Chapter 4
Draussen, fern, im _Neckarthal_, Wo im Grab' die _Lieben_ wohnen: Gründ' ich ihr ein Todtenmal, Reich an Immortellen-Kronen.
Nah' bei meiner _Clause_ blinkt, Klar und rein der _Quelle_ Spiegel; Und der _Holden Urne_ winkt, Freundlich mir, am Rosenhügel.
Bis der Tage Ziel erscheint; Gram und Kummer dann entschwinden; Und wir _droben_, neu vereint, Was wir _lieben_, wiederfinden.
XV.
Der Jungfrau Todtenfeier.
Es wallen edle Trauergäste, Und Pilger strömen ohne Zahl, Nach _Treiden_ hin, zum _Todtenfeste_, Zur _Jungfrau_, nach dem Rittersaal.
* * *
Im Schmuck' der Fürstengruft erscheinen Die Wände, wie der Säule Rund; Und gold'ne Todesengel weinen Danieder, von dem schwarzen Grund'.
Kristall'ne Kronen, Kerzengarben, Versenden wie ein Strahlenmeer, Ein Sonnenlicht von allen Farben, Im weiten Trauersaal umher.
Und mitten dort im Saal' vollendet Ein _Rosenhain_ den Zauberkreis; Der ringsum reiche Düfte sendet, Von tausend Blüthen, roth und weiss.
Und mitten, hoch im Rosenhaine: Im Sarge von Cypressenholz, Da thronet _sie_, die Makelreine, Der Jungfrau Zier, der Frauen Stolz!
Ein _Engel_ ruht auf Mund und Wangen, Den Liebreiz noch gefangen hält: Sie hat den grossen _Tod_ empfangen, Wie einen _Kuss von jener_ Welt.
* * *
Im zarten Lilien-Gewande, Den Myrthenkranz im blonden Haar; Umgürtet mit dem Rosabande, Das ihr Geleit' zum Tode war:
So schlummert _sie_, dem Tod' zum Hohne; Der Traum ist lieblich, wundersam! Ein _Cherub_ zeigt die Palmenkrone; Ein _Seraph_ ist ihr Bräutigam.
Sie mag den Freier nicht betrüben, Und spricht, dem Engel zugewandt: Ich will in dir den _Bruder_ lieben, Mein _Liebster_ wohnt im _Erden_land.
So scheint im Traume sie zu sagen, Nur sagt es ihre Lippe nicht; Und so mag Liebe nie verzagen, Wenn auch der Tod das Leben bricht.
Zu Häupten ihr, an Rosenzweigen, Sich neigend auf ihr Todtenbild: Darf sich das _Tuch_ der _Liebe_ zeigen, Ihr Schlachtpanier und Ehrenschild.
Es zeugt von ihrem Heldenmuthe, Der ihrem Kampfe _Sieg_ verleiht; Es ist geweiht von ihrem _Blute_, Es ist von ihrem _Tod'_ geweiht.
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Zu ihren Füssen kniet der _Arme_: Der alles Glück mit ihr verlor! Sein Leben wohnt in seinem Harme; Sein Reichthum ist -- ein _Trauerflor_!
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_Wer_ wankt herbei an seinem Stabe, Der Erde satt, dem Himmel reif? -- _Der sie_ gerettet aus dem Grabe; Das ist der alte Vater _Greif_!
Die _Mutter_ weint auf ihrem Bette, Von Schmerzen wund, zum Tode müd'; Sich sehnend nach der Schlummerstätte, Zu der voran die _Holde_ schied!
Und alles Volk, und alle stöhnen, Die _sie_, die _Liebende_ geliebt: Bezeugen nun im Strom von Thränen, Wie tief der Schlag ihr Herz betrübt.
Doch draussen weilt ein _Trauerwagen_; Und horch, die Gräberstunde schlug! Zur _Kirche_ wird sie fortgetragen, Bestrahlt von hellem Fackelzug. --
Choral, Gebet und Hymne wühlen, Es wühlt der klagende _Sermon_: In Seelentiefen und Gefühlen; Und Alles wird nur Klageton.
* * *
Dann endet sich das Fest der Trauer; Das Leben senkt den Tod hinab! -- Zur Linken an der Tempelmauer, Da gähnt der Schlund von ihrem Grab'!
Das _Amen_ folgt dem Priestersegen! -- Die _Uhr_, die Jeder schlagen hört: Ist nur das _Herz_, mit seinen Schlägen; Ist nur der Schmerz, der sich empört!
Es regnet _Kränze_! dann entrollen, Wie Würfel aus verweg'ner Hand, Hinab zu Grab', die Gräberschollen; Bis _Rosa_ mit dem Sarg -- _verschwand_.
* * *
Dann bringt ihr _Heil_ ein Kreuz von Eisen: Das soll der Heldin _Orden_ sein: Dann bringt die Welt -- den Stein der Weisen, Den inhaltschweren _Todtenstein_.
Mit Felsen würfeln Erdvulkane, Mit _Steinen_ würfelt auch die Luft; Und _Steine_ wirft der Mensch im Wahne, Auf Bruderglück und seine Gruft!
* * *
Zeitlose _Du_, nicht Zeitenlose! Dein Wandel geht durch _alle_ Zeit. Von Dornen frei, Du, keusche _Rose_, Bist _Rosa_ nun, der Ewigkeit!
Der _Maienrose_ Duft und Leben: Sie locken Wurm und Tod herbei; Indess nun Engel Dich umschweben, Und treu Dich pflegen, _Rosa Mai_!
XVI.
Heil, noch einmal vor dem Richter.
Der Jüngling _Heil_, nun _Mann_ geworden, Durch _Leiden_, die er _gross_ bestand: Er sehnt sich aus dem Land des Norden, Zur Heimath, in sein Wiegenland.
Doch eh' das Grabmal seiner Freuden Von ihm empfing die letzte Pflicht: Da trat er, sonder Groll zu scheiden, Noch, _also_ sprechend, vor _Gericht_:
»Es ward ein theures Blut vergossen, Der Mörder fand verdientes Grab; _Nun_ -- habet Ihr den Tod beschlossen, Auf einen, der mir Leben gab.
Denn, wäre _Skudritz_ Euch entflüchtet, So wie es stand in seiner Macht: So hätte _Folter_ mich vernichtet, Und _Schande_ mir der Tod gebracht.
Dann auch bedenket Eure Lage, Vor Thron, Gewissen und der Welt: Wenn _Gott_ die Wahrheit hier zu Tage, Den Frevel an das Licht gestellt!
Der _Skudritz_ war, an seiner Stelle, Berückt, bethört, von blindem Wahn; Nur Sklave blieb der Mordgeselle, Und stets dem Mörder unterthan.
So lasset Huld ihm angedeihen! -- Den _Schatz_, der mir im Grabe ruht, Soll _nicht_ unreines Blut entweihen; Nicht schänden mir das edle Blut.« --
* * *
Dem _Richter_ wollte nicht behagen, Was _Heil_ gesprochen, allzukühn; Doch will er Gnade nicht versagen, Da _Greif_ um gleiche Gunst erschien.
Dem _Jüngling_ war _zu weh'_ geschehen; Vergeben wurde, _wie_ er sprach; Der Richter liess den Spruch ergehen, Und _Milde_ folgt dem _Rechte_ nach.
»Der _Skudritz_ mag im Thurm' noch büssen, Für seine Schuld, die er bekannt; Dann sei er aus dem Land' gewiesen, Und ende _fern_, von hier _verbannt_!« --
_So_ sprach der _Richter_, vor dem Scheiden Von dem durch Mord entweihten Ort'; Erfreuend _so_ das Herz der _Beiden_, Mit seiner That, mit seinem Wort'.
XVII.
Die Nacht am Grabe.
Die Landschaft ruht in tiefem Schlummer, Der _Mond_ nur und ein _Jüngling_ wacht; In Frieden _jener_, _der_ in Kummer, Doch Beide wandeln durch die Nacht.
Und _Heil_, am _Grabe_, Mond-beschienen, Verklagt in süsser Melodie, Sein _Glück_, auf dessen Prachtruinen; Und _also_ klang die _Elegie_:
»Bist Du so früh emporgeschieden, Nach kurzem Traum von Erdenglück? Und führt, von Deinem Gottesfrieden; Kein Weg in Freundes Arm zurück?
Kann Liebe Dir nicht wiedergeben, Was Erdentod dem Leben nahm? Kann keine Thräne mehr beleben Den Leib, der von der Erde kam? --
Vergebens! -- In die Nacht der Zeiten Verliert sich meiner Klage Ruf! Nur _Einer_ kann mir _Trost_ bereiten: Wer Licht aus Nacht der Nächte schuf.
Nur _Du_, von _Dem_, seit Welten kreisen, Die Phantasie kein Bild entwarf! Nur _Du_, Den wir »_Allvater_« preisen, Der Alles gab, und Nichts bedarf!
* * *
Nun weihet mich, ihr _Todtenhügel_! Ein Erdsohn will sein _Fest_ begeh'n; Komm', _Seraph_, leih' mir deine Flügel, Ich will die _Braut_ im _Lichte_ seh'n.
Die Erde soll wie Nebel schwinden; Die Sonne lass' ich weit zurück! Will sich der _Geist_ zum _Geiste_ finden, Verlangt es nur den Augenblick. --
* * *
_Geliebte Du_, in fernen Räumen! Wann sich die Geisterstunde neigt: Umfangen wir Dein Bild in Träumen; Dein Bild, das uns die _Palme_ zeigt.
Dein treu bewährtes Tugendleben, So lang es hier auf Erden ging: War eine _Landschaft_, mild und eben, Gefasst in einen Blumenring.
Da war kein Berg mit Silberminen, Kein Alpenstrom, der Gold verhiess; Kein Schloss der Vorzeit in Ruinen, Kein Thurm mit seinem Burgverliess.
Es war die reichste Blumenwiese; Durch die sich, wie ein Ordenband, Ein Perlenquell vom Paradiese, Vorbei an Frucht-Alleen wand.
Nur Unschuld, Ehre, Treue gingen Einher, bei frohem Lerchensang; Und _Engel_ nur mit Rosaschwingen. Umflogen sie auf jedem Gang.
Ein _Hüttchen_ stand, im Sonnenglanze: Da flocht, bei stillem Heitersinn, Ein _Gärtner_ an dem Bürgerkranze, Für seines Glückes _Königin_.
Doch -- neidisch brachten dunkle Mächte, Dem Glück', des Todes Richterspruch! Der Sonne folgten Schauernächte; Da war die _Flur_ ein _Leichentuch_!
Mein Himmel schwand! -- Wie dort in Flammen So mancher Weltenbau verging: _So_ fiel mein _Paradies_ zusammen; Und -- _Grab_ nur blieb, was ich umfing!
_Du_ aber konntest nicht verlieren -- Den _Schmuck_, der auch den _Engel_ ziert! Das Schicksal wollte Dich verführen, _Du_ aber hast den _Tod_ verführt.
_Charakter_ -- porenloser Wille, Der gold'ne Saat für Welten trägt: Hat Dir, in Deiner Sabbathstille, Gedankengold zu _That_ geprägt.
Nur _so_ gelang es Deinem Muthe: Bei frech bestürmender Gefahr, Zu _siegen_ noch in Deinem Blute; Zu _retten_, was Dir heilig war. --
* * *
Dich nennt zwar keine Weltgeschichte, Sie schreibt ja nur bei Dämmerlicht! Es gingen Völker zum Gerichte, Und die Geschichte kennt sie nicht!
Oft hat der _Unschuld_ Gottvertrauen Den Sieg der Feinde schnell besiegt; Tyrannengrimm ein Blick der _Frauen_, Am Thränenquell, in Schlaf gewiegt;
An unsichtbarem Spinngewebe Hing oft der Staaten Weltgeschick: Doch _selten_ lebt, wer uns beschriebe Der Webzeit Ersten Augenblick! --
Ein _Saemann_ schrieb die Erste Rolle, Die Segen auf die Völker trug; Sein Jahrbuch war die Erdenscholle, Sein Zaubergriffel war -- sein _Pflug_.
Mit _solchem_ Griffel schrieb er _Thaten_, Kein Prahlwort, in der Zeiten Buch; Mit _solchem_ Schriftwerk hob er Staaten: Und seine _Saaten_ trifft kein Fluch!
Kann aber uns _Geschichte melden_: Wer solch ein Götterwerk erdacht? -- Ihr Labsal ist nur Mark der Helden; Ihr Nektar, Blut der Völkerschlacht!
* * *
So grabe denn der Helden Leben, _Geschichte_, deinem Marmor ein! Doch -- _Ihr_ auch wird ein Tag sich heben, Und _Rosa_ nicht vergessen sein!
Es kommen Söhne ferner Zeiten, An die noch keine Zeit gedacht: _Die_ werden Dir ein _Fest_ bereiten, Zum Jahrtag Deiner Todesnacht. --
Die Hand der _Liebe_ sä't in Grüfte Den Keim zu manchem Wunderbaum; Die Krone spielt im Reich' der Lüfte, Die Wurzel fand im Grabe Raum':
Da grünt ein Stamm aus Deinem Staube; Aus Thränen wird ein Wasserfall; Und in der _Linde_ Mai-Gelaube Besingt Dein Lob die Nachtigall.
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Der Vollmond hebt die Augenlieder; Ein Pilger eilt dem Hügel zu; Und neigt sich auf Dein Grabmal nieder, Zu schlafen süssen Schlaf, wie _Du_!
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O _Du_, verklärt, in lichten _Sphären_: Gieb _Segen_ meinem Pilgerlauf! Und nimm _hinab_, des _Dankes_ Zähren, Und meinen _Kuss_, zu Dir _hinauf_!
Mein Glaube wohnt auf Deinem _Hügel_, Die Hoffnung reicht den Wanderstab; Bis mich zu _Dir_ der _Liebe_ Flügel, Emporhebt, über Zeit und Grab.
Dein _Rosatuch_ -- sei mir _Geleite_, _Wohin_ auch mein _Verhängniss_ ruft! Es folge mir im Erdenstreite, Und dann zum Frieden, meiner Gruft!
_Du_ aber, _Staub_ der _Gräber_-Auen: Lass hier bei Mond- und Sonnenschein. Das _Leben_ sich am _Tod_ erbauen, Dann wird kein _Tod_ im _Leben_ sein!«
XVIII.
Das Ende.
Nachdem er so die Mitternacht, Dann Morgenroth herbei gewacht: Erhob sich _Heil_ gen _Treiden_; Und sprach dort, in der _Lieben_ Haus, Den letzten Wunsch und Willen aus, Auf immerdar, _zu scheiden_.
Nicht dreifach hoher Ehrensold, Erboten ihm von _Segewold_, Kann seine Schritte bannen. Er wirft den thränefeuchten Blick Nach seinem _Paradies_ zurück, Und eilet nun von dannen.
Des _Tiefgebeugten_ Brust bewegt: Nicht _Greif_, der _Rosa Mai_ gepflegt; Nicht Bitte, noch Vertrauen. Die _Höhle_, die sein _Glück_ umfing, In _der_ sein _Himmel_ unterging: Erregt ihm Scheu und Grauen.
Vergebens klang, am trauten Ort', Noch einmal Ruf und Freundeswort; Der _Alten_ Wunsch und Flehen! Mit seinem _Rosatuch_ entschwand Der _Jüngling_, heim, zum _Väterland_; Und -- ward nicht mehr gesehen!
Druck von H. Schnakenburg's litho- & typogr. Anstalt in Riga.
End of Project Gutenberg's Die Jungfrau von Treiden, by Adelbert Cammerer