Die Jungfrau von Treiden

Chapter 3

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Spricht es; und der Pfortenschwelle Sind die Blicke zugeneigt: Wo der grause _Mordgeselle_ Ein Gespenst der Gräber zeigt.

Beben zuckt durch alle Glieder; Tod im Blicke, schreckenbleich: Sinkt er vor den Schranken nieder, Seiner Wildes-Beute gleich!

XIII.

»Sag' an, bekenne sonder Scheu: Wie jener _Mord_ geschehen! Und künde deinem Richter frei, Was du gehört, gesehen! _Du_ aber, _Schreiber_, sei zur Hand! Und liefre mir den Thatbestand, Nach allen Haupt- und Nebenzügen; Der Pflicht und Wahrheit zu genügen!« --

* * *

Der Richter sprach es; und bereit, Sind Schreiber und Notare; Und leben soll, für alle Zeit, Die _Acte_ jener Jahre! Zwei hundert Jahre starben hin; Und Moder barg, und Grabruin: Was _hier_ des _Mordgesellen_ Klage, Für uns und Nachwelt bringt zu Tage.

»Gericht und Volk von Treiden hier! Du Menschheit voll der Schwächen! Im Staube knieend, lass' mich Dir Bekennen mein Verbrechen! Weit über Folter, quält und plagt Der _Geier_, der am _Herzen_ nagt; Wann Ihr das Grässliche vernommen, Sind Tod und Henker mir willkommen!

Mein Feldgenoss' und Waidkumpan War _Adam Jakubowski_, Im Polenheere zugethan Der Fahne von _Drompowski_; Voll Muthes, Riese von Gestalt, Und Feind der fremden Herrschgewalt; In Schlachten Held, bei Frauen Sieger; An Kräften Leu, an Wuth ein Tieger!

Sein _Vater_, Schulherr einer Stadt, Erzog ihn seinem Dienste; Der _Knabe_, früh der Schule satt, Ging aus, auf and're Künste. Bei mancher Frucht des _Guten_ blieb Doch Mehr des _Bösen_ sein Betrieb; So trat der _Jüngling_, aus der Lehre, Zu _Siegmund's_ wildem _Polen_-Heere.

Sein Blick in manche Wissenschaft, Dazu noch manche Gabe; Und Riesenleib, Athletenkraft, Empfahlen ihn dem _Stabe_. So stieg er bald, im Kriegeslauf', Bis zum Standarten-Junker auf; Und hat, im Felde nie bezwungen, Des Feldherrn Gnade sich errungen.

Er folgte, kämpfend um den Preis, Dem grossen Hauptpaniere; Und drängte sich in jeden Kreis Der jungen Offiziere. Denn eitel war er, stolz und kühn; Und sah auf seines Gleichen hin: Wie auf ein Dornenfeld der Schnitter; Wie auf den Sklaventross der Ritter.

_So_ war er manchem Neidesblick' Unheimlich gross erschienen; Mich aber zwang ein Missgeschick, Nur freundlich ihm zu dienen. Ich folgte seiner Lichtgestalt, Im Bann' von magischer Gewalt; Wie dort, mit ihrem Zauberzwange, Den Vogel zieht die Klapperschlange.

Es lag auf mir, wie Berge schwer, Bei jeglichem Vereine; Ich kannte keinen Willen mehr, Sein Wille war der meine. Verwegen, lüstern, frech und wild, Dann wieder sanft und Bruder-mild: _So_ führte mich sein Doppelwesen, Zum Guten hier, und dort zum Bösen.

Sein _Hauptmann_, der mit Vaterhuld, Herab auf ihn gesehen: Liess einmal doch, für schwere Schuld, _Verweis_ an ihn ergehen. Da gab er, wuthentbrannt, sogleich, Dem _Hauptmann_ einen Backenstreich; Dass _der_, betäubt vom Riesenschlage, Vom Stande sank zu Niederlage.

Da galt, war Rettung noch versucht, Kein Weilen mehr, noch Säumen; _Er_ musste _gleich_, in schneller Flucht, Des Ruhmes Lager räumen. Sein Wort, das flehend zu mir sprach: Es zog mich seinem Schicksal nach; Wir jagten ruchlos in die Ferne; Das _Glück_ mit uns, und seine Sterne!

Wir schlichen durch die Wäldernacht, Mit Füchsen um die Wette; Und fanden, war der Tag erwacht, Bei Wölfen unser Bette. Durch Moor und Sümpfe, Berg und Thal, Durch tausend Wege, sonder Wahl, Und durch ein Schlangenheer von Leiden. Errangen wir -- den _Weg_ von _Treiden_.

Da zog ein _Ritter_, hoch zu Ross', Einher, auf seinem Rappen; Und hinter ihm ein flinker Tross Von Edelknecht und Knappen. Das war der _Treidner Castellan_, Der mir bis heute wohlgethan; _Der_ wollte, nach vernomm'nen Klagen, Sein Burgasyl uns nicht versagen.

Wir dienten ihm, drei Monde lang, Mit Eifer, Lust und Ehren; Doch konnte seinem _Liebe_drang' Der Junker bald nicht wehren. Kaum war der dritte Tag vorbei: Als er der schönen _Rosa Mai_, Für die er, _Vielen_ gleich, entbrannte, Wie _stolz_ er war, die Gluth _bekannte_.

Er folgte, wo sie ging und stand, Gleich wie dem Licht' der Schatten; Und bot ihr, als der Frühling schwand, Sich offen an, zum _Gatten_. Die _Jungfrau_ sprach: »Bin nicht mehr mein; Muss eines _Andern_ Liebe sein! Denn Herz und Hand, auf Tod und Leben, Sind an den Gärtner _Heil_ vergeben.« --

Das fühlt der stolze Junker tief! Der Zahme wird ein Drache; Und, statt der _Liebe_, die entschlief, Erwacht ein Geist der _Rache_. Nur _der_ Gedanke war ihm süss: Die gold'ne Frucht, das gold'ne Vliess Der _Liebe_, mit _Gewalt_ zu stürmen; Ob Berge von Gefahr sich thürmen.

Er wusste durch ein Schmeichelwort, Mich Armen zu bestechen; Und riss mich zum Entschlusse fort, Zu theilen sein Verbrechen. Von _Rache_ wurde nur geträumt, Und Herrngebot und Pflicht versäumt; Von _dem_ an, blieb das Räuberleben Der Hölle treuem Dienst' ergeben.

Uns trieb die wilde Jagd umher, Wir höhnten aller Sitte; Und Schmach und Unheil drückte schwer, Selb auf des Armen Hütte! Bis unser _Herr_, von solcher Schmach Gerecht empört, das _Urtheil_ sprach: Das uns gebot, von _ihm_ und _Treiden_, Schon mit dem nächsten Mond, zu _scheiden_.

Dem _Greif_ gefiel, _dieselbe_ Zeit, _Denselben_ Mond zu wählen: Vor allem Volk', in Festlichkeit, Das Brautpaar zu vermählen. Da gab es fürder keine Rast: Die _That_, worauf wir lang gefasst, Bevor sich Wind und Wetter wenden, Am nächsten Tage zu vollenden.

Es hatten Braut und Bräutigam, Von Tages Werk entbunden, Alltäglich, wenn der Abend kam, Im _Thal_ sich eingefunden. Da gähnt, in hoher Felsenwand, Ein _Höhlenwerk_, von _seiner_ Hand; Hinfort benannt nach seinem Namen; _Wo sie_ und _er_ zusammen kamen.

Wir wählten, ungestört zu sein, Die sich're _Mittag_stunde; Die _Braut_ empfing, zum Stelldichein, Am Morgen schon die _Kunde_: Dass _Heil_, der reisen soll, beklagt, Es sei der Abend ihm _versagt_; Er hoffe: nach dem Mittagmahle, Die Braut zu seh'n, im Höhlenthale. --

Bereit zu Frevel und Gewalt, Zu That der Schande fertig: _So_ waren wir der _Huldgestalt_, Am Felsen schon gewärtig. Mit _Blumen_, nur von _Heil_ gepflückt, War rings die Höhle neu geschmückt; Wie Flora muss in _Pracht_ erscheinen, Wo wir am Sarg der Bräute weinen.

Der hohen _Edeldame_ gleich, In festlichem Gewande: Erschien, -- doch wie von Ahnung bleich, Die schönste Braut im Lande! Sie sah, bestrahlt von Sonnengold, Hinüber nur, nach _Segewold_; Gewiegt von Hoffnung und Vertrauen, Den holden _Liebling_ zu erschauen. --

_Wohl_ ging es meiner Seele nah': Als ich, im Laub' verborgen, Des trüben Auges _Thräne_ sah, Wie Perlenthau am Morgen! Doch gab der böse Feind nicht Ruh'; Er warf mir _Hohnes_-Blicke zu! Die Schauerstunde war erschienen, Mit ihm verschworen, ihm zu dienen!

Indess' ihr Geist den hohlen Raum Nach Segewold gemessen; Und Alles, nur den süssen Traum Der _Liebe_ nicht vergessen: Erscheinen _wir_, wie Blitz der Nacht; Wie Donnersturm der Polenschlacht! Und, mit der Hölle vollem Segen, Ertönet ihr das _Wort_ entgegen:

»Sei mir willkommen, holde _Braut_! Du Schönste aller Zeiten! Dein Leben ist auf _Heil_ gebaut: Ich will dir Heil _bereiten_. Sei unverzagt, und zittre nicht! Dein todtenkaltes Angesicht Soll ungesäumt, in meinen Armen, Am Feuer dieser Brust erwarmen!« --

Die _Jungfrau_, bis zum Tode matt, Bei diesem frechen Hohne: Und bebend, wie ein welkes Blatt, Auf hoher Eichenkrone: Erhob sich bald, in Majestät! Wie Fels in Meereswogen steht! Und wie die Wogen sich _empören_, _So_ lässt sie nun das _Urtheil_ hören:

»Was hat mein Leben dir gethan? Hinweg von dieser Stelle! Der Weg zum _Heil_ ist meine Bahn, Der deine führt zur Hölle! _Dir_ wird die Jungfrau nicht zu Theil; Mein _Erden_-Heil beruht in _Heil_! Bei _dir_ ist Unheil und Verderben; Dem _Heil_ nur leb' ich, ihm zu sterben.« --

Darauf das freche Wort erscholl, Wie aus dem Höllen-Pfuhle: »Der nicht dein _Gatte_ werden soll, Umarme dich als _Buhle_! _Die_ mir des _Gatten_ Glück versagt: Sei _Dirne_ mir, auch ungefragt! Dein _Unheil_ wirst du, wohl berathen, Dem lieben _Heil_ ja nicht verrathen.« --

Mit diesen Worten stürmt er ein, Auf Lebensglück und Ehre; Die zarte _Jungfrau_ stand _allein_; Verlassen, ohne Wehre! Sie rang, mit der Verzweiflung Kraft; Bis, in den Staub dahin gerafft, _Sie_, machtlos, neu sich zu erheben, Nur bat, ihr schnellen _Tod_ zu geben. --

Ihr Goldgelock in meiner Hand, _So_ hielt ich sie darnieder; Er aber riss das Gürtelband Von ihrem blauen Mieder. Ein _Rosatuch_, das ihm gefiel, Entfallen ihr im Kampfgewühl': Erwählte _Gott_, in _seinen_ Händen, Der Schande Schmach von ihr zu wenden!

Denn _sie_, mit Flötenton, begann: »Dir gilt mein Habsal _wenig_! Doch wisse: wer das _Tuch_ gewann, Ist reicher, denn ein König! _Kein_ Tuch, in allem Erdenreich', Ist dieser _Wundergabe_ gleich; Zu _eigen_ soll es dir gehören, Doch lass' mich ziehen, _frei_, mit _Ehren_!

»Es wohnt im Tuche _Zauber_-Macht! Sein Schmuck, in bösen Stunden, Und auch im Dampfe wilder Schlacht: Befreit von Todeswunden. Es rettet Leben Dir und Leib; -- Dem starken Mann, dem schwachen Weib', Vermag nicht Blei, noch Stahl und Eisen, Die sich're Seele zu entreissen.« -- --

Sofort der wilde _Junker_ spricht: »Lass' deine Künste fahren! Mich retten deine Zauber nicht; Mich soll der _Muth_ bewahren! Wenn Schwert und Panzer nicht beschirmt, Wo mir der Tod entgegenstürmt; Nicht Muth und Kraft mir Sieg verleihen, Kann mich dein _Flitter_ nicht befreien.« --

Er wirft die gold'ne Busenzier Der keuschen Brust entgegen; Und fühlt nur freche Lustbegier Das Räuberherz bewegen. Er stürmt auf sie, wie Wetterstrahl! Da bleibt ihr nur die _Todes_wahl; Und horch! ihr Schicksal zu beschämen, Lässt muthvoll _sie_ das _Wort_ vernehmen:

»Den _Zauber_, der im Tuche wohnt, Soll deine That beweisen! Vertraue mir! das Tuch verschont Den Leib vor deinem Eisen. Mich lähmt kein Schlag von dieser Welt; Und auch kein Tropfen Blutes fällt: Ob Dolche, Schwerter, Lanzenspitzen, Des Feindes, auf mich niederblitzen.

»Umringt den Hals mein _Rosatuch_, Wie gleich es mag geschehen: So bet' ich meinen Zauberspruch, Dann sollt ihr Wunder sehen. Erhebe deinen Stahl der Schlacht! Fall' aus mit deiner Riesenmacht! Nur ziele muthig nach der Kehle! Dann _sicher_ bleibt mir Leib und Seele.« --

Wie nun den weissen Hals umwand Das Tuch von Gold und Seide: Entriss mit Ingrimm seine Hand Den Würgerstahl der Scheide. Besessen, wie von Tiegerwuth, In seinem Blick' der Hölle Gluth: _So_ liess, dem _Satan_ heimgefallen, Der Wüthrich _diesen Ruf_ erschallen:

»Ist _also_ dem, so wäre schier Dein Flitterstaat zu loben; Sei denn bereit! ich will an dir Des _Tuches Kraft erproben_. Das _Eine_ soll entschieden sein: Das _Tuch_ ist, oder _Du_ bist mein! Mein _Schicksal_ ruft! es soll erklären, Ob deine _Wunder_ sich _bewähren_!« -- --

Ich sah nun, kurze Weile fort, Den Rosenmund sich regen; Mir aber klang das leise Wort, Als wär' es _Zauber_-Segen. Es war jungfräuliches _Gebet_, Um letzte Kraft, von _Gott_ erfleht! _Das_ hab' ich gläubig erst empfunden, Da schon ihr Leben war entschwunden.

Sie warf den milden Scheideblick Nach _Segewold_ hinüber; Da mass sie das verlorne Glück! Da ward ihr Auge trüber! Doch schnell die Augen abgewandt, Den letzten Blick zu _Gott_ gesandt: Lag sie bereit, dahin zu gehen -- Dem grossen Tod' das schöne Leben. --

O, weh' mir, dem es nicht gelang, Ihr Schicksal noch zu wenden! Denn eilig schon der Mörder schwang Den Stahl mit beiden Händen! Und, zielend nach dem _Rosatuch'_, Vertrauend auf den Zauberspruch: So liess er, meinem Blick zum Grausen, Den Schlag, wie Blitz, darniedersausen! -- --

Entflogen war des Lebens Traum! -- Weit offen gähnt die Wunde! Kein _Ach_ erscholl! sie zuckte kaum, Mit dem nun bleichen Munde! Sie starb, mit allem Heldenmuth'! Ein Purpurquell von klarem Blut', Beschloss, als rauchende Fontäne, Die hoch erhab'ne _Trauer-Scene_!...

Dem Markstein an der Grenze gleich, Gebannt an seine Stelle: So standen _Beide_, starr und bleich, Der _Mord_ und sein _Geselle_! -- Ein _Angstruf_, den ich laut vernahm, Der aus der nahen Tiefe kam: Vermochte nicht mit seinem Schrecken, Der _Zeugen_ Furcht in mir zu wecken. --

Das Tüchlein blieb ein Zaubertuch, Für uns von Weltenschwere! Es trug in sich der Nachwelt Fluch; Der _Jungfrau_ -- Preis und Ehre! Der Mörder sah zum Opfer hin, Wie _Kain_ nach dem Mord erschien: Und nach hinabgewürgtem Grimme, Vernahm ich der _Verzweiflung_ Stimme:

»O, _du_, getaucht in Martyrblut: Du _Gott_-gesandte _Gabe_! Du _Zaubertuch_, das Wunder thut, Im Sarge noch und Grabe! _Gespinnst_, wie du der Welt dich nennst: Gesponnen mir zum Nachtgespenst'! _Gewebe_, mir zur _Qual_ gewoben: Lass dich von deiner _Jungfrau_ loben!

»O _Schönheit_, wie noch keine war! Von mir in Staub getreten! _Hier_ ist mein Tempel und Altar! _Hier_ lern' ich heute beten! -- _Gebet_? -- Was solch ein _Mörder_ spricht: Erhört ein Gott im Himmel nicht! _Mir_ soll kein Paradies mehr grünen; Ich muss hinfort der _Hölle_ dienen

»Die _Ehre_ -- war dein _Zauber_-Spruch, Dein Tuch dein Ritterorden! _Mir_ aber ist der Zeiten Fluch, Und Schmach zu Theil geworden. Ich _folge_ dir, in schnellem _Tod_, Doch nicht zu deinem Morgenroth! Mein Schwert empfängt die Felsenquelle; Den Leib der Strang, den Geist die Hölle!

»Dir _Frieden_, Leib in deinem Blut! Dir _Freude_ dort, du Engelseele! Dein Grablied sei dein Heldenmuth! Dein Denkmal diese Zauberhöhle! Dein _Geist_, verklärt in _Liebe_, steigt, Wenn Hoffnung mir und Glaube schweigt. _Ich_ -- bin ein Labsal nur den _Raben_: _Dich_ wird der _ew'ge Ruhm_ begraben!

»Du _lächelst_ noch im _Tode_ mild, Als ob du mir verziehen! _Ich_ -- werde deinem _Schattenbild'_ Im Tode nicht entfliehen! -- Hinaus! hinweg, von dieser Welt! Die Bühne _brach_, der Vorhang _fällt_! Komm', _Hölle_ du, mit deinen Qualen: Ich will dir meine Schuld bezahlen.« --

Nach diesem stürmt er wild hinab, Den Richter in der Seele: Zum _Opfer_ am Sibyllengrab' Der alten _Liven_-Höhle. Da winkt ihm, unter festem Dach, Und schweigsam, wie ein _Lethe_-Bach, Und eisigkalt, doch rein und helle: Im Felsenbett', die _Felsenquelle_.

Nun senkt er vor dem klaren Strom' Den Mörderstahl danieder; Und hohl ertönt im Felsendom Das _Wort_ des _Fluches_ wider: »Ein _Opferpriester_ komm' ich heut'! Dem Opfer fehlt noch Grabgeläut; So lass' denn, _Quelle_, _dich_ erwählen, Von uns dem Volke zu erzählen!

»Du nahmest im Jahrtausendlauf', Bei deinem Tropfen-Spiele, So manche _Thräne_ schweigend auf, Und Opfergaben _viele_! Hier tränktest du den müden Gast; Hier fand er Schattenkühl' und Rast! Dir Dank für Labe zu beweisen. Empfange nun mein Mördereisen!

»Es soll, von edlem Blut' geweiht, Zu dir hinab versinken; Dann lass' mich Allvergessenheit Aus deinem Borne trinken! -- Ein Opferlamm, so weiss und rein, Geschlachtet auf dem Opferstein: Ein _Tugend_-Leben, kranzumwunden, Hat sterbend hier den _Preis_ gefunden!

»Du _Berggeist_, der in _Tiefen_ thront In unentweihter Stille! Du, _Nixe_, die den _Quell_ bewohnt! Begraben du, _Sibylle_! Du reiner, flüssiger Kristall! Und du im Lenze, _Nachtigall_! Verkündet, wann ich längst gefallen, Der _Jungfrau Lob_ in diesen Hallen!« -- --

Nach diesem, warf die Mörderfaust Den Mordstahl in die Quelle; Und, wie zum _Hohne_, zischt und braust Die wild empörte Welle. Darauf zu _mir_ der _Arge_ spricht: »Verfolge meine Wege nicht! Ergreife schnell die Flucht, und weiche, Bevor ich würge dich zur Leiche!« -- --

Gejagt, von unsichtbarer Macht, Durch hell besonnte Fluren, Entschwand er in des Waldes Nacht; Ich -- folgte seinen Spuren. Es trieb mich, ohne Rast und Ruh', Den dicht belaubten _Höhen_ zu; Wo quälend, unter Laub der Bäume, Der _Schlaf_ mich senkt in _Todesträume_!

Ich sah gezückt das Mordgewehr Die Schauerlüfte spalten; Gespenster zogen um mich her, In blutigen Gestalten; Bis nun die _Todesbraut_ erschien, In weisser Hand der _Palme_ Grün; Siegprangend, über Mord erhaben, Umschwebt von tausend Engelknaben!

_So_ war ich unter meinem Baum, Verborgen, nicht geborgen; Bis endlich aus dem schweren Traum Mich weckt der junge Morgen. Mein _erster_ Blick, aus dem Versteck, Erlugte, mir zu neuem Schreck: Den _Mörder_, starr und ohne Leben; Der _selber_ sich den _Tod_ gegeben!

Da hing, vergebens lang gesucht: Der _Flüchtling_ -- eine _Leiche_ -- Wie eine _Gift_-belad'ne Frucht -- Am Stamm der höchsten Eiche! Sein Angesicht, wie Asche grau; Die Lippe Schaum, die Zunge blau; Wie Wolfbrut fletschend, mit den Zähnen; Das Haar gesträubt, wie von Hyänen! --

Und sieh, mein _Weltenrichter_ kam, Herab in seinem Grimme! Das Ohr in meiner Brust vernahm Die Donner seiner Stimme. -- _Gewissen_ -- bleibt kein leeres Wort! _Gewissen_ -- treibt die Sünder fort: Was _tief_ im Busen sie bewahren, Dem hellen _Tag'_ zu offenbaren.

_So_ trat ich vor die Schranken her, -- Nicht, Mitleid zu erweinen; Ich will, von _Schuld_ beladen _schwer_, In voller Schuld erscheinen. Dem _Mörder_ war ich zugesellt! Und, _Feind_ des Lebens dieser Welt: Verlang' ich, _Tod_ mir zu gewähren; Doch _frei_ den _Jüngling_ zu erklären.« --

_So_ sprach er; und die Halle glich Dem Grabe der Karthause; Und nur dem lauten _Ach_ entwich Des Volkes Todtenpause. Doch schien dem hohen Landgericht' Noch eine _Frage_ von Gewicht: Der _Mordgeselle_ soll besagen, Was sich mit _Leutha_ zugetragen.

Mit Staunen ob der Frage, schweigt Der bleiche Mordgeselle; Doch sieh, von _Greif_ getragen, zeigt Das _Kind_ sich an der Schwelle! Die Tochter war noch schreckenblass: Und jedes Auge wurde nass: Da rührend nun die Gottgesandte, Was _sie_ vernommen, auch bekannte.

* * *

Geschäftig war das holde _Kind_, Vergissmeinnicht zu pflücken, Um liebend, mit dem Kranzgewind', Wie oft, die Braut zu schmücken. Da hörte sie ein Wehgeschrei; Und lief, den Stufen zu, herbei: Um in der _Grotte_, auf den Höhen, Zu sehen, was der Braut geschehen.

Doch, wie den _Mörder_ sie erblickt, Am Höhleneingang droben, Den Mordstahl in der Hand gezückt, Zum Morde schon erhoben; Und wie der Schlag darniederfällt: Da schwindet ihrem Blick' die Welt; Und unter Wehruf, halb vernichtet, Ist sie der Ferne zugeflüchtet.

* * *

Die Tochter irrte nach _Cremon_, Das lieb sie aufgenommen; Doch schien der Todesengel schon Herab auf sie gekommen. Mit starrem Blick und ohne Wort, So blieb sie, fern dem Vaterort'; Bis endlich _Boten_ sie erfragen, Und heim, zu ihren _Lieben_ tragen.

* * *

Sie fühlt, vom tiefen Schlaf' erwacht, Sich traut in Vaterarmen; Und neu das Leben, angefacht An Mutterbrust, erwarmen. Und da die _Sprache_ wiederkam, Genügend nun das Volk vernahm: Wie _Wahrheit_, aus der _Unschuld_ Munde, Den Mörder wies, durch sichre Kunde.

Der _Henker_ sucht und findet bald An nachgewies'ner Stelle, Den _Mörder_, todt im fernen _Wald_', Den _Mordstahl_ in der Quelle; Um _Beides_, nach dem Richterspruch, Beladen mit dem Zeitenfluch, Und allem Volke zum Gedenken, In tiefen Schlammes Pfuhl zu senken.

* * *

Bereitet wird ein _Ehrengrab_, Der _Jüngling_ frei gesprochen; Und über _Skudritz_ wird der Stab Von Richterhand gebrochen. Und ungesäumt und ungetheilt, Die _Menge_ nach dem _Kerker_ eilt: Mit Preis und Lob, die ihm gebühren, Den _Heil_ zum _Heil_ herbeizuführen.

XIV.

Heil, im Garten von Segewold.

_Garten_, dem ich _Leben_ gab: Senke deinen Stolz danieder! Deine _Flora_ ging zu _Grab_', Und kein Frühling weckt sie wieder!

_Rosenblüthe_, weiss und roth: Neige deine Zauberfülle! Meine _Rosa_ brach der _Tod_: Schmücke nun die _Leichenhülle_!

_Veilchen_, das der Hain verbarg, _Veilchen_ von der Alpenwiese: Blühet nun an _ihrem_ Sarg, Wie ein Kranz vom Paradiese!

Ihr, _Jasminen_, reich an Duft: Leer sind ohne _sie_ die Räume! Füllet nun die Todtengruft, Mit dem Hauch der Blüthenträume!

Farbenpracht im Schwester-Chor, Adelstolze _Georginen_! Hüllet euch in Trauerflor, Dort, auf meinen Weltruinen!

Reich an Balsam, voll der Pracht, Labyrinthe süsser _Nelken_! Schmücket ihre Todesnacht, Eh', wie _sie_, die Blüthen welken!

_Lilie_ der Blumenau, Rein wie _sie_, vor allen Reinen: Fülle dich mit Maienthau; Lass' ihn sanft daniederweinen!

Kränze von _Vergissmeinnicht_, Die das Blau vom _Himmel_ saugen! Nacht begrub der Sonne Licht: Schliesset nun die Liebesaugen!

* * *

_Myrthenstamm_, den ich erzog, Du, der holden _Braut_ Verlangen, Den ich ihr zur _Laube_ bog: Nur am _Grabe_ wirst du prangen!

_Loorber_-Schmuck und _Palmen_-Zier! Lohn dem Helden, Preis dem Ruhme, Durch den _Tod_ erkauft von _ihr_: Grünet nun im Heiligthume!

_Oelzweig_, den nach müdem Flug, Friedebringend, _Noah's_ Taube, Nach der Wunderarche trug: -- _Meine_ Arche -- fiel zu Staube!

Schatten du vom _Lebensbaum_, Den mein Traum zu lang gemessen: Edler schmücken deinen Raum _Trauerweiden_ und _Cypressen_.

_Baum_ der _Gräber_, du allein, Wirst hinfort, und nicht vergebens, Zierde meiner Hütte sein; Und _allein_ mir Baum des Lebens!