Die Karikatur im Weltkriege

Part 5

Chapter 53,215 wordsPublic domain

Den „#Dachshund#“ (das Wort ist ganz in den englischen Sprachgebrauch übergegangen) findet man häufig als „Vertreter“ Deutschlands. Besonders in England und Amerika treffen wir die Dackel in Scherzbildern, die sich mit deutschen Angelegenheiten befassen. Die „Fliegenden Blätter“ könnten gelb werden vor Neid! So zum Beispiel in dem Karton von #Jack Walker# aus dem „Daily Graphic“ in London (Abb. 55). Das war noch zur Zeit, als man in England seine Hoffnung auf die russische Dampfwalze gesetzt hatte. Aber wir haben die vom Zeichner ironisch aufgestellte Warnung ~„Beware of steam roller“~ („Achtung, Dampfwalze!“) befolgt, wenn auch in anderer Weise, als den Engländern lieb war. Das gleiche Thema behandelt, künstlerisch aber weit bedeutender, die Zeichnung von #Marcel Bloch# in der „Guerre sociale“ (Abb. 57). Mit innigem Behagen und einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit gegen unser Heer und seine Führer im Osten betrachten wir diese Blätter heute, wo längst der Große Bär in den Wendekreis des Krebses getreten ist, oder, um deutsch zu reden, Rußland kehrt gemacht hat und immer weiter nach Osten weicht.

[Abbildung: ~Abb. 57. Marcel Bloch: Die russische Dampfwalze.~

~(La Guerre sociale, Paris.)~]

Einen Dackel zeichnet auch #Sidney Greene# (Abb. 56); er hat sich reichlich übernommen. Aber die Dackel sind ja kluge Tiere: er wird mit den vielen Knoten (Knoten im doppelten Sinne) schon fertig werden! Die Dackel folgen bekanntlich nie. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb uns die Engländer so darstellen: wir sind ja ihren Wünschen auch nicht gefolgt. Englische und französische Überpatrioten hatten am Anfang des Krieges verlangt, man solle die (besonders in England viel gehaltenen) Dackel als ~„boches“~ töten und ausrotten. Dann erfuhr der „Dachshund“ aber eine „Ehrenrettung“ durch „Daily Mail“, die herausbrachte, daß sich Dackel schon auf altägyptischen Denkmälern dargestellt finden.

[Abbildung: ~Abb. 58. Bryans Entwicklung zur Friedenstaube.~

~Amerikanische Karikatur.~]

Eine der gelungensten Zeichnungen Greenes ist die Kluckhenne (Abb. 45). Kluck hat einen großen Sieg errungen. Es entstand die Frage: ~„Can he hatch it?“~ Kann er ihn ausbrüten, das heißt: ausnutzen in Anbetracht der zahlreichen Waffen, die ihn umstarren?

Durch spöttische Bemerkungen machen sonst ganz in englischem Fahrwasser schwimmende Blätter gegen englische Nachrichten und die irrsinnigen Redewendungen mancher Redakteure mobil, deren Sprache als „Desperanto“ bezeichnet wird. Einen geistvollen Aphorismus, der die englische Politik vortrefflich kennzeichnet, brachte die „Deutsche Zeitung“ in Charleston: ~„This war was not made in Germany, but ‚made in Germany‘ is the cause of it!“~ („Dieser Krieg wurde nicht in Deutschland gemacht, aber ~‚made in Germany‘~ ist die Ursache davon“).

Sehr sympathisch berührt uns die Karikatur des schon mehrfach genannten #Robert Carter# ~„Who said rats?“~ (Abb. 59). Der englische Minister Churchill hatte von den deutschen Schiffen als Ratten gesprochen, die man aus ihren Löchern ausgraben müsse, da sie sonst nicht hervorkämen. Die großartigen Leistungen deutscher Unterseeboote waren die Antwort. Der amerikanische Künstler zeigt uns nun in dem sehr geschickt komponierten Blatte, wie Tirpitz, hinter dem ein Heer von Schiffen und Zeppelinen steht, den englischen Löwen bei den Ohren nimmt. Daß ein sonst Deutschland abholdes Blatt eine solche Zeichnung bringt, die damit zu Hunderttausenden von Lesern gelangt, ist ein deutlicher Beweis dafür, daß schließlich über alle Lügen und Entstellungen doch die lautere Wahrheit triumphieren muß!

Wasser auf die Mühlen aller deutschfeindlichen Elemente war die Torpedierung der „Lusitania“ am 7. Mai. Die aufs äußerste erregte Stimmung in den Vereinigten Staaten spiegelt auch hier die Karikatur deutlich wider. Ein Gefühl der Erhabenheit über Beleidigungen ist diesen Zeichnungen gegenüber besonders notwendig.

Die modernen Waffen dieses Krieges, die namentlich auf deutscher Seite so außerordentlich erfolgreich angewendet wurden: Unterseeboote, Luftschiffe, tötende Gase, haben auch in der gesamten Weltkarikatur zu zahlreichen, oft sehr bedeutenden Darstellungen geführt. Alle die Bilder über die Torpedierung der „Lusitania“ gehören ja in das Kapitel „#Unterseeboot#“, über das sich allein schon ein dicker Band von Karikaturen zusammenbringen ließe. Die „Lusitania“-Karikaturen sind eigentümlicherweise nicht in England am zahlreichsten, das durch den Untergang des Riesendampfers doch am meisten getroffen wurde, vielmehr hat quantitativ und qualitativ Amerika das meiste geleistet und nächst ihm Holland; wie überhaupt, soweit sich das Gebiet der Karikatur im Weltkrieg bisher übersehen läßt, in Amerika und Holland die künstlerisch wertvollsten Scherzbilder entstanden sind.

Wie bekannt, erfolgte die Torpedierung der „Lusitania“ ohne vorherige direkte Warnung, wobei eine große Anzahl bekannter oder, wie man drüben sagt, „prominenter“ Amerikaner ihr Leben verlor. Wir wollen einmal annehmen, das Umgekehrte wäre eingetreten, Deutschland hätte in einem Kriege, in dem es neutral geblieben wäre, auf die gleiche Weise eine Reihe seiner besten Bürger eingebüßt: sicherlich wäre auch bei uns die Erregung zur Siedehitze gestiegen und hätte in den Witzblättern (in diesem Kriege ist der Ausdruck „Witzblatt“ eigentlich geradezu eine Profanation) zu den denkbar schärfsten Angriffen geführt. Allerdings hätte man in Deutschland die Bekanntmachung eines fremden Gesandten nicht mit Spott und Hohn hingenommen, wie es in Amerika mit den Warnungen geschehen ist, die Graf Bernstorff in Zeitungen und durch private Briefe ergehen ließ. Deshalb ist es ja auch nicht richtig, von einem Torpedieren der „Lusitania“ ohne vorherige Ankündigung zu sprechen. Aber die amerikanische Presse nahm diese Warnungen nicht ernst. So zeigt noch ein Spottbild in der Morgenausgabe des „New York Herald“ vom Sonnabend dem 8. Mai „The Announcer“ Bernstorff mit umgeschlagenem Mantel und den Attributen des Todes, während im Hintergrund das Plakat der Cunard-Linie klebt, die dort ihre Abfahrtszeiten der ~„fastest and largest steamers“~ ungehindert ankündigt. Diese Zeichnung von #W. A. Rogers# sollte ein Hohn auf Bernstorffs Warnungen sein. Nachdem das große Schiff nun tatsächlich versenkt war, überbot sich die amerikanische Presse an gehässigen Darstellungen, die sich hauptsächlich gegen den Kaiser und Tirpitz, die als die Urheber des „Verbrechens“ angesehen wurden, richteten. Der schon früher genannte #Sidney Greene# zeigt im „Evening Telegram“ den Kaiser persönlich mit einem riesigen Torpedo die „Lusitania“ in den Grund bohrend, während Frauen und Kinder rettungslos auf den Wellen treiben: „#Sein# Platz an der Sonne“. In derselben vielgelesenen Tageszeitung brachte der Zeichner #Farr# eine Karikatur, in der die drei größten Seeräuber aller Zeiten, Kapt. Kidd, Simms und -- Sir Henry Morgan dem Kaiser den Lorbeer (~the wreath~) überreichen: ~„Handing it to him“~ („Ihm gebührt der Ruhmeskranz“). #Robert Carter# veröffentlichte in „Evening Sun“ eine Satire mit der ironischen Bezeichnung ~„Brave Work“~, auf der der Kaiser einem Seewolf, der die Bezeichnung trägt: ~„War on Helpless Shipping“~, das Eiserne Kreuz umhängt. In der gleichen Zeitung konnte man ein Bild sehen, das den Kaiser mit der gepanzerten Faust, die berühmte ~„mailed fist“~, mit Tirpitz im Hintergrunde zeigt: ~„Laws? I make My Own Laws“~ (Was scheren mich Gesetze, ich mache meine eigenen!), „Cincinnati Times“ brachte eine Zeichnung von #Bushnell# mit der riesigen Figur des Todes, die aus dem Meeresgrunde aufsteigt und die „Lusitania“ in die Tiefe zieht, während das deutsche Unterseeboot unbekümmert abfährt; „Philadelphia Public Ledger“ vereinfachte den Gedanken: Man sieht auf den tobenden Wellen einen deutschen Helm mit der Piratenflagge an der Spitze. „Brooklyn Eagle“ bringt die amerikanische Flagge (~Stars and Stripes~), blutbefleckt, darunter die Unterschrift: „Das ist #unser# Blut“. Noch viel schärfer waren die Darstellungen in der schon genannten bedeutendsten Wochenschrift „Life“; sie sind derartig zynisch, daß man ihren Inhalt aus einfachen Anstandsgründen nicht einmal zitieren kann. Auf einer der verhältnismäßig noch harmlosen Zeichnungen von #McKee# sieht man Uncle Sam, wie ihn der Kaiser mit der Peitsche bearbeitet, so daß Streifen auf dem Rücken entstehen, und Tirpitz ihm mit einer schweren Keule auf den Kopf schlägt, so daß Funken und Sterne sprühen; die ironische Unterschrift lautet: ~„Stars and Stripes“~. In der gleichen Zeitung, deren Leser nach vielen Hunderttausenden zählen, findet man dann die häßlichsten und gemeinsten Spottverse gegen Deutschland und seinen Kaiser.

Und dieselbe, auch in England weitverbreitete amerikanische Wochenschrift, gab gleichzeitig eine Sondernummer ~„Vive la France“~ heraus, in der die „Schwesterrepublik“ in einer Reihe süßlich-fader Bilder in den Himmel gehoben wird!

[Abbildung: ~Abb. 59. Robert Carter: Wer sprach von Ratten? (Who said rats?).~

~(Evening Sun, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 60. Robert Minor: In Erwartung des 18. Februars.~

~Beginn des Unterseebootkrieges.~

~(World, New York.)~]

Man hat in Deutschland im allgemeinen doch wohl nicht begriffen, wie erregt und kritisch nach dem Untergange der „Lusitania“ die Stimmung in Amerika gegen uns war. Die Karikaturen zeigen es zur Genüge, und wir können den Männern, deren Bemühungen es gelungen ist, den Frieden mit einem Lande zu erhalten, in dem so viel stammverwandte Menschen wohnen, gar nicht dankbar genug sein. Die hier angeführten Beispiele sind nur ein kleiner Teil der ungezählten „Lusitania“-Zeichnungen der Amerikaner. -- Natürlich hat es auch in der französischen Presse nicht an beißenden Satiren gefehlt. #J. J. Roussau# brachte ein Blatt: ~„Dieu vous sauve“~; der Personendampfer ist eben versenkt, und Frauen und Kinder treiben hilflos auf den Wellen, während der deutsche Unterseeboots-Kommandant lachend davonfährt. Diese Zeichnung trägt die Überschrift: ~„Les fils chéris de Bénoit XV“~, ist also gleichzeitig ein Spottblatt gegen den Papst, dessen unparteiische Haltung ihm besonders in Frankreich und Italien wütenden Haß einbrachte (Abb. 61). #Grandjouan# zeichnete für „Le Rire Rouge“ eine ganzseitige Darstellung, die Wilson am Meeresstrande zeigt, wo die Leichname einer Mutter und zweier Kinder angespült werden, die noch den Rettungsring der „Lusitania“ tragen, während im Hintergrunde Haifische auf das leckere Mahl warten: ~„Décidément, non, je ne peux être du parti des requins“~ (Wahrhaftig, nein, mit diesen Menschenfressern will ich nichts mehr zu tun haben!) (Abb. 63). -- Sehr deutschfeindlich sind auch die Darstellungen, die die holländische Presse über den „Lusitania“-Untergang brachte. #Johan Braakensiek# lithographierte für den „Amsterdammer“ ein Blatt ~„De dolle stier is los“~. Der tolle Stier ist natürlich Deutschland, auf den die ganze Welt Jagd machen müßte. Von #P. de Jong# erschien im „Nieuwe Amsterdammer“ eine Darstellung des Untergangs der „Lusitania“, in der der Tod die Schornsteine und Segel kappt, während rechts der Teufel, der die Züge des deutschen Kaisers trägt, in die Worte ausbricht: ~„Goed zoo! Zoo’n cultuur is ook de mijne!“~ (Gut so! Solche Kultur ist auch die meinige!). Eine Inschrift auf des Teufels Flügeln lautet in deutscher Übersetzung: „Sterbliche, laßt in meinem Dienste alle Menschlichkeit fahren!“ Am schlimmsten gibt sich, wie immer, Louis Raemaekers: Das Gewissen hält den „Mörder“ (Deutschland) in die Höhe „Alle, die Ihr nicht protestiert gegen die barbarischen Kriegsmethoden dieses Ungeheuers, seid seine Mitschuldigen!“ -- Das charakteristischste Blatt aber brachte dieselbe Zeitschrift in einer farbigen Zeichnung von dem schon früher gewürdigten #P. van der Hem#. Von ihm rührt auch das großartige Blatt her, das wir weiter hinten abbilden, die Wirkung der Stickgase darstellend. Auf der hier wiedergegebenen Karikatur ~„De Lusitania“~ sehen wir uns in das Bureau einer deutschen Zeitung versetzt (der Name an der Tür ist wohl ganz willkürlich gewählt). Die Schreibmaschine trägt die Aufschrift „Gott strafe England“, einer der Mitarbeiter fragt den Chefredakteur: „Ich habe hier noch einen Nekrolog über den Untergang der ‚Titanic‘, können wir den nicht jetzt wieder abdrucken?“ worauf der andere erwidert: „Tun Sie das, aber er muß dann als #Jubel-Artikel# umgearbeitet werden.“ (Abb. 66.)

[Abbildung: PAROLES PAPALES

~Abb. 61. L. Métivet: Päpstliche Worte.~

~Französische Karikatur gegen den Papst wegen seiner Aussprüche, in denen er Deutschland Gerechtigkeit widerfahren ließ. „Interviewé en #français#, le Souverain Pontife, qui est #italien#, a répondu en #allemand#.“~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 62. Amerikanische Karikatur auf die Angriffe der Unterseeboote.~

~(Life, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 63. Grandjouan: Wilson und die Lusitania.~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

[Abbildung: ~Abb. 64. Alb. René: Die Zeppeline.~

~(Französische Karikatur.)~]

[Abbildung: ~“OH, I SAY!”~

~Abb. 65. Sidney Greene: Verdammt nochmal!~

~(Evening Telegram, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 66. P. van der Hem: Die Lusitania.~

~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]

Die Torpedierung der „Lusitania“ ist nur eines der vielen weltbewegenden Ereignisse dieses Krieges gewesen. Macht man sich nun klar, welche Fülle von Karikaturen allein dieses eine Vorkommnis hervorgerufen hat, so gibt das ungefähr einen Begriff von der ungeheuren Masse satirischer Bilder, die der Weltkrieg überhaupt angeregt hat.

[Abbildung: ~Abb. 67. P. van der Hem: Deutschlands Zukunft liegt unter dem Wasser.~

~Holländische Darstellung der deutschen Unterseebootserfolge.~

~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]

Indirekt gehören zu dem Kapitel „Lusitania“ auch die selbstironisierenden Zeichnungen über die mangelhafte Rüstung der Vereinigten Staaten, denen man in der amerikanischen Presse begegnet. So klug sind die Amerikaner doch, um zu wissen, daß sie militärisch einem mächtig gerüsteten Reiche gegenüber, wie es „Germany“ ist, nichts auszurichten vermögen. Die in Abb. 72 wiedergegebene Zeichnung ~„The World Power“~, in der die United States ironisch als Weltmacht bezeichnet werden (sie ist von Harry Grant Dart und im Juli 1915 im „Life“ erschienen), möge dafür als typisches Beispiel dienen.

[Abbildung: ~Abb. 68. A. Noël: „Les Soutiens de Germanie.“~

~(Le Rire Rouge, Paris.)~]

Das #Unterseeboot# ist, wie schon gesagt und wie auch die Abbildungen 60, 62, 66-70 weiter zeigen, ein häufiges Thema in den Karikaturen; oft kommt ein Gemisch von Bewunderung und Neid darin zum Ausdruck. Ein findiger Franzose schlägt im „Figaro“ vor, das Meer im Gebiete der Kriegszone mit Öl zu begießen. Dadurch würden die Gläser der Periskope fettig werden, dann könnte man sie nicht mehr benutzen, und die deutschen Unterseeboote wären lahmgelegt. Der Chefredakteur des „Figaro“, Alfred Capus (~de l’Académie~) gibt diese Anregung mit empfehlenden Worten weiter.

Ebenso geht es den #Zeppelinen#; denn wenn auch die Alliierten so tun, als rührten sie die Zeppelinfahrten nicht (der ~„Punch“~ bringt sogar scherzhafte Plakate, wie eine Ankündigung des Bades Northend on Sea, das als besondere Attraktion ~„frequent visits of Zeppelins“~ empfiehlt), so haben sie doch in Wirklichkeit einen Heidenrespekt vor den Beherrschern der Luft. Und ebenso muß eine Zeichnung von #Paul Iribe# im „Journal“ bewertet werden, wenn die Mutter zu ihrem ungezogenen Jungen in Paris sagt: „Sei artig, sonst darfst du nicht mitgehen, wenn wir uns heute die Zeppeline ansehen gehen!“

[Abbildung: ~Abb. 69. P. Simmel: Panik an der Themse.~

~(„Um Gottes willen, -- da kommt doch schon wieder was!“).~

~(Lustige Blätter, Berlin.)~]

[Abbildung: ~Abb. 70. Johan Braakensiek: Der neue Tod.~

~Holländische Karikatur auf die Unterseeboote.~

~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]

[Abbildung: ~Abb. 71. Reinuemel: Otez l’Œillère!~

~(Die Scheuklappen weg!)~

~(Le Rire Rouge, Paris)~]

[Abbildung:

WARNING!!!

ANY FOREIGN COUNTRY PRESUMING TO TRIFLE WITH THE DIGNITY AND HONOR OF THIS GREAT NATION DOES SO AT THE RISK OF INSTANT ANNIHILATION BY OUR MIGHTY ARMY AND MAGNIFICENT NAVY UNDER THE EFFICIENT MANAGEMENT OF ITS HEAVEN-GUIDED BOSS.

WE CAN MOBILIZE A HORDE OF 30,000 WELL TRAINED SOLDIERS, INSTANTLY, ON THREE MONTH’S NOTICE AND MAKE OUR FLEET READY FOR ACTION IN TWO YEARS.

U.S.A.

~Abb. 72. Harry Grant Dart: Das wohlgerüstete Amerika.~

~Amerikanische Karikatur auf die mangelhaften Vorbereitungen der Vereinigten Staaten. (Life, New York.)~]

[Abbildung: ~Abb. 73. P. van der Hem: Der neue Tod.~

~(Die Stickgase.)~

~(De Nieuwe Amsterdammer, Amsterdam.)~]

#Wolffs Telegraphen-Bureau# darf natürlich auch nicht zu kurz kommen; hier ist es besonders die französische Presse, die sich diese Depeschenagentur aufs Korn genommen hat (genau so wie die deutsche das Bureau Reuter), übrigens nicht nur in rein karikaturistischen Darstellungen wie die der Abb. 71, sondern auch in harmloserer Verbindung. #A. Guillaume#, der bekannte Darsteller galanter Szenen, zeigt den plötzlich von der Reise ins Schlafzimmer seiner Frau zurückkehrenden Ehemann (der Galan verschwindet grade unterm Bett): „Ich bin schleunigst wiedergekommen; ich habe eine Depesche erhalten, daß du mich betrügst!“ Darauf sie: „Pah! Das ist doch natürlich wieder nichts anderes als so eine alberne #Nachricht des Wolffschen Bureaus#!“

Die modernste und vielleicht schrecklichste Waffe, die #Stickgase# (~asphyxiating gases~) hat in dem schon vorher genannten #P. van der Hem# ihren Meister gefunden. Sein großes Blatt aus dem „Nieuwe Amsterdammer“ kann man wohl mit Recht als eine sehr gelungene Versinnbildlichung der erstickenden Dämpfe betrachten. Aus dem langen, röhrenartig erweiterten Totenschädel strömen die giftigen Dämpfe in den feindlichen Schützengraben, Tod und Verderben verbreitend. Bei allem Ernst, der über dem Blatt lagert, ist der Vorwurf, den sich der Künstler gewählt hat, temperamentvoll wiedergegeben. Trotzdem außer dem schwarzen Grundton nur Blau verwendet wurde, ist die Zeichnung farbig doch sehr stimmungsvoll. Ein Mann wie P. van der Hem, bei dem sich so scharfe Beobachtung mit technischem Können vereint, wäre der gegebene Zeichner für einen großen Totentanz des Weltkriegs. Gegen seine Darstellung der Stickgase (Abb. 73) fällt die des Franzosen #Lanos# ~„La bête puante“~ aus dem ~„Rire rouge“~ gänzlich ab. Unter Hineinschleppung viel zu vieler Einzelheiten und bei farbig-fahriger Buntheit läßt die Zeichnung den Eindruck des Schrecklichen, den der Künstler beabsichtigte, durchaus vermissen und wirkt eher komisch.

[Abbildung: Mit einem herrlichen Schwunge setzte das letzte Vierteljahr 1914 ein.

~(Kladderadatsch.)~]

[Abbildung: ~Abb. 74. Postkarte, entstanden im deutschen Großen Hauptquartier im Westen.~

~_Marianne, pauvre chatte, Tu vas brûler tes pattes En tirant les marrons Du brasier Teuton Pour plaire au singe avide: John Bull -- le grand perfide!_~

~(La Fontaine~

~Marianne, armes Kätzchen, Verbrennst Dir Deine Tätzchen Beim Holen der Maronen Am Feuer des Teutonen, Aus Liebe zu John Bull, dem Briten Dem gierigen Affen, dem Perfiden.~ ]

[Abbildung: ~PARADE-MARCH~

Michel vole les pendules; von Boden, les tableaux; Gretchen vide les armoires et Messieurs les Officiers, les caves.

~Abb. 75. Ricardo Florès: Parademarsch.~

~Aus dem Album „Boches, Deutschland unter Alles“.~

~(Paris, Ollendorff Editeur, 1914.)~]

Wohl kaum einem Lande ist der Krieg so überraschend gekommen wie Frankreich, denn wenn man dort auch immer stolz auf das ~„archiprêt“~ pochte und eine Reihe von Kriegshetzern fleißig an der Arbeit waren, so hatte man, wenigstens soweit die große Mehrheit in Betracht kam, doch nicht ernstlich an einen Krieg geglaubt, zum mindesten nicht an einen solchen im Jahre 1914. So fand denn der 1. August die Franzosen ~archiprêt~ in dem Sinne von 1870, nämlich unvorbereitet. Wandel und Handel stockte, vor allem der Buchhandel, und er hat sich auch bis heute noch nicht richtig erholen können, während er in andern Ländern schon längst sich den neuen Verhältnissen anzupassen wußte. In Deutschland beträgt #allein# die Zahl der mit dem Kriege in Zusammenhang stehenden Neuerscheinungen vom 1. August bis 31. Dezember 1914 1416 Nummern, während in Frankreich der ~„Mémorial de la Librairie“~ im #ganzen# bloß 286 Werke verzeichnete und unter diesen #nur# 20, die in direktem Zusammenhange mit den Zeitereignissen standen. Eine große Reihe von Revuen und Zeitungen verschwanden sang- und klanglos und sind auch nicht wieder erstanden; andere fristen notdürftig als zweiseitige Blätter ihr Dasein. In Paris hörten die Witzblätter nach Ausbruch des Krieges zunächst auf zu erscheinen. Die Karikatur trat zuerst wieder in den Tageszeitungen auf, in jenem Stil, der für die gesamte Literatur und Kunst seit dem Ausbruch des Krieges für Frankreich charakteristisch ist. Es ist dort anders als bei uns: während hier nur wenige Schreier und Toren die Ausnahme bilden und die weitaus überwiegende Mehrzahl der Deutschen sich vernünftig und korrekt benimmt, ist es in Frankreich gerade umgekehrt; dort ist die Besonnenheit eine Ausnahme, und die Masse des Volkes, #auch# die der Gebildeten, ist von einer Art Wahnsinn befallen, dessen pathologische Wutausbrüche in der Tagespresse, den Witzblättern, den Ansichtskarten und in Einzelheften zum Ausdruck kommen, die zu sammeln für jeden, der sich überhaupt mit der Kriegsliteratur beschäftigt, zum mindesten sehr reizvoll ist. Das Bewußtsein der Ohnmacht einem stärkeren Feinde gegenüber hat die Franzosen in eine hysterische Raserei versetzt, deren Ergüsse einfach jeder Beschreibung spotten. Aber es ist wirklich richtiger, alle diese Dokumente von der #komischen# Seite zu betrachten, als sie ernst zu nehmen. Die gekränkte Eitelkeit, die Sorge um den Untergang der ~„Gloire“~ hat dieses bedauernswerte Volk zu solchen sonderbaren Delirien geführt. Frankreich glaubt noch immer, die Welt führe Krieg, weil seine Eitelkeit vor 44 Jahren durch den Verlust Elsaß-Lothringens verletzt wurde. Nur ganz langsam und allmählich machen sich auch Stimmen in Frankreich bemerkbar, die vor übergroßem Siegesbewußtsein warnen und den Deutschen Gerechtigkeit widerfahren lassen, ja, die sogar das Wort ~„Les Allemands“~ wieder in Anwendung bringen, das doch jetzt in der französischen Presse verpönt ist und durch ~„Assassins“~, ~„Barbares“~, oder das so beliebte ~„Boches“~ ersetzt wird.