Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte
Part 10
Der Sommer ging vorüber, auch der halbe Winter. Am Sylvester-Abend saßen Klärchen, Fritz und die Tante beisammen, es wurde nicht gescherzt und fröhlich geplaudert, aber alle drei waren im Herrn selig vergnügt. Fritz, obgleich er es nicht wagte, die Wünsche seines Herzens in die Wirklichkeit hinaus zu denken, ahnete doch, was der Herr mit ihm vorhätte. Unter schweren Kämpfen hatte er ihm einst sein thörichtes Herz und seine Jugendliebe übergeben, verklärt sollte er diese Liebe aus seiner Hand zurück erhalten. Als er Klärchen gute Nacht wünschte und den Segen des Herrn zum neuen Jahr, da konnte er seiner Stimme nicht gebieten, und Klärchen fühlte den Ton in ihrer Seele. O Gott! sie wagte es ja kaum, in seine reinen, lichten Augen zu schauen, sie hatte ihn nur in ihr Gebet eingeschlossen und ersehnt, er möchte ihr nicht länger zürnen.
Frau Krauter, die seit der schweren Krankheit sich nie wieder ganz erholt und immer gekränkelt hatte, mußte sich nach Neujahr legen, und Klärchen durfte sie nicht verlassen. Doch ward ihr eine lange Krankenpflege diesmal erspart, ein Lungenschlag machte der Mutter Leben schnell ein Ende.
Klärchen war nun eine Waise. Und doch nicht, -- die Tante nahm sie nicht allein an ihr Herz, auch in ihr Haus, und ward ihr eine wahrhafte Mutter. Als der Frühling draußen sproßte, saß Klärchen in Gretchens Fenster neben blühenden Schneeglöckchen. Der alte Benjamin hatte sie ihr gebracht; ja, seine Liebe zu Gretchen war auf Klärchen übergegangen, und Klärchen hatte mit ihm wieder scherzen und plaudern und fröhlich singen gelernt. Der Staarmatz rief: »Klärchen, so recht«, und mit dem Dompfaffen sang sie: Lobe den Herrn, o meine Seele! -- Fritz arbeitete rüstig in der Werkstatt, lauschte zum Fenster hinaus, und sein Herz schlug hoch auf, wenn er Klärchens blaue Augen sah, so rein, so kindlich und verklärt, wie sie ihm auf seinen Wanderungen vorgeschwebt. Als aber der Frühling immer schöner hervorbrach, Blüthen und Blumen sich entfalteten, konnte sich auch Fritz nicht länger halten, und Klärchen durfte den ganzen Himmel seiner Liebe schauen.
Sie ist jetzt Frau Meisterin, sie ist stolz auf ihren Stand und trägt nur dunkle Strümpfe, feste Lederschuh und ein einfaches Kleid. Sie ist neu und schöner erblüht, ist die Freude ihres Mannes und der Segen ihres Hausstandes. Der alte Buchstein sitzt im Lehnstuhl und wiegt sein jüngstes Enkelchen auf den Knieen, Benjamin führt ein kleines blondes Gretchen zur Tante hinüber, Klärchen sitzt unter dem offenen Fenster der Werkstatt und singt mit schöner Stimme:
Lobe den Herrn, o meine Seele, Ich will ihn loben bis in Tod! Weil ich noch Stunden auf Erden zähle, Will ich lobsingen meinem Gott; Der Leib und Seel gegeben hat, Werde gepriesen früh und spat. Halleluja, Halleluja.
Selig, ja selig ist der zu nennen, Deß Hülfe der Gott Jacob ist, Welcher vom Glauben sich Nichts läßt trennen Und hofft getrost auf Jesum Christ. Wer diesen Herrn zum Beistand hat, Am besten findet Rath und That. Halleluja, Hallelujah.
Druck von Ed. _Heynemann_ in Halle.
Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten:
#Gutzkow# (Karl), #Die Ritter vom Geiste#. Roman in neun Büchern. _Zweite Auflage._ Neun Bände. 8. 11 Thlr.
Bei der außerordentlichen Theilnahme und Anerkennung, die Gutzkow's großartiges Zeitgemälde der Gegenwart in allen Theilen und Bildungskreisen Deutschlands gefunden, bedarf es gewiß nur der Hinweisung auf die so rasch nöthiggewordene _zweite unveränderte Auflage_ desselben, um auch diejenigen zur Lecture der »Ritter vom Geiste« zu veranlassen, die sich bisher diesen Genuß noch nicht verschafften.
Levin Schücking's neueste Romane.
Bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# erschien und ist in allen Buchhandlungen zu erhalten:
#Der Bauernfürst.# Zwei Bände. 8. 4 Thlr.
#Die Königin der Nacht.# Roman. 8. 1 Thlr. 24 Ngr.
Die beiden neuesten Romane _Levin Schücking's_, eines unserer beliebtesten Romanschriftsteller, die seine früheren Romane: »Ein Sohn des Volkes« (1849), »Die Ritterbürtigen« (1846), »Eine dunkle That« (1846), »Ein Schloß am Meer« (1843) an Originalität und drastischem Schwung noch übertreffen.
Erschienen ist bei #F. A. Brockhaus# in #Leipzig# und durch alle Buchhandlungen zu beziehen:
#Italienischer Novellenschatz.# Ausgewählt und übersetzt von #A. Keller#. Sechs Teile. 12. Jeder Theil 1 Thlr. 10 Ngr.
Den Inhalt dieses Werks bilden 150 italienische Novellen, von dem rühmlichst bekannten Professor #A. Keller# in Tübingen übersetzt, als eine chronologische Reihe von charakteristischen Proben der italienischen Erzählungskunst, eine Geschichte der italienischen Novellistik in Beispielen. Diese Blüten der italienischen Literatur, der anerkannten Meisterin auf dem Gebiet der Novelle, liefern die mannichfachsten Beiträge zur Cultur- und Sittengeschichte Italiens und werden dem deutschen Publicum die anziehendste Unterhaltung gewähren. Des größten italienischen Erzählers, Boccaccio's, Novellen hat der Uebersetzer von seinem Plane ausgeschlossen, weil dieselben bereits in der »ausgezeichneten« Uebersetzung Witte's, erschienen seien, welche den Titel führt:
#Boccaccio# (Giovanni), #Das Dekameron#. Aus dem Italienischen übersetzt von #K. Witte#. _Zweite_ verbesserte Auflage. Drei Theile. 12. 1843. 2 Thlr. 15 Ngr.
Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.
Bei #Richard Mühlmann# in Halle ist erschienen und in allen soliden Buchhandlungen zu haben:
#Die Kammerjungfer#, eine Stadtgeschichte, von _Maria Nathusius_, Verfasserin der Dorfgeschichten: Martha die Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater Sohn und Enkel etc. 9 Bogen. 9 ~Sgr.~
Dieses Buch erzählt die Geschichte eines jener unglücklichen Mädchen, wie sie zu tausenden in großen und kleinen Städten, ohne häusliche Zucht und Wurzel in dem göttlichen Worte, von schwankenden Eltern er- und verzogen, aufwachsen, von Ansprüchen einer weniger als halben Bildung gestachelt, und von Romanlectüre und leichter Gesellschaft getragen, in allerlei schöne und hohe Gedanken hinauswuchern, hinter deren Gefühl sich doch die bloße Sinnlichkeit und hinter deren Phantasien sich die gewöhnlichsten Spekulationen verbergen, daß wenn dann die gar losen Blumenblätter im ersten Windstoße abfallen, die innere Armuth und Hülflosigkeit in ihrer Blöße dasteht. Die Heldin dieser Erzählung bleibt vor dem tiefsten Sumpfe der Sünde, in welchem schließlich unzählige ihres gleichen für ein ganzes Leben versinken, schon durch die Keuschheit der Feder einer weiblichen Verfasserin bewahrt. Sie gelangt mitten in ihren edlen Gefühlen nur bis zum gewöhnlichen Hausdiebstahl, und auch der wird ihr verziehen. Sie empfängt aber ihren Lohn dadurch, daß sie »ihr Glück macht« durch eine »gar nicht üble Partie«, von deren Jammer sie endlich das Durchgehen ihres Mannes befreit. Durch das alles hat die Gnade Gottes ihr leichtfertiges und widerstrebendes Herz aber immer stärker und stärker an sich gezogen, bis sie zu einer rechtschaffenen Buße und Umkehr gelangt. Als Gegenbild steht daneben die einfache, heitere und anmuthige Gestalt ihrer Jugendfreundin, eines ehrbaren, schlecht und recht in der Furcht Gottes aufgewachsenen Bürgermädchens. Durch die psychologische Wahrheit, und die gefällige Weise, womit die Begebenheiten von dem vielfach anerkannten Talente der Verfasserin dargestellt sind, vermag die Erzählung auch das Interesse von Leserkreisen aller Stände zu fesseln. Vorzüglich aber wäre es zu wünschen, daß Freunde der inneren Mission Mittel und Wege aufsuchten, um sie recht zahlreich in jenen Kreisen, aus deren Leben sie redet und auf welche sie als eine Warnungs- und Weckstimme insonderheit zu wirken bestimmt ist, zu verbreiten. --
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Symbole für abweichende Schriftarten:
_gesperrt_ : =Antiqua= : ~kursiv~ : #fett#.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidert" -- "erwiedert", "heitzte" -- "geheizt", "Spatziergang" -- "Spaziergang",
mit folgenden Ausnahmen,
Seite 9: "deinen" geändert in "Deinen" (Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten)
Seite 17: "bemerke" geändert in "bemerkte" (kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen)
Seite 24: "Ihr" geändert in "ihr" (den lieben Sommer über fast ihr alleiniger Wohnsitz)
Seite 34: "Louisdo'r" geändert in "Louisd'or" (vom Louisd'or kaum etwas für ihre Mutter übrig blieb)
Seite 39: "." eingefügt (Er begann mit dem 90. Psalm)
Seite 49: "ihn" geändert in "ihr" (ihr auf diese Weise die Zeit vertreiben)
Seite 68: "ihren" geändert in "Ihren" (der Wahrheit gemäß Ihren Frevel gestehen)
Seite 85: "gedehmüthigt" geändert in "gedemüthigt" (ihr Stolz war gedemüthigt, sie war innerlich erboßt)
Seite 98: In Zeile 6 "," geändert in "." (Halleluja, Halleluja.)
Seite 119: "hinzugegehen" geändert in "hinzugehen" (geradezu hinzugehen war ihr unmöglich)
Seite 131: "," eingefügt (Klärchen schied von ihr, das Herz voller Trost) ]