Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte
Part 3
So war Weihnachten herangekommen, der Besuch der Generalin war abgereist und den unruhigen Tagen waren ruhige gefolgt; aber immer war Klärchen gleich aufmerksam und liebenswürdig, und die Generalin versicherte ihre Freundinnen, eine ausgezeichnete Kammerjungfer zu haben, was ihr gern geglaubt wurde, da Klärchen ja gegen Jederman sich liebenswürdig zeigte. Nur schien es, als ob sie seit einiger Zeit etwas zerstreuter wäre und oft nicht ganz unbefangen aus den Augen sähe; doch tröstete sich die Generalin mit ihrer übertriebenen Angst vor Liebesgeschichten und ließ sich nichts merken, und Weihnachten ward Klärchen außerordentlich reich bedacht. Das war aber auch gut, denn Klärchen gebrauchte viel. Sie sah so manches bei den vornehmen Damen, das ihr gefiel und das sie haben mußte. So bemerkte sie mit Erstaunen, als sie ihre Schulden überschlug, daß vom Lohn und vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb. Sie tröstete sich aber bald. Aller Anfang ist schwer, dachte sie, für Wäsche wird ein andermal gesorgt; hatte sie doch den unächten Shawl, die Brosche und den Sammethut sich wirklich angeschafft! Doch sollte das alte Jahr nicht hingehen um sie nicht ganz und gar von diesen kleinlichen Sorgen zu befreien. Als sie am Sylvesterabend von einer Besorgung in der Dämmerung zurückkam, sah sie eine wartende Gestalt unten im Hausflur. Sie erkannte bald den Mediziner. Sie hatte hier öfters mit ihm flüchtige Worte gewechselt, seit einiger Zeit hatten sie sich nie allein gefunden, und auch heute waren Schritte auf der Treppe hörbar. Er kam eilig auf sie zu, drückte ihr einen Brief in die Hand und eilte die Treppe voran. Klärchen konnte nicht schnell genug ihr Lämpchen anstecken, um dies Dokument zu lesen, ein Dokument wie Millionen geschrieben werden, um thörichte Mädchen zu täuschen und noch thörichter zu machen. Nichts ist lächerlicher als diese Art Liebesbriefe, einer ist dem andern wie aus den Augen geschnitten. Die Schreiber finden in jedem Mädchen eine Göttin, einen Engel, ein höheres Wesen; die Empfängerin aber meint, das passe nur ganz allein auf sie; ihre Brust hebt sich stolzer, denn sie ist vor vielen Tausenden beglückt. Ferner steht in den Briefen von heißer Liebe, von unerträglichen Qualen und ewigen Gefühlen. Das ist Alles sehr glaubwürdig, denn man ist ja wirklich so liebenswerth, man müßte aber ein Herz von Stein haben, den Armen so leiden zu sehen, man muß ihn wieder lieben. Schmerz oder Unglück kann sich nie nahen, denn seine Gefühle sind ewig, und ihr Glück wird auch ewig sein. Daß diese Ewigkeit der Liebesbriefe selten über ein Jahr hinaus reicht, glaubt man nicht; man hat zwar schon oft davon reden hören, aber diese Versicherungen, diese Schilderungen müssen Wahrheit sein. So glaubte auch Klärchen, als sie ihren Brief gelesen. Ihr Herz hüpfte vor Entzücken, durch ihre Klugheit hatte sie es so weit gebracht, daß er Ernst machte; nun wollte sie ihn auch nicht länger schmachten lassen und ihm ihre Liebe zeigen. Sie hätte gern gleich geantwortet, aber sie war heut Abend zu Tante Rieke eingeladen und hatte versprochen um 6 Uhr die Mutter abzuholen, und so ein Liebesbrief war keine Kleinigkeit, der mußte mit Bedacht geschrieben werden. Sie ging also, wenn auch in höchster Unruhe. Den empfangenen Brief trug sie natürlich auf dem Herzen.
Zum Sylvester war sie immer am liebsten zu Tante Rieke gegangen. Da gab es Punsch und Kuchen, und außerdem, daß man wohl ernsthaft sprach und sang, ging es doch auch sehr vergnüglich her, und für die jungen Leute gab es mancherlei Spaß, denn die Tante war trotz aller Pietisterei doch sehr heiter, konnte selbst recht drollig sein und hinderte die jungen Leute nicht, es ebenso zu machen. Heute war ihr das freilich ganz egal, und als ihre Freundinnen ihre Schweigsamkeit bemerkten, that sie etwas erschrocken, schmunzelte aber doch dabei, daß alle behaupteten: dahinter müsse etwas stecken. Fritz Buchstein, der auch unter den Gästen war, sah sie scharf an bei diesen Scherzen, und der Blick war ihr wieder sehr fatal. Doch ward man lebhafter bei einem Gläschen Punsch und bemerkte Klärchens Schweigsamkeit nicht mehr. Selbst Fritz ward ungewöhnlich redselig und erzählte sehr unterhaltend von seiner Wanderschaft. Gretchen hing an jedem Worte, das er sagte: selbst Klärchen mußte gestehen, daß er ein ausgezeichneter Tischlergeselle sei: die Worte gingen ihm gewandt von den Lippen, seine Augen waren lebendig, seine Wangen geröthet, sie wußte selbst nicht wie, aber es fielen ihr die Helden aus den Ritterromanen ein, wie sie beschrieben werden, so sanft und mild und dabei so edel und männlich. Sie begann fast, ihn dem Gretchen nicht zu gönnen, obgleich sie selbst himmelhoch über ihm stand; denn es war doch nur ein ungebildeter Mann, und solch einen Brief konnte er nicht schreiben, wie sie ihn auf dem Herzen trug. Darin hatte sie Recht, solch einen Brief konnte er nicht schreiben: er war nicht gewissenlos genug und hatte nie gewagt, einem Mädchen den Unverstand zuzutrauen, solchen Unsinn, der in jedem schlechten Romane zu finden ist, für Wahrheit zu nehmen. Mehrere Stunden waren so schnell vergangen, da erinnerte Vater Buchstein Frau Bendler an ihr Versprechen.
Ei freilich! Heute lassen wir Schiffchen schwimmen, sagte diese scherzend; es liegt mir selber daran, zu wissen, wie es mit der Freundschaft meiner guten Freunde steht. Ich muß aber auch die Erste sein, weil ich doch wohl die Neugierigste bin.
Die jungen Leute stimmten fröhlich in den Vorschlag ein. Gretchen holte einen großen Napf mit Wasser, Wallnüsse und einen Wachsstock. Fritz theilte sehr geschickt die Nüsse auseinander, machte die Frucht heraus und klebte dafür kleine Wachslichte hinein. Gar niedlich tanzten die brennenden Lichterschiffchen auf dem Wasser, der Tante Schiffchen in der Mitte, die anderen stellten den Vater und Sohn Buchstein, die Frau Organistin und Gretchen und Klärchen vor; so war es von Frau Bendler bestimmt. Der Hauptspaß war nun, wie die anderen sich zur Hauptperson verhielten. Blieben sie fern so war es mit der Freundschaft schlecht bestellt. Und wirklich drückten sie sich alle ziemlich fern an den Seiten herum. Frau Bendler scherzte und neckte, bis plötzlich Fritzens Schiffchen, durch eine leise Wasserbewegung angeregt, auf die Tante zu schoß und nicht wieder von ihr ließ, was auch am Napfe gerüttelt und geschüttelt ward. Das Schütteln aber hatte zur Folge, daß die anderen vier Schiffe sich zu einem Häufchen gesellten, und nun wie zwei feindliche Parteien sich die Flotte gegenüber stand.
Weil der Fritz es so gut mit mir meint, soll er jetzt der Erste sein der die Herzen seiner Freunde prüft, sagte Frau Bendler. Fritz aber war gar nicht begierig danach, er wollte den Andern durchaus den Vorrang lassen; doch half es ihm nichts, die Alten übernahmen es, den Schiffchen Namen zu geben, und die Sache ging los. Gretchens Herz klopfte gewaltig, und sie besann sich schon, was für ein Gesicht sie machen wolle und was sagen, wenn das Schiffchen die Gedanken ihres Herzens verrathen sollte. Zwei andere junge Mädchen, die ganz unbefangen waren, scherzten mit Fritz und meinten: das passe sich gar nicht, wenn er da großartig in der Mitte stehe, und sie sollten sich um ihn bemühen, diese Prüfung sei eigentlich nur für Mädchen. Klärchen aber war ganz erhoben über diesen Spaß, ihre Gedanken waren längst nicht mehr hier; je später es wurde, je größer ward ihre Unruhe und Sehnsucht, den Brief zu beantworten. Doch seltsam genug, ihr Schiffchen nahete sich zuerst der Mitte, Fritz schien ihr auszuweichen, aber sie zog hinter ihm her, vereinigte sich mit ihm und schiffte dann mit ihm zusammen auf dem kleinen Meere umher. Das gab ein Lachen, aber Klärchen warf die Lippen auf und warf einen verächtlichen Seitenblick auf den Tischlergesellen, so daß Allen die Gesinnung ihres Herzens kund werden mußte. Gretchen ward vor Aerger ganz roth und hatte schon ein derbes Wort auf den Lippen, doch scheute sie sich vor Fritzens Gegenwart und wollte es sich lieber aufsparen. Die beiden andern Mädchen stießen sich an, Klärchen hatte ihnen schon den ganzen Abend zu vornehm gethan, und die Frau Organistin sagte spitz: Ei Klärchen, brauchst den Mund nicht zu verziehen, bist in ganz guter Gesellschaft hier. Doch die Tante wollte keinen Ernst gemacht haben; sie entgegnete leicht: In der Hinsicht muß ein jedes Mädchen stolz und spröde thun, die jungen Burschen sollten sonst eitel werden. Dann wurden die Namen der Schiffchen wieder geändert, und die Sache war abgemacht. Fritz aber behielt den Stachel im Herzen. Wenn er auch längst Klärchens Besitz aufgegeben, so konnte er ihr doch heut nicht ohne innere Bewegung gegenüber sitzen, es war ihm, als ob aus ihrem Wesen bald ein guter bald ein böser Engel schaue; er hätte den guten so gern festhalten und in ihre Nähe bannen mögen. Die dunkelblauen Augen hatten ihn zuweilen so kindlich angeschaut, ganz so wie sie auf seiner Wanderschaft vor seiner Seele schwebten. Er wußte zwar mehr als alle die Anderen von ihrem Leben und Treiben -- die Augen der Liebe sehen scharf --, auch wußte er daß der Mediziner im Hause der Generalin wohne, aber immer noch konnte er den guten Engel in ihr nicht aufgeben, und sein theilnehmendes und trauerndes Herz ward von ihrem verächtlichen Wesen schmerzlich berührt.
Die Zeit war mit den Späßen vergangen, es schlug zehn Uhr, man wurde ernsthafter. Die Alten erzählten, die Jungen hörten still zu. Fritzen war das sehr lieb, er war wahrlich nicht zur Freude aufgelegt und er übernahm es auch später gern, etwas aus der Bibel vorzulesen. Er begann mit dem 90. Psalm. Er las langsam und feierlich, seine Stimme ward immer voller, die Worte quollen immer mehr aus seinem Herzen. Als er die Worte las: Lehre uns bedenken daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden, -- schaute er auf und sah Klärchen an. Niemandem fiel das auf, nur Klärchen konnte den Blick nicht vertragen und es wurden ihr dadurch die Worte erst bedeutsam. Dem Psalm folgte ein Abendgebet, auf den Jahresschluß passend, und dann das schöne Lied:
Jahre gehn und fliehen, Blumen, die da blühen, Welken traurig ab! Was da grünend stehet, Wandelt und vergehet In ein düstres Grab! Bleiben _wir_ wohl ewig hier? -- Was genommen ist von Erden, Muß zur Erde werden.
Eines unter Allen Kann nicht fliehn und fallen, Wenn auch Alles fällt: Was aus Gott geboren, Gehet nicht verloren In dem Grab der Welt; Seine Zeit heißt Ewigkeit -- Selig, wer in guten Stunden Dieses Eine funden.
Der für uns gestorben, Hat es uns erworben Einst mit seinem Blut; Jesus, unser Leben, Kann dem Sünder geben Dieses Eine Gut; Seine Kraft bewirkt und schafft, Daß geweihet sei die Seele Mit dem Lebensöle.
Weichet, Lust und Sünde! Einem Gotteskinde Habt ihr nichts mehr an. Denn dem Gott der Ehren Muß mein Herz gehören, Ihm dem Schmerzensmann. Ihm erkauft, auf ihn getauft, Steh ich in dem Grund der Gnaden. Was kann da mir schaden?
Tage, Jahre, fliehet! Lust und Glanz, verblühet! Gräber, öffnet euch! Wenn die Glieder sterben, Werd ich ja ererben Meines Heiland's Reich! Wär sie nah', ach wär sie da, Jene Zeit, da ich erstritten Gottes ew'ge Hütten!
Klärchen bemühte sich so viel als möglich, nicht hinzuhören und sich mit anderen Gedanken zu zerstreuen; es war ihr aber unmöglich. Fritzens Stimme klang wie Glöckentöne in ihr Herz, so mächtig, so ernst, sie mußte hören, und je länger er las, desto aufmerksamer hören. Von Sterben -- Grab -- und Verblühen war die Rede, es ward ihr bange dabei, und ihr abergläubig Herz nahm die Bangigkeit für böse Ahnung. Nur nicht sterben! dachte sie. Der Heiland, von dem sie reden, hilft mir nichts, sein Reich reizt mich nicht und nicht die ewigen Hütten; nein, über den Tod hinaus geht keine Hoffnung. O, so häßliche Gedanken verbittern einem das schöne Leben, und gerade heute das anzuhören ist sehr störend. Die Andern sehen dabei so ruhig und freudig aus, als ob sie Recht hätten, und Fritz ist so voll von der Wahrheit, sein Gesicht leuchtet, und wie Gretchen so demüthig zu ihm aufschaut -- solche Blicke müssen sein Herz rühren.
Es schlug zwölf. Alle falteten die Hände, beugten sich zum Gebet. Auch Klärchen mußte so thun, aber in ihrem Herzen war es dunkle Nacht, der Teufel hielt seine Hand über sie. Fort, fort von hier! seufzte sie, und der Liebesbrief zog sie gewaltig hinaus aus dem Ernst und dem Frieden in die Lust und Unruhe der Welt.
Beim Heimgehen fand es sich, daß Frau Krauter mit den Andern einen Weg hatte, und nur Klärchen allein nach einer ganz entgegengesetzten Seite mußte; es wurde beschlossen, Fritz sollte sie nach Hause führen. Sie aber sträubte sich, denn nichts wäre ihr drückender gewesen, als ein einsamer Weg mit diesem sonderbaren Menschen. Aber es half nichts. In der Sylvester-Nacht, wo der Trunkenbolde nicht wenige auf den Straßen zu finden sind, darf kein junges Mädchen allein gehen, hieß es, und Klärchen mußte sich fügen. Fritz war gar nicht verlegen, er hatte sich eben zu sehr in eine Gottes-Welt vertieft, als daß ihn die kleinen Bewegungen der irdischen Welt hätten berühren können. Er sah Klärchen ruhig und fest in die Augen und sprach zu ihr mit unbefangener Stimme: doch wehten außen Sturm und Regen so sehr, und Klärchen ging so rasch, daß er schweigen mußte. Jetzt standen sie vor der Hausthür. Klärchen nahm den Schlüssel und schloß auf. Der Mond brach eben durch Wolken und warf sein helles Licht auf Fritz und Klärchen, sie sah unwillkürlich auf zu ihm: da ruheten seine dunklen Augen so traurig auf ihrem frischen Gesicht, er reichte ihr die Hand, sie mußte ihre hineinlegen. Klärchen, sagte er mit bewegter Stimme, wir stehen jetzt am Anfang eines neuen Jahres. Der Herr wolle uns segnen, daß wir am Ende desselben mit reinem Herzen und ruhigem Gewissen und unbefleckter Ehre mögen darauf zurückschauen. Der Herr behüte Sie!
Er wandte sich schnell von ihr, sie trat in das Haus, aber mußte erst einige Augenblicke sich vom Schrecken erholen.
Was will er nur? dachte sie. Meine Ehre? da will ich selbst für sorgen. Und das Gewissen? ich werde doch kein Verbrechen begehen? -- Sie suchte mit Gewalt den Eindruck von Fritzens Worten abzuschütteln, und das sollte ihr leider nicht schwer werden. Als sie die erste Treppe hinauf war und eben den Zugang, der zur Etage bei Generalin führte, öffnen wollte, kam Jemand von oben herunter. Sie zögerte, -- ja es war der Mediziner. Er hatte den Sylvester-Abend etwas lauter und wilder gefeiert als Klärchen, sein Gesicht glühte von Wein und Punsch, und seit geraumer Zeit hatte er mit Ungeduld auf Klärchens Rückkehr gewartet. Jetzt flossen ihm die Worte wie Feuer von den Lippen. Diese Liebes- und Treueversicherungen, diese Ausdrücke von erhabenen Gefühlen -- Klärchen konnte nicht widerstehen. Sie erwiederte flüsternd süße Liebesphrasen, duldete, daß er sie küßte, und als sie sich endlich losriß, mußte sie ihm das Versprechen geben, für eine recht baldige ungestörte Zusammenkunft zu sorgen. Das war gar nicht schwer, bei ihrer Mutter konnten sie das haben; denn die wird dem Glück der Tochter nichts entgegensetzen. Und, fügte Klärchen hinzu, es ist auch nöthig daß wir besprechen, wie es mit unserer Verlobung werden soll, es ist doch da manches zu thun. --
Närrchen! unterbrach sie der Mediziner, wer wird denn an so alberne Dinge denken? Wir leben in der Gegenwart, das andere fügen die Götter. -- Dann fügte er einige zärtliche Worte hinzu und ging die Treppe hinauf.
Diese letzten Worte gingen Klärchen eisig über die grünen Auen ihres Glückes, doch dachte sie nicht weiter darüber nach und legte sich in süßer Betäubung zur Ruhe.
Am anderen Morgen wachte sie später auf als gewöhnlich. Ihre gütige Dame hatte sie nicht zur gewöhnlichen Zeit wecken lassen, damit sie den versäumten Schlaf nachholen möge. Und dennoch konnte sie sich nicht zurecht finden. Es war ihr so wüst im Kopfe und so nüchtern im Herzen, sie mußte sich ordentlich erst klar machen, daß sie sehr glücklich sei, und trotz des Vorredens blieb sie unruhig. Wird er Ernst machen? Wird er sich öffentlich verloben? Wird er es seinen Eltern sagen? Solche Fragen war sie thöricht genug sich vorzulegen, und es galt von ihrer Seite immer noch große Vorsicht, das Alles zu erreichen. So dumm wie ihre Mutter, der der Rechtsgelehrte unter den Händen entwischt ist, wollte sie nicht sein, dachte Klärchen; und so denken alle thörichten Mädchen, die leichsinnige Liebschaften anknüpfen. Sie sehen zwar rund um sich, wie die Sachen meistens ablaufen, aber sie wollen es schon anders zu Ende bringen, bis ihnen dann das reine Herz, Ehre, und gutes Gewissen sammt dem Liebhaber unter den Händen entschlüpft sind.
Als Klärchen zur Frau Generalin ging, um ihr wie gewöhnlich bei der Toilette behülflich zu sein, fand sie dieselbe schon fertig angekleidet beim Frühstück, und neben ihr saß bei demselben ein junger schöner schlanker Mann in Gardeuniform. Klärchen entschuldigte sich wegen des späten Kommens; die Generalin aber war sehr freundlich und sagte nebenbei: Ich habe gestern Abend auch eine große Ueberraschung gehabt, mein Sohn kam unerwartet an. -- Der junge Mann war bei Klärchens Eintreten aufgestanden, ihre Schönheit und ihr feines Wesen bestimmten ihn, höflicher zu grüßen, als er es gethan haben würde, hätte er gewußt daß seiner Mutter Kammerjungfer vor ihm stand. Jetzt ward er etwas verlegen, Klärchen merkte Alles, -- ein koquettes Mädchen ist sehr feinfühlend in solchen Dingen -- und ihr ganzes Benehmen wurde augenblicklich dem jungen Manne angepaßt. Sie ging ordnend im Zimmer hin und her, that, was in der Schlafstube nebenan zu thun war, und ging dann um Sonntagstoilette zu machen. Sie wußte selbst nicht recht wie sie dazu kam, aber sie begann Vergleiche zu machen zwischen dem Gardelieutenant und dem Mediziner. Der Mediziner war wirklich häßlich dagegen zu nennen, und wie plump war seine Sprache und sein ganzes Wesen! Freilich, tröstete sie sich, er ist ein Student, und die meinen, sie müssen burschikos sein; wenn er bei seiner Mutter, der Frau Präsidentin sitzt, wird er auch anders sein. Aber er soll auch gegen mich anders sein, dachte sie weiter, er soll fein und nobel werden wie der Gardelieutenant!
Das Haus war durch die Neujahrs-Glückwünschenden so belebt, daß es dem Mediziner unmöglich ward, Klärchen zu sehen. Auch den Abend war große Gesellschaft, der Flur hell erleuchtet und fast immerfort Bewegung auf der Treppe. Er war sehr ungeduldig und wußte kaum wie er die Zeit hinbringen sollte. Klärchen ging es nicht so, sie war heut so beschäftigt und hingenommen, daß sie kaum Zeit hatte an ihre Liebe zu denken. Bis jetzt hatte sie fast nur alten Damen den Thee servirt, heute aber waren junge Herren, die Freunde des Lieutenants, in der Gesellschaft. Klärchen, im hellblauen Musselin-Kleide mit freiem Hals und freien Armen, stand vor der singenden Theemaschine und schwebte dann in den hell erleuchteten und wohl durchdufteten Zimmern hin und her. Ein solcher Triumph war ihr noch nie geworden: die Blicke der jungen Leute folgten ihr, wohin sie ging, bis leider die Generalin sehr ernste Blicke auf sie warf und ihr huldreich sagte, sie möchte sich nicht weiter bemühen, der Bediente solle allein aufwarten. Sie ging, und trat erhitzt und aufgeregt in ihre Stube. Kaum hatte der Mediziner Licht darinnen gesehen, als er sein Fenster öffnete und leise mit den Händen klappte. Klärchen hatte eigentlich nicht große Lust ihn jetzt zu sprechen, sie sah aber ihr Bild im Spiegel und fand sich gar zu schön, der Mediziner mußte sie sehen, mußte sich überzeugen, daß sie mit ihrer Erscheinung in die Salons einer Präsidentin passe, ja ihr Hochmuth und ihre Eitelkeit waren heut so sehr gewachsen, daß sie meinte, er müsse sich glücklich schätzen sie zu gewinnen. Man konnte gar nicht wissen ob ihr nicht noch ein größeres Glück bestimmt gewesen. Der junge Graf, der heut mit in der Gesellschaft war, hatte sie nicht aus den Augen gelassen, und der Generalin Sohn, der außer seinem Lieutenantsgehalt noch ein Gut in Schlesien hatte, dazu adelig war, hatte sich gewiß schon sterblich in sie verliebt. Klärchen hatte viel Romane gelesen, sie wußte, daß nicht selten arme Mädchen vornehme Partien machen, und sie hatte die bestimmte Ahnung einer großen Zukunft. Mit solchen Gedanken trat sie auf den Flur, der Mediziner stand schon unten an der Treppe. Als er ihr vornehmes, herablassendes Wesen sah, dazu ihre Schönheit, verschluckte er die groben ungeduldigen Liebesvorwürfe, die ihm in der Kehle staken, und beklagte sich nur, daß er sie heut den ganzen Tag nicht gesehen. Klärchen entgegnete, dies sei ein unschicklicher Platz sich zu sprechen, und beschied ihn zum nächsten Abend zu ihrer Mutter. Daß er sie küßte und zärtlich ward, litt sie wohl; Hochmuth und Eitelkeit schützen nicht vor bösen Herzensgelüsten, nein, es sind gerade sehr verträgliche Schwestern, die sich gegenseitig hegen und pflegen.
Am andern Morgen saß Klärchen, wie gewöhnlich, nähend im Vorzimmer. Der Lieutenant trat ein und bat sie, einige Maschen an seiner Geldbörse wieder zu befestigen. Während sie es mit den feinen geschickten Händen that, stand er schweigend vor ihr. Auch Klärchen schwieg, aber ihr ganzes Wesen redete. Wie sie den Kopf hielt, wie sie die Finger bewegte, wie sie aufschaute, ihm dann die Börse gab -- es mußte das Alles das Herz des Lieutenants bestürmen. Klärchen merkte, daß er gern eine Unterhaltung mit ihr angeknüpft hätte, doch die Schritte der Generalin waren im Nebenzimmer hörbar, und er verließ sie mit einem kurzen verbindlichen Danke.
Der Tag verging mit Plänen für heut Abend; und wenn auch das Bild des Lieutenants sich zuweilen dazwischen drängte, so schob sie es mit Gewalt zurück. Der Mediziner muß sich heut Abend feierlich mit dir verloben, wo möglich müssen wir heut Abend noch Brautvisite bei Tante Rieke machen. Was wird die sagen! Und Grete! Nun, sie werden Respekt bekommen vor der Schwiegertochter einer Frau Präsidentin. Der Mediziner mußte morgen früh selbst die Frau Generalin um ihre Entlassung bitten, oder wenigstens ihr eine andere Stellung geben; die Hälfte des Wechsels mußte er ihr gleich überlassen, um für Toilette und Wäsche zu sorgen; sie war nun aus aller Noth, konnte sich die Hemden Dutzendweis fertig kaufen und so alle Sachen. In dieser Weise flogen ihre Gedanken, sie konnte kaum den Abend erwarten, und es war ihr recht unangenehm, daß sie ihrer Herrin noch von 6 bis 7 Uhr vorlesen sollte. Die Frau Generalin aber war ganz allein, erwartete den Sohn erst zum Abend zurück, und Klärchen mußte wie gewöhnlich ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben. Sie las heut besonders schlecht, und die Generalin war eben im Begriff, dies zu tadeln, als die Thür sich öffnete und der Sohn eintrat. Er winkte, setzte sich in eine dunkle Ecke, und die Mutter bemerkte: sie wolle nur dies kurze Kapitel auslesen lassen. In Klärchen schien plötzlich eine andere Kraft gefahren, sie las besonders schön und mit ganz anderer, bewegter Stimme. Der Lieutenant wandte keinen Blick von ihr, und die Generalin sah sie bedenklich an. Als sie das Zimmer verlassen, wandte sich diese zu ihrem Sohne.
Lieber Alfred, sagte sie lächelnd, ich glaube, so lange Ihr jungen, leichtfertigen Leute hier bei mir ein- und ausgeht, muß ich das Mädchen aus dem Haus thun.
Und wenn ich mich auch ein wenig verliebte, entgegnete Alfred, Du fürchtest doch nicht --
Nein, ich fürchte nicht, daß Du leichtfertig genug wärest, ein Mädchen thörichter zu machen, als es schon ist, aber Deinen Freunden traue ich nicht.
Alfred lachte. Sie sind alle außer sich über diese Schönheit, und Graf Bründel, glaube ich, früge allerdings nicht viel danach, ob er ein thöricht Mädchen thörichter mache.
So bitte ich Dich, vermeide es, daß er sie sieht, -- entgegnete die Mutter besorgt. Und Du, lieber Alfred, bist vorsichtig, -- fügte sie zögernd hinzu.