Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte

Part 8

Chapter 83,836 wordsPublic domain

Der Januar ging Klärchen mit Nähen von Kindersachen sehr schnell dahin, sie lernte da einen Genuß kennen, der ihr ganz neu war, den Genuß des Stilllebens und des Fleißes. Ihre Gedanken waren bei dem Kindchen, das einst in diesen Kleidern stecken sollte, und süße Freude durchströmte ihr Herz. Diese Freude des Stilllebens aber sollte ihr nicht lange bleiben. Günther, der in der freudigen Aufregung, in der er sich seit Wochen befand, öfter als je eine Flasche guten Weines trank, that das in seiner eigenen Wohnung, um ungestört und sicher seinen Rausch auskuriren zu können. Oft ging das ganz still ab, oft aber tobte er und lärmte und Klärchen hatte Mühe und Noth, ihn zur Ruhe zu bringen. So war es Anfang Februars geworden. Seit acht Tagen war Klärchen unwohl und die Mutter Tag und Nacht bei ihr, um die Hausarbeit zu verrichten, daneben aber auch um den oft angetrunkenen Schwiegersohn zu bedienen. Sie verstand das besser als die Tochter, sie hatte Erfahrung darin von ihrem verstorbenen Manne her, und ihr Gefühl war abgestumpft. Er dagegen war erkenntlich auf jede Weise gegen sie, und darum redete sie immer gegen die Tochter das Wort für ihn, entschuldigte ihn und beschönigte sein Laster, wo sie nur konnte. Zur Fastnacht bestimmte Günther, trotzdem Klärchen erst wieder einige Tage aus dem Bett war, eine Gesellschaft, und zwar wollte er für diesmal nur die Herren haben. Klärchen war es zufrieden, sie konnte mit der Mutter in der Schlafstube bleiben, und der Anblick von den betrunkenen Männern wurde ihr erspart. Daß es wild hergehen würde, war vorauszusehen.

Und es ging wild her, wilder als da die Frauen dabei gewesen. Klärchen ward angst und bange, wenn sie das Toben und Brausen im Nebenzimmer hörte, und die Mutter hatte genug zu beruhigen. Aber selbst diese machte bald ein bedenkliches Gesicht, denn Teller und Gläser klirrten durch einander, und das Geschrei war nicht mehr das des Uebermuthes, sondern das des Zornes. Beide Frauen stürzten heraus, zwei Männer gingen eben zur Thür hinaus, der Rendant lag an der Erde, und Günther schlug mit beiden Fäusten auf ihn los. Klärchen versuchte es seine Arme fest zu halten, denn schon floß Blut über des Rendanten Stirn, die Mutter war dem Blutenden behülflich sich aufzurichten, und mit Hülfe beider Frauen kam er zur Thür hinaus. Jetzt aber richtete sich die Wuth des Betrunkenen auf Frau und Schwiegermutter; blindlings schlug er zu, und beide konnten sich nicht schnell genug in die Schlafstube flüchten. Dem Riegel waren seine Kräfte nicht gewachsen und er begnügte sich jetzt, seine Tobsucht an Gegenständen in der Stube auszulassen. Klärchen saß weinend und mit blutender Nase, -- dahin gerade war ein Faustschlag gefallen. Die Mutter hielt ihr schweigend das Waschbecken vor. Diese Mißhandlungen wußte sie freilich nicht zu entschuldigen. Ja sie mußte es jetzt geduldig hören, wie Klärchen sie mit Vorwürfen überschüttete, das Laster ihres Mannes so beschönigt zu haben. Klärchen machte in ihrer Heftigkeit viele Pläne. Jedenfalls wollte sie von dem Manne, vor dessen Mißhandlungen sie keine Minute sicher sei. Sie wollte wieder Schneiderin werden, wollte lieber Salz und Brod essen, und so weiter. Sie ließ sich endlich von der Mutter bereden, sich zur Ruhe zu legen, und da Günther nebenan laut schnarchte, konnten sie für jetzt ruhig sein.

Am andern Morgen selbst konnte Klärchen den Mann nicht sehen, die Mutter aber wollte neutral bleiben und wenigstens für eine warme Stube und für Kaffee sorgen. Günther sah sie mit bösem Gewissen an; er hatte wohl eine Ahnung von dem, was er gestern gethan, aber Worte der Versöhnung wollte er nicht sprechen. Er fand es viel bequemer, die Schuld auf beide Frauen zu schieben. Künftig sollten sie ihre Nase nicht in Sachen stecken, die sie nichts angingen, der Rendant hätte ihn schändlich beleidigt und seine Prügel verdient. So ungefähr sprach er. Die Mutter konnte es doch nicht lassen, ihn an Klärchens Zustand zu erinnern, und außerdem, daß sie solche Behandlung nicht gewohnt sei. Günther aber ließ sich auf nichts ein, er war grob und wegwerfend und wollte sein Betragen als ganz gerecht hinstellen. Klärchen hörte durch die offene Thüre jedes Wort, und ihr Herz wollte brechen. Mit _dem_ Mann konnte sie nicht zusammen bleiben. Aber wie von ihm los kommen? Sie hatte ja Niemand in der Welt, der ihr rathen und helfen konnte. An Tante Rieke dachte sie; aber hatte die sie nicht gewarnt und ihr Unglück vorhergesagt? Zu der wagte sie sich nicht. Aus Furcht auch hatte sie den am Weihnachtsmorgen versprochenen Besuch von Woche zu Woche aufgeschoben, und, da sie die Entschuldigung gehabt, daß ihr Mann es verboten, sich dabei beruhigt.

Jetzt kamen für Klärchen trübe Tage. Daß Günther sich fast gar nicht bei ihr sehen ließ, war ihr ganz recht, aber sie war doch zu verlassen, selbst die Frau Rendantin und die anderen Frauen hatten sich seit dem Fastnachtsabend zurück gezogen. An Gelde fehlte es ihr oft, aber zum Glück war die Mutter immer bereit, Günthern etwas abzubetteln; so waren sie wenigstens nie in äußerer Noth. Dies letzte hob die Mutter immer besonders als Trost hervor. Dein Mann ist wohlhabend und darum hat er seine Eigenheiten, die Du tragen mußt. Dein Vater hat mich weit schlechter behandelt, und dabei wußt' ich nicht, wovon ich uns satt machen sollte. Du kannst in allen Stücken ohne Sorgen leben und brauchst die Hände nicht zu rühren. -- Klärchen entgegnete, sie wollte lieber Salz und Brod essen, ja verhungern, als solche Behandlung dulden und überhaupt solch ein Leben führen. -- Du wohl! sagte dann die Mutter wieder, aber Dein Kind? Ich kenne das, ich habe auch so gesprochen; wie ich Dich aber erst hatte, und wie ich schwach und elend wurde, da kriegt' ich andere Gedanken. -- Ja, das Kind! seufzte Klärchen. -- Und das war es auch, was sie geduldig machte. Wohin sollte sie mit dem Würmchen? Sie hätte kaum sich allein ernähren können, wie sollte sie dazu das Kind noch pflegen und ernähren? Sie verschluckte darum manchen Aerger, sie gewöhnte sich sogar, freundlich zu scheinen, weil sie merkte, daß so mit Günther noch am besten fertig werden war. Daß er oft schimpfte, sie auch wohl in der Betrunkenheit stieß, mußte sie sich gefallen lassen.

In der Kirche war sie einmal wieder gewesen, in der trübsten Zeit, bald nach Fastnacht. Und zwar in die Stephani-Kirche zog es sie. Der wunderbare Eindruck von Weihnachten war ihr wieder vor die Seele getreten. -- Aber der Prediger sprach diesmal sehr ernst. Er schilderte die Leiden unseres Herrn und Heilandes, die er erduldet, um uns arme elende Sünder zu erlösen vom ewigen Tode. Dann sprach er vom Zustande eines unbekehrten Sünders, von seiner Angst und Unruhe in der Gegenwart, von der Strafe und dem Gerichte der Zukunft. -- Klärchen ward durch diese Predigt so ergriffen, daß sie sich mehrere Tage nicht beruhigen konnte und froh war, als die Zeit den Eindruck zu verwischen schien. Sie war seitdem nie wieder in der Kirche gewesen.

Der Winter verging, der Frühling kam mit seinen schönen Tagen, wo die Luft lau, wo die Veilchen blühen, die Lerchen singen und die Saaten grünen. Klärchen sah von alle dem nicht viel. Um die Freuden der schönen Natur zu genießen, war sie nie gewohnt spazieren zu gehen, und in Kaffeegärten führte sie Günther nicht mehr; er schämte sich ihrer Schwerfälligkeit und ging lieber allein seinem Vergnügen nach. Das war freilich auch anders, als sich Klärchen in romantischen Phantasien die Liebe ihres Mannes gedacht hatte; gerade in diesen Zuständen wollte sie mehr als je auf Händen getragen und vergöttert werden. Aber die gewöhnliche Flitterliebe ohne den wahren festen Grund im Herzen hält nicht weiter hinaus.

Eines Sonnabends Abends --, es war Anfangs Mai --, da saß Klärchen am offnen Fenster und schaute auf die rein gekehrte Straße und sah dem fröhlichen Spiel der Kinder zu. Eine Nachbarin drüben kam eben mit zweien von einem Spaziergange zurück. Sie waren ganz mit Blumen beladen. Weißdorn, Primeln und Tulpen blühten lieblich in den kleinen Händen. Klärchen ward bewegt von diesem lieblichen Anblick. Wenn du erst ein Kind hast, dachte sie, gehst du auch mit ihm spazieren, pflückst ihm Blumen, machst ihm Kränze. Ihr Herz schlug froh bei diesen Bildern, und überhaupt hing das Glück ihrer Zukunft jetzt eben so leidenschaftlich an dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen trug, als früher an anderen Phantasiegebilden. -- Doch spazieren gehen könntest du zuweilen auch ohne Kind und dir so schöne Blumen holen! Ja, heute war es zu schön! sie nahm Hut und Umschlagetuch und wanderte zum Thore hinaus.

Ihr Weg führte sie zu einem Gärtner, einem weitläufigen Verwandten, den sie in ihrer Jugend, ehe sie in Kaffeegärten und Conzerte ging, oft mit der Mutter, mit Tante Rieke und mit Gretchen besucht hatte. Es war ihr wohl, wie lange nicht, zu Sinne, als sie dem Grasrain entlang der blühenden Weißdornhecke entgegen ging. O wie die Lerchen dem blauen Himmel entgegen jubelten, und Duft und Lieblichkeit überall und tiefer Frieden! -- Sie trat in den Garten. Lichtblaue Irisstreifen begrenzten die Rabatten, vor dem Haus blühten Tulpen, blaue Männertreue, Ranunkeln und Hyazinthen. In den blühenden Bäumen, dem jungen Grün der Spiräen und Flieder hüpften und sangen Vöglein, und hoch drüber in einem knospenden Kastanienbaume schlug eine Nachtigall in langen, weichen, gehaltenen Tönen. O wie schön ist des lieben Gottes Welt! mußte Klärchen sagen und seufzend hinzusetzen: wenn er doch auch _dein_ lieber Gott wäre! Sie wollte in einen Seitenweg einbiegen, trat aber erschrocken zurück, -- in einer Fliederlaube saßen Fritz und Gretchen traulich neben einander. Fritz hatte seinen Arm um Gretchen geschlungen und schaute ihr warm in die Augen, diese hatte einen weiß blühenden Spiräenzweig um das Haar geschlungen und sah ganz wie eine Braut aus. Jetzt erst dachte Klärchen daran, daß morgen Gretchens Hochzeitstag war. Das bewegte sie sehr. Sie suchte sich in dem Bosquet einen einsamen Platz und ließ den Thränen freien Lauf. Nicht aus Neid weinte sie, nein, aus Reue und Kummer über das eigene Unglück. Wie glücklich mußte Gretchen sein, zur Seite solch' eines rechtschaffenen Mannes! Ja, Rechtschaffenheit geht über alle Galanterie, dachte sie jetzt. Wenn ich auch rechtschaffen und fromm sein könnte, vielleicht ginge es mir dann besser. Wie fange ich es aber an? Ich weiß es nicht. Und ob mir der liebe Gott helfen kann? ich weiß es auch nicht. Wer soll mir rathen? Wenn ich an die Fastenpredigt denke, wird mir angst, ich kann sie immer nicht vergessen, und kann mir doch auch nicht helfen. -- Sie schlich sich aus dem Garten, brach sich einige Weißdornzweige von der Hecke und ging mit weichem Herzen und feuchten Augen durch den dämmernden Abend. Morgen früh wollte sie in die Stephani-Kirche gehen; und wenn sie auch morgen keine Lust dazu haben sollte --, denn sie kannte den Wechsel ihrer Stimmungen --, sie wollte doch gehen und wenigstens dem lieben Gott dies Versprechen halten.

Und sie hielt Wort und nahm ihren alten Platz in der Stephani-Kirche ein. Der Prediger hielt diesmal eine Frühlingspredigt, er schilderte so warm die Liebe und Freundlichkeit des Herrn und die Schönheit des Frühlings, und knüpfte daran den Frühling einer Seele, die auch dem Herrn entgegenblüht und sprosst und nur von seinem Segen und Gnadenschein Gedeihen erwartet. Klärchen ward durch diese Predigt viel getröstet und gestärkt. Der Herr ist sehr freundlich und gütig gegen die Menschen, vielleicht erbarmt er sich auch deiner und wendet noch das selbstverschuldete Unglück von deinem Leben ab. Er ladet alle Sünder ein, er wird auch dich nicht zurückstoßen! Aber wie sollst du es anfangen, zu ihm zu kommen? Und wie soll er dir helfen? -- Klärchen meinte, wenn sie an Hülfe dachte, immer nur die äußere, sie fühlte, daß Günther einem Abgrund entgegen ging, in den er sie mit hinein ziehen würde. Angst in der Gegenwart, Furcht vor der Zukunft trieb sie Hülfe zu suchen, und da sie recht gut wußte, daß ihr Menschen nicht helfen konnten, wollte sie es mit dem Himmel versuchen. Die Predigt heut machte ihr neuen Muth dazu, und der Prediger, der so mild und liebreich geredet, hatte ihr ganzes Herz gewonnen; ihm näher zu kommen und sich ihm anzuvertrauen, war ihr höchster Wunsch. Menschen wußte sie außerdem nicht, die ihr hätten rathen können; der Tante Rieke ernste Reden und Ermahnungen hatte sie stets mit Gleichgültigkeit, Widerspruch und Lachen aufgenommen; _der_ ihr Unglück aufzudecken und ihr Unrecht zu gestehen, fühlte sie eine unüberwindliche Scheu.

Als der letzte Vers gesungen war, leerte sich die volle Kirche, nur im Chor sammelte sich eine kleinere Anzahl, um das Brautpaar trauen zu sehen. Auch Klärchen trat hinzu, aufrichtige Theilnahme an Gretchens Schicksal veranlaßte sie dazu. Freilich kamen ihrem Herzen gar sonderbare Gedanken. Wo Gretchen steht, könntest du auch stehen, und was ist das für ein Mann! Sie hatte ihn immer schon bewundert und zu gut gefunden für Gretchen, aber in ihrer eignen Thorheit war sie verblendet und hatte seines Herzens Sprache mit Verachtung erwidert. Jetzt stand er da, so schön und männlich, mit so mildem, liebevollem Ausdruck. Klärchen traten die Thränen in die Augen und ihr Herz war so bewegt. Als der Prediger die Versammlung aufforderte, für das junge Paar mit zu beten, faltete sie die Hände und brachte zum erstenmal in ihrem Leben etwas wie ein ernstliches Gebet vor den Herrn. Als beim Hinausgehen Fritzens Augen ihrem weichen, theilnehmenden Blicke begegneten, fuhr ein freudiger Schreck in sein Herz, und wenn er dies Herz auch ganz und gar seinem Gretchen geschenkt, so war es doch immer, als ob er Klärchens Seele mit auf seiner Seele tragen müsse. Die heißen Gebete seiner Jugend konnte er nicht verloren geben.

Klärchen dachte darauf, wie sie Bekanntschaft mit dem Prediger machen könne. So geradezu hinzugehen war ihr unmöglich, es mußte sich eine Gelegenheit darbieten, und diese hoffte sie am leichtesten in der Taufe ihres Kindes zu finden. Zu Günther sprach sie noch nicht davon, obgleich sie fühlte, ein jeder Prediger würde ihm gleich sein. Sie fürchtete doch seinen Widerspruch und wollte eine gelegenere Zeit abwarten. Aber mit trostvollen Hoffnungen und Plänen beschäftigte sie sich in den stillen Wochen bis zur Geburt ihres Kindes.

Ende Juni genas sie glücklich eines kleinen Mädchens. Günther war sehr erfreut und sehr aufmerksam gegen Mutter und Kind. Klärchen hatte zwar schon in den Wochen vorher eine freudige, wenn auch oft unruhige und zerstreute Stimmung an ihm bemerkt, jetzt kam aber unzweifelhaft die Freude an ihr und dem Kinde dazu. Sie war schöner erblüht als je, und das Kind hatte die großen, blauen Augen und feinen Züge der Mutter. Günther war aufmerksam wie in den ersten Tagen seiner Liebe, schöne Geschenke brachten seine Hände und schmeichlerische Worte entglitten seinem Munde, ja, in einer einsamen Stunde bat er sie sogar um Verzeihung wegen der Vergangenheit und versprach ihr eine goldene Zukunft. Er deutete dabei an, daß sie bald ihren Wohnsitz ändern würden, und forschte dann, wie alt wohl ihr Kindchen sein müsse, um mit ihm eine weitere Reise zu unternehmen. Klärchen hätte sich jetzt ganz glücklich träumen können, aber die gemachten Erfahrungen ließen sich nicht aus ihrem Gedächtniß verwischen; auch waren Günthers Augen zuweilen so unstet, seine Worte so geheimnißvoll, daß sie Angst vor seiner Nähe hatte. Als das Kind fünf Wochen alt war, ward es in der Stephani-Kirche getauft, Günther hatte nichts dagegen, er hörte kaum hin, als ihm Klärchen den Vorschlag machte. Aber daß Gretchen Gevatter stehen sollte, schlug er rund ab, er wollte mit den Leuten nichts zu thun haben. Nur das setzte sie durch, daß die Kleine Gretchens Namen bekam.

Zu Klärchens Geburtstag war das kleine Gretchen sechs Wochen alt, und lag süß schlummernd neben der Mutter in der Wiege. Vor dem Sopha stand der Geburtstagstisch, den Günther am Morgen mit Kuchen und Blumen geschmückt. Außerdem hatte er ihr 30 Thaler in Scheinen geschenkt mit dem geheimnißvollen Bemerken: sie sorgsam zu bewahren; sie würde bald Gebrauch davon machen müssen. Klärchen hatte schon zu oft solche Bemerkungen gehört, und hatte das Geld, ohne weiter darüber zu forschen, in ihr Nähkästchen geschlossen. Jetzt war es bald Abend, sie saß am offnen Fenster, die Luft in der Stube war ihr zu eng geworden, aber auch außen war es nicht besser, es war ein schwüler Tag gewesen. Klärchen hatte ernsthafte Gedanken, sie war plötzlich so weit glücklicher als früher, Günther wie umgewandelt, -- sollte der liebe Gott wirklich ihre Gebete erhört haben? Ihr Herz war dankbar gestimmt, und sie machte sich das Gelübde, fromm und rechtschaffen zu werden, knüpfte daran aber unwillkürlich die Bedingung des Glücklichseins, und dies Glücklichsein suchte sie immer noch in äußeren Dingen.

Verwundert sah sie mit einemmal Herrn Reinhard mit noch zwei Männern aus dem Hotel und eilig zu ihr hinüber kommen. Erstaunt ging sie ihnen entgegen. Herr Reinhard fragte ernsthaft nach ihrem Manne.

Ich meine, er ist drüben, sagte Klärchen unbefangen, und erwarte ihn jeden Augenblick. Es ist heut mein Geburtstag, fügte sie, indem sie auf den Festtisch zeigte, hinzu, und er wollte noch mit mir spazieren gehen.

Der Schurke! murmelte Reinhard, und Klärchen fuhr erschrocken zusammen. Sie müssen erlauben, daß wir den Sekretair öffnen, fuhr Reinhard fort, und sogleich machte er sich mit Hauptschlüsseln an das Werk.

Klärchen bat den Herrn Reinhard mit Thränen, ihr zu sagen, was vorgefallen, und Herr Reinhard erzählte nicht mit den feinsten Worten, wie Günther ihn wenigstens um zehntausend Thaler betrogen, wie er schändlicher Weise sein Vertrauen gemißbraucht, seine Handschrift nachgemacht, sein Siegel benutzt, falsche Wechsel ausgestellt, und jetzt wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Klärchen, überwältigt von diesen Nachrichten, saß laut jammernd neben der Wiege, Frau Krauter kam dazu, jammerte mit und vermehrte die Verwirrung. -- Im Schranke fand man nichts. Klärchen erzählte, daß Günther vor kurzer Zeit viele unnütze Papiere, wie er sie genannt, verbrannt habe. Während sich zu den genannten Personen noch Wirthsleute und Mitbewohner des Hauses eingefunden hatten, und das kleine Gretchen, vom Lärmen aufgeweckt, laut dazwischen schrie, kam der Postbote und brachte einen Brief für Klärchen. Hastig erbrach sie ihn und las:

Liebes Klärchen! Ich schreibe in großer Eile. Wenn Du diese Zeilen liest, bin ich bald in Hamburg und besteige gleich nach meiner Ankunft ein Dampfschiff, das mich nach London und dann weiter nach Amerika bringt. Packe schnell Deine Sachen, Deine Ausstattung kann Dir Niemand streitig machen, und komm nach Hamburg mit unserem kleinen Gretchen. In der Vorstadt St. Pauli Nr. 10. wirst Du, wenn Du Deinen Namen sagst, freundlich aufgenommen, wirst alles Uebrige erfahren und eine bequeme Ueberfahrt nach Amerika haben. Ich beschwöre Dich, laß mich nicht im Stich, ich kann nicht leben ohne Dich und ohne unser liebes Kind, ich werde Dich mit offenen Armen empfangen und in unser Hotel führen, da sollst Du fürstlich leben und die Bettelwirthschaft, die Dich jetzt drückte, bald vergessen. -- Du kommst! ich zweifle nicht und bin ewig Dein Eduard Günther.

Klärchen ließ es willenlos geschehen, daß auch Herr Reinhard den Brief nahm und las. Er ward noch zorniger, als er erfuhr, daß der Betrüger ihm entgangen sei, und fragte Klärchen mit beißenden Worten, was sie zu dem Vorschlag sage. Diese erklärte, sie wolle lieber mit ihrem Kinde verhungern, als dem Manne folgen. Als Herr Reinhard merkte, daß Klärchen ganz unwissend in der Sache sei, als er ihren Schmerz darüber sah, ward er etwas milder gegen sie gestimmt, aber die Wohnung mußte sie räumen und die ganze Einrichtung ihres Haushaltes zurücklassen, denn sie konnte nicht leugnen, daß Günther Alles angeschafft hatte; nur ihre eigenen Kleidungsstücke und Leibwäsche, das Bettchen und Zeug des Kindes nebst einigen Kleinigkeiten wurden ihr mitzunehmen erlaubt.

* * * * *

Klärchen saß wieder in der kleinen Stube ihrer Mutter. Die zwei Jahre ihrer Abwesenheit waren ihr wie ein Traum, ein Traum, der in Lust und Herrlichkeit begonnen und geendet in Jammer und Noth. Dem schwülen Tage war ein Gewitter gefolgt, das jetzt in einen leisen Landregen endete. Die Mutter war trotz des Regens ausgegangen, um Einkäufe zu machen, denn ihr Haus war ganz leer; und seitdem ihr Klärchen die 30 Thaler im Nähkästchen gezeigt, war sie guten Muthes. Sie lebte nur in der Gegenwart und sagte, wenn es ihr gut ging: der liebe Gott wird weiter sorgen. Denn sie führte den lieben Gott wenigstens im Munde, wenn sie ihn auch nicht im Herzen hatte. Klärchen war nicht guten Muthes, sie saß in der dämmernden Stube am Fenster, sah auf die grauen, naßgewaschenen Häuser und auf die fallenden Tropfen, und ihre Augen tropften ebenfalls. Was werden die Nachbarn sagen, dachte sie, wenn sie dich hier wieder sehen, und nun in Schande und Noth; was Gustchen Vogler, die sie manchmal in ihrer vornehmen Wohnung besucht und ihr Loos gepriesen und beneidet hatte? Was wird Tante Rieke sagen, die ihr das Alles vorher gesagt? Aber Mitleiden wird sie doch mit dir haben. Hat sie doch neulich ganz freundlich zur Mutter von Klärchen gesprochen, hat sich gefreut, daß sie ihr kleines Mädchen Gretchen genannt hat, und daß sie Klärchen einigemal in der Stephani-Kirche gesehen. Ja, die Stephani-Kirche! -- dachte Klärchen weiter, es hat dir auch nichts geholfen; der liebe Gott hat deine Gebete nicht erhört, er hat dir die Strafe für dein früheres Leben bald geschickt, er ist ein strafender Gott. Klärchen konnte nicht zu ihm aufsehen, aber ihr vergangenes Leben ging jetzt vor ihrer Seele vorüber, die zwei letzten Jahre kamen ihr wie ein langes Leben vor. Es war jetzt Jahreszeit, als Fritz Buchstein zurückkam, als sie mit Geringschätzung auf ihn schaute und um den Studenten buhlte. Was hätte sie denn gehabt, wenn sie den errungen? O sie wußte jetzt, daß rohe, gottlose Männer eben so gegen ihre Frauen sind, wenn sie auch in den Liebesmonaten eine sanfte Sprache führen. Sie hatte es erfahren, daß schöne Kleider und ein vornehmes, bequemes Leben keine Freude sind, wenn das Herz an Kummer und Verdruß zehren muß. Sie dachte weiter an ihr Leben bei der Generalin, wohin der Leichtsinn sie dort geführt, und hielt beide Hände vor das Gesicht vor innerer Schaam. Wie ganz anders dachte sie jetzt über den Grafen, diesen leichtfertigen, wortbrüchigen Menschen, der sie beinahe in den Abgrund getaumelt. Ja, sie fühlte so etwas wie Fügung Gottes, daß sie vor noch tieferem Fall und äußerster Schande bewahrt geblieben. Mit welchem Leichtsinn aber hatte sie sich ihrem Manne in die Arme geworfen! Sie hatte gewußt, daß er leichtfertig, ja sie zweifelte eigentlich nicht an der Tante Aussage, daß er schlecht und herzlos sei; aber sie meinte damals, wenn es ihr äußerlich wohl ginge, wäre sie glücklich. Und wie unglücklich und trostlos hatte sie sich an seiner Seite gefühlt, wie war jetzt ihre ganze Zukunft zerstört! Ob dir der liebe Gott dennoch helfen könnte? kam ihr ein heller Gedanke in der Nacht ihres Herzens. Die Tante hatte oft gesagt: Aeußere Noth ist kein Unglück, der Herr kann uns dabei doch Frieden und Freude schenken. Sie schaute auf ihr Gretchen, das so sanft in der Wiege schlief, und fühlte eine Ahnung höherer Freude, als alle irdischen Genüsse ihr bis jetzt geboten. Für das Kind leben, arbeiten, das soll mein Trost sein! O wie süß es jetzt seine Aermchen streckte und dehnte und seine Aeuglein aufthat! Klärchen nahm das Kind an ihre Brust und vergaß allen Kummer. Sie nahm sich vor, alle Schaam zu überwinden und morgen gleich neue Kundschaft als Schneiderin zu suchen, die dreißig Thaler wollte sie sparen und für Nothfälle aufheben, damit es ihrem Kinde nie am Nöthigsten gebräche.