Die Kegelschnitte Gottes

Part 22

Chapter 223,474 wordsPublic domain

»Mein Gott, was für ein Verköterungsschwindel! Auf Stoßkraft und Richtkraft der Erbmassen kommt es doch an, auf Qualität und Intensität, nicht auf einen möglichst hohen Kehrichthaufen von Anlagen und Erfahrungen, die, wenn nicht gleichgerichtet wie Eisenfeilspäne im magnetischen Feld, einander hemmen, schwächen, aufheben, und das Endglied ist dann schließlich nichts als eine ganz volle Null. Bei euren Pferden und Hunden wißt ihr doch recht gut, worauf es ankommt, wollt ihr hohe Geldpreise gewinnen aus gezüchteter Form und Leistung. Höchstens, daß fremdes Blut bei gleicher Kaste möglicherweise vielseitige und doch gleichgerichtete Erbmassen ergibt.«

Samossy hatte langsam das hilflos verschrobene Schülergesicht bekommen, wieherte dann wie erwachend manisch in der Fistel:

»Vorfahren, was Vorfahren! Der einzig vernünftige Fundort der Spezies Mensch ist doch die Drehlade. In einem Findelhaus aufwachsen!« Dann schadenfroh geduckt sein Unvermitteltes:

»Man muß vom Weibe loskommen.«

Horus gedachte Lizzi Beermanns, der Raeburn _girls_, Margots; ihrer weihelos beschnupperten und doch versperrten Körper, jahrelang saumseligen Reflektanten von trägen Müttern hingeködert:

»Eltern haben ist ja höchstwahrscheinlich ein Unglück,« bemerkte er, »keine haben aber ganz bestimmt eins. Auch soll ja das Heim eine Art Placenta für das geborene Kind bedeuten.«

Sagte es eigentlich vorbei an dem hohen Vierziger da, dem Kinderlosen; dieser Frage Brennen wohl zwiefach Fernen. Hatte er überhaupt Anverwandte? Wer stand ihm nahe? Wer war ihm Freund? Fachfeinde überall. Blieb das Weibstück mit dem Kettenarmband sein einzig menschlicher Verkehr? Vor Gargis Erscheinung wurde er linkisch, voll gereizten Unbehagens. Wußte mit ihr so wenig anzufangen wie ein Mandrill mit einer Kamee. Da frug Krause eines Tages aus kondolenzbeflissenen Mundwinkeln:

»Wie geht es Ihrem Vater?«

Samossy machte eine frivol hoffnungslose Geste:

»Von Tag zu Tag besser.«

Krause, mit verkniffenem Zwicker, bekundete Freude. Man habe Fälle gesehen, wo Wassersucht jahrelang fast stationär geblieben ... Das Geschäftsjubiläum würde also doch in der elterlichen Villa gefeiert. Und Horus erfuhr, daß dieser Vater Gründer einer seit fünfzig Jahren bestehenden Kattunfabrik und offenbar sehr wohlhabend war. Er gedachte jenes Armschwunges zwischen Abort- und Küchengeruch: »wohlbestallter Professor? Das ist der Stall, den ich mir leisten kann.«

Nun kam polternd und verlegen auch an ihn die Einladung zu dieser Feier im Vaterhaus.

»Man hat dort schon so viel von Ihnen gehört« -- dann halb entschuldigend: »nicht durch mich.«

Er lauerte, schülerhaft geniert, gelangweilt und wieder ängstlich um ein Ja. Schlug, als er es hatte, sein zerfahrenes Gewieher an und empfahl sich.

Der Mann war unberechenbar. Doch machte das den Verkehr nur ermüdender, nicht reicher, ließ nie schöpferische Kontinuität der Stimmung sich entwickeln, es sei denn in seinem engsten Fach.

* * * * *

Man stand leer herum in der großen Backsteinvilla. Wartete auf das Jubiläumsessen.

Manchmal beklopfte ein zugereister Geschäftsfreund, geneigten Ohres, mit dem Zeigefingerknöchel prüfend den bronzenen »Lauscher« in der Ecke auf Metallstärke hin, oder versuchte Signaturen unter Ölbildern zu entziffern. Niemand saß. Unverrückbare Fauteuilarrangements hinter Tischen waren von vornherein dagegen, nur zwei Rollstühle an den Salonenden, um die wechselnde Gruppen sich stauten, schienen besetzt.

In dem einen ragte ein riesiger Greis aus Stein und Wasser.

Die Beine zu Blöcken geschwollen, trugen flach auf den Knien violette Hände, schwer wie Porphyr. Bis an die Hüften war er zu einem mit Wasser gefüllten Sarkophag geschlossen. Darüber kämpfte das harte alte Bauernherz zäh um jeden Zentimeter Leben, gegen das innere Ertrinken an. Ganz oben, aus blutigem Blauauge troff schon immer ein wenig Feuchtigkeit über, sickerte die fahlen Wangenfalten herab. Er biß in seinen weißen Bart vor barbarischem Starrsinn: da sein, nur da sein. Fuhr manchmal aus den schauerlichen Vorgängen in sich auf, zu wahnwitziger Eitelkeit über die eigne Zähe. Sah allen der Reihe nach in die Augen, trotzig, lauernd, wie ein erliegender Gladiator, im Gefühl drohend gesenkter Daumen ringsum.

War er vor Lebenswut hellhörig geworden an den schweren Birnenohren?

Seine blutigen Blauaugen drohten leuchtend hinüber zu dem andern Rollstuhl am Ende des Saales.

»Oh, er ist schon kalt bis zu den Knien,« schmunzelte die greise Frau mit ruhiger Genugtuung Horus Elcho zu.

Ein goldnes Kettenarmband klirrte erledigend an der ganz verkrümmten Hand. Der restliche Körper hing: ein gerunzelter Strick, an den Enden mit Gicht verknotet, im Sessel. Hinter ihr stand ein erloschener Mensch mit geduckten Augen: der zweite Sohn und nunmehr Inhaber der Fabrik. Ihm schien auch die zerpatschte Frau daneben mit den drei kleinen Kindern anzugehören. Das älteste, einen schweren Bleichkopf im Phantasie-Matrosenkostüm aus Satin, hielt sie zwischen den Schenkeln aufgepflanzt, memorierte angstvoll etwas Gereimtes mit ihm und es zupfte an seinen Nagelwurzeln. Jetzt hatte es zu tief geschält, heimlich wischte der blutende Finger über den weißen Seidenslips.

Nun trollte sich Oskar Samossy, fast ebenso verdonnert wie das satinene Kind, hinter den Greis aus Stein und Wasser. Und beide Brüder schoben die elterlichen Rollstühle an die Têten der Speisezimmertafel.

Drei Menus wurden gereicht -- nacheinander. Das erste wie es der Gründer der Fabrik anfangs gehabt: dicke Suppe, Erbswurst, Käse. Dazu Bier. Beim zweiten, dem 25jährigen Bestand entsprechend, erschien schon Fisch, Kalbsbraten mit Salat und eine süße Speise. Dazu leichter Mosel. Das dritte endlich zeigte voll und ganz, was man sich der heutigen Bilanz entsprechend leisten konnte, durfte und sollte. Begann mit Austern und wollte schier kein Ende nehmen an _primeurs_ und durablen Weinen. Vom sechsten Gang mit Champagner aufwärts, stand immer jemand auf, der nicht stehen konnte, und sprach, ohne sprechen zu können: etwas, das man sich wohl würdig, witzig oder feierlich zu denken hatte. Manchmal wurde dazwischen »hoch« geschrien, manchmal nur am Ende. Männer erhoben sich dabei halb. Frauen saßen ganz da; schienen einzig und ausschließlich zum Sitzvorgang geschaffen. Die Schwüle stieg. Eine Dame lüftete ihr Kollier.

»Perlen machen so heiß, besonders echte.«

Eben schloß ein Stehender:

»Nichts lobenswerter am Manne als recht reinliche Triebfedern.«

Über die Enden des Beifalls weg schnatterte es aus einer arroganten kleinen Person laut in ihren Tischherrn hinein:

»Und denn is mal so'n schmieriger kleiner Jude gekommen und hat gefragt, ob ich ihn heiraten will. Waschen Sie sich erst, hab' ich ihm gesagt. Na, sehen Sie, _dort_ sitzt er -- das ist mein Mann.«

Der riesige Greis aus Stein und Wasser war unterdessen wieder ganz in die schauerlichen Vorgänge seines Inneren versunken, wies mit Grauen alles Getränk weit ab, würgte nur ein wenig Kaviar auf Zwieback hinunter, lauerte ihm schweigend nach. Langsam stieg Triumph in den blutigen Blaublick. Dann aber trieb die aufdrängende Flüssigkeitssäule das Kaviarbrötchen aus dem erstorbenen Magen in den Schlund zurück. Triumph im Aug oben zerfiel. Der Hausarzt näherte sich rasch -- eben jener Mann, den die arrogante junge Person zu ihrem Gatten reduziert -- öffnete ihm rasch das Frackhemd, bohrte eine Spritze mit irgend etwas: Kampfer oder Theobromin dem Aufstöhnenden unter die lederzähe Haut. Dunst, Schnaps und Schwatz hatten den Vorgang nahezu vernebelt.

Eben stand Dallmeyer da, spann aus seinem Bart heraus einen Phrasenstrang über das dreifache Festessen hin: wie der verehrte Gastgeber hier, erfolgreicher Mann der Arbeit, Leuchte modernen Handelsgeistes, unentwegt die Fahne des Idealismus hochgehalten, und wiewohl selbst geistig und körperlich noch ungebrochen -- als zärtlichster Vater dem einen Sohn den Fruchtgenuß seiner Lebensarbeit überlassen: dem Nachfolger solcherart in selbstloser Weise ein frei fröhliches Schaffen aus dem Vollen gönnend, seinen Erstgeborenen hinwiederum auf das Großzügigste der hehren Forschung geweiht habe, gleichsam mit dem Öl seiner Bilanzen das reine Licht der Wissenschaft speisend. Und Dallmeyer schloß mit einem »Hoch« auf seinen genialen Kollegen und der Hoffnung, daß dessen epochaler Bedeutung -- in engstem Kreise längst neidlos anerkannt -- endlich auch offiziell die verdiente Sanktion durch ein Ordinariat und Aufnahme in die geweihten Hallen der Akademie zuteil werden möge.

Samossy sah ihn an und er verschluckte sich.

Der greise Riese war unterdessen an der Injektion aufgelebt, stieg aus seinen Gebresten wieder empor, diesmal in eine Art erzieherischen Tropenkollers. Schüttelte herrisch das Haupt bei der Wendung vom »Fruchtgenuß« und »Gönnen aus dem Vollen«:

»Sind froh, wenn sie trocken Brot haben.«

Er sah gerührt über die eigne Härte auf die Familie seines Nachfolgers, wie feindliche Erwachsene auf ein gedemütigtes Kind blicken. Und dann hub dieser Memnonsblock auf einmal an in greisenhafter Geschwätzigkeit zu tönen:

»Ja, der Idealismus« -- er konnte nur gradaus sprechen, doch galt es wohl Horus Elcho, dem exotischen Ehrengast an seiner Seite -- »und dann immer möglichst billig kaufen und teuer verkaufen, das habe er den Jungens von früh gepredigt. Aber der Idealismus, der sei ihnen direkt eingebläut worden, fast von der Wiege an. Schon im vierten Jahr habe der Oskar die längsten Schillerschen Gedichte auswendig heruntersagen müssen, wo es besonders edel zuging: die Bürgschaft, den Drachenkampf, den Taucher. Ein einziges Steckenbleiben und er habe ihn jämmerlich durchgehauen.

»Das Lied an die Freude, das konnte er sich lang halt gar nicht merken.« Der Greis lebte in Erinnerungen auf.

»Da durfte er schon gar keine Hosen mehr dabei anhaben, drei spanische Rohre sind für dieses einzige Gedicht draufgegangen. Mit fünf Jahren konnte er dann auch schon die ganze Glocke. Eine vorzügliche Schulung fürs Gedächtnis nebenbei, weil ja der Oskar ein berühmter Gelehrter werden sollte, so habe er es schon bei der Geburt bestimmt. Leider sei ja nur Mathematik draus geworden, darauf gebe er nicht viel, das entziehe sich seiner Kontrolle. Chemie, große Erfindungen wären besser gewesen. Philologie und so, das habe er von vornherein verboten.« Der Greis hielt nichts von klassischer Bildung:

»Siebzig-Einundsiebzig war doch viel blutiger,« sagte er mit Tränen des Stolzes im Aug.

»Wozu Griechen und Römer, wozu immer noch diese Lappalien bei Homer lesen, das kann man ja gar nicht vergleichen mit unsern modernen Schlachten.«

Zu Ende des dritten Menus wurde das satinene Kind vor den Großvater aufgestellt, reichte linkisch eine Rolle hin, die in zackichte Papierspitzen auslief: Glückwunsch stand vorn in verzitterter, übergroßer Schülerkalligraphie.

»Gradstehen,« flüsterte die zerpatschte Frau.

Nun begann es, Nagelwurzeln zupfend, den Hymnus: »An die Freude« aufzusagen. Angst rann ihm die Beine hinab unter dem blaublutigen Tyrannenblick des Alten. Einmal stotterte es, stockte ganz. Gierige Härte trat lauernd in das alte Steingesicht dort oben, gleichzeitig hob drüben die greise Gattin im Rollstuhl ihren Krückstock, als wolle sie ihn dem Manne hinüberreichen, dabei klirrte das goldne Kettenarmband, und sie schob es die ganz vergichtete Hand auf und ab. Es war nur ein Augenblick gewesen, wie aus uralter Gewohnheit heraus. Dann schrak sie zur Wirklichkeit zurück: ein Enkel -- große Gesellschaft! Auch ratschte das satinene Kind schon wieder weiter. Horus aber hatte diese Sekunde lang, inmitten der Tafel zwischen den Rollstühlen, Oskar Samossys Gesicht geschaut: das Gleiche wie damals, als Schillers Name zum ersten Mal zufällig fiel: ein ganz kindischer Knoten hilflos diabolischen Hasses und doch vager Süchtigkeit voll.

Es war entsetzlich. Schamlos und beschämend. Der Goldäugige ließ eine Gabel fallen, bückte sich weg, tauchte fort aus dem Augenblick, bis die Gesichter oben wieder neu geworden waren. Hatte begriffen.

Gleich nach aufgehobener Tafel wollte er gehen. Im Rauchzimmer hielt ihn Dallmeyer an, vor öliger Schnapssüße hemmungslos:

»Was hat der alte Gauner gemurmelt, wie ich das mit dem >zärtlichsten Vater< und >Schöpfen aus dem Vollen< gesagt habe, Sie saßen ja neben ihm?«

»Etwas recht Unverständliches. Klang wie: >sind froh, wenn sie trocken Brot haben<.«

Dallmeyer quetschte die Importen im Kistchen der Reihe nach wählerisch durch:

»Recht verständlich für den Eingeweihten, Verehrtester. Der Schnorrer von Sohn hat wirklich nicht Brot auf Hosen. Die Butter vom Brot hat sich der Alte selber reserviert; ihm das Inventar viel zu teuer angehängt, vorher fast das ganze Betriebskapital aus dem Geschäft herausgezogen, schließlich sich noch ein skandalös hohes Fixum jährlich ausbedungen, so daß der Nachfolger seit Übernahme der Fabrik abhängiger von ihm ist als je zuvor. Ab und zu, wenn er ihn die Kinder durchhauen läßt, darf er sich für sechs Hemden Kattun aus dem eignen Betrieb nehmen.«

»Warum ist der Sohn auf solche Bedingungen eingegangen?«

»Weil er ihn erst ein Leben lang mit dieser Nachfolgerschaft hingehalten, ihn verhindert hat, sich rechtzeitig eine andre Existenz zu gründen. Soll er jetzt mit fünfundvierzig und drei kleinen Kindern in der Fremde von vorn anfangen? Überdies droht dann noch Enterbung. Schließlich hat er sich gedacht: ein jährliches Fixum bei _der_ Wassersucht? Warum nicht? Aber das alte Luder ist ja zählebig wie ein Krokodil.

Den meschuggenen Oskar hat er wieder anders am Hosenbund. Nährte in ihm von früh auf die Illusion, der väterliche Wohlstand gestatte es ihm, sich ohne Rücksicht auf den Mammon einer reinen Gelehrtenlaufbahn zu widmen, die ja auch der Ehrsucht des Alten schmeichelt. Jetzt läßt er ihn täglich seine Abhängigkeit fühlen, gibt ihm Taschengeld wie einem Primaner. Dabei -- haben Sie bemerkt -- grüßen sich die Brüder kaum, weil der Alte den einen immer glauben macht, er setze ihn auf den Pflichtteil zugunsten des andern. Famose Deckung übrigens, dieser Enterbungsschwindel für unsern Primzahler, um von seinem Frauenzimmer nicht zum Altar geschleppt zu werden. Die hütet sich jetzt, ehe der Sarg vom Alten nicht zweimal abgesperrt und der Schlüssel an ihrem Kettenarmband hängt -- neben meinem verehrten Kollegen von der vierten Dimension, der schon lang dort zappelt. Betamte Goite.«

Dallmeyer war stolz auf jeden neuen Jargonausdruck, den niemand verstand.

»Warum handelt dieser Greis eigentlich so bestialisch an seinen Kindern?«

»Bestialisch? Der hält das für Ethik, Reckentum und Idealismus, und sich für ein musterhaftes Familienoberhaupt alten Schlages. Edelpatriarch: vor Weisheit streng, schirmt in verrotteten Zeitläuften Zucht und Sitte. Rauhe Schale, nobler Kern ... eh schon wissen. Jede Schäbigkeit geschieht aus Pflichtgefühl, denn er ist noch eitler als er geizig ist; Bauernklotz mit Schillerphrasen. Immer abwechselnd stolz und neidisch, daß es seine Söhne besser haben sollen als er.«

Dallmeyer leerte noch einen Likör und steckte eine frische Importe an. Horus staunte über solch ungewohnten Geist. Was Dallmeyer sprach, war immer teils klug, teils albern: klug was er über andre, albern was er selber meinte.

Man verabschiedete sich vom Herrn des Hauses. Dallmeyer wieder ganz Biederkeit, hielt eine lockichte Rede, schloß mit der Hoffnung, man werde sich in diesen gastlichen Räumen noch zum seltenen Fest der diamantenen Hochzeit treffen.

Der Greis aus Stein und Wasser schüttelte stiller Genugtuung voll das Haupt, dann mit erledigender Geste hinüber zu der Greisin zwischen Gichtknoten:

»Oh sie ist schon kalt bis zu den Knien.«

Oben troff wieder ein wenig Feuchtigkeit aus dem Auge über, sickerte die fahlen Wangenfalten hinab.

Es war das Letzte, was Horus Elcho von ihm sah. Eine Woche später schoß Oskar Samossy eines Abends aus der Telephonzelle des Cafés. Schrie auf nach einem Auto, er, der fanatische Renner.

Wie damals auf der Straße frug Krause:

»Wie geht es Ihrem Vater?«

»Mein Vater stirbt.« Dann schlotternd: »Er darf nicht sterben, sonst bin ich verloren.«

Nichts glich der frivol hoffnungslosen Geste damals: »Von Tag zu Tag besser.«

Am nächsten Morgen fuhren Elchos nach England zu Sir Osmond und Lady Cadogan.

* * * * *

Sie gingen im milchblauen englischen Juli auf den Waldwiesen des Hydepark. Die milde Riesenaue gepflegter Freiheit um sie schien angenehm leer zu blühen, und barg noch vielerlei Leben. Ab und zu am Horizont, auf einem Sessel, steht ein Herr mit verdorrtem Zylinder und redet, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos. Einer erläutert das Gesundbeten -- dem andern dünkt es im Patentamt faul. Carson läßt sich zu oft photographieren, und regiert wird man schon miserabel. Unbelästigt aber weiden die Schafe ringsum, und zwischendurch führt die Hundheit ein ganz glückseliges Leben für sich. Jeder darf sprechen. Keiner muß zuhören. Niemand ist an der Leine. Nicht einmal der Mensch. Vor dem Schilderhaus steht, siegellackrot, ein Mann der Garde. Das prachtvoll überflüssige Geschöpf trägt einen ausgestopften Bison auf dem Kopf, eine Sperrkette vor dem Gesicht, Edelmetall an der Leber und starrt von Gerät, vermutlich erbeutet in der Schlacht bei Hastings. Der praktisch Denkende hat das Gefühl: man kann den Mann ruhig mit einem Taschenmesser langsam abschneiden, er ist ganz wehrlos vor Uniformierung. Aber schade drum.

Plötzlich ließ es Gargi wie Schwalbenflügel über ihre Augen stürzen, sah zur Seite und begann zu laufen ... Er lachte:

»Keine Angst. Gar nicht so arg, mein Nervifein!«

Es waren die harmlosen vier dorischen Säulen am _Serpentine lake_. Sie hatte sich gewöhnt, drohten irgendwo Säulen, gar nicht erst hinsehen, rasch die Wimpern gesenkt und laufen. Denn wie an fein und freistehender Persönlichkeit geringer Fehl bereits schwerer erträglich ist, körperlich betrübt, so ließ Gestörtes an diesen empfindlichsten Baugliedern: den Säulen -- eine zu tief sitzende Entasis etwa -- ihr schon das Blut im Becken stocken. Beiläufig hatten sie erfahren, daß, um dieses Resultat zu erreichen, auf jeder Akademie vier Semester lang die _moduli_ aller Säulenordnungen durchzuzeichnen, obligatorisch war. Nun, diese da wirkten wenigstens nicht aggressiv. Das meiste schien ja relativ harmloser hier. Nie so schlecht, wie das schlechteste in Paris, nie so gut wie bestes in Deutschland. Entweder die Architekten hatten zu keiner Zeit ganz übel gehaust oder ein klimatischer Überzug: dämpfende Berußung, verschmolz brutales Gebäu, beließ seinem Detail die Wohltat des Zweifels, seinem Kontur dauernd die Vorteile der Dämmerung, indes der Beschauer sich animalisch der Sonne freute und der vielen Wiesenzungen, die in der Stadt herumleckten, mit Schafen, Teichen und Blumen obendrauf.

Kurz, man konnte wieder ein wenig um sich schauen, wenn auch lieber ungenau.

»_At His Majesties_« -- in Coventgarden -- im »Globe« saßen sie in einem Parkett von Leuten, die glichen Göttern, nein -- Gipsabgüssen von Göttern, saßen an festlichen Tafeln neben der erfreulich lotrecht stilisierten Dame des Hauses, wenn sie auf den Schwingen ihrer Anmut über den Abgrund ihrer Interesselosigkeit hinwegglitt.

In Wroxton Abbey, Sir Osmonds Landsitz, hätten sie sich, über ein _weekend_, beinahe in einen entzückenden Jüngling verliebt, der an Höhe, Schlanke, Weiße dem »Elf von einem großen Stern« ganz leise glich. Die kühnen Beine in rostfarbenen _breeches_, blond gegen die feurigen Tulpen ringsum, schritt er die Terrasse hinab, auf der Eichkätzchen von der Farbe seines _homespun_ spielten. Sah in die jubelnde Frühe hinauf, über die zwitschernden Büsche der Wieseninsel hin und sagte ... ja was sagte da dieser vornehme Ephebe, angestrahlt von der Glorie der Welt, wie feierte er das Fest des Daseins? Was empfand er? Sie horchten gespannt! Er sagte:

»_What a fine day, lets go out and kill something_«[1].

[1] Welch herrlicher Tag, gehen wir etwas umbringen.

Andern Morgens: dem Sonntag dozierte ein schwarzrockiger Engländer aus einem dicken schwarzen Buch:

»Eure Furcht und Schrecken sei über alle Tiere auf Erden und über alle Vögel über dem Himmel.«

An diesem Morgen hatte man sich zwei Stunden lang in ein kellerkaltes Backsteingehäuse von zweckloser Nüchternheit gesetzt. Kern der fanatischen und eisigen Vorgänge dort, war ein für seinen Gliederbau fremdgekleideter Engländer, der zweitausend Jahr alte obskure Familienangelegenheiten einer kleinen semitischen Horde zu denen der Menschheit zu machen vorgab. Er donnerte Gebote aus seinem schwarzen Buch in die Anwesenden hinein, dessen ungeschlachten Ton Horus sofort wiedererkannte. Also auch hier? Wie kam dieser besseren Kreisen Angehörige dazu, auf einmal vor Damen so zu reden:

»Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes ... noch seines Ochsen, noch seines Esels, noch alles was dein Nächster hat.«

Gargi machte eine Gebärde, sich zu entfernen, bittend rührte er an ihr Kleid. Sah sich um. Keine Dame wahrte Selbstachtung: ging demonstrativ. Lady Eveline allerdings schien eingenickt; bis drei Uhr früh waren zwei gewöhnliche Spirits und ein Boddhisatwa in ihrem Tisch gesessen. Auch andre mochten nicht ganz klaren Sinnes sein, der Tangonacht wegen. Dieser, seinem Körperbau so fremdgekleidete Angelsachse dort oben aber hatte doch sicher irgendeine humanistische Schule besucht, vielleicht sogar die Universität. Dennoch sprach er vom Privatfetischismus jener fernen Barbarentributs wie dazugehörig. Wußte offenbar jeden Tag genau, was der »Herr« wollte und was er nicht wollte. Behauptete, daß die Tiere keine Seele hätten, wandte sich gegen den Götzendienst der »Heiden«, der dem Herrn ein Gräuel sei, und empfahl seinen Zuhörern, rastlos Missionare auszurüsten, um ihre Seelen vor der ewigen Verdammnis zu retten. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz! Vor dieser Verdammnis aber schienen nicht einmal jene ganz sicher, die Vater und Sohn in den Gebäuden mit den geschraubten Säulen dienten; nur in den Backsteingehäusen mit gar nichts drin war man, nach des Schwätzenden Versicherung, vor der Hölle so gut wie geborgen. Sein Gesicht: dieses starkknochige, nüchtern anständige _matter of fact_ Gesicht, bekam einen unbeschreiblichen Ausdruck innen harter, außen geölter Verschrobenheit.

Lieder, die alle mitsangen, waren inhaltlich ungefähr der Predigt gleich. Und diese erfreulich weltgültig lebenden Menschen, an Wochentagen von allen Kulturen der Erde umspült, leierten nun zweitausend Jahre alten jüdischen, von Juden doch selbst verschmähten Nonsens nach.

Als alles vorbei war, schienen sie unsäglich befriedigt, sich zwei Stunden lang unbehaglich gefühlt zu haben, vermieden aber, über das Vorgefallene zu sprechen und so sprach auch er nicht über diesen, der restlichen Lebensführung fremden Zwischenfall. Vielleicht war es heuer wieder Mode, gleich dem Humpelrock oder Gecco Pintaccio, von dessen flammichten Skeletten unter braunen Teetassenaugen Dr. Hafis die ganze Saison in Konferenzen himmelte, als sei alle Kunst vor und nachher Affenschande. War heuer vielleicht sogar Polizeiverordnung, dieser Sonntagsvormittagsbrauch? Hatte Dallmeyer nicht etwas von Konfession und Karriere gesagt? Diese Europäer legten sich ja unbegreifliche Zwänge auf. Durften sie in einer Sommernacht nicht unter Sternen schlafen, warum sollten sie es nicht einmal in der Woche, vormittag von neun bis elf in einem kalten Backsteingehäuse müssen? In Piccadilly war er Hazel Raeburn begegnet, einen verkehrten Brotkorb mit Bindbändern unterm Kinn, die große Trommel schlagend und in einem Zug Gleichgekleideter durch London marschierend. Alle gellten im Falsett etwas hinaus. Verse:

»O Herre nimm mich Hund beim Ohr Wirf mir den Gnadenknochen vor Und schmeiß mich Sündenlümmel In deinen Freudenhimmel.«