Part 16
Ein unseliges Mißverständnis -- bedauerliches Versehen, wenn man so wolle. Für zehn Uhr sei er durch Ithnan zum Herrn Geheimrat bestellt gewesen, wie er verstanden habe, um diesen zu rasieren. Natürlich glatt, wie er es eben durch die vorwiegend amerikanische Klientel des Hauses nicht anders gewohnt sei. Die Zeit drängte sehr, und so erbot sich Ithnan -- während er, der Coiffeur, unten beschäftigt sein würde -- oben das etwas gelichtete Haar des Gelehrten mit Bayrum zu behandeln. Fürsorglich, daß nichts in die Augen rinne, habe Ithnan dem Herrn die obere Gesichtshälfte mit einem Tuch bedeckt. Nur so sei es zu erklären, daß diesem das tief bedauerliche Mißverständnis unten nicht rechtzeitig in seiner ganzen Tragweite augenfällig geworden sei.
An dieser Stelle griff meist der Zimmerkellner ein und pflag der weiteren Erzählung.
Gepoltert habe es drinnen und dann geschrien: »Freiheitsberaubung, Hilfe.«
Ein umgeworfener Stuhl, und auf ihn losgaloppiert sei plötzlich ein wehender Mensch mit einem halben Gesicht, habe aber bei seinem, des Kellners Anblick, sozusagen auf allen Vieren in der Luft kehrt gemacht, sei mit einem Tigersprung zurück ins Zimmer, um vor der zugeschmetterten Tür nur einen Fluch lotrecht stehen zu lassen.
»Alles herunter jetzt,« war von innen als gebrüllter Befehl vernehmbar geworden. Mehrere Minuten Lautlosigkeit ... dann ein Wutschrei und Klirren, als ob der Toilettenspiegel zu Pulver zerkrache.
Hier, als Relais, legte sich das Fräulein aus dem Frisiersalon in die Sielen der Geschehnisse:
Aus Zimmer 560 hätte der Chef wie rasend angeklingelt -- nach den Ersatzteilen gerufen -- Transformationen -- Bärten. Alles herauf.
Im ersten Schreck sei sie mit einem Gretchenzopf am blauen Band in der Faust angestürzt gekommen; außerdem habe man noch auf Lager gehabt: einen eisgrauen zweiteiligen »Knecht Rupprecht« vom »Nikolo« her und ein Reserveexemplar jenes Haarkranzes für den Marqueß of Kar and Kinstone zum letzten Kostümball, auf dem seine Erlaucht als »Krao, das Affenweibchen« durch das Lied:
»_I like a wow-wow_ _very good a chow-chow_«
einerseits, andrerseits durch eine fulminante Buntheit allgemein entzückt hatte. Besagter Haarkranz war dazu bestimmt gewesen, sich mit Hilfe dünner Kautschukfäden über der örtlichen Buntheit zu schließen oder, nach Bedarf, als gesträubte Gloriole zu öffnen. Mancher Mühe und Probe hatte es dazu bedurft. Aber der Herr Geheimrat wäre ganz dagegen gewesen.
Indes sei es später und später geworden. Ein ums andre Mal hätte die Fürstin herübergeschickt, besorgt anfragen lassen, warum denn der Herr Geheimrat noch immer nicht zur Untersuchung käme; auch seine kaiserliche Hoheit warte mit Ungeduld des Resultats.
Kern und Wesen des Ganzen aber wußte natürlich wieder Archie Payne zu berichten, der auf dem frischgefällten Aas jedes Tratsches als erster: ein Weißkopfgeier, saß. Knapp vor der Abfahrt des Mittagszuges sei in der Richtung nach dem Bahnhof in einem Schlitten das bartlose Profil des Geheimrats Simon an ihm vorbeigejagt. Mancherlei wußte er über dieses Profil auszusagen, denn er selbst hatte einen recht gutgeschnittenen Kopf.
Wie jedes Erlebnis durch wiederholte Darstellung Neigung zeigt, erst steil zu einem Zenith der Stilisierung anzusteigen, dann aber teils durch Hypertrophie der Bilder, teils durch Verdrängung ins lustlos Unscharfe zu verquellen sich anschickt -- so auch dieses. Der relativ reinsten Periode entstammte noch das Bild:
»Halb Hyäna-Schnauze, halb abgetropfte Kerze.«
Dem Großfürsten und der Fürstin meldete das hinterlassene Billett, eine dringende Depesche hätte den Herrn Geheimrat nach Deutschland berufen, es handle sich da um Tod und Leben, darum hätte er nicht zögern dürfen, im Interesse hoher Menschlichkeit, die er als edelstes Vorrecht seines Berufes stets zu betrachten gewohnt sei, den so ehrenvollen Auftrag seiner Kaiserlichen Hoheit vorläufig an zweite Stelle treten zu lassen. Indem er für die ihm erwiesene hohe Auszeichnung alleruntertänigst danke usw. usw.
* * * * *
Helena Karachan erachtete die ganze Episode als gar der Rede nicht wert. Gab sich, nach dem letzten Aufflackern ihrer Wut ins Hell-Bacchantische, nur mehr der Erfüllung ihres Schicksals hin. Mutig, scheußlich und wahr. Höheres Menschentum durfte ihr nicht mehr nahen. Sie wurde bös und stumm. Winkte Horus verzweifelt weg:
»Fort mit Ihnen, Sie machen mich wieder -- denken, und Peribanu macht mich wieder -- fühlen. Ich will nicht mehr.«
Wenige Tage danach reiste sie mit ihrer ganzen Suite grußlos ab. Noch vor Saisonschluß war es Archie zu melden vergönnt:
»Die alte Karachan ist in Nizza mitten in einem Evans-Gambit endgültig explodiert.«
* * * * *
»Mein Karma behüte mich davor, je in Europa als Schwester neben Schwester reinkarniert zu werden,« dachte Horus. »Zur Bestie würde es mich machen, und die Arbeit von Jahrmillionen wäre glatt umsonst gewesen.«
Es waren natürlich wieder die Raeburn _girls_.
In Paris, wo Mrs. Raeburn mit ihren Töchtern zwar das gleiche Hotel bewohnte, doch einen andern Flur, war ihm gleichsam zwischen Tür und Angel lediglich aufgefallen, wie von diesen völlig gleichgekleideten Mädchen immer, je nach Schnitt und Farbe des jeweiligen Kostüms, die eine oder die andre übellaunig vor sich hinzumaulen und Tränen nahe schien. Die jeweils Unglückliche sah, wiewohl sonst nicht häßlich, auch an diesem Tag immer bis zur Karikatur unvorteilhaft aus.
Sie waren von entgegengesetztem Typ. Nicht nur an Größe und Gliederbau, auch an Haut und Incarnat. Hazel: _bread and butter girl_, frisch, plump, hochfarbig mit braunem Haar, Gwen: müde, käsig, hatte feine Hüften und elegante Beine. Was der einen stand, entstellte naturgemäß die andere, und stimmte es einmal halbwegs im Schnitt, so war es dann in den Farben umso desaströser. Hüte krönten die Katastrophenstimmung. Mrs. Raeburn aber schien, was immer geschah, von eiserner Zufriedenheit. Dies waren seine Pariser Eindrücke gewesen.
Seit hier im »Astoria« die Raeburn _girls_ ihr gemeinsames Zimmer neben seinem Appartement hatten, wußte er mehr von ihnen, als ihm nach zehnjähriger Ehe gut gewesen. Die zwangsläufige Vielliebchenschaft an Kleidern, Mänteln, Hüten, seit Jahrzehnten auch _noch_ im gleichen Schlafzimmer gipfelnd, hatte eine Hemmungslosigkeit in der Erbitterung gezeitigt, die dem unfreiwilligen Nachbar, bei gesellschaftlicher Fremdheit, genante akustische Intimität aufzwang -- jäh und voll Pein. Einen Erfolg ihres sonderbaren Familiensinnes jedoch konnte Mrs. Raeburn niemand abstreiten:
Die Schwestern haßten einander jetzt doch noch mehr als ihre Mutter. Sonst wäre es vielleicht anders gewesen. Aber diese pausenlose Gleichheit Tag und Nacht reizte die eine gegen die andre als unmittelbares Objekt zu sehr, als daß sie sich gefunden hätten gegen die wahre Urheberin.
Man hätte es bei Mrs. Raeburn beinah für Überlegung halten sollen, da es nicht Geiz sein konnte: dieses Doppelzimmer kostete ja durchaus nicht weniger als etwa zwei Kabinette. -- Es war aber nur Dummheit.
Heute, am Tag des großen _fox-trott match_, war, was aus diesem Doppelzimmer drang, phonetisch von einer Qualität, daß er es vorzog, den Rest des Nachmittags -- bis seine Nachbarinnen angekleidet sein würden -- in der Hall zu verbringen.
Nach einer Weile schreckte ihn aus seinem _easy-chair_ kleines pausenloses Wehen. Mrs. Raeburn jagte durch die Seiten ihres Romans, blätterte fieberhaft nach der Liebesnacht und der Leiche. Er wußte, wie aussichtslos das sei, weil Hazel diese Teile soeben oben laut las, beide Ellenbogen in halbe Zitronen aufgestützt. Als Sportdame litt sie an roten Armen, und wenn auch bestimmt worden war, daß heute die weißen Kleider mit den halblangen Ärmeln getragen werden sollten -- zu Hazels Freude -- es grellte doch durch das Gewebe hervor.
Nun schlenkerte Gwen mit feinen langen Beinen durch die Hall auf ihre Mutter zu. Bald wußte diese um Verbleib von Liebesnacht und Leiche. Mrs. Raeburn tat so empört, daß es Gwen ein Leichtes war, ihr doch noch die bananenfarbnen Ärmellosen für heute abend abzuschmeicheln.
Wie zur »Feier der Heraufkunft des Geistmenschen«, so gab man sich auch heute vor dem großen _fox-trott match_ gegenseitig endlose Essereien. Elchos waren einer Einladung der Principessa Dango zu Früchten und Nachtisch gefolgt. Hier konnte Gargi beruhigt sein, denn der Gastgeberin selbst -- ganz Hyänenprinzessin, mit scharfer Trennung von Tag- und Nachtdiät -- durften lediglich rohe Gurkenscheiben auf Rubinglas und Eis serviert werden. Von diesen schnitt sie wieder Segmente rundum ab -- aß also eigentlich nur die Differenz zwischen dem Kreis und der Ludolffschen Zahl, auf daß der chinesische Lack der langen Lippen nicht springe, die, querhin wie durch Taubenblut gezogen, den superben Totenkopf wagrecht orientierten.
Da leider keine Antiphone gereicht wurden -- o weise Helena Petrowna, dachte Horus --, steigerte sich dieser Auftakt des Festes ins Unerträgliche. Zu Ehren Monseigneurs und _her grace of D._ hatten Payne und Quadrupedescu -- letzterer schwamm seit der Geisterbeschwörung in Geld -- eine berühmte Zigeunerkapelle von weither kommen lassen; dazu noch ein paar andre verdächtige Erscheinungen mit rotgetupften Schlipsen, Kastagnetten und Okarinen.
Der Zigeunerprimas stand hinter dem Ehrengast, winselte diesem, infernalisch falsch, eine Art getretner Katzenschwanzweis bis tief ins Ohr. Jede Blatternarbe an ihm grinste einzeln. Monseigneur lehnte aufatmend immer tiefer zurück -- ganz in den Geigenbogen hinein -- und genoß, wie man es ihn für solche Fälle gelehrt hatte.
»Erstaunlich,« dachte Horus, »was der Organismus dieses Häufleins äußerlich Gewaschener innerlich an Dreck nicht nur verträgt, sondern direkt zu fordern scheint.« Da traf den Primas das Auge seiner Bande:
»Du bist nicht mit diesen Idioten allein,« schien es zu sagen, »wir verbitten uns das.« Fürchtend, die Kapelle würde meutern, gab er nach.
Im großen Tanzsaal stand der Ball nun in seinem Zenith. Staunend sah Horus auf diese erotische Friktionsgymnastik. Nicht daß sie häßlich gewesen wäre, durchaus nicht. Es traf ihn nur etwas unvorbereitet, diese jungfräulich erhaltenen Damen der besten Welt plötzlich, wie auf Verabredung, mit ihren Körpern die Sprache südamerikanischer Prostitution mehr oder weniger begabt nachahmen zu sehen; als eine Art Esperanto des Berufs war sie natürlich auch in Asien bekannt. Etwa jener Wink mit dem Abdomen, wie er vor Hafenbordellen dem Zuhälter anzuzeigen pflegt, die Kundschaft sei abgefertigt. Über solchem Gebaren von der Taille abwärts standen nun oben, wie allein gelassen, hilflose Ladygesichter: gequält und unbeteiligt.
Dann wieder trieb der Gentleman-Zuhälter, ganz in sie gewühlt, das Fräulein mit langen glatten Stößen vor sich her durch den Saal, von einer Ecke in die andre, wo das Ganze jedesmal in einem verlotterten Bockssprung erlosch. Oder hinter sie schlüpfend, stieß er ihr von rückwärts das Knie unter den Schoß, warf sie ein wenig in die Luft, um die Wehrlose im Herabgleiten dann seinem Körper hart und zielstrebig entlangzuführen -- immer wieder.
Was mochte das bedeuten? Offenbar erotisch zu verarmt, um einen neuen Eigentanz selbst zu schaffen, hatte man im Warenaustausch gegen gedrechselte Klavierbeine oder Biskuitgruppen oder Konfirmationsbecher außereuropäische Bordellwerte eingehandelt: Hafenware natürlich. Doch auch als solche an ihrem Ort gewiß voll Reiz, Berechtigung und Wahrheit; wertvoller als das Tauschobjekt auf jeden Fall. Doch was sollte man hier damit ... so wenig oder so viel, wie dort mit den Konfirmationsbechern.
Korrekt und ohne Tadel machte soeben Gloria Rawlinson, weiß und golden wie immer, nacheinander diese lebhaft verdauenden Bewegungen, wie sie ihr Machado Magalaes, der Tangomeister, zu hundert Frs. die Stunde, beigebracht. Nun und dann, am Ende dieser komischen Bewegungen, würde wohl heute Mr. Rawlinson noch in ihr Zimmer kommen. Warum man das eigentlich alles machte, wußte sie nicht recht -- man machte es eben mit, wie ein Picknick über Verschütteten oder eine spiritistische Séance -- _the correct thing to do_.
* * * * *
Unter Preisrichtern und Zuschauern stritt man indessen, was eigentlich die Principessa Dango heute anhabe. Es war von der Farbe Turnerscher Nebel, ganz erlesen, ganz pretiös, bestand aber aus keinerlei bisher irgendwie bekannten Kleidungsstücken. Sie selbst, ihre Haut blieb unsichtbar wie immer. Sonderbare lila und schwärzliche Flecke in seltener chinesischer Lacktechnik standen auf der mit Silberpuder überstreuten Herme. Ja, Herme. Was dann kam, nicht Kleid nicht Körper war es; am ehesten noch ein fließender, nach unten keilförmig sich verengender Gazeblock.
Man drängte um die Archäologen: ratbedürftig.
Dr. Hafis meinte schließlich versonnen:
»Gott straf mich, aber es ist doch eine Hose. Eine Hose, die bis zum Dekolleté hinaufreicht.«
Murren entstand. Wer rede denn vom »hinauf«. -- Beim »hinunter« beginne doch erst das Problem.
»Wissen Sie denn, was eine Hose ist?« frug Horus.
»Nun, wissen Sie es?« klang es zurück.
Er überlegte: »Mir scheint eine Hose ihrem Wesen nach aus drei Teilen zu bestehen. Zwei Röhren und einem Verbindungsstück. Dieses Verbindungsstück will offenbar hier fehlen, die beiden Röhren scheinen lediglich durch ein im Fadenkreuz schwebendes Feigenblatt aus Mondsteinen einander fragil anzuhangen. So fragil, daß es dort ganz ohne Reißnägel wohl nicht abgehen dürfte. Es sind also auch Märtyrermotive in die Toilette verarbeitet. Ein Drittel Kreuzigung etwa auf zwei Drittel Hose.«
»Was folgt daraus?« gab Hafis ungerührt zurück.
»Daß es unanständig ist,« entschieden die Damen, und enteilten mit diesem Urteil wie mit einer Köstlichkeit -- rasch, ehe ein neuer fachlicher Gesichtspunkt Revision erzwänge. Sie irrten schwer. Unanstand fiel in ein so anderes Reich -- vor der _Princesse macabre_ verlor es jeden Sinn.
Sie tanzte wundervoll, in fast schmerzhaft geschlossener Vollendung. Nur mit Machado Magalaes, dem _professional_ und _hors concours_. Sie tanzte weder um Gottes, noch um des Mannes, noch um des Tanzes willen. Nicht einmal mehr -- narzißhaft -- für sich selbst. Auch periphere Sehnsucht hatte sich ihr von den eigenen Gliedern gelöst, hinüber in das Gewand. Für dieses tanzte sie -- entflammte sich an ihm; verzehrt von seinen ewigwechselnden Ansprüchen an Leib und Seele, wie von dem launenhaftesten Geliebten. Nach kläglichen Versuchen zur Untreue -- zu ihm kehrte sie stets als ihrem vielseitigsten, raffiniertesten Gebieter zurück.
Biegsam, einsam und auserkoren, hatte diese _grande passion_ »die Mode« sie gemacht, sie herausgeeinzelt aus der faulen Herde, die gar nichts wollen konnte und voll Schrecken auf sie sah, wie etwa ganze Ballen dieser hopsenden College-Boys. Eine ratlosere junge Männlichkeit hatte Horus nie und nirgends noch gesehen; im Querstand aller Glieder suchte das mit eigentümlich taubem Holzgebein die Schlangenwindungen des großen Triebes in eigene Plumpeckigkeit zu übertragen. Erwarb auch wohl mit rotem Ohr, hier beim Tango, eine erste, verspätete Materialkenntnis an instinktlosen leeren Stengeln, die -- längst mit Chemikalien und Säuren gegen das Leben abgedichtet -- nur dem Schein nach menschlicher waren als die Principessa, weil sie, ungleich jener, der großartigen Konsequenz, der stilbildenden, ermangelten.
Quadrupedescu -- du Perron -- Cavadini: romanische Kenner, doch viel zu bequem, um wie Strondoli auf rare Abstürze der Principessa, herunter von ihren hohen Abwegen, zu warten, widmeten sich heute ausschließlich jungen Mädchen. Schlängelten sich in ihre Nerven, griffen in ihr Blut, rissen es an sich und hin, wo es ihnen beliebte -- umspielten den Gattungsakt in immer engeren, gesteigerten Brunstbewegungen. Schließlich waren sie wohl selbst erregt in ihren Körpern, doch über diesen stand wie immer ein Boshaftes, ein Spöttisches auf den gar so selbstsicheren Gesichtern.
Die jungen Mädchen wanden sich im Tango wie Würmer an unsichtbarer Angelschnur, die von den Lorgnons der Mütter hing. Knapp vor dem Allerletzten schien diese Schnur immer mit einem Ruck anzuziehen, und die Begattung ging fehl.
Konnte das klaglos so weiter funktionieren? Immer schwerer und gejagter wurde die Luft; alles trieb einer Erlösung entgegen. Schon klebte Talkum-Puder von den Damendekolletés drüben als bläuliche Milch auf den Fräcken der Gentleman-Zuhälter, oder war mit den fettigen Wassern, die als Fixativ gedient, im Rücken breiig geronnen. Oben auf den Wangen zerfiel trockenes Pulverrot, wurde eingesogen in schwammig erweiterte Poren. Ganz drüber aber knickte schief und hilflos etwas, das nicht mehr Wellblech schien und noch nicht wieder Haar geworden. Etwas, das zu leben verlernt hatte -- verlernt, in Kraftlinien liebliche und geheimnisvolle Gesetze eigenen Falles zu bilden. Und die Toiletten: schon in der Ruhelage an den Grenzen des Grotesken, weil anorganisch verbunden, hingen sie jetzt als verschobene Körperteile in ganz hoffnungslos untalentierter Weise um die glücklosen Frauen. -- Dieser ganze, Milliarden verschlingende europäische Modebau, in dem sich nicht sitzen, liegen, gehen und leben ließ, dessen einziges, offen verkündetes Ziel sexueller Anreiz sein sollte: bei der ersten sinnlichen Welle, statt nun in seinem wahren Element, die Trägerin zu entfalten, desavouierte er sie -- ließ sie lächerlich und entstellt im Stich. Denn nicht stammte er aus liebenden Sinnen, aus lebendigen Menschen -- nein, Aktiengesellschaften hatten ihn zusammenkreiert -- hadernd und amorph als Kontraimitation seiner vorletzten Erscheinungsform.
Da sagte Gargi auf einmal ganz leise, ganz sanft, ganz unerbittlich:
»Gestatte, daß ich mich entferne. Ich darf der Vermischung von _outcasts_ nicht anwohnen.«
Das Weihelose dieser eisigen Affenhausgesten -- der Mangel an Achtung vor dem Orgiasmus -- das Zynische in den Mannsgesichtern stieß sie bis zum Ekel ab, sie, die unbedenklich im Haus der Elchos nackt durch die Farben getanzt -- sie, grauenhaftester Verwöhntheit demütig und kühn gewachsen.
»Meine weise Gazelle hat recht,« dachte ihr Gefährte. Es muß doch wohl wie bei den _outcasts_: den Rhodias im Felsentempel, so auch hier bei diesen zu einer Art Orgie der Shivatänze führen. --
Doch nichts dergleichen geschah. Die Scharen der Tänzer begannen sich sogar merklich zu lichten, während der Damen nicht weniger wurden. Immer mehr Männer verschwanden spurlos auf geheimnisvolle Weise, herausgesogen aus den Armen ihrer Partnerinnen. Öfter fiel aus einem vorbeieilenden Trüppchen mit etwas speichelnden Lippen das Wort »_Sguerdo suleijl_«.
»Kommen Sie mit, Elcho,« sagte Archie. »Gar nicht weit. Gut eingeführter Betrieb. Filiale des Pariser Hauses,« er nannte die Firma. »Diese Woche frischer Import.«
»Danke,« sagte Horus, »ich kenne das Stammhaus. Die Versuchungen sind gering. Es ist einer der wenigen Orte, wo man leicht in Ehren ergrauen kann. Dazu sind wir doch etwas zu verwöhnt -- danke.«
So also, mit Relais wurde das gemacht.
»Frisch gepudert werden sie jetzt dort wenigstens sein,« sagte Cavadini mit bezeichnender Handbewegung ringsum. Er blinzelte du Perron zu. Der aber -- Margot, die Glückliche, Glühende zwischen den Schenkeln -- verneinte. Sie waren das siegende Paar im _fox-trott_. Erst mußte er mit ihr zur Preisverteilung, dann sollte der Triumph noch mit ein paar _cock-tails_ begossen werden.
Vor der Bar staute sich indessen eine freudig erregte Menge und verfolgte die Vorgänge in dem kleinen Raum. Würde man -- würde man wirklich zwei ganz große Damen raufen sehen? _Her grace of D._ und _donna Maria de la concepción Jimenez de Monserrat y Garcia_ waren, jede aus einem Separée kommend, an diesem Abend erst hier in der Bar zusammengetroffen und hatten mit Bestürzung, dann wachsender Empörung bemerkt, daß sie beide die gleiche Creation von Lucile trugen.
»Sie müssen meine Vendeuse bestochen haben,« rief _her grace_ außer sich, »ich hatte das alleinige Recht darauf.«
»Dann haben Sie eben die Vendeuse vorher bestochen, es andern zu verheimlichen,« höhnte Donna Maria.
»Das Haus verkauft eben seine Modelle jedem gern, der sie bar zahlt.«
_Her grace_ pflegte lange schuldig zu bleiben.
»Wechseln Sie das Kleid sofort -- die Idee ist mein Eigentum,« kreischte _her grace_.
Donna Maria lachte bloß.
Plötzlich sprang alles mit einem Schrei zurück. Hoch sprühte es auf, wie ein Geysir. _Her grace_ hatte den Hahn einer vollen Syphonflasche gespannt und ihren Inhalt in Donna Marias Dekolleté gespritzt -- senkrecht durch, daß es in den silbernen Abendschuhen nur so plätscherte.
Wütend wie eine nasse Henne stürzte die Spanierin hinaus. Kam nach zehn Minuten zurück, in einer zweiten trockenen -- _her grace_ erstarrte zu einem Block Wut -- der vorigen ganz gleichen Toilette. _Her grace_ gab sich besiegt. -- Vielleicht hatte die Gegnerin noch ein halbes Dutzend in ihren Koffern, da konnte man die ganze Bar vergeblich verspritzen.
Von neun Uhr abends bis drei Uhr früh war der Kaufherr aus Braila mäuschenstill in einer Ecke gesessen. Hatte kein Auge von den Tanzenden gelassen. Jetzt erhob er sich seufzend, schritt zum Foyer, sah hinaus und murmelte resigniert:
»Glatteis. Aber was will me machen.«
Ja, da ließ sich eben nichts machen. Es war ein zu exklusives Hotel; Frauen, in der Lage, ausschließlich von ihrem Liebreiz zu leben, wurden hier nicht geduldet.
* * * * *
Längst lagen die Säle leer: eingefressene Löcher, schwarz im Hotelleib. All ihre Lichtchen, die erst wie in eine Versenkung gesprungen schienen und dann irgendwie fortgelaufen, gleichsam durch schwarze Adern, durch innere Stollen, um auf einmal, jedes einzeln, in einer Zimmerzelle einer Einsamkeit gute Nacht zu leuchten -- auch sie waren größtenteils erloschen.
Das Dunkel aber war falsch und schwieg ungern.
Durch Türen, Korridore entlang strich eine manische Ruhelosigkeit wie von eingesperrten Katzen.
Knisterndes Fluidum gelöster Haare, durch die gereizte Finger wie Nervenkämme fahren. Vages und Erbittertes aus ratlosen jungen Körpern stand in Herzhöhe durch das ganze Haus.
Aus dem Zimmer der Raeburn _girls_ war erst greller Hader zu Horus herübergeschrillt. Die Ursache gar der Rede nicht wert: ein verwechseltes Stück Seife, dann ein Disput, wer morgen den Toilettetisch zuerst benützen dürfe. Hazels Stimme:
»Ich will nicht immer deine ausgegangenen Haare in meinem Coldcream finden.«
»Und ich nicht deinen ekelhaften Puder auf meinen Bürsten! Nützt ja doch nichts -- schau nur, wie deine Nase wieder glänzt.«
Schließlich waren beide in hysterisches Weinen ausgebrochen. Hazel schluchzte aus den Kissen:
»Ist es jetzt nicht ganz -- ganz egal, daß du heute _mommo_ die Ärmellosen abgeschwindelt hast?«
»Satt hab ich's -- ich gehe zum Kino.«
»Wo man deinen Sprachfehler nicht merkt -- na ja hübsche Beine hast du ja. Die in >_Sguerdo suleijl_< haben gewiß nicht so hübsche, man soll sie sich dort immer rasieren -- vorher.«
Nun wiesen die Stimmen aneinander auf dies und das hin; wurden heißer, gieriger daran -- kaum liebevoller. Der Haß blieb in ihnen, nur kicherte er jetzt und kam ganz nah, erlöste sich in Not und Verachtung.
»Hatte es nicht geklopft? Da, noch einmal!«
»Wer ist es,« zischte Gwen -- »ein Mann?«
»Mach auf!«
»Ja -- auf!«
Die Tür ächzte leise in den Angeln.
»Ich bin's,« sagte Linda Bordones mühsames Stimmchen.
»Ich sah Licht bei Ihnen, o, bitte, können wir nicht noch ein wenig plaudern und ... und,« sie zögerte -- »zusammenbleiben?«