Part 14
»Nur daß man den vorjährigen Hut heuer nicht mehr zu tragen braucht, die vorjährige Operation leider stets. So trägt die Weiberherde immer eingeschnitten Marke und Datum des jeweiligen gynäkologischen Pferchs. In jedem Dampfbad können sie an Art und Lagerung der Schnitte die ärztlichen Moden der letzten Generationen studieren.
»Jahresringe der Wissenschaft am Bauch der Frau.
»Wir Alten tragen die machtvollen Spuren der Totalexstirpation, aus Zeitläuften, wo man das fröhlich machte, ohne süßes Ahnen, daß Gesamtverblödung, Schwund der Persönlichkeit erfolgen müssen. Kurz, was jeder Vollsinnige sich eigentlich ohne Experiment hätte sagen können, daß, wenn man einem Sexualwesen, wie der Frau, ihr zweites Ich, ihr großes Ur-Ich ausreißt, dies ihr immerhin schaden dürfte. Darauf waren sie aber dann besonders stolz, feierten es als höchsten wissenschaftlichen Triumph, herausgefunden zu haben, ihre Operation trage Ursach am Zugrundegehen des Patienten.«
Eine Zigarette nach der andern drehend, sprach sie wie im Fieber fort:
»Der vorletzte Wurf weist als Uniform der Verunstaltung den queren Blinddarmschnitt auf, die ganz jungen Frauen aber erkennt man an der Marke: Eierstockzisten. Da wird es wieder so zwanzig Jahre dauern, bis an den feineren Karnickelreaktionen, Versuchen an temperamentvollen Lurchen sich die desaströsen Folgen erweisen und Frauen in der Zeitung lesen können, welche Sinne ihnen damals eigentlich weggesäbelt wurden.
»Die ganze Chirurgie lebt ja von Verstumpfung, Vergröberung, sinnlicher Verarmung einer Menschheit, die gar nicht mehr von selber draufkommt, daß eine Reaktion entfällt, schneidet man ihr Organteile heraus. So haben es die Leute jahrzehntelang nicht gemerkt, wie sie zu Kretins werden, entfernt man ihnen die ganze Schilddrüse, wie sie vergreisen, wo die Generationsdrüsen fehlen. Begreifen Sie, Elcho: einfach nicht _gemerkt_, welche Edelrasse! Erst an den Ratten hat sich dann der ganze Betrieb als unhaltbar erwiesen; die drüben von der Biologie haben das Geschäft verpatzt, eine Verlegung der Finanzoperationen nötig gemacht.
»Und ihr Internisten,« sie fauchte gegen Sobelsohn, »ihr seid die Lanzettfischchen dieser Schwerthaie im Ozean der Verstumpfung. Da hat man Eisen, Phosphor, Schwefel, organisierte Minerale, Verbindungen und Aberverbindungen aller chemischen Elemente in einer Feinheit und Variation im Körper, die organische Chemie noch lange nicht darzustellen vermocht.
»In diesen zartesten Chemismus der Welt -- fein, daß an ihm subtilste Reaktionsmethoden noch versagen, schüttet ihr nun -- damit ja nichts auf dem Kehrichthaufen der Farbfabriken verkomme, deren Aktionäre ihr seid -- eure Medikamente _relativ_ tonnenweise hinein, wo die Natur nur in homöopathischen Dosen regulieren kann und soll. Da wird mit Hilfe eurer scheinbar harmlosen Hydrogauner in Bädern und Sommerfrischen dem Publikum erst einmal der Unfug der Unselbständigkeit angezüchtet. Daß einer erst einen Arzt fragen muß, was er essen soll -- der es ebensowenig weiß -- noch als Erwachsener seinen Leib: den Kern der Sinne so wenig empfinden gelernt hat; so etwas war ja seit Anbeginn der Kreatur noch nicht da -- außer vielleicht bei einigen Arten degenerierter Raubameisen, die sich im Bau eigenes Geziefer halten müssen, weil sie ihr Futter nicht mehr allein zu finden imstande sind.
»Hier mörtelt sich der Sonderschwindler, pardon: Spezialist, dem Gefüge ein. Hier kommen die Alchimisten der Medizin zu Wort. Eigene Lehrstühle werden errichtet zur Überleitung eines Gebrestes ins andere -- daß nur nichts verloren gehe. Man muß es ihnen lassen: die Transmutation der Krankheiten ist lückenlos gelungen. Fundament aber bleibt stets die natürliche Schlechtrassigkeit; auf dieser wird durch falsche Pubertätshygiene zuvörderst Bleichsucht gezüchtet, aus dieser durch Überfütterung Fettsucht -- aus dieser im reifen Alter durch Sarkomdiät: Diabetes. Dann sagen sie: Koma -- und kommen sich weise vor.
»Sterben aber darf einer noch lange nicht -- oh, das kostet noch Tausende. Adrenalin, Theobromin, noch ein Stich in die arme zähe Haut und noch eine Injektion.
»Schon will der letzte Atemzug in die Erlösung schlüpfen, da spießt ihn wieder eine neue Spritze irgendwo auf.
»Daß die Leute einmal in Frieden sterben durften, wie vergessenes Paradies klingt es ums Ohr. Aber auch in ihrer Krankheit dürfen sie nicht Ruhe finden. Daß der gleiche Mensch sein Leben lang nur ein Leiden habe -- es wird nicht gern gesehen. Verpatzt die Statistik. So treibt man eine Krankheit mit einer andern aus, läßt ein Organ durch das andere einschweinzen, und aus jeder Abteilung wird der Patient geheilt entlassen.«
»Nu, was soll man denn tun mit ihm? Man muß doch lernen. An wem soll man lernen? -- Die freie Wissenschaft wird doch noch probieren dürfen,« ereiferte sich Sobelsohn.
»Gewiß -- was aber mich, die in eine falsche >Frühlingsmode< Gekommene, empört, ist diese Bonzen- und Unfehlbarkeitspose für jeden Humbug des Augenblicks. Muckt aber einer aus dem Pferch auf, habt ihr so Abrakadabra-Worte wie: Eiweißzerfall -- und schlotternd bricht der entsprungene Laie wieder ins Knie.«
Sie wurde infernalisch suav:
»Im übrigen verschließe auch ich mich den mancherlei Vorteilen des Wechsels nicht: wer sich zum Beispiel eines Kindes entledigen will, braucht nur ein ihm passendes Jahr abzuwarten, dann einen Kinderarzt extremer Moderichtung -- irgendeinen rabiaten Eiweißianer oder Blinddarmentzünder beliebiger Observanz -- kommen zu lassen und -- wirklich zu tun, was er vorschreibt.«
»Wie bringen Durchlaucht dann den immerhin vorhandenen Prozentsatz lebender Kinder mit der Vorschrift, ärztliche Hilfe anzurufen, in Einklang?«
»Durch die rettende Fahrlässigkeit des Dienst- und Pflegepersonals, Sobelsohn. Sie vergessen, ich sagte ausdrücklich: tun -- tun müsse man, was er vorschreibt. Ich, die in den Spitälern halb Europas gearbeitet habe, kann Ihnen sagen, daß noch nie eine Anordnung genau so ausgeführt wurde, wie der behandelnde Arzt geglaubt. Darum sind eure Statistiken falsch. Fachbehandlung, gemildert durch Schlamperei.«
»Nu, und die Asepsis, Fürstin -- wollen Sie auch nörgeln an unsrer Asepsis?«
»Nein, denn sie ersetzt den Juden den Katholizismus. Man muß das nur gesehen haben, was ihr da treibt, ihr profanen Pfaffen des Leibes -- bei einem der hohen Infektionsfeste: etwa Scharlach. Was da für ein hieratisches Zeremoniell entfaltet wird: die weißen Weiberröcke der zelebrierenden Ärzte -- das Lysolopfer -- der Bakterienexorzismus -- die symbolischen Waschungen. Wie Ostern in Rom.«
»Ist Ihnen sonst noch was nicht recht an uns, Durchlaucht?«
»An euch.« -- Die Drehung ihrer Schulter war verächtlicher als je ein Wort. --
»Über Mißbrauch und Verzerrung eines Amtes, euch zu Unrecht verliehen, wer möchte da richten, wiewohl ihr's etwas reichlich treibt. Doch eine Menschheit richtet sich selbst, die, instinkt-irr und salopp, das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes, so wenig achtet, daß sie wahllos über ihr Schicksal hinwimmeln läßt, was Geschäft oder Drang oder Zufall eben erst heraufgespien aus jeder Tiefe, hin zu Jus, oder Schmieröl, oder Medizin oder Knoppernhandel: ungereinigt -- unerprobt. Das oberste Amt der Art: das Amt des Arztes:
Aus Sinnenzartheit und Sinnenschärfe, aus Kraft, Anmut und Vitalität den Erzengel der Erde erziehen, pflegen, hüten helfen, das dürfte nur nach Proben, furchtbar und herrlich, in die Hände jener überantwortet werden, die ringsum ausgeblüht in langen, edlen Mühen -- weisere, feinere, lichtere Organe sich selbst errungen, als uns Armen vergönnt.«
Helena Karachan hatte die letzten Sätze fast ausschließlich an Horus gerichtet, der, wie benommen von ihrem Schicksal, wie er es nun begriff, erschüttert und schweigend allem weiteren gefolgt war. Nun schien es ihm Zeit, in Leichteres unbemerkt zurückzulenken.
»In China,« lächelte er, »ist es Sitte, den Arzt nur so lange zu honorieren, als man gesund bleibt.«
»Wie entzückend,« rief die Fürstin, »wie weise auch. So lernt er etwas von Gesundheit verstehen -- bei uns versteht der Arzt im besten Fall etwas von Krankheit.«
Sobelsohn aber hörte schon lange nicht mehr; vergnügt bis zu den Weisheitszähnen, memorierte er das mit dem »Erzengel der Erde« und den »lichteren Organen«. --
Spaß würde das geben mit den Kollegen bei der nächsten Naturforscherversammlung. Für die »zwanglosen Zusammenkünfte« war es gut, immer so Geschichtchen auf Lager zu haben, die großen Tiere lachten dann -- wurden aufmerksam auf einen.
Was war das für ein Hallo gewesen das letztemal, als der kleine Fekete Attila aus Budapest plötzlich gefragt hatte:
»Wollen Sie meinen Sohn sehen?«
Und aus der rechten Rocktasche ein kleines Einsiedeglas mit einem Embryo in Spiritus hervorgezogen hatte.
Kaum schien das Gelächter abgeflaut:
»Wollen Sie meine Tochter sehen?«
Und nun war aus der linken Rocktasche die gleiche reizende Überraschung gekommen. -- »Ein emsiges Bürschel.«
* * * * *
Es hatte schwer geschneit -- fast grau. Föhn über den Höhen wühlte böse blaue Trichter in einen löwengelben Dunst: _danger of avalanches_ stand auf breiten Tafeln in den Hallen der Hotels.
Genia Waanebeeker hatte die Scheidung ihrer Eltern flotter betrieben, seit Linda Bordone durch Demütigungen aller Art dem Onkel in Bologna doch noch die fehlenden 50000 zur Mitgift zu entwinden vermocht und nun mit Archangelo Cavadini verlobt war. Genia störte das wenig. Er hatte eine verrottete Art, die Hand zu geben, und eine perfide, sie um eine Reitpeitsche zu ballen.
»Ich kaufe den Gauner,« entschied sie.
Eine böse Wärme war an ihr herabgehaucht aus der Haut dieses der Amerikanerin neuen Typs: südliches Männchen, das auf Weibern lebt. Ihre eminent praktischen Nerven -- wiewohl noch unerfahren -- rieten zum Geschäft. Und Genia war fünfundzwanzig Jahre alt. -- Die _up-town_ und _down-town clerks_ zu Hause: -- das wurde automatisch am _week-end_ aus einem _city-block_: so einem Kubus dummer Kraft, herausgeschossen, selbst ein kleinerer Kubus aus Homespun, endend in Stiefelkuben aus Leder; gab die Pfote kunstlos wie ein Bernhardiner und nahm die Reitpeitsche zum Reiten.
Heiratete man, blieb eigentlich alles gleich: Kleider, Hüte, der jährliche »_trip to Paris_«, Haufen von Geld. Genia kam sich sehr ins Ideale gehoben vor, daß ihr das nicht genüge. Nein, zum Geldverdienen waren die Eltern da -- nicht nur _dad_, auch _mommo_ hatte noch Verpflichtungen. Da war ein Jugendfreund in Minnesota. Genügend alt jetzt und vermögend ... auch hatte sich der Gynäkologe ihrer Mutter, auf Genias Erkundigung, durchaus beruhigend hinsichtlich etwa drohender Geschwister geäußert. Selbst wenn _mommo_ so perfid hätte sein wollen. Daß _dad_ nicht mehr heiratete, dafür mußte natürlich gesorgt werden; Archangelo aber würde bei der einzigen Erbin zweier Vermögen sich schon vorläufig mit einer Rente begnügen.
So hatte sie spielend, es war vor vier Tagen, eine Szene zwischen den Eltern in Gang gebracht. Hoffentlich die letzte. Mit blutgesprenkeltem Blick war _dad_ zum Telephon gestürzt -- hatte aus dem Dorf Giuseppe Piatti bestellt -- sich in Skidreß geworfen, und war fort mit ihm. Erst zur Hütte, dann irgendwo hinauf; sein Gepäck solle man nach Zürich an die Adresse seines Anwalts schicken; direkt führe er nach der Tour hinunter.
Heute war Tango-Tee im Palace. In der Frühe des Nachmittags stoben Gerüchte auf, vor drei Tagen sei in der Suvrettagruppe eine Lawine niedergegangen, Spuren führten in sie, aber nicht mehr heraus. Man depeschierte an den Züricher Anwalt, bis jetzt war keine Antwort eingetroffen, noch konnte man also zum Tango-Tee. Abends lastete dann allerdings die ganze Verantwortung der Situation auf den beiden Frauen. Genia war tief erregt:
»Du kannst doch nicht Crêpe tragen, solange die Leiche nicht gefunden ist -- eine Woche kann man verschüttet in einer Lawine leben.«
»Ich will doch nur das Korrekte tun.« Mrs. Waanebeeker entrüstete sich -- »aber man hat ja kein Beispiel. Nie noch war jemand aus unsrer »_set_« verschüttet.«
»Dunkel, aber nicht Crêpe,« entschied Genia.
Bis tief in die Nacht hinein war ein Hin und Wieder auf den Korridoren. Waanebeekers verhandelten mit der Rettungsexpedition. 30 Frs. pro Tag und Mann? -- Das war ja horrend. Gut, fünf Mann sollten gehen.
Die Leute lachten. Die Lawine war durch die Talsohle gegangen, die andere Bergseite hinauf -- hatte die Verunglückten vielleicht weit mitgerissen -- auf zwei Kilometer, wenn nicht auf vier, mußte gegraben werden.
»Also dann sieben Mann. Aber um Himmels willen, es gab doch noch Piattis -- der Andrea würde sich doch nicht bezahlen lassen, feilschen, wo es die Rettung seines Bruders galt. Piatti müsse noch gratis mit. Also mit Piatti acht.«
Der nächste, ein kalter und klarer Tag, klang voll Schellen. Archie Payne hatte zwanzig Schlitten bestellt zu einem Champagnerpicknick nach der Unglücksstelle. Man würde auf der Lawine selbst frühstücken.
Es war eben eine jener Eingebungen, die ihn so populär machten. _The right man in the right place._ Er triumphierte. Die Principessa Dango fuhr in seinem Schlitten, sie, die ihm bisher kaum den Fuß gegeben -- geschweige die Hand. Zwei Schneeleoparden hatten sich um ihren Hals verbissen, das Gesicht war ihr mit einer köstlichen, handgeklöppelten Krätze aus Brabant bedeckt. Rankenwerk stieg aus der Nase, und Gruppen kleinerer Tiere aus feinstem Zwirn überliefen die Wangen. Ein Leopardenembryo saß als Toque im Henna. Archie fürchtete sich ein wenig, er hatte sie noch nie so nahe gesehen, der Snob im Herzkästlein aber strahlte ihm licht, denn Strondoli mußte ganz rückwärts zu Madame Bavarowska steigen.
Gloria Rawlinson, wunderschön in weinroter Affenhaut, wie es dann im »Herald« hieß, fuhr mit _her grace of D._ und Monseigneur. Auch die Cadogans waren dabei, du Perron, die liebliche Margot, Quadrupedescu, Muriel Hitchcock, die Raeburn-Girls. -- Horus war nicht dabei, wußte nichts von dem Picknick, hatte sich in der Nacht der Rettungsexpedition angeschlossen.
Die Damen Waanebeeker -- dunkel, doch nicht in Crêpe -- erwarteten unterdes auf ihren Zimmern die Ankunft des Anwalts aus Zürich.
»_What a beautiful boy_,« sagte die Principessa Dango -- als Italienerin von Rang sprach sie meist englisch, hob das neronische Einglas aus Smaragd in die Richtung des pauvren Fadens der Rettungsmannschaft, die, jetzt ganz nah, sich mit ihren Schaufeln in den Lawinenkegel einzuwühlen versuchte; so aussichtslos für diese Wenigen, denn zerrissene Bäume und Geröll mischten sich überdies den Schneemassen.
»_What a beautiful boy_,« wiederholte die _Princesse macabre_.
»O, Elcho -- -- hallo, Elcho!« und Archie winkte mit der Serviette --
»Principessa kennen ihn noch nicht? Berüchtigter Sklavenhändler aus dem dunkelsten Osten oder so was. Eigne Jacht -- _first rate_. Gar nicht so jung, wie er sich macht. Steht mit seiner Schwester oder Tochter in Beziehungen, die das Gesetz nicht gerne sieht, gibt sie daher für seine Gattin und indische Prinzessin aus, streicht sie auch olivenfarben an, das verwischt die Ähnlichkeit. Sperrt sie im übrigen meist ein, mit einem chinesischen Drachen als Wache, und gibt ihr nichts zu essen; die arme Puppe hat noch kein geradegewachsenes europäisches _dinner_ zu kosten bekommen.«
»Es ist etwas dran, sie sehen sich irgendwie ähnlich,« mischte sich _her grace of D._ wohlig angeekelt ins Gespräch, »wie skandalös -- ein Familienzug in den Bewegungen -- auch die leichten langen wagrechten Augen, nur daß seine hell und ihre dunkel sind oder scheinen sollen, wissen kann man es ja nicht genau, bei diesen lächerlichen Wimpern.«
»O, die Wimpern,« jubelte Archie. »Sir Osmond, erzählen Sie doch die Geschichte mit den Wimpern.«
Der schmunzelte: »Keine Geschichte -- ein Wort höchstens. Nun, Sie wissen ja, wie Madame Bavarowska ist -- scharmante Frau -- nur ein bißchen Steinzeitpersonnage. Wir waren alle zusammen in dem gleichen Hotel in Paris. Madame Bavarowska sitzt neben dieser jungen Prinzessin oder Miß Elcho oder Mrs. Elcho, wie Sie lieber wollen. Plötzlich greift sie nach diesen berühmten Wimpern -- zupft ein wenig daran, besieht ihre Handschuhe auf Koholspuren, findet keine, fragt ägriert:
»Wie macht man das.«
Da sagt dieser väterliche oder brüderliche Geliebte ganz ernst -- ganz sachlich:
»Angeklebte Fliegenbeine aus den _Galeries Lafayettes_ in Bagdad, das laufende Meter zu einer Zecchine _six pence_.«
»Doch recht brav für so einen Wilden,« rühmte Archie -- jetzt ganz Manager und Impresario.
»Und nichts war ihnen in Paris gut genug,« erinnerte Winifred Cadogan Lady Eveline -- »weißt du noch, bei Callot, bei Cheruit, bei der Chanel. Die Leute schwitzten Blut, wollten aber die große Bestellung auch nicht verlieren -- alles mußte neu entworfen werden, kein Modell fand Gnade -- und man sollte doch meinen, solch asiatische Provinzler ließen sich alles anhängen.
»Das Resultat war allerdings _stunning_. Der Manager von Martial & Armand versicherte, käme der Mann wegen Inzest ins Kriminal, er engagierte sie vom Fleck weg als Mannequin -- so hätte ihm noch niemand seine >Creationen linear entwickelt< -- was immer das heißen mag.« -- Winifred hielt nichts von Fremdworten.
Die Principessa Dango aber reagierte nicht -- hörte nichts von diesem indirekten Angriff, war doch schon in ihrer Gegenwart von andrer Eleganz zu sprechen Sakrileg. Er war jetzt ganz nah -- in Greifweite ihrer Augen. Taub für Zurufe und Einladungen, ignorierte er die ganze Picknickpartie völlig, schien mit irgendwelchen Messungen beschäftigt. Sie sah ihn hier zum erstenmal. Im Astoria war es schwer, in ihre Merkwelt zu gelangen; am Abend, weil das kobaltblaue Pulver auf den Lidern eine gewisse Starre der Blickrichtung forderte, nur was unmittelbar im Sehfeld lag, konnte aufgenommen werden -- bei Tag, weil der Einfallswinkel des Hutes stets größere Teile der Umwelt ausschloß. Hier, in der Schlichtheit ihrer Schneeleoparden mit Brabanter Points, war es unbehaglich frei und weit, voll neuer Gesichter auf einmal.
Warum begrüßte er niemanden -- welche Affektation -- gab nur mit dem Fuß einem Champagnerkorb einen formidablen Tritt, der gerade im Wege stand. Eigentlich war er auch gar nicht hergekommen, vielmehr das Picknick ihm allmählich in sein Arbeitsfeld gerutscht. Erst hatte man sich an der Stelle gelagert, wo die Spuren verschwanden, dann aber war jeder der Damen alle paar Minuten gewesen, als vernehme sie irgendwo aus der Tiefe Seufzer oder Gestöhne. Natürlich wanderten hierauf Flaschen und Sandwichschüsseln den unheimlichen Lauten nach -- immer weiter auf die schon konsolidierte Lawine hinauf.
Als Horus, wieder bei seinen Leuten, zur Schaufel griff, fühlte er etwas wie eine entschuldigende Haltung hinter sich:
»Kann ich irgendwie von Nutzen sein?«
Er wandte sich und sah in Sir Osmonds Gesicht. Das alte englische Herrengesicht, zwischen weißem Schnurrbart und weißem Haar, füllte sich langsam mit einem hellen Rot.
»Eine reizende Eigenschaft angelsächsischer Epidermis,« dachte er. »Eine Art prästabilierter Harmonie zwischen ihren Taten und Vasomotoren« -- und er gab ihm eine Hacke zu beliebigem Gebrauch.
Dann entstand Aufsehen: die Principessa Dango erklärte plötzlich, sie wolle zur Rettungskolonne und schaufeln. Drei Schritte war sie schon gegangen. Strondoli hinter ihr sagte nichts als:
»_Impossible._ Um zehn Uhr Kostümball im Carlton -- jetzt ist es halb zwei, _impossible_,« dann geleitete er sie hinunter zum Schlitten.
Doch der Sensationen sollte kein Ende sein. Auf einmal bog um die Talnase ein endloser Zug an Menschen und Vieh: Kolonnen von Pionieren -- hundert -- zweihundert -- fünfhundert Mann, Lastpferde daneben. Sie behaupteten, erst die Vorhut zu sein -- Bergbauingenieure aus dem Rheintal seien telegraphisch herauf beordert, noch heute Nacht würden Schneepflüge eintreffen. Mürrisch fraß peinliche Anerkennung um sich. In etwas gestörter Stimmung erfolgte der Aufbruch. Um zu glossieren, daß nichts geschehe, war man doch all die Stunden heraufgefahren; wie kam man jetzt dazu?
In der Hall des Astoria fand Archie Payne ein artfremdes Wesen, einen Regenschirm mit ungeheurem Horngriff zwischen den Beinen. Es wartete scheinbar auf den Omnibus zur Bahn. Archie lud es zu einem »_maiden's blush_« in die Bar, denn er vermutete in ihm den Anwalt aus Zürich.
»Leicht zu liquidieren?« frug Payne, auch Cavadini war hinzugetreten. »Man spricht von einer Million bar für jede der Damen?«
»Vorläufig keinen Cent,« und der Fürsprech strich mit dem Horngriff seines Regenschirms den Schnaps im Schnurrbart glatt.
»Nicht -- einen -- Cent, ehe die Leiche gefunden und einwandfrei agnosziert ist, sonst gilt er für das Gericht lediglich als verschollen, und die Todeserklärung, nebst Freigabe des Vermögens, erfolgt erst nach drei Jahren. Im Frühling aber, bei plötzlicher Schmelze und Hochwasser, können die Reste leicht fortgeschwemmt werden ... es ist riskant.«
Archie, Fäuste in den Hosentaschen, warf sich hintüber und biß in den Plafond vor Lust.
Am Abend hatten Waanebeekers ihre frühere Beliebtheit in vollem Umfang wieder erlangt.
Um sieben, vor der Abreise des Fürsprechs, war es noch etwas peinlich geworden. Die Wittib Piatti kam in jener unerträglichen Haltung europäischer Mittel- und Unterschichten bei Schicksalsschlägen. Nicht aus Mangel an Herz -- aus mangelndem Instinkt für natürliche Gesittung fallen sie in jene greinende Kinogeste, die das echte Leid überlügt und zwecklos entwürdigt. -- Flucht oder Brutalität -- ein drittes ist da schwer.
Es ergab sich, daß die Wittib Piatti vor Schmerz zuvörderst nicht sitzen konnte; sie schleifte ein wildfremdes Kind rastlos im Zimmer herum und schüttelte es drohend gegen die Damen Waanebeeker, ließ hilflose Posen mit erpresserischen abwechseln. Endlich kam es heraus: den Führerlohn für die Tour wollte sie ausbezahlt haben.
»Den Ganzen?«
»Natürlich.«
Nun war Mrs. Waanebeeker oben auf:
Die Katastrophe hätte sich doch beim Aufstieg ereignet, die Spuren zeigten es unwiderleglich ... also höchstens halbe Taxe, aber höchstens. Hier gab ihr der Anwalt voll und ganz recht.
Die Witwe Piatti schäumte durch die Gänge, brach just vor der Bar zusammen und mußte gelabt werden. Sie lag in einer Lache ihr widerfahrenen Unrechts, und es wurde immer größer. Auf dem Heimweg frischte sie auf; Mr. Waanebeeker hatte im Dorf schon die halbe Taxe als Angabe vorausbezahlt -- davon aber konnten die im Hotel oben nichts wissen.
* * * * *
In diesen Tagen und Nächten aß Helena Karachan zum Entsetzen. Ja -- auch in den Nächten. Verweigerte ihre gewohnten Schlafdroguen. So saß sie bei gelöschten Lampen im Mondlicht, den Kaftan aufgerissen und schlang in Verzweiflung, bis fahles Frühlicht um die grauen Reste der Schüsseln lag. Keine Stunde Ruhe mehr den müden, entstellten Organen, als wolle sie sich von innen heraus zerreißen um jeden Preis.
Es war da nämlich noch eine Person vorhanden, die darauf sah, daß keine Betäubungsmittel, gegen der Fürstin Willen, den Speisen beigemischt würden: Ithnan, ihr georgischer Diener. Auf seiner ganzen Haut empfand er jeden Wunsch der Herrin. Ließe sie ihm den Kopf abschlagen, Hände und Füße dienten ihr noch nach. Manasse und Dr. Sobelsohn achtete er unreinen Tieren gleich. Letzterer verdiente Unsummen in dieser Zeit, ließ aber doch den Plan, sich ein zweites Konto in der Schweiz eröffnen zu lassen, weise und resigniert fallen. Stand eben von früh auf dem Boden der Tatsachen, seinem einzigen Heimatboden, wußte: bald versiegte der Segen. Die Fürstin sollte geheilt werden.
»Geheilt?« frug Horus ungläubig-froh.
»Von der Freßsucht, ja -- dafür steh ich gut.«
»Warum ist es dann nicht längst geschehen?«
Er wurde erregt: