Die Kegelschnitte Gottes

Part 11

Chapter 113,419 wordsPublic domain

Was ging es ihn an, wenn sie, statt die Anmut aller Tiere, aller Ranken und Wellen in sich zu bilden, auf daß der Mann an ihnen die ganze Schöpfung auf einmal streicheln könne, vermeinten, den Liebreiz eines Tieres zu ergattern, indem sie ihm das Fell über die Ohren zogen? Ja, es ging ihn an:

»Pallas und Nausikaa« im Warenhause.

Die nächsten drei Wochen waren Gargis europäischer Ausstattung bei den großen Coutüriers gewidmet, und er lernte mancherlei: daß die eine Hälfte der Frauen immer die andere Hälfte verachtet, weil sie entweder zu viel oder zu wenig tote Vögel auf dem Kopf hat. Daß eigener Wahn und fremde Aktiengesellschaften mit ihrem ungeheuren Apparat die Europäerin zwangen, jedes halbe Jahr Milliarden auszugeben, damit ja kein Stil an ihr sich bilden könne, denn Stil braucht, wie alles Organische, zum Entstehen -- Zeit. Mode: Todfeindin des Organischen, aber hatte zu wechseln als das, was sie sein sollte: anregender Fausthieb auf die Netzhaut für den optisch Impotenten, dem man alle drei Monate ganz verdreht den Frauenkörper um die Sinne klatschen muß, auf daß er merke: das sind Frauen. Fausthiebe aber bedürfen steter Erneuerung, um gespürt zu werden.

Und er erkannte: außerhalb Europas, wo eigener Kontur gestattet, vermag auch die Ärmste als Dame zu wirken, in Europa die Reichste -- kaum, denn man kann wohl modelos -- uneingekleidet --, doch niemals schlechtgekleidet eine Dame sein, die Eleganz Europas aber blieb stets ein ungeheuer kostspieliges »trotzdem«: trotz Reihersteiß auf der Stirn, -- immer irgendwo zu lang, irgendwo zu kurz, nicht allzu grotesk zu wirken.

Für fünf, sechs erlesene Frauen hieß »elegant« sein, sich jeden schiefen und toten Wahn gestatten können, wie ein Hindernis ihn nehmen, immer noch scheußlicher, immer noch höher! Alles überwinden durch unzerstörbare Rassigkeit der Anlage. Wenigen Frauen -- Zufallstreffern aus Blutmischungen -- gelang es halbwegs. Sie balanzierten dann auf einem schmalen Streifen Seligkeit ihre labile Auserwählung zwischen Abstürzen ins Lächerliche dahin. Die aber in Europa solcherart elegant sein wollten, konnten außerdem nichts anderes sein.

Lachend meinte er einmal zu Gargi: »Die Hälfte an Energie würde genügen, einen neuen Indra zu machen, wie es der König Vismavitra konnte, hier wird ein neuer Hut draus.«

Nein, er wunderte sich nicht mehr, daß Winifred Cadogan nie Muße und Kraft gefunden, zu erkennen, »Eau de Cologne« sei französisch und wirklich das, was sie ja immer schon »Eau de Cologne« genannt.

Er verdachte es ihr nicht. War zu sehr Mann dazu, orientalisch empfindender Mann, wußte: jeder Defekt an der Frau ist nur Gradmesser des erotischen Tiefstandes ihrer männlichen Umwelt.

Als Gargis Trousseau vollendet war, zogen sie sich fast ganz auf ihre Zimmer zurück.

Es war ja alles voll gemeiner und irgendwie unreiner Personen und voller Genüsse für Sträflinge auf Urlaub -- für zu früh Freigelassene oder zu lange Eingesperrte. Das Ganze ein bengalisch beleuchtetes hündisches Hinliebeln an jeden weiblichen Prellstein mit Tam-Tam-Begleitung; von allem zu viel, nur von einem zu wenig: Takt.

»Sie scheinen extrem anspruchsvoll,« sagte Sir Osmond verwundert, »Paris ist ja allerdings nicht mehr, was es war ... diese vielen Südamerikaner. -- Kommen Sie doch lieber nach St. M., da finden Sie jetzt die besten Leute von hier und drüben.«

* * * * *

Der 1912te Jahrestag der Geburt Christi: des europäischen Heilands.

Somit waren heute wieder die Trabrennen auf dem tiefgefrorenen See des sehr mondänen Winterkurorts 1800 Meter über dem Meere eröffnet worden.

Horus hatte sich, seiner heimischen Gewohnheit treu, auf seinem Appartement allein servieren lassen: Brot, Reis, Honig, Früchte und Milch. Gargi, erregt, fast entzückt von dem milden Eis dieser neuen Luft und hingegeben der ganzen, ihr so fremden Weiße der Welt, blieb in einen Chinchillamantel gewickelt auf dem offenen Balkon allein. Ihr Gefährte ging, sie nicht zu stören. Er wußte: nun würde sie zum erstenmal in Europa die tiefen und heiligen Spiele ihres wundervollen Atems in der Firnenstille erproben, sich mit der Kraft aller Sehnsucht bis ins Innerste zu reinigen versuchen von der Minderung an Kaste, an der sie, seit der Ankunft in Marseille, stumm litt.

Die Welt war wie ein Negativ. Alle Helle stieg aus dem Boden. Die Erde erleuchtete sich selbst und das Firmament.

Er wanderte an dem schneegebeugten Campanile vorbei und immer auf flaumigen Kristallen hinauf einen gläsernen Berg. Ihm fielen die schönen Namen der neuentdeckten Metalle und seltenen Edelgase ein: Ytterbium, Palladium, Thorium, Argon, Neon, Tantal, Praseodym. Praseodym; stumm hörte er es sich noch einmal an, zwischen Mund und Ohr: das Körnig-Kühne.

Manchmal löste sich eine weiße Last schwer aus den gebeugten Lärchen, stäubte lautlos nieder in das ganz große Weiß, und der befreite Zweig schwankte leise die Sternenbilder auf und ab.

Endlich kehrte er ins Astoria zurück. Das Gedränge in den Gesellschaftsräumen ließ das Vestibül von Gästen leer, nur eine kostspielig aussehende Dame schritt ruhig und ahnungslos zum Lift. Hinter ihr drein, mit einverständlichem Gaunergegrinse gegen die Portiersloge, macht der Zimmerkellner blitzhaft eine Geste von geradezu infernalischer Gemeinheit, die jene Dame geschändet zurückläßt. Ein Tritt mit den Augen gibt ihr den Rest. Seine gründreckige Fratze voll Gier, Hohn, Schadenfreude bemerkt jetzt eine fremde Gegenwart, und alles ebbt ins ölig-tückische zurück. War es überhaupt gewesen?

Er ging lautlos auf seinen Schneeschuhen weiter in die Garderobe. Einer der Lungerknaben vertauscht mit affenartigem Geschick Börsenaufträge und Rendezvous-Billets aus verschiedenen Überziehertaschen miteinander, zwei gemauste Habannazigarren zwischen den vorderen Zahnlücken. Der Gast. In einem Augenaufschlag die gleiche Wandlung wie vorhin: ein devotes gedunsenes Kind aus Messingknöpfen hilft dem Herrn Pelz und Überschuhe ablegen. Er ordnet die Frackkrawatte -- hinter seinem Rücken erscheint im Spiegel phantomhaft wieder der andere Aspekt: angefressene Finger prüfen, zynisch bis in jede Phalanx hinein, die Qualität seines Mantelfutters.

Die gleichen Finger flechten ihn mit sadistischer Beschleunigung in die Drehtür, als wärs aufs Rad, und er steht in der Hall. Aus ihr schlägt die Grellhölle. 1500 Glühbirnen _à_ 75 Kerzen, alle just in Augenhöhe. Überdies läuft noch jeder der imitierten Marmorsäulen um die falsche Entasis ein metallener Serviettenring aus geschnörkelten Lichtspritzen. Alle schießen sie mitten ins Gesicht.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint das zu sehen_, wiewohl die meisten blutige Fasern in Augäpfeln haben, die tränen.

Drei Orchester durchfetzen gleichzeitig die Luft. Hier in der Hall bei dem großen Rotbefrackten zerrt eben das Fagott in der einen -- die Geigen in der andern Ecke -- mit viel Tremolo oben und unten heftig an je einem Bein des Themas, so daß es in der Mitte, gerade über dem Kopf des Dirigenten mit einem Knall in den eigentlichen Puccini zerplatzt. Da ertrinkt für einen Moment sogar das Arrageschrei der Amerikanerinnen. Rechts hinein johlt ein pfiffig schleifender Foxtrott aus dem Tanzsaal nebenan; was von links die Zigeunerkapelle aus dem Restaurant winselt, ahnt keiner. Sie hat -- gleich den Stymphaliden -- schlichthin ins Essen hineinzu ... musizieren.

Dem Entsetzten beginnt das Herz zu hinken in diesem hahnentrittigen Trippelrhythmus, während lange Kakophoniefäden quer durchs Gehirn fatal von Ohr zu Ohr ziehen.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu hören._

Aus den Fräcken italienischer Kellner, aus ihren Manschetten, wenn sie Whisky-Soda servieren oder theatralische Viktualien, steigt der faulige Geruch muffelnder Schlafkammern, in denen ihre ungepflegten Körper die Servierdreß über verwesende Wolleibchen ziehen.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu riechen._

Horus hatte innerhalb der Aura eines Mittelmeerkulis den Atem angehalten und versuchte nun wieder an anderer Stelle Luft zu schöpfen, sie war jedoch in diesem gegen die äußere Reinheit mit allen Machtmitteln der Mechanik abgedichteten Raum schon völlig verbraucht. Rotierende Windmotore fegten nur immer die Lungenexkremente der einen den andern in den Schlund.

_Keiner der oberen Vierhundert scheint es zu fühlen._

Es war nach dem gemeinsamen _X-mas-dinner_ zur Feier der »geistigen Wiedergeburt des Menschen«, wie europäische Schriften behaupten:

_Royal natives Consommé des rois étoilés Mignonettes de chez elles à la Nazareth Entrecôtes à la Sainte Vierge Délices de fois gras Getsémaneh Chapons à la Broche St. Jean Parfait des Mages -- _Frivolités_. -- -- -- -- --_

Besonders Johannes der Evangelist war als Kapaun überaus fett gewesen.

In kleineren Sälen, für Privatgesellschaften reserviert, ging die Theophagie noch weiter. Jemand, mit einem Banalitätstumor im Gehirn, sprach irgendwo rastlos Toaste. Im Spielzimmer saßen gewesene Menschen seit vorigem Mittwoch beim Bridge. Die große Hall aber füllten die eigentlichen Ortswechsler von Beruf -- »die Auslagenarrangeure ihrer selbst« -- krampfhaft bemüht, immer im Lichtkegel des Scheinwerfers zu bleiben, von Florida bis Kairo. Eine irrende Horde, ewig im Umkleiden begriffen; mit hundert Kilometer Stundengeschwindigkeit eilend von einem Ort, wo sie nichts verloren -- zu dem andern, wo sie nichts zu suchen hat.

Horus wäre gerne ganz in das wabernde Schmalz des Puccini geflüchtet, als Schutz gegen die Qual der Triplekakophonie. Es stand aber eine Phalanx dazwischen. Nicht zur eigentlichen Gesellschaft gehörig, heraufgespien von den Trabrennen: aus allen Angeln gedrehte Lebekommis, muskulöse Herren auf »esku« aus der Pariser Affenoase mitten in der wilden Walachei, denen sehr schwarze Haare aus sehr weißen Manschetten stachen, ethisch völlig ausgeweidete Semiten aller Gegenden und Zonen, erfolgreiche balkanische Bandenführer im Smoking -- das Nationalkostüm, größtenteils aus einem Nachthemd und zwei Pistolen bestehend, trugen nur mehr ihre Könige bei Photographen, junge Börsenbrut, von Angesicht, als habe eine Hausse in Trebern sie eben auf den Lebensmarkt geworfen, und der Kaufherr aus Braila, dessen gerundete Handbewegungen immer noch die Qualität der Schweinsbohnen liebevoll abzuwägen schienen, während seine Äuglein wie Läuse über alles hinkrochen.

Da vorbei schien unmöglich. Wenn sie in ihrem kabbalistischen Jobberslang von »Abstammung und geleistete Arbeit« sprechen für gutes Abschneiden, und von »satteltief« sich unterhielten, ohne daß man je sicher war: meinten sie ihre Rosse oder ihre Weiber -- _das_ vertrug er noch nicht. Lieber an den amerikanischen Müttern vorbei, um die ganze Hall herum.

Wie er so stand, versank ihm die Menge im Raum. Er fühlte für den Augenblick nur dessen zudringliche Saloppheit, die noch so unbeherrschten Machtmittel des Architektonischen am »Wohnleib« Hotel, und sich darin als Transvestiten.

Der ganze bedrohliche Kasten war, wie alles »neueste«, im Gegensatz zum räudigen Tragantstiel kleinerer Börsencoups der achtziger Jahre, ganz auf Südamerika berechnet, somit auf den natürlichen Ungeschmack des Romanen, zum Exzeß gesteigert durch Reichtum und Hitze: Stil des Tropenkollers ausgebrochener Sträflinge und nachmaliger Präsidenten von Republiken.

Gleich rechts vom Eingang saß schon einer: der alte Porphyrio Pães. Sauer war es ihm geworden, endlich seine dreißig Millionen ins Trockene zu bringen. Einmal war er der »Rebell« gewesen, dann wieder der andre; ewig wechselnd. Oft auf der Flucht, hatte er sich schließlich aber doch darauf verstanden, daß im kritischen Moment immer seine Gegner von ihm abgeschnitten wurden »in Bezug auf die Köpfe«, wie es im spanischen Satzbau gebräuchlich ist.

Neben ihm hingen Sir Osmond Cadogans Beine als Schwebebrücken über die Hall zum fernen Kamin; der Verkehr wickelte sich unter ihnen klaglos ab. Seine schimmernden Pumps, offenbar heliotropisch, suchten so automatisch das Feuer, wie die Blüte das Licht. Er saß -- die Schultern auf dem Sessel -- nur der rechtwinklig abgebogene Kopf stand einsam in die Lehne hinauf und gab ihm das Aussehen eines sehr soignierten Jahrmarktautomaten -- gleich würde er Lotterienummern zu spucken anfangen. Der ganze Sitzvorgang war bei ihm gleichsam um ein Stockwerk verlegt.

Die Hall barst von Stimmen. Unwillkürlich horchte Horus hin.

»Genia, waren wir schon in Rom?«

»Rom? -- _Oh mommo_, das war doch dort, wo wir die hübschen seidnen Strümpfe zu 14 Frs. 75 gekauft haben,« und Genia Waanebeeker wechselte zum Kamin, das kühle Gelee ihres Temperaments erzitterte leise, denn dort zerfloß schon allzulange Linda Bordone neben dem schönen Archangelo Cavadini.

14 Frs. 75, das ist doch 3 Dollar 5 Cent, oder verwechsle ich es wieder mit Fahrenheit -- aber meine Liebe -- bei Debenham und Freebody bekommen Sie doch _first class hosiery_ für _eleven six pence_, das ist nur 13 Frs. 90! -- überhaupt London: da haben Sie Harrod's und Jay's und Selfridge -- und ... Aber ein Gegenchor stand auf: nein, es gibt nur ein _place for shopping_: die _Galeries Lafayette_ -- die Transformationen dort, die »_blouses_« und alles versank endgültig in dem Rachen des großen Pofels.

Er war sehr begehrenswert, sehr anders, wie er im makellosen Abendanzug durch den Saal schritt, sogar die Mütter tauchten einen Moment aus den »_Galeries Lafayette_«, wo es am tiefsten ist, und berieselten ihn gierig mit ihren Lorgnons.

Er fühlte: eine stilisierte Sehstörung in Brillanten an einer byzantinischen Nabelschnur. Wie kann man etwas für jedes halbwegs gesunde Empfinden so Beschämendes, wie einen Defekt am edelsten Sinn: dem Auge, noch durch Edelmetalle und Steine unterstreichen -- wie kann man sich mit einem Körperfehler schmücken? Da bemerkte er, angewidert und belustigt zugleich, daß ja auch manche Lorgnons in Fingern ruhten, die Ringe an Gichtknoten trugen.

»Warum hängen sich die alten Frauen in Europa nicht lieber einen Scheck in gleicher Höhe um den Hals, wäre das nicht optisch erfreulicher, als Perlen über häutige Hälse holpern zu lassen?« Und die traurige Frage ward groß in ihm: »Werden die Menschen im Alter um so viel häßlicher hier, weil sie sich selbst _ähnlicher_ werden?«

Getrennt von der kompakten Trabrennhorde trieb sich ein scheinbar wildlebender Jobber: Drilling aus Roßtäuscher, Schmierenkomödiant und Galopin ständig in der Nähe der Separées herum. Träufelten dann Privatgesellschaften heraus und zerflossen in die Hall, versäumte es die Gastgeberin fast nie, gerade diesen etwas von oben herab -- und doch wieder ängstlich -- in ein Gespräch zu verwickeln. Als Horus vorbeiging, stand eben eine Dame, nach dem Kanon des Öltanks gebaut, bei ihm:

»Prinz Strasyboulos Argyropoulos führte die Hosteß Mrs. Beermann aus Chicago, die in einer höchst kleidsamen Kreation von Cheruit besonders faszinierend aussah. -- Nein, schreiben Sie lieber: Der Marqueß of Kar and Kinstone führte die Gastgeberin Mrs. Beermann aus Chicago, die ...« Ganz am Ende kam noch eine Reihe wohlklingender Gäste.

»Kein Mr. Beermann -- keine Miß Beermann anwesend?« Der Drilling frug es mit sardonischem Grinsen.

Sie zauderte. Sollte diese makellose Dinnerfassade durch weitere Beermanns Abbruch leiden? »Nein,« entschied sie, »die Liste ist vollständig; aber daß es sicher morgen im Herald erscheint.«

Und die so jäh dem Schoß ihrer Familie Entbundene versuchte sich mit gnädigem Nicken zu entfernen.

Da sagte der Roßtäuscher von der andern Fakultät, dort wo sie schon an Kunst und Literatur grenzt: »Bedaure, wir sind mit Notizen >aus der Gesellschaft< für eine Woche komplett. Wir mußten schon Lady Cadogan zurückstellen. >Lady Eveline,< sagte ich zu ihr, >es ist mir nicht möglich, selbst einer so alten Freundin ...<.

»Ich werde Ihnen sofort Mr. Beermann schicken, um das zu regeln.«

Und Mrs. Beermann jagte ihren über das ganze Hotel ausgeronnenen Gästen nach. Nur Mr. Beermann stand noch da und schielte zum Erschrecken in seine eigene Brieftasche hinein. Mit Bedauern und Geringschätzung sah Lizzie Beermann zu ihrem eisblonden Tischherrn hin, nun saß er wieder, sichtlich befreit, bei seiner eigenen »_set_«. Wie eine verpflanzte Blume war Lizzie zwischen den bleckenden Stiefeln, den Schlachthäusern und goldenen Gebissen Chicagos syrisch ausgeblüht, litt und zersehnte sich nach dem, »dessen Kehle süß und der ganz lieblich ist.«

Am Ende des Abends ergab sich aus dem Notizbuch des Drillings, daß der Marqueß of Kar and Kinstone im ganzen acht Hostesses und Prinz Strasyboulos Argyropoulos deren sieben heute zu Tisch geführt hatte.

Horus glitt an lungernden Baronen, an Epheben von den Aasfeldern der Zivilisation vorbei, quer durch den Raum zum Kamin, wo Linda Bordone wie hingeweht saß, neben dem schönen Archangelo Cavadini.

Die gebauschte Gaze ihres Kleides strebte in Flatterschlägen eines jungen Huhnes an ihm hinauf:

»450000 Tausend bar, mehr kann ich von Onkel Barnabas nicht herauspressen,« und sie versuchte in der trockenen Spannung dieses eisigen Schlußschachers nach vier verpürschten Saisons ihrem armen Stimmchen das arglose Zwitschernde zu wahren, zu dem jungfräuliches Dahinblühen, eine noch aufrechte Forderung aus der verflossenen Generation her, sie verpflichtete.

»Die Differenz ist ja nur 50000,« ihre hübsche zitternde Hand berührte leicht seinen Arm.

Wie eine gereizte Maus ließ er seinen Bizeps unter ihren Fingern aufschnellen. Dann fiel ihm ein, wie er das hier doch eigentlich gar nicht mehr nötig gehabt hätte. Verschwendung. Aber er konnte es nun einmal nicht lassen.

»500000 bar,« und seine Stimme war um so kälter und härter.

»Als angehender Politiker,« fuhr er fort, »wäre es überhaupt für mich vorteilhafter, noch nicht gebunden zu sein -- aber sollte ich mich entschließen -- wir, die wir für ein größeres Italien kämpfen, für den Genius der Rasse ...«

»Ist denn Genia der Genius der Rasse,« zischte sie plötzlich kalt wie Metall.

»O, wie töricht sind unsre Männer, immer auf diese Fremden hereinzufallen. All ihr Geld brauchen sie für sich allein, der Mann darf nicht einmal das Auto mitbenützen, und raucht er im Schlafzimmer eine Zigarette, so lassen sie ihn verhaften.«

»Quadrupedescu hat gestern nacht beim Bakkarat Monseigneur 200000 Frs. abgenommen,« meldete Genia Waanebeeker. Von den Raeburngirls lange aufgehalten, denen ihre Eile verdächtig gewesen, hatte sie erst jetzt den Kamin zu erreichen vermocht.

»Welch bezauberndes Kleid -- wo ist es her?« Und sie verschob dabei mit zärtlicher Hand ein ganz klein wenig die Garnierung, die in Lindas Rücken ein Feuermal verdecken sollte.

»Callot _soeurs_,« und Linda erhob sich, um in die Garderobe zu gehen. Ohne Doppelspiegel konnte sie das im Rücken nicht richten, und ihr Lächeln war auch schon ganz durchgewetzt. Einen Augenblick zischten sie maskenlos gegeneinander an; das latent Megärenhafte, heraufgespien in ihre jungen Gesichter: zwei fletschende Gorillaweibchen mit schleifenden Vordergliedern unter Talkumpuder -- bekleidet von Callot _soeurs_.

Wie Linda hinausschritt, betrachtete Horus die gerühmte Toilette. Sie schien ihm eine überaus verzwickte Angelegenheit: vorne schief, rückwärts gewickelt, mit der halben linken Brust auf der rechten Schulter und einer gestickten Geschwulst ohne ersichtliche Existenzberechtigung um den Nabel; es sei denn, das Ganze stilisiere einen verwachsenen Knaben im fünften Monat einer Gravidität.

»O, Callot« -- Genia sprach es Kéllo -- »ich gebe meinen untersten Dollar bei Kéllo aus!« Daß auch Europäerinnen in Paris arbeiten ließen, fand sie eigentlich anmaßend.

Sie trug den Kopf sehr hoch. Teils als Bürgerin der »_grandest nation of the world_«, teils der leisen Drohung des mütterlichen Doppelkinns sich bewußt. Sie mußte sich beeilen, ehe Linda zurückkam:

»Eine Rente; Kapital zahlt _dad_ nicht heraus, aber er ist eine Million Dollar wert, und da _mommo_ sich sicher scheiden läßt, bin ich einzige Erbin. _Dads_ Leber ist auch gar nicht in Ordnung.«

Archangelo wandte langsam die schweren Spiegeleieraugen nach der Richtung, wo Josua Washington Waanebeeker, rosa und springlebendig, Ohren und Hände vital behaart, nicht einmal Whisky, sondern das bekömmliche Selters trank.

»600000 bar,« sagte er. »Wir, die Nachkommen des alten Rom -- die wir für ein größeres Italien kämpfen -- für den Genius der Rasse ...«

Ihr Stolz bockte auf -- »Von einem Mann ohne Titel verlangen wir Amerikanerinnen mit Recht, daß er sich selbst erhalten könne, übrigens entspricht meine Rente kapitalisiert ...«

Horus ging weiter. Tief herauf aus der Gegend der Privatkomptoirs: Apisgräbern mit Safes, drang »machtvoll dreischlündiges Bellen«. Schüchtern schienen Beteuerungen, Beschwichtigungen ihren Diplomatenschleim drüber streichen zu wollen. Elihu Lincoln Rosenbusch, einer der gefährlichsten Aasgeier von Wallstreet, mit einem kalten Cherubkopf, hatte eine Flasche Gingerale im Werte von sechzig Centimes zu viel auf seiner Wochenrechnung gefunden.

Alle vier Direktoren hatte er sich daraufhin kommen lassen, sein eigener Privatsekretär -- er hatte den Irrtum übersehen -- zerfloß in Schlotterschweiß, und nun ging der Alte daran, gewaltige Abzüge herauszuschinden. Dafür war er berühmt. Einer der wenigen so Reichen, daß sein Name nur mehr in Anfangsbuchstaben in den _head lines_ der Zeitungen zu erscheinen brauchte, gab sein als Sport betriebener Geiz in persönlichen Ausgaben fast jede Woche den Journalisten Stoff zu Überschriften:

»E. L. R. erwirbt eine rosa Unterhose bei Giles und Smallweed um zwei Dollar 5 cent. Findet einen Webfehler, fordert Schadenersatz, gleicht sich aus, indem er das Warenhaus übernimmt, verkauft die rosa Unterhose in eigener Regie weiter, trägt nun wieder seine alte Gelbe auf.« Oder:

»E. L. R. verdient an der Instandhaltung seines Golfplatzes jährlich 7680 Pfund Hammelspeck! Schickt Gärtner und Mähmaschinen fort, läßt die _greens_ von Schafherden kurzfressen.«

Pausierte denn der Schacherkrampf nie und nirgends? Und wo er nicht in den Worten, da zog er sich unter der Haut hin, durch Blut, Herz, Hirn und Traum. Dabei war ihm vieles aus diesen Gesprächen, noch mehr an den Sprechern, unverständlich geblieben. Welchem Kulturkreis, Kasten gab es ja nicht, wie er erfahren, konnten etwa diese beiden Mädchen angehören? Er begriff es nicht. In Joshivara, der Luststraße Tokios, war er gewesen, in den Freudenhäusern Ispahans -- kannte die Courtisanen von Madura und Travankor. Aber die letzte Pariafrau des letzten Hafenbordells Ostasiens hätte ihr erotisches Niveau nicht so gedrückt, selbst um ihren Preis zu feilschen. Bei den freien Prostituierten ordnete der Mittler oder eine Dienerin die pekuniäre Frage; in den öffentlichen Häusern wurde gleich beim Eintritt schweigend ein Betrag erhoben, dann erst erschien, unter Wahrung jeder Illusion, das Objekt der Liebe selbst: ein höflicher, sanfter, zwitschernder Traum. Anders hätte es die erotische Verwöhntheit eines Kuli nie ertragen.

War vielleicht das ganze Hotel ...? Doch nein, er erinnerte sich nicht, auf seiner Wochenrechnung einen derartigen Posten gefunden zu haben. Auch hätte es ja, den Reden nach, ein öffentliches Männerhaus sein müssen, wie jenes, das er in Paris besucht.

Er fühlte wohl, daß da, rätselhaft noch in ihren letzten Ursachen, eine Sexualnot ohne Gleichen schrie aus solcher Depravation. Die beiden Frauen aber hatten auf alle Fälle aufgehört, es für ihn zu sein: Erreger seiner schöpferischen Phantasie. Und dieser romanische Ephebe: wodurch wurde dieses Männchen mit seinem eisig lümmelnden Gockeltum, das jede asiatische Dame abgestoßen hätte, zu einem Wertgegenstand?