Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte

Part 2

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Fritz Buchstein hatte auf seinem Spaziergange in dem schönen Mädchen das kleine Klärchen Krauter wieder erkannt, und die schönsten und süßesten Jugenderinnerungen gingen an seiner Seele vorüber. Jetzt noch dachte er mit inniger Bewegung daran, wie sie damals zu ihm in die Werkstatt kam, um irgend eine Kleinigkeit machen zu lassen, und wie es ihm, dem achtzehnjährigen Jüngling, ganz wunderbar ward, wenn er dem zwölfjährigen Mädchen in die dunkelblauen Augen sah. Er wollte es sich selbst nicht gestehen, aber es war seine erste Jugendliebe. Ihr Bild begleitete ihn auf der Wanderschaft, er schloß sie in sein Abend- und Morgengebet: der Herr möchte dies Blümlein schön und rein bewahren, es behüten vor dem Schmutze der Welt. Ob dies Blümlein einst für ihn blühen werde? das stand in Gottes Hand. Sein Herz war gesund, er hatte auch nicht Romane gelesen und hing nicht mit kränklicher Sehnsucht an seiner Liebe; frisch und fröhlich ging er durch die schöne Gottes-Welt, er sah Berge und Thäler und Flüsse und Fluren, manch große Stadt, manch lieblich Dörflein, schöne Kirchen und Schlösser und Burgen, schöne Bilder und Kunstwerke, und Alles nahm er mit Aufmerksamkeit in sich auf. Das war eine schöne Wanderung, die nicht getrübt wurde durch ungesunde Glieder, durch ein böses Gewissen, durch Armuth und Noth. Er hatte das Gelübde gethan, nie einen Schluck Brantwein zu trinken, hatte es mit Gottes Gnade und der Liebe seines Heilandes gehalten. Das bewahrte ihn vor manchem Elend und manchem Unheil des Wanderlebens. Es führte ihn nie dahin, wo wilde Gelage und Raufereien waren, er suchte nie seine Freunde unter dergleichen Gesellen; so blieb er an Leib und Seele rein, hatte auch immer Geld im Beutel, denn weil er ein braver Geselle war, fand er auch immer gute Meister. Und auch Freunde fand er, die mit ihm dieselbe Straße zogen, die mit ihm den Herrn lieb hatten; selten verließ er eine Stadt, daß er nicht mit Wehmuth darauf zurück sah, weil er Freunde für sein Herz und seine Fürbitte darin gewonnen. Und kam er zu Leuten, die ihn nicht verstanden, die seiner spotteten, ihn zu verführen suchten, so waren auch das heilsame Tage für ihn, Tage des Kummers und der Prüfung, in denen er noch mehr die Nähe des Trösters, seine Liebe und Gnade fühlte. So ward seine Seele immer fester, seine Erfahrung immer reicher, seine Hände immer geschickter. Und wie war es mit seinem Herzen? Das durfte sich auch zuweilen regen. Wenn er an einem schönen Sommerabend auf der Höhe am Rand des Waldes saß, die Sonne legte ihr Gold über die Gegend hin, Duft zog über Städte und Dörfer, die Abendluft wehte weich in den Zweigen und in den Blumen rund um, am Grasrain dort zog der Schäfer langsam mit der Heerde, und die Schwalben hoch oben am lichtblauen Himmel: -- da ward es ihm so wunderbar sehnsuchtsvoll zu Sinne, und durch Abendgold und Duft und Schönheit und Stille schauten ihn die dunkelblauen Augen des kleinen Mädchens aus der Heimath an. So hatte er noch ganz kürzlich vor einer Höhe am Thüringer Walde gesessen; jetzt war er ja seiner Heimath so nahe, jetzt war aus dem Jüngling ein Mann geworden und er durfte an eine Gestaltung seiner Zukunft denken. Sein Vater war alt, seit vergangenem Winter plagte ihn dazu ein Brustübel, er konnte dem Handwerk nicht mehr vorstehen, es fehlte an allen Enden, und Fritz mußte des Vaters dringenden Aufforderungen zur Rückkehr folgen. Er that es auch gern, er war nun 25 Jahr alt, nach dem langen Umherwandern und heimathlosen Leben sollte es ihm zu Hause wohl behagen. Er sollte nun Meister werden und dem Haus, dem Acker und der Kundschaft allein vorstehen. Dazu gehörte auch nothwendig eine Hausfrau, und _der_ Gedanke war es, der ihm besonders an das Herz ging. Und als er sich diese Hausfrau dachte, so war sie schlank, mit lichtbraunem Haar und dunkelblauen Augen. Mit so schönen Ahnungen verließ er den Thüringer Wald und wanderte einige Tage später durch die Thore seiner Vaterstadt. Es war spät des Sonnabends Abends; sein Vater saß schwach und krank im Lehnstuhl, aber Dank- und Freudenthränen glänzten in seinen Augen, als der Sohn nach so langer Abwesenheit wieder in die Thür trat, und Fritz mußte ihm am selbigen Abend noch das Buch Hiob und den 136. Psalm vorlesen.

Der alte Vater war trotz der Brustschwäche sehr gesprächig, und in seiner Gesprächigkeit konnte er es nicht lassen, von seiner und der Frau Bendler liebsten Hoffnung zu reden, nämlich daß Gretchen möchte hier im Haus Frau Meisterin werden. Frau Bendler hatte Gretchen ganz und gar adoptirt, und mit Ausnahme einiger Legate sollte sie einst ihre alleinige Erbin sein.

Fritz ward es gar eng um das Herz als er das hörte, und hatte er schon vorher wenig Muth gehabt, nach Klärchen Krauter zu fragen, so wagte er es jetzt gar nicht. Am Sonntag nun sollte er hinüber zur Frau Nachbarin gehen, aber er bat den Vater, gar nicht von der Sache zu reden, da er nicht wisse, wie er dem Gretchen gefallen möchte. Der Vater schmunzelte. Das sei nicht gefährlich, meinte er, Gretchen habe bei seinen Briefen die schönsten Thränen geweint. Fritz schmunzelte nicht, sein Herz ward immer schwerer; denn wenn Gretchen auch ein braves Mädchen war, so hatte sie doch nicht dunkelblaue Augen, war nicht seine Jugendliebe, und hatte ihn nicht auf seiner ganzen Wanderschaft begleitet. Als er am Sonntag Morgen aus der Kirche kam und unter den Kirchgängern Frau Bendler in Begleitung einer jugendlichen Gestalt erkannte, konnte er sie unmöglich anreden; er schlich sich von der Seite, er hatte dem Vater auch nur versprochen, gegen Abend seine Bekanntschaft drüben zu erneuern. Am Nachmittag aber trieb ihn seine Unruhe und Sehnsucht vor Klärchens Fenster vorüber. Er konnte sie nicht entdecken, nur ihre Mutter saß am Fenster, und zum Glück schaute sie nicht auf, sonst hätte sie wohl seine Gedanken auf seiner Stirn lesen müssen. Er ging zum Thore hinaus, und kehrte, nachdem er eine Strecke auf der Chaussee entlang gegangen war, wieder um. Da kam ihm die Ersehnte wirklich entgegen. Es war ja noch dasselbe Kindergesicht, nur die Gestalt war aufgeschossen und hatte sich jungfräulich entfaltet. Er grüßte sie und sein Herz schlug vor Glück, aber nur wenige Augenblicke. Er sah die Schaar Studenten hinter ihr umkehren, er hörte ihre Witze und sah sie den Mädchen nachfolgen. Es würde ihm nie eingefallen sein, ebenfalls umzukehren; aber Spannung und Zorn trieben ihn. Im Nothfall wollte er die Mädchen schützen, er ahnete nicht, daß sie durch das Nachfolgen der Studenten mehr erfreut als geängstigt würden. Doch bald sollte er sich von der Wahrheit überzeugen. Er saß ihnen gegenüber und beobachtete der Mädchen leichtfertiges Spiel. Klärchen spielte die Hauptrolle dabei, bis sie ihn endlich durch ihre verächtlichen und erzürnten Blicke forttrieb. Mit welchen Gefühlen ging er nun nach Hause! Das Geschehene zerstörte zu hart seines Herzens Pläne. Die Freude an der Heimath, an der Meisterschaft, an Haus und Hof war zertrümmert; er hätte am liebsten den Wanderstab wieder in die Hand genommen. In dieser Stimmung konnte er unmöglich zu Frau Bendler gehen, nicht einmal in die Stube zum Vater; er ging leise an dem Dienstmädchen, die feiernd in der Hausthür saß, vorüber nach dem Garten und setzte sich in die Weinlaube an der Scheunenwand. Der Nachbarsgarten, der nur durch ein Stacket getrennt, war leer. Das war ihm gerade recht, und ungestört konnte er seinen Gedanken nachhängen. Wie war die Welt heut ganz anders als gestern! Die verwilderten Rosen und Goldveiglein hatten ihn gestern so traulich und heimlich angesehen, er hatte dabei gedacht: wenn erst Frauenhände hier walten, werdet ihr noch schöner blühen. Die düstere Weinlaube erschien ihm gar nicht düster, er dachte: bald wirst du nicht mehr allein hier sitzen. Heut war ihm Alles wüst und leer, und es lag ihm auch gar nichts daran, daß es anders sei. Er schaute durch die Weinranken hindurch zum blauen Himmel hinauf. Lieber himmlischer Vater, es wird ja wieder anders werden; jetzt aber erscheint das Kreuz meinem jungen Herzen schwer, und nun bitte ich Dich doch wieder und immer wieder: erlöse sie vom Uebel; wenn ich sie auch für mich aufgeben muß, laß Du sie nicht. Aufgeben? ja das ist wohl schwer, und daß es ihm so schwer ward, ward ihm auch zum Trost, denn wenn es seinem schwachen, menschlichen Herzen so schwer ward, mußte es ja dem Erlöser droben noch schwerer werden, eine geliebte Seele aufzugeben; und je tiefer er in den blauen Himmel schaute, je zuversichtlicher ward es ihm, und sein Schmerz lösete sich in feuchten Augen auf. Da hörte er plötzlich eine Stimme im Nachbarsgarten singen; hell und lieblich, und doch weich und wehmüthig drangen die Töne, und ganz deutlich die Worte zu ihm herüber:

Will ich nicht, so muß ich weinen, Wenn ich mir es recht betracht, Weil verlassen mich die Meinen, G'nommen eine gute Nacht. Ach, wo ist mein Vater und Mutter? Ach, sie liegen schon im Grab. Ach, wo sind mein' Brüder und Schwestern? Keinen Freund ich nirgends hab.

O, mein allerliebster Jesu, Schau mich armes Waislein an, Du bist ja mein liebster Vater, Sonst mir Niemand helfen kann. Weil mein' Eltern sein gestorben, Leben nicht auf dieser Welt, So hab ich Dich, liebster Jesu, Für mein'n Vater auserwählt.

Fritz lugte durch die Weinblätter hindurch und sah drüben auf dem alten schrägen Birnbaum Gretchen sitzen. Es war ihm, als ob er nur geträumt hätte von Wandern und Fortsein; als ob er wieder achtzehn Jahr, und Gretchen ein Kind sei. Damals war der alte Birnbaum den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz. Des Nachmittags ging sie mit dem Strickzeug hinauf, und jedesmal wenn sie eine Tour herum gestrickt, rief sie es dem alten Benjamin zu. Benjamin aber war ein Flickschuster, der schon fast dreißig Jahr bei Buchsteins im Hinterhäuschen über der Werkstatt wohnte. Er war der Kinderfreund der Nachbarschaft, und Gretchen war sein besonderer Liebling. Für sie war ihm keine Mühe zu groß, und jedesmal, wenn sie ihm die Tour zurief, machte er einen Kreidestrich auf eine schwarze Tafel, und immer zählte er, wie viel noch fehlten an der Zahl; und wenn es so weit war, rief er: nun Gretchen mach Schicht! Gretchen wand sich dann an einem Bindfaden ein Körbchen mit dem Vesperbrod in die Höhe und meinte, da oben stricke und esse es sich besser. Benjamin legte auch den Pfriemen für ein Weilchen aus der Hand, schaute zum Fenster hinaus, sein Staarmatz schnarrte »Gretchen, so recht, so recht,« und sein Dompfaffe sang »Lobe den Herrn o meine Seele«. Wenn dann Gretchens Kinderstimme einfiel, sagte Benjamin: »Gretchen, so recht,« und der Staarmatz schnarrte: »Gretchen, so recht.«

Auch jetzt sah Benjamins weißer Kopf zum Fenster hinaus; der Staarmatz aber rief: »Jungfer Gretchen,« und Fritz ward dadurch erinnert, daß es doch andere Zeiten seien.

Ei Gretchen, sagte Benjamin, Du singst einem heut ordentlich das Herze weich; was ist Dir denn?

Wenn ich wußte, daß Du heim warst, hätte ich nicht gesungen, sagte Gretchen; ich glaubte, ich wäre ganz allein hier in der Welt. Jetzt komm aber herüber und bring die große Bilderbibel mit, ich weiß nicht recht, was ich so mutterseelen allein mit dem Sonntag-Nachmittag beginnen soll.

Gretchen war nämlich von ihrer Pflegemutter, die einige Krankenbesuche machen wollte, als sie Nachmittags aus der Kirche kamen, allein nach Hause geschickt; und weil sich Gretchen eigentlich gefreut hatte, zu verwandten Gärtnersleuten vor dem Thor zu gehen, so war ihr das zu Hause bleiben gar nicht recht. In der Stube war es ihr einsam, sie nahm mancherlei in die Hand, ein Buch, ein Arbeitszeug, -- nichts behagte ihr. Der Nachmittag wollte nicht kürzer werden, und sie begriff nicht, warum sie so unruhig war. Sollte es sein, weil Fritz Buchstein sich zum Abend angemeldet hat? Sie ward feuerroth bei dem Gedanken. Warum aber sollte sie sich freuen ihn wieder zu sehen? sie war wenigstens begierig zu sehen was aus ihm geworden, und ob er so aussähe wie sie sich ihn nach seinen Briefen gedacht. Sie ging in den Garten. Bei Buchsteins war alles still, und ungestört ging sie in dem geraden Stachelbeerwege auf und ab. Hinter den Büschen hatte sie als Kind mit Luischen Buchstein und anderen Freundinnen Schaf und Wolf gespielt; Luischen Buchstein war todt, die anderen Freundinnen zerstreut, und sie mußte zum Sonntag-Nachmittag so allein hier wandeln. Auf der Bank unter dem alten Birnenbaume hatte sie auch oft vergnügt gesessen, noch lieber aber oben auf dem Baum: da konnte sie doch ein Bischen weiter in die Welt schauen, in die Nachbarsgärten, einem Böttcher auf den Hof, dem Benjamin in die Stube. Nach der andern Seite hin war der Garten zwar durch eine hohe Mauer begränzt, aber sie sah doch die blühenden Flieder- und Goldregen-Wipfel, auch zuweilen die weiße Spitzenhaube der Frau Stadträthin und die bebänderten Strohhüte der Fräulein. Gretchen konnte nicht widerstehen; sie stieg auf den Baum. Heut war aber gar nichts zu sehen, an den Goldregen hing trockner Samen, die Fliederbüsche sahen dunkel und glanzlos aus, weder Haube noch Strohhüte ließen sich sehen, Stadtraths waren in ein Bad und die Fräulein längst verheirathet. In den anderen Nachbarsgärten war es auch still, nicht einmal Benjamin war am Fenster. Da ward es dem Gretchen immer enger um das Herz, immer sehnsüchtiger schaute sie zum Himmel hinauf. So ists. Wenn der Herr uns die Welt einsam und öde macht, so zieht er uns desto mächtiger zum Himmel hinauf. Und der Himmel war heute so licht, die Wolken daran von der sinkenden Sonne mit Gold umsäumt. Gretchen schaute, wie sie über den dunkelen Dächern am blauen Himmel langsam hinzogen und im Ziehen Gestalt und Farbe wechselten. Da zog ein Schwan, bald eine Rose, ein Schloß, bald Engelsflügel, bald gar eines Engels Angesicht. Sie dachte an ihre Eltern, an ihre Brüderlein, deren sie sich noch ganz leise aus frühester Jugend erinnern konnte, und mit sehnsuchtsvollem Herzen sang sie das Lied, das Benjamin an das Fenster lockte.

Benjamin kam mit der großen Bilderbibel herunter, schwang sich unten an der Scheuer und am alten Hollunderstamm noch ganz rüstig über das Stacket, und war nun in Bendlers Garten. Da trat Fritz aus der Laube, er wollte nicht schuldiger Weise den Horcher spielen. Gretchen erschrak, denn er hatte sie ja auf dem Baume gesehen und hatte sie singen hören; er aber reichte ihr freundlich die Hand über das Stacket hinüber. Das war nun Gretchen mit dem blonden Haar, den Sommerflecken, den runden braunen Augen und dem runden rothen Mund. Sie war nicht groß nicht klein, nicht schlank nicht stark, und stand mit dem braunen Kattunkleide und weißen Kragenstrich gar sittig vor ihm. Er sprach einige verlegene Worte des Willkommens, sie merkte seine Verlegenheit nicht, sie hörte kaum, was er sagte, so gewaltig schlug ihr Herz, aber einsam kam ihr die Welt nicht mehr vor; und als er fragte, ob er auch hinüber kommen dürfe, nickte sie ein freundliches Ja und machte einen höflichen Knix.

Aber nicht den Weg, den ich gekommen bin, scherzte Benjamin; jungen Burschen muß man solche Schliche nicht zeigen. Du gehst in die Hausthür, wie es sich gehört.

Fritz hatte gar nicht daran gedacht; denn wenn er auch ganz stattlich in der schwarzseidenen Weste, dem seidenen Halstuch und dem Sonntagsrock aussah, so hatte er doch die Mütze und die Handschuh im Hause liegen, und überhaupt mußte der erste Besuch etwas feierlich gemacht werden. Er kam aber nicht so bald als Gretchen gehofft hatte; sie hatte schon einen großen Theil der Bilderbibel mit Benjamin durchgesehen, als es an der Hausthür klopfte. Sie ging zu öffnen und fand außer Fritz auch noch die Mutter vor der Thür. Diese war beiden jungen Leuten sehr erwünscht. Gretchen hätte gar nicht gewußt wie sie als Wirthin thun sollte, und Fritz mochte mit seinem schweren Herzen dem Gretchen am wenigsten allein gegenüber sein. Frau Bendler übernahm nun das Sprecheramt, aber auch das Frageamt, und Fritz mußte wohl oder übel gesprächig werden. Daß es ihm schwer ward, merkte Frau Bendler nicht, wohl aber Gretchen. Der tiefe Ausdruck der Trauer, der ihm zuweilen unbewußt über die Züge glitt, ging ihr wie ein Schwert durch das Herz. Was mag er nur haben? ist er traurig, wieder daheim zu sein? zieht es ihn zurück in die Ferne? Wenn er nur nicht unglücklich ist! dachte sie bange, und wie mag es zugehen, da doch sein letzter Brief so fröhlich war? Als sie spät am Abend allein in ihrem Kämmerlein war, schaute sie hinauf zu den Sternen mit gefalteten Händen; hinein in ihr Abendgebet mischte sich Fritzens trauriges Gesicht, und sie empfahl es Dem, der da Freud und Leid auf die Herzen der Menschen legt.

* * * * *

Die Frau Generalin von Trautstein saß mit einer jüngeren Dame in eifrigem Gespräch.

Ich versichere Sie, sagte die jüngere, das Mädchen passt ganz besonders für Sie, und ich kann sie Ihnen mit vollem Herzen empfehlen. Seit zwei Jahren näht sie mir alle Kindersachen und sie ist wirklich die Liebe des ganzen Hauses, immer freundlich, gefällig, sehr gewandt und fleißig, und aus einer sehr rechtlichen Familie. Ihre Tante ist die Frau Bendler, die dem Wöchnerinnenverein an der Spitze steht, eine außerordentlich geachtete Frau. Von der ist Klärchen eigentlich erzogen, die hat sie auch das Schneidern lehren lassen, denn Klärchens Mutter ist kränklich.

Warum will sie sich aber vermiethen? fragte die Generalin.

Um einmal unter andern Leuten zu sein, war die Antwort. Ich finde es recht vernünftig. Die Mutter nämlich soll das Mädchen sehr beherrschen und ihr jeden Groschen aus dem Beutel nehmen. Sie deutete es mir neulich mit Thränen an, daß sie sehr schlecht mit der Wäsche bestellt sei, weil sie dazu kein Geld habe erübrigen können und nur immer froh gewesen sei, der Kundschaft wegen für das Aeußere zu sorgen.

Das sind eben meine Bedenken. Die Mutter soll unordentlich sein und gern jeden Groschen durch den Mund spediren; zweitens ist das Mädchen zu jung und wird mir auch wahrscheinlich zu hübsch sein, -- entgegnete die Generalin.

Die Jüngere lachte. Gerade darum wünsche ich sie Ihnen, weil sie so liebreizend ist. Bei jedem Unwohlsein wird sie Ihnen die angenehmste Gesellschaft sein; sie kann Ihnen vorlesen, denn sie spricht sehr hübsch; aber vor allen Dingen -- Sie müssen sie sehen, theuerste Frau!

Die Sprecherin war die Lieutenant von Reisen, Klärchens besondere Gönnerin. Sie suchte ihr jetzt den Dienst bei der Generalin zu verschaffen und hatte Klärchen deßhalb hinbestellt; vorher aber bemühte sie sich sie in das beste Licht zu stellen. Es währte nicht lange, so wurde Klärchen gemeldet. Sehr nett angezogen, zugleich aber sehr bescheiden und anspruchslos stand sie vor den Damen. Die Generalin war wirklich erstaunt über die Schönheit des Mädchens, aber die Anmuth in Worten und Wesen machte jedes Bedenken verstummen -- und sie schloß den Miethsvertrag. Vierzig Thaler Gehalt, ein Louisd'or zu Weihnachten, außerdem Geschenke, das war für Klärchen sehr erfreulich. Aber nicht allein das: der ganze Haushalt der Frau Generalin entzückte sie, ja so sehr, daß der Mediziner fast darüber vergessen ward. Die großen Zimmer, prächtigen Teppiche und Meubeln, Equipage und Dienerschaft, so etwas fand man nicht oft beisammen. In diesem Haus war sie als Kammerjungfer engagirt, so zu sagen als Kammerjungfer, denn eigentlich -- redete sie sich vor -- sollte sie doch Gesellschafterin der Dame sein, sie sollte ihr des Abends vorlesen und in traulichen Zirkeln den Thee serviren. Sie unterließ auch nicht, ihren Bekanntinnen die Sache so vorzustellen. Als sie zu Tante Rieke kam, machte die ein ernsthaftes Gesicht. Du hast nun meinen Wunsch erfüllt und Dich vermiethet, sagte sie, der Herr mag Dir Kraft zu Deinem neuen Berufe geben, den Du Dir nicht zu leicht denken mußt. -- Klärchen, die voll der schönsten Hoffnungen und sehr guter Laune war, versprach alles Mögliche, und die Tante war zu gutmüthig, um das nicht glauben zu müssen. Auf die Fragen über den Zustand ihrer Wäsche, hatte sie geschickte Antworten; sie hätte unmöglich die Wahrheit sagen können, und ihre Angst war schon längst gewesen, die Tante möchte sich einmal selbst davon überzeugen wollen. Für das Nöthigste sei gesorgt, sagte sie, und sie freue sich, von dem schönen Lohn ganz besonders Wäsche anzuschaffen. Die Mutter muß sich einschränken lernen, fügte sie hinzu; Du weißt, wenn ich Geld hatte, konnte ich es als Tochter nicht abschlagen; wenn ich keines habe, kann ich keines geben; und bekomme ich mein Lohn, gebe ich ihr ein Theil, kann aber vom Uebrigen gleich ordentlich anschaffen. -- Das klang vernünftig, und die Tante war damit einverstanden. Gretchen ging vor die Schublade und holte ein halbes Dutzend leinene Taschentücher und zwei Paar Strümpfe.

Das darf ich Dir schenken, sagte sie; zum Stricken hast Du nicht viel Zeit gehabt, und die Taschentücher sind gesäumt und für Dich gezeichnet. Wenn Du zu uns kommst, nimmst Du nun aber auch die leinenen, scherzte Gretchen: Du weißt, wir können die baumwollenen nicht leiden.

Klärchen war gerührt von dieser Güte. Du meinst es doch wirklich gut! sagte sie herzlich.

Das kannst Du glauben, entgegnete Gretchen treuherzig, und beide Cousinen waren jetzt sehr freundlich auf einander gesonnen.

Am Michaelis-Tage zog Klärchen an. In ihrer Stube stand eine Kommode und ein Kleiderschrank, dahinein wurden ihre Sachen so weitläuftig als möglich geordnet. Einige Sommerkleider und dünne wollene Kleider, Mantillen, Mäntelchen, ein Frisuren-Unterrock in den Schrank; in die Kommode, außer der wenigen Wäsche, Bänder, Schleifen, Kragen, Handschuh, Taschentücher; die sechs leinenen Taschentücher und zwei Paar ganzen Strümpfe von Gretchen bildeten den guten Grund dieser leichten Gesellschaft. Außerdem aber stellte sie einige Blumentöpfe in das Fenster, hing ein Porzelan-Bildchen an die Scheiben, ein anderes Bild unter den Spiegel und eine Blumenvase auf die Kommode. Der Bediente hatte in die Stube gesehen und gegen die Köchin bemerkt: man sähe dem Geschmacke des Mädchens an, daß sie von guter Erziehung und Bildung sei; nur schlimm, daß das Stübchen im Nebenhaus, und der Mediziner gerade hineinsehen könne, da möcht' es am Ende eine Liebelei im Hause geben. Die Köchin aber nahm Klärchens Partie. Ihre Küche lag gerade gegenüber im anderen Seitenhaus; sie hatte gesehen wie Klärchen das Rouleau niederließ, als der Mediziner mit der langen Pfeife aus dem Fenster sah. Klärchen aber hatte die Köchin gesehen und gedacht: Du mußt dich in Respekt setzen, und etwas Sprödigkeit gegen den Mediziner kann nicht schaden.

Es kamen nun für sie unterhaltende Tage. Das Haus der Generalin war vielfach belebt, die verheirathete Tochter mit den Kindern 4 Wochen dort, und dies gab Gelegenheit zu mancher Geselligkeit. Außerdem ward Klärchen in die eleganten Läden der Stadt geschickt, um Besorgungen zu machen, und das war ihr besonders unterhaltend. Sie war bald mit allen Commis befreundet und hatte ihre leichte Commodengesellschaft um manches bereichert. Freilich waren ihre wenigen Groschen, die sie in den Dienst mitgebracht, auch ausgegeben, aber die Paar Groschen lohnten kaum der Mühe zum Sparen. Daneben ward das Spiel mit dem Mediziner gar eifrig betrieben. Die Generalin hatte meistens nur Damenverkehr: von _der_ Seite war also für ihre Zukunft nichts zu hoffen. Bald merkte sie, der Mediziner war in Feuer und Flammen und ein recht demüthiger Liebhaber. Wenn sie das Rouleau einen Tag nicht aufzog, sang er die schwermüthigsten Lieder; oder wenn sie sonst spröde gegen ihn war, nahmen seine rohen großen Züge einen gar sanften Ausdruck an. Sie that das mit Wohlbedacht, denn ehe er nicht in die rechte Höhe der Leidenschaft kam, würde er nicht Ernst aus der Sache machen. Sie berechnete freilich nicht, daß sie auch mit der Zeit warm wurde, und ein verliebtes Herz ist ein schwaches Herz, und der Mediziner war nicht ohne Erfahrung, das zu wissen und zu merken.