Die Kegelschnitte Gottes

Part 10

Chapter 103,528 wordsPublic domain

Das wußte er vom Drama, vom Haus des Dramas. Wie mochte es in Europa sein? Bruchstücke von Werken, die er kannte, ließen Außerordentliches hoffen. Doch vor allem: wie war das Raumproblem nordisch erfaßt, seine Vielfalt von Zweck und Geist; schon die trivialen Erfordernisse: Überkleider ablegen -- dann gleichsam die Glieder ablegen: jedes störende Körpergefühl. Die Lösung all dieses mußte -- das eben ist ja Architektonik -- gleich aus solcher Tiefe herkommen, daß sie sich wie ein Monolith über alle Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse zusammenschloß zu organischer Einheit.

Der Wagen hielt. Nachher, in einen Bock aus gepreßtem Samt geklemmt, sah er aber immer nur den Eisenhaken, eigentlich nichts als die beispiellose Niedertracht dieses Eisenhakens vor sich, an dem, mit schmutzigem Strick zusammengebündelt, sein Pelz jetzt draußen hing. Zwischen schiefen Goldleisten aus Holz, rotem Papier als Damast, Tünche als Marmor, Marmor als Schlagsahne hatten sich armselige Höhlungen aufgetan voll Eisenhaken und abortfrauähnlichen Weibern. Letztere rissen ängstlich gestauten Männerhaufen ringsum Kleidungsstücke aus den Armen. Frauen wimmerten leise um einen geknickten Vogelsteiß auf durcheinandergeworfenen Hüten.

Dieser Haken aber verstörte, ja ängstigte ihn bis zur Übelkeit. Das andere hatte doch reichlich Stoff zu Mißbrauch und Verderb gegeben. Mit Holz, Marmor, Farbe, Stuck, Stein -- falsch verwendet -- ließ sich ja immerhin etwas ausrichten. Aber dieser Haken: ein gebogenes Stück Eisen mit einem Porzellanknopf, sonst nichts. Wie mit so wenig so viel Gemeinheit erringen?

Vielleicht zerging der Haken, wenn man um sich sah. Das vorne schien ein verwachsenes Rudiment antiken Chors: aus zwei ungelösten Eckproblemen heraus wand sich ein mannsdicker Wurm und versuchte unter Krümmungen seine eigenen Warzen aus rotem Plüsch zu verdauen. Hinter ihm, in geschwungener Stuckbadewanne, saßen bekleidete Leute im Gehrock vor Geigen. Faustdicke Symbole klatschten im Abstand von Froschsprüngen durch alle Ränge bis zum Boden, wo sie sich in zwei formidablen Haufen von Harfen, Masken, Schwänen und Fehlgeburten gestaut hatten. -- Ein Musentempel. Merks, Cretin.

Säulen trugen nichts, der Logenring über ihnen war ja schon in sich selbst geschlossen. Zum erstenmal im Leben sah er eine -- Halbsäule. Welcher Plumpsinn, die nicht luftumspülte Kurve in eine Wand hineinzupappen, mit deren Ecke sie zu einer üblen Figur zusammenfließen mußte, wie ein grades Bein mit einem krummen. Ja, sahen denn die Leute hier nicht? Sahen nicht, daß, wo Maße nicht stimmten, Bauglieder fehlten, Fugen klafften, sich nur irrsinnig gewordener Dreck beschwichtigend darüber pappte. Kein Quadratmeter Ruhe. Zum Schluß geriet er auch noch ins Tapetenmuster der Logen, sprang über kopfstehende Rhomben, immer hin und her, schließlich heraus, um beinahe, am Fußboden, sich doch noch in einer plötzlichen Darmschlinge aus Lorbeer zu fangen.

Langsam stieg leiser Wahnsinn in seine reinen Nerven.

Etwas mußte geschehen. Er warf den Kopf nach rückwärts und hinauf. Oben war ein großes Loch gemalt: Sommerhimmel und Wolken. An einem Haken mitten aus der blauen Luft kam ein viele Zentner schwerer Metall-Lüster gehangen, als Strafgericht über alles.

Nun sausten mit einemmal die neun Musen in die Höhe, welche, bisher straffgespannt, die Bühne verhangen hatten.

Hub das Drama an? Auf weißer Fläche -- groß wie der Bühnenrahmen -- hockte an Stelle der Mythologie jetzt ein etwa sieben Meter hoher Affe und scheuerte sich mit gewaltiger Zahnbürste das Maul aus; der Schwanz schrieb: _monkey puzzle toothbrush unequalled_. Blieb fünfzig Sekunden. Flitzte ab, und es erschuf sich: »van Houtens Cacao is de beeste gekoopste«. Flitzte ab und es ward Frankreichs Präsident: ein erweiterter _épicier_, krummen Bratenrocks, mit Knien in den Hosen: »_regardez cet homme_« -- stand vor seinem Bauch -- »_pas nécessaire d'avoir l'air comme cela -- habits élégants complets depuis 49 frs chez Gaston Mandelstamm_.« Flitzte ab und es erschuf sich ...

Ganz witzig, aber dazu war er ja nicht hergekommen. Er schloß die Augen. Jetzt roch er den Europäer um sich her, seinen Porendunst: gestaute Schärfe nach übel verdautem Fleisch; seit Marseille Grund für ihn, Ansammlungen Weißer vorsichtig zu meiden. Daneben roch es noch auf zwanzigerlei Art falsch nach Chemie, die Blume sein wollte. Trockenharte Gerüche, im Laboratorium gezwungen, auf kurze Zeit zusammen Duft zu sein, doch mit heimlichem Hang alsbald wieder in feindliche Einzelgestänke auseinanderzufallen. Gleichsam durchzuriechen war das.

Jetzt verschlang -- aus dem Boden getrampelt -- eine Wolke morschen Staubes alles, und Handschuhe knallten wie Ohrfeigen.

Horus schlug die goldenen Sperberaugen auf.

Im Bühnenrahmen stand eine Greisin in weißen Lederhosen, den Kopf voll roter Wolle. Fingerdicker Ruß hing um die kahlen Augen, ein Klumpen Saccharin zerging im Mund zu Lächeln, während sie Küsse um sich streute mit verwesender Hand. Kokett schleifte das linke Bein nach.

Was war das?

Er erinnerte sich des erläuternden »Echo de Paris« in seiner Tasche, entfaltete es. Richtig, die gefeierte Tragödin verfügte über ein neues Kunstbein. Hier war es abgebildet, neben dem Abgeschnittenen, und dort war der Stumpf; erst für sich, dann mit der Prothese, Bild des großen Operateurs, wie er gerade operiert, Bild des großen Dichters, wie er gerade dichtet. Es stand, wieviel die Operation gekostet, wieviel dadurch der berühmten Tragödin an Spielhonorar pro Minute entgangen, wieviel hinwiederum (pro Minute) die amerikanische Tournee eingebracht. Dann kam der Genius Frankreichs. »Gloire« stand in den vier Ecken, und eine Trikolore flatterte über alles mit Stumpf und Stiel.

Das Drama selbst handelte aber gar nicht von Kunstbeinen, sondern hieß »_L'aiglon_«: der junge Adler. Die grauenhafte Greisin war der junge Adler. Nun krähte sie gebrochen auf.

»_Oh les cloches d'or_«, und an drei verschiedenen Stellen des Parketts rissen auf einen Wink kurze Männchen mit schwarzen Bärten begeistert an ihren Adamsknorpeln; wieder knallten Handschuhe, und ganze Wolken weißen Schmutzes stoben aus den Frauen. Man snobte Tobsucht und starrte einander dabei, mit bösem Eis übergossen, roh und hart in die Kleider.

Nach einer Weile versuchte die grauenhafte Greisin schlimm zu sein -- so recht bubenhaft und ein wenig pervers schlimm: spannte Glacéhöschen in den Augpunkt, saß rittlings auf Stühlen herum, kapriolte schließlich rasselnd über ein Sofa. Die Prothese knarrte, und das Publikum schrie: »_vive la France_«.

Zum erstenmal drang ein Gefühl durch die Augen in ihn -- oder war es ein Zustand -- etwas, für das er noch keinen Namen hatte, das, durch die Augen eingeschlichen, ihn von innen würgte, das er hätte herausspeien mögen aus diesen seinen Augen. Ekel vor dem Alter? Er fühlte sich doch frei von jenem Männchendünkel, Wirkungen, weil sie von einer Frau kommen sollten, ausschließlich nur mit einem Körperende werten zu wollen und höhnisch gestimmt zu sein, blieb dieses stumpf; wußte: was begreift ein Glücklicher vom Glück -- ein Gequälter schon von der Qual? Liegt ihre funkelnde Essenz nicht vielmehr erst im Alter und auf der andern Seite des Vergessens, bereit für eine welke Auserwählung, eine, die, über ein langes Leben gebeugt, aus ihm erst den Rhythmus nachzuschöpfen vermöchte etwa einer Kassandra, wenn sie vom geschleiften Ilion herab -- bekränzt und fackelschwingend -- mit jauchzenden Flüchen in die Schändung getanzt kommt; orphisch entrückt die Wirbel des Untergangs in das verhaßte Königshaus hineintanzt.

Nein, am Alter lag es nicht.

Das eine Ohr der Tragödin begann jetzt zu tropfen. Ihre Kapriolen über das Sofa nebst den restlichen Leibesübungen machten, daß Rötliches und Fettiges von ihm absickerte. Unter dem abgemagerten Kopf hing ihr ein Kuheuter zwischen Vatermördern herab. Gut. Doch was war mit dem fettgewordenen Leib geschehen, das ihm dies Unmenschliche geben konnte?

Einen Kontur, wie ihn kein Gebrest, kein Geschwür, keine organische Entartung je zustande brächte, denn diesem Leutnant wuchs -- stahlhart -- eine schiefe Ebene vom Abdomen in den Raum hinaus, so, als hätte er eine gespaltene Pyramide verschluckt, ohne sie richtig verdauen zu können. In dies schräg abstehende Korsettgerüst vor dem Magen hatte man nun von oben die Brüste hineinversenkt und verteilt, von unten hinwiederum die Eingeweide hinaufgeschraubt; beides wohl um des Knabenhaften willen.

Aber auch daran lag es nicht, das Namenlose.

Das dramatische Geschehen selbst wurde von Sekunde zu Sekunde alberner -- jetzt war es neun, Ende vor zwölf stand auf dem Programm -- doch man konnte ja weghören; schließlich blieb auch das futil.

Nein, es mußte wohl aus dieser Art kommen, wie sie sich vergaichten alle auf der Bühne, aus dem, was sie da begingen mit ihren Gliedern, Rümpfen, Mündern, Mienen. Anfangs hatte es ihn eine utrierte Zeichensprache für taubstumme Idioten gedünkt, ehe er schließlich darauf verfallen, das alles solle Empfindung vorstellen -- Bewegung gewordene Empfindung; wirklich das, was auf andern Kontinenten atmende Geschöpfe tun, wenn sie leben.

Hastig, passiv, unbehütet, hatte er es ohne Widerstand in sich hineingeschaut, tief hineingelassen in seine klaren Nerven und ihres mahnenden Unbehagens zu wenig geachtet. Herausbrechen hätte er es sollen aus seinen unbefleckten Augen zu rechter Zeit. Jetzt begann in ihm leise angespanntes Verschrobensein, dessen er sich nicht mehr recht zu entledigen vermochte: wie wenn sonst manchmal eine Zehe in Krampf verfällt, sich verkehrt nach unten durchbiegt wie eine gebäumte Raupe -- am ganzen Körper war das jetzt so.

Übel verstellt schien sein Herz. Atmen, wie machte man das -- Atmen? Steifes Grauen kam langsam herauf, und Zelle um Zelle gerann an ihm zu infernalisch ungekanntem Eis.

Schutzsuchend warf er seine fliehenden Augen in den halbdunklen Menschenraum. Hier aber hing das Namenlose ganz -- im Bühnenspiel war nur sein Abbild gewesen -- hier lauerte es herein, hier war dieses, was schluckte, immer schluckte: Leben, Glieder, Haare, Steine, ganze Marmorwände schluckte es -- alles was echt war, wirklich war.

Und dann: wie durch einen bösen Doppelspat gebrochen, verzerrt, kündete sich wieder aus diesem Lauernden, Namenlosen heraus eine Art infernalische Wandlung alles Seins an. Diese Wandlung selbst war noch nicht da -- nur ihre Vorzeichen: Vorzeichen, dieses Vergaichte, das einmal Rhythmus gewesen, dieses Zerbrochene mit abbröselnden Enden auf Frauenköpfen, durch Brillantine wieder zu einem Scheinleben mesmerisiert, dieses planlos Zerstückelte auf allen Körpern, das einst edler Samt, holde Seide gewesen, nun aufgehört hatte als fließender Stoff zu leben, ohne Gewand geworden zu sein. Aus all diesem: eisernen Haken, Abortfrauen, verkritzeltem Marmor, der Greisin in Lederhosen, den Blumen aus Chemie lauerte es herüber.

Ihm war auf einmal, als könne es nie wieder für ihn einen Wald geben -- Schwalben. Vogelflug!

In einem der ungelösten Eckprobleme war der Rest eines halb weggefegten Spinnennetzes hängengeblieben und in ihm ein ausgesogner Fliegenbalg. An diesen klammerte er das Bewußtsein. Unsäglich liebenswert schien ihm auf einmal diese winzige Leiche; wie unverdiente Gnade traf ihn die Wahrheit ihrer kleinen Form. Sie war das Einzige. Zerfiel sie jetzt, blieb er fast ganz allein.

Er und die Prothese: weises, ehrliches Stahlgeschöpf, verdeckt zwar durch alberne Maskerade, aber er wußte es doch da. Kunstbein und Fliegenleiche, die beiden einzig Echten hier, schützten ihn vor dem Namenlosen, wenn es durch den üblen Doppelspat entleibter, entherzter, entseelter Dinge hereingebrochen kam, und vor dem in ein platzendes Aas sich hineinzuretten Reinheit schien, reinliche Fäulnis.

Eine fahle, lange Angst begann ihn zu drosseln, jede Blutader einzeln in ihm abzudrosseln wie einen Wasserhahn. Ersticken dürfen -- wie einem wirklichen lebendigen Wesen zu ersticken vergönnt -- Wohltat mußte das sein. Er betastete seinen Fuß: fremd, hart und so weit weg.

Doch hätte er nicht zu sagen vermocht, was es denn war, das Namenlose; höchstens, was es nicht war: nicht Hohlform, ist sie doch Abdruck noch eines Leibhaftigen, nicht Negativ, dem zum Grunde Positives liegt, auch keine aufgeblasene Nichtigkeit, denn auch ihr, selbst ihr noch lebt ja im Innersten verquollener Anmaßung ein Korn Sein.

Er schauerte zurück, wich hinter sein erschrockenes Herz, wich weg von dem verjauchten Jetzt, wieder in die reine Frühe seines Morgentraumes über dem nachtblauen Reich mit den kristallnen Achsen.

War damals unter den »Kegelschnitten Gottes« -- in dem Manuskript, das ihm Erasmus gezeigt -- nicht etwas gewesen, ein von sich selbst Abgekehrtes, aus sich Verstülptes Fünftes, bisher Unvorstellbares, weil es im Gegensatz zur göttlichen Sucherin: Parabel, sich vom Brennpunkt alles Seins abzukehren hätte, um seinem Gegensatze zuzueilen? Ein schlichthin Infernalisches, dem selbst die Mathematik -- die über allem Stehende -- das Symbol verweigert?

Ein _Unsein_. _Dieses_ Unsein.

Da brach er aus, zerbrach das üble Joch der Hoffnungslosigkeit, trat, stieß, riß wie ein süperbes Tier sich einen Weg durch keifende Reihen, an schiefen Goldleisten vorbei, hinaus unter die Sterne. Mit freiem Haar, ohne Überrock ging er nach Hause. Noch einmal umkehren, seinen Pelz, vom Eisenhaken herunter und mit schmierigem Strick umschnürt, wieder aus den Händen der Abortfrau empfangen -- nein. Riß sich im Ritz auch noch die restlichen Kleider herab, ballte alles zu einem Bündel, warf es aus dem Fenster auf das rußige Glasdach des »Wintergartens«, bürstete unter dem brennheißen Strahl im Badezimmer sich fast die Haut vom Fleisch -- reinigte Kehle und Mundhöhle -- sog Unreines zu tiefst aus den Lungen herauf -- stieß Frische hinab; in vier Spiegeln stand sein blendender Körper.

Aber es wich nicht. Und ihm fiel ein: durch die Augen war er vergiftet worden. Lehnte seinen Kopf an Gargis Tür -- lange. Riß sich zusammen, klopfte, trat ein. In einem fernen, zarten Gewand des Ostens sah er sie wie durch kannelierten Rauch. Sie kauerte auf Kissen und spielte ein wunderschönes Spiel mit ihren Armen. Der Hals, weich auf die Luft gelegt, trug über sich im Haupt eine Wage voll Köstlichkeit. Unter der Stirnagraffe: dem Zünglein aus Rubinen, schwebten weit und wagrecht Augenschalen voll flüssiger Magie.

Sein zerrütteter Kontur ließ sie aufgleiten, ihm zu.

»Geh auf und ab. -- So. Nimm ein Glas. -- Stell es wieder hin. -- Schlag ein Buch auf. -- Blättre um.«

Auf dem Diwan sitzend, die Ellenbogen auf den Knien, die Schläfen in den Fäusten, trank er jede Bewegung mit den Augen aus, bis zur Neige. Wie ein Vergifteter Milch durch seine arme Kehle rinnen läßt, so schluckten seine Lider. Und sein Blut ward süßer, denn ihr Verstehen war bei ihm; erriet im voraus den Durst seiner armen Augen. Bald wurde sie Ärztin und Arznei zugleich, verließ seine planlosen, aus hilfloser Angst in der Irre tastenden Befehle, und nun sah er sie auf sich zukommen wie die Genesung im März, mit der edlen Entschiedenheit eines Tieres und über allem der Blumenmensch mit durchleuchtetem Haupt, und die Wahrheit ihrer Gebärde ging durch ihn hindurch wie ein Schwert.

Vorsichtig zwischen seinen Füßen kauerte sie auf den Teppich nieder -- rührte ihn nicht an -- seine Haut und hinab die gewaltigen lichtlosen Sinne brauchten sie jetzt nicht; am höchsten Sinn, aus dem die Welt erfließt und die Vision, war er verunreinigt worden. Sie ruhte im Lotossitz der arischen Asiaten in erlöster Ruhe, die alle Bewegung erfahren hat, und das als Herr.

Etwas von Musik, Akrobatik, vegetativer Verklärung! Es war die Essenz magischer Kraft. Langsam füllten sich die Augen des Mannes mit ihr. Tränen kamen ihm, als er seine Hand erkannte -- wieder eine liebe Hand haben und sie rühren können wie ein lebendiges Wesen. Das angespannte Verschrobensein am ganzen Körper wich, ausgetrieben über die Ränder seiner Glieder, wie über den Brunnenrand ölig Gestautes aus schmierigen Lefzen verspritzt unter starkem Strahl. Schön wußte er sich wieder, wie ein Marmorbecken, klaren Wassers voll.

Bis zum Morgengrauen blieb sein zarter Arzt zu seinen Füßen. Eine beispiellose, eine unerhörte Sinnenkraft stand als unsichtbare Glocke um die aufrecht kauernde Gestalt. In ihr waren die Knospen und Früchte aller Bewegungen und das Magische ganz freier Tiere, das Rieseln der Gräser und der Ströme, das war doch alles, alles nur für diese Mulde zwischen Weiche und Schenkel da. Tausend Spannungen liefen an ihr hinab und tausend Entzückungen stürzten über die jungfräulichen Schultern und den Flaum der Wirbel. Endlich schlossen sich seine zögernden Augen, ganz zaghaft, wie zur Probe. Er blieb rein. Da hob er den hammerschmalen Kopf aus den Fäusten langsam hoch und weit zurück. Hell lagen die breiten Lider in der gebräunten Haut, wie von innen durchlichtet, und langsam floß wieder die alte Sonnigkeit in das starke Gesicht voll Geist.

Aus einem durchsichtigen Schlummer heraus, mit der lindgebrochenen Stimme des Wunden, wenn königliches Morphium über seine Qual streicht, bis sie zu schrumpfen beginnt -- schrumpft -- noch mehr -- jetzt nur noch ein Stecknadelkopf ist -- dann -- fort, und wie er über diesem »fort« erst ganz flach nur zu atmen wagt: mit der lindgebrochenen Stimme solch eines Eben-Erlösten flüsterte er: »Wohl, wohltun.«

Das kunstlose Wort, unbeholfen und lauwarm wie der Körper eines ganz kleinen Kindes, schien ihr die erlesenste Liebkosung, die sie je in ihm erweckt.

* * * * *

Sie kamen wieder einmal von den beiden Vitrinen mit ägyptischer Kleinkunst im Erdgeschoß des Louvre. Nach allen Leichenfeldern des Ungeschmacks, inbrünstiger Barbarei, Monomanie oder Geziertheit befreiten sie sich andachtvoll vor den zwei Dutzend Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken. Diese zeigten der Natur, kühn und lieb zugleich, wie sie es etwa zu machen hätte, fühlte sie je das Bedürfnis nach Schalen, Salbgefäßen, Schmuckstücken, denn sie waren vollkommen ohne die Banalität des Nur-Schönen, kühn ohne die Kurzlebigkeit des Originellen.

Heute hatten Horus und Gargi den Louvre durch ein anderes Tor verlassen als sonst und gerieten da schon wieder in eine weitläufige Masse gemischten Stils, die: »Louvre« hieß und erst von ihnen für einen neueren Trakt gehalten worden war. Dieser schien sich jedoch eines viel regeren Interesses zu erfreuen als die anderen. Er sog vor allem Frauen aus den Straßen heraus und in seinen Leib, dem wieder bepapptes, totes, schiefes, gemeines Gerümpel zu allen Poren herausbrach, hing und flatterte.

Die Damen in seinem Bauch aber rissen einander behängte, bestickte, verkritzelte Lappen aller Art mit verglasten Augen aus den Händen, wenn bestimmte Zahlen darauf standen: etwa 29 Frs. 95. Also Frauen, gerade Frauen: Trägerinnen des Lebens trugen diese toten Fehlgeburten geschändeter Maschinen aus, in lauter Paketen hinaus, infizierten die Welt damit. Und Maschinen: seine Halbgötter, dazu wurden hier die herrlichen Stahlwesen mit den dampfenden Rüsseln mißbraucht? Statt das Leben zu befreien, zwang man sie, unaufhörlich lebensfeindlichen Mist aus sich herauszuschleudern, das Leben mit toten Mißgeburten einzumauern, deren es nicht bedarf, die es hemmen, ersticken, eindorren, vergaichen.

Er fiel von einer Abteilung, einem Bazar des Irrsinns in den andern: Orfèvrerie, Galanterie, Bijouterie. »Aus was für Knollen im Hirn eitern solche Sachen?« sann der Erschrockene.

»Wer ersinnt -- wer entwirft -- wer macht -- wer bestellt sie?«

Und leiser Verdacht durchschauerte ihn, eine allmächtige Horde unsichtbarer Irrer unterjoche einen blinden Kontinent.

Bösartige Irre -- es gab keine andere Erklärung. Vor den ersten Klavierbeinen und Kleiderständern hatte er gemeint, die Usurpatoren seien irrsinnige Drechsler, die alle Drehbänke Europas an sich gerissen, dann gewaltsame Glaser, Vergolder, Weber! Doch nein, das alles hatte nichts Menschliches mehr, war von der überpersönlichen Infamie dieses aus sich selbst verstülpten, unfaßlichen Unseins.

Sie suchten den Ausgang, gerieten in eine Abteilung: Wandschmuck. Wozu ein sich selbst Erfüllendes, wie es die edlen Maße einer Wand sein sollen »schmücken«? Die noblen, weiten, notwendigen Flächen verkleinern, durch Ornament unterbrechen, immer wieder verkleinern -- man unterbricht doch auch einen Sprechenden nicht, wozu den Wohllaut des dreifachen Raumes unterbrechen, dessen Ganzheit eben ist, was er zu sagen hat. Und ist er fehlerhaft, warum ihn mit einem zweiten Fehler bekleistern, statt das Geld zur Ausmerzung des Ersten verwenden: Doppelschund statt einfachen Anstandes. Warum immer das Pferd beim Schwanz aufzäumen? Warum?

Am Anfang der Zeiten, schien es, hatten die Menschen nur das Allernötigste -- jetzt, am Ende, nur das Allerunnötigste.

»Wie kommt es,« sann er, »daß jedes Ding in Europa, das für Luft, Wasser, Eis, Dampf, Stein gehört, herrlich gerät, wie noch nie, alles aber, was für diesen allmächtigen Herrn über Luft, Eis, Dampf, Stein selbst gehört -- kläglich -- >unherrlich< wie noch nie?

Wie kommt es, daß, seit die Welt steht, die Leute es sich nicht so freudlos, teuer, verkehrt und schlecht eingerichtet haben, wie diese Europäer im goldenen Zeitalter der Technik?«

Auf die großartige Einseitigkeit einer mechanistischen Formenwelt wäre er noch eher gefaßt gewesen, leichter bereit, auf sie resigniert sich einzustellen, wiewohl auch die reinlichsten Einfamilienställe vor ihm wie nichts gewesen, wären sie nicht von einer Seele für eine Seele erbaut, darin sich zu entfalten. Doch nicht einmal das. Dafür dieses zusammengelogene, heterogene, räudige oder aufgeblasene Gerümpel: europäisches Stadtbild genannt! Keine Säule untadelig, kein Eckproblem reinlich gelöst, ja das Problem nicht einmal empfunden, eine optische Saloppheit an diesen hingesudelten Palastbuden, und hier -- das hier: einer der tausend Speicher, mit dem sich das Draußen anfüllte.

Wenn er nur an diesen Schlafwagen von Marseille nach Paris dachte: der Samt des Sitzes längsgestreift, die gepreßte Ledertapete in Darmverschlingungen, braun gold, grün, am Vorhang eingewebt stehende Rhomben, die Bodenbespannung innen in Karos, außen mit Blumenbordüre; sinnlos alles, ruhelos wie ein Affenhinterteil.

Sahen denn die Menschen nicht, daß die Dinge alle nichts taugten, das, worin sie wohnten, womit sie bekleidet waren, was sie aßen?

Jetzt war nur noch die Parfümerieabteilung zu überstehen, da hielt Winifred Cadogan sie an:

»Oh bitte, Mr. Elcho, wie sagt man: Eau de Cologne auf französisch?«

Ach, man sagte auch auf französisch so. Wie, sie gingen schon. Ob sie nicht einen Augenblick warten, dann mit ihr und _mommo_ zu Callot, Cheruit, D'Oeillet fahren wollten? Um dort Geld ausgeben zu können, müsse man eben manchmal hierher und sparen. Sie erlegte dabei tugendstolz an der Hauptkasse 400 Frs. für einen üblen Turm von Dingen, die weder Mensch noch Vieh zur Lust.

Ja richtig, eine Gesichtscreme brauche sie noch.

Die Verkäuferin frug, welche.

»Irgendeine, von einer guten Firma. Ja, auch einen Puder dazu. Ja, auch ein Toilettewasser, ganz gleich welches, nur nach _sweet-pea_ müsse es riechen. Ja, einen Lippenstift. Ja, Haarwasser, aber ein gutes, sie verlasse sich da ganz auf die Verkäuferin.«

Über seinen ganzen Körper hin spürte er jetzt Gargis Erstaunen, dieses Verschweben der wissenden Dame in mitleidige Ferne, und ärgerte sich, daß er über die fremde Europäerin sich ärgerte. Was ging das schließlich ihn an, wenn hier die mehresten Frauen faniert aussahen, mit einer zersetzten Haut, von Metallen und Säuren schwammig angefressen?

Was ging das ihn an, daß sie nicht einmal die chemische Zusammensetzung kannten von dem, was sie hineinrieben in das köstlichste, verletzlichste, persönlichste Gebilde: die Haut. Zu faul, fahrig und unwissend, die ihr allein wohltätigen Dekoktionen aus Harzen und Blüten sorgfältig zu erproben, deren Bereitung selbst zu überwachen?