Die Kegelschnitte Gottes

Part 13

Chapter 133,420 wordsPublic domain

Die Damen -- sie hatten wohl in ihrem Leben noch nie einen Flader am Holz bemerkt -- schieden allesamt von vornherein wegen geistiger und manueller Minderwertigkeit aus, desgleichen Monseigneur. -- Friedolin Eisele? Nein -- ein Rindvieh voll Lauterkeit. Es war eben ganz einfach nicht mehr zu leugnen, Horus hatte eine Schwäche für ihn gefaßt, seit Eisele nach der lauten Auseinandersetzung mit Napoleon noch leise leise, nur Luchsohren vernehmbar, auf den Korsen den großen Fluch seiner Tribus geschleudert:

»Daß di's Meisle beischt.«

Es dünkte ihn der herzigste Fluch, den er je gehört: das Ärgste, was ja überhaupt passieren konnte, war, daß er eben in Erfüllung ging ... schließlich schien das Malheur dann noch immer nicht gar so groß.

In die engere Wahl kamen somit du Perron, das Birnenschaf und Quadrupedescu: Deponens von Clubmann und Hundedresseur.

Sensation! Im Tisch erschien Moltke, nannte den Namen eines osmanischen Prinzen und prominenten Heerführers, der eben jetzt im Balkankriege gegen Bulgarien im Felde stand. Aller Augen wandten sich Lady Cadogan zu. Man wußte, daß sie, seine langjährige Freundin, auch ihn durch fast unbegrenzten Einfluß zum Spiritismus zu bekehren vermocht. Totweiß über den Tisch gelehnt, ganz benommen vor Stolz über die eigene Bedeutung, harrte sie weiterer Botschaft. Warnung kam: wenn bestimmte Armeekorps, ihre Nummern wurden genannt, die gegenwärtig für den soundsovielten bestimmten Bewegungen ausführen würden, fiele Adrianopel in Feindeshand.

Ungeheure Erregung. Lady Eveline nahm jedem Teilnehmer das Wort unverbrüchlichen Schweigens ab, ehe sie nach einem Telegrammformular hinausstürzte, in der nur ihr und dem Prinzen bekannten Chiffrenschrift das vom Geiste Moltkes ergangene Verbot unverzüglich zu drahten. Die Sitzung fortzusetzen, fiel niemandem mehr ein.

Madame Bavarowska stieß plötzlich aus allen Körperöffnungen schwarze Schleier aus, hatte ein Stück schwarzes Fließpapier -- kein Mensch wußte woher -- vor sich auf den Tisch gebreitet und zog aus ihrer juwelenbesetzten Goldtasche ein Paket Spielkarten von geradezu phantastischem Schmutz.

Ob man sich weissagen lassen wolle? Den ekelerregenden Zustand der Karten begründete sie durchaus plausibel damit, jene stammten aus einer Kaperbeute ihrer Vorfahren mütterlicherseits, die alle berühmte Seeräuber im Schwarzen Meer gewesen. Andre Familien behaupteten solches zwar auch, von der ihren sei es aber dokumentarisch nachweisbar.

Horus entkam im allgemeinen Wirrwarr. Schon einen Augenblick vorher hatte Quadrupedescu, sein blaurasiertes Lächeln wie mit Schmieröl übergossen, den Clowntorso aus der Tür gedreht.

Horus beutelte sich: ein Glück für euch, daß Geistergrenzen fester versiegelt sind, als _after-dinner_ Mystik sich träumen läßt. Welche Astralhaie müßten im Kielwasser solchen Seelen folgen. Was müßte aus dem Unsichtbaren her, solchem Ruf gehorchend, an der Schwelle einer Horde lauern, die blind, taub, flirtend, gierend, gerade ihren christlichen Schlangenfraß mit Whisky-Soda wieder aus allen Poren dampfen läßt? Hielte die Schranke nicht, in die Hände welch ultravioletter Fallotten würden diese Nekromanten nach dem Gesetz der Korrespondenz wohl fallen?

Und gedachte der vornehmen indischen Dame, deren Gatte zu sein er die Ehre hatte, dort oben auf ihrem bestirnten Altan. Sein Herz ging aus zu ihr und strebte zurückzukehren in die Heimat ihres Kusses, denn »es drängt zum geliebten Wesen die Begierde, gerührt zu sein«.

* * * * *

Unten im Foyer bestieg eben die Principessa Dango wieder die gläserne Keimzelle des Lift. Noch immer hielt ihr gereckter Arm den Fächer aus leuchtenden Leichen über das wabernde Henna. Strondoli vervielfältigte sich um sie in Brunstbewegungen. Alle Facetten seines Männchentums waren in Rotation -- ganz schwindlig konnte einem dabei werden.

Sie sagte nichts als: »_Impossible_«.

»Um elf Ski-kjöring nach Sils. Bleiben kaum zwei Stunden Schlaf. _Impossible._«

Strondoli riß die Uhr heraus. Beteuerte mit Blicken, Lippen, Haut, Haar, wie früh es noch sei, indes sein markiger Arm das »elf Uhr«, ganz weit draußen, platt an den Rand der Ewigkeit gestemmt hielt.

Vergebens. Rundum abgedichtet mit Durchsichtigem, entglitt sie am Draht des Lift, der lose in seinem Nabel kreiste, durch den Plafond nach oben.

Der Marchese zog seinen edlen Leib ein -- wurde konkav vor Enttäuschung; pfiff dem Boy und frug nach Mademoiselle Fifi.

Bei der Loge des Nachtportiers stand Quadrupedescu, übergab ein dichtbeschriebenes Formular als dringend zu drahten. Auch diese Depesche war, gleich der Lady Cadogans, chiffriert, bis auf zwei Worte: Bestimmungsort und Adressat. Berne und irgend etwas ... de Bülgarie. Also darum, nach verhüllenden Mätzchen, Präliminarien: Moltkes Geist samt »Warnung«. Es hatte sich eben darum gehandelt, eine für Bulgarien gefährliche Operation des türkischen Heeres zu verhindern, und das hatte dieser geriebene Agent auf so primitive Weise erreicht, daß kaum ein Botokudenpaar darauf hereingefallen wäre. Von solchen Vorgängen also hingen europäischer Völker Schicksale im zwanzigsten Jahrhundert ab.

Morgen hieß es, bei Lady Eveline Moltkes Ansehen sanft untergraben, nicht etwa sein Erscheinen leugnen, das hätte ihre Eitelkeit nie zugegeben, nur einfach ihren Jingoismus gegen sein Deutschtum aufstacheln. Vernunft: wenn zwei entgegengesetzte Dummheiten gerade gleich stark sind. Ja, er hatte in diesen wenigen Wochen im dunkelsten Europa schon viel gelernt.

Einen Blick noch warf er in die Grellhölle, wo die ruhelosen Barbaren, von drei Orchestern durchbohrt, violettgesprenkelt vor Schnaps und schon völlig verwildert, immer noch in ihrer eigenen Kohlensäure fatal herumwateten.

Hier, von oben gesehen und durch die Rauchschichten hindurch, war das Ganze einem infernalischen Aquarium nicht unähnlich.

Er dachte: vielleicht ist es hier wie mit den niederen Tiefseetieren: nähme man plötzlich den ganzen ungeheuren Druck von ihren Sinnen, unter dem sie zu leben gewohnt sind, hübe sie ins Leichte, Freie, in höheres Element -- ob sie sich dann auch selber zu vomieren begännen ... auf einmal die Gallenblase nach außen, und überhaupt alles vornüber gestülpt?

Aber wozu leben sie unter diesem, alle Empfindung erschlagenden Sinnendruck?

_Warum verwechselt der Europäer Grelle, Lärm und Gestank mit Freude?_

Ja warum?

Er hatte damit zum erstenmal an ein Grundproblem gerührt -- aber er wußte es noch nicht.

* * * * *

Plötzlich war Europa herrlich.

Dieses »ausgefranste Hundeohr am Kontur Asiens« hatte eben die beispiellose Chance, daß Schnee drauf fiel -- auf Barbarei und Irrsinn über Nacht bestirnte Reinheit wuchs.

Horus, von Pitz Nair kommend, lag in seinem brennheißen japanischen Bad -- neben sich Tee und knusprig nachbrodelnde Muffins -- in Händen ein edles Buch, mit dem man durch tausend Reiche fliegen konnte -- vor sich Schlaf, eine runde Nacht voll, ausgeflaumt wie ein Vogelnest -- die Wand hinauf aber lehnte, ganz nah im Schmeichelkreis seiner Finger, die neue _grande Passion_: Skier.

So ruhte er, ein köstlich zerbrochener Sieger am Fest des blauen Raumes, und genoß: auf der Haut schäumende Nadeln -- im Herzen Ozon -- im Blut Eis und Gefunkel. Lächelte gerührt den beiden gestreckten Schneeflügeln aus schwingendem Hickoryholz zu: schwarzes Schneeschilf, weiß gerippt, träumte an ihm seinen tiefen Tag zurück. Grüßte erst das entzückend linsenförmige Anschwellen der Spitzen, durchlocht wie Ohrläppchen, nahm jene klare, von der Bindung gekrönte Kantengruppe mit dem Finger in seinem Organismus auf: Verschneidungskurve zwischen dem mechanisch wirksamen Profil und der idealen Oberfläche des Skikörpers; so vollkommen fast wie jene, die an der Helice der Nabe zuschwillt. Vom Schneekiel, der Rinne an der Unterseite, in einem Myrtenblatt verstrahlend, mochte man gar nicht erst sprechen, direkt einen neuen Raumsinn schuf er in den Sohlen und war über Lob schlechtweg erhaben.

Jetzt fuhr er mit den Augen den Ski entlang, bis wo dies einfachste und freieste Gerät sich aufbäumt und aus dem Planen löst nach oben. -- Sein Herz schlug -- er glitt los zum Sprung; immer rascher hinein in ein Vorwärts ohne jede Wahl. Hinein ins Ducken, Abschnellen, dann Hinausgerissenwerden in den Raum. -- Dort endlos im Nichts hängen, im Nichts Richtung halten müssen -- die Arme zu Propellern geworden -- das Bewußtsein in den Sprunggelenken, ganz dem Aufprall entgegengespannt und dem hirnwirbelnden Schuß. Das Unbegreifliche dieses Aufpralls, dieses Schusses trieb dem Entrückten das Herz ins Hirn vor Blut und Eislust. Seine Hände fand er an den Rand der Wanne wie an einen Starkstrom hingekreuzigt, und kalte Sterne sprühten hinter seiner Stirn.

Erst in den mildernden Wellen des Geländes, als schon bremsende Hügel dem Schuß in sein Rasen gefallen, vermochte er die duffen Finger der Rundung des Emails abzureißen. -- Atem stürzte wieder in ihn, doch er wußte noch nichts Rechtes mit ihm anzufangen; es donnerte sein Herz.

Bei Auto, Flugzeug, Motorboot -- immer ist noch etwas eingekeilt zwischen Mensch und Schnelligkeit. Auf diesem Zwischengliede hockt er dann: ein beherzter und recht lobenswerter Affe. Einzig auf Schneeschuhen: veredelten Sohlen, sind sie endlich ganz allein miteinander, die Geschwindigkeit und er. Schräg über sanfte Kristalle stürzend, wird der Mensch da selbst zum Alpha und Omega der Bewegung -- auf diesen seinen zwei federnden Sohlen hinausschwingend über sich und in ein neues Maß.

»Und da sagen die Leute so schlichthin: >Bretter<,« dachte Horus, »für ihre verrotteten Klim-Bim-Gasometer und hingehudelten Prunkbaracken aber erfinden sie Ehrfurchtnamen: >Musentempel< etwa oder >Palais<.«

Und Leute -- Leute trifft man da oben. Angeschossen kommen sie mit verglasten Augen aus dem Nirgendwo: wasserdichte Flügelwesen, prachtvoll ruppig, mit ungeheuren Eiszapfen an der Nase, und künden von firnen Ruheplätzen, wo sie das kristallne Huhn mit dem Hammer gegessen und die Suppe als Biskuit.

Geht man ihnen dann in ihre Passantenhotels nach, trifft man sie meist schon aufgetaut zu kleinen Philistern vor einem Schweinsbraten sitzen, die Seele nikotinisiert und dreier Vorstellungen nur mächtig: Windharsch -- Pulverschnee -- feucht-salzig ... oder sie stoßen über Daumenknorpel rechteckige Löcher in bandenlahme Billards und wollen es dann nicht gewesen sein.

Da sind sie trübe wie Lachen zerschmelzenden Schnees. Null Grad ist ihre kritische Temperatur -- eher etwas darunter.

Halben Weges wuchs dann diese Wächte dem Berg aus gläserner Flanke, war aber unschwer zu umfahren gewesen. Schweizer Offiziere, die hier ihre Übungen abhielten, hatten es soeben getan. Nur als Letzter -- der junge Leutnant tauchte grade über ihr auf, unschlüssig-lüstern und vorgeneigter Silhouette, bis auf das reglementmäßige Rhomboid aus grauem Filz auf seinem Kopf; das bockte schräg nach hinten in den Äther und war offenbar dagegen. -- Die andern Offiziere lachten und winkten ab. Von hier unten, gegen der Wächte überstehend, sah man deutlich, sie hing ein Stück frei in den Raum.

»Ischt ja wie's Schterbe,« sagte der junge Leutnant, dann glitt er los.

Das Rhomboid aus grauem Filz sollte aber recht behalten. Drei Sekunden später saß es irgendwo -- -- schräg wie immer, doch ganz allein auf dem Schnee, indem sein Besitzer sich einem Kopffüßler gleich gebärdete.

Doch oben über der Schneebrücke aus gestirnten Kristallen zuckte jetzt eine zweite Silhouette aus dem Nirgends her: die Ganz-Weiße, Lanzenkeusche, neigte sich langsam wie eine Rakete vom Zenith ihres lichten Stiels.

Horus hielt den Atem des Erinnerns an. -- Nein, noch nicht, immer noch nicht. Doch allzulange, allzu künstlich schon hatte er der Erscheinung gewehrt; Berge, Leute, blaue Fröhlichkeit dazwischen gehäuft, damit ihr Kommen daure -- denn ihr Dasein war nur ein Augenblick.

Nun brach sie -- ein Dämon der Anmut -- durch den süchtigen Geiz seiner Vorfreude, hing über dem Sturzweg, halb Luft, halb Eis, stand niederfahrend einen Augenblick als Sturm an seiner Schläfe, goß sich in eine Kurve hinein -- war ganz unten auf dem Schneefeld, nur eine blanke Nadel noch am Faden einer feinen Spur.

Hinter ihr nach glänzte der Weg.

Gargi aber hatte in auffliegendem Entzücken, in jenem lieblichen Sich-Auslöschen an einer reinen Freude, die sie ganz enthielt, feierlich -- fast priesterlich gesagt:

»Ein Elf von einem großen Stern.«

Unter den Schweizer Offizieren hieß es mürrisch anerkennend: »Die fremde Dame«.

»Ein Elf von einem großen Stern.«

Gargi -- Gargi hatte das Wort gefunden. Er sprang auf ins Nebengemach zu ihr, alles ihr mitzuteilen -- mit ihr zu teilen. Ein Läufer in dampfenden Nebeln. Sein Torso gleißte. Lachend fielen sie einander in die Arme. Tropfen stoben.

In dieser Nacht ward Gargi ganz zur Fee Peribanu. Das Orchis- und Perihafte schöpfte sie ihm aus ihrer Duft gewordenen Tiefe. Jaspisgeschöpfe mit Teeblütenfingern -- Götzen mit goldenen Nägeln der Wollust -- umstanden sein Herz die ganze Nacht.

Wie, was androgyn-vollkommen, ausschwingt in weiterer Amplitude der Anmut, so hätte Gargi hinschwingen können in dieser Nacht bis hinüber in das Lanzenkeusche, Unumarmte: auch dort noch sie -- sie selbst auch dort noch: des eignen Iches andrer, silberner Rand. Doch war es noch nicht an der Zeit.

Hüterin des köstlichen Potentials, wahrte sie der Phantasie des Mannes -- aufduftend als Asien in seinen Armen -- die Weite eines ganzen Kontinents zum Reiz, an dessen Ende nicht mehr stand -- noch nicht mehr stand -- als auf Kristallen eine blanke Nadel am Faden einer feinen Spur.

* * * * *

_Son Altesse Imperial le grand duc Wladimir Michailovics et suite_

_La Princesse Helena Petrowna Karachan et suite_

las er in der Liste des Astoria als neue Gäste. So sollte er Helena Karachan begegnen, seiner Mutter Gespiel, jener einzigen Europäerin, von der sie je gesprochen. Tochter aus der morganatischen Ehe eines Großfürsten mit einer kaukasischen Prinzessin, hatte ein wilder und prachtvoller Ernst einen Teil ihres Wesens zur Medizin hingerissen, sie schon damals -- ganz jung -- zu einer der ersten Ärztinnen gemacht. Eine Hobby, die man der großen Dame gerne nachsah, schränkte sie doch hochdero Zeit für noch Bestürzenderes ein, denn gefaßt war man auf alles.

Früh verwaist, galt sie von je als Lieblingsnichte eben jenes Großfürsten Wladimir Michailovics, ihres Vaters einzigen Bruders. Vordergrundsdaten. Eigentliches wußte er um sie aus einer Klangfarbe in seiner Mutter Stimme: dem glücklichen, tiefübergoldeten Gong, der nur Ebenbürtiges einzuschwingen pflegte -- so lebendig seinem Ohr, daß auf diesen fast körperlichen Wellen die entblätterten, toten Züge zurückkamen, sich aufrichten durften -- faserfein -- als ganzes Antlitz wieder um diesen Kern von Klang, als Glockengesicht -- das silberzüngige Orgelgesicht, wie er es im stillen für sich nannte.

Nun war Helena Karachan da, ein Wesen aus Diana Elchos ihm unbekannter, früher Welt, und er sollte sie sehen. Eine kaukasische Prinzessin: geschmeidedurchrieselte Flechten langniederfallend auf milchweiße Fesseln, azurne Schleier und klare Knaben, die Türkise ihrem Weg streuen.

Zum _dinner_ kam er ausnahmsweise in den Grillroom, schmeichelte für diesmal sogar Gargis Widerstand, solchen gemeinsamen Anfängen der Verdauungstätigkeit auch nur als Zuschauerin beizuwohnen, hinweg, ließ sich ein Tischchen anweisen, an dem die Fürstin vorüber mußte, das auch den Blick durch Glastüren in einen ihr reservierten kleinen Saal frei ließ.

Nein, der Großfürst sei noch nicht eingetroffen, berichtete der _maître d'hôtel_, vorerst die Prinzessin _et suite_.

Nun kam, zwischen aufgerissenen Flügeltüren, sie selbst.

Der schwabbelige schwarze Kaftan, durch den sich wilde Formen wälzten, war glitschig von Bratensauce und Eigelb; darüber hing, bis zu den Knien, eine Märchenkette nußgroßer Perlen von kaum abzuschätzendem Wert. Die Füße staken in karierten Schlapfen.

Sie schob sich in merkwürdigen Kreissegmenten sehr schnell vorwärts, offenbar hatte man die ungeheuren Schenkel bandagiert, um ein Wundreiben zu verhindern. Von den Armen hingen ihr zwei Reticuls -- schwer wie Rucksäcke -- der eine mit Konfekt, der andere mit Tabak gefüllt. Die großen längsgerunzelten Ohren waren mit Antiphonen abgedichtet gegen jeden Lärm, vor den Augen trug sie eine Autobrille mit gelben Scheuklappen.

In ehrerbietigem Abstand folgte ein flohbraunes Lemurenmännchen, das diese äußerlich erzwungene Distanz durch eine keineswegs fundierte Familiarität den übrigen Anwesenden gegenüber ins betulich Zirkusmäßige zu zerwitzeln offenkundig bestrebt war. Ein zweites Männchen, ebenfalls von polnisch-semitischem Typ, begleitete seine Herrin nur bis zu ihrem Separée und erhielt seinen Platz unter den übrigen Hotelgästen angewiesen.

Doch auch an den Flohbraunen richtete die Fürstin während der Mahlzeit kaum das Wort -- füllte die Pausen der Gänge, indem sie aus dem Rucksack zur Rechten Bonbons verschlang, dem Rucksack zur Linken unaufhörlich Tabak entnahm und zu Zigaretten drehte, die kaum angerauchten aber spie sie sofort wieder weg.

Aß dann wie ein Oger. Mit tadellosen Bewegungen der langen, edel gebliebenen Hände. Das Embonpoint der Fürstin schien nicht an ihrem Kaftan enden zu wollen, war irgendwie ein respektloses -- ein anarchisches Fett, evaporierte vielleicht heimlich, um sich, ganz weit weg, plötzlich auf einer firnen angelsächsischen Hemdbrust mit einem Klatsch niederzuschlagen; ganz gut zuzutrauen war ihm so etwas. Lag dergleichen in der Luft? -- Bis zum vierten Tisch in der Runde, und trotz Glastüren, begann der _maître d'hôtel_ immer wieder nervös über Gabel und Messer zu fahren, als kröchen dort Ölflecke aus.

Nach dem _dinner_, unausgesetzt kauend und rauchend, ging sie ins Spielzimmer. Der kleine polnische Jude wartete bereits vor einem Schachbrett. Unterdessen war im großen Musiksaal ein Wohltätigkeitskonzert ausgebrochen -- die Neujahresrechnungen der Couturiers drohten. Irgend jemand plärrte bereits Patschuligebete von Gounod.

Eine Lady Patroneß näherte sich mit dem irrsinnigen Pferdegrinsen europäischer Gesittung dem Schachtisch: »Wollen Sie nicht zu unserem Konzert kommen, Fürstin?«

»Ja, es ist entsetzlich, wieviel Dreck einem unaufhörlich in die Ohren getutet wird.«

Und ohne auch nur aufzusehen, schob die Karachan mit hörbarem Knall ihr Antiphon wieder in das Runzelohr:

»Manasse, Sie sind am Zug.«

Es waren ihre einzigen Worte an diesem Abend.

Wie man einem bockenden Nilpferd achselzuckend ausweicht: »_It's the nature of the beast_,« so entfernte sich die Lady Patroneß.

An einem der nächsten Tage kam Manasse und forderte Horus zu einer Partie Schach auf, wie er durchblicken ließ, auf Geheiß der Fürstin. Im übrigen ignorierte sie ihn genau wie den Rest der Gesellschaft. Nur zu markanten Persönlichkeiten -- Menschen mit etwas wie Köpfen: dem vercherubten Aasgeier Elihu Lincoln Rosenbusch, auch Archie Payne, kam regelmäßig Manasse, um sie dem Schach zu gewinnen, denn er war ein faszinierender und außerordentlicher Lehrer.

Horus, der all seine Zeit auf Skiern verbrachte, hatte nach einigen Partien weiteres Spiel abgelehnt. Da ließ sie ihn sich vorstellen.

»Ich habe die Freßsucht,« und auf den kleinen Lemur deutend, »das ist mein Darmlakai -- oder heißt es Internist, kurz einer, der eine Lebensrente dem einmaligen >großen Schnitt< am Patienten vorzieht.«

Der also Eingeführte rutschte nervös hin und her -- warf überquer allerhand Angelhaken nach Einverständnis.

»So hat Manasse versagt, Sie einzufangen,« fuhr die Fürstin fort, »schade, Sie sehen begabt aus. Wissen Sie denn noch nicht, daß bei dieser heillosen Rasse eben alles zum Unheil ausschlagen muß -- auch die Intelligenz -- vielmehr gerade diese. Da sperrt man sie noch am sichersten ins Schach. Dort ist sie wenigstens unschädlich; eingekapselt wie eine Trichine.«

Und Horus sah zum erstenmal, daß dies Gesicht als schmaler Docht in seinem eigenen Talg stand, daß da vielleicht eine hohe Seele sich hinter einem Sack voll Eingeweide verschanze, hinter Autobrillen und Antiphonen, Tabak, Zynismus und Fraß.

Ihm schien, als wäre er hier zum erstenmal in Europa auf einen Menschen gestoßen, zum mindesten auf menschliche Überreste. Doch woher solcher Verfall -- solcher Ruin? Er fühlte: diese blutigen Fleischstücke, diese Fisch- und Fettgerichte ohne Zahl -- eigentlich fraß sie an ihnen immer nur wieder ihren Harm in sich hinein, wurde daran noch gelber, fetter und böser. Manchmal schien sie am Ziel: alles in pausenlosem Speisebrei breit animalisch zu ersticken. Litt dann augenscheinlich nicht mehr, verdaute ihr Leid, nur die beispiellose Brutalität des Ausdrucks -- die auserwählten Gemeinheiten der Worte bei dieser wahrhaft großen Dame -- lagen als erstarrte Schlacken einer einst feurig-flüssigen Qual immer noch im stumpfen Heute herum.

Mit offener Verachtung gegen die ganze Gesellschaft einzelte sie nur Horus heraus und Gargi, die sie Peribanu nannte, sprach aber auch mit diesen beiden manchmal tagelang kein Wort. Nie war Diana Elchos erwähnt worden, als wolle sie an nichts aus der Zeit ihrer jungen Höhe erinnert werden. Doch wußte sie, wessen Sohn er war. Er sah es deutlich am gierig gequälten Blick, der die Bewegungen entlangfuhr, in denen er seiner Mutter glich. Einmal, bei einer weiten, impulsiven Wendung aus den Schultern heraus, hatte die Fürstin, eine von Lorgnons starrende Umwelt völlig ignorierend, jäh seinen Kopf gepackt und ihm zärtlich, zornig in die Augen gesprochen:

»Nicht, Baby, nicht.«

Was sie, aus deren Herz das große Auge in den Raum wuchs, wohl empfunden hätte bei diesem Wiedersehen. Verse kamen ihm von einem, der ihr an Wort und Art wie ein früher kindlicher Bruder glich:

»Die meine Gespielen waren, die sind träge und alt.«

Oft, nach tagelangem Schweigen, wieder ein Strom von Hohn: »Ich stehe nämlich unter Kuratel: Freßsucht -- verminderte Zurechnungsfähigkeit. Das bedeutet: zwei rechtskräftig bestellte Konsortien von Dieben, eins in Petersburg, eins in Tiflis, mit den dazugehörigen Paragraphenfallotten, versuchen, jedes gleich heftig, mein Geld auf die Seite ... auf seine Seite zu bringen, so daß es gerade über mir schweben bleibt. Krepieren darf ich nicht, sonst fällt das Vermögen aus ihren vormundschaftlichen Klauen heraus, darum ist der Darmlakai offiziell bestellt, die Diät zu überwachen -- verkauft mir das Pfund Konfekt zu hundert Rubel und läßt sich mit der gleichen Summe bestechen für jeden Extragang.«

Doch auch der Flohbraune, er hieß Sobelsohn, suchte Vertrauen:

»Was soll ich Ihnen sagen! Unausbleibliche Folgeerscheinungen eines vor fünfzehn Jahren vorgenommenen operativen Eingriffs,« erläuterte er sachlich anerkennend. »Totalexstirpation. Nu, Sie begreifen -- keine Libido mehr, keine innere Sekretion -- der Gesamtausfall an Leben bei einer so temperamentvollen« -- er grinste -- »so hochgespannten Persönlichkeit, bei andern Frauen merkt mans oft kaum ... Unsere Wissenschaft jedoch,« ein gockelhafter Rausch ließ seine Stimme sich überkollern, »schreitet selbstredend so glänzend -- nu, so phänomenal glänzend vorwärts, daß heute kein Fachmann mehr daran denken würde, im Fall der Fürstin -- es handelte sich um eine relativ geringfügige Sache -- gerade diesen Eingriff auch nur vorzuschlagen! Von Stufe zu Stufe eilend, in rastlosem Forscherdrang, auf jeder gleich lichtvoll, gleich bewundernswert ...«

Er schrak ein wenig zusammen, unter dem Taumel der Fachbalz war die Fürstin unbemerkt herzugetreten.

»Pariser Hutmoden? Ach so, die chirurgischen. Unmöglich eine andere als die momentan moderne Operation zu bekommen, lieber Elcho. Wie bei der >Modiste< mit den Hüten. Wer den Schwachsinn des Augenblicks nicht mitmachen will, wird von der Clique der Interessenten mit dem Bannstrahl belegt.