Die Kakomonade Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide

Part 4

Chapter 43,621 wordsPublic domain

Während dieses Schauspiel alle Augen auf sich zog, ward man der Kakomonade, die hinter so vielen kostbaren Gepäcken verborgen lag, nicht gewahr. Sie machte sich fertig, festen Fuß zu fassen, und wählte sich schon ihre Wohnungen mitten unter dem Haufen, der sie umgab. Sie hatte sich bald ausgeschifft, und folgte dem Christoph und Martin Kolumbus bis nach Hofe, wo eine tugendhafte Königinn, Namens Isabelle, den Thron besaß, von dem sie so eben ihren Bruder herabgestossen hatte.

Diese weise Prinzessinn mit ihrem Gemahle, dem aufrichtigen, großmüthigen Ferdinand dem Katholischen, hatte dem Könige von Neapel, ihrem Blutsfreunde geschworen, ihn zu beschützen. In der Folge fanden sie, daß es edler, anständiger, und gerechter wäre, ihn auszuplündern. Sie ließen also zu Barzellona zu diesem Felszuge ihre Trouppen die Schiffe besteigen.

Die Trouppen giengen unter Seegel mit einer ganz neuen Gattung von Provisionen. Einen Hauptartikel davon machte die Kakomonade, ob sie gleich in die Verzeichnisse der Proviantmeister nicht eingetragen war. Sie reiste zu gleicher Zeit mit der Armee. In Italien, dessen Landesgebräuche ihr nicht günstig waren, machte sie Anfangs schlechte Progressen. Aber zu ihrem Glücke hatte sich Karl der Achte in den Kopf gesetzt, den heiligen Vater Alexander den Sechsten zu Rom zu besuchen.

Jedermann weis, wie unnütz, und prächtig dieser Feldzug war. Die französischen Ritter entwickelten da den wunderbarsten und fruchtlosesten Heldenmuth. Reißenden Fluges brachten sie Mailand, Florenz, Rom, Neapel, und die Kakomonade an sich; aber von allen Eroberungen, war diese letzte, die sie am liebsten aufgegeben hätten, die einzige, die ihnen blieb. Bei ihrer Heimkehr, überpflanzten sie sie in ihr Vaterland, wo die französische Galanterie sie mit allen Ehren empfieng; und dieß war beinah der einzige Nutzen, der unsern Verfahren aus einem so herrlichen Feldzuge zufloß.

Neuntes Kapitel.

Verschiedene Reisen der Kakomonade.

Indessen die alte Bewohnerinn von Amerika sich so unter dem Gefolge einer Menge wackerer Krieger den Eingang in Frankreich öfnete; entwischte sie von Zeit zu Zeit, um auch in den übrigen Theilen der Erde Kolonien anzulegen. Sie schwamm die Rhone hinunter um in der Themse zu ankern. Sie maß die Pireneen zurück, um queer durch Spanien in Portugal zu eilen. Sie schifte sich zu Lisabon ein, um von Goa Besitz zu nehmen, den sie gemeinschaftlich mit der heiligen Inquisition noch behauptet.

Von Kadix reiste sie nach Fez in Mauritanien mit einigen Juden oder Mahometanern, welche der religiose Ferdinand, der Katholische in seinem Reiche nicht dulden wollte. Sie drang mitten durch die Sandberge von Afrika bis zur Zone torrida ein. Sie wagte sich ohne Furcht unter jene schrecklichen Weiber der melindischen Küste. Sie breitete sich aus von dem Ursprunge des Senegal an bis zur Kafferei, und von Monomotapa bis an die Mündung des Nil. Sie wurzelte überall mit den Jesuiten, die dem ungeachtet nicht ihre eifrigsten Missionarien waren. Unermüdet, wie sie, aber in einer andern Art, faßte sie geschwinder als sie in den beträchtlichsten Wechselstuben Fuß. Sie hinterließ einsichtige Faktoren, die sichs angelegen hielten, die Anzahl ihrer lockeren Gesellen zu vermehren.

Mit mehr Bequemlichkeit begab sie sich durch Marseille nach Syrien und Aegypten. Sie durchsuchte die morgenländischen Handelsplätze. Die eisernen Gitter am Serail machten sie knirschen vor Zorn. Röthe überzog ihr das Gesicht bei dem Anblicke von einem Haufen Menschengestalten, die, nicht nur unfähig sie mitzutheilen, sie nicht einmal anzunehmen im Stande waren. Unterdessen fand sie doch mittels der miethbaren Zirkassierinnen, die hier nicht seltner, als anderswo sind, und mit denen das Gesetz Mahomets den Umgang den Unbeschnittenen eben sowohl als den Gläubigen gestattet, einen Eingang bis zu den stolzen Muselmännern von der Sekte Omars.

Liebreich übersetzten sie diese zu den Ketzern von der Sekte des Aly, welche sie führten zu den Unterthanen des Mogul, die da anbeten den Brama und den Visthnu, welche sich Mühe gaben, sie mit Binsen zu versehen, um sie nach Makao und Nangazoni zu den Theologen des Fo und des Kaka zu übersetzen.

Auf ihrem Wege stieß sie an die Küste von Malabar. Sie nahm in den Philippinen und Moluken unter dem Schatten der Ananas und Kokusbäume Erfrischungen zu sich. Sie nährte sich da von Mußkatnißen, und Zimmet. Nachdem sie so die Ende der Welt durchwandert hatte, betrachtete sie mit Bewunderung den weiten Bezirk ihrer Macht.

Es giebt, sagte sie mit Entzücken, rothe und erzfärbige, milch- und pomeranzenfärbige, aschgraue und kohlschwarze Menschen, und all das gehört mein.

Man findet ihrer, die mit dem Safte von Trauben, von Aepfeln oder von Gerste, der durch die Gährung sauerte, sich berauschen; andere, die mit eben diesem Safte, den sie durch das Feuer distilliren, sich leckerhaft vergiften; andere die einen braunen, und ungesunden Staub in die Nase stopfen; andere, die mit Baumblättern Kalk fressen; andere, die ihre Nachbarn stäupen, oder erwürgen lassen; und all das gehört mein.

Man sieht Weibsleute, die sich kaleinirtes Bley über das Gesicht schmieren; andre, die sich die Wangen, oder Arme mit Indigo, färben; andere, die ihren Hals zeigen; andere, die nichts, als allein ihren Hintern bloß tragen; andere, die sich parfümiren, und frisiren, um Liebhaber an sich zu locken; andere, die dieselben, wenn sie sich zu gewissen Zeiten bei ihnen aufhalten, mit der Pest beschenken; und all das gehört mein.

O tapfrer und berühmter Christoph Kolumbus! o ihr meine getreuen, und vielgeliebten Kastilianer! ewiger Segen sey mit euch, die ihr mein Geschlecht, wie den Sand am Meere, und meine Nachkommenschaft wie die Sterne am Himmel vermehret habt. Mögen die Schätze, des Potosi für euch so unerschöpflich werden, wie die meinigen! möchtet ihr unaufhörlich eben so die Stützen meines Reiches seyn können, wie ihr die ersten Verbreiter desselben waret!

Nachdem sie sich so von ihrer Dankbarkeit, und von ihren Eroberungen Rechenschaft gegeben hatte, begab sich die Kakomonade auf den Weg, um neue zu machen, oder um die alten fester zu gründen; Das Fuhrwerk, dessen sie sich bediente, war sanft. Kein Wunder, daß sie nach so langwierigen, und so schnellen Reisen dennoch im Stande war, nach Frankreich zurückzukommen, das sie zum Mittelpunkte ihres Reiches bestimmet zu haben schien.

Man muß nicht vergessen, daß sie bey jeder ihrer Wanderschaften die Kleidungsart, und den Namen der Nation annahm, von welcher sie abreisete. In Frankreich war sie eine Neapolitanerinn, zu Neapel und Madrid eine Französin, zu Lisabon eine Kastilianerinn, zu Nangazaqui eine Portugiesinn, zu Ispahan eine Türkinn, und zu Konstantinopel[*] wieder eine Französinn. Vielleicht giebt es nichts so schönes, als der Anblick ist, wie sie über Gebirge und Meere setzte, sich vom Adamspik auf die Spitzen des Imaus schwang, und von den Ufern von Kalifornien nach Madagaskar flog. Wir glaubten, daß dieses Schauspiel wenigstens sein Kapitel verdiente.

[Fußnote *: (Anmerkung der Verleger.) Wir dürfen nicht bergen, daß dieses Vorgehen des Doktors ziemlich offenbar demjenigen widerspricht, das ihm sein Geschichtschreiber im 4. Kap. des Optimism in den Mund legt. Dieser läßt Herrn Pangloß mit den eignen Worten sagen, daß die Türken, die Indianer, die Chineser, die Perser, die Samiten die F -- -- noch nicht kennen; sondern daß es nur lediglich einen zureichenden Grund gebe, vermög welchen sie sie in einigen Jahrhunderten kennen würden. Das ist eine triftige Autorität. Indessen glaubten wir doch nicht, daß sie der unsers Manuscripts vorzuziehen wäre. Gott behüte, daß wir Herrn Ralph eines Irrthums oder einer Untreue beschuldigen wollten; aber die Memoires, nach denen er gearbeitet hat, konnten nicht genau seyn; und über dieß hatte auch sein Held zu der Zeit, wo er ihn sprechen läßt, noch nicht alle jene Einsichten erlangt, welche ihm neue Reisen in der Folgezeit erworben haben.]

Zehntes Kapitel.

Von dem Ursprunge der Perücken.

Wir sahen die Kakomonade durch eine schöne Pforte in Frankreich eingehn. Sie säumte nicht, der ganzen Nation Beweise ihrer Dankbarkeit zu geben. Sie breitete sich daselbst bis zum Uebermaaß aus. Wenn man den Geschichtbüchern der damaligen Zeit Glauben beimessen will, so nahm sie F -- -- E -- -- -- sich zur Seite auf den Thron. Es kostete ihn nur fünfhundert Thaler, sein Zäpflein, und die Haare. Doch fand er bald Ersatz für sein Leisereden, und um sich das Haupt wohl zu bedecken.

Die erfinderischen Köpfe, womit Frankreich von jeher angefüllt war, litten es nicht lange, daß ihr König so weit gebracht seyn sollte, keine andere Koeffüre, außer einer Schafmütze zu haben. Sie machten bald eine weit edlere, deren Stof vom Menschen selbst genommen war. Geschickte Hände verfertigten jene sinnreichen Zöpfe, welche dem Werke der Natur nachahmend die schmucklose Glatze einer Hirnschaale mit einem Walde von Haaren besetzen, die sie selber nicht hervorgebracht hat.

Es hat Jemand gesagt, wenn ein König einäugig wäre, so könnte unter den Hofleuten leicht die Mode aufkommen, nur ein Aug zu tragen. Das Beispiel F -- E -- war nicht so schwer, nachzuahmen. Er hatte das Vergnügen, seine Unterthanen in die Wette ihm folgen zu sehn. Wenige Zeit darauf sah man von der Rhone an bis zur Maas keine andern, als falsche Haare, und vernahm keine anderen, als erstickte Stimmen.

Seit dem hatten wir Könige, welche ihr Zäpflein nicht verloren, und derer Stimmen sich wieder eingefunden haben; dennoch sind die Perücken ungeachtet aller Verfolgung der Geistlichkeit geblieben. Diese hoch- und wohlehrwürdigen Glieder der Kirche schienen lange Zeit über die Unanständigkeit, welche sie hervorgebracht hat, entrüstet. Sie untersagten allen ihren Dienern den Gebrauch derselben, und es ist noch nicht lange, daß ein kahlköpfiger Priester nur mit vieler Mühe von seinem Erzbischofe die Erlaubniß erhielt, sich dieses Hilfsmittels, das erfahrnern Personen noch verdächtig scheinen kann, unschuldig zu gebrauchen.

Die Noth hat in der Folge die Laien nachsichtiger gemacht; allein die Mönche haben den nicht gar ehrsamen Ursprung der Perücken nicht vergessen. Sie sind noch itzt aus allen Klöstern verbannt, oder wenigstens doch aus jenen, die da einen großen Geruch von Regelmässigkeit von sich geben wollen.

Die Karmeliter, die sich wegen ihres Standes, und aus freier Willkühr der Keuschheit weihn, duldeten unter sich nicht einen Haarschmuck, der seinen Ursprung nicht ihr zu danken hat. Die Kapuziner, zufrieden, natürliche Haare in ihrem Gesichte zu tragen, achteten nicht darauf, sich erborgte auf den Kopf zu pflanzen. Die andern Mendikanten, der Mässigkeit, und ihrer Regel getreu, wie die Franziskaner, oder der Nettigkeit ergeben, wie die Baarfüsser &c. wollten ein Gut nicht haben, von dem der große heilige Franz nie etwas gewußt hat.

Vielleicht fürchteten sie, der Gebrauch desselben möchte den Verdacht erregen, als hätten sie ebenfalls Wundmaalen von einer andern Art, als jene ihres verehrungswürdigen Patriarchen waren. Vielleicht auch schreckte sie der Gebrauch des Kammes ab, dessen ein geschorener Kopf entübriget ist. Wenigstens ist gewiß, daß sie ohne alle Unruhe kunstverständige Barbierer bei den Bäurinnen in den Dörfern die Schur vornehmen sehn; und wenn sie diese allein, oder abseits antreffen, so sind es niemal Haare, was sie sich von ihnen erbitten wollen.

Indessen war diese ausgemachte Verachtung dennoch ihrem Gegenstande nicht schädlich. Die Perücken, durch ein königliches Bedürfniß veranlaßt, scheinen dadurch in den Augen der europäischen Nazionen nur veredelt worden zu seyn. Lange Zeit maß man ihr Volumen nach der Würde, oder Fähigkeit des Gegenstandes ab, welcher sich damit schmücken sollte. Vorzüglich bei Hofe schätzte man diese Art, den Werth der Menschen zu bestimmen, hoch. Man konnte versichert seyn, daß eine Masse Haare von drei Schuhen in das Gevierte ein erhabneres Verdienst ankündigte, als dasjenige war, das nur eine Masse von zween Schuhen bestimmte.

Diese Zeit war die Zeit unsrer Herrlichkeit. Es scheint, als wäre die Ehre unsrer gegenwärtigen Reiche, gleich der Stärke Samsons, mit geheimnißreichen Zöpfen verbunden gewesen, vor denen das Schwert Ehrfurcht haben sollte. Wir haben gestattet, daß die unheilige Scheere der Philistäer sie berührte. Die Mode, als eine zweite Dalila, legte ihre Hand an die erhabenen Hüllen, welche den Augen des gemeinen Mannes die Weisheit, und den Tiefsinn der Bemerkungen unsrer Väter entzogen.

Man weis auch, was daraus entstanden ist. Nach dieser fatalen Operazion wachten unsre itzigen Völker auf ohne Stärke, und ohne Herzhaftigkeit. Seit dem die kleinen Perücken auf den Köpfen sitzen, brachten sie denselben nur kleine Einsichten hervor. Die leichten Haaraufsätze ließen die Substanz evaporiren, welche zuvor die weiten Hauptdecken da nährten. Von der Zeit an haben sich unsre Gehirnchen volatilisirt, so wie sich bei ungeschickten Distillirern die Geister flüssiger Körper zerstreuen, wenn der Helm und die Distillirflasche nicht recht wohl verpichet sind.

Das Gebieth der Perücken hat sich also vermindert; aber die Macht ihrer Mutter hat es sich nicht. Mit jedem Tage sieht man noch ihre Fortschritte sich vermehren.

Der Arme dessen Hütte Stroh und Rohr bedeckt, Erkennet ihre Macht;

Sie wird vom Krieger, nicht vom Thor der Burg verschreckt, Wo der des Königs wacht.

Aus dem Vorhergesagten sieht man, daß die Kakomonade ein gemeinschaftlicher Feind ist, wider den man sich zu vereinigen hat. Sie macht sich gleich feindlich an den Szepter, und an den Hirtenstab. Der Szepter und der Hirtenstab also müssen gleich eifrig zusammen stehn, sie aus dem Felde zu schlagen. Zu diesem Endzwecke hat man schon verschiedene Mittel versucht, aber alle wenig wirksam, alle unzureichend.

Eilftes Kapitel.

Hilfsmittel, derer man sich gegen die Anfälle der Kakomonade bedient. Warum nicht die Aerzte den Kampf mit ihr wagen?

Die Geschichte erzählt, daß bei der ersten Schlacht zwischen den Römern und Griechen, diese, da sie die Sieger blieben, sich zur Unterhaltung mit der Untersuchung der Wunden beschäftigten, welche ihre Kriegsgenossen, die im Gemenge umgekommen waren, empfangen hatten. Sie entdeckten gespaltene Köpfe, abgehauene Arme, und an Brust, und Rücken durchschossene Körper. Die Geschichte setzt hinzu, daß so, wie ihre Waffen sie nur etwas aufritzten, sie den Gedanken nicht aushalten konnten, sich mit Leuten zu schlagen, die solche Hiebe austheilten. Der bloße Anblick eines italiänischen Säbels machte in der Folge sie zittern; und dieser Schrecken, trug nicht wenig bei, ganz Griechenland der Macht der Römer unterwürfig zu machen.

Man kann sagen, daß es bei der Ankunft unsrer Reisenden das nämliche Bewandniß hatte. Die Doktoren hatten sich mit den Bürgerinnen unsrer Himmelsstriche vertraut. Sie kurirten ohne Anstand die Unverdaulichkeiten, die Fieber, und andere Krankheiten, welche durch unsere Wehen ihre Glücksgüter befestigten. Aber das Vertrauen auf ihre Kunst fiel bei dem Anblicke eines Gesichtes, wovon Hyppokrates keine Züge anatomirt hatte. Bei der Herannäherung dieses furchtbaren und unbekannten Feindes sah man sie die Flucht ergreifen.

Es ist wahr; ihre Gegenwart kündigte sich durch etwas schreckliche Zeichen an. Man ließ seine Nase im Schnupftuche zurück. Man spuckte seine Zunge aus, und die Drüsen, die sie stärken. Wenn man einen Stein werfen wollte, so erstaunte man, daß man seinen Arm hinweggeschleudert habe. Man fand sich ganz in den Zustand der Wächter des Serails versetzt, denen die Vorsicht der Türken das Vermögen nimmt, auch nur den Schatten eines Verdachts erregen zu können. Man sah eine so schreckliche neue Erscheinung als die stärkste Waffe des Todes an. Man überredete sich, das Menschengeschlecht sei durch diese neue Art, mit der es angegriffen wurde, seinem Untergange nahe gebracht.

Um das Maaß der Furcht vollzufüllen, bildete man sich ein, sie wäre so ansteckend als die Pest. Man wußte nicht, daß es nur eine Art gäbe, sich ihr auszusetzen, und daß man immer die Freiheit hätte, sich davor zu verwahren. Das Mißtrauen war in die ganze Gesellschaft verbreitet. Jeder zitterte für seine Person. Unbarmherzig entfernte man sich von den Unglücklichen, die damit geschlagen schienen. Gleichzeitige Schriftsteller gestehen, daß viele davon, welche man aus allgemeiner Furcht verlassen hatte, in der Tiefe der Wälder zu Grunde giengen.

In dieser allgemeinen Beklommenheit verlor die Fakultät ihren Kopf, Eskulap, aus seiner Fassung gebracht, hörte auf, Orakelsprüche zu geben. Das war keiner jener Augenblicke mehr, wo mit lauem Wasser, und einem Strome von Beredtsamkeit ein Doktor aus der Kraft der Natur sich seine Ehre machen konnte. Hier blieb sie in der Unthätigkeit; sie wurde auf der Stelle überwältigt. Mit großem Geschrei rief sie die Kunst zu Hilfe, und die betroffene, gedemüthigte Kunst konnte nur ihr unnützes Mitleid an sie verschwendet. Es fiel ihr gar nicht ein, eine Gegnerinn zu verfolgen, die sie sich nicht einmal zu besichtigen wagte.

Unterdessen wurde mit der Zeit durch die Gewohnheit ans Schauspiel sein Eindruck vermindert. Leute ohne Namen, Scharlatane, frecher, oder gewinnsüchtiger, als die Doktoren, fanden sich zu einem Kampfe ein, dessen Sieg sie treflich bereichern müßte. Für den Erfolg konnten sie nicht stehen, aber wenigstens brachten sie doch die Hofnung aufs Geld.

Man machte Versuche; man wagte Eintrichterungen von Säften; man erholte sich bei chymischen Zubereitungen Raths; man zog China und Amerika zur Steuer; man bannte den Hyppokrates ins Leben; dennoch erhielt man keine Kenntnisse, und zankte sich schon mit vieler Hitze über die Mittel, sich dieselben zu verschaffen.

Endlich kam bei dieser Gelegenheit, wie bei allen andern, das Ungefähr der Wissenschaft zu Hilfe. Man hatte eine flüßige Materie unter den Händen, weiß wie Silber, und schwerer, als es; aber bekannt, durch ihre Eigenschaft, sich an die andern Metalle anzuhängen, und selbst unter die Metalle gerechnet, ohne daß man viel wußte, warum. Niemand konnte sich einfallen lassen, daß dieß mit Fette abgetrieben, und auf die Haut gelegt, oder mit andern Ingredienzien, die seine Wirksamkeit mäßigen konnten, vermischt, und zu trinken gegeben, den glücklichen Erfolg haben sollte, diese Fremdlinginn, deren Aufenthalt ihren Gastfreunden so verderblich war, zur Flucht zu zwingen.

Wirklich behauptet man, daß manche sehr erfahrne Araber in einigen Umständen sich dessen schon bedienet haben. Sie brauchen es, sagt man, um die Läuse zu tödten, um die Zittermaale zu vertreiben, um das Jücken, und andre Krankheiten der Haut zu stillen. Aber in Europa wußte man von ihrer Methode nichts. Und hätten auch Avicenna, oder Serapion davon geredet, so wars darum unsern Vorfahren um nichts leichter zu errathen, daß das, was gegen die Läuse gut war, es auch gegen die Kakomonade sey. Was man übrigens Gewisses weis, ist, daß die Entdeckung davon gemacht wurde, daß man sie annahm, und daß sie von glücklichem Erfolge war.

Der Ruf davon säumte nicht, sich zu verbreiten. Von allen Seiten nützte man es. Das Sonderbare dabei war, daß sich die Fakultät mit all ihrer Macht dagegen setzte. Es war nicht ihr Wille, daß man ein Hilfsmittel suchte. Sie schien nach ihrer Gewohnheit nur dazu mit Muthe gewaffnet, um das Gefundene zu bekämpfen. Ganz Europa erscholl von den Deklamazionen gegen dieses nützliche Fluidum, das sie bloß in die Barometres verbannet wissen wollte. Es stand nicht bei ihr, daß sich nicht die Obrigkeit ins Mittel legte, um den Gebrauch davon zu verbieten.

So sah man die Brechmittel heftig von den Vorfahren derjenigen verschrien, die sie heut zu Tage verordnen. So donnerte man mit der größten Entrüstung wider die Chinarinde, wider die Ipekakuana &c. auf eben jenen Lehrstühlen, wo man itzt ihre Heilkräfte mit Enthusiasmus zergliedert. So fand in unsern Tagen unter Leuten, die für weise gelten, die Inokulazion unversöhnliche Feinde. Zu Doktoren angenommene Aerzte haben eine Schrift unterzeichnet, wo man sagt, man sollte die Fremden auf ihre eigene Gefahr die Probe damit machen lassen. Schwerlich vielleicht würde man treffendere Beispiele von Inkonsequenzen anführen können, zu denen Leidenschaft und Stützköpfigkeit sogar unterrichtete Leute bringen können. Die Mode und Meinung sind in allen Dingen die Königinnen der Welt; aber das Quecksilber hatte durch seine Nützlichkeit gewiß nicht verdient, ihrer Kaprize unterworfen zu werden.

Man bestritt es nicht lange. Bald darauf, nachdem man versucht hatte, ihm den Stab zu brechen, sah man sich genötiget, es zu gebrauchen. Die Fakultät, von dessen Beistand versichert, wollte sich nun wieder den Unglücklichen nahen, an denen sie auf gewisse Art zur Verrätherinn geworden war. Aber der Platz war erobert. Eine Nebenbuhlerinn, von ihr lange Zeit verachtet, hatte sich des Augenblicks ihres Schreckens bemächtigt.

Da die Zeichen des Unglücks, dem man abhelfen sollte, sich von Aussen zeigten, und die herrschende Fakultät sie zu fürchten schien, so hatte eine andre, minder furchtsame, und thätigere Fakultät sie sich zugeeignet. Diese war die Erste, die mit einiger Methode den Gebrauch des flüssigen Silbers wagte, das, in den Händen der Empiriker, vielleicht eben so viel böse, als gute Wirkungen machte. Sie bemeisterte sich des Zutrauens des Publikums; und als die andern, von ihrem Schrecken zurückgekommen, einen Posten, mit dem sie schalten zu können glaubten, wieder einnehmen wollten, waren ihre Bemühungen darum vergeblich.

Eine Miene, reicher als die von Peru, öffnete sich hier. Die Usurpatoren behielten bis auf den heutigen Tag das Recht, beinah allein daran zu arbeiten. Die herrschenden Doktoren sehen sich mit Verdruß von der Quelle so vieler Reichthümer ausgeschlossen. Oft versuchen sies, sich dazu hinein zu stehlen; aber man gestattet ihnen nicht, die kostbare Komposizion zu verfertigen; welche die Fremde ihres Thrones beraubt, und das Geld der Kranken an sich zieht. Man erlaubt ihnen bloß nur, über die Theorie zu räsoniren, die nichts einbringt; nur am Einfahrt der Mine läßt man sie landen. Man gestattet ihnen, die Arbeiten, wenn sie es können, aufzuklären; aber das Graben darinnen, das allein nur Gewinnst trägt, ist ihnen gänzlich untersagt.

Nachricht der Verleger zum folgenden Kapitel.

Wir ersuchen delikate Augen vorläufig, das ganze folgende Kapitel zu überschlagen, obgleich es das lehrreichste im ganzen Werke ist. Ungeachtet der Begierde, die Herr Panglos hatte, die Sache auf eine ehrbare Art zu verschleyern, so ist es ihm vermuthlich nicht möglich gewesen, sie in diesem Dialoge zu mildern, wo er uns das Gespräch der redenden Personen anführt. Er würde gegen die Wahrscheinlichkeit und Wahrheit verstossen haben, wenn er an ihren Ausdrücken etwas geändert hätte. Dennoch muß man darum nicht glauben, daß sie empörend seyn. Sie haben nur die in einer ähnlichen Materie unvermeidliche Energie. Sies sind mit all der Behutsamkeit behandelt, welche man von den zween erlauchten Männern, die auf dem Schauplatz erscheinen, erwarten kann.

Zwölftes Kapitel.

Dialog zwischen einem Mandarin, und dem Herrn Baron von Donnerstrunkshausen, über den Gebrauch des Quecksilbers in dem Falle, von dem die Rede ist.

Das Metal, von dem so eben die Rede war, ist unstreitig der einzige Damm, den man den Einbrüchen der Kakomonade mit Nutzen entgegen setzen kann. Es begnügt sich sogar nicht damit, daß es ihre weitern Umsichgriffe hemmt, sondern es dringt bis zu ihrer Quelle ein. Es greift sie an, drängt, und entwurzelt sie. Deßwegen ist es auch bei weitem dem Golde vorzuziehn, das nicht allein die Krankheiten nicht heilt, sondern im Gegentheile die Leichtigkeit vermehret, sie alle an sich zu bringen.