Die Kakomonade Ein Nachlaß vom Doktor Panglos, als ein Supplement des Kandide
Part 2
Nicht, als ob man im Grunde so erpicht darauf wäre. Wenige Personen sind aufgelegt, sie freywillig sich zu wünschen; allein sie verbindet, wenn sie sie anbeut, damit einen so verführerischen Reiz, daß die mißtrauischsten Herzen manchmal genug zu thun haben, sich dagegen zu verwahren. Man empfängt sie, ohne es fast nur gewahr zu werden; und was dabei das verdrießlichste ist, wenn man sich damit beschwert fühlt, so ist man nicht immer im Stande, sie sich vom Halse zu schaffen.
Man bringt sie nicht einmal los, wenn man ihren Kreislauf befördert. Sie haben die Eigenschaft, sich zu vervielfältigen, ohne die Quelle, aus der sie entsprungen sind, zu schwächen; gerade, wie eine brennende Wachsterze tausend andere anzuzünden dienen kann, ohne im mindesten von ihrem Licht, und dem Feuer, das sie verzehrt, zu verlieren.
Gewiß, mein Fräulein, ein schreckliches Mißgeschick! Sie wünschten wohl, man möchte ihm abhelfen können. Auch ich wünsch es von ganzem Herzen. Suchen wir miteinander die Mittel auf. Die Ehre davon will ich Ihnen gerne lassen.
Die griechischen Lustmädchen zeichneten sich, die Eine durch den Zauber ihres Verstandes, die andre durch die Anmuth ihres Tanzes, und diese durch ihre Schönheit aus. Was Sie betrift, so wünsche ich, daß Sie Ihren Namen durch der Menschheit geleistete Dienste verewigen. Ihre Gefälligkeit gegen sie, kennt man bereits zur Gnüge. Man wird sich nicht befremden, daß Sie, zum Tempel des Ruhmes zu kommen, diesen Weg gewählet haben.
Wie viel man nicht von dieser Menschheit redet! Unsre philosophischen Tage geben ihr ein so herrliches Licht! Sie sehen sie von Stockholm bis Lissabon, von den Gränzen des Mogol bis London sich mit so großem Glanz entwickeln. Es sind nur eben sieben volle Jahre, während deren wir uns mit aller nur möglichen Artigkeit, und Leutseligleit herumgeschlagen haben; und alle Menschen, welche diese ganze Zeit hindurch in den Land- und Seegefechten verstümmelt, erschossen, gebraten, oder zermalmet worden, beliefen sich doch nicht höher, als auf eine Million.
Die Krankheiten, Mühseligheiten, und Siechenhäuser nahmen ihrer nicht mehr, als zwo Millionen weg. Von Berlin an der Spree bis Villa-Veilha, an den Gestaden des Tagus, rechnet man nicht ganz zwanzig tausend Quadratmeilen, die in jedem Betrachte mit fünfzehn oder zwanzig Millionen zweifüssiger federloser Geschöpfe verwüstet, und von Helden in Jammer oder Verzweiflung gebracht worden sind.
Unsre Untersuchungen hätten in keiner Zeit erscheinen können, wo die Menschheit größere Fortschritte gemacht hätte. Unmöglich hätte man dazu günstigere Umstände wählen können. Eilen wir also, sie ans Tageslicht zu bringen; warten wir nicht, bis wieder die Barbarei zurückkehrt. Wollen wir von ihren Rasereien gegen das Menschengeschlecht aus dem Zustande urtheilen, in dem es sich in einem erleuchteten, und philosophischen Jahrhunderte befindet, so würden wir Gefahr laufen, auf der Erde keine Menschen mehr zu finden, die uns anhören könnten.
Vergeben Sie mir, Fräulein, wenn ich in der Folge dieses Werkes mich nicht mehr an Sie verwende. Sie sind es, denen ich es zueigne; aber die Menschheit ists, der sich es heilige. Ich hab es mit dem Unterrichte der Völker, mit der Heilung der Menschen von ihren Irrthümern zu thun. Es kömmt darauf an, den Dienst der Venus zu reinigen, die gefährliche Luft, die ihre Tempel erfüllt, zu zerstreuen, und sogar ihre Altäre zu säubern.
In der Behandlung der zur Erreichung dieses Zweckes nöthigen Sühnopfer, werde ich nicht mehr von Ihnen reden; aber denken an Sie werd' ich unaufhörlich. Ich werde dem Anscheine nach Ihre Reize aus dem Gesichte verlieren; aber mein Gegenstand wird mich immer zur Gnüge auf dieselben zurückführen.
Ich will mit aller Bedachtsamkeit untersuchen, welche Mittel uns zum Ziele führen könnten, die Macht des Feindes, über den wir uns beklagen, zu stürzen. Es wird nicht übel gethan seyn, zuvor ein paar Worte von seiner Natur und Geburt zu sagen. Ich werde bis auf seinen Ursprung zurückgehn, und einen Auszug seiner Geschichte geben müssen. Die Medaillen dieser Begebenheit bestehen noch; aber die Epoche derselben scheint in Dunkel gehüllt. Es wäre sehr nützlich, sehr rühmlich, wenn es uns, sie festzusetzen, gelänge.
Uibrigens wird sie weder Befremden, noch Furcht befallen bei dem Namen Kakomonade, dessen ich mich bedient habe, um diese grausame Feindinn umzukleiden, sie, die ich mich nicht getrauet hätte, anders zu nennen. Wahr ist es, dieses Wort ist ganz griechisch; allein die Sache, die es bezeichnet, ist ganz französisch, und also unseren Damen so wenig unverständlich, daß sie viel mehr ein wichtiges Ingredienz guter Gesellschaften ist. Uiber dieß sind Sie auch mit Leibnitzens Sprache bekannt. Ich habe Sie gelehrt, was in dem Verstande dieses unvergleichlichen Mannes eine Monade sey. Von Ihnen Ihrerseits habe ich gelernt, diesen Namen durch das Beiwort Kako zu verlängern, das ich ohne Sie nie erfunden hätte. Sie werden mich also ohne Schwierigkeit verstehn, und ich gehe ohne Besorgniß zur Sache.
Erstes Kapitel.
Von der Natur der Kakomonade.
Was ist die Kakomonade? Wo kömmt die Kakomonade her? Zwo große, und erhabene Fragen! Lange schon haben trefliche Gelehrte die Tiefsinnigkeit, und den Nutzen derselben gefühlet. Sie haben sich bestrebet, sie aufzulösen. Vielleicht krönte ihre Bemühungen noch kein sehr glänzender Erfolg; allein wenigstens führten sie doch uns auf diese Strasse. Nur an uns liegt es nun, auf ihren Pfaden in dem Lande, das sie durchliefen, fortzuwandeln, und, wenn wir können, darinnen weiter zu gehen, als sie.
Erste Beobachtungen haben sie gelehrt, daß die Kakomonade ein Gift[*] sey. Uiber den Sinn dieses Wortes in dieser Anwendung ist man nicht ganz einig. Allein, wo man keine deutlichen Begriffe haben kann, da ists bei allen Arten Wissenschaften viel, daß man sich einen Ausdruck auffinde, der nichts sagt. Man hat weit weniger Mühe, ihn auf alle möglichen Sisteme passend zu machen, und daher ist die Kakomonade ein Gift.
[Fußnote *: (Anmerkung der Verleger). Im Manuskripte steht ein kräftigerer Ausdruck. Sicher ist er jener, der unter den Meistern dieser Kunst wirklich gebraucht wird. Wir sehen ihn hier verhüllet, und so bei, daß man ihn nach der zerstreuten Ordnung seiner Bestandtheile auch verkennen kann, wenn man will. V. I. R. V. S. Wer seine Augen nicht darauf wenden will, hat die Freiheit, ihn zu übergehen: wer ihn hingegen ohne Schaudern besichtigt, kann ihn durchaus an die Stelle des Giftes setzen.]
Noch mehr: dieses Gift ist phlogistisch, korrosiv, gerinnend, und fix[*]. Phlogistisch, denn es verursacht Entzündungen. Als korrosiv greift es die Haut an, frißt sie auf, und trennt ihren Zusammenhang. Als gerinnend, stillt es den Lauf der Feuchtigkeiten, welche die Natur zu freiem Umlaufe bestimmet hatte. Endlich, weil es fix ist, läßt, es sich so schwer vertreiben. Und dieß ist die ganze Theorie von der Kakomonade, von einem ihrer besten Historiker entwickelt. Sie ist, wie man sieht, deutlich, bündig, und faßlich.
Die Quacksalber mischten sich manche mal ins Spiel, und gaben eine andre an. So erschien Anno 1727 ein sehr berühmter zu Paris. Dieser behauptete, alle menschlichen Schwachheiten, und die, mit denen wirs zu thun haben, wie alle andere, würden durch kleine Thierchen erzeugt, die sich ins Blut eindrängen. Seinem Sisteme zufolge war das, was wir Arzneimittel nennen, ein Kompositum von andern kleinen Thierchen, als unversöhnlichen Feinden der ersten. Diese jagten ihre Gegner tapfer fort.
[Fußnote *: Sieh die gelehrte Abhandlung des Herrn A * * de morbis veneris.]
So war der Körper eines Kranken ein Schlachtfeld, wo Wunder der Tapferkeit geschahen. Das Fieber führte darauf seine leichten Geschwader an; die Kakomonade ihre gerinnende Infanterie. Bald sah man die Fakultät heranrücken in schwerer Rüstung, mit Bataillonen von Quecksilber, und Chinarinde. Sie ließ die verschiedenen Korps dieser fürchterlichen Miliz allmälig aufmarschiren. Man schlug sich lange mit Lebhaftigkeit herum, bis die Thierchen der Chinarinde über die des Fiebers die Oberhand erhielten, oder bis die korrosiven Würmchen durch die metallischen Insekten vertrieben wurden, wenn anders nicht, welches zum öftersten geschah, sich das Schlachtfeld selbst, unter dem Drucke von so heftigen Gewaltthätigkeiten erliegend, in die Erde versenkte, welche Uiberwinder und Uiberwundene sammt ihnen verschlang.
Hatte diese Idee keine Wahrheit zum Grunde, so war sie wenigstens unterhaltlich. Aber die Steifheit der regierenden Doktoren hat sie verbannt. Entrüstet, daß sie sich durch sie dahin gebracht sahen, nichts weiter, als die Obersten über ein Regiment Sensblätter und Rhabarbar zu sein, machten sie allen diesen kleinen Armeen, die man ihnen anzuführen gab, den Garaus. Sie wollten lieber die Oberhäupter einiger blinden Körperchen bleiben, als zahlreiche und beseelte Legionen kommandiren. Sie wollten die Harmonie in den Feuchtigkeiten dem Zufalle lieber mit ganz materiellen Werkzeugen, als nach einer guten Ordnung, unter einer Bedeckung von thätigen, wohldisziplinirten Truppen einräumen. Heißt das nicht, wie man ihnen vorwirft, die Unthätigkeit der Bewegung, den Tod dem Leben vorziehen?
Man kann dieses System nicht genug bedauern: es hätte Gelegenheit zu den unterhaltendsten Hypothesen gegeben. Die Metaphysik, die Physik, die Philosophie und Arzneykunde haben ungereimtere, aber keine angenehmere aufzuweisen. Indessen muß man sich über dessen Verlust eben wohl trösten, und sich mit einer Menge grosser Männer daran halten, nämlich, daß die Kakamonade ein korrosives, gerinnendes, phlogistisches, und fixes Gift sey.
Zweites Kapitel.
Vom Ursprunge der Kakomonade.
Vom Ursprunge der Kakomonade sind wir nicht sowohl unterrichtet, wie von ihrer Natur: die Wirkung kennen wir besser, als die Ursache. So viel ist gewiß, daß jene heut zu Tage nur das Resultat der Vergemeinschaftung mit einer unbehutsamen, oder unglücklichen Person ist. Den Keim davon bringen wir nicht schon bey unserer Geburt mit. Die Natur gab uns nur bloß das Vermögen, ihn anzunehmen.
Dennoch muß sie sich einstens in dem ersten Menschen, der sich davon ergriffen fühlte, von selbst hervorgebracht haben. Daß Gott, da er den Adam schuf, ihn nicht aus seiner Hand damit ausstattete, ist wohl außer Zweifel. Das höchste Wesen bildete ihn zur Zeugung, und gab ihm somit so gesunde, so vollkommene Organe, als es seine Bettgenoßinn nur wünschen konnte.
Trug sich dießfalls hierinn eine Veränderung zu, so ists wahrscheinlich ein unglückliches Individuum von seiner Nachkommenschaft, das die Erstlinge derselben bekommen haben wird. Aber was kann von dieser sonderbaren Entwicklung die Ursache gewesen seyn? Die Luft? die Nahrungsmittel? oder der Mißbrauch des Vergnügens?
Das Klima derjenigen Länder, die man für das Vaterland der Kakomonade ansieht, ist nicht ungesünder, als das in den Gegenden, wo sie sich nur durch den Vorschub der Menschen eingeschlichen hat. Ihre Produkte, weit gefehlt, daß sie gefährlich wären, so sind sie für uns vielmehr sichere Hilfsmittel gegen manche Krankheit; und die Ausgelassenheit ist nur eine Tochter der Prasserei und des Reichthums. Nun wußte man von diesen beiden Geißeln unseres Geschlechtes gewiß nichts in jenem Lande, wo wir unsere Geißel holten, welche in dem unsrigen oft auf sie folgt, und sie bestrafet.
Dennoch sind diese drei Ursachen, die einzigen, welche auf ihre Entstehung Einfluß gehabt haben können. Jede derselben fand warme Vertheidiger. Einige sagten, die Luft allein sei genug gewesen, in der Insel Hispaniola das Gift hervorzubringen, das heut zu Tage in allen andern Ländern die Zeugungen angreift; allein es ist einleuchtend, daß sie sich geirret haben.
Seit zweyhundert Jahren, und darüber, giebt die Erfahrung den Beweis, daß man zu San Domingo diese Frucht nicht anders ärnte, und säe, als wie in Frankreich. Sie wächst dort, wie hier, im Schooße des Vergnügens. Man behält da ein freyes, reines Blut, so lange man sich begnügt, frische Luft zu schöpfen. Hätte diese ja was Pestisches an sich, so würde sie es seit der Eroberung den Europäern eben sowohl, als den Eingebohrnen des Landes haben zu fühlen gegeben. Dieß findet sich nicht, und also ist dieses Sistem nicht anzunehmen.
Andere behaupteten, diese Eigenschaft wäre ausschließlich den Menschenfressern vermöge ihrer Nahrungsmittel gegeben, gleich als ob das menschliche Fleisch schon von selbst ein Gift wäre. Die Völker, welch dergleichen minder höfliche Feyerlichkeiten halten, sind viel seltener, als man sichs einbildet. Uiberdies muß ihnen ihre Lebensart viele Stärke, und hiemit Gesundheit geben. Daher es denn sehr ungereimt ist, zu denken, daß ihr Fleisch, wenn es durch den Magen ihrer Feinde wandert, da die Kraft, sie zu vergiften, annehmen könne.
Zwar wäre dieses eine ziemlich erlaubte Rache; allein, wenn man am Bratspieße steckt, pflegt man sich nicht mehr zu rächen. Sollte der Hinterschlägel eines Karaiben den ehrlichen Leuten, die sich einander damit beschenkten, Nachwehen haben erregen können, so müßten nur die ihm benachbarten Theile sich nicht in gutem Stand befunden haben; ein Umstand, der, wie man sieht, die Schwierigkeit nicht aufhebt.
Ein geschickter Arzt hat in einem dicken Buche über diesen Gegenstand das dritte Sistem ergriffen. Seiner Meinung nach ist es das Uebermaaß der Vergnügungen in warmen Ländern, und die wenige Wahl in den zu derer Genuße geeigneten Augenblicken, welche die Kakomonade auf der Welt eingeführet haben. Er erzählt über diese Materie sehr sonderbare Geschichten.
»Die Weibsleute im Königreiche Melinda,« sagt er nach Tavernier, »sind einmal im Monate so gefährlich, daß, wenn ein Europäer das Unglück hat, sich an einem Platze aufzuhalten, wo eines derselben in dieser fatalen Zeit gepisset hat, er davon das Fieber, Kopfschmerzen, und manchmal die Pest bekommt.« Ich gestehe, da ich die Stelle las, wünschte ich von Herzensgrunde, es möchte sich nie ein melindisches Frauengimmer beigehen lassen, sich unter meinem Fenster aufzuhalten.
Zum Glücke gesteht H. A., da er diesen Zug anführt, selbst ein, daß er auf unsre Klima nicht passet; dennoch beharret er nichts destoweniger auf der Meinung, daß zwischen dem Ursprunge der Kakomonade, und zwischen dem pestischen Einflusse dieser gebräunten zanguebarischen Schönheiten ein sehr genaues Verhältniß Statt haben müße. Er besteht hartnäckig auf der Behauptung, daß dieser der zureichende Grund des andern war. Man kann auch in seinem Werke selbst sehen, mit welcher Stärke und Bündigkeit er darüber räsonnirt.
Nur ist es wunderbar, daß man durch das Gebäude ähnlicher Sisteme dahin kommt, die Kakomonade zu verbannen; wie wenn die barbarischen Worte, mit denen man sie erklärt, helle, und unbestreitbare Wahrheiten bedeuteten.
Just so berechnet man die Finsternißen, indem man die Planeten als kleine Theilchen betrachtet, welche die Sonne ausschneuzte, da zur Zeit der Schöpfung ein grosser Komet an derselben sich rieb. So benützt man den Kompaß durch die Erklärung der Abweichungen seiner Nadel, die an einem Ende mit dem Magnete bestrichen ist. So ermüdet man nicht, in dem Magen einen guten Saft hervor zu bringen, unter beständigem Streite, ob er durch Auflösung, oder Gährung, oder Vertreibung entstehe.
Man muß es gestehen, wir haben leicht machen. Die Fortschritte des menschlichen Geistes in jeder Art stecken sich selber ihre Gränzen aus: eine Wahrheit, über die sich nicht streiten läßt. Allein so einleuchtend sie ist, so muß mans nicht bey ihrer Erwägung bewenden lassen; man muß nicht unterlassen, in den Kalender zu sehn, wenn man den Sonnenstand wissen will, und auf den Kompaß, wenn man die Küsten aus dem Gesichte verlohren hat. Man muß nicht anstehn, seinen Magen zu füllen, wenn man hungerig ist, und sich an die Zubereitung des Quecksilbers zu wenden, wenn man einer Aehnlichkeit zwischen unserm Klima, und jenem von Amerika gewahr wird.
Drittes Kapitel.
Ob wir das Recht haben, bei der Betrachtung der Uebel, die uns die Kakomonade verursacht, uns über die Natur zu beklagen.
Wenn ja irgend etwas dem Anscheine nach den Menschen das Recht geben kann, über die Natur zu murren, so ist es gewiß diese Geißel, mit welcher sie sie schlägt. Sie hat sie mit Vergnügungen vereinbart, von denen sie die Fortdauer ihres Geschlechtes abhängen läßt. An die Seite der größten aller Reizungen hat sie die größte aller Gefahren gestellet. So setzte sie uns auf den Zweiweg, entweder ihre Absichten nicht zu erfüllen, oder dafür, daß wir sie erfüllten, immer in der Furcht zu sein, bestrafet zu werden.
Bei den andern Empfindnissen hat sie die Strafe wenigstens nur mit dem Uibermaaße verbunden. Der Wein macht kein Kopfweh, außer man trinket zuviel. Der Magen leidet nicht, so lange man mäßig ißt. Das Auge wird nicht verwundet, außer es heftet den Blick an zu schimmernde Gegenstände.
Aber das nothwendigste, das schätzbarste Sinnglied, das Sinnglied, welches dem Menschen eines der Gerechtsame der Gottheit mittheilt, dieß ist eben dasjenige, dessen auch mäßiger Gebrauch die größte Reue, und das empfindlichste Nachweh, verursachen kann. Nur einen Augenblick braucht es, um das ordentlichste Leben zu vergiften.
Das höchste Wesen, sagen die Dichter, hat das Gute und Böse in zwoen Tonnen bei sich. Aus diesen schöpft es mit vollen Händen, so wie ihm die Laune kömmt, die Geschenke, die es unter unser kleines Ameisenhäufchen austheilt. Die Kakomonade war unstreitig mit von den Hefen in der Tonne des Bösen; und an dem Tage, wo wir sie erhielten, leerte Jupiter das eine seiner Fässer aus.
Dennoch müssen wir, bevor wir gegen die Natur Klage stellen, und sie ungerecht nennen, einen Blick auf die Geschichte werfen. Hätte diese zärtliche Mutter die Absicht gehabt, uns die Geißel, über die wir seufzen, zu ersparen; hätte sie sich bestrebt, sie in einem kleinen Winkel eines unbekannten Landes zu verbergen; hätte sie zwischen uns, und dieses traurige Land fünfzehnhundert Meilen stürmische Meere geworfen; hätte sie sich Mühe gegeben, uns alle erdenklichen Mittel, dahin zu kommen, zu entziehn; so wären wir ihr für so weise, so liebvolle Vorsichten unsre Dankbarkeit schuldig.
Hätte in der Folge bloß unser unruhiger Geist diese Vorsichten vereitelt; wären wir mitten durch fast unüberwindliche Hindernisse zu dem bittern Becher, der das Gift, wovon sie uns abhielt, in sich schloß, eingedrungen; wäre es wahr, daß, wir geeilet hätten, darinnen unsere Lippen zu netzen, ungeachtet aller der schrecklichen Gegenstände, die uns davon hätten entfernen sollen; so würde ganz gewiß von unserer Seite die Natur keinen Vorwurf verdienen.
Wir allein würden strafbar seyn, daß wir ihre Verordnungen verletzt hätten. Wir würden billig gestrafet werden, daß wir ein Geheimniß entdecket hätten, welches ihre Nachsicht uns verbergen wollte. Dieß nun wird uns die Geschichte lehren. Da werden wir vielleicht die Rechtfertigung der Vorsehung erblicken.
Die Erzählung der Begebenheiten der Vorzeit wird uns zeigen, wie sehr sie für uns ob der Unglücksfälle besorgt war, die uns nun drücken. Wir werden gezwungen seyn, einzugestehn, daß, um uns so unglücklich zu machen, als wir es sind, wir sie in ihrem letzten Wehrplatze dazu nöthigen mußten. Wir werden bekennen, daß ihre Sorgfalt hinlänglich gewesen wäre, um unsere Ruhe zu gründen, wenn nicht unsre Vermessenheit in jeder Art weiter gienge, als ihre Güte.
Viertes Kapitel.
Ob die Alten die Kakomonade kannten?
Man hat sich gewaltig ermüdet, die eigentliche Epoche dieser Begebenheit aufzufinden. Die Kakomonade hat in mehr als einem Verstande die Geduld, und den Scharfsinn der Kommentatoren auf die Probe gesetzt. Einige davon eignen die Ehre, sie auf uns gebracht zu haben, den Griechen und Römern zu. Sie sehen sie in geraden Linien aus Asien in Europa, von Athen nach Rom, aus Wälschland in Frankreich übergehn.
Sie legen ihr verschiedene Masken bei, derer sie sich nach und nach bedient habe, bis sie auf diejenige kam, in der sie bei unsern Tagen erscheint. Ihrem Sisteme zufolge mußte sie sich bei dieser wohl befunden haben; denn sie trägt sie schon in die dreihundert Jahre, ohne daß sie zu abgenützt schiene. Doch, man muß gestehn, daß diese Meinung nicht zuzugeben sey. Man sieht offenbar, daß die Alten, glücklicher und weiser, als wir, oder wenigstens den Absichten der Natur getreuer, nie die Strafe empfanden, die wir erdulden.
Homer ist genau, sogar bis zu Kleinigkeiten. Er brachte in sein Gedicht alles, was er von der Medizin, Anatomie, Geographie, und Physik wußte. Er berichtet uns, daß man zu seiner Zeit ein Leckergetränk aus in Wein geriebenem Käse machte. Er spricht oft von der Venus. Er erzählt, wie sie Diomedes mit einer Lanze tief verwundete. Hätte er an dieser Göttinn das Geheimniß gekannt, das sie seit dem in Amerika besaß; ohne Zweifel hätte er sie davon Gebrauch machen lassen, um sich an dem Helden zu rächen. Er hätte den Gott Merkur mit seinen goldgeflügelten Füssen aufgeführt, wie er sie mit der Heilung beschäftigte.
Diese Allegorie würde nicht die unsinnreicheste seines Gedichtes gewesen seyn. Sie wäre uns soviel richtiger gewesen, da Merkur wirklich von der Gegenpartei der Venus war. Kann man wohl glauben, daß dieser göttliche Dichter die Gelegenheit versäumet hätte, sie an den Ufern des Simois Angesichte der Griechen und Trojaner sich schlagen zu lassen? Wäre das nicht eben der Fall gewesen, wo er hätte vorstellen können, wie die Erde und das Meer in der Erwartung des Erfolges erschüttert wären, und die ganze Natur bei dem Anblicke eines Kampfes sich theilte, der ihr Schicksal entscheiden sollte?
Wie Schade doch, daß nicht Homer selbst in Person über diese Materie auf einer der zykladischen Inseln Erfahrungen machen konnte? Er hätte seine beiden Gedichte damit bereichert. Madame Dacier wäre uns erschöpflich gewesen, in ihren Noten über diesen interessanten Gegenstand. Eine derlei Erdichtung, in die Iliade verwebt, wäre für die Kommentatoren der vorigen und künftigen Jahrhunderte eine ewige Quelle von Zusätzen, Anmerkungen, und lehrreichen Gezänken geworden.
Es ist offenbar, daß es Homer angebracht haben würde, wenn er es gekonnt hätte. Hätten die Götter oder die Menschen zu seiner Zeit die Kakomonade gekannt, so würde er davon gesprochen haben. Sein Stillschweigen ist ein unstreitiger Beweis, daß bei der Belagerung Trojens, und lange Zeit darnach, Venus noch unschuldig war: sie ließ sich selbst verwunden, ohne wieder zu verwunden.
In den spätern Jahrhunderten lebten Hyppokrates, und nach ihm Galen in eben der Unwissenheit. Das Quecksilber schien ihnen nur in Rücksicht seiner Schwere, und seiner Flüssigkeit ihrer Aufmerksamkeit würdig. Die Helden, derer Gesundheit sie zu regieren hatten, waren nicht vernünftiger, als die unsern. Sie waren eben so lustig, eben so prächtig. Man hat uns das Detail ihrer Thaten in jeder Art aufbewahret. Wir wissen, wie sie ihre Liebesromane spielten, und wie sie ihre eisernen Lanzen schwangen. Aber wir sehen nicht, daß sie das andre Metall gebrauchten, zu welchem unsere Krieger so oft ihre Zuflucht nehmen.
Cäsar war ohne Widerspruch ein großer Mann. Man nannte ihn den Ehemann aller Weiber, und das Eheweib aller Männer. Wären diese vorübergehenden Beilager damal einem Ungefähr unterworfen gewesen; kann man wohl glauben, daß man, nachdem er derselben so viele gefeyert hatte, gefunden haben würde, daß er damit nichts anders, als nur die fallende Sucht, gewonnen habe?
Vom August sagt man wohl, daß er sich oft vor dem Feuer frottiren ließ; dieses könnte verdächtig scheinen. Aber es war ein Striegel, womit man ihn frottirte; und der ists nun nicht mehr. Er fand, wie Suetonius sagt, kein anders Mittel, um seine Gesundheit zu erhalten, und seine Haut zu jücken.