Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte
Part 9
Aber es sollte anders sein. Klärchens noch zarte Gesundheit war von den letzten Stürmen so erschüttert, daß sie am anderen Morgen ihr Bett nicht verlassen konnte; ja, nach einigen Tagen hatte sich ein so heftiges Nervenfieber entwickelt, daß sie besinnungslos dalag. So vergingen vierzehn Tage, sie wußte nichts davon, wenn man ihr das Kind an die Brust legte, sie wußte nicht, daß Tante Rieke und Gretchen oft pflegend an ihrem Bette saßen, sie hörte nichts von den Todesbefürchtungen, die der Arzt in ihrer Nähe aussprach. Endlich kam die glückliche Krisis, Klärchen erlangte ihr Bewußtsein wieder, die Tante und Gretchen nahten sich ihr vorsichtig; Klärchen konnte vor Schwäche nicht reden, aber lächelte dankbar. Man mußte ihr das Kind zeigen, sie nahm es an ihr Herz, sie war so glücklich und fühlte einen Himmel in diesen Umgebungen. Von Tage zu Tage ward sie kräftiger und fühlte sich bald wie neugeboren.
Aber auch für ihre Seele begann ein neues Leben. Eine Genesungszeit ist oft eine segensreiche, da ist der Boden locker und der Same findet eine gute Statt. Frau Bendler wußte das, und benutzte es. Sie sprach ihr Trost und Muth zu; Klärchen hörte gern, denn kein Vorwurf, kein hartes Wort traf ihre Vergangenheit, nur der Gegenwart, der Zukunft sollte sie jetzt leben. Auch der Stephani-Prediger kam, sie hatte der Tante von ihrer früheren Sehnsucht nach ihm gesagt. Warm und eindringlich sprach er von der Liebe und Gnade unseres Herrn, und seine Worte machten immer tieferen Eindruck auf Klärchens Herz. Ja, der Herr gab dem Samen, der hier gesäet wurde, ein gnädiges Gedeihen. Klärchen lernte ihren Heiland kennen, sie fühlte, daß sie trotz ihrer vielen Sünden sich ihm doch nahen dürfe, sie fühlte, daß alle Lust und Herrlichkeit der Welt nichts ist gegen den Frieden, den er uns beut. Dieser Frieden ward nur gestört durch die Erinnerung an die Vergangenheit. Ihre Schuld kam ihr oft gar groß vor, aber wenn sie sah, wie die Tante und Gretchen, schwache Menschen wie sie selbst, ihr nur mit Liebe und Theilnahme ihren Leichtsinn, ihre Lieblosigkeit und Verspottung vergalten, wie vielmehr mußte sie bei dem Herrn Verzeihung finden. Ja, der Herr nimmt an ihr reuevolles Herz. Aber auch allen Menschen, denen sie Unrecht gethan, möchte sie ihre Reue sagen. Vor allen zogen ihre stillen Gedanken sie zu Fritz Buchstein hin; sie hätte wissen mögen, ob er sie nicht gar sehr verachte und gering schätze, ob sie Gretchens Worten trauen und je sein Haus besuchen dürfe, sie hätte ihm gern ihr demüthiges Herz gezeigt und ihn um Verzeihung für ihr liebloses Betragen gegen ihn gebeten. Doch nach ihm zu fragen wagte sie nicht, und als Gretchen einst erwähnte: Fritz warte nur auf Erlaubniß, seinen Krankenbesuch zu machen, konnte sie kaum vor innerer Bewegung diese Erlaubniß geben.
Bald darauf, -- Klärchen war allein mit ihrem Kinde im Zimmer, -- öffnete sich die Thür und Fritz trat ein. Klärchen hatte eben sinnend in den letzten Abendschein geschaut und gedacht, ob Fritz wirklich kommen würde, als er plötzlich vor ihr stand. Sie erhob sich erschrocken vom Stuhl, er aber nöthigte sie zum Sitzen und bot ihr einen freundlichen guten Abend. Als er ihr so mild und theilnehmend in die Augen sah, ging ihr das Herz über, sie konnte keine Worte finden, nahm seine Hand mit beiden Händen und weinte bitterlich. Das war zu viel für Fritz, er machte sich los und trat schweigend an das Fenster. Die Hand, die sie mit Thränen benetzt, legte er auf sein klopfendes Herz und flehte um Kraft. Fest und ernst setzte er sich dann zu ihr, sprach tröstliche Worte zu ihr, aber berührte mehr ihr äußeres Leben. Klärchen, die da meinte, sie hätte zu heftig ihre innere Bewegung kund gethan und ihn dadurch verletzt, nahm sich zusammen und versuchte ruhig und gelassen zu sprechen. Das kleine Gretchen ward der Gegenstand der Unterhaltung. Fritz sagte, wie er und Gretchen auch solcher Freude entgegen sähen, wie dann die Kinder zusammen spielen und groß werden könnten. Die Tante und Gretchen kamen jetzt hinzu, und Klärchen athmete leichter, die Unterhaltung ward ganz unbefangen. Die Tante sprach zu Fritz von Klärchens Wunsch, die Scheidung von Günther so schnell als möglich gerichtlich zu machen, was bei den vorliegenden Umständen nicht schwer sein konnte. Klärchen sprach dann von ihren Lebensplänen, daß sie wieder nähen wolle und mit Gottes Hülfe ihr Kind ernähren und erziehen. Sie drückte bei diesen Worten ihr Gretchen innig und zärtlich an das Herz und bemerkte nicht, wie der Tante Blicke wehmüthig auf dem Kinde ruhten, dessen Augen so groß aus dem kleinen weißen Gesichtchen herausschauten. Der Mutter schwere Krankheit hatte natürlich auch das Kind halb verkommen lassen; alle Sachverständige fürchteten für sein Leben, und nur Klärchen ahnete nichts von dem gefährlichen Zustande.
Am nächsten Sonntag ging sie zuerst in die Stephani-Kirche. Ihr Herz war voll seliger Dankbarkeit und voll heißen Gebetes. Das war ein segensreicher Morgen. Sie konnte getrost dem Herrn nahen und erwartete ihren Frieden nicht mehr von äußerem Wohlergehen, sondern nur in der Gnade und Liebe des treuen Herrn.
Nach der Kirche rüstete sie sich zu ihrem ersten Gang in die Stadt. Es war ein schwerer Gang. Sie sagte Niemandem wohin, sie ging zur Generalin. Diese Frau, gegen die sie sich am schwersten vergangen, deren Güte und Freundlichkeit sie mit schmählichem Undank belohnt hatte, mußte sie um Verzeihung bitten. Mit klopfendem Herzen stieg sie die Treppe hinauf, zog sie die Klingel. Der alte Bediente, der ihr eigentlich immer gut Freund gewesen, machte ihr jetzt durch seinen freundlichen Gruß den besten Muth. Als er ging, sie zu melden, stand sie allein in dem ihr wohlbekannten Vorzimmerchen. Der Nähtisch, vor dem sie so oft gesessen, stand noch an demselben Platz, der wohlbekannte Arbeitskorb darauf. Sie sah sich dort im Geiste sitzen mit all ihrer Eitelkeit, mit ihren tollen Gedanken und wunderlichen Plänen für die Zukunft. Ein schnelles Roth flog über ihre Wangen. Wie schämte sie sich der Vergangenheit, wie schnell hatte sich die Zukunft strafend für sie enthüllt, wie bangte ihr vor den ernsten Worten der Generalin, und wie trieb es sie doch wieder, ihr Herz zu erleichtern!
Die Generalin war indessen sehr schwankend, ob sie Klärchen annehmen sollte oder nicht. Sie hatte von ihrem Schicksale gehört, fand es wohl verdient und glaubte, daß jetzt nur äußere Noth und Bitte um Unterstützung Klärchen hergetrieben. Sie schämte sich aber fast vor dem Bedienten, der hatte so theilnehmend Klärchen genannt, der schien gar nicht zu zweifeln, daß sie vorgelassen würde, und sie gab die Erlaubniß.
Klärchen konnte vor Bangigkeit erst nicht reden, sie nahm nur der Generalin Hand und küßte sie. Diese sagte mit etwas kaltem Tone: Ich habe von Ihrem Unglück gehört, und bedaure Sie.
Ich bin jetzt nicht unglücklich, gnädige Frau, unterbrach sie Klärchen schüchtern, nicht so unglücklich, als da ich bei Ihnen war. -- Die Generalin machte ein verwundertes Gesicht, und Klärchen fuhr fort: Ich bereue meinen Leichtsinn, und hoffe, ich werde mit Gottes Hülfe anders werden, ich konnte es nur nicht lassen (bei diesen Worten wurde ihre Stimme zitternd und Thränen traten in ihre Augen), ich konnt' es nur nicht lassen, vor allem erst Ihre Verzeihung zu erbitten; ich wage es kaum, es war zu schlecht, o Gott! ich habe Sie ja bestohlen. -- -- Klärchen konnte nicht weiter reden, und die gutmüthige Frau Generalin war so bewegt von dieser unerwarteten Scene, daß sich ihre Gefühle plötzlich wandten, und sie die bleiche, junge Frau in den herzlichsten Worten ihrer Verzeihung versicherte. Sie unterhielt sich noch weiter mit ihr, fragte nach ihren Plänen für die Zukunft, und als sie hörte, daß Klärchen wieder schneidern wolle, erbot sie sich, ihr selbst Arbeit zu geben und ihr auch Kundschaft zu verschaffen. Klärchen war gerührt von dieser Güte. Sie pries es als eine Gnade Gottes und als die Erhörung ihres Gebetes von heut Morgen in der Kirche, wo sie zum Herrn so dringend gefleht, ihr doch die Theilnahme und Liebe guter Menschen wieder zuzuwenden, weil sie doch noch ein gar zu schwankendes Rohr sei und leicht muthlos werden könne; aber die Freude, bei der Frau Generalin im Hause arbeiten zu dürfen, müsse sie erst mit der Zeit verdienen, sie müsse sich jetzt noch zu sehr schämen und fürchten, ihre Wohlthäterin könne ihr noch nicht trauen.
Diese aufrichtige Reue machte die Generalin immer gütiger, und Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost und froher Hoffnungen. Aber der Herr wollte sie lehren, gar keinen Trost bei Menschen, sondern bei ihm allein zu suchen, und führte sie noch schwere Wege.
Als sie nach Hause kam, hatte ihre Mutter das kleine Gretchen auf dem Arm, und Klärchen bemerkte zum erstenmal, daß ihr Kindchen nicht so aussah wie andere Kinder dieses Alters. Ein jäher Schreck fuhr durch ihre Seele, sie nahm es, sah ihm in die großen, blauen Augen, faßte die welken Hände und sah flehend zum Himmel auf. Nein, das kann der Herr nicht thun, das könntest du auch nicht ertragen! dachte sie. Vielleicht will er nur deinen Glauben prüfen, und du willst nicht aufhören zu bitten.
Sie forschte bei der Mutter und bei der Tante und anderen Bekannten nach deren Meinungen über das Kind, und es war ihr Balsam, zu hören, wie schwächliche Kinder oft leichter über die ersten Jahre hinkämen, als starke und vollsäftige. Ach, dachte sie, du willst es sorgsam pflegen und hüten, und der liebe Gott wird das segnen.
Daß sie, als sie wieder zum Nähen ausging, Gretchen der Pflege ihrer Mutter überlassen mußte, wurde ihr sehr schwer; doch die dreißig Thaler waren zu Ende, und die Tante und alle vernünftigen Menschen erwarteten, daß sie ihre hergestellten Kräfte zur Arbeit benutzen würde. Es wurde ihr nicht schwer, sich einen Wirkungskreis zu verschaffen; ja bald ward er so groß, daß sie nicht allen Anforderungen genügen konnte. Frau Krauter war sehr glücklich darüber; zwar reichte das Geld gerade nur von der Hand in den Mund, sie war aber gewohnt, nicht weiter zu denken. Klärchens Tage gingen einförmig hin: in der Woche nähte sie in den Häusern, jeden Sonntag ging sie in die Stephani-Kirche, die Feierstunden, die ihr blieben, widmete sie der Pflege ihres Kindes. Von _einer_ Sorge, die auf ihrem Herzen ruhte, der Scheidung von ihrem Manne, hatte sie der Herr selbst befreit. Das Schiff, auf welchem Günther sich eingeschifft, war im Kanal gescheitert, und er selbst hatte den Tod und das Ende seiner Pläne in den Wellen gefunden. So hätte sie sich in ihrem Stillleben ungestört und mit jedem Tage glücklicher fühlen können, wenn nur ihr Kind frisch und gesund gewesen; aber die bange Sorge saß ihr wie ein Stachel im Herzen, und ihr Glaube war noch zu jung und schwach, um willig ihr Liebstes zu opfern und wie Abraham zu rufen: Herr, hier bin ich.
Es war am ersten Adventssonntag. Klärchen war früh in der Kirche gewesen und noch erfüllt von der herrlichen Predigt, erquickte sie sich an der sonntäglichen Ruhe. Ihre Mutter war zu Tante Rieke gegangen, sie saß allein in der Stube, ihr schlummerndes Gretchen auf dem Schooße. Schneeflocken fielen leise nieder, Klärchen schaute still hinein, es war ihr, als ob sie durch die weiße Decke doch die ganze Herrlichkeit des Himmels sähe; sie fühlte eine Glückseligkeit von da oben sich in ihr Herz hinabsenken, wie sie nie gefühlt. Sie faltete die Hände: O Du lieber himmlischer Vater, halte mich so wie Du mich in diesem Augenblicke hältst, ich fühle mich an Deinem Herzen, ich könnte Dir Alles geben, ja auch das Liebste hier. Sie sah auf ihr bleiches Kind, aber fühlte eine selige Verklärung im Herzen. Da schlug das kleine Gretchen die matten Augen auf, die Mutter drückte es heiß an ihr Herz und schluchzte: O Herr, aber gieb Du Kraft! ich bin schwach, sehr schwach! Sie fühlte die Verheißung vom Tode ihres Kindes, und ihr Herz konnte sich beugen.
Aber dieser seligen Stunde folgten viele bange, sie fing wieder an zu zagen, zu ringen, zu hoffen, auf Mittel zu sinnen, wie dem Kinde zu helfen sei. Besonders glaubte sie, daß ihre eigne Pflege nöthig sei, und ging deswegen nicht zum Nähen aus, wie auch Frau Krauter darüber böse war; denn wenn Klärchen meinte, im Hause eben so viel verdienen zu können, merkten sie bald an der Kasse, daß dem nicht so war. Stundenlang trug sich Klärchen mit dem Kinde, oder saß von Kummer und Wachen ermattet mit müßigen Händen. Bis vierzehn Tage vor Weihnachten ging es leidlich, der Hausstand hatte noch nicht Mangel gelitten, da trat aber statt des bisherigen milden Wetters strenge Kälte ein, und Holzmangel machte sich bitter fühlbar. Tante Rieke wagte Klärchen nicht anzusprechen, weil sie ja durch eigne Schuld in diese Verlegenheit gekommen war, und auch die Mutter hatte nicht Muth dazu, weil Tante Rieke ihr Weihnachten schon die Miethe geben mußte. So ward denn für jetzt beschlossen, Klärchens Flitterstaat zu verkaufen, den sie um Alles in der Welt doch nicht wieder getragen haben würde. Frau Krauter war sehr zufrieden damit. Wir helfen uns noch einige Wochen hin, dachte sie, länger kann das Würmchen nicht mehr leben, und dann ist Klärchen doppelt fleißig und die Noth hat ein Ende. Der schwarze seidene Mantel und der Sammethut machten den Anfang, dann folgten allerhand Kleinigkeiten, für die aber sehr wenig eingenommen wurde, und da Tag und Nacht geheizt werden mußte, auch außer Essen und Trinken noch Medizin und allerlei andere Dinge zu beschaffen waren, so war bald die Kasse wieder so leer wie zuvor, und Klärchen stand am dritten Weihnachtstage trostlos vor den leeren Kommodenkasten. Noch fand sich einiges Unbedeutende, das sie sich eigentlich schämte auszubieten, aber die Mutter brachte einen Thaler dafür. Das Schlimme bei diesem Verkaufen war nur, daß Klärchen für den Flitterstaat nichts Derbes und Festes in der Stelle hatte. Ein Deckentuch war ihr einziges warmes Kleidungsstück und hatte auch bei dem milden Wetter ausgereicht; jetzt hatte sie weder einen Mantel, noch ein warmes Kleid, und konnte kaum die warme Stube verlassen. Aber auch diese Stube war nicht mehr warm zu machen; am Sylvester-Morgen blieb Frau Krauter im Bett liegen, um nicht zu frieren, und Klärchen ging in den Holzstall, um noch einmal Nachlese zu halten, obgleich sie gestern Abend schon sehr genau eingesammelt hatte. Sie fand einige Splitterchen, kochte noch einmal Kaffee und für Gretchen einen Brei. Die Stube ward kaum warm. Klärchen fragte nichts nach der Kälte, aber Hülfe mußte nun geschafft werden, das Kind durfte nicht frieren. Vor allen Dingen zog sie selbst ihren einzigen wollenen Unterrock aus, machte eine Kappe davon, hüllte das Kind da warm hinein und trug es so im Deckentuch in der kalten Stube. Um noch etwas unter dem dünnen wollenen Mousselin-Kleide zu haben, hatte sie den weißen Unterrock mit der Frisur angezogen, der aus ihrer Mädchenzeit, jetzt aber dünn und verwaschen, kaum noch zu Futter nutzbar, in einer Ecke lag. Sie kämpfte lange, ob sie zu Tante Rieke gehen sollte, oder vielmehr zu Buchsteins; denn schon seit acht Tagen war die Tante dort, weil Gretchen an einer bösen Grippe niederlag. Sie entschied sich zum Gehen, die Noth war zu groß, ihre Stube ward immer kälter, die Mutter jammerte nach Essen, und sie selbst und ihr Kind waren hungrig. O wenn sie nur Kraft zum Beten gehabt hätte! Aber sie war matt und schwach, konnte sich nicht erheben und trug all dies Elend als eine wohlverdiente Schuld.
Der Nordwind pfiff durch ihre dünnen Kleider, an allen Gliedern bebend trat sie zu Buchsteins in das Haus. Fritz nahm eben dem Lehrjungen einen Korb mit Spähnen und Holzabfällen ab, die er in der Werkstatt aufgeräumt. Klärchens Blicke sahen unwillkürlich verlangend darauf. Fritz, der für Klärchens Augensprache immer noch ein feinfühlendes Verständniß hatte, verstand auch diesen Blick. Ein heißes Weh ging durch sein Herz. Sie ist in Noth, dachte er, sie sieht bleich und kümmerlich aus, und ihr habt sie vergessen. Er führte sie in die Stube. Gretchen hatte zum erstenmal das Bett verlassen und saß in Betten und Mäntel gehüllt im Lehnstuhl, Vater Buchstein und die Tante saßen neben ihr, freueten sich ihrer Genesung, der sie mit einiger Besorgniß entgegen sahen, weil der sehr heftige Husten in Gretchens Zustande was Angstvolles hatte. Die Tante erschrak, als Klärchen als ein so sprechendes Bild des Jammers und des Elendes in die Stube trat. Fritz stellte ihr einen Stuhl an den Ofen, sie setzte sich, aber immer noch flogen ihre Glieder vor Frost.
Wie geht's Euch denn? fragte die Tante besorgt.
Die Mutter liegt im Bett, und mein Gretchen -- hier stockte Klärchens Stimme.
Warum hast Du keinen Mantel um? -- fuhr die Tante fort -- was hast Du denn an? Sie hob unwillkürlich das dünne Kleid und den wohlbekannten Frisurenrock auf. Ach Gott! nichts weiter? sagte die Tante erschrocken, warum denn keinen wollenen Rock?
Klärchen legte beide Hände vor die Augen. Ich habe keinen, schluchzte sie, und habe nichts, nichts! Fritz trat an das Fenster, er konnte seinen Augen nicht gebieten. Gretchen bat die Tante, welche Kleidungsstücke sie für Klärchen holen sollte; aber Klärchen sagte leise weinend:
O nichts für mich, nur etwas Holz und Essen für meine Mutter und mein Kind.
Fritz eilte hinaus. Der Korb mit dem Holze stand noch dort, alles mögliche aus der Speisekammer packte er hinzu und eilte nun voran in Klärchens Wohnung. Wie fand er es hier! öde und kalt, das Kind weinend, die Großmutter klagend. Mit zitternden Händen machte er selbst Feuer, stellte Wasser dabei, und als Tante Rieke mit dem eingekleideten Klärchen in die Stube trat, hörte diese wenigstens das tröstliche Knistern im Ofen. Sie sah ihn so demüthig und dankbar an, er konnte den Blick nicht vertragen, sein Gewissen machte ihm Vorwürfe, daß er sie darben ließ; freilich war sein Gretchen in den Tagen schwer krank gewesen, und seine Zeit durch die Pflege hingenommen, aber daran dachte er jetzt nicht, sondern nur an seine Schuld.
Als er darauf den Abend allein saß und dem neuen Jahr entgegen wachte, -- denn sein alter Vater war jetzt sehr kränklich und auch die Tante von den vorhergegangenen Nachtwachen angegriffen, -- da gingen seine Gedanken zurück in die Vergangenheit. Es waren zwei Jahr, daß er zu Klärchen die warnenden Worte gesprochen, -- wie hatte sich seitdem alles geändert! Er fühlte dankbar, daß der Herr seine Gebete erhört, an der Seite seines treuen Gretchens war er von aller Unruhe des Herzens geheilt, und wenn auch die Jugenderinnerung zuweilen wunderlich durch seine Seele klang, so hatte das nichts Schmerzliches mehr. Klärchen war der Welt entfremdet und dem Himmel gewonnen; Fritz flehte zum Herrn, daß er alle ihre Herzen verklären möge, daß er sie _einen_ Weg führe zum himmlischen Jerusalem und dort oben ewig selig vereinigt halte.
Während Fritz so mit seinen Gedanken allein war, saß Klärchen ebenso an der Wiege ihres hinwelkenden Kindes. Sie war matt und krank, ihre Glaubenswelt schwach und ohne Halt, das Leben war ihr trüb' und der Himmel fern, ihr einziger Trost war das Kind, ihr einziger Gedanke: so grausam kann Gott nicht sein, dir dies zu nehmen. Und doch kann er es, dachte sie angstvoll, und du hast es verdient! -- Das Leben lag wie eine schwere Schuld hinter ihr, und der erlösenden Liebe wagte sie sich nicht zu nahen. In die Kirche war sie nicht gekommen, die Tante und Buchsteins hatte sie lange nicht gesprochen, so fehlte es ihr an jedem stärkenden Zuspruch, und innerlich und äußerlich welkte sie dahin.
Am anderen Morgen stand Frau Krauter trotz der warmen Stube nicht auf, sie fühlte sich wirklich krank, und als es in den nächsten Tagen zunahm, schickte die Tante einen Arzt. Der erklärte es für eine nervöse Grippe. Klärchen hatte nun doppelt zu pflegen, und da die Tante immer wieder an Gretchens Krankenbette gebunden war, stand sie ganz allein. Nur Fritz kam zuweilen; aber ernst und schweigsam war er, Klärchen hielt das für eine verdiente Nichtachtung, wagte ihn kaum anzusehen und zu danken für Alles, was er ihr zur Erleichterung that und schickte. So gingen ihr die Tage wie im dumpfen Traume hin. Nach drei Wochen erklärte der Arzt den Zustand der Mutter für besser, zugleich aber ward sein Gesicht beim Anschauen des Kindes immer bedenklicher. Klärchen empfand große Qualen; je mehr sie das Kind hegte und pflegte, je furchtbarer ward ihr der Gedanke seines Todes. Eines Abends wollte es die Brust nicht mehr nehmen und hing matt das Köpfchen; wie ein Schwert fuhr der Schmerz durch Klärchens Brust. Sie wußte in der Angst nicht was beginnen; der liebe Gott will nicht helfen, vielleicht können es Menschen. Sie stürzte zur Tante, aber bei Buchsteins war Angst und Verwirrung, der alte Benjamin stand mit gefalteten Händen im Hause, Gretchen lag in schweren Kindesnöthen. Klärchen lief zu Gustchen Vogler, lief zum Arzt; der fand das Kind freilich sehr krank, er hatte es aber nicht anders erwartet. Gustchen blieb die Nacht, machte Thee, wärmte Tücher und hörte Klärchens Klagen an. Die Nacht war so lang, dichte Schneeflocken hielten die Dämmerung am Morgen noch länger auf. Endlich ward es Tag. Klärchen hielt laut jammernd das sterbende Kind auf dem Schooße, als die Thür sich öffnete und Tante Rieke eintrat.
Eben stirbt mein Kind! rief Klärchen verzweiflungsvoll.
Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, sein Name sei gelobt ewiglich, -- sagte die Tante bewegt.
Nein, nein, rief Klärchen und küßte den letzten Athemzug von des Kindes Lippen.
Ja, ja, sagte die Tante. Klärchen, laß uns beten, wir sind jetzt beide kinderlos, -- Thränen erstickten ihre Stimme, -- auch mein Gretchen ist hinübergegangen.
Klärchen starrte sie an. Ja, fuhr die Tante fort, laß uns den lieben Herrn im Himmel bitten, daß er uns Kraft giebt, daß er uns tröstet.
Der liebe Herr im Himmel? stöhnte Klärchen; aber ihre Hände falteten sich, die seligen Stunden, die sie mit diesem Herrn schon verlebt hatte, nahten sich ihr plötzlich wie ein Trostes-Engel. Am ersten Advent hatte ja ihr Kind eben so bleich auf ihrem Schooße geruht; damals hatte sie Kraft, es dem Herrn willig hinzugeben. O Herr, hilf mir! flehte sie, und der Herr half. Ja wunderbar, schnell, augenblicklich! eine selige Erhebung fühlte sie im Herzen, der düstere Traum, die Angst war vorüber. Sie konnte mit der Tante beten, sie konnte mit ergebenem Herzen heiße Thränen weinen.
Und diese Thränen flossen noch oft, aber sie lösten die Last ihres Gewissens und machten sie zum Kinde Gottes.
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Klärchens äußeres Leben war bald wieder im alten Geleise. Sie ging aus zum Nähen; weil sie gesund war, und nichts sie mehr an's Haus fesselte, wollte sie auch wieder arbeiten. So still und einförmig ihre Tage aber auch äußerlich hingingen, so warm und lebendig war es ihr im Herzen: ihre Gedanken zogen immer mehr dem Himmel zu, dahin, wo ihr Kindchen mit den Engeln spielt, und der Himmel kam zu ihr hernieder mit seinem Frieden, seiner Seligkeit. Sie verlangte und hoffte von diesem Leben nichts weiter, ja, wenn sie des Abends oder des Sonntags bei der Tante war, diese sie mit Liebe und Vertrauen überhäufte, und wenn gar Fritz dazu kam, mit ihnen sprach, ihnen vorlas, und sie einen theilnehmenden Blick von ihm erhaschte, da meinte sie, so glückliche Tage nicht verdient zu haben, und bat Gott, sie ihr bis zum Lebensende so zu erhalten.
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