Part 15
»Wie soll es geschehen sein, wo sie sich wehrt wie me ... närrisch,« verbesserte er, »und bis jetzt mit Erfolg, -- Gewalt? -- Nu, ma scheut vor Gewalt. Unter Kuratel? Gewiß Kuratel. Solang aber nicht unmittelbare Lebensgefahr besteht, was hat man davon? Keine gesetzliche Handhabe. Jetzt endlich, bei der fortschreitenden fettigen Degeneration aller Organe, hat er ein Machtwort gesprochen, der Großfürst. Kommt herauf mit einem berühmten Operateur aus Deutschland. Jener wird es machen auf seiner Klinik. Aber erst soll die Kapazität sagen -- sie wird schon sagen,« fügte er resigniert hinzu.
»Und warum ist denn die Fürstin so verzweifelt dagegen?«
»Nu, Sie kennen doch die Voreingenommenheit der hohen Frau gegen unsre Wissenschaft -- rein pathologisch zu werten natürlich; wie soll man noch auf ihre Meinung geben über Medizin, wo sie doch ganz degeneriert ist durch die Totalexstirpation? Hätt' sie sich wenigstens den Eierstock von einer Ratte einsetzen lassen, könnt man noch reden -- aber so! Sehen Sie mich an; reg ich mich auf bei ihren Gehässigkeiten? Konträr! -- Objektiv bleib ich als Fachmann. Nu, die Heilung: sind da Details, an denen der Patient selbst sich manchmal ein bissele stößt. Die Fürstin, sie kennt sich aus, man kann ihr da nichts vormachen, wie sonst aus Humanität geschieht. Aber eine glänzende chirurgische Leistung -- ich sag ihnen _glänzend_,« er wuchs immer höher, ein ferner Schein fiel auch auf ihn, den schlichten Internisten.
»Sie sind Laie, also Ihnen populär gesagt: der Magen wird künstlich verengert und gewisse Nervengruppen in der Weise gereizt, daß künftig keinerlei Speise -- zu deren Aufnahme der pathologische Hang drängt -- mehr behalten wird, sondern unter dauerndem Ekelempfinden erbrochen; das ist das Entscheidende,« fügte er triumphierend hinzu. »Der Patient ist somit dauernd geheilt und wird von nun an künstlich ernährt.«
»Falls er es nicht vorzieht, sich zu erschießen.«
»Gegen das Erschießen haben wir allerdings noch keine Operation -- aber es handelte sich doch um Freßsucht -- von der ist er geheilt.«
Verdruß mit den Laien. Gar nicht einlassen sollte man sich mit ihnen -- außerhalb der Ordination.
Nun sollte zur Stunde des _dinner_, gleichzeitig mit dem Großfürsten, die Kapazität eintreffen -- Untersuchung und Gutachten blieben für den nächsten Vormittag anberaumt. Die Fürstin war zum besten. In einer heitren Wut an Grenzen ins Hell-Bacchantische. Sprach auch wieder, zum erstenmal seit Tagen. Der schwarze Kaftan wurde vor aller Augen auf dem Balkon mit Benzin gereinigt, die karierten Schlapfen geklopft; Ithnan mußte sogar den Coiffeur des Hotels holen, mit dem sie lange verhandelte. Er verließ ihr Appartement, eine Perle an der Krawatte. In Kugelwellen ging Begeisterung vor dieser sonst so glättenden Personnage her: »In der Tat, eine wahrhaft vornehme, eine durchaus seigneurale Gönnerin;« da wisse man, wem man diene und wofür. Er schien wie in Brillantine getaucht und ward nachmittags beim Rennen gesehen.
Lange vor Abend erschien -- ganz gegen ihre Gewohnheit -- Helena Karachan in der Hall. Querhin, bis ans andre Ende, stieß ihre Stimme lanzettscharf:
»Elcho, bringen Sie schnell Peribanu fort -- der Gynäkologe kommt und findet sich hier ein, >interessierter Laie<, der gern ihren Uterus genauer von innen besehen möchte -- legt er sie direkt auf die Bar. Allerdings, jetzt vor dem _dinner_, mit leerem Magen, vielleicht geht es nicht einmal letal aus.«
Sie hatte französisch, somit allgemein verständlich, gesprochen; wie eine zweite Schicht im Saal stand die Luft plan in allen Lungen hoch.
Zum erstenmal verlor Sobelsohn an betulichem Gleichmut, versuchte fast, sie aus der Hall zu drängen. Beim ersten Schritt schon hatte ihn Ithnan am Genick, trug ihn mit spitzen Fingern hinaus bis in eine ferne Besenkammer mit hoher Lichtluke, sperrte von innen ab und schwang sich oben hinaus -- den Schlüssel zwischen den Zähnen. Sobelsohn hörte ihn wie eine Echse von Gesims zu Gesims rascheln, dann, es war aus Stockhöhe, einen dumpfen Sprung in den Schnee. Drei Minuten später stand Ithnan mit gekreuzten Armen hinter seiner Herrin wie zuvor.
Sie saß nun neben Horus, Gargi hatte sich entfernt, während die übrigen Damen fluchtbereit, doch hingegebenen Ohres die beiden umflatterten.
»Was, Sie kennen unsren Simon nicht, unsern Geheimrat und seinen letzten Triumph? Durch alle illustrierten Zeitungen ging doch der Gelehrtenkopf mit dem Denkerbart. Daß die Wissenschaft souverän sein und bleiben müsse -- -- er hat es glorreich bewiesen. War da eine mechante Chose: durch die Stadt, deren Frauenklinik er leitet, reiste jüngst ein Prinz. Der wußte -- es regnete grade -- mit seinem Vormittag nichts Rechtes anzufangen. Kino -- nischt, Museum -- Quatsch. Aber dem Lysolonkel könnte telephoniert werden, man möchte gern wieder mal 'nen Damenbauch von innen sehen. _Ça fait toujours plaisi-i-i-r._ Leider war keiner parat. Der Gelehrte, geschmeichelt durch das wissenschaftliche Interesse des hohen Herrn, pumpt behende einer Frau den Magen aus und läßt sie, trotz ihres Sträubens, narkotisieren, in Erwartung irgendeines Botokudenkreuzes für Kunst und Wissenschaft oder sonst eines mittleren Hundssterns. Die Frau stirbt natürlich in der Narkose infolge des flüchtig und ungenügend ausgepumpten Magens. Man hat vor Laparotomien, wie sattsam bekannt, vierundzwanzig Stunden zu fasten.«
Horus war, sehr blaß, aufgefahren. »Sparen Sie mit ihren Emotionen, Elcho, jetzt kommen doch erst die Pointen, die Hintergründe, die weiteren Perspektiven.
»Weltfremde Angehörige der toten Frau verklagen die Kapazität, verklagen einen europäischen Arzt, dem doch das Doktorat schon Freibrief ist für -- wie heißt es doch drüben beim Jus, wenn's einer nicht gelernt hat? -- Richtig: für vorsätzliche schwere Körperverletzung mit Todeserfolg.
»Also, das war aussichtslos von vornherein. Es sterben ja auch sonst Leute in der Narkose -- sozusagen selbständig -- und unmittelbare, eindeutig nachweisbare Ursache des letalen Ausgangs ist ja immer >nur< -- Herzschwäche.
»Aber da war ein andrer Punkt, in dem Richter und Geschworene, verschüchtert in ihren wirren Hundeseelen, um Belehrung, Unterweisung durch >Sachverständige< winselten. Und jetzt steht der ganze Schleim der Clique auf aus den Kanälen: aus Akademien -- Universitäten -- Kliniken und deckt die kriechende, verbrecherische Krapüle. Inkorrekt? -- Nicht daß sie wüßten, vom Standpunkt der Wissenschaft sei durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß >interessierten Laien< die Anwesenheit bei einer Operation gestattet werde.
»Begreifen Sie, Elcho. Wenn also ein beliebiger Schweinkerl die Geschlechtsorgane einer bestimmten Dame, ohne ihr Wissen von innen und praktisch mit Spiegeln erleuchtet sehen will, genügt es bei diesem wunderschönen Brauch, sich als >interessierter Laie< zu gebärden.
»Statt nun die Kollegen des saubern Herrn, wenn sie als Zeugen solches für ärztliche Usance erklären, schleunigst zu einem Bankwechsel aufzufordern -- hopp, hinüber zum Angeklagten -- bricht die instinktfremde Herde von Richter und Geschworenen auf den zuständigen Körperteil zusammen: die Herren möchten doch nur entschuldigen, man wisse in Fachdingen eben nicht so Bescheid -- kenne die Bräuche nicht genügend ... aber nach so lichtvollen Ausführungen ... kurz: Freispruch mit Speichelfluß. Die weltfremden Angehörigen aber fliegen wegen Verleumdung ins Loch. Im Triumph kehrt der Edeling als Leiter in seine Frauenklinik heim, wo hundert ihm geweihte Ehrenbäuche lorbeerumwunden seiner harren.«
»Fürstin, verhält sich das so -- auch nur annähernd so?«
»Die Verhandlungsberichte -- im Stenogramm -- stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung, falls Sie den Zeitungsnotizen nicht trauen. --
»Das Frechste ist aber doch dieser Sachverständigenunfug mit Ausbeutung der Stumpfheitskonjunktur durch die Medizinmänner. War es je noch erhört, hatte ein Bock etwas ausgefressen, daß dann seine >Mitböcke< als Sachverständige einzusetzen seien über den im Garten angerichteten Schaden? Nein, über den werden wohl die Geschädigten gefälligst selbst bestimmen. Nur die allergrößten Kälber liefern sich dem Metzger selber.«
»Aber die Männer. -- Sind denn europäische Männer so weit unter jedes Vieh gefallen, daß der adelige Schauder, sich schützend vor die Quelle des Lebens -- für die Quelle des Lebens -- zu stellen, ihre Herzen nicht mehr treibt? -- Wie geborgen in der Männlichkeit, wie behütet ist die Frau bei uns. Wohl kommen erotisch sadistische Verbrechen vor -- auch Gewinnsüchtige, wie überall; erwischt man aber das Schwein, so wird es in der Luft zerrissen. Den östlichen Menschen möchte ich sehen, der sich das, was Sie mir hier erzählt haben, diesen schlechtrassigen Zynismus von einer Fakultät als >korrekt<, als >wissenschaftliche Usance< aufschwatzen ließe.«
Seit Marseille, seit ihm zum erstenmal das europäische Kotwesen durch das Auge an die Seele gespritzt war, hatte er nicht dies deprimierende Grauen mehr empfunden.
Die Fürstin grinste infernalisch: »Ja, das europäische Männchen. Für das sind solche Dinge schlichthin begähnenswerte Banalität. Gott, denkt es in seiner erotisch-ethischen Verstumpfung, ist's eben wieder einmal beim Aufschlitzen schief gegangen, und trägts ansonsten mit der gleichen Standhaftigkeit, die es bei verzweifelten Entbindungen an den Tag zu legen pflegt -- alles gesteigerte Feingefühl für den eigenen Schnupfen wahrend. Betrachtet sich eben hier ausschließlich als >interessierter Laie<. In dieser Eigenschaft stellt es sich allerdings nicht ungern -- wie sagten Sie doch -- >vor die Quelle des Lebens<. Aber einen >adeligen Schauder< dabei ...?« sie lachte, daß ihr die Zähne zitterten.
Orgiasmus an Verachtung trieb ihr Worte aus, von abstoßender und doch wieder hinreißender Brutalität. Sie erinnerte ihn da irgendwie an Ganapati Sastriar und die Weltesche seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit, wenn so der Geist: sein >guter Dschinn<, über ihn kam -- nur daß dieser ein Geist der Lust war, nicht der Empörung.
»Da gibt es nur Selbsthilfe der Frauen,« die Fürstin jauchzte förmlich vor Hohn. »Die Gynäkologen boykottieren, bis jede Gepflogenheit, gegen die >nur< wissenschaftlich nichts einzuwenden wäre, fällt.
»Aus ist's dann mit den Konsilien von drei Professoren und einem Stückchen Traubenzucker für die Analyse. Nota: 10000 Frs. -- Mark -- Kr. Im Abonnement 10% Rabatt. Nichts da. Schluß. Wir kehren zu den treuherzigeren Praktiken weiserer Völker zurück. Uns alle können sie ja dann doch nicht ins Zuchthaus sperren wegen lauteren Wettbewerbs.
»Denn darauf sah man in Sachverständigenkreisen von je und streng: der >unerlaubte Eingriff<, der hatte auch unerlaubt zu bleiben. Sonst kamen ja Höchstpreise, behördlich kontrollierte Tarife, fatale Beschränkungen finanzieller Art. Da aber die Unterwerfung unter einen solch barbarischen Paragraphen alljährlich für viele Hunderttausende von Frauen den sozialen -- ökonomischen -- oder das Bitterste: erotischen Ruin bedeuten mußte, war es Juristen im idealen Zusammenfluß mit Medizinern stets ein Leichtes, ihn, als >dem sittlichen Empfinden des gesamten Volkes entsprechend<, dauernd aufrecht zu erhalten -- und freier Wucher treibt Früchte wie noch nie -- ab.«
Mit Möwenschrei und gebreiteten »Sorties« wandten sich die Frauen jetzt im Gleitflug zur Flucht; die jungen Mädchen aber waren schon längst nicht mehr zu halten gewesen, umdrängten Horus und die Fürstin, hätten sich, allem zum Trotz, am liebsten großäugig zu ihren Füßen gelagert -- weit weg von der erquälten Naivität dieses zerdehnten Jahrzehnts.
Auf immer weg von einer Naivität, mit der sie hatten herumtasten müssen an dem abweisenden Gehaben der »Epouseure« -- immer wieder hingetrieben von säuerlichem Staunen -- gesteigerter Mißbilligung ihrer Lieben im abgestandenen Heim. -- Nur weg -- gleichviel zu wem; nur es endlich anders haben, anders machen dürfen, als in dieser verwesenden, übergaren Mädchenstube neben dem krassen Elterngemach, an dem sie niedriger, unzarter sich werden fühlten von Jahr zu Jahr in abscheulichem Wissen. Hangend an Geräuschen. Ernüchtert ohne Rausch. Der Illusionen bar und bar der Klarheit.
Horus begriff. In diesen hemmungslosen Sekunden taten sich ihre Gesichter für ihn auf. Nicht geschlossene, strahlende Jungfräulichkeit, von Wildernis geheiligt, stand ihnen als freies Blau im Blick, vielmehr eine süßelose -- hartabgedrängte strich in grünschwarzer Furche am Auge vorbei -- bettete es in gar üble Kissen der Einsamkeit.
Ihm ward leid um sie -- herzzersprengend leid, er fühlte: Welche fahrlässige Roheit einer Gesellschaft, ihren Jungfrauen demütigendes Herabsteigen in die sexuelle Arena aufzubürden, in deren nüchternem und weihelosen Dunst sie aus jedem Mann den möglichen Gatten sich erwittern müssen, in uneingestandenem, wie oft vergeblichem Versuch. Diese Schamlosigkeit -- dies _Crude_ bleibt jungen Wesen im Osten erspart.
Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzes aller Vaterpflicht: zu sorgen, daß die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermählt: hilflos finde und bedränge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbürtige Liebe, verbürgt ist, und zu rechter Zeit.
Und Glück! Soweit Glück überhaupt vorherzusehen in diesem rätselvollsten Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei unlädierten jungen Wesen -- parallel geboren -- von hoch erotischer Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug, erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befähigt, ihr die innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.
Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint für die Frau die Wahl so wichtig -- der Irrtum eine Katastrophe.
»Freie Wahl.« Seit Cavadini Genia durch das Lasso ihrer Rente geschlüpft, war diese Faselphrase öfter im Kreis um Miß Waanebeeker aufgetaucht, und die jungen Damen taten dabei fern und wunschlos unbekümmert.
Er überlegte. Wohl waren ihm noch wenig Orte bekannt, galt aber nicht dieser als Zentrum internationaler Geselligkeit? Und doch: die gleiche kleine »_set_« wie früher in Paris, und sie schien sich von London, von Baden-Baden, von Kairo aus zu kennen; schwamm als winzige Blase von Klima zu Klima mit geschlossenem Oberflächenhäutchen. In der schmalen Spanne ihrer hohen Zeit -- kaum zwanzig bis dreißig Männer kamen für diese Mädchen in Betracht. Von diesen zwanzig oder dreißig wollte die eine Hälfte offenbar überhaupt keine Ehen, die andere Hälfte schied aus pekuniären oder anderen -- ihm noch viel rätselhafteren -- Gründen aus.
Und das war die »große Welt«. Wie mochte es um individuelle Wahl erst in kleineren Orten -- kleineren Verhältnissen bestellt sein.
Wenn Gargi solch lange Erniedrigung hätte leiden müssen, ehe sie seine Arme fand -- wie eine Blasphemie wies er das schmutzige Bild ab. -- Und gedachte des lieben Alters -- ihm verschmolzen: des besonnten und bestirnten Märchens ihrer und seiner dreizehn Jahre, des nie zu Vergessenden.
Keine Kinderehe! -- Ihm schauderte vor der Armut dieser Leute. Vor der Verarmung an Leben, an Glück, insonderheit an Frauenglück. Bedauernswerte Frauen, denen auch noch das Wunder jener wenigen Monde sinnlos verwelken muß, da es jedem Wesen, in bescheidenem Maße wenigstens, vergönnt ist -- reizend zu sein. Wie viel ging hier unwiederbringlich -- ungenossen -- in Leere, zugrund: das Zarteste, Holdeste.
Oder verwechselten diese weißen Barbaren Eheschluß mit Ehevollzug. -- Zuzutrauen war es ihnen schon. Kannten vielleicht überhaupt die Abstürze zwischen Sinnlichkeit, Erotik, Sexualität, Zeugung und die schwebenden Nervenbrücken über sie hin nur wenig oder roh. Anders konnte er sich die eisige Verlegenheit schon beim ersten Wort, das jene Sitte seiner Heimat streifte, nicht erklären. Und gar Sobelsohn. -- In ein ganz leises Erinnern, mit Gargi halblaut getauscht, spie jüngst unaufgefordert sein infernalisches Grinsen. Gefragt, was er damit meine, ward er streng, und seine Stimme brodelte plötzlich im Schmalz der Würde:
»Die Wissenschaft brandmarkt das alles als der Rasse schädlich.«
Woher die Wissenschaft die Erfahrung habe, wenn es hier nie Sitte gewesen?
Das gebe einem der gesunde Sinn. --
Was sich der >gesunde Sinn< denn eigentlich vorstelle unter >dem allem<?
Nun kam etwas heraus wie das Liebesleben eines geilen Pavians, nur mit weniger Sachkenntnis -- zu widerlich für Worte. Massig entrüstetes Behagen, als ob da Gewicht reifer Mannheit auf ein Kind losgelassen würde, statt daß gleiches Reis: Weidengerte -- Weidenrute, sich im Frühlingswind verzweigen.
Und so etwas maßte Urteil -- maßte Richteramt sich an.
Nie mehr vor einem Europäer von feinen Dingen sagen.
Die Fürstin hatte damals einfach die Achseln gezuckt:
»Die Sobelsöhne haltens nicht für zuträglich. Sie leuchten der Rasse ja mit ihren Leibern voran. In deine Hände, o Herr ...«
Dann wollte er alles wieder auf die schlechte Kaste dieses promovierten Schimpansen geschoben wissen. Auch die Rhodias, die _outcasts_ auf Ceylon, waren ja von den inneren Vorgängen der höheren Schichten getrennt.
Aber da gab es noch anderes. Woher die furchtbare Abhängigkeit der weißen Frauen: der Herrinnen der Erde, von Gynäkologen, also Männern, in ihrer eigensten Frage, ja der Frauenfrage überhaupt, selbst von Suahelinegerinnen längst gelöst?
Er gedachte Agai's: der »Gewalt der Brandung«, und ihrer Stellung im Hause Elcho.
Es gab doch auch in Europa Erzieherinnen. Da war gleich dieses Frauenzimmer bei Beermanns. Wozu hielt man das? Doch nicht etwa nur zur »Schule der Geläufigkeit?« Zu diesen scheußlichen Klavierübungen mit der Jüngsten, wie sie diesem Kinde und allem Lebenden in der Runde jede Lust am Klang zerhackten auf lange hinaus? Da, mit Ausnahme des Fräulein Erika Unbehagen, fast alle Erzieherinnen Französinnen waren, hatte er eben gemeint, diesen sei in Europa die Funktion der Suaheli anvertraut.
Und dann die Männer? Junge vermieden offenbar überhaupt, Ehen einzugehen. Aber die bereits Verheirateten. Warum nahmen die nicht das eine oder andere dieser armen Mädchen noch in ihren Harem? Mehrere Frauen hatten sie ja so schon, für elementare Beziehungen zwischen den Geschlechtern war ihm der Sinn untrüglich. Mochten die Frauen eines Mannes noch so kühl zueinander tun oder, wie die zweite Mrs. Beermann, gar in einem anderen Hotel wohnen.
Doch frug er nie. Hatte die Scheu des orientalisch erzogenen Mannes vor allem privaten Leben, vor allen Dingen der Innerlichkeit. Was sich ihm nicht -- wie heute -- optisch unwillkürlich bot, ließ er unbefragt an sich vorbeistreichen, sah auch wohl mit Absicht weg.
* * * * *
Eine Stille weckte ihn aus sich. Er fühlte seine übergeschlagenen Beine und eine Wange in der Hand. Die jungen Damen waren fort, und Helena Petrowna verschwand eben am Arm eines greisen Riesen aus der Hall. Hinter ihnen ging ein zweiter Herr in gut sitzendem Abendanzug und vielen Orden. Jetzt wandte er sich um. Der Riese war offenbar der Großfürst. Vom andern sah man nicht eben viel -- auch jetzt _en face_. Scharfe Brillen über den Augen und von diesen niederrieselnd in dunkelblonden Wellchen ein überaus wohlgepflegter Denkerbart. Die Stirn schien einmal schlecht zusammengefaltet worden zu sein. Die Büge wie in der Mitte zerbrochen, und die zweite Hälfte setzte dann immer um ein Stückchen höher ein. Arme Fürstin.
Die Fürstin aber schien an diesem Abend gar nicht arm. Nein, ganz große Dame, Kaftan und karierten Schlapfen zum Trotz.
Man speiste ausnahmsweise zu dritt im Grillroom auf Helena Karachans Anordnung. Keine Glaswände dichteten die Herrschaften ab, und ihre Worte gingen, ohne von submissesten Grenzen gleich wieder in sie selbst reflektiert zu werden, rundum weg von ihnen, wie bei andern Leuten.
Zum ägrierten Staunen Eingeweihter verlief das _dinner_ annähernd klaglos, mit Ausnahme eines passageren Zwischenspiels: man sprach von Musik. Zu Ehren des Großfürsten -- eines Getreuen aus dem alten Bayreuther Kreis -- verfiel Simon plötzlich in leicht gesteigerte Diktion:
»Mir und meinen Fachgenossen gilt Parsifal im wesentlichen als Symbol des heroischen Kampfes der Wissenschaft gegen die Lues, ja, wenn ich so sagen darf, handelt es sich bei dem Weihefestspiel ausschließlich um das Mysterium dieser Lustseuche, wie sie Amfortas sich unvorsichtigerweise, an verrufenem Ort, bei Tänzerinnen und Blumenmädchen geholt hat. Letztere gehen ja auch, wie sie selbst zugeben müssen, in kürzester Zeit an ihrem Beruf zugrunde: Im Herbst pflückt uns der Meister.
»Wenn nun auch die eigentlichen Symptome von Wagner -- der eben doch nur Laie war -- am Patienten nicht einwandfrei geschildert werden, immerhin, daß sich die Wunde absolut nicht schließen will, gibt zu denken. Natürlich,« er lächelte nachsichtig, »sind laue Bäder da völlig zwecklos. Aber sehen Sie wiederum die treffliche Symbolik des Speeres: die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug -- Serumtherapie. Parsifal muß von den Infizierten selbst das Heilmittel bringen, sozusagen musikalisch die Lymphe, wobei man den Speer als primitive Form der Spritze mag gelten lassen. Das Ganze ist natürlich nur als musikalisch-dichterische Vorahnung zu werten, die glorreiche Erfüllung der Vision war hier wie immer den Leuchten der exakten Forschung vorbehalten.«
»Noch eine musikalisch dichterische Vorahnung der glorreichen Erfüllung haben Sie vergessen, Geheimrat Simon,« der Fürstin Ton war bezaubernd, »daß Amfortas noch während der Heilbehandlung den Geist aufgibt.«
»Durchlaucht belieben ungerecht zu scherzen. Störende Nebenerscheinungen, die der Laie zu überschätzen geneigt ist, sind zuweilen unvermeidlich.«
»Gewiß, gewiß, und da Sie uns so treffend, auch frei von der üblichen verschwommenen Mystik, die Serumbehandlung aus dem Geist der Musik erläutert haben, gestatten Sie mir, Ihnen zum Dank, die modernste Gynäkologie bis in ihre kleinasiatische Heimat an der Hand der Bibel nachzuweisen. Denn schon Evangelium Marci V, 25 steht geschrieben:
»Und da war ein Weib, das hatte den Blutfluß zwölf Jahre gehabt und viel erlitten von vielen Ärzten und hatte all ihr Geld darob verzehret und half sie nichts, sondern vielmehr ward es ärger mit ihr.«
Der Großfürst schmunzelte. Und es schmunzelte noch weit über die Tische hin und wieder zurück zu Simon. Da war es aber schon etwas in Gärung übergegangen. Und es gor:
»Wart, altes Beast. Hab ich dich erst unter dem Messer gehabt, sollst du mir für den Rest deiner Tage so schön jede halbe Stunde in dich hineinvomieren, daß dir keine Zeit bleibt, verdiente Männer mit deinen Niederträchtigkeiten anzuspeien.«
Und von nun an summste er devot ausschließlich um den Großfürsten herum.
Versöhnlich reichte sie ihm nach aufgehobener Tafel die Hand, und als er sich darüber neigte:
»Also darf ich Sie morgen pünktlich um elf Uhr zur Untersuchung erwarten; ich sehe Ihrem Urteil mit so viel Ungeduld als Vertrauen entgegen.«
Dann auf Ithnan hinter sich weisend: »Sie haben keinen Diener bei sich, darf ich Ihnen den meinen für morgen anbieten?«
Simon nahm dankend an. Es war ihm heute genant gewesen, etwas ungepflegt sogleich nach der Reise vor dem Großfürsten zu erscheinen, da dieser viel auf Äußeres gab, ja Leuten, deren Physiognomie ihm nicht paßte, einfach den Rücken zu drehen nicht ungewohnt war. Simon wollte Stirnbinde und Ohrenklappen auf alle Fälle heute Nacht anlegen.
* * * * *
Restlos durchlichtet wurden die Ereignisse dieses nächsten Vormittags nie.
Der Coiffeur beteuerte jedem, der es hören mochte, seine Unschuld.