Die Kegelschnitte Gottes

Part 19

Chapter 193,361 wordsPublic domain

Dann stieg er wieder am Windeldrachen vom grünen Kanapee vorbei die idiotisch konstruierte Treppe hinauf. Fand diesmal die Tür nur angelehnt. Schellte vergeblich, trat durch eine Küche, die nach Abort stank, in den speckigen Arbeitsraum; nein, zwei Räume -- drei. Durch alle drei lief ein schier endloser Papierstreifen. Stellenweise war er mit Nadeln, Haarnadeln, Streichhölzchen und Zahnstochern immer wieder angestückelt worden. Buchstaben, Zahlen, Zeichen bedeckten ihn: ein Zaubernetz, über und über. Fern im dritten Zimmer lag Samossy in seinem Salonrock flach auf dem Bauch, schrieb weiter an dieser einzigen, ungeheuren Gleichung.

Entzückt und gerührt, mit einem heißen Gefühl von Heimat vor diesem schmierigen, geflickten Band stand der Herr des Hauses Elcho zwischen Abort- und Küchengeruch. Bog ein Knie, und mit aller Anspannung sich sammelnd auf das Faszinierende zu seinen Füßen -- spontan hineingerissen in seine Magie -- lag nun auch er, Raum und Zeit verloren, auf dem Fußboden; einem geisterhaften Schema, nach dem die Welt geschah, über Haarnadeln, Zahnstochern, Zündhölzchen hinweg zu folgen. Da nur Resultate zu durchlaufen waren, fand er sich, ob nach Stunden oder Minuten, blieb so ungewiß wie belanglos, neben Samossy. Nun verweilten beide, parallel eingestellten Geistes, hingegeben an ein klareres Sein, bis in der Dämmerung jeder Überblick erlosch.

Dann begrüßten sie einander. Samossy raste zum gedeckten Teetisch, sich am Tischtuch enthusiastisch den Staub von den Fingern zu wischen. Zerknüllte dabei, eh man's versah, mit affenartiger Behendigkeit alle vier Ecken wie Papier. Sein Gebaren hatte etwas Gaulhaftes: ein durchgegangener Klepper, wie er von hohem Schiefgalopp herab blindes Feuer und erschrecklich weißen Wahn aus blutigen Augenbällen kegelt.

Des Gastes Aufmerksamkeit hatte er nach den ersten Bemerkungen gewonnen, denn untrügliches Merkmal überlegener Menschen: sorgliche Wahl, flüssige Placierung auch des scheinbar untergeordneten Wortes, war sein -- wenn er wollte. Jetzt wollte er. Des Gastes Herz aber ging aus zu ihm, nach der ruhigen Verbeugung seiner Stimme vor van Roys Werk und Wesen. Dieses: seiner ersten Jünglingsjahre Erlebnis -- Begleiter seines ganzen Mannesalters: Jenes.

Nach einer angenehmen Weile wandte sich das Gespräch, und der Gast bemerkte beiläufig:

»Es scheint ein recht glückliches Land, dieses Deutschland. Nach Annoncen, Inseraten, Plakaten ist ja hier alles zu haben gegen Einsendung von fünfundsiebzig Pfennigen in Briefmarken an eine G. M. B. H. oder sonst einen, mir unverständlichen Lautklumpen. Da bekommt man >postwendend< die >Welträtsel< gelöst in Monismus, Schutzmarke: ein Griff, ein Bett; den >Wälsungenring<, >völlig geruchlos<, oder verwechsle ich das mit: >keine Schweißfüße mehr<. Auf Mystik scheinen Rabattmarken zu gelten. Ihrer zehn -- >beigebogen in der Falte< -- was immer das heißen mag, ergeben gratis: >das Bauchschnellen oder Sonnengeflecht und Schicksal< von der Lichthortvertriebsgesellschaft.« -- --

Hier drang vom Flur schmetternd das Siegfriedmotiv.

Samossy sprang auf. »Treudeutscher Männerpfiff, Sie entschuldigen,« und seinem Gast wie einem Verschworenen zuzwinkernd, galoppierte er die Gleichung entlang, bis zu deren Ursprung im ersten Zimmer. Dort blieb er türmend über ihr, spreizbeinig wie der Koloß von Rhodos. Keinen Moment zu früh. Man hörte es durch die Materie trampeln, und zwei Körper prallten von Samossy ab; die Gleichung aber blieb heil.

»Höppla,« sagte der Eine.

»Da brat mir eener n'en Storch,« der andre.

Der mit dem Storch hatte viel Gesicht, aber nichts der Rede Wertes drin. Nur ein Zwicker saß irgendwo hineingekniffen in den Speck. Der hingegen »höppla« gerufen, der wallte: vom Haar bis zu den Hosen, über Schillerkragen und lockichtem Bart zu beiden Seiten der slawischen Knöpfchennase hinab. Ganz Bizeps und Sonnigkeit, entbot er den Gruß mit Schlagring: »Professor Dallmeyer.« --

»Sogar Ordentlicher -- für Biologie,« ergänzte Samossy aus infernalischen Nüstern.

Der mit dem Storch riß jetzt auf absonderliche Weise seinen Speck vor dem Fremden zusammen, begann dabei mit dem Fuß am Boden zu scharren, ähnlich den ältesten jener Huftiere, die sich notdürftig eben erst aus der Mischgruppe oberhalb der Beuteltiere gelöst hatten:

»Hans Horst Krause.« Das Scharren klappte zu.

Beide barsten vor Fachklatsch. Es spritzte förmlich aus ihnen.

»Ob Samossy schon das Neueste in der >Affaire< des Kustos Pappla vom Museum wisse?«

»Lassen Sie mich -- lassen Sie mich,« schrie Dallmeyer, als der feiste Student ihm zuvorkommen wollte.

»Ein beispielloser Skandal. Bei--spiel--los.« Er rang jubelnd die Hände.

»Die reine Meteoritenbörse hat er eingerichtet. Das war ein Getäuschel und Getue, angeblich fürs Museum Meteoriten gekauft, Preise in die Höhe getrieben, dann wieder nach London verkauft; keine Sau hat sich mehr ausgekannt. Aber direkt nachzuweisen ist ihm wieder nichts -- und wenn auch -- ich bitte Sie, Schwiegersohn vom alten Mehmke: Präsident der Akademie.«

Samossy wieherte bei dem Namen auf, als stäke ihm eine brennende Lunte unter dem Schweif.

»Mehmke rast übrigens gegen Sie, seit der Geschichte in der geographischen Gesellschaft neulich.«

»Also ist es wahr?« Krause verlor vor Interesse den Zwicker und blieb völlig als Uhr ohne Zeiger übrig. »Onkel hat heuer als Rektor so viel zu tun, konnte leider nicht dabei sein; ich weiß also noch gar nichts Authentisches.«

Dallmeyer begönnerte:

»Natürlich ist es wahr. Nach zwei Stunden welken Blödsinns hat der Alte endlich ausgekohlt, da spricht unser Professor hier dem berühmten Ehrengast für die >lichtvollen Ausführungen< den Dank aus und schließt wörtlich:

>Es ist mir zwar schon früher nicht unbekannt gewesen, daß Wasser bergab fließe, ich freue mich aber aufrichtig, es nun von solcher Autorität bestätigt zu hören.<«

Dallmeyer lachte mit schönem Tenor, wie er dem Manne wohl ansteht -- dann lauernd zu Samossy:

»Ich fürchte nur, werter Kollega, es wird Ihnen bei den nächsten Akademiewahlen -- wieder -- schaden.«

Der bockte gereizt: »Der Alte hat rechtzeitig umzustehen, sein dritter Schlagfluß mit doppelseitiger Lähmung ist längst fällig. -- Haben Sie übrigens den Angriff gelesen? ...«

Das Wort Angriff schien eine magische Wirkung auszuüben. Sie steckten die Köpfe zusammen und begannen aufgeregt zu schnattern. Angriff -- Polemik -- Angriff. Immer war eben einer erschienen oder im Begriff zu erscheinen. Eifrig hockten sie, ganz eng, wie drei große alte Affen, die zwischen sich immer einen ganz Kleinen lausen. Der ganz Kleine schien die Wissenschaft. Samossy, mit allen Fakultäten gehetzt, stak offensichtlich von Mittelpersisch bis zur Numismatik, von der projektiven Geometrie bis zur oberen Trias in Intriguen, Tratsch und Hetzereien. War das noch derselbe Mensch, grotesk aber groß: der wilde Träumer mit den Knotenexperimenten, Herr der transzendenten Gleichung, Entdecker des Primzahlengesetzes, und geiferte, trunken von Klatsch, mit knochig boshaften Gebärden seiner Bordiööösgattin, während beide andern, verhohlen lauernd, von jeder Injurie sich heimlich Notizen zu machen schienen -- nicht ruhend -- bis der ganze Mann ein einziges Gedankenfletschen war, aus dem spitze Argumente, gleich Reißzähnen, sich in die Weiche jedes guten Namens gruben. Auf Personalien und Details horchte Horus kaum hin, was ging ihn Privatgeifer zwischen Fachbarbaren an; dazu hatte er nicht nach den »unnahbaren Wohnplätzen« der Ganzweißen gestrebt.

Wie dieser Krause dasaß. Die speckig obszöne Talentlosigkeit, wenn so ein Europäer nur einen Froschschenkel über den andern schlug.

»Fängt der auch noch an über Frauen zu reden, so geh ich,« dachte der Beschauer. Nein, der Andre fing an.

»Wissen Sie schon, wo Margrinchen Mehmke sich jetzt kneifen läßt?«

»Vermutlich in die Waden,« grölte Samossy.

»Da hätte es doch korrekt heißen müssen: wohin --« feixte Krause dazwischen. »Nein, bei ihm -- von ihm -- in seinem Institut; ist mit sechs andern Jungfrauen von uns Chemikern weg, hinübergewechselt zur Biologie.«

»Ja, seit dem Drüsenrummel weiß ich mir vor Frauenzimmern keinen Rat mehr.« --

Dallmeyers befiederte Lockigkeit brauste auf, wie an einem zürnenden Schwan.

»Jede will Hoden transplantieren -- egal -- den ganzen Tag. Der Verbrauch an Ratten und männlichem Ungeziefer auf meiner Abteilung steigt ins Ungemeßne. Und schlampig sind die Luder. Wird es ihnen zu fad, oder winkt der Konditor, lassen sie ihre angeschnittenen Versuchstiere herumfahren, wie eine Häkelei. Wär' nicht der Laboratoriumsdiener, tagelang spazierten mir noch halbe Krebse durchs Institut.« --

Er hielt mit einem Ruck; etwas so Starkes ging plötzlich von der lebendigen Ruhe dieses schweigenden, eleganten Fremden aus: stumme Reaktion des gesitteten Orientalen auf den ersten Einblick in die Beziehung des Europäers zur Kreatur.

Der Ruck -- die Strahlenohrfeige hatte rundum eingeschlagen; Klatschnebel zertropfte. Da saß ja, bisher ignoriert, ein ganz Fremder zwischen ihnen. Das Hemmungslose gerann, ward tölpicht hölzern. Auch bei Samossy; er hatte allzureißend Niveau verloren gehabt. Mit einem ungeheuer schiefen Galoppsprung startete er jetzt die Konversation falsch. Gab das Signalement seines Gastes, taktlos wie eine Behörde. Die Andern aber atmeten auf. Nur so ein Hinterwäldler, von wo der Pfeffer wächst. Na also -- wozu die Aufregung. Krause, ein Bein über das andere geschlagen, begönnerte schon:

»Inder -- n'gutes, aber n'schlappes Volk. Nich forsch. Sollen erst mal die lausigen Engländer rausschmeißen -- aber schlapp eben. Nee, so Lotusonkels -- nich in die Lamaing.«

»Ihnen gesagt,« bestätigte der wallende Germane.

Zartfühlend sein, niemanden verletzen, war Horus wie Herzschlag -- doch auch Anmaßung nicht zu dulden; und der Herr des Hauses Elcho sprach:

»Ich bin zwar nur der unwissende Bewohner einer wilden und abgelegenen Gegend, aber gestatten Sie mir dennoch die Frage, warum Sie dieses Rowdy-Dogma logischerweise nicht auch auf den Heiland Palästinas anwenden; dem man hier so viel Tempel errichtet hat, ihm vorwerfen, daß er kein Preisboxer war, sich nicht mit einem wohlgezielten >_undercut_< die Kreuziger vom Halse gehalten hat.«

»Na nu, Christ sein heißt doch lediglich: kein Jude sein,« belehrte Krause. »Es sind eben die zwei einzigen vom Staat anerkannten Religionen. Was geht mich modernen Menschen der olle Mumpitz sonst an.«

»Schmonzes,« bekräftigte der wallende Germane.

»Warum erklären Sie sich dann nicht von jeder Religion frei?«

»Er meint konfessionslos,« jappte Dallmeyer und erschauerte bis ins Gebein.

»Unmöglich, Verehrtester, das sind erst recht nur Juden. Auch schadet's der Karriere. Im übrigen kann mir, als modernem Forscher, alles transzendente Geschmuse restlos gestohlen werden. Kraft und Stoff, sonst gibt's nichts für mich. Das einzig Sichere ist die Beobachtung der Materie, die kümmert sich nur um reale Dinge und liefert daher untrügliche Tatsachen. _Tat-Sachen_.« Sein Speichel ward groß in ihm.

»Was ist ein reales Ding, eine Tatsache?« frug Horus.

»Dieser Tisch.« Er nahm besagtes Stück Hausunrat gestreckten Armes, um durch den Krach des Niederstellens dessen »Realität« sinnfällig zu erhärten.

»Viechskerl,« dachte Horus, »so ist dir wirklich noch nicht einmal aufgedämmert, was an Transzendentem alles nötig ist, damit ein >Gegenstand< in der Anschauung möglich werde; das, was du, unpräziser Analphabet: >reales Ding< nennst? Dein Tisch ist doch, wie alles Ausgedehnte, eine dreifache Mannigfaltigkeit von Punkten, die erst in der Anschauung restlos durchlaufen werden müssen, damit etwas über dieses Mannigfaltige ausgesagt werden könne. Während aber z. B. eine Tischkante durchlaufen wird, müssen die schon durchlaufenen Teile als weiterexistierend hinzugedacht -- aus dem Fluß sinnlichen Geschehens -- herausgehoben werden. Der >Gegenstand< Tisch ist somit gar keine >Beobachtungstatsache< -- sondern etwas zur Wahrnehmung lediglich _Hinzugedachtes_: bedingt ein Nichtsinnliches, außerhalb der Zeit Stehendes, an dem die Wahrnehmungen vorbeifließen, und in dem sie sich räumlich erst ordnen. Was aber außerhalb Raum und Zeit steht, ist notwendig als >transzendent< anzusprechen, da es niemals Objekt der Erfahrung sein kann, ist das >Erkennende<, >nie erkannte Subjekt<. Nur insoferne also der Tisch -- als ein Hinzugedachtes -- an diesem Transzendenten teil hat, ist er Realität. -- Viechskerl! Die Grundfrage nach der Möglichkeit aller Erkenntnis lautet demnach: wie ist Erfahrung überhaupt möglich. Für mich jedoch lautet die Grundfrage:

»Mußten dazu süße Tiere zermartert werden, um dein Gesamtniveau zu erreichen; _notabene_ hundertdreißig Jahre nach einem gewissen Kant? -- Viechskerl.«

Laut aber widersprach er nur soweit, als es die aufgeklärte Ignoranz des Fachmannes zu ergründen galt.

Es ergab sich, daß auch Dallmeyers naturwissenschaftliche Bildung hauptsächlich darin bestand, nichts von Philosophie zu wissen und daß er stolz darauf war. Schon das Wort schien Schande. Er streifte es voll mitleidigen Ekels ab wie eine halbtote Schmeißfliege.

Probleme gab es nur noch im Detail. »Geist« war eine störende Nebenerscheinung der Materie, alles übrige »Schmonzes« und langweilte ihn unsäglich.

»Beobachtungstatsachen -- Beobachtungstatsachen,« schrie er ein ums andre Mal.

»Hab' ich aber das Bedürfnis nach dem endgültigen Überblick, lese ich: Häckels >Welträtsel< oder: Machs >Analyse der Empfindungen<. Denkökonomie ist die Hauptsache. Sich's vereinfachen.«

»Dann haben wir wohl zu wenig Gemeinsames für eine Diskussion,« meinte Horus, um höflich zu Ende zu kommen.

»Denn ich wiederum mache gerne einen noch so halsbrecherischen Umweg, schärft oder vertieft er mir die Einsicht nur um ein Weniges, und diese, hoffentlich nur vorläufig letzte Einsicht besagt, daß die Welt den Spezialfall aus zwei Scheingleichungen darstellt.«

»Nur keine Mathematik,« wehrte Dallmeyer beängstigt ab, »oder mathematische Physik, da verliert man den Boden der Tatsachen. Der Samossy ist auch schon halb meschugge mit seinen Knotenexperimenten.«

Und höchst ägriert über die Störung im Fachklatsch -- der Besuch hatte doch so anregend begonnen -- entbot er wieder Gruß mit Schlagring. Krause scharrte am Boden, knallte die Hufe zusammen, und die Türe schloß sich hinter den beiden.

Aus Samossys weitem Roßhaupt begann es zu kichern. Es hatte das unbegreiflich Irre des Pferdes in allen Zügen, bis zur nüsternen Nase, wenn sie -- eine ganze Landschaft für sich -- weichgehöckert, aus Mulden von großporigem Moos, überraschend Hauch ausstößt. Wenigstens ein ganzer Gaul, statt dieses Dallmeyer, der -- slawische Knöpfchennase oben -- Pöbelbeine unten -- außenherum wallender Germane und innen ein Rindvieh war.

Das knochige Kichern aber klang nicht angenehm, kam aus einem viel engeren Wesen. Er grinste diabolisch und mit großeckiger Bewegung hinter den beiden drein, wieder hinreißend in ihrer Art -- hub er an, genießend zu pointieren:

»Mitnichten könnte erhofft werden, dem Halbgebildeten stünde ja annoch frei, so sukzessive 3/4--4/5--9/10 ... schließlich ganz gebildet zu werden. Daran aber hindert ihn die unausrottbare Arroganz eben dieser verdächtigen Halbheit, ihr vages >weiß schon<, gierig träge Hast, nur bedacht, in jeder Tiefe eigne Flachheit zu spiegeln, die edle Demut der Unwissenheit verloren -- edle Demut des Wissens nie erworben hat. Da aber so ein halbgebildeter Sensationsdeflorateur, so ein _all-round_ Kommis auch noch mühelos in alles dreinschnauzen will und die Welt von seinesgleichen überfleußt, erstanden ihm, wie in prästabilierter Harmonie, avancierte Oberlehrer und frohe Greise, denen man nicht gram sein darf, denn sie sind bieder und wissen es wirklich nicht anders. Die lieferten ihm Taschenphilosophien für Minderbemittelte, und weil er das Fertigfabrikat stets neu liebt, lieferten sie ihm modernen Schöpfungstratsch statt des Mosaischen. Schutzmarke: >ein Griff ein Bett<, wie Sie vorhin sagten, denn er hat nicht eben viel Zeit für dergleichen -- gerade ein Maul voll von allem genügt. Und weil er keine Zeit hat, sind die Monistengreise und avancierten Oberlehrer immer zugleich >Esperantisten<, um das >Unökonomische< auch in der lebenden Sprache zu >bereinigen<.«

»Weg damit,« schnoddert begeistert der _all-round_ Kommis, der nur Hauptsätze nebeneinander stellen kann und will, ohne feineres Bedürfnis nach kausaler Überblickung durch Ko- und Subordination, denn: den Spannbogen des Gedankens ermißt man an der Syntax. Hochcharakteristisch nun, wie monistische Sonntagsprediger und avancierte Oberlehrer, weil sie nicht einmal philosophisch den Begriff der Kausalität noch erfaßt, und sich daher rühmen, ihn abgeschafft zu haben, gierig eine künstliche Unbildungssprache propagieren, der alle Geisteswurzeln ausgerissen sind, in der niemand je einen Gedanken weder zu fassen noch auszudrücken vermöchte.

»Was ist ein Esperantist?«

»Einer, der sich eigens ein Idiom zusammenstellt, das keines zu sein braucht. Einer, der freiwillig wieder weit hinter den Affen retourmarschiert, denn dieser hat ja -- nach Garner -- schon Ansätze zu etwas wie einer lebendigen Muttersprache: jenem mystischen Meer, in dessen suggestiver Lösung Gedanken wachsen, wie glasklar fließende Geschöpfe genialen Lebens. Zum Wachsenlassen aber hat der _all-round_ Kommis keine Zeit. Auch die Kofmich-Lautklumpen, deren Sie vorhin schaudernd erwähnten, kommen davon, daß er eben nie Zeit hat.«

»Ja, um Himmels willen, warum hat er denn nie Zeit?«

»Weil er immer schnell noch einen übers Ohr hauen muß.«

»Sensationsdeflorateur -- Monist -- Esperantist -- _all-round_ Kommis: doch letzten Endes Einer, der den Vertrieb schädlichen Schundes besorgt, nicht? Einer, der das Leben mit falschem Schleim überziehen hilft? Doch Dallmeyer, bei seiner stillen Gelehrtenlaufbahn, könnte wohl Zeit haben, etwas zu lernen.«

Samossy johlte: »Stille Gelehrten-Laufbahn ist gut, wenn man mit fünfunddreißig schon Ordinarius und kriechendes Mitglied der Akademie sein will! In wieviel gewisse geheimrätliche Körperteile, glauben Sie, muß man da nicht nur geschlüpft sein -- nein, in diesen Organteilen direkt überwintert haben? >Stille Gelehrten-Laufbahn<!« Er wand sich vor Wut.

Der Gast tröstete.

»Aber Sie sind ja auch längst wohlbestallter Professor?«

»Wohlbestallt?« -- mit doppeltem Armschwung nach Küche und Abort -- »das ist der Stall, den ich mir leisten kann.«

In die letzten Worte war merklich ein Unfreies gekommen, geduckte Zerstreutheit, als schöbe sich ihm ein Keil quer zur Gedankenrichtung. Das Weibstück stand im Zimmer, trug heute keinen »Kimono«, sondern war »angezogen«: der Körper grundlos halbiert, in etwas schwarzweiß Gewürfeltes unten, Gestreiftes oben. Das horizontal Hinausgepreßte vorn stand noch eckiger weg wie das erste Mal: beängstigendes Toppgewicht gegen schräggestellte Lackhufe unten.

Das Niveau sank stumm und unbegreiflich schnell. Hoch und leer hing die Konversation noch darüber. So oft die Person am Teetisch zu hantieren begann, klirrte das goldne Gliederarmband und sie schob es die klebrige Hand auf und ab. Samossys Blick fing sich daran. Wurde hämisch, irr, hilflos, dunkler Süchtigkeit voll. Er ignorierte sie und schien doch seit ihrem Eintritt an allen Organen verschroben.

Der Gast ging.

Schon war Licht angesteckt hinter den Glasscheiben voll käsiger Frauengesichter, vor ihren Tellern gehäuft mit fadem Kram.

Das war also des weiß-goldnen Traumes neueste Wandlung:

Pallas und Nausikaa: Dallmeyers Hörerinnen. Nicht geschürzte Korybanten etwa im Brunstschweif eines Gottes, Hindinnen anspringend und zerreißend, entrückt von ihrem tanzenden Blut. Nein, Pallas und Nausikaa: inskribierte Mänaden im Laboratoriumsschurz, mit spitzem Gelüstchen und spitzerem Skalpell in den Geschlechtsteilen gemarterter kleiner Tiere herumschnitzelnd, bis der Orgiasmus zu dreimal Apfelkuchen mit Schlagsahne gerann. Jetzt glitten die andern Glasscheiben wieder vorbei und hinter ihnen auf Pappe: »Der vornehme Mensch« -- »Stil« -- »Kultur«. Dann Ladenschluß. Blindes Blech rasselte über die Rachen der Geschäfte.

* * * * *

Samossy lud ihn zu seinen Vorlesungen, auch andre Professoren. --

Jugend saß hier herum, ruhte gründlich sein überfressenes Gedächtnis aus. Nur die vor Rigorosen standen, mußten wegbleiben. Auch Krause.

»Keine Zeit auf die Universität zu gehen,« quäkte er gereizt, »der Mensch muß ja schließlich doch mal was lernen -- promoviere heuer.«

Die Übrigen aber räkelten süß das Hirn. Ihr Dionysisches schien sich mehr in den _W. Cs._ zu konzentrieren. Auch das Rassenideal war dort wie zu Hause. Bunte Etiketten mit: »Juden hinaus«, klebten an allen Pissoirwänden, neben mit Bleistift festgehaltenen Vorgängen aus dem Geschlechtsleben. Unter diesen stand wieder mit andrer Hand:

»Und das sind die Arier.«

Man konnte der andern Hand nicht so ganz Unrecht geben. An Technik und Niveau vermochten diese Darstellungen analogen Steinzeitfunden, auf Renntierknochen geritzt, keineswegs das hier zuständige Wasser zu reichen, trotz ihres Fundortes, der im Technisch-sanitären sie wieder zweifellos als dem zwanzigsten Jahrhundert zugehörig zu datieren zwang. Der Pithecanthropus war erotisch schon weiter; europäischer aber schien dies, in seiner eigentümlich zwinkernden Verquickung von Liebe und Pissoir mit Glaube und Hoffnung, es sei eine Schweinerei.

Diese eigentümliche Verquickung blieb auch in der schmatzenden Verliebtheit an den Kaffeehaustischen, wo abends sich alles traf, Rudel halbwüchsiger Mädchen hereinlärmten, jede Geste ein: hurra, wir sind defloriert; Ordinärheit mit Temperament verwechselnd. Manche jugendhübsch und doch: _lendemain_ auf den ersten Blick, weil diese irren Barbarinnen nicht wußten, daß der Takt eines ganzen Lebens in der Liebesgebärde zu gipfeln hat. Ab und zu kam eine Dämonin, totschwarz, entblößte einen goldnen Raubzahn, snobte auf Morphinistin, aß aber dann doch mit Behagen zweimal Schlackwurst mit Kraut. Eines Sonettes über Fruchtabtreibung wegen war sie bei den Literaten angesehen.

Dort sprach man ausschließlich von Prozenten. Nur ab und zu sah einer vom Tisch, wo sie die erste Nummer einer Zeitschrift zusammenstellten auf und frug, ob man »sehr« mit »h« schreibe. Oder Jemand rief: »aus--ge--schloss--en--!«

Ein Rudel Russen: fanatische Nasenbohrer, redeten in einer Ecke endlos über Kommunisierung der Frauen; trugen alle Knochen aus ihren schlacksigen Leibern ins Gesicht gehäuft eckig unter den Augen.

Sonst hockten rings durchs Lokal Klumpen dickhäutiger Gelassenheit um Bier, wie Kröten um einen Edelstein. Diese Klumpen ohne Güte hatten eine unsäglich hämische Art, die Pfoten über ihr ausschließlich aus Nahrung bestehendes Selbst zu kreuzen. Grinsten -- ewig Ungefährdete -- aus den strohwarmen Hundshütten ihrer Belanglosigkeit zu allen menschlichen Mühen und Qualen, Streben nach Besserem; hatten dafür ein Leibwort: »wird's schon billiger geben«. Wußten denn diese unerschütterlichen Nullen noch nicht einmal, daß es ein Andres ist, wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, als ihn nie verlassen haben?

Vor diesen Quallen aus neunundneunzig Prozent Quatsch graute ihm haßvoller fast, wie vor der Umwelt der Greisin in Glacéhöschen.

»Samossy,« frug er einmal fassungslos, »wie geht denn das zu? Jedes Wesen ist doch irgendwann zu irgendwas gut, oder könnte Wert haben, oder man denkt, es könnte -- aber das da!«

Der schüttelte die Roßkiefer vor Lust:

»Das da -- oh, das hat Wert als moralisches Lackmuspapier!

Läuft bei irgendeinem Reformvorschlag der Spießer blau an im Gesicht vor Wut, ist die Sache was nutz, man wird ihn sich in einer künftigen Gesellschaftsordnung als Cyanometer für »Moral«reaktionen erhalten müssen!«

Fast zärtlich sah er um sich. Wer Samossy Gelegenheit zu einer Bosheit gab, den liebte er beinahe.