Part 7
Wie? Fräulein Bartel wird doch nicht vergessen haben, Mariannens Tür zu verschließen? Ich hör’ doch ein Schleichen, ein leises, gieriges Lachen? Ein tiefes, tiefes Aufseufzen?
Mein Gott ... da steht sie ja im Rahmen der Tür! Da ist sie ja, ... es ist Marianne .... Zu mir herein tritt sie ... gespenstisch, und weiß leuchtet ihre Gestalt ..., nur um die Hüfte hat sie ein schwarzes Tuch geschlungen; ihr Haar ist zerwühlt, verwirrt, ihr schönes goldrotes Haar. Sie spricht vor sich hin ... leise, ganz leise, und singend:
... »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den gleißenden Mondschein, dort tanzen wir, dort sind wir allein« ...
Um Gottes Willen, ist sie irre geworden, hat ihr armer Geist gelitten, was singt sie denn für ein tolles, irres Zeug?
»Marianne!« sagte ich sanft zu ihr, um sie nicht zu erschrecken.
Und wie ich das sage, steht Erika neben ihr. Schlingt beide Arme um die im Schlaf Wandelnde und wiederholte mit ihrer lieben, freundlichen Stimme: »Marianne!«
Da wacht sie auf. Da schaut sie sich um, da sieht sie, wo sie ist. Einen schrillen Schrei tut sie und stiert mich an. Stiert Erika an; stößt sie von sich und lehnt sich dann aufstöhnend an den Türpfosten an.
Aber auch mit Erika geht Wunderbares vor.
Eben erst hatte sie Mariannen umschlungen. Und nun steht sie neben ihr, leichenblaß, zitternd, als hätte sie etwas Schreckliches, Unglaubliches gefühlt, im Arme gehabt.
Ich will auf Marianne zueilen, sie stützen, sie zurückführen in ihr Zimmer! Da wirft sich Erika dazwischen und sagt zu mir: »Bleiben Sie, rühren Sie sie nicht an, ich will ihr helfen, nicht wahr, Marianne, ich soll dir helfen, ich allein?«
Und nun schluchzt Marianne auf; wie im Traum läßt sie sich von Erika fortführen, schwer stützt sie sich auf die zarte Gestalt des Heidekindes. —
Habe ich das alles gestern abend geträumt? Heute, wo die helle Morgensonne freundlich über der Kauzburg liegt, glaube ich, daß ich wirklich gestern um Mitternacht das alles geträumt habe. Geträumt, daß Marianne plötzlich so geisterhaft vor mir im Vollmondschein stand, daß Erika, das schlichte Heidekind, ebenso plötzlich neben der Schlafwandlerin auftauchte, geträumt von dem irren Sprechen, dem merkwürdigen Singen Mariannens, — was sprach sie doch so singend vor sich hin? »Mein Kind, mein Kind, komm, komm mit deiner Mutter hinauf in den gleißenden Mondschein dort tanzen wir, dort sind wir allein?« ... Geträumt von dem schrillen Schrei, von Erikas Entsetzen, ach, nur geträumt von allem ...!
Aber noch sehe ich, jetzt im hellen Morgenlicht sehe ich es noch so deutlich vor mir, wie sich Marianne so schwer, so schwer, als trüge sie schwere, bitterschwere Last, auf Erika, das Heidekind stützte ...!
Ich danke dem Geschick, das mir dieses Heidekind ins Haus führte.
Ihre bloße Gegenwart, der Gedanke schon, daß sie unter einem Dache mit mir ist, beruhigt mich. Unruhe, viel Unruhe berge ich in meinem Innern. Die Reue ist’s, ja, es ist die quälende Reue, daß ich Mariannens Lockungen nicht widerstanden habe. Oh, könnte ich ungeschehen machen, was geschehen ist. All diese nächtlichen Stunden wahnsinniger Leidenschaft. Nie wäre es geschehn, was geschah, wäre diese liebe Heidblume schon gleich in mein Haus gekommen.
Und doch! ... Nein, nein ... ich will nicht feige sein! Ich will mich nicht hinter Ausflüchten verstecken. Auch ~ich~ hatte Schuld. Ich mußte widerstehn, ~mußte~ stark sein, stark bleiben. Und nun danke ich dir, Gott, den ich überall in der Natur um mich sehe, ich danke dir, daß aus der Sünde kein neues Leben entkeimte. Daß ich mich lösen konnte von Marianne und sie nun Schwester nennen werde. Wie für eine Schwester werde ich für sie sorgen fortan.
Es klopft? ... Wer wird es sein so früh? ... »Herein! ... Ach, Erika, ... wie geht es Mariannen?«
»Sie ist nicht hier?« sagte Erika und blickte sich suchend um.
»Nein, hier ist sie nicht. War’s denn gestern wirklich kein Traum, Erika? Marianne gestern zur Nachtstunde dort, wo Sie stehn?«
»Lassen Sie, lassen Sie« ... unterbrach sie mich.
»Ich muß Mariannen suchen ... Gott im Himmel, sie schlief so fest, drum ließ ich sie allein ... und nun suche ich sie schon überall und finde sie nicht ... und ... und ... sie darf nicht fort ... sie ist ... ja, sie ist krank ...«
»Ich suche mit Ihnen, Erika!« Und schon war ich neben ihr im Flur draußen.
»So beruhigen Sie sich doch, Erika,« rede ich auf sie ein, »wo soll sie denn sein? Bei Fräulein Bartel vielleicht, oder unten im Garten oder schon wieder in ihrer Stube ...«
»Nein, nein, nein!« jammert Erika auf und schlägt ihre Hände vors Gesicht.
»O, warum ließ ich sie allein, warum ließ ich sie allein.«
Es ist Abend. Wir haben sie nicht gefunden. Schwerer, ganz dichter, schwerer Frühlingsregen fällt, und immer stärker wird der Frühlingswind. Überall haben wir sie gesucht.
Im unterirdischen Gang bin ich mit Erika bis zu dem stillen, heimlichen Tal gekrochen. Dort, auch dort war sie nicht. Als ich den tiefen Waldteich sah, auf dessen stille Fläche der Frühlingsregen in schweren Tropfen aufschlug, faßte ich Erika krampfhaft bei der Hand. Sie las das Entsetzen, das in meinen Augen stand. Da sagte das liebe Heidekind: »Nein, ~das~ hat sie nicht getan, ich weiß, daß sie das nicht tut, ich weiß, ~warum~ sie das nicht tun wird ..., sie hat sich ~nicht~ das Leben genommen, glauben Sie’s mir und ... und ... fassen Sie Mut ... Nicht dieses Entsetzen in den Augen.«
»Warum, Erika, sagen Sie, ~warum~ glauben Sie, daß sich Marianne nicht das Leben genommen hat?«
»Ich kann es Ihnen nicht sagen«, flüsterte sie und sah zur Erde.
»Aber wir müssen sie finden, sie kann in ihrem Zustande ja nicht fort, sie muß in Pflege kommen, bald, bald in treue Hut und Pflege ...«
»Ja, bald, bald, denn sie ist krank,« rief ich; »ach Marianne, hätten wir dich erst wieder!«
Der Frühlingssturm braust stärker und stärker.
Wie sich die Bäume biegen! Wie sie geschüttelt und gerüttelt werden! Aber das junge Frühlingslaub hält fest. Es ist kein Laub des Herbstes. Nein, nein, heut hast du keine Macht!
Das junge Leben kann dir widerstehn! Das junge Leben! Überall junges, werdendes Leben in der Natur. Was weiß solches junges Leben von den Stürmen des Herbstes! Was weiß junges Leben überhaupt vom Leben! Wie schwer das Leben ist.
Es ist gut, daß junges Leben nichts weiß von der Schwernis des Lebens.
Des Lebens Schwernis kommt von selbst. Man braucht sie nicht zu rufen.
Herein tritt sie wie jemand, der ein Recht hat, einzutreten. Sie läßt sich bei uns nieder und bleibt an unserem Tische. Sie schleicht sich bis aufs Ruhelager und schläft mit uns und wacht mit uns wieder auf.
Ach, bei manchem jungen Leben steht diese Lebensschwernis schon am Bett, kaum daß dies junge, neue Leben den ersten Lichtstrahl dieser Erde in sich aufnahm.
Draußen treibt der Frühlingssturm, der Regen gießt wie in Schleusen herab, — wo bist du, Marianne, um des Himmels willen, wo ~bist~ du!?
Ich sprang auf. Ich darf nicht hier sitzen und dem Sturmwind lauschen, suchen muß ich sie wieder, suchen, bis ich sie gefunden habe!
Da stand plötzlich Erika vor mir. Sie war in einen Umhang gehüllt. Von ihr tropfte des Regens Nässe. Ganz bleich stand sie vor mir. »Erika!« rief ich und sprang auf.
»Kommen Sie, kommen Sie!« keuchte sie atemlos. »Sie müssen gleich, gleich, gleich mit mir kommen ... zu Marianne!«
»Zu ~Marianne~? Sie haben sie gefunden? Sie wissen, wo sie ist?«
»Kommen Sie!« stieß sie hervor.
»Marianne will Sie sehn, Sie müssen Marianne sehn, ehe ... ehe ...«
Ein Schluchzen erschütterte sie.
»Marianne stirbt, nicht wahr, sie stirbt?« rief ich und taumelte nach der Tür. —
Sie nickte bloß und schrie laut auf vor Schmerz. Schon stand ich unten mit ihr in dem tobenden Frühlingssturm. Ach, der Regen strömte in Güssen herab, aber alles ringsum atmete den Frühling aus. Die vom Sturm bewegte Luft war weich und frühlingswarm.
»Kommen Sie!« sagte Erika und faßte mich an der Hand.
»Ich führe Sie, Sie gehn ja wie ein Trunkener, Sie armer Mensch.«
Ich stolperte hinter ihr her. Kein Mensch war auf den engen Gassen des Städtchens. Der strömende Regen hatte die ganze kleine Krämerwelt in die Stuben gebannt.
Wohin führte mich Erika? Endlich standen wir vor einer Pforte still. Einer Pforte in einer hohen Mauer. Ich strich mir den Regen aus dem Gesicht und blickte mich um.
»Das ist ja das katholische Kloster«, sagte ich wie im Traum.
Erika pochte dreimal an die Pforte. Ein Schlüssel knarrte, und die Pforte wurde geöffnet. Eine Schwester stand vor uns. »Lebt sie?« stieß Erika hervor. »Ja, sie lebt, kommen Sie, ich führe Sie hinauf.«
Wir gingen über den Klosterhof, bis zu dem hinein dieser heftige Frühlingssturm nicht drang. Der Regen schlug klatschend auf den steingepflasterten Hof; süße Düfte drangen vom Klostergarten hierher, ganz fern hörte ich eine Nachtigall pfeifen. Sie wollte singen trotz des Sturmes, weil’s doch Frühling war.
Ich hätte weinen können, so war mir zumute. Viele Treppen stiegen wir hinan, durch die stillen, schmalen Klostergänge folgten wir der Schwester. Ein paar Schwestern in ihrer schwarzen Nonnentracht begegneten wir. Sie huschten an uns vorbei und sagten leise: »Gelobt sei Jesus Christus!«
»Gelobt sei Jesus Christus!« sagte auch ich, ich, der ich im grünen Walde draußen meinem Gott am nächsten stehe! Aber dieser tiefe Frieden in diesen Klostermauern erschütterte mein Herz. Vor einer Tür blieben wir stehn.
»Hier liegt sie, aber bitte, seien Sie ruhig, leise und gefaßt«, sagte die Schwester bittend und drückte auf die Türklinke.
Ja, da lag sie in blütenweißen Linnen des Bettes. Über die Weiße des Bettzeuges fluteten ihre rotgoldenen Haare, die mein Entzücken und meine Pein gewesen waren.
Tief und groß und strahlend sahen mich ihre Augen an, sofort, als ich ins Zimmer trat, nein, als ich noch in der Tür stand.
Wie? Das sollte eine Sterbende sein? Waren in ihrem lilienweißen Gesicht die Wangen nicht von sanfter Rötung? Die Lippen, die sich so oft in glühender, verzehrender Leidenschaft an die meinen gepreßt hatten, nicht rot wie die Kirschen? Die Arme, die sie mir entgegenstreckte, nicht von derselben köstlichen Rundung, wie einst, da sie noch mein gewesen war?
»Du kommst, Du bist gekommen und hast mir verziehn«, sagte sie leise zu mir, so leise, daß es kaum bis zu mir hindrang. Ja, an dieser Stimme erkannte ich, daß sie krank, sterbenskrank war.
»Marianne«, sprach ich, trat neben das Bett und wollte mich auf die Knie niederlassen zu ihr. Da erklang plötzlich in dem kleinen, matt erhellten Raum ein Wimmern, ein Weinen. Ich fuhr zusammen und horchte. Wie ein Entsetzen durchfuhr’s mich. »Was, was ist das?« fragte ich fassungslos. »Ein Kind, ein eben geborenes Kind hier bei der Kranken?«
Erikas Hand legte sich ruhig, aber mit festem Druck auf meinen Arm.
»Fassung und Ruhe,« raunte sie mir zu, »vergessen Sie nicht, daß Sie eine Sterbende vor sich haben.«
»Mein Kind,« flüsterte Marianne, während ein unendlich glücklicher und trauriger Ausdruck ihre Züge überhauchte, »mein und dein Kind«, setzte sie verzagt hinzu und sah mich ängstlich an.
»Marianne!« schrie ich, nein, wollte ich aufschreien, hätte ich geschrien, wenn sich nicht rasch Erikas Hand auf meinen Mund gelegt hätte.
»Fassung und Ruhe«, sagte sie ernst zu mir. Ich stürzte vor dem Bette auf die Knie, Mariannens eine Hand streckte sich mir entgegen, die andere Hand legte sie mir auf mein Haar, und ich, ich verbarg mein Gesicht in ihrer Hand und stöhnte tief, tief auf.
Also ~das~ war’s! Das war ihre Flucht, ~das~ war ihr Verborgensein, das war’s, was ihr das Leben nun nahm.
»Marianne, Marianne«, ich konnte nichts anderes, als immer nur ihren Namen sagen. Und das Kindchen, ~mein~ Kind und ~ihr~ Kind, weinte kläglich, wie ein Häslein, das der Fuchs gepackt hat. Erika beugte sich zu der Wiege und nahm das Bündchen neues Leben in ihre Arme: Da beruhigte sich das Geschöpflein und schlief ein.
»Die dort soll seine Mutter sein, sie hat es mir bei Gott geschworen, sie wird ihr Wort doch halten?« sagte Marianne, auf Erika zeigend, zu mir, und blickte mich forschend an.
»Ich schwöre es hier vor dir und vor dem Vater dieses Kindes noch einmal, bei Gott im Himmel, der in das Herz von uns sieht: Ich will diesem Kinde eine Mutter sein, eine treue Beschützerin, darüber kannst du ruhig sein und ruhig schlafen, Marianne«, sagte Erika mit erstickter und doch mit einer so treuen, klaren Stimme, daß ein Schimmer des Glücks über Mariannens Gesicht glitt.
Und jetzt wandte die Sterbende den Kopf mir zu. Sie sagte nichts, aber ihre tiefen, schönen Augen, in die der kommende Tröster Tod schon den schönen Glanz ewiger Ruhe gedrückt hatte, taten stumm und doch so sprechend eine Frage an mich.
Ich war so erschüttert, daß ich erst gar nicht sprechen konnte. Erika legte mein Kind in meinen Arm. Ich küßte das liebe, schlafende Gesichtlein und sagte, während die Tränen mir aus den Augen stürzten, zu der mich forschend und mit dem Ernst des Todes anblickenden Marianne: »Ich erkläre dieses Kind für mein Kind; und damit es in den Augen der Menschen als ein ehrliches Kind gilt, und nie die Schmach und den Fluch fühlt, die man außerehelich geborenen Kindern zur Schande der ganzen Menschheit entgegenbringt, werde ich dieses Kind adoptieren und ihm meinen Namen geben. Ich leiste darauf vor der Mutter dieses Kindes, vor dir, Marianne, und vor Erika den Eid der über uns waltenden unsichtbaren Gottheit.«
Tief atmete Marianne auf. Sie lehnte sich in die Kissen zurück, und ein unendlich glücklicher Ausdruck verklärte ihr Gesicht. »Sie will schlafen«, sagte ich leise. Die Schwester war hereingekommen, beugte sich über das Bett und betete halblaut. Und während sie mit ihrer linken Hand der Schlafenden die Kissen ordnete, tauchte sie die Finger der rechten Hand in das an der Wand hängende, mit Weihwasser gefüllte kleine Becken, über dem der gekreuzigte Christus hing, und bespritzte das Gesicht der Schlafenden mit dem geweihten Wasser.
»Daß sie sich nicht erschrickt und aufwacht«, bat ich leise.
Da richtete sich die Schwester auf, wandte sich mir zu und antwortete mit ihrer sanften Stimme: »Sie schläft und wird erst aufwachen im Himmel oben.«
Und nun sah ich Mariannens Gesicht. Ich sah, daß sie tot war. Sie lächelte noch immer unendlich glücklich, aber das Lächeln war wie in weißen Marmor gegraben.
Marianne, Marianne!
Man ließ mich neben ihr niederknien. Kein Wort wurde gesprochen. Lange, lange sah ich mir ihr holdes Gesicht an. Wie sanft, wie friedlich, wie von innerem Glück verklärt sah es aus. Nichts mehr von der dämonischen Leidenschaft war in diesen engelsreinen, schönen Zügen.
O, Raffael Sanzio von Urbino, du gottbegnadeter Maler der holden Madonna della Sedia und der von St. Sixto, lebtest du noch, herbeirufen würde ich dich in diese Klosterkammer, und du fändest die schönste Madonna, die du malen könntest zur ewigen Unsterblichkeit auf Erden. Und du, edler Tiziano Vecellio aus dem kleinen verborgenen Pieve di Cadore, der du in unerreichter Schöne das goldenbraun gefärbte Haar der alten Römerinnen auf die Leinwand zaubern konntest, hier würdest du goldleuchtendes, niemals von Farbe berührtes Haar zu sehn bekommen, das dich, den Maler schönen Weiberhaares, in begeisterndes Entzücken versetzte. »Wir wollen sie nun schlafen lassen und sie nicht stören in ihrem ewigen Schlaf«, sagte die Nonne leise und legte über das Gesicht der Toten ein weißes Tuch.
Schwer erhob ich mich. Verstört blickte ich mich um.
»Und das Kind?« brachte ich endlich heraus.
»Für das sorgen wir«, sagte die Schwester.
Ich trat zu der Wiege hin. »Es ist ein Mädchen?« fragte ich. Erika nickte.
»Ach, du liebes Geschöpfchen, du wirst nie deine Mutter sehn. Um dir das Leben zu geben, hat sie ihr Leben hingegeben. War’s nicht besser, sie nahm dich mit in diese schöne, lächelnde Ruhe? Dich und auch mich zugleich? Nun muß ich es tragen, daß mein Kind der Mutter meines Kindes das Leben nahm. Und ich, ich bin an all dem schuld.«
»Kommen Sie«, bat Erika, die inzwischen alles leise mit den Schwestern besprochen hatte.
Ich folgte ihr wieder durch die vielen Gänge des Klosters nach, bis wir an die Pforte kamen. Lautlos trat eine Schwester vor und schloß die Pforte auf, sagte: »Gelobt sei Jesus Christus!«, und draußen auf der Straße stand ich mit Erika in der Frühlingsnacht.
Der vordem so starke Sturm hatte sich zu einem fast schwach zu nennenden Winde gemildert.
Der Himmel hatte sich aufgeklärt, man sah die Sterne flimmern. Aus jedem Garten, an dem wir vorüberkamen, klang der weiche, schöne Gesang einer Nachtigall, drang der aromatische Duft von Flieder und Jasmin.
Fast betäubend in meinem Burggarten.
Wir hatten unterwegs kein Wort zusammen gesprochen. Hier in dem Burggarten, wo ich schon so oft mit so viel Freude, mit so viel Leid gewesen war, blieb ich stehn.
Der ganze Schmerz um Marianne faßte mich hart an. Die ganze Verantwortung um das Kind stand mir vor Augen. Aber hätte jetzt jemand zu mir gesagt: »Ich will dir dein Kind abnehmen, ich gebe dir dein Kind nicht«, — wie ein Wolf hätte ich ihn angefallen und um das Kind mit ihm gekämpft. So groß war meine Liebe für das liebe, arme Geschöpflein, das ich kaum ein paar Minuten in meinen Armen gehalten hatte. Aber es war ~mein~ Kind; es war ~Mariannens~ Kind. Wie nennen doch die Menschen solche Kinder? Kinder der Sünde! O, ihr ruchlosen Menschen, wie könnt ihr solche Geschöpflein Kinder der Sünde nennen! Eure Zunge müßte im Gaumen verdorren, wenn ihr das aussprecht! Schlimmer seid ihr, die ihr verächtlich auf solche Kinder herabseht, schlimmer als die wildesten Bestien seid ihr! Die wildeste Bestie kennt kein Kind der Sünde. Die wildeste Bestie kennt nur ihr Kind. Nein, frei will ich mich zu dem Kinde bekennen. ~Mein~ Kind ist es! Jeder soll es hören, der es hören will!
O, schon jetzt sah ich die Kleinkrämer des Städtchens höhnisch lächelnd ihre Kleinkrämernasen rümpfen! Rümpft sie nur, ihr Kleinkrämerpack! Über ~mich~ könnt ihr eure Nasen rümpfen, wehe aber, wenn ihr Mariannen, die Mutter dieses Kindes, oder mein Kind verunglimpft! »Erika,« wandte ich mich an das stumm neben mir stehende Heidkönigstöchterlein, »Sie haben es Mariannen versprochen, ihrem Kinde eine treue Mutter zu sein?«
»Ich habe es ihr versprochen und will mein Versprechen halten. Fragen Sie nichts mehr«, bat sie plötzlich und hob ihre Hände bittend gegen mich. Sie weinte. Weinte ganz still und leise, und ich sah, wie ihr die Tränen aus den Augen strömten.
»Gut, Erika, Sie sollen keine weitere Frage von mir hören. Aber dankbar werde ich Ihnen sein, wenn Sie sich meines Kindes annehmen wollen.«
Oben stürzte uns Fräulein Bartel entgegen.
»Haben Sie Marianne gefunden?« rief sie. Sie war ~doch~ ein guter Mensch, denn man hörte die Angst aus ihrer Stimme deutlich heraus.
»Ja, wir haben sie gefunden«, sagte ich. »Weiß sie das andere, ich meine das mit dem Kinde, schon?« wandte ich mich an Erika. Die schüttelte schluchzend ihren Kopf.
»Marianne ist tot, Fräulein Bartel ...«, sagte ich.
»Gott im Himmel!« schrie sie laut auf.
»Ja, Marianne ist tot, sie ist an der Geburt eines Kindes, eines Mädchens, gestorben.«
Mit großen, geradezu entsetzten Augen sah sie mich an. Ich winkte ihr, still zu sein. Allein wollte ich sein.
»Gute Nacht, Fräulein Bartel, und gute Nacht, liebe, liebe Erika. Nicht wahr, Sie sehn morgen früh gleich nach dem Kinde?« Sie nickte stumm. Sing’ dein Trauerlied zur stillen Frühlingsnacht, liebholde Nachtigall!
Marianne ist tot.
Du kanntest sie ja. Oft ist sie, wenn du sangest, an deinem Fliederstrauche stehn geblieben, die Blumen dufteten, es duftete ihr goldrotes Haar, in dessen seidenen Wellen das weiße Mondlicht spielte.
Ja, singe ein Trauerlied. Ich stehe hier am Fenster und höre dir zu und lasse die Vergangenheit an meinen Augen vorübergehn. Von dem goldenen Haare aber behalte ich mir eine Strähne. Die wird dann leuchten wie eitel Feuergold, wenn ich sie herauslege zur Vollmondstunde im Mondessilberglanz.
Marianne: Leid und Lust bist du mir gewesen. Soll ich richten jetzt, ob größer das Leid, ob größer die Lust?
Mit Wonne ist Leid verknüpft, nie ist es anders. Die Wonne allein ist Menschen nicht beschieden.
Das Leid ist unser Gefährte. Nur wie ein toller Bub kommt gesprungen und ist fort wie ein Bub des Augenblicks die Wonne. So also sieht die Freiheit von den goldenen Fesseln aus? Lange wird es dauern, ehe ich mich der Freiheit erfreuen werde.
Das rote Gold der Flechten war zu schön.
Zu schön der weiße Leib, den man so bald nun in die tiefe Erde senken wird.
Aber wir sollen doch Erde werden. Wir ~sind~ doch von Erde und sollen doch Erde bleiben.
O liebe Erde, den schönsten Menschenleib sollst du so bald erhalten.
Sei ihm ein treuer Mutterschoß und laß Veilchen nur aus jener Stätte sprießen.
Soeben kommt Erika aus dem Kloster zurück. Sie sagt mir, daß für das Kind gesorgt sei.
»Ich will’s aber doch so bald als möglich in die Oberförsterei nehmen, Erika.« Sie sieht zur Erde und sagt kein Wort. Dann spricht sie: »Auch ich halte es für das beste.«
»Ach, Erika, was müssen auch ~Sie~ unter dem allen leiden. Sie, ein unschuldiges Kind der Heide! Kaum setzen Sie den Fuß in die Welt hinaus, so tritt der Welt Sünde an Sie heran«, sagte ich herzlich zu ihr und faßte ihre Hände warm und fest mit den meinen.
»Der Welt Sünde, aber noch mehr der Welt Unglück, und im Unglück müssen die Menschen doch einander beistehn so gut, als sie können. Auch bindet mich das Versprechen, das ich der Toten gab.«
»Werden Sie bei mir bleiben?« fragte ich zaghaft.
»Ich weiß nicht, was ich tun darf; mein Vater wird bestimmen«, erwiderte sie leise.
»Sie wollen alles Ihrem Vater sagen, Erika?«
»Ja, alles«, sagte sie ruhig. »Er kommt in den nächsten Tagen und will mich abholen, in die Heide zurück.«
»Und ~wird~ Sie in seine keusche Heide mit sich nehmen, ich weiß es, Erika. Ja, ich weiß es. Ihr Vater kann nicht anders handeln, und töricht war meine Frage, ob Sie hier bei dem Kinde Mariannens bleiben wollen. Ich muß ~allein~ sehn, wie ich es in Zukunft machen, wie ich mein Kind mir erhalten soll. Allein, allein!«
»Ich will das Kind mit mir in die Heide nehmen, wenn Sie’s mir anvertrauen«, sagte sie sanft. »Solange will ich’s behalten, bis Sie es bei sich haben können.«
»Erika! ~Das~ wollen Sie tun! Wie soll, wie kann ich’s Ihnen danken!«
Wie ein Jubelschrei brach’s von meinen Lippen. Ja, in die Heide soll mein Kind, in die Heide zur Heidkönigstochter! Die schwere Sorge der nächsten Zeit um das mutterlose Geschöpf will mir Erika, das Heidekind, abnehmen.
Ich hätte ihr die Hände küssen können.
Aber mein innerer Jubel galt nicht dem Kinde allein. Wenn mein Kind bei ihr im Heidhofe ist, würde ich, mußte ich ja Erika wiedersehen. Blieb mit ihr in steter Verbindung — ein Herz würde weiter für mich schlagen, das zu verlieren die schreckliche Angst der letzten Stunden für mich gewesen war.
Die Stunde ist da, in der man Marianne ins Grab legt.
Ich ging mit Erika und Fräulein Bartel am frühen Morgen ins Kloster.
Weil ich noch einmal, zum letztenmal das Gesicht der Toten sehn wollte.
Die mir im Leben so nahe stand. Von deren Leibe und Seele ein Kind mein eigen ist.
Nach der Beerdigung will ich das Kind gleich mitnehmen zu mir, um mich als Vater zu ihm zu bekennen, eintragen zu lassen als Vater und die Kleine zu adoptieren.
Ich sehe es an den Leuten, die uns begegnen, daß man schon etwas weiß in der Stadt.
Man sieht mir nach, man kriecht in die Haustür zurück, man grüßt mich ersichtlich verlegen und erstaunt. Aber mancher auch herzlich und warm.
Im Kloster schleichen die Schwestern scheu an mir vorbei.
Verlegen, kaum hörbar klingt ihr Gruß: »Gelobt sei Jesus Christus.«
Was sind mir die Grüße der Menschen!
Für anderes habe ich zu sorgen und zu denken. Früh sind wir gekommen, gottlob, so haben wir die Tote noch für uns allein.