Die Kegelschnitte Gottes

Part 23

Chapter 233,433 wordsPublic domain

Hazel hatte erklärt, dies spreche am reinsten zu Herz und Seele des niedren Volkes und ziehe es aus stumpfer Verworfenheit ans Licht. Damen der ersten Gesellschaft seien bei der Heilsarmee, und nun ginge sie definitiv anders gekleidet als Gwen. Hier geschah es also eines Blusenschnittes wegen. Kompliziert aber harmlos.

Sonntagnachmittag beim _high tea_ in Wroxton Abbey warf Sir Osmond einen chokierten Blick aus der »_Morning post_«:

»Furchtbar die Enthüllungen im Parlament über Deutsch-Ostafrika. Diese Greuel an wehrlosen Eingeborenen.«

Man sah einander voll Unwillen tief und edel in die Augen.

»Sind denn Kupferminen gefunden worden?« --

Dr. Hafis, der einzige Deutsche, betrachtete interessiert seine Nägel. »Oder Silber? Richtig, _beg your pardon_, Kupfer, das war ja bei den Kongogreueln.«

»_I do not quite grasp_ ... ich verstehe nicht ganz.« Sir Osmond versteifte sich rosenfarben. Hafis gähnte ein wenig.

»Nun, ich meine das seit fünf Jahrhunderten Übliche: gehört das Land mit dem Kupfer noch Eingebornen, dann erwacht das christlich-angelsächsische Gewissen, und ihr schickt so lange Missionare hin, um ihre Seelen zu retten, bis die armen _natives_ sich schließlich Luft machen; laßt auf diese Art die Greuel an den Missionaren begehen und steckt, um die Missionare zu schützen, das Land mit dem Kupfer ein. Oder das Land mit dem Kupfer ist schon früher von andern Weißen gestohlen worden, dann laßt ihr wieder von diesen Andern die Greuel an den Eingebornen begehen und steckt diesmal das Land mit dem Kupfer aus Gewissenhaftigkeit ein, um die Eingeborenen zu schützen. Als es aber Gold war, da mußten dreißigtausend wehrlose Burenfrauen und Kinder dran glauben -- an euer Gewissen.«

»In Südafrika ist auch die Blüte Englands gefallen.«

»Ohne jedoch die rechtmäßigen Besitzer des Landes besiegen zu können. Da machtet ihr sie mürbe, indem ihr die Frauen und Kinder von den Farmen fingt, in verseuchte Konzentrationslager pferchtet und die Totenlisten jeden Tag den Gegnern in die Schützengräben schicktet. Nach dem dreißigsten Tausend gaben's dann die Buren auf, gegen ein so mächtiges Gewissen anzukämpfen.«

Mit allen war jetzt eine wunderbare Wandlung vorgegangen. Sir Osmond sah direkt verklärt aus:

»Wir hatten eben die moralische und religiöse Pflicht, uns der verlassenen Frauen und Kinder auf den Farmen anzunehmen. Dort mit der schwarzen Dienerschaft allein, wie leicht hätten Ungehörigkeiten -- ja unsittliche Attentate vorkommen können. Darum wollte sie die englische Regierung in ihrem eignen Schutz wissen.«

»Und das gründlich -- im Grab.«

Dann aber gab Hafis es auf. Da war nicht anzukommen gegen die Pathologie tugendsamer Litanei ringsum. Alle glichen mit Eins dem Schwarzrockigen am Morgen. Auch Sir Osmonds anständiges _matter of fact_ Gesicht hatte den gleichen, unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, außen öliger Verschrobenheit angenommen. Diese Leute waren unbesiegbar durch eine Art, statt rein und gradaus zu lügen, die Wahrheit aus ihrem ursprünglichen Bett unmerklich in Nebenkanäle abzulenken und so versickern zu lassen.

Die kurze Verzauberung war bereits abgefallen. Auf der Rückfahrt nach London, vorbei an den Kilometern von Lebertran- und Liverpill-Annoncen, die an Pfählen aus dem Grasigen stachen, sah er schon wieder. Auch die seelische Hartleibigkeit dieser Rasse. Ging durch die männlichen Stadtteile, deren Läden Hosenträger beherrschen und der klägliche Kragenknopf: alles dem üblen Mittelstadium der Bekleidung Dienende, sah, wie hölzern die hellbehaarten Hände dieser Männer waren, wie schwer die Kiefer mit stumpfen Zungen. Gut gepflegt wuchs ihr Gebein, abseits vom Geist. Schienen zu riesigen, über die Welt reichenden Verbänden: _football_, _cricket_, _hockey_ geschlossen, mit dem fanatischen Ziel, ausschließlich das falsche Körperende zu entwickeln.

Durch die weiblichen Stadtteile, voll allen Narrenkrams der Welt, liefen Streifen wahrer Eleganz, schmal wie _bondstreet_. Auf ihnen sah er Damen den Autos entsteigen, schon auf dem Trittbrett, beim ersten Schritt, die Maschen ihrer Seidenstrümpfe zu weißen Leitern reißen, und wie sie gingen, neue kaufen, erneuend ihren mühevollen Liebreiz ohne Rast, in edlem Irrsinn. Sah auch, wie schmal der Streifen ihrer Anmut war. Gipsabgüsse der Vornehmheit auch sie, nicht genial variabel aus innersten Sicherungen heraus. Damen, mehr durch ihr Lassen, als ihr Tun. Feine Röhren weißen Zimtes, duftend ohne Saft. Die breiten Klassen, stolz darauf, urteilslos zu sein, waren ja reich genug, sich nur Weltgültiges kommen zu lassen. Da gab's keine Blamage. Indische Dichter als Nobelpreisträger, alles, was große goldne Medaillen hatte: Gelehrte, Meisterboxer, Poloponies. Applaudierten frenetisch fremdartigen Wellenzügen rings um das harte Ohr, wenn sie berühmten Dirigenten unter den beschwörenden Armen aufrauschten. Vor diesem tauben Gejubel konnte Hafis in uferlose Wut geraten, zitierte dann mit Vorliebe Carlyle, der gesagt haben sollte, wie im großen ganzen das englische Publikum mit seiner ansteckenden Begeisterung ihn an nichts so sehr erinnere, wie an die Cadaraner Säue:

»Zuerst wühlen und grunzen sie ruhig und suchen nach Erdnüssen oder andrer Nahrung zu Unterhalt und Sättigung. Dann fährt plötzlich der Teufel in sie, werden unruhig, jagen davon und stürzen in einen Abgrund von Raserei, Verwirrung und bodenloser Verstörtheit.« --

Nein, für ihren alten Reichtum waren sie nicht kultiviert genug. Nichts von überwältigender Vollendung. Kein Edelsitz, trotz seiner gehäuften Werte, den ein unbeugsamer Geschmack, glühend bis ins Letzte, ans Licht getrieben. Und doch erschien ihm die Anglomanie als eine Pubertätserscheinung des besseren Continentalen begreiflich. Haderte er von nun ab mit der weißen Rasse, immer wieder wurde sie unmerklich zu diesen hier, denn nur sie waren annähernd weiß und rassig, nur in ihnen war Europäertum zu etwas wie Gestalt geworden, etwas, woran man sich wenigstens halten konnte, war es einem nicht recht.

Auf dem Horst dieser Kalkklippen hatte sich immerhin ein Typus gebildet oder -- erhalten, und waren seine Schwingen auch unbegreiflich hölzern, leblos und unbefiedert, hoben sie doch auf ihrer Kraft wie von selbst sogar die unbeträchtliche Persönlichkeit hoch über die eigene Grenze hinaus, wie aus seinem Gestrüpp dem Zaunkönig auf einem tragenden Adler der Aufflug in die Himmel gelingt.

Ende September traf in Wroxton Abbey ein schiefes Gekritzel ein: Samossy meldete der Eltern Tod, erbat sich Horus Elcho zum Trauzeugen. Nannte das Datum. Kein Name. Kein Wort weiter.

* * * * *

Er kam am Abend vor der Hochzeit an. Stieg wieder endlos die idiotisch konstruierte Treppe zur alten Wohnung hinauf. Fand sie halb ausgeräumt. Ein Bett auf Bücherkisten improvisiert. Ein Lavoir voller Kragenknöpfe, die eiserne Kasse offen und mit Schmutzwäsche angestopft. Am Schreibtisch, dem einzigen restlichen Möbel, Oskar Samossy selbst. Rings im Kranz standen, wie Spielzeughunde, Schemel voll Schriften und an Leinen, um nach Bedarf herangeschlittelt zu werden.

In der Luft eine wilde Stille. Hindurch schnitt der großeckige Arm. Dann, ohne aufzusehen, in einem neuen tieferen entgifteten Ton:

»Bis zur dreimillionsten Primzahl hat es gestimmt. Nach der Dreimillionundersten nicht mehr.«

Der Angeredete verbeugte sich in seiner Stimme: ohne Mitgefühl oder jovialen Protest.

»Ihr Gesetz wurde empirisch gefunden -- seine Allgemeingültigkeit haben Sie selbst ja nie behauptet. Die neue Grenze innerhalb der es Geltung hat, präzisiert nur, mindert nicht seinen Wert. Wer hat es übrigens über die dreimillionste Primzahl hinaus verfolgt?«

»Ich selbst. Immer suchte ich nach einer deduktiven Fassung. Seine schäbige Empirie ließ mir nie Ruhe. Nun erfuhr ich, dieser Arbeit sei -- als erster -- der Preis aus der neuen >Samossy<-Stiftung zugedacht -- Vater hat nämlich meinen Bruder und mich auf den Pflichtteil gesetzt, den Stamm seines Vermögens aus schwachsinniger Eitelkeit der Akademie der Wissenschaft vermacht, damit eine Schenkung seinen Namen trage, -- uns bleibt fast nur das Haus. Da packte mich wieder das Mißtrauen. Ich prüfte über die dreimillionste Primzahl hinaus und habe das vernichtende Resultat sofort rechtzeitig publiziert.«

Nun verneigte sich der Hörer auch im Körper:

»Und wer wird jetzt der erste Preisträger sein?«

»Dallmeyer für seine >Periodizität im Organischen<. Er hat Margrinchen Mehmke geheiratet. Ist jetzt korrespondierendes Mitglied der Akademie.«

Die neue Stimme blieb tief und entgiftet.

»Es macht nichts -- nichts macht mehr etwas. Ich habe zeither ein neues Gesetz gefunden: das Endgültige. Aus ihm aber folgt ...«

Und nun verließ er jene vage und lückenhafte Sprache, die zum Feilschen, Rechtsprechen, Dichten ausreicht, begann in der geheimen Zauberzunge aus Phantastik und Präzision zu reden, »in der das Buch der Natur abgefaßt ist«.

Nach Stunden kehrten sie wieder. Noch durchwellt von dem pausenlosen Blitz höchster Anspannung, trug Horus in sich belichtet alle Verzweigungen dieses Geisterbaus an den Grenzen des Faßbaren. Einen Augenblick lang schien ihm daneben alle Kunst, Musik -- selbst das Schreiben der Neunten Symphonie hübsche, doch recht unerhebliche Beschäftigung. So entrückt lag er in der klaren Brunst des Geistes.

Schwieg lange. Schwieg sich wieder zurück zur Welt: der empfundenen Zahl: der tönenden, strahlenden, geschmeckten, allumarmten Zahl. Sagte in der Leutesprache:

»So ist durch Sie Minkovskys berühmtes Wort erfüllt: >Die Geringachtung der reinen Zahlentheorie wird aufhören, wenn man erkannt haben wird, daß zum Beispiel chemische Eigenschaften mit Teilbarkeitseigenschaften ganzer Zahlen zusammenhängen: der Schmelzpunkt eines Körpers von Zahlenwerten abhängt.< Dank Ihnen ordnet sich uns das dreifache Reich der wirren Dinge nach unerhört kühner Einsicht neu: je nachdem der >spielende Gott< aus seinem Würfelbecher >grad< oder >ungrad< wirft, wird eine andre Natur.«

Samossy lächelte:

»Die Ägypter meinten, die Genien der Welt wären mit Hilfe der magischen Zahlen des Pythagoras imstande, einander anzuziehen: durch mannigfaltige Kategorien von Weltketten. Vielleicht ist mein Primzahlengesetz solch eine Weltkette aus magischen Zahlkonstellationen.«

Sie sprachen und schwiegen. Die Stimmung dieser ganzen Nacht war von einer außerordentlichen und zarten Schönheit, die auf der Brücke gegenseitiger Ehrerbietung hin und wieder ging, geweiht mit vollkommener Weihung.

Das Fletschende des durchgegangenen Kleppers: »aller Starrsinnigkeit Freund, glasaugig und rauh um die Ohren«, das war alles von Samossy wie abgefallen ... Des Plato edles Roß: die erinnernd sich neubefiedernde Seele allein stieg und stieg, auf dem Rücken der Himmel stehend und zu dem wahrhaft Seienden das Haupt emporgerichtet.

Dann schloß Samossy einen Augenblick die Lider, lehnte sich vor und bat, die Stirn entspannt in ungewohnter Milde:

»Erzählen Sie mir von dem Kristallei, in dem Sie ausgebrütet wurden.«

Und Horus erzählte: vom Haus der Elchos. Von Menschen, Tieren und Liebe ... Und zum Dank für diese Nacht manches von Erasmussens letzten Arbeiten. Sollte er ihm auch von dem Führer sprechen, der nicht stets im Fleische war? Von dem Aschenauge, unter dessen Blick sein Wesen rhythmisch wechselnd eintreten durfte in immer neue schwingende Zahlen? Ihm andeuten, was es hieß, im Leib dieses Schwingenden sein und durch die Farben gehen? Doch nein, da war eine Grenze.

Das Licht wurde fad. Jene Schemel voller Schriften ringsum, die Spielzeughunden glichen, ließen auf einmal in der Dämmerung ihre Leinen hangen, wie über etwas ertappt.

Morgen. Wirklich am selben Morgen noch würde sich dieser Hirnstern in eine so schmutzige, unwürdige Hand gefangen geben. War diesem Gelehrten nirgends gelehrt worden, auf eine edle und mannigfaltige Weise nicht nur zu denken, auch zu lieben? Ja, ein Hirnstern. An dem hing nun der übrige Geschmackskrüppel: der Sinnenkrüppel.

Nur das Gehirn war ihm davongewachsen.

Er selbst blieb zurück, eingeschrumpft, eingegeilt zum Fetischisten, den Seim des Glücks an einziger armer Ekelstelle suchend, mit kläglich verknotetem Gesicht, voll Scham, Sucht und Wut, statt mit des mächtigen Eros ewigem Antlitz.

Zögernd stand der Gast auf.

»Bleibt es dabei -- heute?«

»Ja, ja, um zehn.«

Das Wiehern in der Fistel kam Samossy wie ein Schluchzen wieder. Dann hämisch geheimnisvoll und jetzt so unsäglich deplacirt:

»Man muß vom Weibe loskommen.«

Gleich darauf mit ruhigen Augen:

»Aber mein Primzahlengesetz ist gefunden.«

»Soll ich Sie abholen? Treffen wir uns hier oben?«

»Nein -- nein -- gleich unten im Hof.«

Um zehn Uhr kam er vorgefahren. Sah es sich aufregen, gegen den Hof laufen, dort eine Linse bilden. Auf dem Pflaster lag Samossy zerschmettert. Der Hirnstern freiwillig aus seiner Schale geschlagen zu einem Brei aus Blut und Kot. Das Gesicht, weißäugig, glich auf einmal jenem zu Schiefgalopp gepeitschten Gaul in Marseille: dem armen geschändeten Gott.

Ringsum mißbilligte man die Tat. Mit untrüglichem Instinkt nahm das Volk gegen die Größe Partei. Lüsterne drängten, der Braut zu telephonieren: in die Villa vor der Stadt oder aufs Standesamt? Die Portiersgattin wiegte den grimmen Birnenbauch:

»Soa stattliche Person, ihre ganzen guten Jahr bei dem großkopfatn Narr'n falirn und jetzt war dös for nix gwen. A soa ganz Ausgschamter.«

Der Wasserkopf am Schürzenband hatte die bläulichen, hingespritzten Hirnstückchen an der Mauer bemerkt, nahm von dem trübe zittrigen Schleim, begann ihn sich an den eignen Schädel zu schmieren, der blaß war und weich wie ein Froschbauch.

Das Weib schrie auf:

»A soa Sauhaufen.«

»Und wer muß' wegputzen? I.«

* * * * *

Es war in Wien.

Gleich nach der Ankunft sollte Gargi ihren Gatten im Restaurant des Hotels erwarten, das als mittägiger Treffpunkt angesehener Persönlichkeiten aus Beamtentum und Adel galt; letzterer pflegte auch hier abzusteigen. Es ergab sich, daß statt der Waschvorrichtungen in jedem Zimmer Weihwasserkessel eingebaut waren.

Der Speisesaal, ein weißlich-grauer, stellenweise geplatzter Darm aus Stuck, in dem vergoldete Putten mit durchgewetzten Nasen, staubiges Barockobst und andern trübseligen Kram gestreckten Armes von sich abzuhalten suchten, schien mäßig voll.

Als Gargi ungemein und fremd -- in der fernen Tadellosigkeit ihrer Bondstreet- und Darjeeling-Atmosphäre an der Tür erschien, brach alles jäh ab: Schmatzen, lautes Verhandeln mit den Kellnern. -- Man starrte, vagen Hohnes voll, aber noch unsicher. Da stand eine Stimme laut und vernehmlich in der Stille auf: »Wo is denn die auskummen?«

Der Bann war gebrochen. Weithinschallend setzte Austausch der Ansichten über jedes Detail an Körper und Haltung der Einsam-Fremden ein. Die von der Statthalterei streckten in den Falten brüchige Lackstiefeletten ein wenig in den Weg, wo sie vorüber mußte -- andre, ironisch höflich ausweichend, markierten durch plötzlich übertriebene Schmalheit Furcht vor Berührung. Aus einer Gruppe zerronnener Frauen starrte der einzige Mann der Gesellschaft, da sie vorbeiging, ihr schamlos ins Gesicht. Seine Begleiterinnen lauerten, dann -- in der Fremden Rücken irgendein erotisch-abfälliges Wort, das ähnlich wie: »Nix zum Anhalten« klang.

Jetzt wieherte es befreit hinter ihr auf, spritzte förmlich tief aus erlöster Galle. Nein, Gott sei dank, der Trottel hatte also nichts bemerkt, oder es galt eben auch nichts bei Männern: dies Reinumrissene, Schmal-klare, vor dem sie alle sich einen Augenblick bedroht gefühlt in ihrem schwammigen Bestand.

Gargi, um die Marter abzukürzen, ging auf das erste freie Tischchen zu, doch des Kellners erotischer Typus: die Vally Feschak aus der »_quo-vadis_«-Bar und Tochter der Abortfrau, war eben ganz anders und so drehte er blitzschnell den Stuhl um: »beseeezt biede«. Beim zweiten, beim dritten Tisch das Gleiche. Alles blickte gespannt auf den beliebten Hofrat und Feuilletonisten. In seinem Ressort hatte er sich einen geachteten Namen erworben, als Vorkämpfer einer Verordnung, die Briefkästen zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh abzusperren. Im Nebenberuf goß er aus der Sulze seines Hirns in Förmchen erstarrte _hors d'oeuvres_ als Extrafraß für Sonntagsleser. --

Infolge des vorhergegangenen Doppelfeiertages aber war der Witzbold ausgeronnen.

Nichts kam heraus.

Der Saal war reichlich durchsetzt mit entrassten Semiten. Durch slowakische oder lokale Schutzfärbung schienen sie bereits stark an Virulenz und Beweglichkeit eingebüßt zu haben, während hinwiederum die stagnierenden Unarten der neuen Umwelt durch sie abgerundet und wärmer belebt wurden.

Über dem Ganzen lag etwas von der Schamlosigkeit typisch europäischen Familienlebens: dieses pausenlosen Beieinander in hemdärmliger Geringschätzung. Fremde gab es hier offenbar keine -- oder doch? War das nicht der Herr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch liebevoll die Qualität der Schweinsbohnen abzuwägen schienen, indes seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen? -- Der war da.

Nun hatte er Gargi Elcho erkannt, zog höflich das Dessertmesser aus dem Schlund und erhob sich, ihr Platz zu machen. Der Kellner, er hatte nicht mehr Zeit gefunden, sein »beseezt biede« herzumeckern, beeilte sich, ihr alle Speisereste vom Tisch in den Schoß zu wedeln und verkündete mit Genugtuung, daß Rindfleisch aus sei und Schlußbraten auch nur mehr ganz vom Schluß. Gargi bestellte Reis und Früchte, jedoch so leise, daß der Kellner erst von Tisch zu Tisch es melden mußte. Hierauf ging das noch immer lauernde Grinsen kugelwellig ins Hämische über. -- Nebenan, in einer Art Ehrenecke, wurde plötzlich ostentativ französisch gesprochen. Vielleicht hielt man die Fremde für eine exotische Pariserin und wollte nicht verstanden werden. Denn es war das ein gar skurriles Französisch: Kreuzung aus Ollendorf und dem spanischen Erbfolgekrieg -- untermischt mit »Jalousie« und »Lavoir« -- lauter Bezeichnungen, seit zwei Jahrhunderten keinem Franzosen mehr geläufig.

Der andern Ecke gab ein Rennhabitué aus Ungarn viveres Kolorit. Er aß schon mit den Händen, stahl aber offenbar noch mit allen vieren.

Neben ihm stülpte ein bestialischer Herr mit roten Streifen längs der Hosen Spargel ganz tief in das Vorderende seines Verdauungstraktes -- einen Augenblick schien es, als vomiere er -- dann aber taten sich die Kinnbacken seines Antlitzes auf und nur ein Gewölle von Spargel, an seltsam singenden Fäden, entzog sich wieder dem Schlund. Noch eine kleine Nachgeburt aus Schleim -- und mit der nächsten Spargelstange fing alles wieder von vorn an.

Gargi schräg gegenüber saßen drei Personen. Das fast beinlose, madenförmige Geschöpf, hineingeknallt in eine braune, reichlich mit Flöhen gesprenkelte Sache: Foulard genannt und den obligaten Reihersteiß auf der Stirn, hatte nur einmal den großen Krötenblick auf Gargi geheftet, wandte dann den Kopf mit jener empörten Gleichgültigkeit ab, die durch unfreie Haltung ihr Gegenteil verrät. Unter dem Tisch preßten die Badeschwämme ihrer Knie die Hose eines ganz verfaulten Oberleutnants. Der schluckte oben Schnaps in seinen Leib. Über dem seltsam rotierenden Mund ließ das kälberne Schnurrbärtchen die verwesten Hauer frei. Auch das Nasenbein fehlte fast ganz. Dazwischen saß der Bourgeois-Mann, ein rülpsendes Neutrum, und zahlte alles.

Er entfernte sich für einen Augenblick, da steckte der Oberleutnant die ganze Schachtel Zigaretten wortlos ein. Das Weib aber war am Ende ihrer Hemmungen ... konnte einfach nicht mehr; den Kopf schief, stieß sie ihn zärtlich an und nach der Fremden blinzelnd:

»Sag' megst du mit der da?«

Der gänzlich verfaulte Oberleutnant schüttelte sich von oben bis unten. Sie girrte entzückt, und noch einmal mußte er sich schütteln und zeigen, wie er es mit »der da« nicht möchte.

Gargi bestellte eine deutsche Zeitung, um anzudeuten, sie verstehe die Sprache.

Doch unbeirrt fuhr die »Fesche« fort:

»Das G'stell und no so aufgedonnert dazu!«

Gargi trug ein schwarzes Trotteur von Creed, kleine schwarze Toque und war völlig schmucklos.

Die reichlich mit Flöhen gesprenkelte Mondäne vermochte eben außerordentlichen Stil zwangsläufig nur als außerordentliche Bekleidung zu empfinden, da ihr ungebildeter Körper noch der Anschauung entriet: Eleganz sei eine Funktion des Skeletts.

Nun brachte der Kellner das Bestellte. Es war wie ein Signal. Dumpf diffuses Lauern im ganzen Raum, salopp nur und obenhin von Geschnatter unterbrochen, hing sich jetzt vampirhaft an jede ihrer Bewegungen, hockte als vierzigerlei Grinsen auf jedem Bissen, ging mit vom Teller -- auf die Gabel -- durch die Luft -- bis in den Mund. Wenn sie eine Frucht teilte, zum Glas griff, instinktiv gierend danach die Unbefangenheit, die schwierige Schlichtheit dieser Ungemeinen zu stören. Vielleicht ließ sie dann die Gabel fallen, verschluckte sich, irgend etwas Positives geschah, an dem man das dumpfe Unbehagen rächen konnte. Man würde dann so tun, als berste man vor Lachen und zugleich, als ersticke man aus Wohlerzogenheit dieses Lachen, das einem gar nicht kam, doch keineswegs so vollständig, als daß nicht die Fremde in ihrer Blöße es durchhöre; daß es sie treffe und beschäme. Selbst der Stumpfsinnigste bekam plumperdings eine Art zweiten Gesichts, ging es gegen das, was ihn in seiner Herzensfäule störte. Die meisten waren ja optisch zu ungeschult, um an dieser geisterfeinen, stillen Dame sich über das Edel-Fremde in Bau und Haltung Rechenschaft zu geben. Nur ein vag unbehagliches Erinnern kam sie an, von Sälen in Museen, wo man durch mußte, um zu den Doppelsternen im Baedeker zu kommen. Man lief da immer sehr rasch, denn erstens war man nicht verpflichtet und dann sah es übertrieben aus, fad und steif. Nun -- in Stein und Bronze, und weil's weit weg und lang her war, mochte das hingehen, aber in Wirklichkeit; wie ungemütlich:

»Das fehlert, daß des einreißen tät, da hätt ma ja nit einmal mehr seine Ruh beim Essen,« war so der Nukleus, um den gallertige Rachgier Blasen trieb.

Zwei Bürger, Gargis Nachbarn zur Linken, der eine mit einer Pfundnase, der andre mit einem Abdomen auf Flaschen abzuziehen, brüteten seit ihrem Eintritt in dumpfer Wut -- Biergischt im Bart -- vor sich hin. Abreagieren mußten sie sich, so ging das nicht weiter. Es fiel ihnen aber gar nichts ein, genau wie dem ausgeronnenen Witzbold. Endlich, als Gargi in nie gesehener Anmut eine Orange zerteilte, gebar die Wolke den Blitz.

Der mit der Pfundnase hatte eine _trouvaille_ gemacht.

»Die wer mer scho außi lahnen.«

Zwinkerte er rundumher -- nahm den Mund voll und blies ihr tief den beizenden Stank seiner »Virginia« in beide Augen. Es war der Gemeinderat Pogatschnigg, Ehrenpräsident des Vereins zur Hebung des Fremdenverkehrs.

Gargi rief vor sich hin das Pantherbaby und die Diademgestirnte, Ganapati Sastriar, Erasmus, die Welt der Elchos und den Palast von Travankor, und der Anstand der Gebärde im letzten Bettler ihrer Heimat half noch den Schutzwall um sie schließen, daß nichts aus der gerotteten Jauche dieser Entrassten in sie dringe. Wie Lanzen starrten ihre Nervenenden um sie aus -- ganz aktiv -- Schützer der Kaste. Doch welch grauenhafte Anspannung all diese Monate, seit Marseille; immer in einen Block von »Selbst« geschlossen -- belagert von Gemeinheit, nie verströmend an ein Ebenbürtiges ausruhen dürfen: arglos, müd und froh -- im großen Ihresgleichen.

Jetzt regte sich, zum erstenmal, auch etwas gegen den Gefährten in ihr. Wie durfte er eine indische Dame, an der Gesittung Asias erwachsen, in solche Mißzucht zerren?