Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte
Part 7
Günther hatte sich nicht besinnungslos getrunken, weil er viel vertragen konnte; er wußte, daß ihm Schlafen jetzt das Beste sei und legte sich zu Bett. Die Mutter ging nach Haus, weil sie nicht Lust hatte, Tassen und Gläser zu waschen und aufzuräumen, und Klärchen saß nun in der eleganten Stube allein. Sie hatte aber auch nicht Lust zum Aufräumen, sie mußte sich erst besinnen von der vielen Unruhe, setzte sich auf den Sitz im Fenster und schaute hinaus auf die Straße. Der blaue Himmel und helle Sonnenschein lockte Spatziergänger in das Freie, auch vor dem Hotel war es sehr lebendig, Wagen fuhren, Wagen kamen, und es war ganz unterhaltend, das anzusehen. Ja unterhaltend, aber nicht für Klärchen. Ihr Herz war schwer, ohne daß sie recht wußte, was sie wollte. Sie war nun am Ziel ihrer Wünsche, sie konnte herrlich leben und die vornehme Dame spielen. Die Mahagoni-Meubel, der Sopha-Teppich, die gewirkte Tischdecke, die Blumenvasen, die goldgerahmten Bilder, sie hätte sich nie eine schönere Wohnung träumen können, -- und doch war sie nicht befriedigt und das war ihr so unerträglich, sie hätte weinen können. In dieser Unlust an der ganzen Welt griff sie zu einem Roman, der auf dem Arbeitstisch lag und aus ihrer Stube im Hotel mit herüber gewandert war, und suchte sich wenigstens zu zerstreuen.
Als Günther nach einigen Stunden wieder zum Vorschein kam, murrete er etwas, noch Alles so in Unordnung zu finden. In seinem Kellner-Eifer räumte er selbst gleich Flaschen und Gläser bei Seite. Klärchen versicherte, im höchsten Grade angegriffen zu sein, und sein böses Gewissen hieß ihn schweigen, aber der eheliche Himmel hing nicht ganz voller Geigen.
* * * * *
Fritz Buchstein ging im Garten auf und ab. Die Sonne warf ihre letzten Strahlen nur noch an das blaue Schieferdach des Kirchthurmes, aber herrliches Abendroth, wie es den Herbstabenden eigen, flammete über der Scheuer hinauf. Zwischen gelbem Laub und verkommenen Zweigen blühten noch allerhand liebliche Blumen, die Pflaumen hingen blau an den Bäumen, Aepfel- und Birnenbäume senkten die schweren Zweige und sahen der Ernte entgegen, auf dem Nachbarshofe ward ein Fuder Kartoffeln in den Keller geladen, und Kinder hockten im Garten um ein Häufchen Kartoffelstroh, dessen blauer Rauch über die Nachbarsgärten hinzog. Fritz schaute das Alles mit den Augen seiner Seele an, und Freude und Friede durchzitterten sein Herz. Hier war seine traute Heimath und hier sollt' es ihm vergönnt sein, seinen Heerd zu bauen und dem Herrn zu Ehr' und Liebe Bürger und Hausvater sein.
Gestern hatte er Klärchen trauen sehen. Klärchen im weißen Kleide, grünen Kranze, mit den schönen, blauen, kindlichen Augen hatte sein Herz noch einmal in Erinnerung und Theilnahme bewegt. Der schwarze, bleiche Mann neben ihr schien ihm der Böse zu sein, dem sie sich übergab, und sein Herz konnte es nicht lassen, wiederum zu bitten: Herr, verlasse sie dennoch nicht, führe sie, halte sie; Weg hast du aller Wege, an Mitteln fehlt's Dir nicht.
Auf dem Heimwege war er mit Frau Bendler und Gretchen zusammen getroffen, und als er Gretchen sah, war Glück und Friede in seine Brust gezogen. Gretchen hatte ihn angeschaut mit den treuherzigen Augen und der vielen Liebe darin, und auch seine Augen sprachen seine Gedanken aus. Ehen werden im Himmel geschlossen. Gretchen, das fühlte er, war ihm vom Himmel bestimmt, mit ihr wollte er wallen den Weg hinan, seine Liebe sollte sie führen, trösten, ihr dienen auf dem beschwerlichen Weg, und ihr treues, starkes Herz sollte ihn tragen mit allen seinen Fehlern. Ja, ihr wollte er auch die Schmerzen seiner Jugend sagen, jetzt wo er sie überwunden, wo Liebe und Freudigkeit zu Gretchen sein Herz beseelte. In Sehnsucht schaute er hinüber in den Nachbarsgarten, da trat Gretchen singend drüben aus der Thür. Sie grüßte hinüber und schüttelte dann an einem Pflaumenbaum, daß die blauen Früchte über sie herfielen. Fritz schwang sich über das Stacket. Soll ich Dir helfen? fragte er. Gretchen nickte, und er suchte die Pflaumen mit in ihre Schürze. Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, nahm Fritz Gretchens Hand, sah ihr bewegt in die Augen und sagte: Gretchen, Du weißt schon längst die Gedanken meines Herzens. -- Gretchen nickte.
Ich liebe Dich von ganzem Herzen, fuhr er fort, und der Herr wird mir Kraft geben, Dich so glücklich zu machen, wie Du es verdienst und wie ich es so gern möchte.
Gretchen neigte den Kopf und dachte: ich bin ja nicht werth solches Glückes.
Jetzt wollen wir zur Tante gehen, sprach er weiter, legte Gretchens Arm in den seinen, nahm ihre Hand mit beiden Händen; so gingen sie durch den Garten. Da öffnete sich oben ein Fensterlein, der Staarmatz hupfte auf das Brett und schnarrte: Jungfer Braut! -- Ja, Du alter Benjamin steckst Deine Nase immer zuerst in alle Dinge. Diesmal zankte sich Gretchen nicht mit dem Matz; sie lächelte hinauf und Beide blieben stehen, denn die weiße Mütze mit dem fröhlichen Angesicht schaute auch zum Fenster hinaus. Der Herr segne Euch! rief er herunter, dann neigte er den Kopf hin und her vor dem Dompfaffen, und der begann sogleich: »Lobe den Herrn, o meine Seele« -- ja da konnten es Fritz und Gretchen nicht lassen, mit heller Stimme stimmten sie ein und Benjamin ebenfalls:
Ich will ihn loben bis in Tod! Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, Will ich lobsingen meinem Gott; Der Leib und Seel' gegeben hat, Werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.
Selig, ja selig ist der zu nennen, Deß Hülfe der Gott Jacob ist, Der sich vom Glauben läßt gar nichts trennen Und hofft getrost auf Jesum Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, Am besten findet Rath und That. Halleluja, Halleluja.
Die Tante kam gerade zur rechten Zeit heraus, um die letzten Strophen mit zu singen, dann aber mußte ihr weiches Herz erst einige Freudenthränen weinen. Und als nun Vater Buchstein drüben in seiner Hausthür erschien, ward beschlossen, augenblicklich einige Latten vom Stacket zu nehmen und eine Oeffnung zur Thür zwischen beiden Gärten zu machen. Benjamin kam flugs herunter und brachte dem Fritz das Handwerkszeug entgegen, und mit fröhlichen Worten und Mienen half die ganze Gesellschaft bei der Arbeit. Während der alte Buchstein am Krückstock langsam herangeschlichen kam, um den sonderbaren Lärm zu untersuchen, war die Oeffnung schon fertig, und Fritz führte Braut und Schwiegermutter dem Vater entgegen.
* * * * *
Klärchen verlebte ihre Flitterwochen in ungetrübtem Vergnügen. Günther suchte ihr den ersten Tag vergessen zu machen. Er führte sie in Kaffeegärten, in Conzerte, in das Theater. Im Hause hatte sie fast gar nichts zu thun, nur Kaffee und Thee mußte sie kochen, und dies, so wie die übrige wenige Hausarbeit, that die Mutter gern, weil sie dafür mittrinken und mitessen konnte. Das Mittagsessen bekam Klärchen aus dem Hotel mit Erlaubniß des Herrn Reinhard, dem es auf eine Person mehr oder weniger nicht ankam, und Günther schien dafür nur um so dienstfertiger und seinem Herrn um so mehr zugethan. Klärchen hätte jetzt schöne Zeit zum Flicken und Nähen gehabt, aber es fehlte ihr an Lust dazu. An ihren alten Sachen, meinte sie, wäre nichts mehr zu flicken, und die wenigen neuen, die sie zum kleinen Haushalt angeschafft, waren neu in einem Laden gekauft. Später, sagte Günther, würde er doch das ganze Inventar eines Hotels annehmen, jetzt könnten sie sich behelfen.
Daß er gegen Weihnachten hin öfter als gewöhnlich nicht nach Hause kam, wunderte sie nicht, da jetzt mehr Besuch als gewöhnlich drüben, und Günther sehr beschäftigt war. Auch daß er zuweilen sehr hohläugig aussah und ihm die Hände leise zitterten, schob Klärchen auf die großen Anstrengungen. Ueberdem hatte ihr Mann sich so sehr in seiner Gewalt, daß, so wie er sich beobachtet glaubte, eine Lebendigkeit und Festigkeit in sein ganzes Wesen fuhr, die Klärchen wieder beruhigte.
Eines Abends kam sie gegen zehn Uhr von der Mutter zurück, die seit einigen Tagen krank war. Im Vorbeigehen wollte sie sich etwas Geld vom Manne holen, den sie schwerlich heut zu Hause erwarten konnte. Im Hotel war es noch ziemlich lebendig, auf dem Flur traf sie den kleinen Laufburschen, der im Sommer ihrem Manne den Thee besorgen mußte, und der auch jedenfalls damals das Zwiegespräch mit einem Kameraden gehalten.
Wo ist mein Mann? fragte Klärchen.
In seiner Stube, ich muß ihm wieder Thee kochen, sagte der Junge spöttisch.
Erschrocken lief Klärchen dahin und fand ihren Mann in einem Zustande, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er saß vor dem Tisch, schlug mit beiden Fäusten darauf und lallte: Zehn tausend Thaler, -- fünf tausend Thaler, -- das soll gehen, -- das muß gehen. -- Klärchen schloß schnell die Thür hinter sich. Um Gottes Willen, Günther! rief sie: Du bist betrunken!
Betrunken? wiederholte Günther erschrocken und wollte sich in gewohnter Weise zusammennehmen, aber es ging nicht, er fiel zusammen und lallte wieder unverständliche Worte. Jetzt klopfte es an der Thür. Klärchen fragte, wer da sei.
Ich bringe den Thee, rief der Laufbursche, und Herr Reinhard will den Herrn Eduard sprechen.
Klärchen verließ die Stube, nahm dem Burschen den Thee ab und wechselte mit Herrn Reinhard einige Worte. Der schien die Fabel von dem Unwohlsein zu glauben und entfernte sich. Klärchen aber warf ihrem Mann einen Paletot um, setzte ihm den Hut auf und führte ihn, nachdem sie gelauscht, ob Niemand auf der Treppe und auf dem Flur sei, zum Hause hinaus. In ihrer Wohnung aber brachen ihre Angst und ihr Zorn in heftige Worte aus. Er glotzte sie mit starren Augen an und sagte kein Wort. Sie ward immer heftiger und verlangte, er solle sich zu Bett legen. Sie faßte ihn an, um ihn dahin zu führen, da machte er sich mit einem mal los, gab ihr einen tüchtigen Stoß und sagte grimmig: Sei ruhig und mach nicht solchen Lärm! Wer heißt Dich raisonniren? Hier, zieh meine Stiefeln aus! -- Klärchen stand erschrocken, aber unmöglich hätte sie sich zu solchem erniedrigenden Dienst hergeben können. -- Willst Du bald! rief er noch grimmiger, oder soll ich Dich gehorchen lehren? Dabei trat er dicht vor sie, starrte sie an und schüttelte mit seiner schweren Hand ihr Kinn gar unsanft. Klärchen schrie laut auf. -- Allons! sagte er, warf sich auf einen Stuhl nieder und streckte ihr die Füße entgegen. Klärchen sah, daß mit dem betrunkenen Menschen nicht zu spaßen sei, daß sie Mißhandlungen erwarten könne, und entschloß sich zu der Arbeit, aber mit lautem Weinen. Er gab ihr noch einen Tritt mit dem Fuß, und schlug dann wieder mit beiden Fäusten auf den Tisch. Zehntausend Thaler! lallte seine Zunge, -- zehntausend Thaler -- und dann links um kehrt! -- Klärchen hatte sich in eine dunkle Ecke gesetzt; er hielt noch ein langes Selbstgespräch, aber seine Worte wurden immer unverständlicher, bis er sein Haupt senkte und laut schnarchte.
Klärchen legte sich mit den Kleidern auf das Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken, sie fürchtete sich vor ihrem Mann, es war ihr grausig mit ihm allein zu sein, in ihrer Hülfslosigkeit waren Thränen ihr einziger Trost. Sie weinte und weinte, bis sie vor Ermüdung einschlief.
Gegen Morgen wachte sie auf. Als sie die Thür nach der Wohnstube öffnete, regte es sich auch, ihr Mann tappte in der dunkeln, eiskalten Stube umher. Sie machte Licht; Günther sah sie scheu an, zugleich aber flogen seine Glieder vor Schwäche und Frost, er sah wirklich jämmerlich aus, und Klärchen hätte fast Mitleiden mit ihm gehabt; aber Zorn und Kummer überwogen jedes andere Gefühl. Auch war sie selbst von der entsetzlichen Nacht matt und elend. Gewiß wird er sich entschuldigen und wieder süße Worte machen, dachte Klärchen; aber das vergebe und vergesse ich nicht; ich werde es ihm sagen, wenn noch einmal Aehnliches passirt, gehe ich von ihm. Als sie schweigend nach dem Ofen ging, um Feuer zu machen, begann er zu reden.
Warum hast Du mich gestern hier in der Stube sitzen lassen?
Klärchen sah ihn verwundert an. Weißt Du, was gestern Abend passirt ist? fragte sie mit zitternder Stimme.
Freilich weiß ich das, und es ist schlecht genug von einer Frau, wenn der Mann krank und aufgeregt nach Hause kommt, ihn wie eine Xantippe zu behandeln. Du hast gelärmt und getobt, anstatt mich sanft zu beruhigen, wie es einer ordentlichen Frau zukommt.
Weißt Du denn, daß ich Dich herüber geholt habe? fragte Klärchen mit von Thränen erstickter Stimme, daß Herr Reinhard Dich sprechen wollte, daß die Kellner Dich höhnten wegen Deiner Betrunkenheit, und daß ich Dich nur heimlich fortgebracht habe?
Das weiß ich Alles! entgegnete Günther kalt. Das war sehr weise von Dir, Du hättest nur hier so fortfahren sollen.
Klärchen konnte nicht weiter reden, der Kummer schnürte ihr die Kehle zu. Er bereute also nicht einmal seine Unthaten, er klagte _sie_ an. Das war das erste Mal, daß er im nüchternen Zustande unfreundlich war; jetzt mußte sie jede Hoffnung, ihn je anders zu sehen, aufgeben. Er legte sich zu Bett, sie mußte ihn bedienen, sie mußte die abgesandten Boten des Hotels abfertigen, und als später die Mutter kam, dieser ihre Stimmung verbergen. Sie hätte sich geschämt, ihr Unglück merken zu lassen; trotz ihrer Klugheit, trotz ihres Hochmuthes war sie jetzt eben so weit als die Mutter.
Nachdem das Ehepaar acht Tage nicht mit einander gesprochen, Günther sich fast gar nicht oder nur mürrisch gezeigt hatte, und Klärchens Augen fast nicht trocken geworden waren, schien er endlich wieder besserer Laune zu werden. Er brachte mehr Geld, denn auch das hatte sie in den letzten acht Tagen fast gar nicht gehabt. Er fing an zu schmeicheln, ja, sein Unrecht einzusehen, und Klärchen hielt es für das Beste, nicht zu unversöhnlich zu sein. So war äußerlich das Verhältniß wieder hergestellt, aber der Stachel saß in Klärchens Herzen, unmöglich konnte sie sich über ihr Schicksal noch leichtfertige Phantasien machen, die Wirklichkeit war zu sprechend.
Weihnachten kam, und Günther schien es darauf abgesehen zu haben, Klärchens leicht bewegliches Herz wieder ganz zu gewinnen. Der Weihnachtstisch prangte von schönen Sachen. Ein seidener Mantel, ein Sammethut, wie ihn nur die vornehmste Dame wünschen konnte, lagen darauf, und außer andern Kleinigkeiten auch ein Zwanzig-Thaler-Schein, um Kinderwäsche zu kaufen. Klärchen war guter Hoffnung. Auch Frau Krauter hatte Günther mit manchen hübschen Sachen bedacht, -- so gab es nur fröhliche Gesichter.
Am Weihnachtsmorgen mußte Klärchen in die Kirche gehen, um ihren Staat zu zeigen. Dieser Triumph sollte nach den vielen trüben Tagen eine Erquickung sein. Aber hauptsächlich lag ihr daran, sich der Tante und Gretchen zu zeigen. Die hatten gegen die Mutter so manche bedenkliche Worte, auch wegen ihrer äußeren Lage, fallen lassen; darüber sollten sie beruhigt werden. Sie mußte freilich zu dem Pietisten in die Stephani-Kirche gehen, aber das war ihr gleich; des Wortes Gottes wegen ging sie doch nicht hin. Ja, in der letzten Zeit hatte sie sich noch mehr als je gescheut, an den Herrn zu denken; es überfiel sie zuweilen eine Ahnung, als ob die Worte der Tante Wahrheit werden und der Himmel ihren Leichtsinn strafen könnte. Heute war sie aber zu vergnügt, um so ernste Gedanken haben zu können.
Sie hatte eigentlich die Absicht gehabt, sich so in der Kirche zu setzen, daß sie von allen Seiten gesehen ward, aber im Hineintreten gewann ihr besseres Gefühl die Oberhand, sie schämte sich und setzte sich in eine entfernte Ecke. Als nun die Orgel in vollen Tönen die Kirche erfüllte, als viele hundert Stimmen sich damit vereinten, und »Vom Himmel hoch da komm' ich her« laut daher schallte, da ward es ihr wunderbar zu Muthe. Sie vergaß Mantel und Hut, und konnte es nicht lassen, die Worte aufmerksam mit zu lesen und zu singen:
Es ist der Herre Christ unser Gott, Der will euch führ'n aus aller Noth, Er will eu'r Heiland selber sein, Von allen Sünden machen rein.
Er bringt euch alle Seligkeit, Die Gott der Vater hat bereit't, Daß ihr mit uns im Himmelreich Sollt mit uns leben ewiglich.
Einen Führer aus aller Noth! ob du den auch noch nöthig haben wirst? dachte Klärchen. -- O wie glücklich war ich unverheirathet! ein Tag immer heller und lustiger als der andere, die Welt so lachend, -- warum bin ich nur in mein Unglück gelaufen? wer weiß, wie es mir noch gehen wird? und ich habe keinen Helfer aus der Noth. Der Heiland, den Tante Rieke und Gretchen haben, ist nicht dein Heiland, du kennst ihn nicht und magst ihn auch nicht kennen, setzte sie muthlos hinzu. Die Stimme des Predigers zog sie wieder von ihren Gedanken ab.
»Dies ist der Tag, den der Herr machet, lasset uns freuen und fröhlich darinnen sein,« so begann er die Rede. Das Evangelium folgte, dann redete er so warm und eindringlich vom Christkindlein, warum es herab gekommen von seinem hohen Himmel, was es uns gebracht, was es wieder von uns verlange, daß Klärchen unwiderstehlich seinen Worten folgen mußte. -- »Wie groß und unaussprechlich ist die Gnade für uns arme Sünder, die wir so elend und so bloß, die wir im Dunkel des Todes sitzen und bangen vor dem ewigen Gericht, -- unser Gewissen sagt es uns, daß das Gesetz den Stab über uns gebrochen, daß wir dem Zorne der Verdammung zugehören. Da erscheint ein Licht in der Finsterniß, ein Trost in der Angst, der liebe Heiland kommt, verkündigt uns Freiheit von allen Sünden, Erlösung von Tod und Hölle, giebt uns die Hoffnung der ewigen Seligkeit. O wie ist doch die Liebe so groß, o wie müssen wir ihr entgegen jauchzen! O du liebliches Kind in der Krippe, du kömmst in unsere armselige Welt, nimmst auf Dich alle unsere Schmerzen, stirbst für uns den bittern Tod, den Tod am Kreuze. Du kommst, Du suchst mich, Du kannst es nicht lassen, mich armen elenden Sünder an Dein Herz zu nehmen. O so nimm mich denn hin, umfasse mich, halte mich, ich will Dein sein auf ewig!« --
Klärchen war ergriffen, so etwas hatte sie noch nie gehört. Oder hatte sie nicht hören wollen? war ihr Herz hart gewesen, und hatte der Herr es jetzt weich gemacht? Ja, der Herr kann Gnade geben, wie es ihm beliebt, und aus Gnaden sollen wir selig werden. -- Doch bestürmten heut auch heiße Fürbitten seinen Thron. Fritz Buchstein hatte oben vom Chor Klärchen erkannt, und hatte Segen für sie, für diesen Gang vom Himmel herab gefleht. Gretchen und ihre Mutter saßen auch nicht fern und mit brünstigem Gebet flehten sie des Herrn Geist auf das verlassene Klärchen.
Als diese zur Kirche hinaus ging, kam sie mit der Tante zusammen. Sie schämte sich fast ihres Weihnachtsstaates, und mit einem sanften und demüthigen Ausdruck, wie ihn Niemand an ihr gewohnt war, bot sie den Verwandten einen guten Morgen und ein fröhliches Fest. Die Tante und Gretchen reichten ihr Beide freundlich die Hand. Klärchen ging im Gespräche, aber sehr verlegen, neben ihnen her, bis vor Bendlers Haus. Beim Abschied sagte sie: Ich habe Euch längst besuchen wollen, und wenn Ihr es erlaubt, komme ich bald. -- Bei den letzten Worten traten ihr die Thränen in die Augen und sie eilte hinweg.
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Am Sylvester-Abend ließ man bei Frau Bendler wieder Schiffchen schwimmen, Gretchen aber war ohne Angst, daß sich ihr Schiffchen mit Fritzens vereinigen möchte; sie war fröhlich und guter Dinge, es ward erzählt und gescherzt und auch ernsthaft gesprochen und gelesen und gesungen und gebetet, bis der Wächter das neue Jahr verkündete.
Bei Günthers sah es anders aus. Seit Weihnachten schon war er in ganz besonders fröhlicher Aufregung, und am Sylvestermorgen sagte er zu Klärchen: Heut muß es hoch bei uns hergehen, es wird der letzte Sylvester sein, den wir hier verleben, wer weiß, wo wir im künftigen Jahre sind! Wohl in weitläuftigeren Räumen, und Du hast Kuchen und Zucker nicht selbst zu holen. Aber heut hole ihn nur! -- Dabei legte er einen Fünfthalerschein auf den Tisch. -- Hole nur Alles, was zu einem feinen kalten Abendbrod nöthig ist, und dann sei eine vernünftige Frau. Ich sehe nicht ein, -- wenn ich mich alle Tage vom Morgen bis Abend quälen muß, will ich auch mein Vergnügen haben. -- Ist denn das was so Schlimmes, wenn es mal ein Paar Stunden drunter und drüber geht? Sieh die Frau Rendantin an, die lacht, wenn ihr Mann ein Bißchen angetrunken ist, läßt ihn den Rausch ausschlafen und dann geht das Leben wieder seinen gewöhnlichen Gang. Man ist darum kein Trinker, aber bei besonderen Gelegenheiten sich an einem Gläschen Wein erfreuen, ist wohl erlaubt.
Klärchen sah ein, wenn sie allen Zank und Streit vermeiden wollte, müßte sie sich in diese Theorien fügen, und wollte es einmal in Güte versuchen. Auch hatte die Mutter das Gespräch mit angehört, und war ganz auf des Schwiegersohnes Seite. Klärchen hat zu viel Romane gelesen, sagte sie weise, sie hat sich vom Leben sonderbare Bilder gemacht, denkt alle Menschen sollen Engel sein, und sie ist doch selbst kein Engel. -- Günther stimmte lachend ein, und es war sehr gute Stimmung im Haus.
Die Gäste kamen; erst ging es scheinbar sehr fein und anständig her, doch Frauen und Männer wurden gemüthlicher, dann lebhafter und lebhafter und das neue Jahr ward mit tollem Lärmen begrüßt.
Nur Klärchen war schweigsam, so viel sie auch von den Andern geneckt und gereizt ward. Sie gab Unwohlsein vor, was in ihrem Zustande sehr glaublich schien. Im Grunde aber ekelte sie dies rohe Wesen an, ihre Natur war zu edel, um sich in solcher Gemeinheit wohl zu fühlen. Ihr leichtfertiger Sinn hatte wohl nach Lust und Vergnügen, nach vornehmen und hohen Dingen gestrebt, hatte sich auch schlechter Mittel dazu bedient; aber die Gesellschaft, in der sie sich jetzt befand, diese Art und Weise zu leben, konnte ihr durch kein Schlaraffenleben angenehm gemacht werden. Auch war sie in der letzten Woche sehr nachdenklich gewesen. Der Kirchgang am Weihnachtsmorgen, die Gefühle, die er angeregt, hatten seine Weihe ausgegossen auch noch über die nächsten Tage; eine Unruhe hatte sie erfaßt, daß sie selbst nicht wußte, wie ihr war; aber das fühlte sie, in Essen und Trinken, in schönen Kleidern fand sie die Befriedigung dieser Unruhe nicht.
Als der Rendant sein Maaß getrunken hatte, und die anderen Männer auf dem Höhepunkte der Ausgelassenheit waren, da verfügte die Frau Rendantin die Auflösung des Gelages und Niemand hatte etwas dagegen. Günther legte sich ohne Weiteres zu Bette, schlief seinen Rausch aus, und als er am anderen Morgen bleich und mit zitternden Händen kaum die Kaffeetasse halten konnte, demonstrirte er seiner Frau, wie unschuldig ein solches Vergnügen sei, und wie es nur auf die Frauen ankäme, daß die Männer vernünftig blieben, und so mehr. Klärchen schwieg, die Erinnerung an den gestrigen Abend und der zitternde Mann vor ihr waren ihr schrecklich, und immer und immer wieder mußte sie an den verlebten Sylvesterabend bei Tante Rieke denken, an Fritz Buchstein -- welch ein Mann er war gegen die Männer, die jetzt in ihre Nähe kamen, wie getrost und ruhig Gretchen sein konnte, das hausbackene Gretchen, und wie sie selbst trotz des seidenen Mantels und des Sammethutes in Angst und Schrecken lebte. Daß die Zukunft ihr nichts Besseres bringen könne, war sie sicher. Ja, ihr bangte vor dieser Zukunft, und das bitterste Gefühl dabei war, daß sie ihr Schicksal selbst verschuldet. Wie sie jetzt noch sich retten könne, wußte sie nicht; an den Helfer und Retter dort oben sich zu wenden, fehlte ihr Glauben und Muth; ihr Leben war nun einmal so, sie mußte sehen, wie es abliefe.