Chapter 1
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DIE
JUNGFRAU von TREIDEN.
EIN
HISTORISCH-ROMANTISCHES GEMÄLDE AUS DER VORZEIT LIVLANDS
VON
ADELBERT CAMMERER.
_Motto_: Honorem meum nemini cedo.
ZEIT DER BEGEBENHEIT 1600 à 1620.
RIGA, 1848. BEI H. SCHNAKENBURG.
Der Druck dieser Schrift wird unter den gesetzlichen Bedingungen gestattet. _Riga_, den 4. Mai 1848. Dr. C. E. NAPIERSKY, Censor.
Seiner Hochwohlgeboren
dem
Herrn Assessor am livl. Hofgerichte zu Riga,
Collegienrath und Ritter
MAGNUS VON WOLFFELDT,
welcher den Preis-Juwel jungfräulichster Grossthat, aus 228jährigem Grabesmoder, mühevoll an das Licht, vor die Augen und Herzen der Welt gebracht,
dankbar gewidmet
von
_dem Verfasser._
Die
Jungfrau von Treiden.
I.
Prolog.
Zu dir, _Livonen-Schweiz_, hinan, Und deiner Vorzeit Leben: Lass mich, auf _Clio's_ treuer Bahn, Den _Sänger_-Flug erheben!
* * *
Wo schimmern dort, von Sonnengold Und Abendroth beschienen: _Kremon_, _Thoreida_, _Segewold_, In klagenden Ruinen;
Wo seit dem Blutwerk' ihrer Schlacht, Herab in Blumen-Auen, Von ihrem Thurm bei Mitternacht, Die todten Ritter schauen;
Wo Feinde nun ein Grab versöhnt; Und, auf der Vorwelt Leichen, Der Hügelreihen Stirne krönt Ein Bürgerkranz von Eichen;
Wo _Flora's_ holde Kinder mir Das Pfühl zum Lager breiten; Pomona dort, und Ceres hier, Ein Erntefest bereiten;
Wo nach _Mäander_-Krümmen-Tanz Des Stromes, die _Najade_, Bei lauer Welle Silberglanz, Dem _Amor_ winkt zum _Bade_;
Wo aus der _Felsengrotte_ spricht Der Heidenwelt _Sibylle_; Und bei _Dryaden_ Kränze flicht Die _Muse_ der _Idylle_;
Wo hell, zum Morgenstern empor, Der Haine Lieder wallen; Und Wehmuth schwelgt im Tausendchor Von _Hölty_-Nachtigallen: --
Zu dir hinan, _Livonen-Schweiz_! Nach deiner Vorzeit Leben, Und deiner _Anmuth_ Blüthenreiz', Will ich den Flug erheben.
_Thoreida_ sei des Fluges Ziel! _Asträa_ soll mich führen! -- Ein _Opfer_, das dem Herrn gefiel, Soll tief die Seele rühren!
* * *
Nicht _Männer_ aus der _Ritter_ Zahl, Gegossen wie von Eisen; Nicht _Helden_ von Granit und Stahl, Will meine Harfe preisen:
Der _Weltgeschichte_ stolze Macht Hat ihren Kranz gewunden; Sie kann nicht leben ohne Schlacht, Nicht ohne Völker-Wunden!
Ihr _Griffel_ hat so manchen _Wicht_ Gigantisch aufgemessen; Und mancher _stillen_ Grösse Licht, Das _Welten_ strahlt, _vergessen_!
* * *
Die _Jungfrau_, die _mein Lied_ erkor, Zum Preis und Ehrenmale: Sie trat aus öder _Nacht_ hervor; Nicht aus dem Marmorsaale.
Es war, in Gottes freier Luft, Ein Schlachtfeld ihre Wiege; Das Brautgemach -- die Todtengruft; Ihr Tod -- ein Sieg der Siege!
* * *
Hat _gross_ in Rom _Lucretia_ Die Schmach in Blut begraben: So steht die _Deutsche_ -- _grösser_ da, Und fleckenlos erhaben.
_Entweiht_ nur sank in Todeshand Die römische Matrone: Doch _sie_, _Livona's_ Tochter fand, Im Tod -- die Martyrkrone!
Dort muss ein _Frauentod_ dem Staat' Die _Freiheit_ vorbereiten: Doch meiner _Jungfrau_ Heldenthat -- _Entschwand_ dem Buch' der Zeiten!
Sie lag, im Zweijahrhundertlauf', Der Nächte Nacht zum Raube; Da stieg sie neuem Leben auf, Aus Moderschutt und Staube.
Und _Jener_, dem die _That_ gelang, Der Welt sie neu zu geben: Er möge nun im Lobgesang, Wie _seine Jungfrau_, leben![A]
[Footnote A: Unter dem Worte »_Jener_« ist, wie die Leser leicht einsehen werden, wohl nur _der Mann_ zu verstehen: _Dem_ diese Blätter, und zwar mit vollem Rechte, gewidmet werden.]
II.
Vor dem Burggetrümmer von Treiden.
_Fremdling_, der sich mir gesellt! _Gast_, bei Mondenscheine! Sieh! von weiland stolzer Welt, Deren Denkmal hier zerfällt, Reden noch die Steine. -- Und -- von jenem _Ritter_-Spiel, Das im Blute stieg und fiel: Zeugen, aus dem _Grab_-Gefild', Helm und Panzer, Schwert und Schild, Schädel und Gebeine; -- _Segen_-Grossthat -- _keine_!
* * * * *
Oft, seit grauer Heiden-Nacht, Spielwerk roher Völkerstürme: Sank, _Thoreida_! deine Macht; Sanken deine Riesenthürme!
Aber -- liess versöhnte Zeit Ihre Schlachtendonner schweigen: Sah das Volk die Herrlichkeit Wieder aus dem Grabe steigen.
Völkermark und Heldenblut Sollte diese Fluren düngen! Stets erneuter Kämpfe Wuth Musste diese Welt verjüngen!
Fürst und Ritter, Herr und Knecht, Schweden, Polen, Lithuanen, Und der Reussen Landesrecht: Fochten um den Sieg der Fahnen.
Ritterthum und Mönch-_Asyl_ -- Beidem klang die Todtenmette; Und von ihrem Trauerspiel' Blieb dem _Volke_ -- nur die _Kette_!
* * *
Aber -- als dem Siegerglück' _Treiden_ sank, im Opfertode: Gab dem Fest' -- ein _Weltgeschick_ -- Noch ein Stück, als _Episode_!
Und, wenn Bücher ohne Zahl, Hier, von Schlachtenruhm erzählen: Will ich nun, zum _Heldenmal'_, Nur die _Episode_ wählen.
* * *
_Jungfrau_, wie dein Schicksal gross! Grösser noch, in deinem Falle! Komm', aus tiefem Gräberschooss', In des Ruhmes Ehrenhalle!
Manchem Helden sank der Muth, Sein Verhängniss zu ertragen: Aber _du_, in deinem _Blut'_, Hast dein Schicksal _mit_erschlagen!
* * *
Wand'le denn, mit deinem Ruhm', Durch die Wahrheit im Gedichte, -- Von Minerva's Heiligthum', Hin, zum Tempel der _Geschichte_!
III.
Rosa Mai.
_Luna_ schien zur Abendfeier, Und in ihrem Sternenschleier Kam die thränenfeuchte Nacht; Tausende, noch unbegraben, Geierbeute, Spiel der Raben, Trug das Blutgefild der Schlacht.
Aber _Manche_, reich an Wunden, Die das Ende _nicht_ gefunden; Sah'n aus Leichenschutt hervor! Der Verzweiflung wilde Töne, Fluch, Gebet, und Angstgestöhne, Drangen noch zu Gott empor!
Tochter, Gattin und Matrone, Fanden hier den Tod zum Lohne, Treu der Ehre, sonder Schmach! Ja, der Hekatombenspende Sandten auch die Würgerhände Noch das Kind der Wiege nach!
Doch -- indess bei Mondenschimmer, Droben auf dem Burg-Getrümmer, Noch der Todesengel sass; Und die ungelad'nen Gäste, Bei _Thoreida's_ Todtenfeste, Lärmen, schwelgen, ohne Maass; --
Während dort, wie Feuerdrachen, Brände durch die Lüfte krachen, Mit der Hölle Glutgewalt: Sieh, da wandelt, Gott-berufen, Einsam auf den Trümmerstufen, Eines _Freundes_ Huldgestalt!
_Greif_, der _Schreiber_ auf dem Schlosse, Waffenlos im Kriegertrosse, Und dem _Sieger_ unterthan: Gründet sich, den Muth zum Schilde, Nieder zu dem Schlachtgefilde, Mühenvoll die schwere Bahn.
Labsal für die rechte Stunde, Oel und Balsam für die Wunde, Und vielleicht das _letzte_ Brot: Trug er liebend und geschäftig; Trug der _Edle_, thatenkräftig, Für der Nöthen höchste Noth!
Spähend nun im Leichenbette, Ob die Hand noch Leben rette: Warf er seinen Blick umher; Doch, bei allem Muth und Streben, Fand er keine Spur von Leben, Keinen Strahl der Hoffnung mehr.
* * *
Von des Todtenfeldes Mitte, Wandt er, klagenvoll, die Schritte, Wieder heim, an seine Pflicht; Aber _sieh_! die Blicke schauen -- Noch ein _Bild_ von _Edelfrauen_, Weiss, wie Schnee, von Angesicht!
Liebend folgte sie dem _Gatten_, Selber in das Reich der _Schatten_; Sein auf ewig, hier und dort! Denn vermählte Seelen tragen, Wann die Herzen nicht mehr schlagen, Ihre Liebe mit sich fort.
* * *
Und an ihrem starren Busen Lag, -- zu fernem Lied' der Musen, Grosser That noch aufbewahrt, -- Von dem Schicksal auserlesen: Noch ein _kleines Engelwesen_, Gleich der Perle rein und zart!
Halb dem Würger hingegeben, Mehr schon Leiche, kaum noch Leben, Mit dem Rest von Lebenslust: Sog das Kind am Nektarbronnen; Doch -- er war zu _Eis_ geronnen! Marmor blieb die kalte Brust!
* * *
_Greif_, der Edle, Muthbeseelte, _Greif_, der von dem Herrn Erwählte: Nahm das Kind in Vaterarm; Pflegte sein mit Lust und Bangen, Küsste Rosen auf die Wangen, Und die kalte Lippe warm.
Wie von Sturmes Macht getrieben, Führt ihn _Liebe_ dann zur _Lieben_, Hin, zur _Gattin_, ihm vertraut: _Die_, von hohem Söller droben, Herz und Blick zu Gott erhoben, Einsam in die Ferne schaut.
* * *
Und er kam mit froher Kunde! Und aus seinem Rettermunde Klang der Liebe Zauberton: »_Mutter_, wirf den Kummer nieder! Eine _Tochter_ bring' ich wieder, Nach dem früh verklärten Sohn!« --
Sieh! und Thau in holden Augen, Liess die Mutter _Kindlein_ saugen, An der Lebensfülle Born. -- Beifall winken, aus der Ferne, Myriaden gold'ne Sterne; _Luna_ mit dem Silberhorn!
»Für den _Sohn_, von Gott empfangen, Für den _Sohn_, zu Gott gegangen: Sei nun _Tochter_ diesem Haus!« -- _Also_, nach dem Sturm' der Leiden, _Also_ sprechen -- _Eins_ die Beiden, Dankbar, ihren Segen aus.
* * *
So nun, an des Todes Thoren, Kaum dem Leben neu geboren, Nicht zum Opferlamme reif: Sieht der _Säugling_, zart umfangen, Mit der Liebe Kussverlangen, Auf den lieben Vater _Greif_.
_Diesen_ führt, am nächsten Tage, Ringsumher die Sorgenfrage: Nach der Eltern Stammgeschlecht; Aber, ach, die Todten schweigen! Nimmer will sich Kunde zeigen; _Sein_ wird also _Vaterrecht_.
Segen wird der _Herr_ verleihen; _Taufe_ soll die Tochter weihen, Durch geweihte Priesterhand: Doch, der Tempel, in Ruinen, Kann dem Himmel nicht mehr dienen; Sein Altar und Diener schwand! --
»Gottes Vaterblicke wachen! Seine Gnade, stark in Schwachen, Werde Schild und Wanderstab! Seinen _Engel_ wird er senden; Unheil von dem _Kinde_ wenden, Dessen _Wiege_ war -- ein _Grab_!« --
_So_, gestählt von solchem Worte, Wandelt _Greif_ zur Eisenpforte, Mitten durch die Kriegerschaar; Eilt dann, muthig, mit der _Kleinen_, Und im Treugeleit' der Seinen, Fernhin, zu des _Herrn_ Altar.
Bei der _Taufe_ zu bekunden, _Wann_ die _Tochter_ aufgefunden, Und dem Tag' gewonnen sei: Nannte _Greif_ die Namenlose -- =Rosa Mai=, die Maienrose, Nach dem Blüthenmonde _Mai_.
Dank nach _Oben_ wird gesendet; Opfergabe dann gespendet, Wie sie dem Altar' gebührt; Und so kehren heim die Beiden, Wieder nach dem Schlosse _Treiden_, Und -- wohin der _Himmel_ führt.
Dann -- wie _Vatergüte_ schalten, Dann -- wie _Muttertreue_ walten, Und die Liebe pflegen kann: Soll hinfort das _Kind_ erfahren! -- Monde reifen so zu Jahren, Bis der Jugend Lenz begann.
IV.
Ihre Jugend, Erziehung und Geschäftigkeit.
Sieh, und Kriegesdonner schweigen! Neue Lebensbäume steigen Aus dem feuchten Modergrab'! Holde Friedensengel schweben, Ueber Saat und Flurenleben, Für gemess'ne Zeit herab.
* * *
Wieder _neu_, zu _Gottes_ Ehre, Prangen Tempel und Altäre; Fester stieg der Festen Bau. Und von _Treidens_ Thurm und Saale, Grüsst der Blick im Blumenthale, Neu, die alte Bilderschau.
* * *
Glockenton und Liederklänge, Orgel und Choral-Gesänge, Tönen festlich, nah' und fern; _Rosa_ kniet im Kirchenstuhle, Horcht den Lehren in der Schule, Vor dem _Prediger_ des _Herrn_.
_Seiner_ Pflege, _seinen_ Sorgen, Anvertraut am Jugendmorgen, Auch in Liebe zugethan: _Also_, stets bei regem Fleisse, Ringend nach dem Ehrenpreise, Blüht das _holde Kind_ heran.
Keinem schnöden Wahn zum Raube, Tief gegründet, ruht ihr _Glaube_, Wie ein Fels im Meer' der Zeit! Nur dem Bund der _Christus_-Lehre, Frommer Sitte, Zucht und Ehre, Blieben Geist und Herz geweiht.
_So_ dann führt der _Kirche_ Segen Sie dem Tagberuf' entgegen, Muthreich wider Missgeschick! Und so kehrt sie, achtzehnjährig, Wohl belehrt, zu Mehr gelehrig, In der _Lieben Arm_ zurück.
* * *
Kaum begrüsst im _Vaterhause_, Kennt ihr Walten keine Pause, Ihr Bemühen keine Rast; Allem Winke zu genügen, Schafft die Arbeit nur Vergnügen, Und die Sorge keine Last.
Immer neuen Reiz entfalten, Hass in Liebe umgestalten, Gottes-Frieden in der Brust; Kummer scheuchen, Groll versöhnen. Auferbauen und verschönen: Ist ihr Tagwerk, ihre Lust!
* * *
Soll ich nun die _Zauber_ malen, Die aus ihrem Auge strahlen, Aus dem holden Angesicht'? -- O, der Götterwelt Gebiete, Auch _Homer_ und seine Mythe, Malen ihre Zauber nicht!
V.
Die Freier.
Rein, wie die Rose von _Eden_, erblüht _Rosa_, die herrliche _Maid_; Hauchend den Balsam in wundes Gemüth, Heilung in Kummer und Leid.
* * *
Nektar, wie _Hebe_, zu spenden bereit, Kämpfern mit bösem Geschick; Und zu verklären die Trübe der Zeit, Hell, mit dem sonnigen Blick':
_Also_ nur war sie danieden, der Welt, _Himmel_ zu gründen bedacht! -- Tage so wurden zu Tagen gesellt, Süss, wie die Träume der Nacht!
* * *
_Venus Urania_ -- sie nur beseelt, _Rosa_ dich, ohne Gefahr! Aber -- auch _Venus_ von _Knidos_ erwählt _Treiden_ zu ihrem Altar!
_Amor_ entsandte, mit Zaubergewalt, Pfeile von seinem Geschoss; _Manche_ der _Freier_, von Heldengestalt, Hält er gefangen im Schloss!
Lüstlinge reden von Wappen und Stand, Preisen im Grabe den _Ahn_; Zierlinge bieten vermessen die Hand; Rühmen, was Jeder gethan.
Zärtliche Buhlen, von altem Geschlecht', Malen die Ferne so klar! _Redliche_ -- lieben nur schlicht und gerecht, Doch die Gefühle sind wahr.
Aber -- ob Mancher dem Auge gefiel; Ob er auch liebe, so heiss! _Keiner_ gewann sich das herrliche Ziel: Liebe für Liebe den _Preis_!
VI.
Victor Heil, der Fremdling.
(Vom Lande Würtemberg.)
Ein _Jüngling_, wie ein Göttersohn Aus weiland gold'nen Tagen, In dessen Auge seinen Thron Gott _Amor_ aufgeschlagen;
Der Kraft und Schönheit Conterfei, Geschaffen, um zu siegen; Wie Tanne schlank, wie Ceder frei, Im Sturme sich zu wiegen:
Ein _solcher Jüngling_, hehr und mild, Und frei von allem Fehle: War _Victor Heil_, das _Musterbild_, Von dem ich nun erzähle.
* * *
In _Würtemberg_, dem _Schlosse_ nah', Von dessen Blumenhügel Der _Ruhm_ von _Stauffen_ niedersah, Und schwang die Weltenflügel:
_Da_ war dem jungen Heil die Zeit Der _Kindheit_ hingeschwunden; _Da_ grub in seine Seligkeit Sein _Loos_ -- auch _Todes_-Wunden!
Im _Vaterhause_ früh gewöhnt Zu Regelmaas und Fleisse; Der Schule Vorbild, und gekrönt Mit manchem Ehrenpreise:
Beschloss er, wach für jeden Keim, Der Kenntniss zum Gedeihen, Die volle Kraft dem _Musenheim_ Von _Tübingen_ zu weihen.
* * *
Da -- zehrte _Brand_ am _Vaterhaus_! Und -- _Staub_ war seine Habe! -- Dann starben ihm die Freuden aus, An seiner _Eltern Grabe_!
* * *
Ein _Oheim_, der die _Gartenkunst_ In Meisterschaft betrieben: War noch, in langbewährter Gunst, Dem Jüngling _hold_ geblieben.
Sein liebes Thal-_Asyl_ umwand Ein _Garten_, sonder Gleichen; Denn alle Gärten, weit im Land', Sie mussten diesem weichen.
Und _hier_, in ländlicher Natur, Gewiegt auf ihrem Throne; Vertraut mit Blumen jeder Flur, Mit Blüthen jeder Zone!
_Hier_, in der besten Schule war Die _Probe_ bald gelungen; Der _Jüngling_ sah, nach Einem Jahr, Den Meistergrad errungen!
* * *
Dann rief es ihn zu Wanderlauf, Nach aller Deutschen Weise, Gen _Westen_ wie gen _Süden_ auf, Zur langersehnten Reise.
Gewandert viel, mit Forscherblick, Beschloss er, Mehr zu wagen; Bis Glückesruf und Missgeschick Nach _Norden_ ihn getragen.
* * *
Da hielt _Livona's_ Blumenkranz Den _Jüngling_ bald gefangen; Es war ein _Stern_ von Wunderglanz Am Himmel aufgegangen!
Der holde _Stern_ gefiel sich dort, Und wollte nimmer scheiden; Und Zauber trug den Jüngling fort, Es war -- der _Stern_ von _Treiden_!
Wie Pilger nach dem _Gnadenbild'_, Zu flehen dort um Segen: So pilgert _Heil_, im Thalgefild', Dem nahen Schloss entgegen.
Der _Stern_, im _Rosa_-Farbenspiel, War sein Geleit' geblieben; Die _Burg_ umfing sein _Wonneziel_! Er kam -- und sah -- zu lieben!
* * *
Das Götterbild der Phantasei, Es prangt in vollem Leben! Der _Schatten_ soll, in _Rosa Mai_, Zu _Wahrheit_ sich erheben.
Er schien mit ihrem Blick vertraut, Mit jedem Zug der Mienen; Es war ihm ja die Todesbraut In Träumen oft erschienen.
Der _Holden_ klang sein Abendgruss, Wie Lied von gold'nen Zeiten; Und _Beiden_ kam ihr _Genius_, Mit allen Seligkeiten.
* * *
Dem _Alten_ war, gesehen kaum, Der Jüngling _werth_ erfunden; Und _diesem_ schwand, wie Engeltraum, Die seligste der Stunden.
Der _Mutter_ kam ihr _Sohn_ zurück; Und lautlos horchten Alle: Da _Victor_ sprach von Jugendglück', Und von des Glückes Falle.
* * *
Darauf im Dichterfluge mass Der Jüngling noch die _Reise_; Und bei dem Abendbrot' vergass Der Frohe Trank und Speise.
Denn ihm zur Seite strahlte _Sie_, Gleich einem Prachtjuwele: Das Kleinod seiner Phantasie! Das Leben seiner Seele!
* * * * *
Und zögernd schloss der _Sehnsucht Wort_ Den Sabbath stiller Pause: »Mir ist so wöhlig hier am Ort', Wie fern im Vaterhause!
O, lasset mich ein ödes Land Auf Eurem Grunde finden! Dann soll Euch meine _Gärtnerhand_ Ein _Paradies_ begründen.«
* * * * *
Und _Greif_, dem jungen Eifer hold, Entgegnet, ohne Säumen: »Es fehlt, im nahen _Segewold_, Dir nicht an öden Räumen.
Da führen an das off'ne Thor Noch Reste von Alleen; Auch war ein reicher Blumenflor, Dem Schlosse nah', zu sehen.
Doch seit ihr _Pfleger_ sank dahin, Zu frühen Grabes Frieden: War auch die Blumenkönigin Von Segewold geschieden.
Der _Schlossherr_, dessen hoher Gunst Die Meinen sich erfreuen: Will durch Genossen Deiner Kunst Die alte Pracht erneuen.
Er hält den Mann aus _Deinem_ Land', Vor Allen, hoch in Ehren; Und wer die Probe treu bestand, Kann reichen Lohn begehren.
So pflege denn für diese Nacht Der Ruhe noch in Treiden! Der nächste Tag, der uns erwacht, Soll über Dich entscheiden.«
VII.
Victor's kurze Nacht in Treiden.
Die Schlossuhr kündet Mitternacht, Und Schlaf regiert im Hause; Nur _Heil_ und seine _Liebe_ wacht Noch einsam in der Klause.
Die Geisterstunde ging und schwand, Wie Augenblicke schwinden; Doch -- was die volle Brust empfand, Liess keine Ruhe finden!
Die Schatten der Vergangenheit, Bald heller und bald trüber: Sie zogen aus dem Grab' der Zeit, An seinem Blick vorüber.
Dann voll der _Zukunft_-Sorge, schlug Der Geist an ihre Pforte; Und sandte dem Gedankenflug', Geflügelt nach, die _Worte_:
»Hinweg denn mit dem Wanderstab! Mein Schicksal ist entschieden! Du Wiegenland und Vätergrab', O, grünet fort, im Frieden!
Du Paradies der Heimathflur! Des Neckar-Landes Auen! Der Jüngling wird im _Traume_ nur Hinfort euch wieder schauen.
Der _Gärtner_ zog durch Länder hin, Um fern, im Rosengarten, Der zarten Blumenkönigin Zu pflegen und zu warten.
Und leb' ich nur vereint mit _Ihr_, Der _Einzigen_ auf Erden: Soll auch die starre _Wüste_ mir Ein Garten _Gottes_ werden!« --
* * *
Mit _solcher Tröstung_ schien dem Gast' Der Wünsche Ziel gefunden; Und einer Zukunft Weltenlast War seinem Traum geschwunden.
Doch _draussen_ ging sein _Wunderstern_, Von Trauerflor umhangen! Und dräuend war, im Osten fern, Sein _Schicksal_ aufgegangen.
VIII.
Die Felsengrotte des Victor Heil.
_Dort_, im Schattenkühl der _Guttmann'shöhle_, Deren Felsendach die Eiche _ziert_; _Wo_, seit _Rosen's_ Heimgang, _Philomele_ Tief, wie Schwermuth, Dir die Seele rührt;
_Wo_ der _Live_ seinem _Freudengotte_, Gern und einsam in der Sommernacht, Gaben senkend in den Quell der Grotte, Seine Dankesopfer dargebracht:
_Dort_ auch fanden, nach der Tage Sorgen, Unter Blüthenduft im Abendschein, _Sich_ vertrauend und der Welt verborgen, _Victor Heil_ und _Rosa Mai_ sich ein.
* * *
_Amor_ lieh sein Flügelpaar den _Beiden_, Wann der Sonnengott zu Bette ging; _Ihm_ von Segewold und _Ihr_ von Treiden, Bis die Grotte dann ihr Glück umfing.
_Greifen's Tochter_ war der Braut Geleite; Kind, das kaum den neunten Frühling sah: Blieb sie gern den _Lieben_ an der Seite; Winkes harrend, ihrem Wunsche nah',
* * *
Aus der _Ferne_ schon die _Maid_ zu schauen, War der _Jüngling_ bald bei Nacht bemüht: Noch ein _zweites_ Höhlenwerk zu bauen, Das der Fremdling noch zur Stunde sieht.
_Droben_, dem _Naturgebäu_ zur Linken, Das sich _unten_ wölbt, in Thalesgrund: Seh'n wir heute _Victors Höhle_ winken, Denn _sein Name_ schmückt ihr Felsenrund.
* * *
Fleiss der Liebe, Fleiss der Hände schufen: Was gen _Segewold_ den Blick gewährt; Doch so manche, sonst bequeme Stufen Haben Zeiten und ihr Sohn zerstört!
* * *
Welche Freude kam auf ihre Seele: Da die _Holde_ nun dem Ziele nah', Droben aus dem Bauwerk seiner Höhle, Den _Geliebten_ in der Ferne sah!
Und so weilte sie, bei Tagesneige, Mit der _Schwester_, an der _Grotte_ Rand': Bis sie, schauend durch das Grün der Zweige, Ihren _Freund_ auf seinem Wege fand.
Wie das ew'ge Licht der Kathedrale, Hing der Abendstern am Himmelsdom; Widerstrahlend, längs dem Zauberthale, Sah der Vollmond aus dem Silberstrom.
Unten sang ihr Lied die Grottenquelle; Ferne sprach der Mühle Wasserfall; Und im Laubdach auf der Felsenzelle Schlug die Flötenuhr der Nachtigall.
Und die _Lieben_ sassen, wonnetrunken, Hand in Hand, auf moosig weichem Pfühl, In der _Liebe_ Seligkeit versunken, Voll der Andacht, voll von Dankgefühl!
* * *
Gleich dem Blüthenthal vor ihrem Blicke, Gleich des Stromes ungetrübtem Lauf': Fern dem Unheil, fern dem Missgeschicke, Ging die Zukunft ihren Träumen auf.
Keine Ahnung jener Schicksalmächte, Die dem Glücke liefern blut'ge Schlacht: Weckte noch den süssen Schlaf der Nächte; Trübte noch der Tage Rosenpracht!
_Ach_, -- und _morgen_, eh' dem Sonnenwagen Folgt der Abendröthe letzte Gluht: Hat Dich, _Rosa_, schon der _Mord_ erschlagen! Trank die Erde schon Dein Heldenblut!
IX.
Der 6. August.
»Junker _Victor_ lässt Euch grüssen, Mit dem _Wunsch'_ an Euer Herz: Ihm noch, tröstlich, zu versüssen Bald'ger _Trennung_-Stunde Schmerz!
Hat am Abend noch zu sorgen, Im Geschäfte für den _Herrn_: Aber schon der nächste Morgen Findet ihn -- dem Hause _fern_.