Part 12
Er lief mit den Augen über Hall, Salons, Bar. Endlich in soviel Geiz, Grelle und Gier das erste glückliche Gesicht. Der frohe Mann ruhte, einem friedlichen Engerling gleich, hell und fett mit dem Ausdruck verklärter Dankbarkeit gegen Gott und die Welt in einem _easy-chair_. Sein einziges Kind war hier im See ertrunken, und so war es auch der einzige Ort, den seine Gattin mied. Hier war er sicher. Überall anders hin reiste sie nach, nahm mit stürmender Hand Freudenhäuser, in denen sie seine Anwesenheit vermutete, überschüttete ihn dann mit tätlichen Insulten, Ehebruchsklagen; scheiden ließ sie sich nicht. »Bis zum Tod« war die Devise ihrer zähnefletschenden Treue.
»Margot -- Margot.«
Widerwillig löste sich ein leuchtendes Mädchen aus der Gruppe _College boys_ auf Weihnachtsferien. Wie Enden des jäh abgerissenen Flirts wehte es hinter ihr her. Die Knaben wachten auf aus ihrer Freude, empfanden wieder die eigenen Bernhardinerpfoten überall um sich im Weg und wurden knurrig.
»Jeder ein Shiva mit siebzehn Ellenbogen,« dachte Horus erheitert, dem Plumpheit -- ungeschlachtes Wesen -- an Jugend etwas ganz Neues war.
»Margot -- Margot,« die wenig elegante Frauensperson in seiner Nähe winkte das leuchtende Mädchen immer energischer zu sich. Dieses erlosch. Man sah förmlich, wie das Glück in ihren Nerven stockte.
»Was ist denn wieder -- was störst du uns?«
»Sind das vielleicht Epouseure? Was treibst du dich mit solchen Buben herum? Sind das Aussichten?«
Sie hatte, gereizt wie sie war, so wenig leise gesprochen, daß Horus erst jetzt aus dem Bereich ihrer Worte herauskam. Dafür sah er Margot Chenal mit ihrer ganz verzerrten Miene die Antwort nicht schuldig bleiben.
In seinem Hotel zu Paris war ihm die auffallend rassige Südfranzösin öfter mit dieser Frau, einer Tante aus Rouen, wie er erfuhr, auf der Treppe begegnet oder im Lift, ohne daß die beiden jedoch Gäste des Hotels gewesen wären. Sie verschwanden immer entweder in den Zimmern der Mrs. Ralph Waldo Cushing, einer der Töchter Rosenbuschs, oder anderer, sehr reicher Amerikanerinnen.
An dem Mädchen, dessen Temperament ihm imponierte und angenehm auffiel, trotz etwas hilfloser Direktheit, war ihm zweierlei nicht entgangen: das pauvre, schlechtgeschnittene Tailormade und die außerordentlich eleganten Lackschuhe mit ihren kostbaren Schnallen. Immer das gleiche Kostüm, immer verschiedene neue Schuhe. Nur mühsam schien dem Kind das Gehen, und eine Falte des Unbehagens rann ihr dabei zum Kinn, und doch stieg sie oft und oft die Treppen auf und ab, oder lief rund um die Place Vendôme. Einmal erkannte er ein Paar besonders falsch gebauter Sämisch-Leder-Pumps, die große Zehe lag in der Mitte des Schuhes, an Mrs. Cushings Füßen wieder. Sie machte gar kein Hehl daraus. Es sei in Newyork Sitte, sich diese immer etwas schmerzhafte Schuhpremiere zu ersparen, die Chaussüre von jungen Personen, die man dafür bezahlte, erst ein paarmal weichtragen zu lassen, es schonte doch sehr.
Hier war Margot Chenal ebenso kostspielig, reizlos und irrsinnig gekleidet wie die übrigen, nur trug sie am Abend ausnahmslos das gleiche, offenbar durch Alter reichlich geweitete Paar weicher Seidenschuhe.
* * * * *
Bei Porphyrio Pães und Sir Osmond saß nun auch Dr. Hafis. Horus mochte alle drei nicht ungern um ihres trockenen Witzes willen, und weil sie -- in Pausen -- von Geld sprachen. In der Hoffnung auf solch eine Pause gesellte er sich ihnen zu.
Von Porphyrios Hals schlich eine brüchige Vene den kahlen Schädel hinauf, bog rechtwinklig am Ohr ab und mündete auf dem Scheitel in eine überhängende beerenschwere Warze. Beim Kauen oder Sprechen geriet die Vene jedesmal in Bewegung wie eine Klingelschnur, und oben bei der Warze entstand ein Moment atemloser Spannung: wird sie läuten?
Er sprach: »Peru hat Peruaner. Japan hat Japaner. Warum hat die Schweiz keine Schweizer?«
»Es muß doch welche geben,« meinte Sir Osmond, »existiert da nicht ein Präsident?«
»Wie heißt er?« Niemand wußte es. Der erste Nachtportier, der Barkeeper, fünf Lungerknaben, der Manager, alles wurde gerufen. Keiner wußte, wie der Präsident der Schweiz hieß.
»Sehen Sie wohl,« triumphierte Porphyrio, »es gibt so wenig einen Präsidenten als ein Schweizervolk; dies haltlose Gerücht wird aus Reklame oder Gott weiß weshalb von der >_International Alpenglühen limited_< ausgestreut.«
Dr. Hafis meinte:
»In grauer Vorzeit muß es aber doch welche gegeben haben. Es werden eben jene zwei fremden Leute aus Bronze sein, die in jeder Stadt des Landes stehen. Entweder: ein Lackel im Nachthemd mit Eispickel in Kreuzform und drunter liest man: Zwingli; oder: ein Greis mit Basedow belästigt ein Kind: Pestalozzi. Welchen Zweck könnte es für die >_International Alpenglühen limited_< haben, einen Lackel im Nachthemd und einen Greis mit Basedow über das Land zu streuen? Sie erhöhen seinen Liebreiz nicht und verzinsen sich nur ungenügend.«
Aber mit greisenhafter Starrköpfigkeit ritt Porphyrio seinen ersten Einfall tot:
»Überhaupt ein europäischer Präsident,« knurrte er, »das hat ja bloß drei Funktionen. Erstens: alle verbündeten Kaiser-, Königs- und Fürstenkinder zu Weihnachten mit Puppen zu versorgen. Zweitens: in allen zeitgenössischen Monstreskandalprozessen restlos verwickelt und auf das Schwerste kompromittiert zu sein. Endlich mindestens einmal in der Woche für das Kino bei strömendem Regen, mit triefendem Schirm und Zylinder, hinter einem berühmten Leichenwagen herzustapfen. Das ist ein Präsident -- in Europa,« fügte er mit der Miene eines Tigers, der ein Kipfel ausspuckt, hinzu.
Archie Payne schlurfte, Fäuste in den Hosentaschen, herbei. Glatt hinausgestrichen war das albinobleiche Haar aus dem eiskalten Hexengesicht des Neunzehnjährigen. Er wäre der erfolgreichste Snob Newyorks, also der Welt, geworden, hätte ihn seine explosive Frechheit nicht zuweilen wieder betrüblich zurückgeworfen -- den restlos Bedientenhaften, den Geist ihrer Umgebung stets mit der Gewissenhaftigkeit von Chamäleons Widerspiegelnden, zum Gewinn.
Mit geheimnisvollem Sphinxlächeln raunte er den andern zu:
»Es gibt sogar noch heute lebende Schweizer, aber verraten Sie die armen Dinger nicht.«
Er schien mit Bardenhänden in eine imaginäre Leier zu greifen und machte Märchenaugen:
»Hark! In seltenen hellen Nächten -- um die Mitternachtsstunde -- da kommt es bisweilen im Mondlicht hervorgehüpft und heißt etwas, das klingt wie >Rüdisütli<. Doch schon stürzt sich die lauernde Horde der Weltkommis mit Blitzlicht, Büchse und Selbstknipser, >hurra< aus dem Hinterhalt brüllend, drauflos, und mit einem Pfeifen der Angst verschwindet es, gleich dem Murmeltier, wieder hurtig im Gestein.«
»Nun versuchen Sie's doch einmal mit einem Schmetterlingsnetz oder einer Zauberformel, Archie,« meinte Sir Osmond. »Ich zahle jeden Preis und den doppelten für das lebende Exemplar.«
Der Marchese Strondoli wartete. Er wartete seit sieben. Jetzt war es halb elf. Seit vier Uhr machten die beiden Friseure Schichtarbeit, desgleichen die erste und die zweite Kammerfrau. Die strategische Leitung lag in den behaarten Händen des zahmen Russen vom Moskauer Ballett; Entwerfers der Kostüme und Garderobiers.
Im kleinen Drawingroom nebenan wartete auch die Gastgeberin: _her grace of D._ mit den übrigen Gästen. Strondoli aber hatte jene Dame, auf die alle warteten, in der Hall zu empfangen, als der erkorene Begleiter. -- Vermutete man mehr, so lehnte er geschmeichelt und kraftlos ab. So einfach aber lagen die Dinge durchaus nicht.
Vor einer halben Stunde war gemeldet worden, sie stehe schon auf dem Korridor. Auch daraufhin blieb er innerlich noch immer mit untergeschlagenen Beinen sitzen -- wußte: _force majeure_, was einer Dame im letzten Moment noch alles an Kosmetik einzufallen vermag.
Da bemerkte er im Spiegel das Fräulein Erika Unbehagen, Erzieherin im Hause Beermann, eine Faust im Mund, sich käseweiß in die Wand des Foyers einkrallen: nun war es Zeit.
Der gläsernen Keimzelle des Lift entstieg die Principessa Dango: »_la princesse macabre_«. Der zahme Russe streute noch knieend den riesigen Dogaressamantel aus Kolibrifedern hinter ihr aus; von viertausend Vogelbälgen waren nur die rostgoldenen und rosigen Federchen eingestickt in ihn. Einen schrägen Fächer aus denselben leuchtenden Leichen hielt ihr starrer Arm hinter dem Haupt hoch, aus dem waberndes Henna hervorbrach, zu einem Adlerhorst auseinander toupiert.
Sie schien ein Wesen aus zitterndem Silberdraht.
Blutige Binden von Rubinen lagen ihr um den bläulich harten Totenkopf, und in Rubinen blutete es immer weiter über karfiolfarbene Windelgewänder herab und bleiche Arme -- Herztropfen all der Kolibris -- bis nieder zu den Händen, an denen lilablasse gewölbte Nägel gleich Magnolienblüten groß an kahlen Fingerzweigen ragten.
Sie wand sich vorwärts, als wäre sie erblindet von dem kobaltblauen Pulver in den mächtigen Augenhöhlen. Prachtvoll schnitt in den fahlen Kopf das Schwert ihres langen Mundes -- querhin durch Taubenblut gezogen: der Hyänenprinzessin Mund, wie er ein viergeteiltes Reiskorn bei Tag -- bei Nacht Leichen aus Juwelengewändern frißt.
Der Marchese war gezwungen, ihr den falschen Arm zu reichen, denn hochaufgerichtet hielt sie noch immer mit der Linken den schrägen Kolibrifächer über das wabernde Henna. Die Vision von Büßern stieg auf -- den lebenslang Bewegungslosen an den Ufern des Ganges, und von verdorrten Gliedern, in denen die Vögel nisten.
Sie wand sich in den Fesseln ihrer Exklusivität dahin zwischen Inseln von gezischtem Schweigen; ein Kielwasser von Entsetzen, Bewunderung und Mißgunst hinter sich lassend. Lorgnons beschlugen sich mit Rauhreif vom todkalten Haß der Blicke, aber hier hieß es, sich ducken. Sie war eine zu hohe und weltbekannte Mondäne. Europas Spießer, noch feucht vom Brodem des Beisels, wären wohl nicht zu bändigen gewesen -- hätten eine solche Erscheinung unter veitstanzähnlichen Symptomen niederzujohlen versucht. Diese hier waren immerhin wenigstens schon Snobs.
»Hohe Rasse,« dachte Horus, »edel im Aufriß -- schade, daß der letzte adelige Flügelschlag hinauf in schöpferische Vereinfachung offenbar versagt hat. So bleibt es raffinierte Barbarei. Immerhin, ich will sie kennen lernen.«
Sie interessierte ihn zu wenig, als daß seine Willkür hier ehrfürchtig beiseite getreten wäre, die geheimnisvolle Bahn ja nicht zu kreuzen, in der, nach tieferem Gesetz, jene sich begegnen sollen, die bestimmt sind, einander bis zu einem bedeutsamen Grade Schicksal zu werden.
Ein _button-boy_ grinste eine Botschaft. Spuckte dabei die ihm unverständlichen Fremdworte unter Ekelerscheinungen aus, nachdem er ihnen den Sinn abgebissen -- alles zwischen Tür und Angel von Dummheit und Frechheit -- bereit, bei strafferem Zugriff sofort in unzugängliche Verblödung, gestützt auf einen natürlichen Kropf, zu versinken.
Endlich verstand Horus. Es handelte sich um eine spiritistische Séance bei Lady Cadogan mit ganz erstaunlichen Resultaten unter strengster wissenschaftlicher Kontrolle. Man bat ihn, hinaufzukommen, zur Verstärkung des Kreises.
Oben, in einem zu Tode langweiligen Zimmer, war es hell und leer. Aus dem geschlossenen Nebenraum -- er schien schwer von Menschen -- erschollen gedämpfte Fragen -- tropfende Buchstaben antworteten endlos. Manchmal schienen die Fragen mit den Buchstaben unzufrieden, dann begann es wieder von vorn. Schließlich schlich sich eine Stimme auf den Zehen bis zur Tür und meldete breitgequetscht vor Rührung:
»Neieschte Nachricht aus der Hell: _Der_ Nero fangt ebe aan zu bereie.«
Friedolin Eisele, Präsident der Theosophischen Gesellschaft zu Bopfingen, stand im Salon und zog Horus durch einen Spalt ins verdunkelte Sitzungszimmer, aber auch dort flammte es jetzt auf; die Herren verlangten eine Pause. Man rief nach Whisky-Soda.
Um den ovalen hölzernen Tisch des kleinen Raumes, Lady Cadogans Ankleidezimmer, von dessen Fußboden der Teppich zurückgerollt worden war, saßen Knie an Knie etwa acht bis zehn Personen. Eben fiel die geschlossene Kette ihrer Hände, die bisher wie Polypen die Platte umspannt gehalten, auseinander.
»Wir haben heute Tiefergreifendes erlebt,« begrüßte ihn die Hausfrau, »es war direkt eine Eingebung von mir, _after dinner_ den heiligen Abend noch der Geisterwelt zu widmen. Das mit Nero haben Sie ja schon von unsrem lieben Adepten Eisele erfahren, aber auch ganze Schwärme andrer Seelen verdrängen einander heute förmlich aus dem Tisch. Einer sprach so komisch, wir dachten schon, es sei vielleicht Buddha. Darum ließ ich Sie heraufbitten, uns sein Sanskrit oder Pali zu übersetzen -- denn,« fügte sie zögernd hinzu, »vielleicht fällt ihm das Englische schwer.«
»Unsinn, Eveline,« verwies sie Muriel Hitchcock, sich die Nase pudernd.
»Wenn es doch Nero konnte und ohne einen einzigen orthographischen Fehler zu klopfen, _the darling_, so rührend zerknirscht er auch war. Habe ich nicht recht, Monseigneur?« wandte sie sich an den zwergischen Franzosen ihr gegenüber.
Monseigneur aber hatte nicht zugehört; er versuchte so angestrengt, mit Gloria Rawlinson, die gleich einer wunderschönen, nie angezündeten Lampe, weiß und golden dastand, ein Gespräch in Fluß zu bringen, daß ihm der Schweiß ausbrach. Er war vom Typ jener kleinen, instinktschwachen Rattler; überall, wo es mondän zugeht, wandern auch sie von Schoß zu Schoß, ohne daß man wüßte, wem eigentlich zur Lust sie gezüchtet werden. Sein Adjutant: Aquetil du Perron, von Schädel halb Birne, halb Schaf, massierte still seine weißverkrampften Finger und ließ sich von Winifred Cadogan mit _petit Fours_ füttern. Madame Bavarowska, voll und wild, siebenarmige Leuchter in den Ohren unter der Carmenfrisur, erzählte unterdessen von einem sensitiven Kind, das sie einmal in der _society of psychical research_ in London zur Beobachtung gehabt.
Sonst ein liebes Kind, aber -- wie Kinder schon einmal sind -- nachlässig eben, immer ließ es beim Spazierengehen seinen Astralkörper hinten hinaushängen. Ununterbrochen hieß es da aufpassen und hinterdrein sein, um ihn, wenn nötig, zurückstopfen zu können. In Oxfordstreet sei es einmal deshalb fast zu einem Skandal gekommen, denn das Publikum -- in Astralkörpern wenig erfahren -- vermutete etwas Unsittliches und bohrte die Regenschirme hinein.
Man beklagte den noch vielfach herrschenden Skeptizismus der Zeit, wo es doch jedem Gebildeten offen stünde, durch Auflegen der Hände auf den Tisch sich von dem persönlichen Fortleben nach dem Tode einwandfrei zu überzeugen.
Friedolin Eisele widersprach, lobte gerade die wachsende Beseelung der Zeit, und wie sie dem Wunder immer zugänglicher werde. Erschlug schließlich jeden Widerspruch mit dem jubelnden Argument:
»Mer havve schogar scho myschtische Bankdirektore.«
Er glich dem freundlichen Seepapagei: ein kugelrunder Anfang, und dann war es gleich ganz aus mit ihm -- gar der Rede nicht mehr wert. Ein mystisches Furunkel aus gestanztem Blech wuchs in seiner Krawatte, und auf dem Zeigefinger der Rechten trug er den Siegelring der Blavatzky als einer der sechsundsiebzig, die sich rühmen, den echten von der großen Adeptin eigenhändig auf dem Totenbett erhalten zu haben. Auf der Reise zu einem Kongreß nach Bern war er -- Lady Cadogans Gast -- auf ein paar Tage in dieses ihm fremde mondäne Milieu verschlagen worden.
Verklärt hingen der Gastgeberin waschblaue Seheraugen an ihm. Da er geendet, wandte sie sich Horus zu:
»Und ist auch Ihnen, Mr. Elcho, der Sie zum erstenmal in Europa sind, diese mystische Atmosphäre, diese wachsende Macht der Magie an unsrem Kontinent aufgefallen?!«
»Bisher, offen gestanden, nur an Kellnern,« lächelte dieser, »die mir als einzige in Europa über außernatürliche Kräfte zu verfügen scheinen, vermögen sie doch, wie durch Fernwirkung, Messer, Löffel und Teller von scheinbar ganz entfernten Tischen auf den Boden schmettern zu lassen.«
Man lachte oder entrüstete sich, beschloß aber, nun endlich die unterbrochene Séance wieder aufzunehmen und räumte den Schnaps weg. Die Lichter wurden gelöscht, alles rückte zusammen und umschloß aufs neue mit gespreizten Händen von oben die Tischplatte, wobei die kleinen Finger sich berühren mußten, um, wie Horus staunend erfuhr, jedem die wissenschaftliche Kontrolle über den andern zu sichern, und somit einwandfrei die Echtheit der Phänomene.
Und das alles im Zeitalter des »Nicholsonschen Versuchs« -- des »Raumgitters« -- der »Berechnung des Strahlendrucks«! dachte der Befremdete.
»In demselben Europa, dem meine ganze Sehnsucht und Begeisterung galt, um seiner wissenschaftlichen Gewissenskraft willen; das unaufhörlich in Tausenden von Publikationen, die seine Adelsbriefe sind, über die Erde hin kündet von Genialität und göttlicher Verbissenheit ohnegleichen, kündet von Hilfskonstruktionen, Präzisionsapparaten, Sicherungen und Gegensicherungen, damit ein einziger Nebenversuch um ein weniges verfeinert werde und sich einordne jenem lauteren, herben, lückenlosen Geisterbau, der selbst nichts soll als einen neuen Annäherungswert an das Geschehen ermöglichen -- und gerade durch diese Beschränkung an Gewalt und Tiefe des Einblicks alle Intuition andrer Kulturen weit hinter sich gelassen hat?«
Wie war solcher Abstand im Kritisch-Geistigen unter Menschen der gleichen Rasse, der gleichen Zeit überhaupt erklärbar?
Durch das Fenster kam blaues Schneelicht und zeichnete jedes Einzelnen Kontur mit einem Meßband aus vergastem Metall. Einige Minuten herrschte erwartungsvolles Schweigen. Nun wollte jemand eine wandernde Flamme unter dem Tisch bemerkt haben. Sie erwies sich jedoch als silbernes Zigarettenetui, das du Perron mit den Füßen Monseigneur auf den Schoß hinüber zu praktizieren versuchte. Diese triviale Auslegung des Phänomens fand wenig Anklang. Man solle sich nie durch solch scheinbar einfache Erklärungen beirren lassen.
Ursprünglich sei es doch eine Flamme gewesen. Der magische Kreis ermangle eben noch der nötigen Kraft zu dauernden Materialisationen. Das hätte das Flammengespenst gerade noch rechtzeitig gemerkt, um seinen Rückzug auf scheinbar natürliche Weise durch das Zigarettenetui zu decken, dessen Überreichung in diesem Moment durch magische Einwirkung auf du Perrons Unterbewußtsein erfolgt sei. Nichts schien einfacher.
»_They are sooo smart_« -- sie sind ja so gerieben, bestätigte Lady Eveline.
Also den Kreis verstärken: Monseigneur und Quadrupedescu, Glorias Nachbarn, vertraten die Ansicht, intensiverer physischer Kontakt zwischen den Teilnehmern würde die Phänomene wesentlich fördern. Doch man heischte Ruhe, wartete wieder. -- Nun knackte die Platte deutlich. Alles glimmerte vor Erregung, nur Muriel Hitchcock blieb ruhig, das graue Papiergesicht voll Herablassung seitwärts einem Unsichtbaren zugelehnt.
»Es ist Alastair. Ich spüre ihn schon die ganze Zeit hinter meinem Sessel. Nie versäumt er eine Gelegenheit, mir nahe zu sein.«
Sie war aus Philadelphia, trotz wurmiger Haut hübsch, hypersmart, und gab sich, da sie ein wenig hinkte, gern für eine etwas beschleunigte Reinkarnation der Lavallière aus. Das mit Alastair aber ging, wie man nun erfuhr, schon viel länger; seit sie eine wunderschöne griechische Hetäre zu Alexandrien gewesen und er, als Säulenheiliger, aus Leidenschaft zu ihr sein Gelübde gebrochen hatte und für sie gestorben war. Durch diesen gewaltsam frühen Tod waren sie seitdem immer um eine Drittel-Inkarnation auseinander -- _very trying indeed_ -- und konnten sich nur mehr oder weniger durch Tischplatten hindurch angehören. Jetzt wollte keine der Damen in Astralflirts zurückstehen. Eine Art makabren Erotelns hub an, und es ergab sich, daß alle schon einmal wunderschöne griechische Hetären gewesen. Madame Bavarowska aber schoß den Vogel ab mit einer extra Fleißinkarnation als Pharaonentochter. Es bedarf wohl der Erwähnung nicht, daß sie auch in dieser Gestalt von einem Liebreiz war, der vielen zum Verhängnis werden sollte. Nun begannen die Damen zu erörtern, was sie jedesmal angehabt, und die Sitzung drohte in einer Modediskussion zu verenden; die Weiber zerschnatterten alles, als der Tisch deutliche Zeichen von Ungeduld gab, Friedolin Eisele um Ruhe bat und die Leitung der Séance wieder übernahm.
Es wurde mit dem Tisch vereinbart, ein Klopflaut bedeute -- »ja«, zwei -- »nein«, damit man in zweifelhaften Fällen wisse, ob richtig buchstabiert worden sei. Nun begann Eisele langsam immer wieder das Alphabet herunterzusagen, wie Horus es schon vom Salon aus vernommen. Der Buchstabe, bei dem es klopfte, galt, und so setzten sich mit der Zeit Worte zusammen. Der Tisch war gerade bis _Mia_ gelangt und wollte fließend weiterreden, da warf sich Madame Bavarowska mit einem Aufschrei über ihn.
»Mia -- _c'est pour moi_ -- für mich, so heiße ich!«
»Sie heißen doch Natalie,« widersprach es aus grollender Runde.
»Aber Mia ist mein Kindername. Maman, bist du's? ... Sag, soll ich Rio Tinto kaufen?«
Der Geist der Mutter bejahte.
»Zu welchem Kurs?« Der Geist der Mutter nannte einen exorbitant hohen. Dann verschwand er. Der Tisch fing etwas Neues an. Bis dais kam er. Da sprang wieder Madame Bavarowska vor und verteidigte ihn, wie eine greise Leopardin ihr letztes Junges.
»Daisy -- _c'est pour moi!_ der Kosename meines ersten Gatten für mich. Bogumil, was hast du deiner Daisy zu sagen?«
Bogumil sagte einiges. Später, als es »pip« klopfte -- die Dame zum drittenmal aufzuspringen und auch so zu heißen Miene machte, wurde es Winifred Cadogan zu bunt. Sie gab dem Tisch mit dem Knie einen Stoß, daß er gegen die Namenreiche flog, und nur das außerordentlich starke _straight-front_ Mieder verhinderte ernstlicheren Schaden.
Madame Bavarowska war ganz entzückt:
»_Ça pèse -- ça pèse_ ... welche Kraft der Materialisationen, welch eine Sitzung.«
Winifred platzte aus.
»Und da könnt ihr scherzen, _mais mes enfants_, nie wieder werdet ihr so eine Séance erleben« ...
Der Tisch puffte weiter in sie hinein, bis endlich du Perron und Quadrupedescu Winifreds Knie gebändigt hatten.
Der Beobachtungsgabe der übrigen schienen diese Vorgänge andauernd zu entgehen.
Schließlich war man ja auch nur der Klopfphänomene: der harten kleinen Schläge im Inneren der Platte, wegen da, die niemand mit Knieen und Beinen hervorbringen konnte. Auf der Oberfläche des boxenden Tisches aber spannten sich, weithin sichtbar, von kleinem Finger zu kleinem Finger, immer noch die Hände aller Teilnehmer im blauen Schneelicht.
Mit der Zeit meldeten sich auch Goethe und Napoleon zu Wort. Ersterer unterhielt sich auf das Angeregteste mit Lady Eveline über die Verwerflichkeit des Dumpingsystems neudeutschen Handelsbrauchs, und so wickelte sich der Verkehr zwischen Lebenden und Toten klaglos ab, bis urplötzlich Verwirrung entstand -- geradezu heilloser Unfug. Viertelstundenlang wurden immer tollere, sinnlosere Worte geklopft, Fragen in einem bejaht und verneint, bis Eisele die Geduld verlor:
»Saumäßig schwätzet se daher,« fuhr er Napoleon an, den er heimlich im Verdacht hatte. Es half. Die Antworten ebbten wieder ins Verständige zurück. Was hatte sich ereignet? Horus war es bei dieser seiner ersten Séance schon nach drei Minuten klar geworden, die Klopflaute müßten sich durch Spannungen im Holze der Platte willkürlich erzeugen lassen: gleichmäßiger, dauernder, geschickt verteilter Druck ruhender Fingerspitzen den Flader entlang und dann wieder plötzliches Nachlassen dieses Druckes, würden wohl genügen, um bei dem gewünschten Buchstaben ein leises, kurzes Krachen zu erzwingen.
Nach einer Weile riskierte er diskret den Versuch. Der gelang sofort. Nun war es ihm eine Erheiterung, dem Phänomen konstant die Pose zu verpatzen; in jedes Wort irreparable Buchstaben hineinzuklopfen. Nach Eiseles Zuruf hörte er auf. -- Die Methode war ergründet, jetzt hieß es nur noch den eigentlichen Klopfer herausfinden, und ob sein Ziel schlichthin idiotisches Gesellschaftsspiel in _after dinner_ Mystik bedeutete oder Zweckhafteres vielleicht.