Part 18
In Padua riß der Schaffner einen Augenblick die Nebentür auf. Nun sah er als Bild, was jedes Glied ihm einzeln längst ins Aug gesagt: reiherschmal, ganz in silbergrau, saß sie langhin eingeritzt in ihre Ecke, daß Raum blieb für die quergestreckte, schlummernde Gestalt, deren Kopf in ihrem unfaßbar schmalen Schoß -- schmaler wie er -- gebettet war. Ganz große, fremde Dame, trotz scheinbarer Formlosigkeit einer Situation, der Hitze und Einsamkeit auch so das Befremdliche entzog, doch mehr noch die geschlossen scheue Ferne, mit der die Mondstrahlen ihrer Schenkel, die langen Hände in den grauen Schweden an diesem Männerkopf vorüberflossen, als wäre er Statue und Stein. Nur ihre Züge aus Eis und Honig waren unbehütet geblieben. Die einsamen Augen legten sich über ihn, weideten götterfrei auf dem dunkelhäutigen Greifengesicht, das sie betreuen durfte, voll rührend befiederter Erwartung eines namenlosen Glücks.
Geisterhaft unhaltbarer Duft nie wiederkehrender Einzigkeit war um diesen seligen Augenblick. Hellrunder Tropfen Gottes hing er aus allem grauenhaft Verfließenden herausgeschöpft und leuchtend da. Durch ihn: das Keusch-Einmalige seines wolkenlosen Glanzes hatte er: der Fremde, mehr Teil an dieser Fremden als durch die Liebe des zwillingsbrüderlich Geliebten eines ganzen Lebens.
Der großgewellte Greifenkopf in ihrem Schoß aber floß draußen in Schlaf an dem ewigen Augenblick vorbei -- in sich versteint -- war nicht mit in dem, was an ihm entstanden war.
Horus blieb auf dem porösen Bimsstein-Perron der kleinen Stadt zurück. Abends würde sein Weg wieder die Schleife nach Süden ziehen. Nordwärts an ihm vorbei fuhr der Wagen mit dem Elf von einem großen Stern.
In bitterem Bedauern ging die Fee Peribanu in Padua an den Giottos vorbei. Nur sie hatte gesehen, daß zwischen den langen, spiegelnden Lenden von edelster Enge ein Kind wuchs.
* * * * *
In Rom sagte der verblüffte Dr. Hafis, getroffen in seinem Europäerdünkel:
»Man muß sich eben historisch einstellen auf Werke der Kunst.«
»Einstellen,« das hieß: sich immer ein bißchen wilder, oder schäbiger, oder ungerechter, oder einfältiger gebärden müssen, als man wirklich war.
Hieß: auf einer Seite ganz klein geduckt, sich auf der andern gleichzeitig einen Buckel tolerieren.
Hieß: irgendwie Barbarei -- geleckten Kitsch -- prahlendes Ohngefähr, wohlwollend übersehen zum Genuß.
Hieß: irgendwo besseres Wissen -- klarere Einsicht -- größeres Empfinden trüben; nicht Distanz, eine Froschperspektive gewinnen, um schätzen zu können, denn es gab hier nur partiellen Rausch.
Er fühlte: es ziemt mir nicht oder besser: es ziemt meiner grenzenlosen Ehrfurcht vor der Kunst nicht, daß ich mich limitieren müsse -- in sie kriechen -- statt mich zu recken in ihr Maß. Daß sie Stil werde durch das, was fehlt: durch irgend Irrsinn, Unreife, Fetischismus oder Leere. Nicht durch ungeheuren Runddruck der Vollendung, ihr nur eigner zarter oder machtvoller Verdichtung der Welt. Stil: lediglich Überlappen nach der einen oder Schrumpfen nach der andern Seite, und hätte doch Erschütterung des Betrachtenden aus seinem Maß heraus zu sein, auf daß er alle Kräfte überspannen müsse nach dem Unsäglichen hin, es ausblühend rings zu umfassen.
»Man muß immerhin bedenken ...« Dr. Hafis machte die fade »_tout comprendre_«-Geste des vor Wisserei Verblindeten.
»Ich >bedenke< ja gerade, was Sie, Herr Doktor, mir in diesen Wochen an europäischer Kunstgeschichte zu lesen gaben, und darum sehe ich erst recht das Menschenfresserische dieser Renaissance->Pracht< ein: ihre optische Unreinlichkeit bei aller Reißbrettkälte, die billige Art, wie Übergänge, Fugen, Ecken als Probleme einfach ignoriert werden: diese ganze Kulissenreißerei an Sonnenuntergänge gelehnt; sehe ihre Palazzi ein, als das, was sie sind: Parvenuebuden für soldateske Raubbankiers _à la Medici_ -- optisch zu unerzogen, um sich ihre Künstler zu ziehen -- ohne Sinn für Heimkultur, und sich in ihren Wohnstätten eben begnügend mit Menschenfresserprunk, weil sie ja nebenbei an einem Vormittag immer noch drei Kardinäle zu vergiften hatten und einen Kaiser zu betrügen.«
»Durch Versailles, die Möbellager aller Louis im Louvre ging ich jüngst noch fassungslos. Jetzt sehe ich auch den französischen Barock ein: Stil der auf >Mätresse< erzogenen Hausmeisterstöchter. Die Herrenkaste, durch Irrenbräuche, Raufhändel und Seuchen zu müd, um noch auf Wertungen zu halten: Noblesse -- Gemeinheit, alles gleich. Ließ ihr Seigneurales überklatschen vom Luxusbegriff der proletarischen Bettweibchen aus den Kloaken, für die viel Überflüssiges haben -- >vornehm< sein bedeutet.
Das sehe ich alles ein. Was ich aber nicht einsehe, ist, daß Privatdozenten daherkommen, Kunstkenner, Snobs und als >höfisch feine Blüte< bestaunen, was Paradigma dafür, wie sich eine europäische Straßendirne den Reichtum vorstellt. Eine europäische, wohlgemerkt, weil -- und darunter leiden wir Asiaten hier am meisten -- der Akzent _gepflegter_ Armut fehlt: Armut als selbständige, formenschöpferische Qualität; so bleibt auch Reichtum in Europa immer nur eine glücklose Blase über Seelenschmutz.«
Und da geschah es, daß Gargi auf einmal ein ganz klein wenig zu lächeln begann und Horus überaus rot ward. Er hatte zum ersten Mal seit Jahren wieder »wir Asiaten« gesagt, nicht mehr: »wir Europäer«.
Er lenkte ein:
»Meinen Sie bitte nicht, ich sei blind gegen die verzeichnete Anmut etwa der >_dame à la Licorne_<, für den falschen Galoppsprung des Rappen auf Carpaccios Drachenkampf, auch sehe ich, wie etwas, sie nennen es Gotik, aus verworrenen Wurzeln seinen gigantischen Clownismus gegen den Geist des Steins durchtrotzt, denn warum sollte einer verworrenen Seele nicht auch gestattet sein, sich verworren auszudrücken? Sie hat ein Recht auf die Fehler ihrer Echtheit. Was aber der Renaissance abgeht, ist diese Inbrunst im Danebenhauen. Sie macht es mit dünnem Zirkel in Architektur, in Plastik mit kaltem Muskel -- und in Malerei: nun, ich fürchte, in wenig Wochen schon so gut zu sehen, daß ich einen echten Raffael nicht mehr von seinem Öldruck werde unterscheiden können.
Wo eben in Europa die Verworrenheit endet, fängt schon der Gähnkrampf an. Kann sich die Seele hier denn immer nur als Wahn betätigen? Pausiert aber der Wahn, bleibt eine gewaltsame, unsolide und leere Freiheit irgendwo am Grund der Lenden, wo bisher gehetztes Irrsein schwoll.
Nie noch sah ich hier den Finger des Geschlechts frei auf die Seele weisen. Nie: Ethik von unten. Aus den Zellen der Generation geboren, somit Basis der ganzen lebendigen Pyramide. Immer Glassturz aus der Höhe über einer ewig rebellierenden Masse aus Blut und Gestank oder -- Hoffart, Leere und Langeweile.
Als hätten stets nur begabte Krüppel -- irgendwie zu lang Eingesperrte und doch wieder zu früh Freigelassene -- alles Wichtige Europas, so auch die Kunst in Händen gehabt.«
Gargi meinte:
»Doch auch bei uns, auch im Osten sind Tempel, Statuen, Bilder barbarisch, unwert unsres Lebens.«
»Eures Lebens, ja -- glücklicherweise. Denn ihr braucht nicht Kunst zu eurer Rechtfertigung. Braucht nichts aus euch hinauszustellen als steinerne, hölzerne, ölige Sehnsuchtsprojektion. Übersteigert euch selbst zum Kunstwerk, in euren ganz beseelten Körpern. Wenn ihr einander einen Mango reicht, ist darin alles, was hier als Trümmer durch alle Galerien liegt. In eurem Ruhen, Schreiten, Grüßen, Danken erzeugt sich Unerschöpfliches: lebt sich Erlösung aus, denn in ihm ward das Geheimnis des Zugleichbestehens von Freiheit und Notwendigkeit lebendig offenbar. Indiens Kunst ist für seine untersten Schichten da, die Höchsten bedürfen ihrer nicht mehr.«
Er sah Gargi wieder vor sich im Museum am Kapitol. Wie sie, belustigt über gellend falsche Ergänzungen an Bildwerken, das leuchtend Wahre aus ihrem Leib herausgeschöpft; den marmornen Moment der Statuen aufgerollt hatte vor und zurück in ein Band Bewegtheit.
Und Krumbichler, der große Krumbichler vom archäologischen Institut, war ihr sodann vorausgehumpelt zum kapitolinischen Wagenlenker. Hängend in seinen Beinen, wie in unsichtbaren Krücken, wies die Autorität auf den kühnen steinernen Spielfuß der Figur.
»Ei, meine Dame, wie käme aber diese Haltung zustande? Haben die Kollegen und ich sie doch fürwahr, als dem Experiment nicht stichhaltig, des öfteren erprobt. Überzeugen Sie sich selbst,« er schob eine Samtbank dem Lenker parallel, »nun besteige ich den Streitwagen.«
Aus seinem Oberkörper, der bis in die Beine lief, hob er ein Restchen Hose und schlich damit hinauf, der andre Zugstiefel strich indes die Schleimspur einer Schnecke hinten nach durch die Luft.
»Sie sehen« -- Krumbichler äugte über die Brille an seinen Hosenknollen abwärts, unsichtbare Zügel in Baumwollfäustlingen. Da aber beschlich ihn Schwindel auf seinem Bänkchen und er kroch auf den Rockschößen eilig erdwärts.
Es hatte wirklich keinen Moment mit dem Epheben oben übereingestimmt, und man bestätigte es ihm gerne.
»Steigt man so auf,« er wies kopfschüttelnd auf diesen eigenholden Spielfuß. »Steigt -- vielleicht nicht.« Gargi sammelte sich am Ende des Saales. Ein Nebel von Gliedern schoß daher, wehte an Krumbichlers Nase vorbei, landete hoch im Aufsprung, nachgegossen dem Marmor neben ihr.
Wie wollte so einer die Welt spüren: Zu Kunstwerk verdichtetes Stück Welt, der nicht erst gelernt, seinen eignen Körper spüren. Daß er sich überhaupt unter diesen Antiken ertrug! Erster Befähigungsnachweis hätte doch -- der Selbstmord zu sein gehabt! Und das verwaltete hier oben in baumwollenen Fäustlingen die Kunst ...
Unten die gutgegliederten Epheben, die Cavadinis, die Strondolis aber sprangen lieber mit einem »_evoe_« und beiden Beinen in die aufspritzende Senkgrube der Politik: Goldgrube der Advokaten. Ja, es war ein Geschlecht von Advokaten, Politikern, Kommis und Chauffeuren, das da den ganzen Tag aufgeregt lungerte in Kaffeehäusern, zwischen seinen historischen Reißbrettkulissen, überspien mit dem Eintagspapier der großen Rotationsverblödungspressen, aus dem alle bis in die Nacht hinein mit eingespeichelten Brocken, vorgekauten Phrasen von Gier, Gräuel, Lüge, Demagogie um sich warfen. Andre zogen wieder mit aufgeregten Händen eine Schleimspur von Privat-Skandal von Tisch zu Tisch durch die Saat gierig gesenkter Papierfetzen: wie Tintenfische, die einen dunklen Schlamm um sich verbreiten, mit dem sie alles in der Runde bekleckern, um dann selber darin spurlos zu verschwinden.
Fremde kamen und gingen. Die Männer bestellten jedes Getränk von Bier bis Whisky; die Frauen sagten, sowie man hinhorchte: »oh Giorgione« oder »oh Pinturicchio!«
Dann zog Archie Payne jedesmal den Hexenmund lang und die Knie bis zum Kinn, blinzelte seinem Kunstkuli Dr. Hafis zu:
»In sechs Monaten werden sie alle nur mehr >oh Gecco Pintaccio< sagen.«
So hieß irgendein Nebenseiter dritten Ranges aus dem spanischen Barock, in dem Archie momentan spekulierte. Bei Erweiterung seiner Newyorker Bar in Verbindung mit dem Kunstsalon hatte seine eisig freche Unwissenheit sich gerade mit dieser Marke -- warum wußte er selbst nicht -- stark eingedeckt. Nun sollte von Europa aus die _hausse_ einsetzen und beteiligte Fachkreise, Hafis an der Spitze, bereiteten sich, demnächst den Gecco Pintaccio in seiner epochalen Bedeutung für den modernen Expressionismus neu zu entdecken. Man schnupperte nur noch ein wenig in der Peninsula herum, eventuell hier flottierende Werke rechtzeitig aufzukaufen, damit der Ring geschlossen sei, ehe mit den ersten Artikeln, Gegenartikeln, Polemiken, Hü und Hott des Metiers, die Preistreiberei in dem aufgespeicherten Artikel einsetzen konnte.
* * * * *
Seit dem Erlebnis mit der grauenhaften Greisin in Lederhosen ging Horus nur mehr zu Opern und genoß dort, geschlossenen Auges, das bisher in Europa einzig zu Genießende: Musik. In der großen Galavorstellung hob er nun einmal zu früh die Lider, als eben unter schmalzigen Sequenzen der Vorhang: ein gemalter Frühling aus Blech, tangential zu den Bäuchen des talgüberrieselten Heldenpaares niederging. Da kam ihm urplötzlich die Einsicht, wie er hier unter Kolosseen, Kommis und Kulissen: draußen wie drinnen, edle Zeit vertat.
Natürlich daran lag es. Er hatte sich einfach bisher in einer falschen Schicht dahintreiben lassen, vermeinend, Hotels und Logen »ersten Ranges« enthielten auch die korrespondierende Menschheit. Zwar was anderwärts herumwimmelte, schien nicht eben besser -- optisch formal noch unerfreulicher: doch wie man seine Illusionen liebt und deren Minderung fast manisch ablehnt, so flog doch immer wieder all seine weiße Sehnsucht, Liebe und Verehrung strahlengrade vor ihm her in ein noch Unbekanntes, dem Schnee von Paradiesen zu. Überall, wo er noch nicht gewesen, dahin warf er die Erwartung wie in ein Fort.
Wer solche Kleider, Möbel, Wände, Kellner, Tenöre, Kaufhäuser ertrug, war etwas, das er einfach nicht wahr haben wollte als weiße Rasse. Konnten es nicht vielleicht in Verfall geratene Ureinwohner sein, gleich den Weddas auf Ceylon? Ausgebleichte, irgendwie herabgekommene Papuas, die mit mechanistischen Abfällen der echten: wahrhaft Weißen, instinktirr und kläglich herumhantierten wie ein Affe mit einem Sextanten.
Die echten Europäer aber, die lichten Herrn der Welt, in lässig larger Achtung vor den territorialen Rechten dieser Urbevölkerung, hatten sich lächelnd unnahbare Wohnplätze geschaffen auf eine ihm, dem Fremden, vielleicht noch nicht begreifliche Weise: am Ende gar mitten inne allem Wust und totem Geheul?
Was war den Schöpfern der Weltgleichungen unmöglich?
Hatte er doch noch keinen Vertreter jener Gebiete getroffen, die er als typisch »europäisch« anzusprechen gewohnt gewesen.
Ihr Wirken aber kannte er: _Wirklichkeit_ mußten sie also sein, diese Geschöpfe wie aus Schnee und Gold in ihrem ohnegleichen Cherubtum; die Sternenklaren, Bestirnten, Newtonhaften, die süperben Glücklichen, und das Gefüge ihrer Glieder ebenbürtig den köstlich gleitenden Erzwesen ihres Hirns und ihrer Hände. Irgendwo mußte es sie geben, dort vielleicht, wohin der Elf von einem großen Stern entschwunden war.
So taumelte ihm das Herz doch wieder in seinen heißesten Lieblingstraum. Gegen alle Vernunft. Trotz allem. Ja, gerade die singenden Bäuche, der gemalte Frühling aus Blech, zwangen das Pendel seiner Stimmung, zurückzufahren, daß es sich beinahe überschlug.
In diese verborgene Welt der Ganz-Weißen aber würden van Roys weltgültiger Name, seine Empfehlungsschreiben dem Schüler, dem bescheiden Nahenden, den Weg bereiten. Eine Persönlichkeit, frei, kühn, bizarr, deren Primzahlengesetz, deren Knotenexperimente, die vierte Raumdimension betreffend, ihn erst kürzlich entzückt hatten, zog ihn dort vor allem an. Wie hatte er es nur ertragen können, diesen Besuch so ins Unbestimmte zu verlegen für eine Zeit, wenn ihm Deutschland etwa gerade in den Weg käme? Bei der Einheit und Höhe an Mensch und Ding, wie sie ihm einst als Merkmal des ganzen Kontinentes vorgeschwebt, galt es ja berauschend gleich, wem und was er zuerst begegnete.
Morgen würde er fahren. Und er fuhr. Gewiß, auch in Italien oder Frankreich gab es Namen genug, zu denen es ihn mit dieser neuen Hoffnung gezogen hätte, aber er schämte sich ein wenig seiner Aura. Wie, wenn das wirklich nur kastenlose, verwilderte Ureinwohner, unter die er ahnungslos geraten? Wäre es ihm etwa eingefallen, aus dem Körperdunst von Rhodias kommend, einen Brahmin hoher Kaste aufzusuchen? Nicht, daß etwa unliebenswürdiger oder gar verächtlicher Empfang gedroht hätte. Ärgeres. Die höfliche und feierliche Gestalt mit hanfner Schnur auf dunkelblasser Brust saß, tat, lächelte dann wie immer. Doch die Poren der Persönlichkeit blieben zu. Man merkte das erst beim Sprechen. Lieblichste Einfälle -- tot wie Steine plumpsten sie vom Mund einem senkrecht vor die Füße -- und da blieben sie liegen. Zum Schluß saß man oben auf einem Schotterhaufen eigner Weisheit mit ganz ausgeweidetem Gehirn. Das verborgene Sonnengeflecht von Geschöpf zu Geschöpf, des Fluidums magischer Faden, auf dem Worte als Weberschiffchen hin und her fliegen, spann sich nicht an.
Eine Pause demnach und etwas wie reinlicher Zwischenraum.
Er nahm ein Auto, lenkte es selbst und fuhr mit Gargi und Wen-Kiün über die Alpen. Das brachte ihn zum ersten Mal mit Europäern, außerhalb der großen Städte, in Berührung.
Auf dem Brenner zwang eine Panne zu längerem, unfreiwilligem Aufenthalt unter Eingeborenen. Es schien ein wilder Völkerstamm, im Besitz von vier deutlich unterscheidbaren Lauten: »Hüüüaaahhh -- sell woll -- Sakra und Teifffi.« Ersteres zur Verständigung mit dem Vieh. Zweites zur Verständigung mit dem Fremdling. Drei und vier: orgiastische Erregungszustände mit fetischistischem Einschlag andeutend.
Die ausgewachsenen Männchen trugen entwurzelte Fangzähne wilder Tiere an Schnüren vor dem Nabel, und als Hauptschmuck grasgrüne Kegel, an denen die ausgerissenen Rückenhaare einer kleinen Zweihuferart büschelförmig angebracht waren. Die Lenden bedeckten gegerbte Felle der gleichen Tierspezies. Die nackten Beine zeigten durchweg natürliche und dichte Behaarung. Die heranwachsende Brut pflegte artfremde Geschöpfe aus dem Hinterhalt unter aufgeregtem Geschnatter mit allerhand Unrat zu bewerfen.
Doch richtig: noch über einen fünften Lautkomplex verfügte der Stamm. Unmittelbar vor der Abreise sollten es die indischen Gäste erfahren. Horus kurbelte bereits den Motor an, da schlurfte mit hängenden Vordergliedmaßen, endend in schwarzen, zerquetschten Klauen, ein halbwüchsiges Männchen vorbei und spie etwas aus: halb Kautabak, halb »gelobt sei Jesus Christus« -- ging zwanzig Sekunden weiter -- duckte sich und schmiß einen Stein. Die Bewegung, bei aller hämischen Wut, war aber von so wasserbüffelhafter Langsamkeit -- bis eben das Tief-tückische durch die Borke heraufbrach -- daß Horus unschwer das spitze Stück Schotter vor seinem Ziel: Gargis Schläfe, mit erhobenem Arm abzufangen vermochte.
Dann, als der Wagen mit dritter Geschwindigkeit den Grenzen dieser Weideplätze zustrebte, bemerkte er, den schmerzenden Arm am Volant:
»Ob ein gewohnheitsmäßiger Zusammenhang zwischen Gruß und Steinwurf besteht -- überhaupt noch eventuellen andern Stammeseigentümlichkeiten nachzuspüren, bleibe unerschrockeneren Forschern bei einer künftigen Durchquerung des dunkelsten Mitteleuropa vorbehalten.«
Drittes Buch
Fünf Eingänge hatte die Mietskaserne. »Aha, die unnahbaren Wohnplätze,« er mußte lächeln. Im vierten Stock trug endlich die Tür einer Hofwohnung den gesuchten Namen. Auf einer Visitenkarte an vier Reißnägeln in Fraktur: Dr. Oskar Samossy, außerordentlicher Professor für Mathematik. Eine Weibsperson öffnete. Sie war von jenem saloppen Kleidungsstück umschlampt, das Europäerinnen für einen Kimono zu halten schienen, da sie es also benannten. »Nein, nicht zu Hause; botanisieren sei der Professor gegangen.«
Unter einem vermodernden Vogelnest aus Haar sahen vertrocknete Holunderbeeren den Besucher frechverlegen an. Lockeres Fleisch der Arme schaukelte mit, während das Weibsstück ein goldnes Kettenarmband mechanisch die lange klebrige Hand auf und ab gleiten ließ.
Horus übergab seine Karte und Erasmussens Brief an den einstigen Schüler, jetzt großen, ebenbürtigen Kollegen. Die Person öffnete den »Kimono«, legte Karte nebst Kuvert horizontal vorn auf eine gelbliche, rechteckig hinaufgepreßte Masse. Schloß die Tür. Grußlos, grob.
Innen mehrmaliges Aufstoßen des Besens, und unter dem Türspalt hervor versuchte die grauporige Zungenspitze eines nassen Lappens etwas Spülicht gegen den mutmaßlichen Standort des Besuchers zu spritzen. Endlos stieg er wieder die idiotisch konstruierte Treppe hinab. An jedem Absatz reckte ein Gasarm, von blecherner Blumenranke sadistisch unter der Achsel gekitzelt, seinen zerfetzten Glühstrumpf durch ein tulpenförmiges Glasgeschwür in die gefleckte Trübe des Zylinders.
Beim Eingang vertrat ein andres Weib mit einem Wasserkopf am Schürzenband ihm jäh, aus einer Glastüre heraus, den Weg. Hinter ihr her brach Brutwärme Kleinen-Leute Geruchs: nach eisernem Ofen, scharfen Männersocken, süßlicher Säuglingswäsche. Im Türausschnitt erschien die Lehne eines geschweiften, grünen Roßhaarsofas, ein Brautkranz unter Glas, verstaubte Bierflaschen, eine Rute an rotem Band, die Mutter Gottes und säuische Ansichtskarten fächerförmig über die Tapete genagelt. Ein Jegliches stank für sich.
Das Weib geiferte: was er wolle, wen er suche. Sie sei die Bordiööös Gattin. Habe auf Ordnung zu halten. Hätte gesehen, wie er am Gashahn geschraubt. Jetzt sei der Strumpf zerrissen. Sie fordere Schadenersatz. Der Wasserkopf am Schürzenband versuchte indes dem fremden Herrn auf die Stiefel zu spucken, und der Geifernden grimmer Birnenbauch drohte schon wieder neuen Wurf. Jetzt plärrte der Wasserkopf los, weil sein Speichel im Gleitflug versagt hatte; tröstend wurde er an die keimende Hoffnung gequetscht und Wutblicke schossen gegen den herzlosen Kinderfeind.
Der Kinderfeind blieb kalt. So verlegte sie sich aufs Winseln, begann die Gebreste ihrer Familie herzuzählen, hielt Tor und Hand vor ihm offen. Draußen traf den Enteilenden unerwartet ein Bild wie aus einer Haschisch- oder Meskalwelt.
Etwas Eckiges kam die leere Vorstadtstraße herauf, eine Art Gespensterheuschrecke im _frock-coat_. -- Das hagre Pferdeprofil von einem ausgefressenen Ziegenbart umdreieckt, den Zylinder weit aus der prachtvollen Stirn gestoßen, pendelte der große Körper daher. Aus seiner Rechten schleiften etwa drei Meter Strick voll seltsamer Knoten im Straßenschmutz nach -- »seine Knotenexperimente zum Beweis der vierten Raumdimension« -- schoß es dem Beschauer durch den Sinn. Die Linke trug, mit Riesenkraft über den viel zu engen Salonrock geschultert, eine junge Tanne mit erdigem Wurzelballen. Um den Wipfel brauste ein Bienenschwarm. Das Ganze bewegte sich unter einem Sturz undurchdringlicher Geschlossenheit dahin. Diesen versunkenen Wandel mit der Trivialität einer Ansprache stören, -- nein. Voll Achtung trat er zurück, vergnügt, als wäre ihm eben ein Tarnhelm bedingungslos geschenkt worden; ließ den Ahnungslosen an sich vorbei in die Zinskaserne biegen. Die junge Tanne brauste durchs Tor, die Bienenpyramide gereizt ihr nach --.
»Und sticht den Wasserkopf an« -- dachte der »Kinderfeind«. »Zuchthausstrafe auf jede weitere Lebendgeburt für eine Frau, die so etwas aus sich herausgehudelt hat: Ein taktloses Kind schändet ja die Welt mehr als tausend Verbrecher -- ein Dutzend davon, und die ganze Rasse ist gerichtet.«
Andern Tags kam eine dringende Einladung, auf den weißen Rand einer abgerissenen Zeitschrift gekritzelt.
»Gleich« stand zweimal unterstrichen und schnitt in teilweise erhaltene Annoncen für Schmieröl und ein Berliner Bureau zur Vertiefung des Familienlebens.
So machte er sich abermals auf den Weg quer durch die fremde Stadt. Nicht mehr suchend, diesmal gemächlich schauend. An seinem Schritt glitten zahllose Buch- und Kunstläden vorbei. Überall hinter Glas stand auf Pappe: »Der schöne Mensch« -- »Schönheit des Ganges« -- »Rhythmische Körperkultur« -- »Die Kultur des Wohnens« -- »Heimkultur« -- »Künstlerische Bekleidungskunst« -- Stil, Schönheit, Rhythmus -- wo man hinsah aufs Papier. Dann wieder zahlreiche Glasscheiben, blechgolden, schräg verkritzelt mit »Konditorei«. Dahinter alles voll käsiger Frauengesichter unter irrsinnigen Hutgeschwüren, die von gehäuften Tellern faden Kram in sich hineinstopften. Wie hieß doch all das Zeug? Richtig: »Schillerlocken, gefüllter Bienenstich.«
»Einst Stier -- Schwan -- Goldregen. -- Hier müßte sich der Gott wohl zu Schlagsahne wandeln, um einen begehrten Schoß erzittern zu machen,« sann der Fremde belustigt.