Part 2
Von dort schweifte er mit mir auf. Wie ich so gebreitet lag im staubigen Zimtduft der großen Federn, schlossen sich meine Schultern genau dem Schwung seiner Flügel an. Meine Arme begrenzten sie als lichte Säume. In den gespreizten Federfingern war eine schwingende Kraft. Ich trug mich selbst durch die anstürmende Bläue. Auch im Herzen war ich ihm und in den goldnen Augen. Nur die Gedanken blieben mein. Ich genoß den Raum wie eine Symphonie der Richtungen. Leer von Dingen, mit nichts als diesem unirdischen Äthersturm unter den Flügeln, ließ ich mich in einer wundervollen Kurve, die der Wille meines Blutes schrieb, in den oberen Lichttrichter hinaufsinken. Den Sonnenkern im Auge.
Was mir dort geschah, war so schön, daß ich es nicht mehr weiß.
Mir ist nur, als wäre die Spitze meines Herzens leuchtend geworden und mit ihm die Adern an meinem Haupt. Und von der hundertundersten Ader ging ein Strahl hinaus -- bis in den Herzkern der Welt, um den alle Ströme und Wirbel treiben. Nach zeitlosen Wonnen kam ich mir zurück aus Ader und Strahl. Lag wieder als Körper in braunseidenen Schwingen und sagte schwer von Abschied:
»Pardon, ich muß jetzt aufwachen.«
»Schade,« meinte der Falke, -- »recht schade. Ich dachte, wir wollten im Westen landen, aber« -- er schien nachdenklich -- »vielleicht wäre es Ihrer Mutter nicht recht gewesen.«
Ich wollte verneinen -- ihn zum Weiterfliegen bewegen: da floß der reife Schlaf auseinander.«
»Nicht recht gewesen.« Sachte belustigt horchte er den Traumworten nach. War doch, so lange er denken konnte, jedes Schöne, jedes Geschenk seiner Mutter für ihn aus eben diesem geheimnisvollen Westen, über den Löwenozean, hergekommen.
Nur Gargi nicht: sein Liebesgespiel.
[Lebendiges nie.]
Aber all die glitzernden Zwitter aus Zweck und Zahl: Räder -- Rolls-Royce -- Jacht, jedes wieder bedient von einem Stab wundervoller Werkzeuge. Durch das ganze Haus pulste dann Jubel; Erasmus van Roy verließ Bücher und Instrumente, er und der japanische Monteur des Hauses begannen zu zerlegen, zu erklären, bis der junge Besitzer den neuen Ankömmling wie seinen Leib beherrschte, im Gleiten der Achsen war wie in sich selbst: Lenker und in Wahrheit Herr.
Quer durch das Bilderspiel ging eine Stimme, sehr gepflegt, leicht gebrochen:
»Wärt ihr weitergeflogen, wir hätten uns im Westen treffen können: Bei Tag wirft man mich zwar ins Gras; heut nacht aber hab' ich im größten Zirkus Londons einen Elefanten im Diu-Diuzu besiegt. Schon bei der Ankunft in Charing-croß war alles voll Plakate. Peinlichst berührt, sah ich an allen Wänden, in Überlebensgröße den Elefanten und mich -- mich und den Elefanten. Buchmacher liefen umher. Legten Wetten. Ich floh in ein geschlossenes Cab. Sauste ganz draußen immer rund um London herum in der Hoffnung, sie fänden mich nicht. Sie fanden mich aber. Kein Sträuben half.
Schwarz war alles vor Menschen, und inmitten der Arena stand schon der Elefant und krempelte sich die Ärmel auf. -- Es begann wie der XXII. Gesang der Ilias: Achilleus und Hektor. Doch wie ich das drittemal um den Zirkus lief, kam mir der »große Drachengriff« wieder, von dem doch Jamagata uns immer zu sagen pflegte: »_And then you finish your man_ -- dann beenden Sie Ihren Mann«. Nun, ich beendete meinen verblüfften Elefanten. Packte seinen Rüssel und schloß ihn im »großen Drachengriff« wie in einem Schraubstock fest. Führte ihn gebändigt dreimal um die Arena unter dem Jubel der zehntausend entzückten Zuschauer.«
Auf einmal fühlte Horus sich von rückwärts sanft umarmt -- hochgezogen und plötzlich im »großen Drachengriff« zu seinem Rade geleitet.
Erheitert fuhren sie heimwärts.
* * * * *
Das Haus der Elchos war von köstlicher Glätte.
Zwischen diesen Menschen, ihrem Wohnen, allen Dingen, die sie berührten, war jene adlig verwandte Lauterkeit, Reine und Noblesse, die _aus der Knappheit aller Begrenzungslinien ersteht_.
Wie sie selbst in jeder Gebärde stets die eleganteste Lösung der Gleichung »Mensch« darzustellen nicht müde wurden, so mußte auch der bescheidenste Gegenstand, der hier geduldet wurde, restlose Lösung seines Sinns verkörpern -- bis in die letzte Linie hinein.
Neue Formen waren lediglich neuen Bedürfnissen entsprungen, wie die Kurve des Türgriffs nachgegossen dem Druck der Hand.
Dieses Heim enthielt keinen läßlichen Gegenstand. Jeder unerläßliche aber hatte den Charme gewachsener, doch nicht _unmittelbar_ gewachsener Dinge: als hätte die Natur dies alles durch das Medium eines Lieblings schaffen lassen wollen, der aus reineren Gesetzen schöpft als sie. Das Ding aus Zweck -- Zahl -- letzter Geisteszucht, hier berührte es sich wieder, ein Lebendiges höherer Ordnung, mit dem Organischen, das gleich ihm nie _gewollt_, nur _geworden_ wirkt.
In diesem Heim gab es kein Kompromiß. Jedes Problem mußte restlos, wenn auch einmalig und höchst persönlich gelöst werden. Sonst völliger Verzicht. Und alles ward hier wieder zum Problem, denn jede Frage wurde neu gestellt.
Von den Fundamenten auf.
Schon in der beglückend reinen Kurve, mit der fugenlos die Wände aus der Decke in den Marmorboden übergingen, der nachzugleiten pausenlose körperliche Wonne schuf.
Jeder Raum, geschlossen durch die Synthesis von Einordnung und Eigenleben der Dinge, wirkte als ein Monolith. Kein Gegenstand griff, optisch zudringlich, hinüber in das Gebiet der Bewohner, und die Reizfülle, die Anmut, mit der das Leblose im Dienen ganz sich darbot, verlieh ihm etwas Genienhaftes, wie aus Märchen her. Dinge, die ihren Herrn erraten -- weiser sich benehmen, als er in seinem Alltag, sind sie doch Geisteskinder seiner höchsten Stunde; aus Phantastisch-Schöpferischem und dem Regulativ technischer Klarheit in wägendem Gefühl ans Licht getrieben. Wissen um die Struktur, um das Geheim- und Kristalleben der Materie; Marmoräderung, Holzflader, Reflex oder Biegsamkeit der Erze und Erden: dieser Komplex von Geist-Zucht-Wissen-Können ...; die Gleichung all dieses: ein Torsturz -- eine Fensterbank -- ein Leuchtkörper.
Etwas vom Stil der Atriden.
Von der mächtigen bronzenen Milde Chinas auch.
Doch wiedergekehrt aus den Jahrtausenden in Abgeschliffenheit, Vertiefung, Beseeltheit und Präzision. Wie hindurchgegangen durch das Wesen der Newton, Lagrange, Helmholtz und Poncelet. Wiedergeboren aus einem höchst geistigen Äther: aus der gleichen Mühsal, Tapferkeit und Kraft, die den Bug einer Jacht, Kurve des Klüvers, der Wanten, einer Helice -- Nieten am Dampfkessel -- Drill des Rohres herausgeschliffen aus dem Amorphen.
Ähnlich all diesem. Artverwandt. Mit dem _geschwisterlichen Zug jener Elite der Dinge, deren Mutter die Echtheit ist_.
Atridenstil an Glätte, Fugenlosigkeit und Größe. Ihm unendlich überlegen an Problemstellung -- Lösung -- Erfüllung -- auch an später Einfachheit, die letzte Verwöhntheit ist.
* * * * *
Horus genoß diesen idealen Wohnleib und die Continuität seiner Stimmung von je wie das vertraute Gefüge eigner Glieder: natürlich und leicht erregt zugleich. Doch schien ihm vollkommene Gestaltung eines Wohnleibes zu den von selbst verständlichen Formen abendländischer Lebenshaltung zu gehören. In Struktur und Bestandteilen zum mindesten ebenso herübergesandt vom Genius der weißen Rasse wie reine Typen edler Mechanik: Werkzeug, Maschine, Instrument.
»Der Bau«. -- Immer wieder war das Wort aufgestiegen dort im ganz Frühen, wo das Ich noch nicht recht zusammenhängt. Kein lückenloses Geschehen bleibt. Immer nur einzelnes aus dem Vagen ragt: eine rosa Torte -- ein Klang, groß wie die Welt -- das Gesicht der Katze als furchtbarer Magnet.
Zwischendurch aber war immer das Wort »Bau« gewesen. Im Bungalow Tische, auf Reißbretter gespannt knisternde Bögen, groß wie Leinentücher, Mama mit wunderbar eckig-graden Geräten dran herabstreifend. Lärm, Leute, Lasten. Zu Wagen, zu Schiff. Dann geht man fort aus dem Bungalow in ein Großes, Lichtes, Liebes. Der »Bau«, was immer er gewesen sein mag, ist plötzlich weg, das Wort erloschen. Erst viel später weiß man langsam irgendwie, das Große, Lichte, Liebe sei eben der verschwundene »Bau«.
Vieles kam wohl erst später hinzu. Hing mit günstigen Kopra- und Teeernten, oder steigendem Ertrag der Graphitminen zusammen: so der Riesenrefraktor für Erasmus van Roy, das Laboratorium, der Instrumentensaal. Vielleicht waren noch Räume unvollendet. Er kannte nicht alle, hatte viele freiwillig nie betreten, wie manche Gemächer der Meditation. Denn jedem Bewohner des Hauses, auch ihm, auch Gargi seinem Liebesgespiel, war, östlicher Sitte gemäß, ein Raum zu eigen, den niemand als nur er betrat. Mit seinen Strahlen ganz erfüllt, lebendig von dem Fluidum seiner tiefsten Stunde: dem »kef« des Orientalen.
Die Gemächer der Meditation hatten weder Schloß noch Riegel.
* * * * *
Hoher Mittag. Nach seinem solitären indischen Lunch schritt Horus durch die Bibliothek. Der mannigfache Raum ging über in Terrassen aus durchscheinendem Onyx. Auf ihnen breitete Weiches sich rundum hin -- vor Luft und Meer -- bereit, ein Buch im Niedergleiten aufzufangen, denn: der diesen Raum ersonnen, hatte wohl gewußt: im Freien liest man nicht, man hebt ein Schönes aus dem Buch und träumt ihm nach, bis es im Blauen groß wird und zergeht.
Luftmüde kehrte er in den Zentralraum zurück, der von Büchern ganz umgrenzt war. Schräg floß aus hochgelegenem breiten Fenster das Goldne nieder; ließ die gestuften Tafeln der ungeheuren Mahagonitische aufduften wie Tiefland. Es leuchtete von Geist und Stille. Ihn aber zog es zu ganz beschatteter Versunkenheit. Aus dem Niedren tat es sich auf wie Grotten: taube Alkoven, wo tief in Pfühlen die Körper ausgelöscht sind und die Gedanken sich befruchten, indes ein klar und zartes Licht als Hochzeitsfackel leuchtet.
Ein kultivierter Europäer hätte gar bald in dieser erlesenen Bibliothek etwas höchst Sonderbares entdeckt und in wachsender Betroffenheit die hartnäckige, ja manische Konsequenz seiner Durchführung bestaunt. Lückenlos stand als seelisches Riesenwerk das Ethos Asiens da. Wie es, hochaufgerichtet in den lebendigen Körpern seiner Rassen, noch in die Gebärde seines letzten ärmsten Sohnes ein Unbeschreibliches an weiser Anmut gießt.
Da waren die Veden, Upanishaden, Bhagavad-Gita, Gajatri und Upnekhad. Auch die Sutras mit dem Kama-Sutra. Die sieben großen Philosophensysteme Indiens, gekrönt mit dem Vedanta, verströmend im Buddhismus. Chinas Religion des »guten Bürgers«: das Wu-king Con-fu-tses. Lao-Tsu, das Buch vom quellenden Urgrund, die unvergleichliche chinesische Lyrik. Überdies fast der gesamte Formen- und Geistesinhalt Ägyptens, Kretas, Babylons, Persiens.
Auch Europas?
Hier begann das Sonderbare. Während die Großen im Reich der Naturwissenschaften in Originalen und einer Vollständigkeit, die jener des Britischen Museums wenig nachgab, vertreten waren; während Neues und Neuestes unaufhörlich in Fachschriften zuströmte, enthielt dieser offenbar tiefdurchdachte Geisterbau keine Zeile, aus der auf Geschichte, Religion, soziale Zustände Europas hätte geschlossen werden können: auf Sexualbräuche, Sitten, Jus. Die Unnaturwissenschaften fehlten gänzlich.
Die Existenz des Christentums war ignoriert und aus den großen Philosophen jene Teile ausgeschieden, die es -- wenn auch in antithetischer Form -- streiften. Auch das meiste aus den Werken der Dichter entfiel: Faust, die historische Mordfolge Shakespeares; nur wo Oberon Herrscher, Ariel Diener, Böhmen eine Insel war, das blieb. Es blieben auch Schillers ästhetische Schriften, Lessings Laokoon, denn hier wurde Zeitlich-Gegenständliches durch divine Behandlung aus passagerer Umwelt ins Durchscheinend-Verklärte gehoben.
Auch das Süßeste des Minnesanges blieb, als dem Weltwesen der Liebe zugehörig. Außer Globen, Stern- und Weltatlanten gab es auch Spezialkarten Europas: Geographie, geologischen Aufbau, Städte, Kanal- und Eisenbahnnetz erläuternd. Da aber jegliche Historie fehlte, konnten die abgegrenzten Flecke: England, Deutschland, Frankreich, Spanien, ebensogut die vereinigten Republiken von Europa, die Provinzen des Großmoguls der Schweiz: Fürsprech Brüstli, als den Aktienbesitz eines Wallstreettrusts bedeuten.
In die Bibliothek mündete der Orgelsaal, mit Flügel und Streichinstrumenten, enthielt auch die Musikliteratur, mit Ausnahme jener Opernauszüge, deren Text in die geächtete Zone ragte.
Bildhafte Darstellungen hörten mit dem Ägyptisch-Griechischen auf. Auch in der Baukunst. Das Letzte: der Parthenon. Aus sämtlichen europäischen Büchern waren die Porträts ihrer Verfasser sorgfältig entfernt.
Erwuchs hier ein begabtes junges Wesen, so war ihm eine Umwelt bereitet aus europäischer Wissenschaft, Technik und Musik, Asiens mystischem Ethos und allen freien, daher gepflegten Liebesformen des Gesamtorients als Morgengabe.
* * * * *
Tief in seinen Bücherschluf geschmiegt, rosenquarzgedämpftes Licht zu Häupten, griff Horus nach einem Band Pascal. Er war seltsam erregt heute. Alle Nerven lagen wehend wie in einem flüssigen Medium, das hinstrebte nach zwei Polen: dem Traum und dem Rhajputen. Wollte sich sammeln, beruhigen, oder falls das mißlang, die Erregung, wie oft schon, zu einem Stachel machen, ihn ins Geistige zu treiben -- dorthin, wo die großen Zusammenhänge waren in dieser ganzen rätselhaften Raum-Zeit-Welt, zu denen ihn seit früher Kindheit heilige Gier immer wieder unter Schauern trieb.
Erinnerte sich dabei eines Ausspruchs, den Erasmus unlängst halb im Scherz getan:
»Die meisten Menschen bleiben dumm, weil sie feig, nicht weil sie unintelligent sind; es fehlt ihnen einfach der Mut, so lange zu denken, bis es weh tut! Doch dort kommen erst die Einblicke und Ausblicke.«
Seine Jugend war der Räude des Alltags fast ganz entrückt.
All den elenden Köterleiden, die in den schmierigen Augenblick herabzerren von einer Spanne zur andern. So blieb seine Seele feinhäutig und wach für die fruchtbare Qual der großen Fragen aller Kreatur, die ins Ewige ziehen. Denn nur zwei Wege tiefster Erschütterung gibt es, auf daß der Mensch außer sich gerate und über sich hinaus: den Weg der Qual und den Weg der Freude. Qual aber ist, je nach der sensitiven Stufe des Gequälten: für einen Heloten auch hundert Peitschenhiebe am eigenen Leib noch kaum, -- für Gotama Buddha war schon ferne Ahnung, daß es auf Erden etwas wie Alter und Siechtum gäbe, Leids genug und erschütterte ihn in die Vollendung hinein.
Horus hatte längst -- nicht nur aus van Roys Worten -- auch traumhaft erahnt: »das Wesen aller Dinge sei die Zahl.«
Wenn dann aus dem dreifachen Reich der Natur das Mannigfaltige hervorbrach, ihm die Sinne sprengen wollte, trat er zurück in die reinen Raumgebilde des Geistes: Schemata alles Erschaffenen und alles Erschaffbaren. Vor denen -- wie ihn gelehrt worden war -- der pauvre Klumpen dieses Kosmos ganz ohne Importanz wird, versinkt, sind sie doch tiefer und weiter als er. Denn die Gesetze der Mathematik gelten für jede mögliche Natur, für alle physikalischen Universen, die Riemann sämtlich vorausberechnet hat, und von denen das Eine -- Unsre, nichts als ein Spezialfall ist. Nicht aber gelten die Gesetze der Physik für Gegenden der Mathematik, denn: wo immer in der Natur eine _bestimmte_ Zahl erscheint, gleichsam als _Ursaite_ angeschlagen wird, da muß auch der gleiche Ton erklingen, muß gleiche Farbe, Gestalt und chemisches Geschehen sie begleiten. Die Zahlen und ihre Beziehungen sind Traversen der Welt, jenseits der Erscheinungen; wer in ihnen, ist in geheimnisvoller Weise auch im Baumeister aller Welten. Und van Roys Worte kamen ihm wieder:
»Was sind die kindischen und kläglichen Wunder aller Religionen, verglichen mit dem einen mathematischen Wunder der »harmonischen Teilung«, in Geometrie und Natur: dies Zueinanderstehen von Zahlen, aus dem die Proportionen der Musik und die Kegelschnitte sich gleicherweise erzeugen. -- Das geisterhafte Schema, nach dem die Welt klingt und die Gestirne sich bewegen.«
»Wo sonst ist ein Erahnen so herzerschütternd großartig für das Hereinragen eines Außerweltlichen -- geheimnisvoll Ordnenden. Wer da innen ist, durch den gehen die Fäden der erschaffenden Gesetze, der hängt gleichsam im ewigen Fadenkreuz und rührt an Grenzen des Unzerstörbaren.«
Da war es dem Knaben Horus oft, als ob ganz große Gedanken, die im Unvergänglichen dahinwehen, außen am Rand seines Erfassens vorüberstrichen, knapp an der dunklen Monade vorbei. Nur ein Weniges noch an sehnender Kraft, und er müsse ihrer mächtig werden, sie hereinziehen in das passagere Ich. Doch dies Vorüberstreichen schon rührte mit einem klar und magischen Glück an sein großpochendes Herz.
Daß er gerade heute Pascal zur Hand genommen? Vielleicht um des Wunders willen, daß dieser -- ein Kind von sechs Jahren -- mit einem Stäbchen im Sande spielend, die ganze Euklidische Geometrie aus sich entwickelt hatte. Mit winziger Kinderfaust dies Wissen von zwei Jahrtausenden erspielte, wie andre Steinchen halten. Horus schlug jene weltberühmte Abhandlung auf, von dem Halbwüchsigen -- kaum älter, als er selbst jetzt war -- der Akademie von Paris überreicht. Und er begann zu lesen:
»Über die Kegelschnitte«.
Doch die leuchtende Geometrie, der ätherische Glanzraum Pascals, schien ihm heute in eisige Phantastik seherhaft entrückt. Wo war in dieser Kristallwelt Durchdringung mit dem Warmen, das in ihm schlug: ein Vogelherz in harter Hand? Er ließ den Band sinken, blickte auf. Am andern Ende des Raumes war eine einfache Gestalt. Unnachahmliche Bescheidenheit lag als stiller Ring um sie.
Ein irgend Etwas an Haupt und Haltung ließ Horus fühlen, er störe nicht. Sei erwartet und willkommen. Drüben dann, in den weiten _easy-chair_ hineingeschmiegt neben den alten Freund, erkannte er, daß dieser nicht, wie er zuerst geglaubt, ein Buch, sondern ein aufgeschlagenes Manuskript in den Händen hielt. Und Horus las:
»Die Hyperbel hat mir von jeher etwas Gespenstiges gehabt, ohne daß ich mir einen Grund davon anzugeben wußte. Ich fand ihn indes nachher in einer symbolischen Beziehung, die sich ihr unterlegen läßt, und ich bin überzeugt, daß alle, die sich unterlegen lassen, in dem ähnlichen Charakter zusammentreffen. Man muß sie aber gleich in bezug auf die übrigen Linien betrachten.
_Der Kreis symbolisiert mir die Eigenliebe_: den Egoismus.
_Die Ellipse das Ideal der Liebesfreundschaft._
_Die Parabel das der Liebe gegen das Unendliche, Göttliche._
_Die Hyperbel das Ideal des bittersten Hasses._
Der Brennpunkt in jeder der angeführten Linien stelle eine Seele vor; die Strahlen, die von da nach dem Umkreis gehen, die Bestrebungen dieser Seele, wiefern sie nach außen (durch Handlungen) wirksam sind, und die Richtung der zurückgebrochenen Strahlen den Zweck, zu welchem die Bestrebungen auf das Äußere gingen. -- Ich kann z. B. nach außen handeln, teils um meinetwillen, teils um eines andern willen. Wenn die Strahlen also, die von dem Brennpunkt ausgehen, die aktiven Bestrebungen der Seele vorstellen, so müssen umgekehrt -- wenn wir das Symbol treu verfolgen wollen -- die Strahlen, die von der Peripherie in den Brennpunkt fallen, die Gefühle und Empfindungen vorstellen, welche die Seele passiv von außen in sich aufnimmt. Wird daher ein Strahl, der von einem Brennpunkt an die Peripherie fiel, in einen andern Brennpunkt zurückgebrochen, so sind des letzteren Gefühle -- nach dem Symbol -- durch Bestrebungen oder Handlungen des ersten Brennpunktes veranlaßt worden.
_Der absolute Egoist_ handelt nur um seinetwillen. Er läßt nur Strahlen gegen die Peripherie ausgehen, damit angemessne Gefühle in _seine_ Seele durch die Rückwirkung kommen; er ist ganz in sich abgeschlossen. Was er auch tun mag, davon hat nichts auf eine Seele außer ihm Bezug. Der Strahl, der aus dem Mittelpunkt des Kreises kommt, wird ewig wieder in ihn zurückgebrochen.
Die _Ellipse_ läßt sich als ein Kreis mit in zwei Brennpunkten auseinandergetretenen Mittelpunkten betrachten.
Eine Seele hat sich in zwei gespalten, und beide existieren nur mit- und durcheinander; jeder ist die Seele eines Freundes; jede wirkt nur, um in der andern angemessene Gefühle und Empfindungen zu erregen, denn welcher Strahl auch von dem einen Brennpunkt an die äußere Peripherie fällt, der nimmt seine Richtung nach dem andern Brennpunkt zu. Was der eine nur denkt und hat, das gießt er in des andern Seele aus. Um die Außenwelt bekümmern sich beide nur, insofern sie mittelst ihrer in bezug aufeinander wirken können; beider Gefühle ergänzen einander stets: _alle gebrochenen Ellipsenradien sind gleich der großen Achse_, die beide Brennpunkt-Seelen zunächst verbindet. _Sie können jede einzeln nichts denken, nichts fühlen, was nicht mit des andern Gefühlen und Bestrebungen zusammenstimmte, daß es dieses Band darstellte_: das Ideal der Liebesfreundschaft hat viel schönere Symbole -- wohl kaum ein wahreres.
Nehmt die _Hyperbel_: beide Liebende sind durch einen ungeheuren Haß gespalten worden! Der eine hat sich von dem andern abgekehrt, _jeder reißt seinen Brennpunkt heraus_, hält ihn für sich fest und mag mit dem andern nichts zu schaffen haben. Sie fliehen sich in Ewigkeit -- Nein, _sie sind noch aneinander gebunden_, aber durch die Bande des feindseligsten Hasses. Ihre Gesinnungen beben divergierend vor einander zurück bis ins Unendliche, aber doch bleiben sie hadernd einander gegenüberstehen, und daß jedes Gedanken nur von des andern Seele zurückfahren, sieht man daraus, daß die Divergenz der Strahlen ihr Zentrum in dem gegenüberliegenden Brennpunkt findet. -- _Was in der Ellipse das Band war: die große Achse ist in der Hyperbel in den Gegensatz übergegangen, und alle Strahlen, die von einem Brennpunkt in den andern fallen könnten, sind sich nur in der Differenz gleich._
_Die Parabel_ ist ein erhabenes Symbol der _Liebe zu einem Ideal, zum Übersinnlichen, zu jedem Großen und Schönen, was nur in der Unendlichkeit erreichbar, der Seele vorschwebt: alle Strahlen, die der Brennpunkt der Parabel aussendet, laufen in gleichförmiger Richtung nach dem andern Brennpunkt, der in der Unendlichkeit liegt_; alle Bestrebungen und Gedanken sind nur _dahin_ gerichtet. _Umgekehrt kann kein Strahl in die Seele fallen, der nicht vom Unendlichen ausgegangen wäre._ Alle Gefühle beziehen sich auf dieses.
* * * * *
Eine Liebe zum _absolut Infernalischen_ -- etwa im Gegensatz zur Parabel, dem absolut Idealen gibt es nicht: _ja, das Symbol für sie ist sogar unmöglich_! (y² = [sqrt](-px)) Es müßte eine Parabel sein, die sich vom Brennpunkt, der in der Unendlichkeit läge, abkehrte und seinem Gegensatz zueilte, aber die Mathematik zeigt, daß es ein solches Symbol gar nicht geben kann.
_Noch Schlimmeres als der absolute Egoismus_ ist also, soweit unsre Denkformen reichen, nicht vorstellbar. Er und sein Symbol: der Kreis, bilden den geometrisch größten Gegensatz zur Parabel, den der Geist zu bilden vermag.
Wie die Selbstliebe alles auf sich zurückbezieht, so ist alles, was die Parabel tut, ohne allen Bezug auf sich, _denn der Strahl hat erst in die Unendlichkeit zu laufen, ehe er zum Brennpunkt wiederkehren kann_; daher ist die Parabel zugleich das Symbol der Tugend, welche nur dadurch, daß sie für das All gewirkt hat, für sich und auf sich zurückwirken will, und das Symbol der Tugend fällt mit dem Symbol der Liebe gegen das Unendliche zusammen.
Denkt man sich einen unendlich großen Kreis, der das All befaßt, so ist -- wie sich Extreme stets berühren und im Unendlich-Großen all unsre Symbole ineinander laufen -- _dieser_ Kreis zugleich das Symbol des absoluten Egoismus und der absolutesten Liebe gegen andre: _ein Göttliches als Mittelpunkt des Allkreises kann sich nur selbst lieben, insofern außer ihm nichts ist_, denn die Peripherie: die Welt gehört ihm wesentlich _als Körper zu_. Aber indem er sich selbst liebt, liebt er zugleich alles, was es gibt. Die Liebe gegen seine Geschöpfe ist ihm Selbsterhaltungstrieb und er mag nur sich erhalten, indem er alle seine Geschöpfe: Teile des unendlichen Körpers, erhält.«