Part 17
Linda stand da in voller Balltoilette. Die ganze Nacht hatte Cavadini fast ausschließlich sich um sie gewunden, in ihren Nacken geatmet, dann aber, kurz ehe er mit den andern nach >_Sguerdo suleijl_< ging, sich jäh, wie durch einen Schnitt, aus der Verschmelzung mit ihr gelöst, und ziemlich kühl angedeutet, er führe auf einige Zeit nach Paris, um den Damen Waanebeeker bei der Ordnung ihrer Verlassenschaftsangelegenheiten an die Hand zu gehen. Sie möge ihn nicht allzubald zurückerwarten und indessen lieber mit dem Onkel nach Bologna heimkehren. Eine Szene im Ballsaal, davor hatte ihr gegraut. Ein Handkuß, perfid und lang, dann war er, höchst angeregt, verschwunden.
Seitdem fürchtete sie sich derart vor dem Alleinsein, daß sie durch das Hotel gewandert war, bis zu diesen fremden englischen Mädchen. Hatte erst an Winifred, ihre Zimmernachbarin, gedacht. Aber das kannte man. Nach Tangonächten klang sofort stumpfer Schlafatem durch Winifreds Tür, eine Flasche Kognak, heimlich, von ihrer Mutter _bridge-fond_ angeschafft, half ihr zu dieser sicheren Ruhe.
Hazel und Gwen waren unterdessen zu einem Doppelblock Wohlanständigkeit erfroren.
»_Oh I beg your pardon_,« sie waren so erstaunt, so ins Mark erstaunt, daß es die arme kleine Linda nur trieb, ins Niegewesene zu zergehen. Ein paar vage Entschuldigungen und sie hastete zurück durch all diese Korridore -- Röhren der Unrast, in die es aus den Komfortpferchen mündete: verzerrte Kälte oder übelberatende Not und gieriges Bellen des Stoffes -- Sattheit aus einigen -- aus keinem Glück.
Bei Hazel und Gwen löste sich der Haß der Übernähe nun in gemeinsame Entrüstung.
Nein, diese _foreigners_ -- man konnte eigentlich als Lady nicht mit ihnen verkehren -- nicht proper waren sie -- keine. Allein in der Nacht im Hotel herumlaufen. Fremde Damen aus dem besten Schlaf wecken. Sicher wollte sie wo anders hin und sich hier nur ein Alibi verschaffen. Nun, _mommo_ würde Sorge tragen, daß man dieser verdächtigen Südländerin von nun an allgemein mit gebührender Zurückhaltung begegne. Sie entrüsteten sich bis zu Zärtlichkeiten, die erst das Frühlicht schied.
* * * * *
Lizzi Beermanns Zimmer stieß an das Gemach ihrer Eltern.
Sie preßte die Polster vor die Ohren. So -- so war man also entstanden. So behäbig hingesudelt in eine träge Weite, gleich nach dem Disput über die letzte Hutrechnung, und vor dem ersten Gähnen verdrossener Abkehr.
Da lag man, gedemütigt in seiner ungetanen Jugend, die es so ganz anders wissen und wahrhaben wollte. Lag hilflos heiß auf planen, toten Laken; in Empörung gegen ein weiheloses Nebenan.
Aufspringen hätte man mögen, Türen aufreißen, drauflosschreien:
»Da -- das ist der >Kinderschlaf< meiner dreiundzwanzig Jahre, an den eure Faulheit zu glauben vorgibt. Ja ihr -- ihr, zu träg in euren salopp gewordenen Körpern, um auch nur ein Glied selber zu straffen -- anregen laßt ihr euch von dem Blut in unsren obszönen Tänzen, die wir am Schnürchen machen dürfen. Dann fragt ihr: >Nun Kleine, gut unterhalten? So, jetzt aber brav ins Bett<.« -- O, wie widerlich -- welch ein verlogener Käfig, dieses ganze Leben. Aber ausbrechen? Nein, zu riskant. Lieber behalf man sich noch bis zum korrekten Ende.
Manchmal gelang es wohl und man vergaß ganze Teile von sich -- sank dann wie an eine fremde Wärme -- an sie hin. Da waren zum Beispiel die Arme: ferne Gliederwesen, die frei spielen konnten, wo sie wollten. Aber Kopf und Lippen blieben leider immer allein und zu weit weg von allem Wesentlichen. Wie gut es die Raubtiere, überhaupt die Tiere hatten: von nichts an sich waren sie getrennt; Kelch und Gegenkelch durch eine wunderbar bewegliche Wirbelschnur biegsam verbunden. Schon als Kind hatte man im Zoo immer davon träumen müssen, wenn »_miß_« vor den Käfigen die Zahnformeln repetierte. Was sich da alles machen ließe.
Und die Träume gingen bald in Geschichten über -- etwas beschämende Geschichten, an denen sich ein zweites, häßlicheres Ich mästete -- zu vampirhaftem Leben erweckt von unbedenklicher Hand. Die arme junge Hand wußte nicht, daß sie das Glück entwurzelte in ihrer Not. Wie es dann, am Tag der Erfüllung, heimatlos sein würde am abgelenkten Quell.
Aber es waren in diesen gefährdenden Jahren eben immer wieder nur die Zahnformeln repetiert worden, und etwa: wann und unter wem Sizilien an das Haus Anjou gekommen -- dann noch etwas Eckiges mit einer Hypotenuse, aber das hatte man nie recht verstanden.
Natürlich wußte man, das »andere« sei wohl improper. Es war aber außerdem so viel »improper«, gar nicht zu leben wäre gewesen, hätte man sich überall daran gekehrt. Wie also Sinn von Unsinn am »improper« scheiden, da die Erklärung, erhielt man sie, ja doch gelogen war und immer weithin sichtbar falsch.
* * * * *
»Oh wann -- wann wieder.«
Und im langen _saut-du-lit_ hing Margot abschiedtrunken mit gelösten Gliedern um du Perrons Hals.
Dieses rührende und entzückende Bild bot sich zwischen Tür und Angel von Mademoiselle Chenals Hofzimmerchen einem Trupp heimkehrender Herren, als sie in der Dämmerung auf Zehenspitzen jäh um einen Korridor lugten. Von der andern Seite hatte schon längst der Zimmerkellner verborgen geäugt, der, so lange nicht nach ihm geschellt wurde, die göttliche Allgegenwart »_love_« zu schlagen pflegte.
Ob die Herren von dem Bilde entzückt gewesen, war schwer festzustellen -- gerührt wohl kaum, denn es gab einen ungeheuren Skandal. Ganze angelsächsische Tribus erklärten abzuwandern mit ihrer Brut, mutete man ihnen die Gesellschaft einer solchen Person noch weiter zu. Man sehe ja so über manches hinweg, zum Beispiel -- und nun wurden alle erdenklichen sexuellen Querstände nach der Variationsrechnung durchgeprobt --, aber eine Tochter neben Töchtern. Das war zu viel. Die übrigen jungen Mädchen indes blühten an diesem Tage argloser wie je in den Klubsesseln herum: es war das reine Konzert-Blühen, sahen mit etwas umränderten Kinderaugen süß und leer um sich.
Gegen Mittag ließ die Direktion Madame Chenal mitteilen, man bedaure unendlich, aber durch ein fatales Versehen seien die Zimmer der Damen telegraphisch an neue Gäste vergeben worden, auch habe man leider gar nichts anderes für den Augenblick verfügbar, ob vielleicht an ein anderes Haus telephoniert werden solle? Auf alle Fälle sei der Gepäckschlitten um vier Uhr bereit.
Die darauffolgende Szene zwischen Margot und ihrer Tante schrie durchs Mark des Hauses. Madame Chenal erbrach wie rasend nach einander alle Opfer, die sie der Nichte von der Wiege an gebracht, und wie nun das mühsam gesparte Geld für die Lancierung zu dieser kostspieligen Saison hin sei, und alles Schmach und Ruin. Keine Heiratchance mehr. Und was ihre bedauernswerte Mutter nur sagen würde, und nach Rouen könne sie überhaupt nicht mehr zurück. Sie selbst ziehe jedenfalls ihre Hand von der Deklassierten und enterbe sie.
Dann eine Atempause der Hoffnung. Madame Chenal ließ Aquetil du Perron zu sich bitten und erklärte ihm, sie gehe wohl nicht fehl, wenn sie ihre Nichte, nach dem Vorgefallenen, als mit ihm verlobt betrachte.
Du Perron wurde ganz Gentleman und so korrekt, daß einem das Atmen verging. Er höre wohl nicht recht. Männer von seinen Grundsätzen und seiner gesellschaftlichen Stellung pflegten wohl nicht eine junge »Dame«, -- er lächelte Gänsefüßchen -- die sich nach einer Ballnacht gleich einem quasi Fremden an den Hals werfe, zur Mutter ihrer Kinder zu machen.
Und als Madame Chenal etwas von Vergewaltigung und gerichtlicher Klage anfing, schnitt er ihr kurz das Wort ab:
»Ganz nach Belieben, er habe ja Zeugen genug dafür, ob der Abschied nach Gewalt von seiner Seite ausgesehen -- oder eher anders herum.«
Tiefverschleiert schlichen sich die beiden Frauen durch einen Seitenausgang des Hotels zu ihrem Schlitten, ignoriert von den Hotelgästen. Dafür bildete das gesamte Personal, dem keine Abreise noch je entgangen war, auf dieser ungewohnten _trace_ Spalier. Aus allen Korridoren quollen _button boys_, sonst gewohnt, sich auf der Freitreppe pompös zu entfalten. Dieses Spießrutenlaufen, bei dem die Verurteilten noch jeden ihrer Quäler zu beschenken hatten aus der mageren Tasche -- es war zu viel. Endlich beim letzten Lungerknaben angelangt, brach aus Margot -- der Beschimpften, Verhöhnten, Getretenen -- der erste Strahl Menschenwürde. Als dieser glücklose allerletzte Lungerknabe, schon beim Schlitten, nicht nur die Hand, sondern auch -- und gar nicht wenig -- die Zunge vorstreckte, klappte sie ihr zwei Frankstück in die Börse zurück und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
Aber eigentlich war dieser Skandal von weniger nachhaltiger Wirkung gewesen, als man hätte meinen sollen, denn ein neues, tieferes Zittern schwoll durch das Haus. Wie stets zur Zeit der Äquinoktien, war, gleichsam über Nacht, die Hutbrunst ausgebrochen und die bewegten und beunruhigten Frauen sammelten sich zum Zug nach Paris.
Schon vor Wochen war es Horus aufgefallen, daß die Neuangekommenen merkwürdig anders gebaut zu sein schienen als die Winterfrauen, besonders die Partie zwischen Schulter und Ellenbogen strebte offenbar immer mehr dem Schenkel eines Schweines nachzueifern, und so wähnte, was noch Frauenarme besaß, sich allzusehr im Nachteil. Und die Zeichen mehrten sich. Letztarrivierte sahen schon so vollkommen verkehrt aus, daß man ganz verzagt wurde.
Die Principessa Dango -- als Sturmvogel der _rue de la Paix_ -- war längst fort mit ihren Hutkoffern: eine Art Löwenkäfigen mit Saugnäpfen, letztere bestimmt Toques -- Cloches -- Canotiers: alles pneumatisch -- nadellos an den Innenwänden festzuhalten.
Als Elchos ihr Kupee bestiegen hatten, fiel Horus ein Herr auf, in englischer Reisekappe, und an dem nagelneuen Überzieher Nähte, wie die Nieten eines Dampfkessels. Wo hatte er den Mann schon gesehen? Eben schob er jene kostspielig aussehende Französin in einen Waggon erster Klasse, hinter der drein der Zimmerkellner am ersten Abend blitzschnell eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit gemacht.
Wo war der Dame sonstiger Gatte -- oder Begleiter? Glich nicht der Mann in der englischen Reisekappe auffallend besagtem Zimmerkellner? Wen-Kiün, Gargis Dienerin wußte Bescheid. Sie haßte den Zimmerkellner.
Ja, dieser »große Kerl Gauner« hatte beim Rennen gewonnen und der Master der Dame hatte verloren. Und so war der Master ohne die Dame abgereist, und ohne die Rechnung zu bezahlen. Und so hatte der Zimmerkellner die Rechnung beglichen und die Dame für die Begleichung der Rechnung behalten.
»Warum auch nicht,« sagte Horus zu Gargi, »hier, wo es keine Kasten gibt: sondern nur _einen_ Pöbel mit verschieden viel Geld. Schließlich in einem _easy-chair_ lümmeln, das bißchen Eßmanieren, die paar Redensarten! Leicht ist es da, Herrenbräuche erfüllen; gälte es, einer östlichen Teezeremonie gewachsen sein oder den Begrüßungsformalitäten zweier chinesischer Kaufleute, das wäre etwas anderes, das müßte gelernt werden. Aber europäischen Gentleman spielen -- welchen Könnens bedürfte es da.«
Er lächelte Wen-Kiün zu in heiterer Erinnerung. Dieser Zimmerkellner war der Chinesin Privatfeind. Einmal standen um den ganzen »Astoria«-Block jene eigentümlichen Schnatterlaute, wie sie Chinesen in höchster Aufregung eigen:
»Du verkehrt gezeugtes Schildkrötenei, die Hund is eine Gentleman, nur noch nicht fertig. -- Du fertig und nie Gentleman.«
Der Zimmerkellner hatte auf zwei Hunde, die sich im Sonnenschein zu paaren versuchten, wie das hier so Brauch, unter Zoten und Gelächter losgeschlagen.
Von ihrem Master scharf zurechtgewiesen wegen solch unziemlichen Fluches, hatte sie mit der Unbeirrbarkeit eines Kindes, das noch keine Kompromisse anerkennt, gesagt, demütig, und doch wieder mütterlich ihm überlegen an uralter Würde:
»Wir tüchtig im Unten Sein ... diese aber nirgends tüchtig.«
* * * * *
Die Gondel der Principessa Dango floß auf den _ponte della paglia_ zu.
Silberbrokat schleifte breit im Kanalschlamm hinterdrein. Faulende Tomaten, ein paar Kohlblätter, zogen auf seinen harten Metallfäden mit. Zwei hypnotisierte Barsois, mit Silberpuder bestreut, flankierten steilen Profils die Principessa, schnitten, ihren unbegreiflichen Hut zwischen sich, wahnsinnige Dreifalt ins Blaue.
Jetzt stieg sie langsam zwischen ihren lebendigen Wappentieren hindurch, gegen den Dogenpalast an. Hinter dem Eckpfeiler mit dem betrunkenen Noah lauerte es ihr entgegen, duckte sich, stürzte vor: Strondoli. Eine ewige Sekunde wies der klotzige Browningfinger krachend auf die Niederstürzende.
»Abdrehen!« schrie Archie Payne dem Mann am Apparat zu, und, Fäuste in Hosentaschen, zur Principessa:
»_Oh! drat it_ ... was fällt denn Ihnen ein!« Keine Spur Snob-Devotion lag mehr in seiner Stimme.
Mitten im Todeskampf hatte sie plötzlich das Lorgnon erhoben, ließ ihr Sterben liegen, ging an Regisseur und Filmstab vorbei in eine Gruppe Zuschauer hinein:
»_Beautiful boy._«
Und sie hielt Horus Elcho den Mund des Handschuhs zum Kusse hin.
»_Impossible._«
Schon führte Strondoli sie höflich-fest zurück. Aus Archies Stimme aber pfiff nackt die Impresariopeitsche; die »_princesse macabre_« wurde Schulden halber von ihm verfilmt: ihr Palazzo -- ihr grandioser Totenkopf mit Toque -- ihre Windhunde -- ihr Foxtrott, alles war diesem Raubepheben von Übersee hörig geworden, der in Schmieröl und Champagner spekulierte, einen Rennstall, eine Bar in Verbindung mit einem Kunstsalon betrieb, ein Filmunternehmen gegründet und nun unter der Hand ihre Wechsel aufgekauft hatte.
Also schnell den Todeskampf noch einmal; die anschließende Szene, bei der Lord Byron in Schwimmhosen aus zehn Meter Höhe per Kopf in den Kanal zu springen hatte, drängte sehr, denn schon zog Ebbe die Wasser von der Stadt zurück, wie wenn Speichel sich zurückzieht von einem entfleischten gelben Gebiß, die geschwärzten Ringe der falschen Kronen auf verfaulenden Wurzeln bloßlegt. Der schöne Archangelo, im Bademantel als Lord Byron, erklärte, den Sprung heute kaum noch riskieren zu können. Indessen umfeilschten er und Genia Waanebeeker bei dem Antiquitätenhändler an der Ecke des San Sovino einen römischen Sarkophag, den wollte er als Toilettetisch zum Rasieren und für seine englischen Reiseflacons im neuen Heim verwenden. Halb St. M. wirkte hier »im siebenfachen Mord an der Seufzerbrücke« mit. Seine Darsteller -- es war Archies Clou für »drüben« -- sollten Mitglieder der »Gesellschaft« sein. Taten auch jetzt untereinander sportlich-heiter, amateurisch-unbeschwert, nach der eiskalten Wut, mit der jeder um den Vertrag gerungen, Vorschüsse heraus, Vorteile hineingekniffen und seine Fußangeln heimlich durchgenagt hatte.
Archie bereute. Diese Amateurverdiener, von kaufmännischen Usancen völlig unbeschwert, hielten im Geschäftsverkehr einfach alles für erlaubt, waren stumpf für Grade innerhalb merkantiler Unanständigkeit und von uferloser Beutelust.
Zuweilen gab es ja Spaß, wenn etwa Gwen Raeburn ihm mit ihren hübschen Beinen beinah die Schlafzimmertür einrannte, zu allem bereit, damit er sie nur ja nicht mit Hazel gleich einkleide zu einem venezianischen Pagenpaar.
Die Erschießung der Principessa Dango aber hätte sich auch besser in St. Peter gemacht, während der Papst die Ostermesse zelebrierte. Wie bei dem Schuß die Kardinäle gehüpft wären; _first rate_, so eine echte Panik. Wenn man Glück hatte, gab's wirkliche Tote. Ein Fehler, daß er sich nicht direkt mit dem heiligen Vater ins Einvernehmen gesetzt. Lord Byron in Schwimmhosen konnte ebensogut von der Engelsbrücke springen.
Hätte ihm nur dieser goldäugige Sklavenhändler seine Reisefrau für die Film-G. m. b. H. verkauft. Er hatte Gargi einmal in den »fließenden Wassern von Bengalen« überrascht, wie sie mit ihren Armen spielte, die -- zwei Schlangen -- aus ihr erwacht, fortglitten, Milch aus Schalen tranken, dann aufgereckt, rosige Opale auf den schmalen Köpfen, ihren bösen Schwebetanz begannen um eine zitternde junge Antilope, die ein zarter Frauenschenkel war. Mit eins hatten all diese Zauberwesen sich dann aufgerollt und dahin wie Wolke am Boden, die langsam steigt, sich loslöst aufwärts in eine andre Dimension. Was Opale in Schlangenköpfen gewesen, stand nun hoch, zwischen Schleiernebeln, zeitlos: ein Sternbild über einer weiblichen Säule, gleich Rauch.
Tausend Prozent.
Auf was wartete dieser asiatische Wucherer denn noch? Dort schritt er über die Piazetta -- schien immer über alles hier wegzuschreiten und trat es doch nicht nieder dabei. Diese Höflichkeit gegen seine Sklavenprinzessin! Kein Zweifel, entweder sie hatte das Geld oder wußte eine ganz üble Schweinerei von ihm. Jetzt nahmen sie einander gar bei den Fingerspitzen wie Kinder im Märchen. Perverse Sache.
* * * * *
Ja, sie gingen Hand in Hand, wie einst zur Schillerfalterjagd, auf hohen, schlanken Beinen in die Goldhöhlen von San Marco hinein. Gargi um Weniges voraus. Hier in der Insel von Byzanz, schwimmend auf gestohlenen Säulen des Ostens, blühten wieder die unerhörten Farben ihres Sonnenblutes auf, glänzend wie Blätter; über Silber ein grünlicher Samt. Als Ampel, auf magischer Spur, leitete sie den Mann an hingekreuzigten Tieren, toten Engeln und Goldadern entlang, in lieblichem Triumph einem noch Dunklen zu -- vor Freude ernst. In der Apsis, hinter der malachitnen Schlachtbank für das Meßopfer, hob sie den schweren Ledervorhang -- ließ ihn schauen:
In den Raum der _pala d'oro_.
Durch seine enge Nacht hing leuchtend die morgenländische Altarplatte aus Gold und aus Lazur. Gebuckelte Juwelenbeeren trieben blasig aus ihr und um die erzenen Engel ihres Grundes. Auf diese Engel fiel von oben Honigschein einer Kerze hoch aus der Hand eines neuen Wesens. Einer Frau?
Es stand wie wehender Springbrunnen -- wie Lebenskraft fabelhaft aufgeschossen zu einem einzigen verwegenen Strahl. In eine Natürlichkeit kühneren Ranges hinauffließend -- schwerelos.
Der Elf von einem großen Stern.
Die blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.
An dem Zittern der Wasser seines Lebens hatte er sie schon hinter dem Ledervorhang erkannt, jetzt von rückwärts an den Sprunggelenken. Kühn und scheu hielt sie die Kerze einem dunkelhäutigen, eher kleinen Mann -- wie beglückt, ihm so Schönes weisen zu können, und glich an Haltung ganz jenen Cherubim aus Niello und Opal, die ihr wie fernes Geschwister entgegen zu wandeln schienen aus dem goldmilden Grund. Des dunkelhäutigen Mannes Blicke schwollen wie Beeren. Aufsaugend gingen sie von jenen zu ihr, füllten sich mit dem Gewonnenen. Dann glitzernd, schmeichelnd, leise:
»Mein _pala d'oro_-Wesen.«
Dann noch leiser, wie eine Inkantation, ein feuriges Gewebe, jedes Wort kennerisch setzend und genießend:
»Mein nobles, langes, schlankes, schlangenanmutiges _pala d'oro_-Wesen.«
Horus ließ den Ledervorhang fallen. Schied sich diskret von dem Stromkreis drinnen.
»Falsch,« fühlte er.
»Nicht _pala d'oro_-Wesen. Denn noch niemals konnte sie da sein. Ihr Kanon erfließt aus einer kühneren Ordnung der Materie, aus eignem eigensinnigem Gesetz. Erst seit der Planetengeist durch Schwebebrücken, durch zart ragenden Stahl zu uns spricht, ist sie als Körper auch nur möglich, die Weißeste der Weißen, die schlichthin Neue: St. Elmsfeuer aus den Spitzen alles Bisherigen. Fern ragt sie auch über die Schönheit weg, die noch nicht bis zu ihr gelangt, sie noch nicht einzuholen vermocht.«
Und er blies wie reifen Löwenzahn das Wesen der Pallas und Nausikaa von seiner Seele. Ganz Geburtstagskind wieder. Und tat -- als ein Wissender -- jedes Wollen und jede Willkür von sich ab. Er würde sie nicht suchen; hatte zuviel Ehrfurcht vor dem großen Finden. Das sollte vom Rang jener Dinge sein, die hoch über Einsicht und Bestimmung des Einzelnen hinaus, einem geheimnisvollen Kräftespiel überantwortet zu bleiben haben, oder sie sind nichts. Nur den Vorhang berührte er noch einmal mit jeder Pore seines Körpers und war irgendwie getrost. Hatte ja die Fee Peribanu zur Lieblingsfrau, und eine Fee ist lauter Gabe und deshalb so überaus mächtig, weil frei von Furcht, daß man ihr etwas raube; wer aber könnte das, da sie ja selbst lauter Gabe ist?
* * * * *
Als Mittagssonnenstaub in den schmierigen kleinen Waggon auf der Strecke nach Padua hereinbrannte, kam von nebenan eine Stimme. Die Stimme. Erst wortlos leuchtend. Jünglinghafter Vogelton über einem dunkelerregten Grunde. Auf eine Frage hin zitterte sie zu Klarheit, setzte Worte wie Kristalle an; ward ein kleiner Bericht -- Alltagsvorgänge nach einer Trennung -- vielleicht in einer deutschen Stadt -- Besuch eines »Zoo«. Die Stimme griff Tiere heraus, ründete Bilder mit jener neuen Kinderkraft am andern Ende des Wissens, wie sie Diana Elcho eigen gewesen. Er horchte all seine Adern entlang. Ganz verspielte Worte kamen getanzt auf seinem Blut, einten sich, flossen honigfarben dahin: ... »und es war sommerlich warm zur Stunde der Löwenfütterung -- ganz sonnig -- die lieben Großen draußen in ihrem dreigeteilten Raum. Die schöne, starke Löwin schmachtete hinüber zu dem jungen afrikanischen Löwen mit der etwas pauvren Hinterhand; aufrecht stand sie am Gitter, kratzte kläglich und ununterbrochen. Da kam er ganz nah, legte und preßte sich gegen die Drahtmaschen, so daß sie ihn wenigstens streicheln und ein bißchen durchlecken konnte -- auch seine intimeren Teile -- und hub ein gigantisches Geschnurre an, daß der Boden zitterte; prachtvolle Sehnsuchtslaute dazwischen, daß einem das Herz schlug! Wenn man sich dagegen so eine christliche Ehe vorstellt!
Das Publikum starrte verständnislos die seinem Instinkt so fremden Vorgänge an. Von Mitgift war auch nichts zu sehen, so schwoll der allgemeine Unwille: >Die grauslichen Bestien -- die Falschen!<
Und auch die rotznasige Brut echote schon zwischen Trenzen und Nägelkauen zur Wonne der Alten:
>Die grauslichen Bestien -- die Falschen<.
Da ging ich.
Von rückwärts ins Raubtierhaus, wo auch Affen, Schildkröten und weiße Mäuse sind. Mit mir trat der Wärter ein. Kaum witterten ihn die drei Herrlichen draußen, kamen sie hereingestürzt. Der mittlere Löwe steht still im Tor, zwischen seinen Beinen den untergehenden Sonnenball, und die Mähne von rückwärts durchleuchtet, daß sie förmlich knistert vor Gold.
Da hab' ich ihm alles abgebeten, auch das mit dem >Giletteapparat< zum Geburtstag. Jetzt weiß ich ja erst, was eine Mähne sein kann und wie sie gesehen gehört.
Ruhig hielt der Wärter seinen ganzen Arm in den Käfig. Da legte sich der Herr der Mähne genau so auf den Rücken, streckte die Beine zum Himmel und den Bauch unter die liebkosende Hand, wie unser kleines rosenpfotiges Kätzchen seinerzeit in Chamonix -- gepriesen sei sein Andenken.
Und dann zwängte der Wärter seine Wange durchs Gitter und der Herr der Mähne leckte sie inbrünstig und schmiegte seine Wange daran ... und so blieben die zwei.«
»Und so blieben die zwei.« Eine tiefsaugende Männerstimme fing die Worte, trank sie nachschmeckend, schwoll warm am Gewonnenen -- schwieg dann. Durch die Stille ging jene Umschichtung der Luft, als würden nebenan lautlos Plätze getauscht, Lebendiges anders verteilt. Nun lag einen Augenblick die dunkelhäutige Wange der Ganz-Weißen an. Wie mit Seidenfäden eine gespannte Marionette, hing Horus am Drüben: wußte alles durch den gebogenen Plüsch der Lehne -- durch Wand -- und wieder Lehne strahlengrad hindurch.