Die Kakomonade Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide
Part 3
Weder Tibor, noch Kaligula, noch Nero, noch alle jene Wunder der Geilheit, denen die Beherrscherinn der Nazionen so lange unterworfen war, haben sich je des Quecksilbers gebraucht. Man sieht keinen, griechischen, oder römischen Dichter, seine Kraft besingen. Sogar diejenigen, die sich durch ihre Ausschweifungen verewiget haben, nennen keine Strafe, die mit ihren Unmäßigkeiten verbunden gewesen wären.
Ovid, in seiner Kunst zu lieben, zeigt alles an, was man von der Seite einer Buhlinn zu fürchten haben kann, er spricht von den Gefahren, die mit dem Umgange mit einer herumstreifenden Schönen verknüpfet sind. Ohne Zweifel war hier der Augenblick, der Kakomonade, wenn sie auf ihn gekommen war, eine Stelle einzuräumen. Indessen sagt er kein Wort davon.
Horaz entrüstet sich über einen Knoblauch, der ihn in die Zunge gebissen. Hätt' er wohl vergessen, in einer schönen Schreibart eine Verwünschung auf das Quecksilber zu machen, wenn er davon gejückt worden wäre? Voll Nervigkeit, und ohne Umschweife sagt er einem alten Mütterchen Grobheiten, die sich die französische Politesse nicht einmal zu Sinne kommen lassen kann; hätte er ihr nicht die Kakomonade angewünscht, wenn sie zu seiner Zeit bei guten Gesellschaften im Gebrauch gewesen wäre?
Eben das kann man von den Tibullen, den Katullen, den Gallussen sagen, welche die schädlichen Orte besangen, und besuchten, und also ohne Zweifel die Gefahren derselben, wenn sich deren gefunden hätten, beweinet haben würden. Sie theilten in sanfter Ruhe sich in die Gunstbezeugungen ihrer Mätressen mit dem Publikum; und klagten sie zuweilen über ihre Unbeständigkeit, so kam es nicht daher, weil sie für sie unangenehme Folgen gehabt hat.
Es ist daher klar, daß die Korinnen, die Lesbien, die Lykorissen, sonst weit unter den, * * * und den * * *, diesen dennoch in einem Punkte überlegen waren. Es bedurfte vielleicht nicht größerer Mühe, um sie sich zu unterwerfen; aber gewiß weniger, um sie zu vergessen. Wenn man sich an ihre Gunstbezeugungen erinnerte, so dachte man nur an das Vergnügen, sie genossen zu haben. Man suchte keine Spezifika auf, um leichter das Gedächtniß zu verlieren, und man sah keine heilreichen Geschöpfe mit ihren Rezepten die Mauern Roms tapeziren.
Fünftes Kapitel.
Ob Job mit der Kakomonade in einem persönlichen Verhältnisse stand?
Da man dieser Heldinn die Ehre nicht zueignen konnte, mit den Helden der weltlichen Geschichte zu thun gehabt zu haben, so gab man sich Mühe, sie dadurch zu entschädigen, daß man sie unter die Helden der heiligen Geschichte aufnahm. Ein erlauchter Benediktiner verfaßte ihr einen sehr ehrwürdigen Stammbaum. Er schreibt ihr eine sehr nahe Verbindung mit dem berühmten Job zu, und läßt in gerader Linie sie von demselben absteigen.
Ohne Zweifel würde man nicht erwartet haben, diesen Zug seiner Erudizion in einem Kommentar über die Bibel zu finden. Indeß, da der Jünger des heiligen Benedikt so eine Materie in einem ganz zur Erbauung bestimmten Buche ohne Skrupel behandeln konnte; muß man mirs erlauben, in dem meinigen seine Schlüsse auseinander zu setzen. Wenn so ein Gegenstand unter seiner Feder, und an der Stelle, wohin er ihn setzte, kein Skandal verursachet hat, muß man sich nicht befremden, ihn hier zu erblicken, wo er sich viel natürlicher findet.
Der gelehrte Bruder Dom Calmet also, setzte in die Reihe der Ahnen der Kakomonade den tugendhaften Job, der sie seiner Seits von seiner Frau hatte, und die sie ohne Zweifel vom Teufel bekommen haben mochte. Aber wahrhaftig, es wäre wirklich genug für einen so heiligen Mann, daß er eine so böse Frau gehabt hat; wozu die Vermuthung, daß er über die Verhöhnungen von ihr auch noch ein ander Ding empfieng?
Es ist wahr, er saß auf einem Misthaufen, und fühlte sich seine Säfte nicht recht in Ordnung. Er sagt selbst, sein Fleisch wäre mit Geschwären bedeckt, seine Haut wäre ganz ausgedörret, sein Blut wäre geronnen wie Käse; welches nach Hrn. A. -- -- -- -- mit den drei Hauptsimptomen übereinkömmt, von welchen er uns seine Beschreibung gemacht hat.
Wahr ist auch, daß, um den Job zu trösten, drei von seinen Freunden sieben Tage und sieben Nächte lang, ohne nur ein Wort zu sprechen, bei ihm blieben.
Wahr ist ferner, daß nach diesem langen Stillschweigen Eliphaz, einer von ihnen durch Seitenwendungen seinen lieben Freund beschuldigt, er habe sich der Ungerechtigkeit ergeben, und den Schmerzen gesäet, dessen Frucht er nun ärnte. Er wirft ihm in figürlichen Ausdrücken vor, er habe Häuser von Koth geliebt, derer Grundfesten nichts taugten, und habe da etwas sehr dem Aussatz ähnliches erbeutet.
Unterdessen erweist dies alles noch nicht, daß der Teufel vor vier tausend Jahren nach Amerika reiste, sich da ein Körnchen von der Kakomonade zu holen, um damit einen armen Tropf van Kaldäer zu inokuliren. Man sieht wohl, daß die Krankheit desselben korrosiv, phlogistisch und koagulirend war; aber es ist ja doch nicht ausgemacht, daß diese drei Eigenschaften ausschließlich nur mit einer einzigen Art Mißbehagens verknüpft sind.
Würde wohl der Geschichtschreiber Jobs vergessen haben, vom Gifte zu sprechen, wenn ers damit zu thun gehabt hätte? Würde er nicht den Standpunkt der Krankheit angezeigt haben? Er berichtet uns, daß der Leidende seine Wunden mit Scherben trocknete. Ich berufe mich auf alle, welche zu unsern Zeiten ihre eigene Erfahrung in derlei Fällen aufgekläret hat, ob sie sich je beygehen ließen, so eine Scharpie zu brauchen.
Ueber dieß scheint es nicht, daß sich Job der Bestrafung, von der die Rede ist, ausgesetzt habe. Seine innigsten Freunde, nachdem sie ihm allerley Unbilden gesagt, und ihren stummen Trost gegeben hatten, gestehen ein, daß er mit unverheuratheten Frauenzimmern wenig zu schaffen hatte: Viduas dimisisti vacuas; woraus erhellet, daß er ein behutsamer Mann war.
Er selbst ruft auf: wo ist die Zeit, da ich meine Füße wusch? wo ich über mein Haupt meine Leuchte setzte? wo die Jugend, wenn sie mich sah, vor Schaam sich verbarg? Wo die Greise vor Verwunderung stehen blieben? Hat sich da mein Herz um ein Weib betrogen; habe ich getrachtet, mich in eine Thüre zu schleichen, die meinem Freunde gehörte; so möge meine Gattinn die -- -- -- eines andern werden; mögen alle meine Nachbarn -- -- -- -- ! -- Wahrlich! das ist gar nicht die Sprache eines Ausschweiflings, der verdient hätte, an den Schätzen von Amerika Theil zu haben.
Was den Kommentator hintergangen haben kann, mag dieses seyn, daß dieses Muster der Geduld bekennt, daß die Fäulniß sein Vater, und die Würmer seine Mutter, und seine Schwester seyn. Der gelehrte Benediktiner glaubte vermuthlich, die Kakomonade konnte in so einer Familie wohl an ihrem Platze stehn. Allein das ist nur eine Wahrscheinlichkeit; und sie ist nicht wichtig genug, uns zu bestimmen, daß wir denken sollten, Job habe sich jemal in dem Falle befunden, der Flüßigkeiten des Barometers zu bedürfen.
Sechstes Kapitel.
Ob der Aussatz mit der Kakomonade einerlei Ding gewesen?
Leute, welche in der Geschichte der Kreuzzüge sehr bewandert sind, weil sie sahen, mit welcher Hitze diese ungestümmen Krieger auf dem Schutte von Jerusalem die Töchter der Sarazenen geschändet haben, und über dieß ungehalten über den Anblick, daß das Reich der Kakomonade so beschränkt seyn sollte, kamen auf den Gedanken, ihr zum Wohnplatze Palestinen anzuweisen. Sie wollten sie mit dem Aussatze vermengen, der, wie man weis, der ganze Nutzen war, den man aus den auferbäulichen, aber grausamen Feldzügen des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts davon trug.
Der Aussatz war eine kleine Unpäßlichkeit, die sich über die Haut verbreitete. Er veränderte ihre Farbe, ohne doch Narben nachzulassen. Er übersäete die Außenseite des Leibes mit grossen Blasen, die in der That so weiß waren, wie der schönste Alabaster, die aber nur ein heftiges Jücken, und eine starke Begierde verursachten sich zu kratzen.
Er war weder unter den Griechen, noch unter den Römern, weder bei den Galliern, noch Deutschen, weder bei den Asiaten, Persern, Siriern &c. bekannt; sondern er scheint eine ausschließlich eigene Krankheit in Palestina gewesen zu seyn. Die Einwohner dieses Landes allein sind es, welche die Natur selbst mit diesem Vorzuge ausgestattet hatte, wobei sie ihnen zugleich das Vermögen ließ, ihn den vorwitzigen Proseliten, so, wie die Beschneidung, mitzutheilen.
Die Juden hatten schon die Gewohnheit, unter beständigem Kratzen, in die verschiedenen Gegenden der Welt herum handeln zu gehen; allein sie scheinen nichts außer ihren Waaren unterlassen zu haben. Sie waren schon damal eben so säuisch, eben solche Wucherer, eben so verachtet, wie sie es heutiges Tages sind. Sie waren die einzigen, denen die Religion aus der Reinlichkeit eine Pflicht machte. Sie waren die einzigen, die sie vernachläßigten; und nur bey ihnen allein auch fand man Menschen, welche mit weissen Flecken, die den Kützel reizten, überdecket waren.
Entgegengesetzte Sitten sicherten die Fremden vor den Folgen, welche ein ordentlicher Umgang mit dieser Nation haben könnte; Die Römer verbrannten den Tempel, erwürgten die Priester, schleiften Jerusalem, und hatten dennoch keinen Theil an diesem Jucken: der häufige Gebrauch des Bades, und die Reinlichkeit, auf welche sie grosse Stücken hielten, verwahrte sie davor.
Sie giengen nach Europa damal über, als unsere Vorfahren sich im Jordan zu waschen giengen. Sie giengen bei dem Oelberge sich die Brust zu schlagen. Sie blieben kurze Zeit, aber doch lange genug, um so gut, als die Kinder Israel, sich kratzen zu lernen. Sie kamen nach Frankreich zurück ganz bedeckt mit Palmen und Aussatz.
Da sie viel schwitzten, sich selten badeten, und ihre Oekonomie ihnen nicht erlaubte, öfters ihre grobtüchenen Kleider zu waschen, so übermachten sie auf lange Zeit ihrer Nachkommenschaft die Gewohnheit, einen milchfärbigen Grind an der Haut zu tragen, und ihn fein manierlich mit den Fingerspitzen zu kratzen. Dieß war damal der Wohlstand der Leute von feinerer Welt, wie heut zu Tage einen Taback zu präsentiren, oder mit den Stockquästchen zu spielen.
Der allgemein gewordene Gebrauch der Leinwand machte, daß diese kostbare Gewohnheit verschwand. Sie erneuert sich nur noch an gewissen vorübergehenden Ungemächlichkeiten, wie zum Beispiel in der P -- -- -- der grössern Gattung. Man könnte sie sehr billig für einen Abkömmling, oder wenigstens für eine sehr nahe Verwandte des Aussatzes halten. Und hiermit ists alles, was uns die Geschichte von dieser Krankheit, welche die Kreuzzüge in Europa so empor gebracht haben, berichtet.
Nach den Merkmalen, die sie karakterisiren, kann man sie durchaus mit der Kakomonade nicht vermengen. Die weissen Flecken, das Jucken begleiten diese nicht; und es scheint auch nicht, daß sie sie je begleitet haben. Wenn diese einiges Jucken verursacht, so ists innerlich, und ein wenig an den Lenden; zeigt sie sich von außen, und nimmt eine Farbe an, so weiß man zur Genüge, daß es nicht die ihrer Wesenheit nach der Jungferschaft geheiligte Weiße ist.
Weiter, so griff der Aussatz nicht die Erzeugung an. Wenn er ihr nicht günstig war, so ist wenigstens gewiß, daß er ihr keinen Schaden that. Es scheint sogar, daß er die Zeugungsorgane stärkte. Es gab in dieser Zeit Frauen, die es nach jenen der Aussätzigen lüsterte, und man sah sich das Sprichwort bewähren, das Sprichwort: Unglück ist doch zu etwas gut.
Man liest in einem gereimten Gedichte des zwölften Jahrhunderts diese zween Verse:
Felix, atque ortu vere dicenda beato, Vivere quæ potuit leproso juncta marito.
Indessen das Gesetz verordnete, diese armen Leute aus ihrem Hause zu jagen, bestrebte sich so die Natur, ihnen die Mittel zu bieten, wie sie da mit Ehren bleiben konnten. Dieß ist nicht das einzigemal, wo die Gesetze und die Natur sich mit einander im Widerspruche fanden.
Ein sehr berühmter Arzt hat durch einen schönen Schluß erwiesen, daß von dem Aussatze diese Wirkung nothwendig erfolgen müsse. Die Kakomonade hat diesen Vortheil bei weitem nicht. Man kann also schließen, daß sie miteinander nichts gemein haben.
Die einzige Aehnlichkeit, die ich an ihnen sehe, ist, daß sie alle beide nach eben so ungerechten, als blutigen Feldzügen in Europa überpflanzet worden sind. Die Kreuzzüge, und die Verheerung der Insel Hispaniola sind die Epochen der zwoen größten Plagen, mit denen das Menschengeschlecht seit der Erbsünde her in Europa heimgesucht worden ist. Es scheint, ob hätte die Natur den Ländern, die wir usurpiren wollten, vorsetzlich um uns zu strafen etwas mitgetheilet, womit sie das Blut ihrer unbarmherzigen Eroberer anpesten sollten.
Dennoch wird uns dieß Beispiel nicht bessern. Man spricht von unentdeckten Ländern, von neuen noch unbekannten Welten an der Süderseite. Der Geiz ist auf dieses ihm so schmeichelhafte Gerücht schon aufgewacht. Man hat sich gewagt, sie zu suchen. Die Nebel, und vielleicht das Mitleid der Vorsicht haben uns ihnen bisher entzogen. Man darf alles welten; wenn wir sie je entdecken, so führen wir dort unsere Habsucht, und unsere Grausamkeit ein, und sie beschenken uns zur Wiedervergeltung mit einer dritten Plage, womit wir sehr sorgfältiglich unser Klima zu bereichern suchen werden.
Dem sei, wie ihm wolle; aus dem Vorhergehenden sieht man übrigens, daß die Kakomonade in Rücksicht unser kein gar grosses Alterthum hat. Wie sehr man sich auch bestrebt, die Ehre ihrer Geburt den frühern Jahrhunderten zuzueignen; so setzen sich Vernunft und Wahrheit dagegen. Alle Vernünfteleien, und alle Erzählungen in dieser Hinsicht sind falsch. Keine ist gegründet, außer derjenigen, welche die Rückkunft des Christophorus Kolumbus in Europa als den Zeitpunkt angiebt, in welchem die Vergnügungen der Liebe da gefährlich zu werden begannen.
Siebentes Kapitel.
Ob gewisse Vorschriften, die eine große Königinn einem ordentlichen Hause gab, die vorstehende Behauptung über die Epoche der Kakomonade umstossen können?
Bei der Unternehmung dieses wahrheitvollen Werkes machte ich mir die genaueste Aufrichtigkeit zum Gesetze. Daher muß ich selbst jene Dinge anführen, die meinem Sisteme entgegen zu stehen scheinen. Nun scheint dieß durch gewisse Vorschriften erschüttert, die um das Ende des vierzehnten Jahrhunderts von einer großen tugendvollen Königinn einem erbaulichen Hause gegeben worden sind. Ich hielt für gut, sie vollständig anzuführen, damit jene, die etwa versucht werden möchten, sie zu lesen, sich desto besser unterrichten könnten.
Vorschriften, welche die Königinn Johanna die Erste, Königinn beider Sizilien, und Gräfinn von Provence einem Mädchenkloster zu Avignon gegeben hat.
1.
Im Jahre tausend dreihundert sieben und vierzig hat unsere gute Königinn Johanna erlaubet, in Avignon ein B -- -- -- zu erbauen. Sie will nicht, daß alle galanten Weibsleute sich in der Stadt ausbreiten; sondern sie befiehlt, sich in dem Hause verschlossen in halten, und, um kennbar zu seyn, auf der linken Achsel ein rothes Nestel zu tragen.
2.
Item: Wenn einem Mädchen eine Schwachheit zustieß, und sie sich mehrere erlauben will, so soll der erste Gerichtsdiener sie, unter dem Arme bei dem Schlage der Trommel mit dem rothen Nestel auf der Achsel, durch die Stadt führen, und sie zu den übrigen in das Haus einquartiren; Er soll ihr verbieten, sich außer dem Hause in der Stadt sehen zu lassen, unter der Strafe, daß sie das erstemal heimlich gepeitscht, das zweitemal öffentlich gepeitscht, und auf den Schub gegeben werden würde.
3.
Unsere gute Königinn befiehlt, das Haus soll in der Gasse der gebrochenen Brücke, nahe am Kloster der Augustinerbrüder bis zum steinernen Thore erbauet werden, und an der nämlichen Seite eine Thüre haben, wo Jedermann hindurchgehen, die man aber doch mit einem Schlüssel versperren, könne, damit die Jugend die Mädchen nicht zu besuchen vermöge, außer mit der Erlaubniß der Äbtissinn, oder Vorsteherinn, die alle Jahre durch die Bürgermeister ernennt werden soll. Sie soll die Jugend ermahnen, kein Aufsehens zu machen, und die Mädchen nicht zu kränken. Sonst würde sie, bei der mindesten Klage, die sich gegen sie erheben würde, mit dem Schritte aus dem Haufe, durch den Gerichtsdiener in Verhaft geführet werden.
4.
Die Königinn will, daß alle Sonnabende die Superiorinn, und ein von den Bürgermeistern abgeschickter Barbier alle Mädchen, die sich in dem B -- -- -- befinden werden, visitiren soll; und findet sich eine darunter, für welche dieß Metier verdrüßliche Folgen gehabt hat; so soll diese von den andern abgesondert, sie soll in einem abgelegenen Orte eingewohnt werden, damit Niemand zu ihr könne, und man bei der Jugend gewisse Zufälle verhüte.
5.
Item: So sich ein Mädchen fände, das schwanger würde, da soll die Vorsteherinn wachen, daß sie ihre Frucht nicht abtreibe; auch soll sie die Bürgermeister davon berichten, damit sie das Kind versorgen.
6.
Item: Die Vorsteherinn soll am Charfreitag, und Charsamstag, wie auch an dem glorreichen heiligen Ostertag Niemanden den Eintritt in das Haus gestatten, bei Strafe der Kassazion, und öffentlichen Stäupung.
7.
Item: Die Königinn will, daß die Mädchen alle unter einander ohne Zänkereien und ohne Eifersucht leben; daß sie sich nichts entwenden, und sich nicht raufen, sondern sich wie Schwestern lieben sollen. So eine Klage entsteht, so hat die Vorsteherinn sie unter sich zu vergleichen, und sie sollen schuldig seyn, auf ihren Ausspruch sich zu beruhigen.
8.
Item: So ein Mädchen einen Diebstahl begangen hat, da soll die Vorsteherinn sie das Gestohlene in Güte zurückgeben heißen. Sollte sich die Diebinn der Zurückgabe weigern, so wird sie das erstemal von einem Gerichtsdiener auf einem Zimmer, im Rückfalle aber durch den Scharfrichter in der ganzen Stadt gestäupet werden.
9.
Item: Die Vorsteherinn soll keinen Juden annehmen. Im Falle sich einer fände, der sich durch List hineinstähle, und mit einem der Mädchen bekannt wäre, der soll eingezogen, und dann öffentlich durch die Stadt gepeitschet werden.
* * *
Wenn man den letzten Artikel liest, so kann man nicht genug die Delikatesse des Sammlers der Gesetze bewundern. Er wollte die ungläubigen Juden eines Hilfsmittels berauben, welches für die gläubigen Christen bereitet war. Vielleicht wollte er diese verirrten Unglücklichen wie wilde Thiere behandeln, die man mit Hunger und Durst bändiget. Das wäre ein seltsamer Weg, sie in den Schooß der Kirche zu führen. Doch, man weis es ja; es gab Jahrhunderte, wo man allerhand Wege einschlug, um das Herz des Menschen zu unterjochen.
Wie Johanna diese so nützliche Einrichtung machte, mochte sie beiläufig drei und zwanzig Jahre haben. Vielleicht wird man schwer glauben wollen, daß eine Prinzessinn von diesem Alter darauf bedacht gewesen sey, sich zur Gesetzgeberinn einer derlei Stiftung zu machen. Aber, wenn man dabei bedenkt, daß diese schöne Königinn damal schon einen Ehemann, der ihr mißfiel, aufhängen ließ; daß sie dreien anderen, derer sie nach und nach müde ward, das nämliche Schicksal bestimmte; daß sie in der großen, Kunst, sich so von eckelhaften Männern zu befreien, keine ihres Gleichen hatte, als die Königinn Maria Stuard, deren Tod den Umstehenden Thränen erzwang, und die ganze Christenheit auferbaute: -- so wird man weniger erstaunen, daß sich Johanna so frühzeitig mit den Vergnügungen ihrer Unterthanen beschäfftigt habe.
Uibrigens waren die Gesetze, denen sie die Werkzeuge derselben unterwarf, sehr weise; und es wäre zu wünschen, daß man sie überall annähme, und daß unter andern die Visitation nicht vergessen würde. Denn die menschliche Schwachheit scheint einmal doch von den Fürsten einige Nachsicht, besonders aber ihre Aufmerksamkeit auf die Erleichterung, die man ihr bereitet, zu erheischen. Und sie sind auch im Gewissen verbunden, sorgfältig zu wachen, um bei der Jugend gewisse Zufälle zu verhüten.
Diese Untersuchung scheint dem, was ich bisher gesagt, zu widersprechen, und die Epoche der Kakomonade früher anzusetzen. Wenn man schon seit dem vierzehnten Jahrhunderte mit den öffentlichen Lustmädchen sich in Acht nehmen mußte, so folgt daraus, daß auch ihre Waare schon eine koagulirende oder korrosive Wirkung an sich hatte. Und so könnte man vermuthen, daß sie schon seit jener Zeit der Unbequemlichkeit unterworfen waren, die hier der Gegenstand unsrer tiefsinnigsten Untersuchungen sind.
Unterdessen sieht man, wenn man es recht erwägt, daß aus diesem Zuge der Geschichte sich gegen meine Grundsätze kein Widerspruch ergiebt. Bürge dafür ist mir der hochgelehrte Arzt, der mir einen Theil der seltsamen Bemerkungen an die Hand gab, mit denen mein Buch bereichert ist. Er beweiset bis zur Evidenz, daß der vierte Artikel der Königinn Johanna jene, die mit mir gleich denken, nicht aus der Fassung bringen darf. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert konnten die Gegenstände der Zärtlichkeit dieser schönen Königinn andern Ungemachen ausgesetzt seyn, als diejenigen sind, die durch eine unbekannte Ursache auf San Domingo hervorgebracht wurden.
Man weis zur Gnüge, daß auch noch in unsern Tagen die Kakomonade nicht die einzige gefährliche Macht ist, welche an solchen Orten, wie jene waren, die die Gräfinn von Avignon in ihren Schutz nahm, herrschet. Nichts also kann die Feste meiner Grundsätze erschüttern. Es ist evident, daß bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts die Vergnügungen wenig ansteckend waren. Man konnte sich ihnen noch ohne viele Furcht überlassen, als ein Italiäner es für gut fand, die Kakomonade Europen, und durch Europen der ganzen Welt mitzutheilen.
Achtes Kapitel.
Einführung der Kakomonade in Europa, und in Frankreich.
Dreihundert Jahre sind es, daß uns ein Genueser das Glück verschaffte, Amerika zu kennen. Man ist nicht im Stande, sich genug bei den Vortheilen aufzuhalten, die uns daraus zugeflossen sind. Diese Entdeckung brachte uns das Vergnügen zu Wege, auf unsern Kleidern Tressen zu tragen, und um das Dreifache mehr für das Brod -- zu bezahlen. Seit diesem glücklichen Augenblicke ists, daß unsre Frauenzimmer Papageien, und unsre Matrosen den Scharbock haben. Seit dieser Zeit fand man sich in Europa in den Stand gesetzt, Jahr für Jahr nach allen Regeln zweimal hundert tausend Menschen zu erwürgen, anstatt, daß zuvor die durch das Kriegs- und Völkerrecht gesetzgekräftigten Massakres sich höchstens auf beiläufig sechzig tausend beliefen.
Das erste Schiff, welches so, mit den Produkten der neuen Welt befrachtet, in Spanien anlandete, erregte da ein allgemeines Erstaunen. Man ward nicht müde, die Helden zu bewundern, welche so weit her, und mitten durch so große Gefahren, neue Quellen für die Glückseligkeit des Menschengeschlechtes geholet hatten. Man ward entzückt, da man die Frucht ihrer Arbeiten erblickte.
Auf dem Verdecke, und an den für das Auge angenehmsten Orten nahm man kurze Gewänder von rothen Federn wahr, die mit dem Blute der Indianer gemalet waren; Ohrringe, an denen die Spitzen der Ohren hiengen, von denen man sie abgerissen hatte; Ringe, die man sammt den Fingern ihrer vormaligen Besitzer mit übergeführet hatte; goldne Nasenringe sammt den Nasen, die lange Zeit damit sich gebrüstet hatten.
Die Argonauten des sechszehnten Jahrhunderts pochten mehr auf Muth, als auf Geduld, um sich desto geschwinder den Schmuck der Karaiben zuzueignen, raubten sie mit einem den Schmuck, und den Theil des Körpers, an dem er befestiget war, ab. Alles, was die Ehre hatte, mit Golde bedeckt zu seyn, blieb sammt seiner Zierde unter den Händen der Sieger. Dieß geschah, um die Zeit zu ersparen, mit welcher die Eroberer aller Jahrhunderte gewaltig geizten. Diese Oekonomie both eine überflüssige Ladung für ein Schiff, das nach Spanien kam, um da die Beute aus einem andern Welttheile auszukramen.