Die Kammerjungfer: Eine Stadtgeschichte

Part 1

Chapter 13,728 wordsPublic domain

Die Kammerjungfer.

Eine Stadtgeschichte

von

Maria Nathusius,

Verfasserin der Dorfgeschichten: _Martha die Stiefmutter, Lorenz der Freigemeindler, Vater, Sohn und Enkel_ u. s. w.

Halle, Verlag von Richard Mühlmann. 1851.

Es bleibt dabei, ich vermiethe mich! sagte Klärchen zu ihrer Mutter. Eine Schneiderin führt ein trauriges Leben, ein Tag geht so grau und einförmig hin wie der andere, keinen vernünftigen Menschen kriegt man zu sehen, sitzen muß man vom Morgen bis zum Abend, und sitzen bleiben und eine alte Jungfer werden ist das Ende vom Liede.

Du weißt selbst nicht was Du willst, sagte ihre Mutter. Weißt Du noch, was Du sagtest vorigen Martinstag, wie Tante Rieke Dir den Rath gab, Du solltest in einen Dienst gehen? Da hast Du von Sklaverei gesprochen und die Nase gerümpft, und ich war's auch zufrieden: es wäre doch eine Sünde und Schande, wenn eine alte Frau allein wohnen müßte ohne Hülfe und Pflege. Aber ich sage: Du weißt nicht was du willst. Kannst Du's besser haben, wie Du's jetzt hast? Bist Dein eigner Herr, kannst thun was Du willst, und brauchst Dich nicht von fremden Leuten traktiren zu lassen. Ach, wenn ich an _meine_ Jugend denke!

Ja, ja, Deine Jugend kenne ich, fiel ihr Klärchen schnippisch in das Wort; so dumm wie Du werde ich nicht sein, Du hättest den Rechtsgelehrten nur festhalten sollen. Tante Rieke sagte vorgestern sehr salbungsvoll, wie Deine Schönheit Dein Unglück gewesen; da hätte sie nur aufrichtig sagen sollen: Dein Ungeschick. Ich sage Dir aber, _meine_ Schönheit soll glücklicher sein. -- Hierbei lachte sie, hüpfte an den Spiegel und ordnete noch einmal zum Ueberfluß ihren Sonntagsstaat.

So gottvergessen wie Du habe ich nie geredet, entgegnete die Mutter, und das Unglück ist doch über mich gekommen, ich weiß nicht wie.

Das ist's eben, fiel ihr Klärchen wieder in die Rede: Du weißt nicht wie. Gerade das nicht Wissen das ist der Fehler, ich werde aber wissen! Und nun um alles in der Welt, höre auf zu jammern. Heute ist Sonntag. Ursach dazu hast Du nicht, und ich sehe nicht ein, warum ich zuhören sollte. Mir steht die ganze Welt offen, und die Welt ist schön, wunderschön! Ich vermiethe mich, oder ich vermiethe mich nicht, es muß immer gehen. Für jetzt ziehe ich zur alten Frau Generalin, da habe ichs gut, und Geld im Ueberfluß.

Und ich hungere, sagte die Mutter in weinerlichem Ton.

Dafür wird Tante Rieke sorgen müssen, die hat das Geld im Kasten liegen. Es ist schändlich genug, daß sie mich hat schneidern und sticheln lassen, damit ich ihre einzige Schwester ernähre. Das hört nun auf. Ich muß für meine Zukunft sorgen, mein Lohn wird gespart; wenn man das Geld in großen Partieen einnimmt, kann man's besser festhalten, die einzelnen Viergroschenstücke trudeln unter den Händen fort. Tante Rieke, die die christliche Barmherzigkeit immerfort im Munde führt, mag sich auch mal mit den Händen regen. Und kurz und gut, wenn kein Anderer da ist, ist sie die Nächste. Und Mutterchen (setzte Klärchen schmeichelnd hinzu), Du hast nur den Vortheil davon, wenn die Tante gepreßt wird; denn ich werde auch für Dich sorgen, da kommt's von zwei Seiten. Klage nur hübsch, und rühre ihr Herz; aber gegen mich höre auf damit (schloß sie lachend), ich kenne Deine Kniffe und bei mir helfen sie nichts mehr. -- Bei diesen Worten zog sie eine schwarze seidene Mantille aus einer Schublade, und einige Geldstücke klapperten daneben. Sie warf der Mutter ein Zweigroschenstück in den Schooß und rief lachend: Hier, kaufe Dir Kuchen und feiere Sonntag; aber schicke Kleist's Dortchen, dann denkt der Becker, es ist für die Herrn Studenten. Du verstehst mich doch?

Kleiner Tausendsapperloter! sagte die schwache Mutter. Ihr Töchterchen hatte sie völlig beruhigt. Besonders war das Letzte ein wirksames Mittel; und auch die Bemerkung über die Tante Rieke war ganz richtig, diese mußte mehr geben, wenn Klärchen den Haushalt nicht unterhielt. Sie konnte es auch, sie war eine reiche Wittwe und hatte nur eine Pflegetochter; und wenn Klärchen dann im Stillen doch noch mit sorgte, wie es sich für eine gute Tochter geziemt, so stand die Mutter sich bei weitem besser.

Frau Krauter war die Wittwe eines Ginghan-Webers. Sie war in ihrer Jugend schön und leichtsinnig gewesen, und hatte nach vielen Abenteuern den Mann geheirathet, der schon damals innerlich und äußerlich ziemlich verkommen war. Es ward aber von Jahr zu Jahr schlechter mit ihm, und er starb, nachdem er beinahe zehn Jahr seine Frau in fortwährendem Jammer und in Noth erhalten hatte. Zum Glück blieb Klärchen ihr einziges Kind, und zum Glück hatte sie eine reiche Schwester, die ihr in der Noth eine Stütze war. Noth und Jammer aber hatten keinen Einfluß auf Frau Krauter geübt; sie war leichtsinnig geblieben, war faul, unordentlich und genußsüchtig, und wenn sie auch reichlich Thränen über sich und ihre Schicksale vergießen konnte, die Thränen kamen nicht tief aus dem Herzen; bei einer Tasse Kaffee und einem leichtfertigen Geschwätz war bald Alles vergessen. Klärchen war das Ebenbild der Mutter, nur daß sie noch schöner und zugleich schlauer war, und so der Welt und dem Verderben noch mehr Preiß gegeben.

Tante Rieke, auch Wittwe, und zwar die sehr wohlhabende Wittwe des seligen Seifensiedermeisters Bendler, war ganz das Gegentheil der Schwester. Sie war eine gottesfürchtige, achtbare, schlichte Bürgersfrau. Sie hatte vergeblich ihren Einfluß auf Mutter und Tochter zu üben gesucht; sie erlangte nur das eine, daß beide sich vor ihr scheuten und sich soviel als möglich von der besten Seite zeigten; und das war freilich schlimmer, als wenn sie sich in ihrer wahren Gestalt gezeigt hätten.

Nachdem Klärchen mit ihrer Mutter das mitgetheilte Zwiegespräch gehabt, rüstete sie sich singend zu ihrem Sonntagsvergnügen. Die seidene Mantille ward umgethan, und das Geld, das da herausgepoltert, in die Tasche gesteckt. Darauf suchte sie aus einem Wust anderer Sachen ein gesticktes baumwollenes Taschentuch hervor. Sie warf es wieder fort, denn ein langes Ende abgerissener Spitze hing daran. Sie griff nach einem zweiten, da waren einige Risse in der Mitte.

Die infamen baumwollenen Tücher halten für gar nichts! sagte sie ärgerlich.

Gieb her, Kind, ich hefte es gleich ein Bißchen zu! tröstete die Mutter, fädelte eine Nadel ein und zog mit langen Stichen die Risse zu. Während dessen suchte Klärchen aus einem Häufchen heller Glaceehandschuh das leidlichste Paar heraus.

Wo in aller Welt nur immer die rechten Handschuh bleiben! klagte Klärchen wieder. Linke habe ich wohl sechs, sieben, und rechte nur drei, und dumm genug habe ich vergessen sie waschen zu lassen, sie sehen aus wie die Mohren. Ach was! setzte sie entschlossen hinzu: ich hole ein Paar neue. Sechs Groschen mehr oder weniger! Zu meinem himmelblauen Musselin-Kleide gehören reine Handschuh.

Tante Rieke sagte am vergangenen Sonntag: Solltest lieber waschlederne Handschuh tragen wie Gretchen. Denke mal an, die hat ihre Confirmationshandschuh noch.

Wahrhaftig? staunte Klärchen; nein, das Mirakel muß ich meinen Freundinnen erzählen, es sieht aber akkurat aus wie Gretchen Bendler. Zur Kirche und höchstens zu einem ehrbaren Spaziergang in's Feld werden die Handschuh angezogen, aber eine Hand hat Gretchen in den waschledernen wie ein Eisbär. Nun gut, ein jeder sehe wie er's treibe, ein jeder sehe wo er bleibe, sagt Göthe. Auch sind die Gaben der Menschen verschieden. -- Bei diesen Worten hatte sie die himmelblaue Hutschleife zugebunden, das geflickte Taschentuch geschickt über die schmutzigen Handschuh gelegt, und wollte nun mit einem leichten Adieu zur Thür hinaus.

Warte, Klärchen! rief die Mutter, da kömmt Dein Hemd an der Schulter zum Vorschein und gerade ein rechter Ratsch darin.

Stopf' es nur tief genug unter, sagte Klärchen gleichgültig, und nachdem das geschehen, ging sie fort.

Alle Schneiderinnen, sagt man, sind unordentlich, weil sie immer mit der Nadel für Andere beschäftigt, nie Zeit für ihre eigne Arbeit finden. Klärchen war es aber nicht allein als Schneiderin, sondern noch dazu als unordentliche Tochter einer unordentlichen Mutter, und als über ihren Stand hinaus verwöhnte und verbildete Jungfrau. Daß die Kleider sechs Ellen weit sein mußten und wo möglich den Staub auf der Straße kehren, war ihr von höchster Wichtigkeit; auch durften die Manschetten nicht fehlen, Mantillen, Kragen, gestickte Taschentücher und Unterröcke mit Frisuren. Ob ihr Hemd zerrissen, war ihr gleichgültig, ja, außerordentlich gleichgültig! Das sah ja Niemand. Unangenehmer war es schon, fehlte der Hacken im Strumpf, oder die Sohle am Schuh, aber auch das machte ihr nicht großes Bedenken, es wurde geschickt verborgen, die langen Kleider waren auch hier von Nutzen. Mit der Muhme Gretchen hatte sie neulich erst einen derben Strauß gehabt; denn war Gretchen auch nicht gebildet, so war sie doch gescheut und derb und kurz angebunden. Sie sah den Unterrock mit den breiten Frisuren, und sagte, das wäre ganz verrückt nun, gar an einem Unterrock den überflüssigen Staat. Klärchen aber erklärte sachverständig, daß eine ordentliche Toilette -- bei diesem Worte hob Gretchen etwas höhnend Klärchens Arm in die Höhe und zeigte wie der Aermel halb aus den Nähten war; Klärchen fuhr nach einer kurzen Entschuldigung aber ärgerlich fort: daß zu einer ordentlichen Toilette solch ein Rock nothwendig sei, um die Kleider unten gehörig breit zu erhalten. Besonders, fügte sie schnippisch hinzu, paßt das für schlanke Leute; für Biertonnen ist's nun mal nicht nöthig. Gretchen wußte darauf keine verblümte Antwort zu geben, sie sagte aber kurz: Schäme Dich was mit Deinen Grobheiten, dafür setz' Dich hin und flicke und stopfe wo's Noth thut, und verthu' Dein Geld nicht unnütz; mit den Frisuren am Rock lockst Du keinen Hund aus dem Ofen, und ich sage Dir, Du wirst es noch mal bitterlich bereuen, daß Du so eine Thörin warest. Du hältst es so sehr mit der Welt, aber ich sage Dir, sie wird Dir noch mal ein X für ein U machen; und Du denkst, da ist Dein Himmelreich, aber ich sage Dir, das ist wo anders. -- Ach Gott! jetzt kriegt' es Klärchen mit dem Schreck, gewiß wollte Gretchen mit ihrem Herrn und Heilande kommen, denn von dem sprach sie, als ob die Sache ganz ihre Richtigkeit hätte. Gretchen war überhaupt so sehr in der Zeit und Bildung zurück, sie kannte keine Romane, wußte nichts von Eugen Sue, von der George Sand und von keinem Musen- und Liebes-Almanach, kannte nur nothdürftig die Classiker ihres Vaterlandes dem Namen nach, und auch darüber spottete Tante Rieke. Mutter und Tochter lasen nur in der Bibel, in Andachtsbüchern, oder in andern Büchern, die ihnen vom Pastor an der Stephans-Kirche zugestellt wurden. Der Pastor an derselben war nämlich ein Erzpietist, der predigte nichts weiter als vom Heiland und machte den Leuten Himmel und Hölle heiß. Klärchen aber, als sie merkte, wo hinaus ihre Muhme jetzt wollte, schnitt das Gespräch ab und gab gütlich nach. Sie wollte es doch mit Gretchen ebenso wenig als mit Tante Rieke verderben, und beide hingen aneinander wie die Kletten. Klärchen dachte hochmüthig: Ein jeder sehe wie er's treibe, und: Eines schickt sich nicht für Alle. Gretchen ist nun mal ein hausbackenes Mädchen; sie mag sich drum gern ihre Hemden selber spinnen, dunkelblaue Strümpfe, hohe lederne Schnürschuhe und waschlederne Handschuh tragen, sie macht auch keine Ansprüche für die Zukunft und gehört so recht in den Handwerkerstand hinein. Dagegen Klärchen? Sie seufzt, -- ihr Herz schlägt gewaltig, -- was wird aus ihr wohl werden? jedenfalls etwas ganz Besonderes. O süße Zukunft: lachende Kleider, lachende Gesichter, Liebe, Lust und Wonne! Jetzt zog sie zur Frau Generalin: Da kam sie in feine Kreise, vornehme Personen gehen aus und ein, es ist so manches in der Welt passirt, es kann auch passiren, daß sie ihr Glück macht. Es kann? nein, es muß, es wird, sie hat eine selige Ahnung davon in ihrem Herzen. Die nächste Seligkeit, die zu erringen, ist ein seidenes Kleid, eine Brosche, ein unächter Shawl und ein Sammethut -- dann aber kann es ihr ganz gewiß nicht fehlen; dann kommen die wunderbaren Begebenheiten! Und sie, die einem solchen Geschicke entgegen geht, sollte sich mit stopfen und flicken abgeben? ein jeder begreift die Richtigkeit, nur das hausbackene Gretchen nicht. Aber Gretchen ist nicht nur hausbacken, sie ist auch ungebildet, denn sie glaubt an einen Herrn und Heiland, und sagt, sie könne keine Stunde ohne ihn leben. Armes Gretchen! Klärchen hat den Heiland nicht nöthig, sie wüßte wahrlich in aller Welt nicht, wozu sie ihn nöthig hätte. Die Tante Rieke sagt zwar, er müßte uns von unserer Sünde erlösen, und wir gingen ohne ihn in Nacht, in Wüsten, in Unverstand und wie sie weiter sagt; aber das konnte Klärchen nicht fassen, sie wußte nichts von Sünde, von Nacht und Dunkelheit und gar von Unverstand. Eine Christin wollte sie auch sein; sie hatte, was nöthig war, gelernt, aber wozu, das sah sie noch nicht ein, es hatte sich noch keine Gelegenheit gefunden, um Gebrauch davon zu machen. Nur vom Einfachsten und Verständlichsten zu reden, von den zehn Geboten, wozu war das siebente für sie da: »Du sollst nicht stehlen?« Es fiel ihr gar nicht ein. Oder: »Du sollst nicht andere Götter haben neben mir?« Sie war doch keine Heidin, die an Jupiter und Mars glaubte. Oder: »Du sollst Vater und Mutter ehren?« Ei, sie that mehr als ihre Pflicht: Tag und Nacht so zu sagen quälte sie sich, um ihre Mutter zu ernähren. Nein, sie hatte gar Nichts an sich auszusetzen; um sie herum war Alles licht und helle und sie brauchte keinen Erlöser. An den lieben Gott glaubte sie wohl, sie verließ sich zwar nicht auf ihn, als ob er ihr Schicksal leiten und lenken könne, -- das verlangte sie gar nicht, sie wollte das allein thun; sie war schön und jung und klug und gebildet, ihr Glück verstand sich von selbst. Nur zuweilen kam es wie Furcht über sie. Vor nicht langer Zeit waren die schwarzen Pocken in ihrer Straße, ein großer Schreck fuhr in ihre Glieder, sie ließ sich aber schnell impfen und meinte nun wieder ruhig sein zu können. Als bald darauf die Cholera kam und in ihrer Nähe Jung und Alt dahinraffte, da ging das Bangen wieder an. So gut wie die sterben, kannst Du auch sterben, -- das sah sie ein, und sterben war ein schrecklicher Gedanke. Was wird dann aus ihr? ja was? Tante Rieke unterließ es nicht, in der Zeit vom Sterben zu reden und von der Strafe und vom ewigen Verderben. Klärchen hörte solche Worte nicht gern, sie ward bänger und bänger, und war doch wieder wie gebannt zu lauschen. Sie konnt' es nicht fassen, daß die Tante und Gretchen so ruhig waren und vom Tode redeten als von gar nichts Fürchterlichem; denn wenn sie des Nachts aufwachte und so allein mit ihren Gedanken war, da befiel sie oft eine Angst, daß ihre Glieder bebten. Ob du wohl sterben mußt? dachte sie. Und was dann? Aber Gott sei Dank, die Zeit war vorüber, das Leben wieder rosenroth, Klärchen dachte nicht mehr an Tod und Gericht, und wenn die Tante jetzt von solchen Dingen redete, da hörte sie mit offenen Ohren nicht, sie senkte den Kopf auf die Arbeit, und ihre Gedanken gingen mit ihren tollsten Fantasien durch.

Als sie heut das Stübchen ihrer Mutter verlassen, ging sie einige Häuser weiter um eine Freundin abzuholen. Sie klopfte an ein niedriges Fenster parterre. Der Briefträger Vogler trank eben Kaffee und las die Zeitung dazu. Als er Klärchen sah, machte er das Fenster auf.

Nun Ihr Jüngferchens -- wieder schwitisiren? sagte er spaßend.

Ei ja, ist man doch nur einmal jung! entgegnete Klärchen lustig.

Ja ihr Schelme! versetzte Vogler, ich wollte auch, ich wäre noch jung.

Ach, Sie sind ein Mann in Ihren besten Jahren, sagte Klärchen schmeichelnd.

Ich denke es auch manchmal; aber wenn ich denn meine Alte ansehe, wird mir schwarz vor den Augen, lachte Vogler und sah nach seiner Frau, die ihm gegenüber blaß und elend im Lehnstuhl saß.

Wenn ich todt bin, heirathest Du wieder, entgegnete diese bitter und holte dann schwerfällig Athem.

Und so lange Du lebst, lasse ich Dich keifen, fügte Vogler wieder scherzend hinzu.

Wie ungebildet sind diese Leute, dachte Klärchen; wie kann ein Mann die Frau so roh behandeln! So aber hat es der Vater mit der Mutter auch gemacht. Aber ich, ich werde es einst anders haben, ich nehme mir einen vornehmen Mann, -- und nun hinaus in den lachenden Kaffeegarten!

Auguste Vogler hatte sich während der Zeit fertig gemacht und ging nun etwas schwerfällig neben der leichtfüßigen Freundin her. Auguste war weder schön, noch klug, noch fein; sie hatte das plumpe rothe Gesicht ihres Vaters, grobe Manieren und sprach dabei unglaublich albern. Aber das war gerade eine Freundin für Klärchen. Sie war fügsam und folgsam, durchschaute nicht ihre Intriguen, war ganz zufrieden mit der Nebenrolle, und hatte dabei immer als verzogenes Kind ihres Vaters die Börse voll Geld.

Beide Mädchen verließen die Stadt und gingen auf der Chaussee entlang dem Orte ihres Vergnügens zu. Klärchen bemerkte, daß sie ein Gegenstand der Aufmerksamkeit für Vorübergehende war: aber die Leute waren ihr noch nicht die rechten, es waren meistens Gesellen, oder Soldaten, oder höchstens ein Handlungsdiener; sie gedachte höher hinaus. Bald kam ihnen eine Reihe Studenten entgegen, mitten darunter eine orangegelbe Mütze. Das war der rechte; sie nahm ihr ganzes Wesen zusammen und erwiederte den Gruß mit vieler Holdseligkeit. Auguste machte bald die Entdeckung, daß die Studenten umgekehrt waren und ihnen auf dem Fuße folgten. Klärchen zweifelte nicht, daß es um ihretwillen war, und Auguste gönnte der Freundin den Triumph; sie war zufrieden, an der augenblicklichen Lust theilnehmen zu können; feine Pläne für die Zukunft machte sie nicht. Nach einigen Minuten kam ihnen wieder ein junger Mann entgegen, der sie grüßte, aber sehr bescheidentlich mit nur halb hingewandten Augen. Wer war das nur? fragte Klärchen.

Ei das war ja Fritze Buchstein, der ist seit vorgestern aus der Fremde zurück, den mußt Du doch kennen, er wohnt ja neben Tante Rieke.

Daß es ein Geselle war, sah ich an seinen großen rothen Händen, lachte Klärchen, sonst ist's aber ein hübscher Mensch.

Aber in die Stephans-Kirche zu dem Pietisten geht er auch, ich habe ihn selbst heute Morgen herauskommen sehen.

Na, Tante Rieke, freue Dich! sagte Klärchen, das paßt ja wie die Butter aufs Brod, der nimmt die Grete, das ist klipp und klar. Eine Angst hatten sie immer, er möchte auf der Wanderschaft seinem Glauben untreu werden, und wenn er dann einen salbungsvollen Brief geschrieben, kam der alte Buchstein mit der großen Brille und er wurde gemeinschaftlich mit Thränen und Seufzen genossen. Nun, ich gönne ihr den Burschen, obgleich er eigentlich zu hübsch für die Grete ist; die müßte so was Kurzes, Handfestes haben, denn Schönheit hält sie mehr für ein Uebel als ein Glück, =nota bene= weil sie selber nicht schön ist.

Die Mädchen traten jetzt in den Garten. An einem Tisch fanden sie schon eine Bekannte, eine von den bescheidenen Putzmacherinnen, die in die Häuser der Damen gehen und Hüte und Hauben in Ordnung bringen, -- und sie setzten sich zu ihr. Die Studenten nahmen einen Tisch ganz in ihrer Nähe, wurden beim bairischen Bier bald sehr laut, und begannen Blicke und Späße herüber zu senden. Doch der Orangegelbe blieb nicht dabei, er machte es sich bequemer und siedelte ganz und gar zu den Mädchen über. Klärchen wunderte sich nicht darüber, sie hatte schon längst mit ihm auf der Straße koquettirt, sie wußte auch, daß er in einem Hause mit der Frau Generalin, ihrer künftigen Herrin, wohnte, und er war eigentlich die heimliche Veranlassung zu ihrem Entschlusse, sich zu vermiethen, gewesen. Er war ein Mediziner und dazu ein Student von Bedeutung. Er hatte gute Wechsel, hielt sich einen großen Neufundländer Hund, ritt spaziren, oder fuhr auch seine Freunde in einem Zweispänner. Er war Senior seiner Verbindung und überall zu finden, wo es lustig herging, oder wo Spektakel war. Seine Gestalt war groß und klobig, sein gelbes Haar hing schlicht an dem rothen Gesicht herunter, das breit und platt einen gewaltig rohen Ausdruck hatte. So wie seine Gestalt war auch sein Wesen und waren seine Reden. Er saß jetzt den Mädchen gegenüber; beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt, die blauen Dampfwolken aus seiner Cigarre blasend, machte er höchst unmanierliche Späße. Klärchen fand das nicht roh, nein, weil er reich und aus angesehener Familie war (sein Vater war Präsident), fand sie es nur pikant, und hielt sich nicht für zu gut, ihn zu amüsiren. Sie ward immer lebendiger und liebenswürdiger, und es war unverkennbar, daß ihre Schönheit auf ihn Eindruck machte, und sie in seinen Augen höher stieg, denn er nahm die Ellenbogen von dem Tisch und nahm sich in Wort und Wesen mehr zusammen. Für Klärchen war das ein neuer Triumph und die beiden Freundinnen bemerkten es mit Verwunderung. Die Putzmacherin kannte den Studenten längst, sie ging bei der Generalin aus und ein, und das war Gelegenheit genug, um eine Studenten-Bekanntschaft zu machen. Sie hätte ihm ihr leichtsinniges Herz gern selbst zu Füßen gelegt und beneidete jetzt die Gefährtin um diese bedeutende Eroberung, und Klärchen ward immer stolzer und glücklicher. Nur eines störte sie. Ihr gerade gegenüber in einer einsamen Laube saß Fritz Buchstein. Ja, unbegreiflicher Weise war er auch umgekehrt und ihnen in den Kaffeegarten gefolgt. Ob das wohl um ihretwillen war? Sie erinnerte sich aus ihrer Jugend, daß, wenn sie mit Greten in seine Tischlerwerkstatt kam, um Spielsachen zurecht zu leimen, er immer die ihrigen zuerst gemacht hatte und Grete oft darüber böse gewesen war. Also: damals hatte er sie bevorzugt, heute war er erstaunt über ihre Schönheit, -- so kalkulirte sie, -- und war ihr hierher gefolgt. Obgleich ihre Eitelkeit nicht ganz ungerührt von diesem Gedankengange blieb, so war ihr diesmal die Eroberung doch unangenehm. Erstens war er nicht der Aufmerksamkeit werth, und ihr Herz würde sich nie zu einem so gewöhnlichen Menschen herablassen; und dann fürchtete sie, wenn er einmal ihren Schritten folgte, er möchte den Spion spielen und die Tante Rieke davon benachrichtigen. Sie hatte sich so viel als möglich so gesetzt, daß er ihr nicht in das Gesicht sehen konnte: aber wenn sie unwillkürlich hinsah, begegnete sie jedesmal demselben bekümmerten und theilnehmenden Blicke, der ihr wie ein Stich durch das Herz ging.

Es ist unausstehlich! rief sie endlich und wandte sich heftig nach der anderen Seite. Der Student und die Freundinnen sahen sie verwundert an, und sie erklärte die Ursache ihres Aergers.

Der Mediziner lachte. Er fand es von dem Burschen ganz natürlich, einem hübschen Mädchen in das Gesicht sehen zu wollen, pflanzte aber darauf seine breite Gestalt so dazwischen, daß Klärchen vor den lästigen Blicken sicher war; und kurze Zeit darauf bemerkte Auguste, daß Fritz fortgegangen war. Jetzt fühlte sich Klärchen freier, und das Vergnügen ward immer lebhafter. Die Tanzmusik lockte, Alle gingen in den Saal, um in dem wilden Getümmel sich zu erhitzen und zu betäuben.

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