Part 21
»Auch malerisch,« ergänzte ihre verheiratete Schwester, die den gleichen trug, und drapierte einen Batikschal über den Wettermantel und die auseinander geronnenen Hüften.
Wer ohne Zeitung, hatte anders vorgesorgt für die langen Stunden hier draußen, wo nichts los war: »Wollen wir n'en Skat dreschen?« Und aus Handflächen sprangen karierte Blätter per Kopf auf gebreitete Lodenflecke ringsum. Manchmal zorniges Grunzen: »Rindvieh dappigs, so paß schon auf.« -- »Halts Mäu!«
Akademisch Gebildete spielten hier nicht Karten. Wußten, daß man in der Natur natürlich zu sein und sich in ihr zu lagern hatte. So lagerten sie erst angezogen, als Fremdkörper umher, begannen dann aber, als es wärmer wurde, auf grauenhafte Weise Bekleidung von sich abzustoßen, unter andauernd witzigen Bemerkungen über diesen Vorgang. Die Rhododendren hingen schon voll Hosenträger, und das schlurfende Stadium von den Korridoren war wieder erreicht; selbst halbe Akte tauchten vorübergehend auf, verschwanden wieder: nein, es war allerdings kaum anzunehmen, daß die Natur das zum sichtbarlich außen Tragen bestimmt haben sollte.
»Mal bißchen Natur kneipen.« Auf dem Rücken liegend, hob Krause das Gesäß und klappte die Hufe in der Luft erlaubnisheischend gegen die Damen zusammen. Oben die Sonne wiederkäuend, buk er unten die gelbliche Riesensemmel seines Bauches gar, im eignen säuerlichen Speck. Der Geheimrat kraute mit dem kleinen Fingernagel seine grauen Achselhaare:
»Was Samossy, dieser Intrigant wieder ausgeheckt habe -- ein Narr -- ein gemeingefährlicher Narr, ob Dallmeyer den Angriff ...«
Aber Dallmeyer hatte die Stiefel ausgezogen und war längst Jung-Siegfried; dahin rollten die Stücke des morschen Speers, an Notung zerschellt. Keine Abfindung für die Schwarzalbin, jüdische Mitläuferin und was ihr entsprossen. Seine männische Kraft sollte eine reine Jungfrau erwecken ... nur wer durch das Feuer bricht ... als korrespondierendes Mitglied mußte er heuer noch in die Akademie hinein.
Kein Gruß aus der Kreatur klang in diesem Äther. Kein aufjubelndes Fluidum aus wilden, freien, vielgestaltigen Herzchen entzündete sein zeugendes Netz. Leergescheucht auch er: ein übler Doppelspat, auch er, durch den das Un-Sein hereingebrochen kam.
Kinder machten auf ein paar glücklose Kriechtiere Jagd, die nicht Beine genug gehabt, sich rechtzeitig einzugraben. Fritz kroch umher, kratzte aus dem Moos, was er an Fühlern und Flügeln erwischen konnte, brachte es in seiner scheußlichen Gymnasiastenmütze Margrinchen. Sie sonderte die männlichen Tiere aus, und er durfte sie in eine Glasflasche füllen, während das Fräulein ihr biologisches Besteck auspackte.
»Unten nicht so zerquetschen,« mahnte sie, wenn seine Fingerstummel mit den verkehrt eingesetzten Nägeln ihr eine Kreatur nach der andern reichten. Dann sah er mit abstehenden Ohren zu, wie sie hineinschnitt.
»Immer fleißig,« schmeichelte Dallmeyer. Er war endgültig durch das Feuer gebrochen und näherte sich bereits Margrinchen auf ihrem Fels: »Immer eifrig bei unsrer Wissenschaft.«
Vom Hotel herauf schellte es jetzt Mittag. Sie warf das angeschnittene Tier weg und begann ihre Frisur zu richten. Dallmeyer stöhnte in Stiefel hinein, Krause suchte nach Hosenträgern -- Plaidfransen blieben an Uhrketten hängen, rissen Geld und Karten ins Gras, alles knöpfte sich zu -- stob abwärts zu Hauf.
In die lange, neue Stille hob sich aus Gebüsch mit eins ein verschlafener Kopf, blinzelte ins Leere -- begriff dann. Maßloser Schreck ging in seinen Zügen auf, er blickte wirr um sich, dann schreiend:
»Ist es schon losgegangen?«
»Wenn Sie die _table d'hôte_ meinen, so glaube ich: ja.«
Der Europäer warf die Arme gen Himmel und wollte fortstürzen, da vertrat ihm Horus den Weg, packte ihn vor der Brust:
»Was ist das jetzt eigentlich für ein Fest heute?«
»Na, Pfingsten doch.«
»Was ist das: Pfingsten?«
Dem Andern wurde ängstlich, er klammerte sich an seine Brieftasche:
»Die Ausgießung des Geistes natürlich, oder so was Ähnliches.« Riß sich los und machte im Lauf kopfschüttelnd vage Gebärden vor dem Hirn, wie er sie in irgendeinem verlogenen Theater gesehen.
Jetzt waren also endlich alle hinuntergeflossen, diese Ohne-Hunger-Esser, zu ihren dicken Suppen, die ihnen wieder ausbrachen als unmäßiger Schweiß, und der Gipfel tauchte frei empor; der getötete Äther um ihn aber trug keine Seeligkeit mehr. -- Vielleicht das Moos? Er bückte sich: Enzian sah ihm in die Augen herauf, dann ein kleines Gelbes, das sehr keck schien, rötliche Röllchen rochen gut. Vielleicht enthielt die Erde für ihn die antäische Stärkung eines Grußes.
Wie einst zwischen die aufrauschenden Ohren Rama-Krishnas, warf er sich nach vorn, preßte das Gesicht ins Lebendige, fuhr auf und mit der Hand an die Stirn: dort klebte quer eine Wursthaut. Worin lag er da? Eine Bergwiese? -- ein Kehrichthaufen? -- ein Magengeschwür? -- ein ungemachtes Bett? Zerwälzt ohne Wonne, in dem Frigidität, Geile und Feigheit aneinandergeklebt hatten! -- War das noch Enzian oder schon ein Tintenklex, roch die zerknüllte Stanniolkugel da oder das Kohlröschen? Er suchte nach dem angeschnittenen Versuchstier der jungen Dame. Tötete das sich Windende rasch, fest, ehrfürchtig.
Samossy kam erst knapp vor der Rückfahrt aus einer Tür zum Vorschein, an der geschrieben stand:
»Nur für das Personal, Gästen ist der Eintritt nicht gestattet.« Beim Abstieg rieb er äußerst animiert die knorpeligen Enden seiner langen Finger aneinander, als wollte er Feuer aus ihnen schlagen, wieherte in der Fistel:
»Ja -- ja, man muß vom Weibe loskommen.«
Die Kellnerin hatte ihm aus kalkharten Puffärmeln mit einer roten Pranke nachgewunken, die kein goldnes Kettenarmband trug.
Zarathustra war ungelesen im Rucksack geblieben.
Abends entließ der Ostbahnhof die Ausflügler in fahle Vororte hinein. Aus einem politischen Keller stank eben strukturloses Gewölle breit in den Platz, jenem gleich, das im Hafen von Marseille, als Ballen von Mißgunst, das rhythmische Arbeiten der asiatischen Bemannung mit hämischer Überheblichkeit zu zergaffen versucht. Hier schien es in Fluß geraten, in stumme, maßlose Geschwollenheit hinein. Sah man näher zu, zerfiel es in einzelne, aus allen Angeln gedrehte graue Brocken, die torkelnd neben ihren Stiefeln gingen. Weiber hakten sich in Männer, reckten die abgebundenen Spitzbäuche, stampften auf kolossalen Füßen eine namlos verlogene Degagiertheit einher. Junge, mit wilden Papuafrisuren lachten wie aus Grammophonen. Allen stand käsiger Schweiß aus Wurst und dicken Phrasen um die eingetriebene Nase und den sackförmigen Mund.
Es waren die abstoßendsten Geschöpfe, die er je erblickt. Nicht so sehr durch das Übelgeratene selbst, nein, durch eine beispiellose Überheblichkeit weltgültigen Rüpeltums, mit der jeder gerade dies Übelgeratene, wie eine hohe Rechnung präsentierend, an sich zur Schau trug; Gesitteteren damit schadenfroh unter der Nase herumzufuchteln nicht müde ward, als wäre er das Unmaß aller Dinge.
Auch hier wieder der typisch europäische Blick: er, der nicht sah, als bliebe die ganze Umwelt dauernd in den gelben Fleck der Netzhaut gerückt.
Auf dem andern Gehsteig kam jetzt eine einsame Frau dem Haufen entgegen, strebte, dunkel gekleidet, unauffällig und still -- etwas eilig auch -- ihres Wegs.
Schon waren die Vorderbrocken blind über sie hinausgetappt: das ausrangierte Schachrössel mit der roten Schleife an der Spitze, einer der fanatischen Nasenbohrer aus der Russenecke im Café und ein kleiner Herr mit Zwicker von außerordentlich semitischem Typus.
Da erspähten zwei Halbwüchsige die Einsame, vertraten ihr aus der Flanke des Zugs heraus den Weg -- noch probeweise -- wie suchend vorerst, tänzelten von Bein auf Bein -- endlich glaubten sie etwas gefunden zu haben:
»Mir scheint gar, dös is a Hosenrock.«
Und der eine blähte hämisch vorn seinen Latz, ganz wie die Crapule in Marseille vor Gargi getan. Der Unflat, der auf seinem Hals an Stelle des Gesichtes saß, stank ihm dabei aus den Augen.
Der andre, gebückt, Zigarettenstummel im eckigen Maul, tat, als inspiziere er streng von unten.
Die unscheinbare Frau hob sanfte Hände der Abwehr:
»Lassen Sie mich vorbei, bitte, ich muß nach Hause.«
Aber schon kreischte es rundum:
»A Hosenrock, a Hosenrock.«
Spitzbäuche und Papuafrisuren rissen die Mannsleute heran:
»A soa Weibstuck, a soa ganz ausg'schaamts, a soa Großkopfate!«
»A soa Madame.«
»Oin iebermietiger Adel und ein verrottetes Bürgertum« ... begann das ausrangierte Schachrössel -- --
»Eiterbeule am Pestleib des Kapitalismus« ... fuchtelte der kleine Leitjude. »Schamlose Provokation des klassenbewußten Proletariats ... Genossen, setzt euch zur Wehr ... der gesunde Sinn des werktätigen Volkes darf nicht dulden ...«
»Geiler welscher Tand,« röhrte es jetzt dazwischen aus dem wallenden Dallmeyer-Schädel, den Häusern angeklemmt im Trupp der Ausflügler.
Nur helleingesehene Unmöglichkeit, sich dorthin durchzuboxen, hielt Horus ab, sich gerade auf diesen reißend Verpöbelnden zu werfen, doch auch seine Glieder waren eingekeilt zwischen Mauer und Mob.
Einen Moment duckte sich Stille im Raum. Bogenlampen flirrten hoch darüber. Dann grellte ein Ton auf, dem sich in der ganzen Natur an Gemeinheit nichts vergleicht. Der infernalische Ton eines johlenden Europäerhaufens pfiff hinter dem hingespienen Zigarettenstummel drein, zwischen Fingerstumpen hinausgegellt als onanierende Niedertracht.
»Der Hosenrock muaß aver ... übern Hintern gspannt, ghörat er ihr, der Hosenrock.« Ein Stierkerl mit Wurstpratzen hatte es gebrüllt. Temperamentlose Wut aus eiskaltem Schweinespeck gebar zuerst Moralsadismus. Die Weiber heulten Triumph. Das wieherte, spie, trampelte im Rudel heran um die weinende Frau. Unter gingen ihre Hilferufe im Gegröle des Mob. Von der Welle aus Feigheit in Frechheit hinübergespült, warfen sich die zwei Halbwüchsigen platt auf den Bauch, krochen ihr unter den Rock, hoben ihn rechts und links mit den Köpfen hoch, zerrten die Beine der Wimmernden auseinander, daß sie mit dem Gesicht platt in den Kot fiel ... Mit haßkrummen Pfoten stürzten sich die Weiber über die Liegende, rissen ihr die Kleider in die Höhe, die Hose auseinander ... der russische Nasenbohrer fanatisierte die Herde rechts und links, wie ein anspringender Hetzhund.
Vorn der kleine Leitjude kniff sich eilig einen zweiten Zwicker auf, reckte feixend den Hals, um besser sehen zu können.
Eine Megäre heulte wehleidig auf: »A soa Kanalli.« Sie hatte sich an der Hutnadel ihres Opfers geritzt.
»Volksgericht ... Volksgericht,« das ausrangierte Schachrössel zerriß sich fast in der Luft, doch keiner scherte sich drum. Eine Blase grüner Gier, schwoll die Pöbelgeile über ihrem Opfer, immer höher aufgetrieben von den fanatisierenden Sprüngen des slawischen Nasenbohrers.
Auf einmal stach ein Polizeipfiff die Blase an, feig und flach fiel sie zu einer Linse zusammen, gerann immer dünner, bis das Straßenpflaster aus ihr aufstieg, in dem ganz allein, in Qual und namenloser Scham, sich die gemobte Frau mit grellentblößtem Unterkörper wand.
Außer ihr fand die Wache eigentlich niemanden mehr zum Verhaften vor. Zwei Polizisten führten die Halbohnmächtige ab, ein Dritter bückte sich nach dem Hosenrock. Mit strenger Hand hielt er das »Ärgernis« in sittlichem Ekel weithin von sich ab. Wies es anklagend rundum, begann plötzlich zu gluren, zu grinsen, und alle rings im Kreise grinsten mit. Man schlug sich auf die Schenkel vor Vergnügen.
Das war ja gar kein Hosenrock.
Auf die entleerte Straße schlich es sich jetzt hinter einem Häuserblock schlacksig heran, alle Körperknochen eckig unter die engen Augen gehäuft: der Hetzhund des Haufens warf sich platt nieder, windelweich auf einmal. Begann das glitschige Frauenblut aus dem Straßenschmutz zu saugen, umarmte das Pflaster, quetschte seine Seele wie einen verschnapsten Schwamm über den Brei aus Blut und Kot, in greinendem Gefasel, menschheitsduselnd aus.
Da stieß ihm Horus Elcho in sternblanker Wut den Fuß ins Rückgrat:
»Auf -- Schwein -- aufhören mit dem sentimentalen Dreck.«
»Bruderherz,« harnte es flennend naß von unten herauf -- »laß dich umarmen, Bruderherz, wir sind ja alle gleich, mein Seelchen, -- alle, alle gleiche Menschen.«
»Nein -- Gott sei Dank -- nein!«
Und der goldäugige Exote schritt auf den andern Gehsteig. Der Erdradius war nicht so lang, als jetzt diese Vorstadtstraße breit war.
Viele Stunden lief er noch durch die milde Nacht, in den Anlagen Fluß auf und ab, mit heißen Adern. Als schwefelige Blitze standen ihm die Nervenfäden um das bewölkte Herz. Und dann trieb ihn Trotz unwiderstehlich, ein Stück Maskerade seiner Zugehörigkeit zu dieser weißen Köterrasse nach dem andern wegzuwerfen -- einfach weg ... Erst die Fußschachteln in eine Wiese, den Rock ins Wasser, den albernen Stoffkopf hing er an einen Strauch, kam zurück, drehte ihn um zu einem Nest zwischen drei Astgabeln; vielleicht diente er so einem anständigen Vogel zur Brutstatt -- tat es in vagem Trieb, süßes Leben als Gegengewicht zu fördern.
Ins silberduffe Gras auf die Flanken gekauert, überdehnte er dann die zehn Gliedspitzen wie ein gähnender Jaguar -- wehende Halme streichelten den Stromkreis zu, leiteten das ausgetriebene Übel erdwärts, da löste es sich über die makellose Riesenkugel hin auf.
So mochte es zwei Uhr geworden sein.
»Das gibts nicht da. Das ist Vagabundage, -- im Freien darf nicht übernachtet werden.« Ein Ordnungsgötze voll Blech am Kopf türmte schwarz und lotrecht in die Natur.
Langsam drehte er sich auf den Rücken, sah was zwischen ihm und dem Polarstern stand, bekam einen gelachten Wutanfall.
»Also nur im Unfreien darf hier übernachtet werden? Jetzt sagen Sie, was darf man in dieser europäischen Dreifalt von Schlachthaus, Irrenhaus und Zuchthaus denn eigentlich? Leben verhunzen, was? Natur verhunzen! süße Tiere zermartern! Pöbel züchten! Bosheit mästen! Moralsadismus treiben? Kurz, auf jegliche Art ein Schweinkerl sein: das darf man. Will aber einmal der Arme eine Nacht lang Sterne statt Wanzen über seinem Kopf haben, so heißt ihr das Vagabundage. Oh eure Lügenworte. Eure schiefgemaulten Lügenworte! Da laufen Asphaltstraßen, rein wie Schnitte an einem Tortenüberguß durch eure glatte Welt. Was hilft's, sind sie allesamt mit bürokretinistischem Sekret überzogen, nur im Härtegrad, nach den Ländern wechselnd, von Eisenbeton zu _fromage de Brie_: stinkender wenn weicher -- drückender wenn härter; lebensundurchlässig alle.«
»Habt ihr denn so ganz des göttlichen Kontinents, aus dem ihr kamt, vergessen? Seine jahrelangen Straßen sind staubig und trockenen Büffelmistes voll, der in die Augen brennt. Über diesen Büffelmist aber schreiten mit Mantel und Schale Hunderttausende in die Vergottung hinein -- frei und unbefragt. Hier an dem weißen Rand ins Nirvana tut jeder das herrlich züchtende Joch der Kaste von sich ab, das ihn herangeleitet, steigt aus der tiefen Farbenmulde seiner Art und verbrennt zu Gott, wandernd im Anhauch dieser freien Straßen.«
»Sie gehen jetzt mit,« sagte das Triefauge des Gesetzes, noch uneins, ob das mit dem Büffelmist Amtsehrenbeleidigung oder nicht.
Im Polizeigebäude hingen an verwanzten Wänden schwachsinnige Zettel in Rahmen herum: »wir wollen helfen, nicht strafen« -- »nach eignem Sinne leben ist gemein« und ähnlicher Fibelschund.
Daß er Seidenwäsche aber keine Stiefel trug, rettete die Situation. Auch das Pfingstfest.
»Nun ja, der Feiertag! total besoffen eben -- aber sonst ein feiner Herr.« So ließ man den kuriosen Fang nach Abnahme seiner Personalien gehen, machte ihn aber auf die Folgen eventueller doloser Irreführung der Behörden aufmerksam.
Europa hatte nur eben probeweise ein paar Maschen ihres Jusgarns ein bißchen um ihn zugezogen, so zum Spaß, nur um zu zeigen, was sie alles konnte. Ließ ihn dann wieder laufen, -- weiter in gesenktem Netz, das über die klebriggespannte Ballonhaut dieser ganzen aufgetriebenen Welt schleppte.
Seit der »Hosenrock«-Episode begriff er mit eins den Geldkrampf aller. Ihre schlotternde Angst. Das an eignem oder andrer Geld Kleben, hemmungslos, zum Gemeinsten bereit, aber nur mitschwimmen dürfen im Oberflächenhäutchen, sich mit Dreck dort anpappen -- oh, alles -- nur nicht heruntergestürzt werden zu diesem aus seinem stinkenden Brodem aufschnappenden Mob.
Schicksal eines Beutetiers war Adel und Wohltat dagegen.
Hier hieß arm sein ja nicht in veredelnde Einsamkeit wandern, mit vollkommenen Tieren frei durch Flur und Licht spielen, die Diademgestirnte zur Genossin haben, bei Ganapati Sastriar hocken, mit dem Schikari schweifen, im sanften Gewimmel blauer Kulis unbelästigt leben oder sterben, unbeschnüffelt von der taktlosen Tyrannei behördlichen Humanitätsschnauzentums.
Ging es einem Hindu schlecht, umgab ihn immer noch Distinktion der Gebärde, Zartsinn, Niveau der Kaste, durch die das Individuum mehr -- schon dem Typus nach mehr ist -- als es aus sich selbst zu sein vermöchte. Arm sein hieß daher nur: Form der Gesittung tauschen.
In Europa aber hieß es, dank diesem sadistischen Wohnzwang, wirklich in der Hölle sein: bis zum Tod eingesperrt leben mit Roheit, Bosheit, Intoleranz und Gekeif, umlauert von hämischer Neugier. Hieß statt süßer Kinder falschgeworfene, verzogene, gröhlende Mißgeburten haben, hingesudelt im Fuseldunst, denn nie könnten klare Sinne den Ekel vor erotisch so ungepflegten Weibern, wie sie dem Armen hier einzig zur Verfügung stehen, überwinden.
Hier ohne Geld sein, hieß also für einen Menschen von nur durchschnittlichem Feingefühl: Selbstmord. Nicht Entbehrungen der Armut, des Niveaus der Mitarmen wegen. Denn so etwas wie einen entrassten europäischen Mob, das hat ja die Welt noch nicht gesehen, hat es nie und nirgends noch gegeben! Lag es an Löhnen? Lebenshaltung? Keine Spur. Gab doch das Volk hier nebenbei für Alkohol und Tabak täglich mehr aus, als ein Chinese für den Unterhalt einer ganzen Woche. Der kroch morgens aus seinem Kanalloch, eine halbzerkaute Ratte zwischen den Zähnen und war doch ein Wesen an Courtoisie und Herzenshaltung von den Höchsten seiner Rasse, einem Li-Hung Tschang etwa, nicht gar zu sehr verschieden, übte wie sie die Selbstzucht eines komplizierten Zeremoniells, lebte wie sie das »Buch der Riten« und die »Religion des guten Bürgers«. Lag es an psychischer Qual? Beweis, daß diese europäische Masse nicht wirklich litt, war ihre Taktlosigkeit: erste Frucht des Leidens ist der Takt.
Eine unbegreifliche latente Bosheit bildete hier durch alle Schichten hindurch Knoten, um gelegentlich an der Stelle geringsten Widerstandes durchzubrechen: dem Sehen.
Aber warum sahen sie nicht? Warum waren alle am hellsten Sinn verkümmert, aus dem die Liebe erfließt und die Vision? Konnten Hose von Rock nicht unterscheiden, echt von unecht, Kunst von Kitsch, fielen und legten einander rastlos wechselseitig optisch herein.
Gargi, die nie Fragende, hatte einmal schüchtern gemutmaßt.
»Ist es ein Gelübde?«
Meinte den ersten Backenzahn, den die meisten golden trugen, neben vorderen Porzellankronen.
Nein, sie glaubten eben, man sehe das nicht, weil der Zahnarzt, der auch nicht sah, es beteuerte. Ein Blick hätte das Gegenteil erwiesen, aber es war eben kein Blick da. Anfangs konnte er in Paris immer wieder über die schleierlose Roheit erschrecken, mit der Menschen in Sehweite übereinander medisierten, vermeinend, das merke sich nicht, außer Hörweite zu sein genüge. Lang hatte er gebraucht, um an solch optische Verstumpfung faktisch glauben zu können. Alles was die Europäer in ihrer Biologie von den niedren Tieren behaupteten, war wirklich ganz richtig -- auf die Behaupter selbst angewendet. Reagierten auch so automatisch mechanistisch, wie sie es den Amöben zuschrieben; auch _ihre_ Fundstelle (das Heim) der einzig völlig reizlose Ort, wo sie ihr Futter fanden.
Hing mit dem flächlichen: oberflächlichen Sehen nicht auch die Überschätzung des »Malerischen« hier zusammen? Welt der niederen Tiere, die sich in verschieden belichtete Flecke auflöst; noch nicht aufgestiegen in die dritte Dimension. Daher vor allem der Hang ihrer überkleideten konturscheuen Weibchen zur palettenumschweinzten Aura. Dieser ewige Kunstschwatz und in Bilderausstellungen Rennen _der Europäerin_, was sie gar nichts anging, statt was sie unmittelbar angehen sollte zu beherrschen: die Raumschöpfung des Heims. -- Schaukraft fehlte eben: Durchschauung des dreifältig Gefügten: Architektur.
Ja, die Überschätzung des »Malerischen« lebte von zerronnenen Weibern.
Nur konturreine Maschinen waren hier auch zu würdigen Behausungen gelangt. Er hatte sich die modernsten Architekturwerke kommen lassen, da herrliche Bahnhöfe, Silos, Fabriken, Betriebsstätten gefunden, dabei gedacht:
»Wäre ich eine Turbine, ließe ich mir mein Heim von Behrens einrichten.« Auch Rösser und Exkremente hatten es gut. Ställe und Kanäle gelangen manchmal wunderbar. Nur Menschenheime im Sinn und Rang des Hauses Elcho fehlten, denn es fehlten die Menschen dazu. Langsam begann er die Leistung seiner Mutter zu begreifen. Diese jahrelange, zähe, unbeirrbare Treue zum Ideal. Das einzig im höchsten Sinne europäische Heim war am Herzen des Dschungls erschaffen worden.
Welche Selbstverlöschung, ihn in diesem Werk Europa anbeten zu lassen, statt sie. Wie weise lang hatte sie ihm die sprühenden Sporen dieser Illusion bewahrt, die ihn hinaufgebäumt aus goldner Sinnenmulde in die herbe Kraft lotrechter Geistigkeit.
Langsam drehte sich die ganze Kuppel an seiner Jugend Wunderbau in einen neuen Aspekt hinein. Manche Absicht klärte sich, überraschend gelöst -- mehr noch blieb vieldeutig, doch war er ohne Ungeduld. Zog wie auf Wolken über diesen Kontinent dahin, unangreifbar in seinem Kraftfeld: fern, stark und unberührt als ein Schauender.
Seit der Hosenrock-Episode schnitt er Dallmeyer. Schämte sich zu sehr für ihn. Saß denn bei so einem kastenlosen, durch ewige Bastardierung Entzüchteten keine einzige Hemmung, keine einzige Qualität mehr generationenfest? Hatte man so einen Mischkerl allein, war er meist ganz leicht besserem Niveau zugänglich, schon seiner affenartigen Charakterlosigkeit wegen, mimte unter der Hypnose eines Vornehmeren Verständnis ohne Heuchelei, um sich dann, bei der ersten Probe, fiel Einzelverantwortung weg, der Masse: »dem Vieh ohne Großhirn« gleich zu benehmen. Das erklärte dieser furchtbaren Vibrionen der Verpöbelung Virulenz und leichte Übertragbarkeit auf scheinbar Immune. Immer waren eben hier die wichtigsten Dinge einem schauerlichen Zufall, einem schamlosen Ungefähr ausgeliefert. Heiratete man etwa eine Frau, die einem gefiel, wünschte sich gleiche Kinder, krochen vielleicht Wechselbälge aus ihr, nicht von Hexen in der Wiege, von üblen Tanten im Mutterleib vertauscht, weil der Typus nicht feststand, die Frau selbst nur ein freundlicher Zufall war, aus einem _qui pro quo_ gemischter Akzidenz zusammengewürfelt.
Natürlich hatten sie wieder aus ihrer torkelnden Planlosigkeit eine wissenschaftliche Theorie gemacht. Samossy versuchte ihm einmal so einen Humbug mit dem Ahnenverlust einzureden: da das Individuum die Summe aller Eigenschaften und Erfahrungen seiner sämtlichen Vorfahren sei, bedeute jede Inzucht: jeder Vater und Mutter gemeinsame Ahne eine Verminderung des möglichen Eigenschafts- und Erfahrungskomplexes: Mensch. Je heterogener daher an Stamm, Rasse, Kaste, Blut, Heimat, die Vorfahren, desto reicher die Nachkommen.
Da hatte er nicht mehr an sich zu halten vermocht: