten liebten einander, der Sohn des Himmels wurde erleuchtet und -- alle Beamteten pflichttreu und unbestechlich.«

Wäre dieser kleine Doktor Eskenasi nur nicht so maßlos feig gewesen. Seinem Lebensüberdruß hielt panischer Schreck vor dem Tod die Wage. Die Jahre waren ihm pausenlose, fressende Angst, das Sonnensystem geriete auf seinem Flug durch unbekannte Welträume doch einmal unversehens in eine riesige Wasserstoffblase und dadurch in Brand. Jedes Wissensgebiet erschloß immer neue Gefahren. Endlich hatte er sich ganz auf die Malerei, als relativ unbedrohlich, zurückgezogen, fühlte sich: der zweidimensional Organisierte, hier unter Blinden, die gut hörten, schon als König; stieg manchmal sogar in die dritte Dimension auf und sagte dann: Palladiesk oder Brunellescesk. Angst, die ihn nie ganz verließ, nahm in der Kunst die Form der Kitschpsychose an, um manchmal an ganz unvorgesehener Stelle auszuschwären.

»Wäre der Durchschnitt: was man so in Kaffeehäusern und Gesellschaften trifft, wie dieser Herr von Goethe, den ich jetzt lese, ließe sichs in Europa leben,« bemerkte Horus eines Tages, von der Farbenlehre aufsehend.

Eskenasi hob angeekelte Hände der Abwehr. War er beleidigt? Versöhnend frug Horus dem Kleinen in die Augen:

»Wäre das denn wirklich so viel verlangt? Ich meine natürlich als menschliche Persönlichkeit, von dichterischer Spezialbegabung abgesehen: ein heller älterer Herr von durabler Einsicht, weil das Auge ihr geleuchtet, mit gepflegten Umgangsformen, allem Wertvollen offen, leider mathematisch und musikalisch wenig begabt. Alles in allem: ein Vollsinniger. Einer, der Raum und Zeit hatte, ein ganzer Mensch zu sein, daher vielleicht das Aufsehen hier.«

Eskenasi drängte offensichtlich vom Thema Goethe ab:

»Die Wirtschaft kann sich das heute nicht mehr leisten, oder wie ein sehr Kluger jüngst schrieb: »An einem ganzen Menschen hätte sie zuviel Lagerverlust.«

»Ach so, ich verstehe: ein linker Hirnlappen, ein Paar Pratzen, jedes für sich, fügt sich besser, weil pausenlos, dem Betrieb ein. Bleibt die Frage: ist das Leben für die Wirtschaft oder die Wirtschaft für das Leben da? Mich amüsierte immer, wenn in Deutschland solch linker Hirnlappen, war er zumal technisch verkollert, sich glühend wünschte, ein Großer früherer Zeiten, am liebsten Goethe, weil er den für einen Monisten hält, kehrte wieder, er aber sei ihm Führer, vergönne dem alten Herrn den Anblick, wie herrlich weit man's gebracht. Wie er dann schon beim Aussteigen am Gleisdreieck zu Berlin anfinge, den Faust umzuarbeiten, ihn gleich im ersten Teil Wasserbauingenieur werden ließe, statt erst am Schluß des zweiten.«

»Bitte nichts vom Faust,« wehrte Eskenasi ab, mit einem Gesicht, ganz wie Samossy, das arme geniale Roßwesen, bei Schillers Namen.

»Dieser Schluß« -- er wand sich vor Ekel -- »wie ein schlechtes Barocktriptychon komponiert: rechts und links als bewegliche Flügel die süßlich gedrehten, himmelnden Patres, erträglich nur der quere Durstrahl durch das Ganze: neige Du Ohnegleiche ... gnädig meinem _Glück_.«

»Glück ist gut -- wenigstens dort >lustig im Fleck<, wie wir Maler sagen.«

»Aber die fürchterlichen Putten ringsum: >fröhlich im Ringverein<. Diese Engelriege, wie vom Turnvater Jahn einstudiert ... bitte, lassen wir das. Dazu ist mir der Barock zu heilig, ja ich habe in letzter Zeit Grund anzunehmen, daß sich in ihm das überhaupt Höchste, vielleicht das Endgültige manifestiert habe.«

Er schwieg geheimnisvoll. Verkündete dann ein paar Tage später seine Abreise nach Spanien.

Und nach einer Pause, da niemand frug:

»Ja, es sei für immer. Er übersiedle. Und zwar nach St. Esteban de Molar, dem Geburtsort des Gecco Pintaccio. Schon begännen die wenigen über Europa verstreuten Eingeweihten ihren Pilgerzug vor das Jugendwerk des Erleuchteten: den kleinen Fresko im Ziegenstall hinter des Meisters Wohnhäuschen. All das gehöre seltsamerweise einem Amerikaner: Mr. Payne. Nur durch Vermittlung und Protektion des begeisterten Gecco Pintaccio Entdeckers und Apostels Dr. Hafis sei es ihm, Eskenasi, dennoch gelungen, das Häuschen auf vorläufig ein Jahr zu mieten, allerdings zum Preis seiner Hitzinger Villa, doch mit dem Recht, die Stunde von neun bis zehn ganz allein im Ziegenstall verbringen zu dürfen, dann erst beginne die öffentliche Besichtigung. Gleich gehobener Stimmung wie er, sah die Schwester einem neuen Aufenthalt entgegen: dem Landesgericht; hatte es endlich erreicht, ernst genommen und wegen Aufwiegelung zu zwei Monaten Arrest verurteilt zu werden. Nämlichen Tags verschwanden beide. Der Exclusive jedoch nicht allein. Er nahm zur Weihestätte die Vally Feschak von der _quo vadis_-Bar, Tochter der Abortfrau und Typ des Speisenträgers aus dem Stadthotel mit. So war er für Horus gerichtet, denn im feineren Menschen decken sich ästhetisches und sexuelles Ideal. Same und Seele erstrahlen von dem gleichen Eros.

Doch warum zögerte er selbst noch hier: gerade mitten im Verköterungsherd Europas? Wartete. Gerade am Ort geringster Wahrscheinlichkeit erwartete er, treu einem ernsten, süßen und sehr geheimnisvollen Gesetz, dem Folgsamen hold. Und im Erfühlen dieses Gesetzes wußte er sich verstanden und gestützt.

Auch aus Gargis Einschlafen hatte es unlängst glücklich, wie in eine wachsende Nähe hineingeflüstert:

»Dann nehmen wir den >Elf von einem großen Stern< nach Haus und führen ihn in unsere samtenen Wände.«

Oft ging er, die Ringstraße: diesen Kranz übel gegründeter Erhebungen, von dem Tempel mit jonischen Säulen als Rauchfängen, bis zur Gotik für Gemeinderäte, ängstlich meidend, auf den stillen Josephsplatz, vor des Fischer von Erlach Bibliothek. Wie ihm schien, einem der schönsten Profanbauten der weißen Welt.