Part 2
Eine der unerfreulichsten Erscheinungen waren die sogenannten Ulkkarten. Auf die französischen Gemeinheiten wird weiter unten eingegangen werden, aber auch bei uns ist mancherlei Böses auf diesem Gebiete verbrochen worden. Man hätte glauben dürfen, solche Ausbrüche als längst überwunden betrachten zu können. Das waren keine Satiren auf die Feinde, das waren vielmehr Karikaturen auf den Patriotismus selber! Traurig genug, daß sich augenscheinlich doch genügend Abnehmer für diese auf die niedrigsten Instinkte spekulierenden Machwerke sogenannter „Auch-Verleger“ fanden, die Unsinn mit Witz und Phrasendrescherei mit Patriotismus verwechselten. Natürlich fanden sie auch den Weg ins Ausland und wurden hier als Witz der deutschen „Barbaren“ beschrieben und -- abgebildet; so im „Matin“ vom 8. Oktober 1914 mit folgender Anmerkung: ~Les Allemands n’ont pas beaucoup d’esprit naturel, chacun sait cela; mais ils s’efforcent d’en avoir. En temps ordinaire ils n’y réussissent guère; en ce moment, ils n’y réussissent pas. Leurs seuls traits originaux sont des traits de cruauté. Ils ont fait néanmoins, depuis deux mois, et même avant la déclaration de guerre, des débauches de plaisanteries. Leurs cartes postales du mois de juin dernier sont ruisselantes de gaieté -- d’une gaieté insolente, comme il convient, et lourde, et grossière. Nous nous en sommes fait envoyer une collection et nous allons en montrer quelques-unes aux lecteurs français, chaque fois que nous aurons un peu de place pour étaler ces caractéristiques laideurs.~ Diese Auslassungen sind in ihrer Verallgemeinerung natürlich unzutreffend; aber das Recht auf eine scharfe Kritik solcher unwürdigen Hurrastimmung darf man dem französischen Blatte nicht absprechen. Glücklicherweise wandten sich Ministerien, Generalkommandos und auch Künstlerverbände in Rundschreiben und Erlassen gegen diesen Unfug, auch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ machte dagegen mobil. Das Leipziger Polizeiamt traf schon im Dezember 1914 die vernünftige Anordnung, daß dem Verbote anheimfallen werden „Darstellungen auf Postkarten oder Bilderbogen, die auf eine unwürdige Verkleinerung oder Verunglimpfung unserer anerkannt tapferen Feinde, deren Herrscher und Heerführer hinausliefen“. -- Wie traurig muß es aber im Hirn jener Menschen aussehen, die solche unsinnige Karten auch noch an die Kämpfer in die Front sandten. Unsere Truppen, die sich täglich mit den zähen und doch auch für ihr Vaterland kämpfenden Engländern und Franzosen herumschlagen müssen, haben denn auch glücklicherweise diese Art Kunst nicht zu würdigen gewußt. Erst vom Schlachtfeld selber mußte die Mahnung zur Einkehr kommen. Besser als jede Erörterung spricht der Brief eines Kompagnieführers, der der „Kölnischen Zeitung“ zur Verfügung gestellt wurde: „Ich habe bei der Verteilung der Postsachen an die Mannschaften verschiedentlich beobachtet, wie sich darunter Karten befanden, die die besiegten Franzosen, Engländer und Russen in geschmackloser Weise verhöhnten. Der Eindruck ist ein höchst bemerkenswerter. Fast keiner freute sich über die Karten, im Gegenteil drückte jeder Mann sein Mißfallen darüber aus. Ich habe einen Mann gesehen, dem die Tränen in die Augen traten. Wir sehen das unsägliche Elend des Schlachtfeldes. Wir freuen uns zwar auch über die Siege, aber unsere Freude ist gedämpft durch die Erinnerung an die traurigen Bilder, die wir fast täglich vor Augen haben. Und unsere Gegner haben es wahrlich zum weitaus größten Teile nicht verdient, daß man sie so verspottet. Hätten sie sich nicht so tapfer geschlagen, so hätten wir nicht solche Verluste zu verzeichnen. Ist daher schon an und für sich eine solche Karte meines Erachtens äußerst geschmacklos, so wirkt sie hier im Felde angesichts unserer Toten und Verwundeten geradezu widerwärtig. Die paßt ins Feld wie ein Clown auf ein Leichenbegängnis.“ Glücklicherweise lehnte also die große Mehrheit diese zwar nicht witzigen, dafür aber um so alberneren Produkte energisch ab. Man kann diese „Zeichner“ am besten mit jenen patriotischen Maulhelden vergleichen, die in jedem einen Vaterlandsverräter sehen, der nicht alle Engländer und Franzosen für ausgemachte Schurken erklärt. Aber nicht nur in den Karten, auch in manchen Witzblättern fand sich derartige Afterkunst. Oder zeugt es wirklich von so fabelhaftem Geiste, nach der Schlacht von Tannenberg immer und immer wieder den Russen zu zeichnen, wie er im Sumpfe „ersauft“ und mit der Wodkaflasche um Hilfe ruft? (Den „Künstlern“ sollte eigentlich bekannt sein, daß auch im russischen Heere streng auf Abstinenz gehalten wird.) Hindenburgs überwältigend großartige Leistung verliert auch dann kein Jota von ihrer Bedeutung, wenn man sich über den Erstickungstod von Hunderttausenden #nicht# lustig macht. -- Viel berechtigter waren die Witze und Bilder über russische Unwissenheit und Bestechlichkeit. Solche hat uns in klassischer Form bereits Victor Hehn in seinem Buche ~„De moribus Ruthenorum“~ überliefert, wie die Geschichte von dem ehrlichen Verwalter, der über das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen in seinem Bezirk berichten sollte und der erwiderte, das Verhältnis sei ein ganz angenehmes. Oder die Erzählung von dem Major, der an der Wolga über die Anzahl der Singvögel in dem ihm untergebenen Bezirk berichten sollte, und meldete, es seien deren 7500. Dies wunderte die Kontrollstelle; man befragte ihn, wie er auf die Zahl gekommen sei. Er antwortete treuherzig: „Ich dachte, kommt ein Revisor, so sage ich, die fehlenden sind in die benachbarten Kreise geflogen oder die darüber befindlichen sind aus dem Nachbarkreis herangeflogen.“ Oder die von dem Polizeihauptmann, dem Instrumente geschickt wurden, um danach über alle atmosphärischen Erscheinungen Beobachtungen anzustellen. Er beriet sich mit seinem Schreiber, was das bedeute. Sie kamen überein, es handle sich wohl um Fremdenpolizei. Die Instrumente wurden sorgfältig im Waffendepot des Bezirks niedergelegt. Nach längerer Zeit wurde angefragt, warum keine Berichte von ihm einliefen. Er antwortete, die Instrumente seien angelangt und wohl aufgehoben, die Erscheinungen seien ausgeblieben und von Atmosphäre habe er seit Jahren nichts bemerkt. --
[Abbildung:
~K is the Kaiser. (Let nobody fail to notice Napoleon drawn to scale.)~
~K ist der Kaiser. (Hier sieht man es klar, Wie klein gegen ihn doch Napoleon war.)~ ]
[Abbildung:
~R’s for the Russians. I ask you to glance At the swarms on the gangway, alighting in France~
~(R sind die Russen. Den Blick laßt verweilen Auf den Schwärmen, die Frankreich zur Hilfe hier eilen.)~
~Z is a Zeppelin, right overhead -- Isn’t it a luck to have something for Z?~
~(Z ist Zeppelin in den Wolken droben -- Doch ein Wort für Z, darum muß man ihn loben.)~
~Abb. 16-18. Aus George Morrow: „An Alphabet of the War“.~
~(Punch Almanack for 1915.)~]
An der Geschmacklosigkeit der oben genannten Erzeugnisse ändert die Tatsache nichts, daß auch das feindliche Ausland groben Schmähungen Raum gab. In England richtete sich der Haß vornehmlich gegen den deutschen Kaiser. Der Engländer sieht nicht oder will nicht sehen, daß #seine# eigene Regierung die Hauptschuld an dem unsäglichen Elend trägt, das dieser Krieg im Gefolge hat. („Wenn zwei sich streiten, freut sich der Brite“); ihm gilt ~„The Kaiser“~ als der Urheber des Krieges. Wir können uns hier auf das älteste und bedeutendste Londoner Witzblatt, den ~„Punch“~, beschränken; seine allwöchentlichen Kartons beschäftigen sich fast durchweg mit Wilhelm ~II.~ Er ist immer der Herrscher von Gottes Gnaden, mit dem aufgesträubten Schnurrbart; so verlangt ihn das englische Publikum zu sehen, denn an diese Art der Darstellung hat es sich nun einmal gewöhnt und läßt nicht davon ab.
[Abbildung: ~ENTERPRISE ON OUR EAST COAST.~
~THE ANTI-ZEPPELIN BATH-CHAIR.~
~Abb. 19. C. Harrison: Der patentierte Badestuhl.~
~Satire auf die Furcht der Engländer vor den Zeppelinen. (Punch, London.)~]
Man findet in englischen Blättern kein Wort des Abscheus gegen die Scheußlichkeiten, deren sich der farbige zoologische Garten, den England in Europa mitkämpfen läßt, schuldig macht. Wenn aber eine verirrte deutsche Kugel ein Schloß oder eine Kirche trifft, so entsteht ein furchtbares Geheul über die „Barbaren“. Dabei stand in England die Wiege der politischen Satire, von keinem Presseparagraphen oder Verbote behelligt. Hier konnten Gillray und Hogarth ungehindert ihre Hiebe gegen die Fehler des eigenen Landes austeilen: ihre Nachfolger von heute ziehen es vor, darauf zu verzichten. #Raven Hill#, #Bernard Partridge# und vor allem der bekannteste Zeichner des ~„Punch“~, #F. H. Townsend#, zeigen den Kaiser als Verbreiter von Lügendepeschen an die Neutralen, als Dachshund, der vor Amerika „schön macht“, als den Verführer der Türkei. Auch gegen den Kronprinzen werden die kindlichsten Lügen vorgebracht; eine Abbildung zeigt ihn französische Schlösser ausraubend als Geldschrankknacker! (Ähnliche Darstellungen brachten die französischen Spottbilder im siebziger Kriege auf Bismarck und die preußische Landwehr.) Aber, wir wollen ehrlich sein: sind nicht auch in unsern Blättern genügend solche Entgleisungen vorgekommen? Der Zar als Mörder und Brandstifter, Frankreich als gemeine Dirne, der englische König als ihr Zuhälter waren gar keine so seltenen Erscheinungen! Und auch da hatte die „Norddeutsche Allgemeine“ recht, wenn sie schrieb: „Dergleichen entspricht nicht der Würde der deutschen Nation. Wir müssen eine Ehre darein setzen, dem Gegner nicht nur auf dem Schlachtfeld überlegen zu sein, sondern auch in der Art, wie wir den Krieg mit geistigen Waffen führen. Den Feind, mit dem wir auf dem Felde der Ehre die Klinge kreuzen, durch niedrige Schmähbilder und Schimpfreden anzugreifen, ist nicht vornehm und setzt die Ehre der Nation herab, die sich solcher Mittel bedient. Überlassen wir das denen, die es nötig haben, den englischen Mob, die Pariser Apachen und die russischen Muschiks bei guter Laune zu erhalten. Unser deutsches Volk bedarf zur Belebung seines kriegerischen Schwunges solcher giftigen Medikamente nicht. Es trägt die Kraft, den Feind zu besiegen, in sich selbst. Darum fort mit diesen Schmähbildern und Karten aus unseren Witzblättern und Schaufenstern!“
Es war der bekannte Bibliograph der zeitgenössischen Karikatur, der deutschfreundlich gesinnte Grand-Carteret, der bereits vor zehn Jahren den heutigen Krieg und die politische Konstellation der dabei beteiligten Völker genau vorausgesehen hat. In seinem Buche über Eduard ~VII.~ ~„L’Oncle de l’Europe“~ (deutsch bei A. Hofmann & Co. in Berlin) schreibt der geistvolle Franzose in einem Kapitel „Das Persönliche in der Karikatur, Onkel und Neffe“ die folgenden prophetischen Worte nieder, auf die jetzt zuerst die „Frankfurter Zeitung“ wieder aufmerksam machte und die gleichzeitig auch die wahren Gründe des Krieges treffen:
„Zeigt sich Wilhelm ~II.~ in diesem Ringen als der Vorkämpfer der immer größer werdenden Expansionskraft Deutschlands auf dem Gebiete der Industrie und des Handels, die gebieterisch für ihre reichen Erzeugnisse neue Absatzgebiete auf dem Weltmarkt fordern, so sehen wir im Gegensatz hierzu Eduard als den Verteidiger uralter Privilegien der englischen Nation, die bisher als größte Handelsmacht der Welt unbestritten die Hegemonie über den Erdkreis besaß und sich nun plötzlich einem Rivalen gegenübersieht, dessen Emporkommen sie nie und nimmermehr glaubte fürchten zu brauchen. Und dieser Kampf zwischen den beiden großen Mächten wird die Welt einst zu der Frage drängen: „Wird Europa englisch oder deutsch sein?“ Selbstverständlich handelt es sich dabei nicht um territoriale Eroberungen von deutscher oder englischer Seite, sondern um das moralische und tatsächliche Übergewicht, das sich durch seinen Einfluß, seine Sprache, seinen Handel, seine starke Lebenskraft äußert und das mehr oder weniger die anderen Nationen vielleicht einmal dazu zwingen wird, in gewissem Sinne Tributstaaten der einen oder anderen dieser Mächte zu werden, deren Ausdehnung schon so bedeutend ist und immer größer wird! Also: Eduard oder Wilhelm! Der Onkel oder der Neffe! Der erste stützt sich auf Frankreich, der andere hat in Österreich seinen treuesten Verbündeten gefunden. Und wer weiß, ob sich nicht dereinst im entscheidenden Moment die asiatischen Völker in die europäischen Angelegenheiten mischen werden, die Völker, die man gestern noch verächtlich Barbaren nannte, weil sie keine Christen sind? Wenn sich der Onkel in diesem Spiel -- soll man ihn nun den guten oder bösen Onkel nennen? -- gezwungen sähe, die #japanischen# Trümpfe auszuspielen, so würde sein Neffe sicher bei seinen getreuen Alliierten, den #Türken#, Hilfe finden. Die Karikatur mit ihrem oft prophetischen Blick hat sich dieses Problems bemächtigt und wird zu seiner Lösung beitragen, denn die Karikatur in ihren politischen Darbietungen spricht die Sprache der Völker, in ihr widerspiegeln sich die Anschauungen und Meinungen der Volksmassen, und diese sind es doch schließlich, die das Schicksal der Nationen entscheiden.“
So schrieb vor Jahren Grand-Carteret, und jetzt ist die Saat, die Eduard ~VII.~ gesät hat, aufgegangen.
In den englischen Kartons gegen Wilhelm ~II.~ steckt kein wirklicher Humor, kein attisches Salz. Der sehr fruchtbare Zeichner Townsend muß den im Frühjahr 1914 im Alter von 94 Jahren verstorbenen John Tenniel ersetzen, der ein halbes Jahrhundert lang für den ~„Punch“~ etwa dreitausend Blätter geschaffen hat und dessen Zeichnung ~Dropping the Pilot~ (Bismarck verläßt das Reichsschiff, nachdem er es durch alle Fährnisse gesteuert hat) auch in Deutschland wohlbekannt ist. Dabei mag daran erinnert werden, daß die Engländer auch in den deutschen Einigungskriegen von 1864-1871 stets auf Seiten unserer Gegner gestanden haben. In der ~„Fine Art Society“~ waren im Herbst 1914 solche Zeichnungen im Original ausgestellt. Die Spottblätter des ~„Punch“~ gegen Wilhelm ~I.~ reden eine deutliche Sprache. Der ~„Punch“~ hat jetzt eine Serie davon unter dem Titel ~„Punch and the Prussian Bully“~ veröffentlicht als Kampfmittel gegen den „preußischen Militarismus“ (~Bully~ bedeutet hier soviel wie Eisenfresser). Schon damals wurde der Deutsche als täppischer Bauer dargestellt mit Schirmmütze, Pfeife im Mund, Brille auf der roten Nase und Holzpantoffeln oder schweren Stiefeln. Und die Kenntnis der Engländer von deutschem Wesen scheint sich seither nicht beträchtlich erweitert zu haben: auch jetzt gelten dieselben Dinge noch als Attribute, um den „Teutonen“ zu charakterisieren; nur die Knackwurst ist hinzugetreten. Typisch für diese Art der Darstellung ist das im August 1914 erschienene Blatt von Townsend ~„Bravo, Belgium!“~, das in England rasch volkstümlich wurde (Abb. 14). -- Die unvermeidliche Wurst erscheint neben den Maßkrügen auf jedem Bilde, wo Deutsche vereinigt sind, wie zum Beispiel in einer Zeichnung „Bei Bethmann“ mit Karikaturen auf den Kaiser, den Kronprinzen, den Reichskanzler und die bekanntesten Generale; auch da liegt die Wurst auf dem Flügel, auf dem der Thronfolger den „Tag“ spielt (nicht die Scherlsche Zeitung, sondern den angeblichen Trinkspruch deutscher Seeleute gegen England ~„The Day“~!)
[Abbildung: ~„No one can be stout with more charm than a German“~
~Abb. 20. George Morrow: „Niemand trägt seine Dicke mit mehr Grazie als ein Deutscher“.~
~Aus „In Gentlest Germany“, der Parodie auf Sven Hedin’s Buch.~]
[Abbildung: ~Abb. 21. E. Nunes: Wie Frankreich seine Kirchen schützt.~
~(Meggendorfer Blätter. München.)~]
Wesentlich harmloser sind die Karikaturen, mit denen sich die Engländer selber verspotten; diese Selbstironisierung hat wenigstens etwas Versöhnendes an sich. #Harrisons# „Badestuhl“ (Abb. 19) ist ein Scherz auf die Zeppelinfurcht, #Townsends# Szene im Barbierladen ein solcher auf die Angst vor den überall eingedrungenen Deutschen (Abb. 15). Besonders die Spionenfurcht trieb in London derartige Blüten, daß auch englische Zeitungen darüber zu spotten begannen. ~„Evening Standard“~ veröffentlichte folgenden Dialog: „Was machen Sie hier? Sie wollen doch sicherlich spionieren!“ fragt ein Schutzmann ein verdächtiges Individuum. -- „Nein, ich wollte nur einbrechen!“ -- „Dann #entschuldigen# Sie bitte!“ -- -- Und nachdem man in England erkannte, daß der Krieg doch kein „Gänsemarsch mit Militärmusik“ ist, wie man anfangs dachte, spotteten sogar die „Times“ über die Erfolge der Verbündeten. Auch #George Morrows# Geschichte von dem Kubisten ist gut, der seine bis dato unverkäuflichen Bilder „Tulpenstilleben“, „Damenporträt“ und „Frühlingssang“ nun als „Zerstörung von Löwen“, „Ruinen der Reimser Kathedrale“ und „Die Hunnen“ spielend absetzt. Viel des Interessanten enthält der ~„Punch-Almanack“~ auf 1915. In Anlehnung an die jedem englischen Kinde geläufigen ~„Mother Goose’s Nursery Rhymes“~ mit ihrem ganz eigenartigen Rhythmus, der das Einprägen dieser Verse so spielend leicht macht, werden die politischen Ereignisse vorgeführt. Da ist eine Serie ~„When William comes to London“~. Dann erhalten die englischen Parlamentarier, die nicht bedingungslos für den Krieg stimmten, besondere Auszeichnungen: Ramsay das Eiserne Kreuz, Hardie als Keir von Hardie den Nobelpreis (erstaunt blickt auf diesem Bilde der kaiserliche Dackel die ihm ganz ungewohnte zerknüllte Hose des Arbeiterführers an). Hardie hatte seinen Landsleuten vorgeworfen, sie hätten eine Lügenfabrik errichtet, von der auf Bestellung deutsche Greueltaten geliefert würden. Auch das politische Alphabet fehlt nicht (Abb. 16, 17, 18); R eine Verspottung der Russen, die nicht in Frankreich landen konnten. Und eine Nachdichtung auf das berühmte ~„Mary had a little lamb“~ ist da, nur heißt sie ~„Willie had a little Wolff“~ (das offizielle Telegraphenbureau). Dieser ~„Punch-Almanack“~ hält sich von allem ausgesprochen Rohen frei; er wird als ein amüsantes zeitgeschichtliches Dokument (das natürlich von Engländern und für Engländer verfaßt ist) auch in späteren Zeiten oft genannt werden.
#Einen# Geschäftszweig hat der Krieg in England sicher beeinträchtigt: das ist der Verlagsbuchhandel. Die Tatsache, daß der sonst wöchentlich erscheinende ~„Bookseller“~ nur noch monatlich herauskommt und das monatliche ~„Book Monthly“~ in eine Vierteljahrsschrift verwandelt wurde, ist ein deutlicher Beweis für das Gesagte, das übrigens von den Blättern selber zugegeben wird, die die Geschäftstätigkeit im englischen Buchhandel als wesentlich eingeschränkt bezeichnen.
Unter den neuen Veröffentlichungen in England nehmen die satirischen, mit Karikaturen illustrierten Schriften über den Krieg eine hervorragende Stelle ein. Die Bändchen sind sehr verschiedenartig, sie reichen vom gemeinsten, blödesten Machwerk bis zur witzigen Parodie. Zu den ersteren gehören neben einem scheußlichen Karikaturenwerk von Dyson, von dem es auch eine Luxusausgabe für mehrere Pfund gibt, gemeine Pamphlete gegen den Kaiser. Diesen Erzeugnissen liegen immer bekannte Vorbilder zugrunde. Die größte Verbreitung fand eine Nachahmung des Struwwelpeter ~„Swollen Headed William“~, von der drei starke Auflagen in Zeit von einer Woche verkauft wurden (jetzt vergriffen). Auch hier also die Anlehnung an ein berühmtes Original. (Abb. 24.)
[Abbildung: ~Abb. 22. Albert Hahn: Der Baustil des 20. Jahrhunderts.~
~Karikatur auf den Mißbrauch der Reimser Kathedrale. (De Notenkraker.)~]
~The Allies’ Alphabet~ von #Fay# und #Morrow# ist eines jener, besonders in England zahlreichen Alphabet-Bücher, wie wir sie ähnlich, beispielsweise in den Busch’schen Bilderbogen, besitzen, die ja auch zahlreich parodiert wurden („der Affe sehr possierlich ist“). Die, auch durch Verwendung von viel Rot, stark blutrünstigen Bilder bewegen sich teilweise im Stile der gehässigen Karikaturen des Holländers Raemaekers und der französischen Boulevardpostkarten. Erheiternd wirkt es heute, wenn wir ein Bild sehen, auf dem ein riesenhafter Russe die Deutschen von der Erde vertreibt:
~R stands for Russia: she’s proving her worth By telling the Germans to get off the earth~
(R steht für Rußland, es zeigt seinen Wert Durch Befehl an die Deutschen, zu verlassen die Erd’)
Oder, wenn wir einen Omnibus mit der Aufschrift ~„To Berlin“~ voller jubelnder Tommies erblicken:
~O is an omnibus, full out and in: It carries you free, and it’s labelled ‚Berlin‘~
(O ist ein Omnibus, voll draußen und drin, Die Fahrt, die ist frei, das Ziel heißt „Berlin“.)
Bisweilen sollen die Verse auch Wortspiele bringen:
~P is the part little Willie would play: He thinks it’s a Bona-part. What do you say?~
(P ist der Part, den klein Willie erkor; Er glaubt, ’s ist ein Bona-part. Wie kommt es #euch# vor?)
~Wicked Willie~ von #Margaret A. Rawlins# mit Illustrationen von #Gwen Forwood# und #Florence Holmes# geht nicht nur unter der Marke einer Jugendschrift, sondern ist wirklich ein Buch für Kinder und hält sich daher auch von allem fern, was für Kinderaugen nicht bestimmt ist. Der Verfasserin schwebte das 1871 erschienene ~„Dame Europa’s School“~ vor, an das sie sich nach dem Grundsatze ~Imitation is the sincerest flattery~ anlehnt; auch die ~„Dame Europa“~ war eine Geschichte des deutsch-französischen Krieges für englische Kinder (das sehr selten gewordene Buch ist übrigens jetzt nach 44 Jahren neu aufgelegt worden). Der ~Wicked Willie~ soll den Weltkrieg (selbstverständlich vom englischen Standpunkte aus) den Kleinen verständlich machen; die Nationen treten hier als Kinder (~Wicked Willie~, ~Poor Joseph~, ~Fezzie~ [Türkei], ~Little Albert~, ~Little Helvetia~ usw.) handelnd auf. „Einst war“, so beginnt der hübsch gedruckte Quartband, „Tante Europas Schule nicht größer als andere Schulen auch; die meisten Kinder waren unwissende, gutmütige kleine Dinger, sie standen herum, die Finger im Munde, und gehorchten den Anordnungen der wenigen, die größer und klüger waren. Natürlich konnten sie, wie das bei Kindern nun mal so ist, nicht immer friedlich miteinander spielen ..., aber erst, als die Schule immer ausgedehnter und bedeutender wurde, da begann der große Streit, der jetzt noch anhält ...“ -- Für Erwachsene bestimmt sind trotz des Titels die ~Nursery Rhymes for Fighting Times~ von #Elphinstone Thorpe#, illustriert von #Stevens#. An der Hand altberühmter englischer Reime, wie sie Mütter und Erzieherinnen den Kindern vorsagen, werden hier die politischen Ereignisse satirisch behandelt:
~Old Kaiser Hubbard attacked a French cupboard, To collar a Paris bone: At Mons and Cambrai, British troops barred the way, And so the poor dog had none.~ (Kaiser Hubbard, alt und krank Stürmt einen welschen Speiseschrank, Einen Pariser Knochen zu erhaschen. Bei Mons und Cambrai Hindern ihn Briten, o weh, Und so kann der arme Dackel nicht naschen.)
Deutschland ist hier wieder als „Dachshund“ dargestellt. -- Ähnliche Absichten verfolgt ~The Crown Prince’s First Lesson Book or Nursery Rhymes for the Times~ von #George H. Powell# mit Randleisten in kräftiger Holzschnittmanier von #Scott Calder#.
[Abbildung: ~Abb. 23. Johan Braakensiek: Der Totenkopf-Schmetterling.~
~(De Amsterdammer, Amsterdam.)~]
[Abbildung: ~4 THE STORY OF THE INKY BOYS.~