Part 20
Durch die verhockten Massen sentimentalte verträumt die sandhelle Kellnerin dahin; verschüttete von Zeit zu Zeit Kaffee. Eine aufbrüllende Kanaille, ein blaurotes Tier, stürzte dann der Manager jedesmal herzu. Die Roßdiebsvisage versank fast bis zum Balkanscheitel im Hals, so schwoll ihm der Schlächtertorso vor Wut.
Einmal war bei den Literaten der Doyen der Ästheten erschienen, hatte in einer Sprache -- von Krause als »gepflegtes Galizianisch« bezeichnet -- ein Räsonnement gehalten, anscheinend über die Grenzen des Stehlens oder wie er es nannte: »das Schöne aus der Vergessenheit heben.« Und er deutete mit zarter Würde an, der Menschheit diesen Dienst öfters geleistet zu haben.
»Bei Plotin oder dem Kusaner würde sie es weder suchen noch fassen.«
Nach einem Blick auf die Hosenbeine hatte Horus beschlossen, es doch lieber bei Plotin, wenn überhaupt, zu suchen. An diesem Abend ließen sich die Übrigen gleichfalls ethisch los. Ein Längst-Arrivierter dozierte:
»Nur immer in Russen machen, so kleine feine Züge _à la_ Dostojewski -- sind ja billig genug -- im Buch verstreuen, wie Ostereier in Salonecken, damit der verblödetste Kritiker sie noch finden muß; das freut ihn dann so, daß er den Kneifer verliert.«
Ein Eben-Arrivierender warf mit dem Ende des Eckzahns Offenbarungen und Tips unter die minder erleuchteten aber zahlreicheren Glieder der Zunft:
»Nur immer Galopp schreiben. Transitive Verben. Intransitiv gebrauchen. Vorn. Hinten. Überall. Alles weg.«
Erläuterte an Beispielen.
Das Resultat schien Horus eine Art »Pidgin«-Deutsch analog dem »Pidgin«-Englisch: Hafendialekt wie ihn Kulis und Nigger sich aus aufgeschnappten Brocken zusammenläppern, die Sprache dabei, um eine Dimension verstümmelt, in die Froschperspektive rücken, statt Klavier etwa sagen:
»Großer Kerl Kasten Master haut ihn er zu viel schreien.«
Nur daß bisher Niemand in Asien gefunden hatte, der Begriff: Klavier sei in diesem Kraut- und Rüben-Ausdruck konziser geworden, weil der Kuli die Artikel weggelassen.
Schließlich endete es wie immer an hohen Geistesfesten hier: alle pfauchten Kultur durch die Polypen ihrer Nase oder stelzten auf den Eiszapfen ihrer Phrasen einher, bis Scheuer-Weiber, aus Spülicht gezeugt, Kübel voll Grauen durch ein Lokal erbrachen, das vor Entsetzen Kopf stand auf Inseln aus Kaffeesud und Tabak.
Der Fremde sann: Da sind sie so stolz; weil alle hier Lesen und Schreiben können, und können doch nicht stehen, schreiten, ruhen, grüßen, danken, also: leben. Somit eigentlich doch auch wieder nicht »lesen und schreiben«, insofern »Lesen« Erfassen fremden Lebens -- »Schreiben« Lautform des Eigenen ist.
Professoren traf man selten im Café. Nur eines Platzregens wegen war Dallmeyer flüchtig hereingetropft, mit ihm eine dunkle, eher feine Person, und drei slawisch-germanisch-semitisch gewürfelte Kinder. Beim Anblick Bekannter wehte der Lodenkomet samt Schwanz eilig von dannen. Krause, gleichfalls im Fortgehen, grüßte nach, schlug sich auf die Froschschenkel: »Familie Dallmeyer.«
»Daß ein so rabiater Antisemit eine Jüdin zur Frau und, wie es scheint, gar Kinder mit ihr haben mag,« meinte Horus.
Krause verteidigte den Gönner:
»Oh, das ist nur eine Gewissensehe. Er kann sie jederzeit ruhig sitzen lassen.« -- Krause betrachtete wohlgefällig seine Couleur durch die Regenhaut hindurch. -- »Die Kinder illegitim, da braucht er so wenig zu zahlen -- nein, das zählt wirklich kaum.«
In seiner zerstreuten Verblüffung griff Horus nach dem Blatt, das der Enteilende zurückgelassen. Seit jenem ersten Morgen in Paris hatte er keine Zeitung mehr berührt. Schon eine Tatsache auf diesem Weg erfahren, schien ihm, als solle er seinen Durst mit Wasser aus einem Kamelmagen stillen. Was er jetzt in Händen hielt, war eine akademische Fachschrift: Deutsche Korpszeitung stand darauf: ja, war er denn irrsinnig geworden ...?
»Und die Möglichkeit des Vieltrinkenlassens ist auch notwendig. Verbieten wir das Resttrinkenlassen, so kann jederzeit jeder trinkfeste Fuchs jeden weniger vertragenden Korpsburschen in Grund und Boden trinken, und die Autorität ist hin oder aber, wir schaffen die Bierehrlichkeit und damit die Grundlage jeder Kneipgemütlichkeit ab. Verbieten wir das Vollpumpen, so geben wir ein Erziehungsmittel aus der Hand. Die Kneipe ist für uns, was der vielgelästerte Kasernenhofdrill, der Parademarsch für den Soldaten ist. So wie dort das hundertmal wiederholte >Knie beugt< nacheinander Faulheit, Wurstigkeit, Trotz, Wut, Schlappheit und Ermattung überwindet, und aus dem Gefühl hilfloser Ohnmacht und völliger Willenlosigkeit vor dem Vorgesetzten die Disziplin hervorgehen läßt, so bietet bei uns der >Rest weg< dem Älteren vor dem Jüngeren immer Gelegenheit, seine unbedingte Überlegenheit zu zeigen, zu strafen, Abstand zu wahren, die Atmosphäre zu erhalten, die für das ständige Erziehungswerk des Korps unbedingtes Erfordernis ist, wollen wir nicht Klubs werden. Der >Rest weg< ist nicht immer, nicht bei jedem angebracht, aber es muß über der Kneipe schweben ...«
War er denn irrsinnig?
Auch Samossy versah ihn mit Fachlektüre. »Vielleicht interessiert Sie das,« -- es waren Korrekturfahnen zu Dallmeyers neuem Werk, einem breitschultrigen Band über: Periodizität im Organischen. Dann nach einer Woche, mit erwartungsvollen Nüstern: »Nun?«
»Der eigentlich beweisende: der mathematische Teil strotzt ja von kindischen Fehlern.«
»Das Rindvieh,« jubelte Samossy ein ums andere Mal. »Und das Rindvieh merkts nicht, die Fachkollegen merkens auch nicht und andre lesens nicht. Also Niemand merkt's. Das ist der Segen der Spezialisierung.« Er duckte sich zu einem Knäuel funkelnder Bosheit zusammen.
»Dieser Teil ist nämlich von mir, und kommt es schließlich heraus, ist auf alle Fälle er der blamierte Europäer. Genannt hat er mich nicht als Mitarbeiter, müßte also nachträglich eingestehen, er ließe sich seine Bücher heimlich von Andern schreiben.«
Samossy spie Glück.
»So ein Mäuseschlächter, Drüsenkitzler, Vergifter kleiner Nagetiere. Quirlt einen Frosch und wird Dozent. Sperrt einen Ratzen in einen Labyrinthkäfig, schaut zu, um wieviel schneller das Vieh jedesmal herausfindet, wird dafür Professor. Und das packt plötzlich der Raps fürs Fundamentale; Eitelkeit ist ja doch die Hauptwelle im Betrieb, der übrige Schwachsinn rotiert nur blind drum herum.
Na, da hab' ich ihn eben her--ein--ge--legt. Auch Freundchen Krause werd' ich he--rein--le--gen beim Rigorosum. Weil der Alte in Remscheid Klosettpapier verkauft, glaubt man sich reif fürs Doktorat der organischen Chemie, und weil der Onkel gerade Rektor ist, glaubt man sich bei mir im Nebenfach sicher.
Wie das bei den Vorlesungen zugeht, weiß ja jeder. Der Vortragende schmiert vier Semester lang Zahlen an einer Tafel herunter, die man mechanisch kopiert, sulzt dann Formeln in sich hinein, von deren Konstruktion man keine Ahnung hat und die -- weil nur gemerkt und nicht begriffen -- vier Tage nach dem Rigorosum durchs Hirn gefallen sind, wie ein Pflasterstein durch Nebel. Der persönliche Erkenntnistrieb beruhigte sich ja längst bei der Variante: ich saufe, darum bin ich. Aber hereinlegen werd ich ihn, schmeißen werd ich ihn, den >Fernhintreffer der Taktlosigkeit<.« Er feuerte hinten aus vor spastischem Wutglück.
Horus war so leid um ihn, herzzersprengend leid. Dann, um abzulenken, auch in dem Wunsch, mit diesem Dennoch-Großen einmal andere Geistesgebiete, als die seines Faches, zu berühren:
»Für all diese jungen Leute wäre es eben rätlicher, statt der >Korpszeitung< lieber doch noch einmal: >Über Anmut und Würde< von Schiller nachzulesen.«
Und erschrak. Bei dem Wort: Schiller hatte sich Samossys mächtiges Gesicht auf einmal zu einem ganz kindischen Knoten hilflos diabolischen Hasses zusammengeschnürt. Es war so entsetzlich, so unbegreiflich, so schamlos und beschämend zugleich, daß der fremde Gast rasch die Aschenschale umwarf, die ganze Situation damit umwarf; Trivialitäten dazwischen warf, um nur ganz wo anders wieder beginnen zu können. Weg von dem bösen Infantilismus, der grünen Wut, die unbegreiflicherweise Schillers Name ausgelöst zu haben schien.
Da sagte Samossy unvermittelt, dranghaft:
»Kommen Sie mit über Pfingsten. Wir wollen auf einen hohen Berg steigen und Zarathustra lesen.« Dann, hinterhältig, geheimnisvoll: »Man muß vom Weibe loskommen.«
Horus erwärmte sich. Seit dem Abschied von Asien hatte er keinen Sonnenaufgang auf einem Pilgergipfel mehr erlebt. Gut würde das tun. Endlich wieder.
Sie trafen sich am Bahnhof. In Deutschland sein erster. Überall auf Plakaten hingen, zwischen Ausrufungszeichen, an den Wänden lapidare Beflegelungen des Publikums und andrer Wesen: --
»Wandervögel benehmt euch!« ... »Unterlaßt ... sonst ...!« »Keine Kirschkerne ausspucken, sonst ...!« »Wer unbefugterweise ... der wird nach Polizeiverordnung vom ...!« --
Lauter hingeschnauzte Imperative. So geleitet fuhren die Leute in ihre Spiele und in ihre Muße hinein. Noch fuhren sie aber nicht. Barsche Götzen mit Schirmmützen und lächerlich doppelt zugeknöpft, hinderten vorläufig jeden, dort hinzukommen, wo er hin sollte und wollte. Erbitterte Menschentrauben hingen um zwei vergitterte Löcher, wo in Käfigen andre Götzen hockten und sich weigerten, Geld zu wechseln, oder plötzlich das Milchglasfenster ihres Käfigs den gehetzten Massen vor der Nase herunterknallten. War es endlich wieder offen, mußte jede zitternd abgequetschte Menschenbeere sich ducken vor dem Käfigloch, als kröche sie um Gnade; sie kaufte aber nur um ihr gutes Geld eine Fahrkarte, von einem, den sie dafür selbst angestellt und bezahlt hatte.
Genau wie vor dem Postamt neulich, mit seinem Bücherpaket für Erasmus! Auch dort vor einem Gitterkäfig die zuständige Sklaventraube: Männer mit Krampfadern, Frauen, Angst um anbrennende Milch in den Augen, Arbeitnehmer aller Grade, bei denen Qual marternder Langeweile mit hämischer Genugtuung, ihre Brotgeber um so viel schöne Zeit zu prellen, rang. Alle aber bekamen diese dunkelleere, geduckte Süchtigkeit im Blick, traf er den Käfig.
Endlich mit seinem Paket dem Götzen im Loch gegenüber, war dieser ans Gitter gefahren:
»Unvorschriftsmäßige Verschnürung.«
Also hieß es heimkehren, dann zurück, mit dem neuverschnürten Paket sich wieder anstellen. Diesmal stocherte der unrasierte Götze vermittelst einer Feder unter der schwarzen Nagelplatte des Mittelfingers mit dem rändigen Ring -- äugte das Paket wie einen Todfeind, dann sich erhellend, grob:
»Siegel fehlen.«
»Bitte wo und wie viele?«
Der Götze blähte sich violett auf:
»Hier ist kein Auskunftsbüro, glauben Sie, ich bin da, mich mit Ihnen hinzustellen -- -- weiter.«
Er kam zurück mit drei Siegeln.
»Vier,« spie es aus dem Käfig.
Er kam mit vier. Aus dem Götzenloch triumphierte es:
»Die Schnurenden sind nicht mitversiegelt.«
Schräg stand schon die Sonne, doch dies mußte ausgefochten werden, und er stürzte fort, zum fünften Mal wiederzukehren. Da winkte ihm ein alter Herr mit einer Pfundnase heimlich in eine Ecke beim Papierkorb. Er schien sie den ganzen Nachmittag nicht verlassen zu haben. -- »Psh -- Psh,« sein Speichel glänzte vor ihm her. Dann hinter einem Paravent aus Wurstfingern:
»Da ham's,« er kramte eine Handvoll runder, gummierter Pergamentplättchen mit verschiedenen Monogrammen aus der Tasche --.
»I schau Ihner scho n' ganzen Nomitto zu, und jetzt schau i no zu wie >er< -- sein Daumen wies gegen das Loch -- >zerspringt< -- dös san nämli Verschlußmarken« -- er klopfte auf die Plättchen -- »dö gelten statt Siegel, wanns ihm no mo net recht is, glei hinpappen -- alleweil glei hinpappen, da kann er fei nix machen.«
Er duckte hämisch gegen den Götzen. Der aber mußte den Vorgang gemerkt haben, ließ bis auf zwei Vordermänner den neugerüsteten Feind an sich herankommen, dann klappte das Milchglasfenster einfach zu. Die wartende Masse ächzte vor Angst. »Abrechnen tut er,« raunte es ringsum, und klägliche Blicke hingen sich an den Minutenzeiger, daß er nicht springe: vier Fünfersprünge und das Postamt schloß. Der Zeiger schüttelte die Augentraube ab und sprang zum ersten Mal. Das Milchglas rührte sich noch immer nicht. Die Herde knurrte bekümmert vor sich hin, bis oben voll geduckter Wut. Da wagte der Fremdling sich aus der Reihe, wand sich fechterglatt zum leeren Nachbarschalter, streckte den Kopf durch das Götzenloch und sah jenseits der niedren Zwischenwand den mit dem rändigen Karneol am Mittelfinger sich noch immer die schwarzen Nagelplatten ausstochern, während er einer kanariengelben Mitbeamteten aus dem Abendblatt vorlas. Da riß ihm die Geduld. Gut: diesem Lande Gast, hatte er sich seinen Bräuchen zu fügen, dies aber ging die Würde des ganzen Planeten an. Mit geballter Faust drang er gegen das Milchglasfenster vor, dem frechen Bureaukretin seinen albernen Scherben zerschmeißen; es war das einzig Gegebene. Welche Erlösung für die mißhandelte Herde, wenn es endlich geschah. Doch siehe da! Hatte er denn den Weltuntergang angezettelt? Die meisten flohen sofort, beherzte Männer voran, die früher am lautesten gemurrt.
»I muas nit von allm ham,« kreischte der heimliche Obstruktionist mit den Verschlußmarken und weg war er. Eine Rotte erbitterter Weiber warf sich indes mit Megärengebärden auf Horus, nicht mehr Angst um angebrannte Milch gab es, keine Krampfadern, keine bespiene Menschenwürde, nur einen, der ihnen allen zu Hilfe kam: der gemeinsame Feind.
Ach so: sie liebten das also offenbar, bezahlten es eigens. »Pardon, ein Mißverständnis.« Eben ganz wie in dem Masochistenbordell zu Paris. Sir Osmond hatte ihn der Kuriosität halber einmal dort eingeführt -- Zuschauer beide -- denn manche Kunden wünschten ausdrücklich auch Publikum zu dem etwas gewaltsamen Empfang, den sie sich bis auf jeden Handgriff genau, brieflich und um schweres Geld vorausbestellt hatten.
An jenem Abend hatte sich nun, der Himmel mochte wissen wieso, ein schlichter _outsider_ hierher verirrt. Offenbar fehl am Ort und durchaus nicht im Bilde, war der brave Mann in heller Empörung einem Habitué zu Hilfe geeilt, als dieser, seiner innersten Neigung nach, schon an der Türe, nachdem er lange vergeblich gewartet, mit einer Flut von Injurien durch eine Beamtete des Unternehmens empfangen worden war. Der in seinem Vergnügen Bedrohte, an Ureigenstem verstört und gehemmt, zeterte nun seinerseits los:
»Wo die Ordnung bleibe -- Wirtschaft --! Ob man meine, er zahle sein Geld für nichts? _Sacré nom d'un petit chien marron!_ -- Wozu unterhalte man denn sonst den ganzen Betrieb!«
Und nun begannen alle: Handelnde und Behandelte über den schlichten _outsider_ herzufallen und warfen ihn die Treppe hinab. Sogar ein Ölreisender in Pyjamas war, wie aus der Kanone geschossen, plötzlich dabei und beteiligte sich unter Beteuerungen, daß er ganz normal sei, aber sicher noch seinen Nachtzug nach Lyon versäumen werde, an dem Strafgericht. Stürzte dann wieder zurück -- -- _fait vite -- fait vite_ -- rief es aus dem Zimmer, machte bei halboffener Türe ein paar Griffe an seiner Dame, fuhr herein, heraus und in seine Kleider, fand zwischendurch noch Zeit, sich bei der Direktion über »_cette grue_« zu beschweren. Frechheit, während seiner Liebe habe sie einen Apfel vom Nachtkästchen genommen, hineingebissen und die Kerne zum Plafond gespuckt, wie um zu zeigen, auch sie wolle eben ein Vergnügen dabei haben. Kränkend sei das! »Freche Hure«. Er spuckte aus und sauste mit zwei Musterkoffern die Treppe hinab. Vielleicht hatte er vor dem Tor gar den Hinausgeworfenen noch überholt und im Vorüberstürzen Zeit gefunden, diesen über den Grund des Treppenflugs sexuell aufzuklären.
Ein Mißverständnis eben. Nein, Horus würde in deutschen Amtslokalen nicht mehr »schlichten _outsider_« zu spielen versuchen. Staunte auch nicht, als jetzt ein neues System teuflischer Netze den schäumenden Haufen, knapp vor seinem Ziel: dem Bahnsteig, abfing, daß er davor zu einem Block Unluststoffe gerann, dessen Lodenhülse unter dem Druck sich durch die Gitterstäbe spannte als platzende Ballonhaut. Drei Zentimeter jenseits, vor Himmel und Schienen, gähnten ein paar Götzen mit Zwickzangen im Leeren, vor der leeren, längst bereiten Zugsgarnitur.
Samossy, in die Ecke getrieben, bis an den Hals im Pöbel, starrte dunkel und süchtig hinüber. Hatte die Ohren zurückgelegt, spannte die Stirnhaut, röchelte dumpf und eingespeichelt glücklich. Dann wie zu schlechtem Gewissen erwachend:
»So ein moderner Verkehr hat doch etwas Imponierendes, diese musterhafte Ordnung, daß alles so klappt.«
Und sank wieder in träumende Starre.
Im Block unter der Lodenhülse aber brodelte Ärgernis: unerzogene Mütter trieben mit Püffen Anstand in ihre falschgebornen Kinder hinein, den diese wieder schreiend erbrachen. Männer rissen sich immer wieder viehisch Wege zu Büfett und Zeitungsstand. Den Raubmord von heute gierig schwingend, den Raubmord von gestern achtlos um den Leberkäs gewickelt, ritten sie dann, zurückgaloppierend, Schinkenstullen unter dem Rucksack mürbe.
Jeder Ankömmling aber stieß auf wutgerundete Rücken der Abwehr. Wieviel so üble Zweibeiner gab es denn noch, wie man selber einer war? Fassungslose Empörung! Man konnte das eigne Zahlreichsein offenbar noch nicht meistern, hatte sich schneller vermehrt als daß dem Einzelnen seine persönliche Gleichung gestattet hätte, sich dieser Verdichtung anzupassen.
Pöbeldichte ist das Infernalische hier, fühlte der Fremde; dieses geistig und leiblich einander auf die Hufe spucken. Pöbeldichte, nicht Menschendichte, denn diese schafft ja positive Qualitäten: etwa Chinas Rücksicht und Diskretion, kann doch bei Übervölkerung die unersetzliche Einsamkeit dem Einzelnen nur durch zarte und kultivierte Manieren der Vielen gewährleistet werden. Er träumte sich zurück in das südliche Blütenland, das »Land der Lebendigen«. Wieder stieg die Paganinipyramide auf, doch diesmal trug sie ihn durch Stunden und über diese ganze Fahrt hinweg, wie zum Dank für einst. Manchmal schrak er glücklich lächelnd auf, wog seinen Reichtum: »Wieviel war meiner Jugend beschieden«. Auch »geflügelte Perle« kam.
»Ich will dich das Geheimnis des Fußes lehren und meiner älteren Schwester das Geheimnis der Blume Lan.«
Seidnes Wesen!
Sie hatte ihr Versprechen gehalten.
Aus der Zahnradbahn keuchte es jetzt, sich überrennend, dem Hotel unter dem Gipfelkopf zu, einer im Kielschweiß des Andern, Kinder und Rucksäcke schleiften nach. Im Tor schäumten Wirt und Pilgrime gegeneinander an.
»Zu fünft drei Betten -- ausgeschlossen, da sorcht ja schon die Behörde jejen!«
»Aber Ludwig, ich bitte dich, Trude und Hans in einem Zimmer!«
»Bleibste in der Depandanxe -- nöch?«
»Na, denn nich.« -- Und auf einmal ließ man das ganze Übernachten stehen, riß sich angstvoll um die Speisekarte -- zu reservieren, was zu reservieren war. Familienväter bestanden auf fünf Kalbshaxen, Kinder grölten nach Apfeltorte; es ging um Tod und Leben, als eine Person mit angekettetem Kropf zwei graue Beete aus Krügen in den Männerarmen hereintrug.
Auf einmal waren alle Mehmkes da, samt Töchtern, Schwiegersohn und Enkel Fritz, von Krause flankiert. Dallmeyer blies schon Bierschaum in den Ausschnitt von Margrinchens rosa taffet Bluse über dem Lodenrock.
Samossy, gänzlich verwildert, umwieherte indes die Kellnerin. Doch ihre rotpunktierten Männerarme in den kalkharten Puffärmelchen waren jetzt frei und schützten sie erfolgreich ringsherum.
Langsam mit dem Speisendunst ging die Stimmung ins Breite, Qualm nikotinisierte den Verdruß. Schon war die Luft fast so dick wie zu Hause, und nahrhaft von vergastem Fett.
Jetzt hieben ein paar Tatzen voll Töne in den Brodem. Ein Auswendighämmerer begann Kraut und Rüben durcheinander zu hacken, riß dem Klavier die Stockzähne aus, schmiß sie der Dulliöh-Stimmung in den Rachen: aus einer Art Beethoven _cake walk_ schmalzte er in ein Carmen-Meistersinger-Potpourri hinein, schlang diesem den Liebestod als Boa um und markierte dem wiehernden Saal die Glocken aus Parsifal, mit dem Gesäß auf der Klaviatur, landete dann mit einem Flohsprung mitten im letzten Satz der Neunten Symphonie, boxte sich durch bis an die Menschenstimme -- -- --:
»Nee, so was Gemütliches, nee so was Gemütliches, Mir wackelt vor Lachen der Bauch, Na siehste, dir wackelt er auch.«
Und die Sonnenpilgrime fielen mit der zweiten Strophe des Sensations-Schlagers der Saison ein:
»Vor Gericht zur Ehescheidung ist zur Sühne heut Termin.
Er in eleganter Kleidung, sie sehr schick, Hut voll Jasmin.
>Wollen Sie sich nicht vertragen?< fragt der Richter ehrfurchtsvoll.
Als sie grade ja woll'n sagen, schreit ein Weib: >Paul, bist wohl toll!
Laß die alte Zicke türmen!< >Was, Sie Mensch!< schreit darauf die Frau;
Nun geht's los mit Regenschirmen, alles schlägt ein'n Mordsradau.
Zähne, Zöpfe umherliegen und der Richter bietet Ruh.
Süße Schmeichelworte fliegen. Ekel, Lulatsch, alte Kuh!
Selbst der Richter kriegt zum Schluß im Gewühl eins auf die Nuß.
Nee, so was Gemütliches etc.«
Draußen -- draußen standen irgendwo Sterne -- groß und weit weg.
Um Morgengrauen barsten Wecker auf Tellern, kreischten spitze Trichter hinein. Ein finstrer Knöchel kam von Tür zu Tür, zerklopfte durch Holz hindurch Träume im Hirn. Das Hemmungslose der Aufstehgeräusche stand plötzlich mitten in fremden Zimmern. Durch Korridore schlurfte es ohne Kragen, in Hemd und Unterhosen. Wie ertrugen sie nur eine Tracht, die tagtäglich durch dieses entwürdigende Stadium hindurch mußte?
»So mach doch vorwärts -- noch nicht fertig?« -- Dann wieder in seltsamem Hedonismus: »Na, freu' Dich bis wir nach Haus kommen!« Türen knallten; grün vom Fleisch und Bier der Nacht, stolperte es in karierten Plaids durch die silberne Frühe. Ein Pfahl im Schotterhaufen und eine Ansichtskartenbude markierten den Gipfel.
Jetzt war es so weit:
Ungezogenes Gebrüll verkündete das Herannahen der Sonne. Männer riefen: »Na also!« Frauen: »Ach wie süß.« Jeder rief irgend etwas.
»Ja, so ein Sonnenaufgang bleibt doch ein Sonnenaufgang,« begann Fräulein Mehmke -- dann ward es ihr bleich vor dem anämischen Hirn, sie hätte gestern nicht so viel Schlagsahne zu den Birnen essen sollen.
Dallmeyer stieß indes aus den Wolken seines Bartes die ersten Töne von Brünhildens Erwachen: »Heil dir, Sonne!«
Krause war dagegen:
»Nee, nee, lassen Se se lieber in alter Weise tönen.«
Und Margrinchen, die wieder funktionierte, ratschte weiter:
»In Brudersphären Wettgesang, und ihre vorgeschriebne Reise --«
»Reise« -- erinnerte sich Frau Geheimrat, im Rucksack kramend -- »hast du am Ende das Reisebesteck vergessen? -- Vater braucht den Pfropfenzieher.«
»Nun, Fritz, wie geht es weiter,« examinierte Mehmke, »in deinem >Goethe für Jungens< hast du's ja beinahe unverkürzt.«
Aber Fritz maulte: »jetzt is Ferien.« Und er intonierte das Lieblingslied von jung und alt:
»Mariechen, Du süßes Viechen, Sie ist eine ne--te--te--te, Diva von der Oper--e--te--te--te.«
Da es ihm seine Mutter oben verwies, quäkte er es um so lauter etwas weiter unten bei den Kühen, kam aber bald zurück, denn man leerte aus den Rucksäcken Konserven in die Natur, die Fransen von Mehmkes Plaid schwammen schon im Sardinenöl. Man kaute und schrieb zwischendurch Ansichtskarten. Männer entfalteten markig das Abendblatt; weise diesem zeitungslosen Sonnenaufgang entgegengespart. Es war voll der neuesten Pariser Sensation: dem Hosenrock. Seit Wochen flossen die Gazetten aller Parteirichtungen über von Bulletins. Würde er sich wirklich auch außerhalb Frankreichs als Mode durchsetzen? Unmöglich ... bei keiner anständigen Frau ... die Entrüstung war allgemein.
»Geiler, welscher Tand.« Dallmeyer röhrte auf germanisch.
Margrinchen zeigte ihm, wie mühelos ihr eigner Rock aufzuknöpfen sei: entarteter Abkömmling eines verjährten Pariser Schlitzmodells, nur daß sein planlos Affenhaftes hier ins stockend Barbarische geraten war.
»Echt weiblich und doch praktisch,« lobte Dallmeyer, »echt deutsch!«