Part 6
Besonders interessant sind jene Dokumente, die angeblich authentische deutsche Originalaufnahmen bringen, während es sich tatsächlich um französische Fälschungen schlimmster Art handelt. Durch alle Blätter bei uns ging ja jene Illustration, die drei deutsche Offiziere mit ihrem „Raub aus französischen Schlössern“ zeigte, in Wirklichkeit die Abbildung dreier Kavallerieleutnants, die sich nach einem Herrenreiten mit den drei gewonnenen Preisen hatten photographieren lassen; der Hintergrund war vorsichtig wegretuschiert worden. Auf eine andere Fälschung aus dem „Matin“ (der überhaupt kaum zu überbieten ist) machte kürzlich der „Kunstwart“ aufmerksam: das Blatt hatte eine Aufnahme eines Berliner Photographen benutzt, die den Kaiser und den Kronprinzen in freundlichem Gespräche vorführte. Der „Matin“ fälschte nun in das Original verschiedene „Kleinigkeiten“ hinein und dann wurde der nötige Text zu dieser Fälschung fabriziert: ~„Explication orageuse des deux Willies. Les officiers de la suite sourient ironiquement.“~ Noch toller aber ist, was sich das Blatt „L’Intransigeant“ kürzlich geleistet hat; es brachte eine Gruppe hoher deutscher Offiziere mit ausgesprochen tieftraurigen Gesichtern, alle Mienen verraten Niedergeschlagenheit und Mutlosigkeit. Die Unterschrift: „Offiziere des deutschen Großen Generalstabes beim Rückzug nach einem mißglückten Angriffsversuch.“ Die Photographie war allerdings vollständig Original und auch nicht gefälscht. Aber man sah in dem französischen Blatte die Figuren nur bis etwa zu den Knien, die #ganze# Aufnahme zeigte nämlich die so traurigen und kopfhängerischen deutschen Offiziere bei der Beerdigung eines auf dem Felde der Ehre gefallenen Kameraden!
Bei all diesen Hetzereien passieren auch originelle Schnitzer. Das „Journal“ brachte im Januar mit der nötigen Entrüstung eine Abbildung aus der „Jugend“: Kitchener als Frosch mit den Händen in einer blutigen Masse hingemordeter Menschen wühlend. Man hoffte wohl auf die Entrüstung der gekränkten Engländer. In Wirklichkeit handelte es sich aber um eine -- französische Karikatur der „Assiette au Beurre“ aus der Zeit des Burenkrieges (wie die „Jugend“ auch richtig angegeben hatte).
Abbildung 76 zeigt eine Karikatur von #L. Métivet#, die in der letzten vor dem Kriege ausgegebenen Nummer von „Le Rire“ veröffentlicht worden ist. Sie bezieht sich auf die berühmte „Stiefeldebatte“ in der französischen Kammer, die sich um die mangelhafte Ausrüstung des Heeres drehte und über die ja in deutschen Witzblättern zahlreiche Satiren veröffentlicht wurden. Der Soldat ist in Betrachtung seiner beiden Füße versunken, deren einer bekleidet, deren anderer unbekleidet ist, und fragt verwundert, welcher nun eigentlich der „Kriegsfuß“ sei. Die Kritik des eigenen Heeres spielte in französischen Witzblättern ja überhaupt immer eine große Rolle, wenn sie auch ganz anderer Art war, als jene harmlosen Scherze, mit denen deutsche Witzblätter über den bisweilen etwas zu großen Schneid unserer Offiziere in liebenswürdiger Weise spotteten. Besonders die Zeichnungen von #Jossot# lassen an Schärfe nichts zu wünschen übrig; sie üben an der ganzen #Organisation# des französischen Heeres eine ätzende Kritik.
Es ist eigentlich jammerschade, daß das bedeutendste französische Witzblatt (und man kann wohl sagen: die bedeutendste Karikaturen-Zeitung der Welt überhaupt), die „Assiette au Beurre“ bereits vor mehreren Jahren ihr Erscheinen eingestellt hat. Es wäre doch sehr wichtig gewesen, gerade sie unter der Kriegsliteratur vertreten zu sehen. -- Und dabei denkt man unwillkürlich ein bis zwei Jahrzehnte zurück, an die Zeit, als sich die ganze Schärfe des französischen Witzes mit aller Wucht und allem Haß gegen die jetzigen Verbündeten Frankreichs, die Briten, wandte, als sogar Sondernummern gegen die Engländer herausgegeben wurden, wie namentlich zur Zeit des Burenkrieges. Derselbe #Willette#, der sich heute in gehässigen Kartons gegen die deutschen „Barbaren“ nicht genug tun kann, brachte damals ein Blatt, auf dem der Tod die abgemagerte Britannia davonträgt. Darunter stand zu lesen: „Der Tag, an dem das perfide Albion verreckt, wird ein Freudentag der Menschheit werden!“ -- Aber auch später haben die Pariser Witzblätter sich noch weidlich über England lustig gemacht. So nach den letzten englischen Manövern, die wegen totalen Wirrwarrs und weil niemand mehr ein und aus wußte, schließlich abgebrochen werden mußten. -- Vielleicht ist die Zeit nicht allzu fern, wo sich die Stifte der französischen Zeichner wieder gegen jenen Feind wenden werden, der die Ursache der „Schmach von Faschoda“ war. Dann wird Frankreich einsehen, wie treffend die Situation jene als Abbildung 74 wiedergegebene Karte charakterisiert, die aus dem deutschen Großen Hauptquartier im Westen stammt. Frankreich erntet eben die Früchte seiner Revanchepolitik und wird wohl schließlich die Hauptzeche zahlen müssen, wenn die Engländer die Absicht haben, bis zum letzten Franzosen zu kämpfen.
[Abbildung: ~LE SILENCIEUX: JOFFRE~
~Abb. 76. Métivet: Welches ist denn nun der „Kriegsfuß“?~
~(Le Rire, Paris, Juli 1914.)~]
[Abbildung: ~Abb. 77. Charles Léandre, Le Silencieux: Joffre. Il ne dit rien, mais chacun l’entend.~
~(Le Rire Rouge, Paris.)~]
Eine andere Karte mit französischem Text hat das deutsche Große Hauptquartier im Westen sich von #Trier# zeichnen lassen. Sie zeigt einen Engländer, der im Blute watet und die darin ertrinkenden Franzosen mit folgenden Versen anredet (dieser Engländer scheint übrigens eine Ausnahme zu sein, denn die wenigsten, nicht einmal Herr Grey, beherrschen eine andere Sprache, als die englische):
~Dans ce sang, versé pour me plaire, Vous vous noyez? Goddam, tant pis! Rappelez-vous, ce que Voltaire, Un des vôtres, un très fin esprit, A dit de l’histoire d’Angleterre; „On y voit“, pretend ce grand homme, „Le sang couler comme de l’eau, Elle pourrait aussi bien en somme, Etre écrite par un bourreau!“~
(In diesem Blute, vergossen für mich, Ertrinkt ihr? Goddam, um so schlimmer! Euer Voltaire, denket dran, sicherlich Ein geistvoller Kopf, doch ein grimmer, Über Englands Geschichte äußert er sich, Der Spötter, der große, man sehe dort Wie Wasser fließen das rote Blut, Geschrieben sein könnt’ sie, mit einem Wort, Von Henkershand ebensogut!)
[Abbildung: ~Abb. 78. E. Tap: Joffre, der treue Wächter.~
~(La Guerre sociale, Paris.)~]
[Abbildung: ~Abb. 79. Manfredini: Suprême serment. Schwöre mir, Otto, daß du mich nicht mit einer Französin betrügen wirst.~
~(Le Rire rouge, Paris.)~]
Als Ersatz für die nicht mehr erscheinenden Witzblätter mußten in den ersten Kriegsmonaten Ansichtskarten herhalten, die auf den Boulevards zu Tausenden gekauft wurden. Sie sind noch viel schlimmer als die deutschen „Ulkkarten“ aus den ersten Monaten des Krieges, und das will doch gewiß viel heißen! Irgend etwas Geistvolles bringt diese schmutzige Wut nicht fertig. Man sieht den deutschen Kaiser, dem täglich ein Glas Blut frischgeschlachteter Kinder serviert werden muß (der „Künstler“ nennt sich #P. Carrère#); sieht den Kaiser in der Uniform der Totenkopf-Husaren ein Kind als Zielscheibe festhalten, während ein „Boche“ mit kupferroter Nase es totschießt, auf einer andern den Kaiser vor der Bibel betend, während ein deutscher Soldat mit einem Schwein daneben auf einen Priester schießt (die letzteren beiden Karten sind erschienen bei La Litho Parisienne, 27 rue Corbeau; der Zeichner führt den urfranzösischen Namen #Muller#). Es wäre ganz verkehrt, diese Absurditäten tragisch zu nehmen und sich sittlich darüber zu entrüsten, sie sind unsagbar dumm; höchstens kann man bedauern, daß ein hochkultiviertes Volk so tief sinken konnte. Dann gibt es Karten mit dem abgehackten Kopf eines Deutschen als ~„Plat du jour“~ und solche mit allen möglichen Schandtaten, die die Boches verüben. Wie traurig muß es um ein Volk bestellt sein, das zu solchen Mitteln greift! Das alles ist ja nun eigentlich nicht neu. Wer die Ausstellung von Kriegsliteratur der Jahre 1870/71 besichtigt hat, die die Berliner Kgl. Bibliothek kürzlich veranstaltete, der hat sich überzeugen können, daß es auch vor vierzig Jahren nicht anders war, und daß die Bezeichnung Hunnenfürst für den Repräsentanten des deutschen Kaisertums schon damals gang und gäbe war. Da heißt es in einem Erlasse: ~„Les hordes barbares de l’Attila moderne égorgent, violent, brûlent et saccagent tout dans nos plus riches départements; ils osent menacer Paris, la ville sainte, la capitale du monde civilisé.“~ Und auch gegen den deutschen „Militarismus“ wurde schon damals für „Freiheit und Zivilisation der Welt“ gefochten; Napoleon ~III.~ ermahnt in einem Erlaß vom 28. Juli 1870 seine Soldaten: ~„La France entière vous suit de ses voeux ardents et l’univers a les yeux sur vous. De nos succès dépend le sort de la liberté et de la civilisation.“~ Und auch von den Grausamkeiten der Deutschen war schon damals die Rede. Ein Manifest vom 18. Januar 1871 sagt wörtlich: ~„L’ennemi tue nos femmes et nos enfants, il nous bombarde jour et nuit, il couvre d’obus nos hôspitaux.“~[1] Und daß die französischen Schulhefte als Titelblätter vor dem Kriege Hetzbilder gegen die Deutschen brachten, ist uns ja wohlbekannt. In dem gleichen Stile bewegen sich jene Karikaturenhefte, die zu billigem Preise in Paris verkauft werden. Man hat das Gefühl, als ob dieser wahnsinnige Haß allein noch die verschiedenen Parteien in Frankreich zusammenzuhalten vermag. Ein solches Album ist beispielsweise bei Ollendorff in Paris unter dem Titel „Boches“ erschienen. (~Boches! Deutschland unter alles.~ Von Ricardo Florès. Preis 60 Centimes, Ollendorff Editeur, Paris. 16 Seiten in Großquart.) Abbildung 75 führt eine verhältnismäßig harmlose Seite daraus vor. Die übliche Ungenauigkeit der Franzosen bei Darstellung deutscher Verhältnisse zeigt sich auch hier wieder: Sie kennen nicht einmal den Namen des Generaldirektors der preußischen Museen (der übrigens sprechend unähnlich dargestellt ist). Die übrigen Tafeln zeigen die bekannten Darstellungen von Plünderung, Raub, Kindermord usw.
[1] „Schlagworte“, Aufsatz von Rudolf Friedmann in der „Vossischen Zeitung“ vom 2. Januar 1915.
[Abbildung: ~Abb. 80. Teddy: Conseil de Revision.~
~„Un rein flottant ...; mais c’est parfait, on va vous mettre dans la marine!“ (Eine flutende (Wander-) Niere ...; das ist ja ausgezeichnet, da kommen Sie zur Marine!)~
~(Le Rire rouge, Paris.)~]
[Abbildung: „Da bleibt nur viererlei übrig: Hungertod, Selbstmord, sich gegenseitig auffressen, oder die Rettung durch einen deutschen Bergführer.“
~Abb. 81. Willy Stieborsky: Verstiegen.~
~(Die Alliierten auf dem Balkan.)~
~(Muskete, Wien.)~]
[Abbildung: ~Abb. 82. Rata Langa: Uccidiamo il militarismo.~
~(L’Asino, Rom.)~]
Zu den widerlichsten Veröffentlichungen Frankreichs gehört das im Verlage der „Librairie de l’Estampe“ erschienene ~„La ‚Kultur‘ Germanique en 1914/15“~. Blättert man diese vierzehn Zeichnungen durch, so fragt man sich unwillkürlich: Gibt es denn in ganz Frankreich keinen Menschen, der diese sinnlosen Roheiten öffentlich an den Pranger stellt? Auf dem Umschlag eine abgehackte, beringte Frauenhand und im Innern Darstellungen von Mord, Schändung, Vergewaltigung und den widerlichsten Grausamkeiten. Ein Volk, das solche Gemeinheiten duldet, hat wahrlich kein Recht, von andern als Barbaren zu sprechen. Wie weit sich aber in der französischen Presse die Schamlosigkeit offenbarte, dafür ist eine Karikatur von #Maxa# in dem so viel genannten „Matin“ vom 26. Januar ein charakteristisches Beispiel. Die „Frankfurter Zeitung“ bemerkt dazu treffend: „Der Pariser ‚Matin‘, der nicht auf den Krieg gewartet hat, um sich im Urteil der ganzen Welt einschließlich der damals noch etwas urteilsfähigeren öffentlichen Meinung Frankreichs selber als den Schandfleck der europäischen Presse zu dokumentieren, fürchtet jetzt offenbar, daß es irgendwo in der Welt noch jemand geben könnte, der an seinem völligen Verzicht auch auf den letzten Funken von journalistischem Anstandsgefühl zweifelt. In der Tat, nur als verzweifelte Bemühung der Schamlosigkeit, sich selbst zu übertreffen, ist das Bild zu verstehen, das der ‚Matin‘ in seiner Nummer vom 26. dieses Monats veröffentlicht, und das in den Zügen eines Affen den greisen Kaiser von Österreich erkennen lassen will. Die Infamie der bildlichen Darstellung aber ist noch gesteigert durch die Bezeichnung ~‚L’Increvable‘~, für die es weder im Deutschen, noch in der Sprache irgendeines Menschen, dem die Würde des Alters nicht als geeigneter Gegenstand scheußlichster Verhöhnung erscheint, eine dem gemeinen Gedanken entsprechende Übersetzung gibt. Der Geist, der aus diesem Schandprodukt spricht, ist im übrigen würdig des Blattes, das jetzt im Begriff ist, mit der Veranstaltung einer Volksausgabe (!) des französischen Greuelberichts ein Geschäftchen zu machen, zu dessen Hintertreibung sich der Pariser Rechtsgelehrte Charles Gide nicht umsonst gerade an den Senator Béranger in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Liga für die Bekämpfung der Pornographie gewandt hat.“ -- Manchmal hat der „Matin“ auch Pech gehabt, wie mit seinem „Dardanellen-Thermometer.“ Als die Beschießung der Meerengen durch die Alliierten begann, erschien im „Matin“ ein „Thermometer“ von der Hand der Verbündeten gehalten. Unten lag Kum Kaleh, oben Konstantinopel, dazwischen die andern Orte der Dardanellen. Dieses Klischee sollte täglich gebracht werden und zeigen, wie die Quecksilbersäule immer höher steigt (durch das Feuer der Alliierten!), bis sie schießlich Konstantinopel erreichen würde. Aber schon am dritten Tag blieb das schöne Klischee aus den Spalten des „Matin“ wieder weg: die Quecksilbersäule war zu tief gefallen.
[Abbildung: ~Abb. 83. Sacha Guitry: Die beiden Kaiser.~
~(Le Journal, Paris.)~]
[Abbildung: ~Abb. 84. Die „Permissions de quatre jours“.~
~Französische Karikatur auf den viertägigen Urlaub, den die Truppen im Interesse der Volksvermehrung erhalten und auf die sich darauf beziehenden Vorbereitungen der Pariser Damenwelt.~]
[Abbildung: ~Abb. 85. Djilio: Les Retraites.~
~(Le Rire rouge, Paris.)~]
Seit November 1914 erscheint „Le Rire“ wieder und zwar unter dem Titel „Le Rire rouge“ als Kriegsausgabe, nachdem dieses bedeutende französische Witzblatt kurz nach Ausbruch des Krieges, wie schon erwähnt, sein Erscheinen eingestellt hatte. Die erste Nummer zitiert Henri Lavedans Ausspruch: ~„Le soldat français rit, partout. C’est une de ses manières.“~ Und dann heißt es weiter in der Ansprache an die Leser, die das Wiedererscheinen in so ernster Zeit rechtfertigen soll: „~Le Rire ne sera pas le fou Rire, mais le Rire rouge.~ In der jetzigen tragischen, aber ungeheuer ruhmvollen Zeit, die wir erleben, ist Le Rire alles andere als unangebracht, im Gegenteil sehr notwendig; wieviel Wahrheiten müssen gesagt werden, wieviel Heldentaten von den Meistern der Satire und der Zeichnung festgehalten werden! Und was besonders Wilhelm ~II.~ betrifft (die Adjektiva sind hier in der Übersetzung weggelassen), muß nicht gerade #er# mit dem roten Eisen der Karikatur gezeichnet werden? Dieser Aufgabe werden sich unsere Mitarbeiter mit allem Eifer und allem Talent und aller patriotischen Begeisterung widmen usw. usw.“ Nicht immer scheint übrigens die Redaktion mit der Zensur Glück gehabt zu haben; schon in der zweiten Nummer beklagt sie sich darüber, daß ihr ~„deux admirables dessins de Willette“~, mit denen sie den Haß gegen die ~„massacreurs des femmes et tueurs des enfants“~ nähren wollte, gestrichen worden sind, aber die folgenden Nummern enthalten noch genug Roheiten, so daß die Redaktion nicht allzu viel Grund hat, sich über die Zensur zu beklagen. Hin und wieder erscheinen allerdings immer noch leere Flächen an den Stellen, wo das Blatt verkleinerte Abbildungen aus den Witzblättern des Auslandes bringt, übrigens sehr unparteiisch und bewundernswerterweise auch solche deutsche Karikaturen, die Frankreich in sehr derber Weise verhöhnen. So gibt es gleich in der ersten Nummer zwei leere Flächen mit der Unterschrift ~„Simplicissimus, Munich“~. Sieht man nun von den Geschmacklosigkeiten des Inhalts ab, so muß man doch, wenn man gerecht sein will, anerkennen, daß künstlerisch „Le Rire Rouge“ auf einer höheren Warte steht. Kein Wunder: die bekanntesten und bedeutendsten Karikaturisten Frankreichs haben sich hier ein Stelldichein gegeben: #Fabiano#, #Faivre#, #Gerbault#, #Guillaume#, #Léandre#, #Métivet#, #Steinlen#, #Willette# usw., also auch ein großer Teil von denen, die früher an der „Assiette au Beurre“ mitgearbeitet haben. Mit dem Text sieht es natürlich böse aus: fast alles läuft auf eine Verhöhnung Deutschlands, besonders des Kaisers und des Kronprinzen, hinaus, und von dem berühmten französischen Esprit ist nicht viel zu spüren. Wie weit der Haß geht, und daß er auch vor den Kindern der Deutschen nicht Halt macht, davon möge die nachstehende Übersetzungsprobe ein Bild geben. Was werden wohl später die Franzosen sagen, wenn sie solche Roheiten wieder hervorholen; werden sie sich nicht selber schämen? Die Geschichte nennt sich ~„La Noël des petits Boches“~:
#Weihnachten bei den kleinen Boches.# „Gut,“ sagte der liebe Gott zum Weihnachtsmann, „dies Jahr brauchst du dir augenscheinlich keine Sorgen zu machen; aus Amerika schickt man von allen Seiten Puppen für die kleinen Kinder in Frankreich, Belgien, England, Rußland und Serbien. Du kannst sie nun verteilen und hast es nicht nötig, auf den Lagern Umschau zu halten.“ -- „Das ist alles ganz schön,“ antwortete der Weihnachtsmann, „aber es bleibt mir doch noch weitere Arbeit, wenn es auch nicht gerade die angenehmste ist ... Du wirst es begreiflich finden, daß niemand in der Welt daran gedacht hat, Puppen für die kleinen Boches zu schicken. Ich muß aber auch ihnen etwas bringen, denn das ist meine Pflicht.“ -- „Geh zum Teufel (wenn es mir erlaubt ist, mich so auszudrücken)“, schrie der liebe Gott und stieß mit einem Fausthieb die Wolken weg, die ihm als Kissen dienten, so daß die Barometer in allen Ländern anfingen zu fallen, „ich will mit diesen Wilden und ihrem Auswurf nichts mehr zu schaffen haben!“ -- „Aber, lieber Vater, wie soll ich mir die Puppen besorgen?“ -- „Mach das, wie du willst; ich will mit der Sache nichts mehr zu tun haben!“ -- Der Weihnachtsmann war sehr verstört, als er den lieben Gott verließ; er wußte nicht, was er nun anfangen und woher er die Puppen für die kleinen Boches nehmen sollte. Plötzlich schlug er sich an die Stirn. Warum war er auch nicht eher auf die Idee gekommen? Warum hatte er nicht schon früher daran gedacht, daß die Boches ja einen Gott für sich haben; sicher würde ihm dieser alte gute Gott die notwendigen Puppen nicht verweigern. Und er suchte und fand ihn zwischen grauen und schweren Wolken, die über der Provinz Brandenburg hingen. Dort trug er ihm sein Ersuchen vor. „Zum Teufel!“ schrie der alte gute pommersche Gott. „Du hast gut reden!... Übrigens habe ich deinen Besuch schon erwartet. Die Puppen sind fertig und eingepackt. Unser Michael wird dir die Lieferung übertragen; es ist alles erstklassige Ware, ~made in Germany~.“ Sankt Michael führte den Weihnachtsmann mit verbundenen Augen zwischen vier Trabanten hindurch in ein Magazin, wo er ihm die Pakete aushändigte, die in schwarz-weiß-rotes Papier gepackt waren. Der Weihnachtsmann zog wieder ab, bis zur Himmelsgrenze von den vier Satelliten bewacht, die ihn nicht aus den Augen ließen. Dann begann er seine Reise und ließ die Pakete in die Schornsteine fallen. Oft mußte er sich die Nase zuhalten, denn aus den Essen drang der ekelhafte Geruch von Sauerkraut und Würsten und der noch üblere Duft der Boches. -- Am nächsten Morgen aber klatschten die kleinen Boches vor Freuden in die Hände, als sie die Sendungen in den deutschen Farben erhielten. Und noch mehr freuten sie sich, als sie die Pakete geöffnet hatten und die schönen Puppen sahen. Das waren auch wirklich wundervolle Puppen! So herrlich, wie sie sie noch nie vorher bekommen hatten; sie stellten im kleinen ein vollständiges Abbild jener Art von Menschlichkeit dar, die ihre Papas zu verwirklichen sich bemühten: der einen Puppe war der Kopf gespalten, der anderen die Hände abgeschnitten, wieder einer anderen die Augen ausgestochen, und einer war der Bauch aufgeschlitzt. Es gab nicht eine einzige, die nicht sorgfältig verstümmelt worden war. -- Und die kleinen Boches, aufs höchste erfreut und entzückt, drückten mit Freudentränen in den Augen ihre Puppen an die Brust und riefen: „Gott mit uns! Deutschland über alles.“ --
Diese Probe dürfte vollauf genügen, und wir brauchen nicht erst noch auf den ~„Carnet de Route de Fritz Schweinmaul“~, den ~„Dentiste Boche“~ und ähnliche „Scherze“ einzugehen. Der Inhalt beschäftigt sich sonst mit den üblichen Angriffen gegen den Kaiser und Kronprinzen, welch letzterer mit allen möglichen Gegenständen verschwindet, sogar mit dem Schachbrett Napoleons. Unterschrift: ~„Non content d’avoir volé le jeu d’échecs de Napoléon le kronprinz collectionne aussi les échecs sur les champs de bataille.“~ Sehr eingehend beschäftigt sich „Le Rire rouge“ auch mit dem deutschen „Gretchen“, das für ihn die Repräsentantin der deutschen Frau ist, ein plumpes, fettes, ungeschlachtes Weib mit Bammelzöpfen und oft mit Brille (Abb. 79). Auf diesem Bilde treten auch, wie figura zeigt, wieder die obligaten Würste als Attribute des Deutschen in Aktion, die wir schon auf den englischen Karikaturen zu bewundern Gelegenheit hatten. Im Gegensatz dazu wird die Französin als vornehm und mondän gezeichnet, zum Beispiel in einem Bilde von Fabiano ~„Flirt 1914“~, auf dem eine elegante Pflegerin einem verwundeten Senegalesen zärtlich die Hände streichelt, während ein im Nebenbette liegender Franzose sich dieser Bevorzugung nicht erfreuen darf.
[Abbildung: ~Abb. 86. L. Vidaillet: Die Drückeberger in Frankreich.~
~„Nun schlagen wir uns schon über ein Jahr!“ -- „Ja, wie die Zeit vergeht!“~
~Französische Karikatur aus „Le Rire Rouge“.~]
[Abbildung: ~Abb. 87. Marcelle Arnac: Das harte Brot.~
~Französische Karikatur auf die angebliche Ungenießbarkeit des deutschen K-Brotes.~]
[Abbildung:
LE BARBIER DE CET’VILLE
_Avec un impeccable maestria, Auguste exerce en plein vent ses fonctions de Figaro._
_Son Salon de Coiffure extrarudimentaire est simple et de bon goût._
_Une couverture protège les clients contre les morsures de l’aigre bise qui disperse aux quatre coins du camp les toisons multicolores. Les glaces sont absentes, les frictions et les schampoings sont passés à l’état de légende, mais Auguste a tourné la difficulté. Il a lancé la coupe “Aux Enfants Captifs” qui transforme les cranes en une superbe boule de billard._
~Abb. 88. Federzeichnung aus „Le Héraut“.~
~Zeitung der französischen Gefangenen in Zossen bei Berlin.~]
[Abbildung: ~Abb. 89. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Russen.~
~Nach einem Original-Aquarell.~]
[Abbildung: ~Abb. 90. Gorrier und Billau (Gefangene im Lager von Zossen): Karikatur auf die mitgefangenen verbündeten Engländer.~
~Nach einem Original-Aquarell.~]