Part 6
LOUISON. Der Traum des Vaters ist erfüllt, daß wir Zu Reims uns vor der Schwester würden neigen. Das ist die Kirche, die der Vater sah Im Traum, und alles hat sich nun erfüllt. Doch der Vater sah auch traurige Gesichte, Ach, mich bekümmerts, sie so groß zu sehn!
BERTRAND. Was stehn wir müßig hier? Kommt in die Kirche, Die heilge Handlung anzusehn!
MARGOT. Ja kommt! Vielleicht, daß wir der Schwester dort begegnen.
LOUISON. Wir haben sie gesehen, kehren wir In unser Dorf zurück.
MARGOT. Was? Eh wir sie Begrüßt und angeredet?
LOUISON. Sie gehört Uns nicht mehr an, bei Fürsten ist ihr Platz Und Königen--Wer sind wir, daß wir uns Zu ihrem Glanze rühmend eitel drängen? Sie war uns fremd, da sie noch unser war!
MARGOT. Wird sie sich unser schämen, uns verachten?
BERTRAND. Der König selber schämt sich unser nicht, Er grüßte freundlich auch den Niedrigsten. Sei sie so hoch gestiegen als sie will, Der König ist doch größer! (Trompeten und Pauken erschallen aus der Kirche)
CLAUDE MARIE. Kommt zur Kirche! (Sie eilen nach dem Hintergrund, wo sie sich unter dem Volke verlieren)
VIERTER AUFZUG
Achter Auftritt
Thibaut kommt, schwarz gekleidet, Raimond folgt ihm und will ihn zurückehalten
RAIMOND. Bleibt, Vater Thibaut! Bleibt aus dem Gedränge Zurück! Hier seht Ihr lauter frohe Menschen, Und Euer Gram beleidigt dieses Fest. Kommt! Fliehn wir aus der Stadt mit eilgen Schritten.
THIBAUT. Sahst du mein unglückselig Kind? Hast du Sie recht betrachtet?
RAIMOND. O ich bitt Euch, flieht!
THIBAUT. Bemerktest du, wie ihre Schritte wankten, Wie bleich und wie verstört ihr Antlitz war! Die Unglückselige fühlt ihren Zustand, Das ist der Augenblick, mein Kind zu retten, Ich will ihn nutzen. (Er will gehen)
RAIMOND. Bleibt! Was wollt Ihr tun?
THIBAUT. Ich will sie überraschen, will sie stürzen Von ihrem eiteln Glück, ja mit Gewalt Will ich zu ihrem Gott, dem sie entsagt, Zurück sie führen.
RAIMOND. Ach! Erwägt es wohl! Stürzt Euer eigen Kind nicht ins Verderben!
THIBAUT. Lebt ihre Seele nur, ihr Leib mag sterben. (Johanna stürzt aus der Kirche heraus, ohne ihre Fahne, Volk dringt zu ihr, adoriert sie rund küßt ihre Kleider, sie wird durch das Gedränge im Hintergrunde aufgehalten) Sie kommt! Sie ists! Bleich stürzt sie aus der Kirche, Es treibt die Angst sie aus dem Heiligtum, Das ist das göttliche Gericht, das sich An ihr verkündiget!--
RAIMOND. Lebt wohl! Verlangt nicht, daß ich länger Euch begleite! Ich kam voll Hoffnung und ich geh voll Schmerz. Ich habe Eure Tochter wieder gesehn, Und fühle, daß ich sie aufs neu verliere! (Er geht ab, Thibaut entfernt sich auf der entgegengesetzten Seite)
VIERTER AUFZUG
Neunter Auftritt
Johanna. Volk. Hernach ihre Schwestern
JOHANNA (hat sich des Volks erwehrt und kommt vorwärts). Ich kann nicht bleiben--Geister jagen mich, Wie Donner schallen mir der Orgel Töne, Des Doms Gewölbe stürzen auf mich ein, Des freien Himmels Weite muß ich suchen! Die Fahne ließ ich in dem Heiligtum, Nie, nie soll diese Hand sie mehr berühren! --Mir wars, als hält ich die geliebten Schwestern, Margot und Louison, gleich einem Traum An mir vorüber gleiten sehen.--Ach! Es war nur eine täuschende Erscheinung! Fern sind sie, fern und unerreichbar weit, Wie meiner Kindheit, meiner Unschuld Glück!
MARGOT (hervortretend). Sie ists, Johanna ists.
LOUISON (eilt ihr entgegen). O meine Schwester!
JOHANNA. So wars kein Wahn--Ihr seid es--Ich umfaß euch, Dich meine Louison! Dich meine Margot! Hier in der fremden menschenreichen Öde Umfang ich die vertraute Schwesterbrust!
MARGOT. Sie kennt uns noch, ist noch die gute Schwester.
JOHANNA. Und eure Liebe führt euch zu mir her So weit, so weit! Ihr zürnt der Schwester nicht, Die lieblos ohne Abschied euch verließ!
LOUISON. Dich führte Gottes dunkle Schickung fort.
MARGOT. Der Ruf von dir, der alle Welt bewegt, Der deinen Namen trägt auf allen Zungen, Hat uns erweckt in unserm stillen Dorf, Und hergeführt zu dieses Festes Feier. Wir kommen deine Herrlichkeit zu sehn, Und wir sind nicht allein!
JOHANNA (schnell). Der Vater ist mit euch! Wo, wo ist er? Warum verbirgt er sich?
MARGOT. Der Vater ist nicht mit uns.
JOHANNA. Nicht? Er will sein Kind Nicht sehn? Ihr bringt mir seinen Segen nicht?
LOUISON. Er weiß nicht, daß wir hier sind.
JOHANNA. Weiß es nicht! Warum nicht?--Ihr verwirret euch? Ihr schweigt Und seht zur Erde! Sagt, wo ist der Vater?
MARGOT. Seitdem du weg bist
LOUISON (winkt ihr). Margot!
MARGOT. Ist der Vater Schwermütig worden.
JOHANNA. Schwermütig!
LOUISON. Tröste dich! Du kennst des Vaters ahndungsvolle Seele! Er wird sich fassen, sich zufrieden geben, Wenn wir ihm sagen, daß du glücklich bist.
MARGOT. Du bist doch glücklich? Ja du mußt es sein, Da du so groß bist und geehrt!
JOHANNA. Ich bins. Da ich euch wieder sehe, eure Stimme Vernehme, den geliebten Ton, mich heim Erinnre an die väterliche Flur. Da ich die Herde trieb auf unsern Höhen, Da war ich glücklich wie im Paradies-- Kann ichs nicht wieder sein, nicht wieder werden! (Sie verbirgt ihr Gesicht an Louisons Brust. Claude Marie, Etienne und Bertrand zeigen sich und bleiben schüchtern in der Ferne stehen)
MARGOT. Kommt, Etienne! Bertrand! Claude Marie! Die Schwester ist nicht stolz, sie ist so sanft Und spricht so freundlich, als sie nie getan, Da sie noch in dem Dorf mit uns gelebt. (Jene treten näher und wollen ihr die Hand reichen, Johanna sieht sie mit starren Blicken an, und fällt in ein tiefes Staunen)
JOHANNA. Wo war ich? Sagt mir! War das alles nur Ein langer Traum und ich bin aufgewacht? Bin ich hinweg aus Dom Remi? Nicht wahr! Ich war entschlafen unterm Zauberbaum, Und bin erwacht, und ihr steht um mich her, Die wohlbekannten traulichen Gestalten? Mir hat von diesen Königen und Schlachten Und Kriegestaten nur geträumt--es waren Nur Schatten, die an mir vorübergingen, Denn lebhaft träumt sichs unter diesem Baum. Wie kämet ihr nach Reims? Wie käm ich selbst Hieher? Nie, nie verließ ich Dom Remi! Gesteht mirs offen und erfreut mein Herz.
LOUISON. Wir sind zu Reims. Dir hat von diesen Taten Nicht bloß geträumt, du hast sie alle wirklich Vollbracht.--Erkenne dich, blick um dich her, Befühle deine glänzend goldne Rüstung! (Johanna fährt mit der Hand nach der Brust, besinnt sich und erschrickt)
BERTRAND. Aus meiner Hand empfingt Ihr diesen Helm.
CLAUDE MARIE. Es ist kein Wunder, daß Ihr denkt zu träumen, Denn was Ihr ausgerichtet und getan, Kann sich im Traum nicht wunderbarer fügen.
JOHANNA (schnell). Kommt, laßt uns fliehn! Ich geh mit euch, ich kehre In unser Dorf, in Vaters Schoß zurück.
LOUISON. O komm! komm mit uns!
JOHANNA. Diese Menschen alle Erheben mich weit über mein Verdienst! Ihr habt mich kindisch, klein und schwach gesehn, Ihr liebt mich, doch ihr betet mich nicht an!
MARGOT. Du wolltest allen diesen Glanz verlassen!
JOHANNA. Ich werf ihn von mir, den verhaßten Schmuck, Der euer Herz von meinem Herzen trennt, Und eine Hirtin will ich wieder werden. Wie eine niedre Magd will ich euch dienen, Und büßen will ichs mit der strengsten Buße, Daß ich mich eitel über euch erhob!
(Trompeten erschallen)
VIERTER AUFZUG
Zehenter Auftritt
Der König tritt aus der Kirche, er ist im Krönungsornat, Agnes Sorel, Erzbischof, Burgund, Dunois, La Hire, Du Chatel, Ritter, Hofleute und Volk
ALLE STIMMEN (rufen wiederholt, während daß der König vorwärtskommt). Es lebe der König! Karl der Siebente! (Trompeten fallen ein. Auf ein Zeichen, das der König gibt, gebieten die Herolde mit erhobenem Stabe Stillschweigen)
KÖNIG. Mein gutes Volk! Habt Dank für eure Liebe! Die Krone, die uns Gott aufs Haupt gesetzt, Durchs Schwert ward sie gewonnen und erobert, Mit edelm Bürgerblut ist sie benetzt, Doch friedlich soll der Ölzweig sie umgrünen. Gedankt sei allen, die für uns gefochten, Und allen, die uns widerstanden, sei Verziehn, denn Gnade hat uns Gott erzeigt, Und unser erstes Königswort sei--Gnade!
VOLK. Es lebe der König! Karl der Gütige!
KÖNIG. Von Gott allein, dem höchsten Herrschenden, Empfangen Frankreichs Könige die Krone. Wir aber haben sie sichtbarer Weise Aus seiner Hand empfangen. (Zur Jungfrau sich wendend) Hier steht die Gottgesendete, die euch Den angestammten König wieder gab, Das Joch der fremden Tyrannei zerbrochen! Ihr Name soll dem heiligen Denis Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist, Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben!
VOLK. Heil, Heil der Jungfrau, der Erretterin! (Trompeten)
KÖNIG (zu Johanna). Wenn du von Menschen bist gezeugt wie wir, So sage, welches Glück dich kann erfreuen; Doch wenn dein Vaterland dort oben ist, Wenn du die Strahlen himmlischer Natur In diesem jungfräulichen Leib verhüllst, So nimm das Band hinweg von unsern Sinnen Und laß dich sehn in deiner Lichtgestalt, Wie dich der Himmel sieht, daß wir anbetend Im Staube dich verehren. (Ein allgemeines Stillschweigen, jedes Auge ist auf die Jungfrau gerichtet)
JOHANNA (plötzlich aufschreiend). Gott! Mein Vater!
VIERTER AUFZUG
Eilfter Auftritt
Die Vorigen. Thibaut tritt aus der Menge und steht Johanna gerade gegenüber
MEHRERE STIMMEN. Ihr Vater!
THIBAUT. Ja ihr jammervoller Vater, Der die Unglückliche gezeugt, den Gottes Gericht hertreibt, die eigne Tochter anzuklagen.
BURGUND. Ha! Was ist das!
DU CHATEL. Jetzt wird es schrecklich tagen!
THIBAUT (zum König). Gerettet glaubst du dich durch Gottes Macht? Betrogner Fürst! Verblendet Volk der Franken! Du bist gerettet durch des Teufels Kunst. (Alle treten mit Entsetzen zurück)
DUNOIS. Rast dieser Mensch?
THIBAUT. Nicht ich, du aber rasest, Und diese hier, und dieser weise Bischof, Die glauben, daß der Herr der Himmel sich Durch eine schlechte Magd verkünden werde. Laß sehn, ob sie auch in des Vaters Stirn Der dreisten Lüge Gaukelspiel behauptet, Womit sie Volk und König hinterging. Antworte mir im Namen des Dreieinen, Gehörst du zu den Heiligen und Reinen? (Allgemeine Stille, alle Blicke sind auf sie gespannt, sie steht unbeweglich)
SOREL. Gott, sie verstummt!
THIBAUT. Das muß sie vor dem furchtbarn Namen Der in der Höllen Tiefen selbst Gefürchtet wird!--Sie eine Heilige, Von Gott gesendet!--An verfluchter Stätte Ward es ersonnen, unterm Zauberbaum, Wo schon von alters her die bösen Geister Den Sabbat halten--hier verkaufte sie Dem Feind der Menschen ihr unsterblich Teil, Daß er mit kurzem Weltruhm sie verherrliche. Laßt sie den Arm aufstreifen, seht die Punkte, Womit die Hölle sie gezeichnet hat!
BURGUND. Entsetzlich!--Doch dem Vater muß man glauben, Der wider seine eigne Tochter zeugt!
DUNOIS. Nein, nicht zu glauben ist dem Rasenden, Der in dem eignen Kind sich selber schändet!
SOREL (zur Johanna). O rede! Brich dies unglückselge Schweigen! Wir glauben dir! Wir trauen fest auf dich! Ein Wort aus deinem Mund, ein einzig Wort Soll uns genügen--Aber sprich! Vernichte Die gräßliche Beschuldigung--Erkläre, Du seist unschuldig, und wir glauben dir. (Johanna steht unbeweglich, Agnes Sorel tritt mit Entsetzen von ihr hinweg)
LA HIRE. Sie ist erschreckt. Erstaunen und Entsetzen Schließt ihr den Mund.--Vor solcher gräßlichen Anklage muß die Unschuld selbst erheben. (Er nähert sich ihr) Faß dich, Johanna. Fühle dich. Die Unschuld Hat eine Sprache, einen Siegerblick, Der die Verleumdung mächtig niederblitzt! In edelm Zorn erhebe dich, blick auf, Beschäme, strafe den unwürdgen Zweifel, Der deine heilge Tugend schmäht. (Johanna steht unbeweglich. La Hire tritt entsetzt zurück, die Bewegung vermehrt sich)
DUNOIS. Was zagt das Volk? Was zittern selbst die Fürsten? Sie ist unschuldig--Ich verbürge mich, Ich selbst, für sie mit meiner Fürstenehre! Hier werf ich meinen Ritterhandschuh hin, Wer wagte, sie eine Schuldige zu nennen? (Ein heftiger Donnerschlag, alle stehen entsetzt)
THIBAUT. Antworte bei dem Gott, der droben donnert! Sprich, du seist schuldlos. Leugn es, daß der Feind In deinem Herzen ist, und straf mich Lügen! (Ein zweiter stärkerer Schlag, das Volk en Sieht zu allen Seiten)
BURGUND. Gott schütz uns! Welche fürchterliche Zeichen!
DU CHATEL (zum König). Kommt! Kommt, mein König! Fliehet diesen Ort!
ERZBISCHOF (zur Johanna). Im Namen Gottes frag ich dich. Schweigst du Aus dem Gefühl der Unschuld oder Schuld, Wenn dieses Donners Stimme fiir dich zeugt, So fasse dieses Kreuz und gib ein Zeichen!
(Johanna bleibt unbeweglich. Neue heftige Donnerschläge. Der König, Agnes Sorel, Erzbischof, Burgund, La Hire und Du Chatel gehen ab)
VIERTER AUFZUG
Zwölfter Auftritt
Dunois. Johanna
DUNOIS. Du bist mein Weib--Ich hab an dich geglaubt Beim ersten Blick, und also denk ich noch. Dir glaub ich mehr als diesen Zeichen allen, Als diesem Donner selbst, der droben spricht. Du schweigst in edelm Zorn, verachtest es, In deine heilge Unschuld eingehüllt, So schändlichen Verdacht zu widerlegen. --Veracht es, aber mir vertraue dich, An deiner Unschuld hab ich nie gezweifelt. Sag mir kein Wort, die Hand nur reiche mir Zum Pfand und Zeichen, daß du meinem Arme Getrost vertraust und deiner guten Sache. (Er reicht ihr die Hand hin, sie wendet sich mit einer zuckenden Bewegung von ihm hinweg; er bleibt in starrem Entsetzen stehen)
VIERTER AUFZUG
Dreizehnter Auftritt
Johanna. Du Chatel. Dunois. Zuletzt Raimond
DU CHATEL (zurückkommend). Johanna d'Arc! Der König will erlauben, Daß Ihr die Stadt verlasset ungekränkt. Die Tore stehn Euch offen. Fürchtet keine Beleidigung. Euch schützt des Königs Frieden-- Folgt mir, Graf Dunois--Ihr habt nicht Ehre, Hier länger zu verweilen--Welch ein Ausgang! (Er geht. Dunois fährt aus seiner Erstarrung auf, wirft noch einen Blick auf Johanna und geht ab. Diese steht einen Augenblick ganz allein. Endlich erscheint Raimond, bleibt eine Weile in der Ferne stehen, und betrachtet sie mit stillem Schmerz. Dann tritt er auf sie zu und faßt sie bei der Hand)
RAIMOND. Ergreift den Augenblick. Kommt! Kommt! Die Straßen Sind leer. Gebt mir die Hand. Ich will Euch führen. (Bei seinem Anblick gibt sie das erste Zeichen der Empfindung, sieht ihn starr an und blickt zum Himmel, dann ergreift sie ihn heftig bei der Hand und geht ab)
FÜNFTER AUFZUG
Ein wilder Wald, in der Ferne Köhlerhütten. Es ist ganz dunkel, heftiges Donnern und Blitzen, dazwischen Schießen
Erster Auftritt
Köhler und Köhlerweib
KÖHLER. Das ist ein grausam, mördrisch Ungewitter, Der Himmel droht in Feuerbächen sich Herabzugießen, und am hellen Tag Ists Nacht, daß man die Sterne könnte sehn. Wie eine losgelaßne Hölle tobt Der Sturm, die Erde bebt und krachend beugen Die alt verjährten Eschen ihre Krone. Und dieser fürchterliche Krieg dort oben, Der auch die wilden Tiere Sanftmut lehrt, Daß sie sich zahm in ihre Gruben bergen, Kann unter Menschen keinen Frieden stiften-- Aus dem Geheul der Winde und des Sturms Heraus hört ihr das Knallen des Geschützes; Die beiden Heere stehen sich so nah, Daß nur der Wald sie trennt, und jede Stunde Kann es sich blutig fürchterlich entladen.
KÖHLERWEIB. Gott steh uns bei! Die Feinde waren ja Schon ganz aufs Haupt geschlagen und zerstreut, Wie kommts, daß sie aufs neu uns ängstigen?
KÖHLER. Das macht, weil sie den König nicht mehr fürchten. Seitdem das Mädchen eine Hexe ward Zu Reims, der böse Feind uns nicht mehr hilft, Geht alles rückwärts.
KÖHLERWEIB. Horch! Wer naht sich da?
FÜNFTER AUFZUG
Zweiter Auftritt
Raimond und Johanna zu den Vorigen
RAIMOND. Hier seh ich Hütten. Kommt, hier finden wir Ein Obdach vor dem wütgen Sturm. Ihr haltets Nicht länger aus, drei Tage schon seid Ihr Herumgeirrt, der Menschen Auge fliehend, Und wilde Wurzeln waren Eure Speise. (Der Sturm legt sich, es wird hell und heiter) Es sind mitleidge Köhler. Kommt herein.
KÖHLER. Ihr scheint der Ruhe zu bedürfen. Kommt! Was unser schlechtes Dach vermag, ist euer.
KÖHLERWEIB. Was will die zarte Jungfrau unter Waffen? Doch freilich! Jetzt ist eine schwere Zeit, Wo auch das Weib sich in den Panzer steckt! Die Königin selbst, Frau Isabeau, sagt man, Läßt sich gewaffnet sehn in Feindes Lager, Und eine Jungfrau, eines Schäfers Dirn, Hat für den König unsern Herrn gefochten.
KÖHLER. Was redet Ihr? Geht in die Hütte, bringt Der Jungfrau einen Becher zur Erquickung. (Köhlerweib geht nach der Hütte)
RAIMOND (zur Johanna). Ihr seht, es sind nicht alle Menschen grausam, Auch in der Wildnis wohnen sanfte Herzen. Erheitert Euch! Der Sturm hat ausgetobt, Und friedlich strahlend geht die Sonne nieder.
KÖHLER. Ich denk, ihr wollt zu unsers Königs Heer, Weil ihr in Waffen reiset--Seht euch vor! Die Engelländer stehen nah gelagert, Und ihre Scharen streifen durch den Wald.
RAIMOND. Weh uns! Wie ist da zu entkommen?
KÖHLER. Bleibt, Bis daß mein Bub zurück ist aus der Stadt. Der soll euch auf verborgnen Pfaden führen, Daß ihr nichts zu befürchten habt. Wir kennen Die Schliche.
RAIMOND (zur Johanna). Legt den Helm ab und die Rüstung, Sie macht Euch kenntlich und beschützt Euch nicht. (Johanna schüttelt den Kopf)
KÖHLER. Die Jungfrau ist sehr traurig--Still! Wer kommt da?
FÜNFTER AUFZUG
Dritter Auftritt
Vorige. Köhlerweib kommt aus der Hütte mit einem Becher. Köhlerbub
KÖHLERWEIB. Es ist der Bub, den wir zurückerwarten. (Zur Johanna) Trinkt, edle Jungfrau! Mögs Euch Gott gesegnen!
KÖHLER (zu seinem Sohn). Kommst du, Anet? Was bringst du?
KÖHLERBUB (hat die Jungfrau ins Auge gefaßt, welche eben den Becher an den Mund setzt; er erkennet sie, tritt auf sie zu und reißt ihr den Becher vom Munde). Mutter! Mutter! Was macht Ihr? Wen bewirtet Ihr? Das ist die Hexe Von Orleans!
KÖHLER und KÖHLERWEIB. Gott sei uns gnädig! (Bekreuzen sich und entfliehen)
FÜNFTER AUFZUG
Vierter Auftritt
Raimond. Johanna
JOHANNA (gefaßt und sanft). Du siehst, mir folgt der Fluch, und alles flieht mich, Sorg für dich selber und verlaß mich auch.
RAIMOND. Ich Euch verlassen! Jetzt! Und wer soll Euer Begleiter sein?
JOHANNA. Ich bin nicht unbegleitet. Du hast den Donner über mir gehört. Mein Schicksal führt mich. Sorge nicht, ich werde Ans Ziel gelangen, ohne daß ichs suche.
RAIMOND. Wo wollt Ihr hin? Hier stehn die Engelländer, Die Euch die grimmig blutge Rache schwuren Dort stehn die Unsern, die Euch ausgestoßen, Verbannt--
JOHANNA. Mich wird nichts treffen, als was sein muß.
RAIMOND. Wer soll Euch Nahrung suchen? Wer Euch schützen Vor wilden Tieren und noch wildern Menschen? Euch pflegen, wenn Ihr krank und elend werdet?
JOHANNA. Ich kenne alle Kräuter, alle Wurzeln, Von meinen Schafen lernt ich das Gesunde Vom Giftgen unterscheiden--ich verstehe Den Lauf der Sterne und der Wolken Zug Und die verborgnen Quellen hör ich rauschen. Der Mensch braucht wenig und an Leben reich Ist die Natur.
RAIMOND (faßt sie bei der Hand). Wollt Ihr nicht in Euch gehn, Euch nicht mit Gott versöhnen--in den Schoß Der heilgen Kirche reuend wiederkehren,
JOHANNA. Auch du hältst mich der schweren Sünde schuldig?
RAIMOND. Muß ich nicht, Euer schweigendes Geständnis--
JOHANNA. Du, der mir in das Elend nachgefolgt, Das einzge Wesen, das mir treu geblieben, Sich an mich kettet, da mich alle Welt Ausstieß, du hältst mich auch für die Verworfne, Die ihrem Gott entsagt-- (Raimond schweigt) O das ist hart!
RAIMOND (erstaunt). Ihr wäret wirklich keine Zauberin?
JOHANNA. Ich eine Zauberin!
RAIMOND. Und diese Wunder, Ihr hättet sie vollbracht mit Gottes Kraft Und seiner Heiligen?
JOHANNA. Mit welcher sonst!
RAIMOND. Und Ihr verstummtet auf die gräßliche Beschuldigung?--Ihr redet jetzt, und vor dem König, Wo es zu reden galt, verstummtet Ihr!
JOHANNA. Ich unterwarf mich schweigend dem Geschick, Das Gott, mein Meister, über mich verhängte.
RAIMOND. Ihr konntet Eurem Vater nichts erwidern!
JOHANNA. Weil es vom Vater kam, so kams von Gott, Und väterlich wird auch die Prüfung sein.
RAIMOND. Der Himmel selbst bezeugte Eure Schuld!
JOHANNA. Der Himmel sprach, drum schwieg ich.
RAIMOND. Wie? Ihr konntet Mit einem Wort Euch reinigen, und ließt Die Welt in diesem unglückselgen Irrtum?
JOHANNA. Es war kein Irrtum, eine Schickung wars.
RAIMOND. Ihr littet alle diese Schmach unschuldig, Und keine Klage kam von Euren Lippen! --Ich staune über Euch, ich steh erschüttert, Im tiefsten Busen kehrt sich mir das Herz! O gerne nehm ich Euer Wort für Wahrheit, Denn schwer ward mirs, an Eure Schuld zu glauben. Doch könnt ich träumen, daß ein menschlich Herz Das Ungeheure schweigend würde tragen!
JOHANNA. Verdient ichs, die Gesendete zu sein, Wenn ich nicht blind des Meisters Willen ehrte! Und ich bin nicht so elend, als du glaubst. Ich leide Mangel, doch das ist kein Unglück Für meinen Stand, ich bin verbannt und flüchtig, Doch in der Öde lernt ich mich erkennen. Da, als der Ehre Schimmer mich umgab, Da war der Streit in meiner Brust, ich war Die Unglückseligste, da ich der Welt Am meisten zu beneiden schien--Jetzt bin ich Geheilt, und dieser Sturm in der Natur, Der ihr das Ende drohte, war mein Freund, Er hat die Welt gereinigt und auch mich. In mir ist Friede--Komme, was da will, Ich bin mir keiner Schwachheit mehr bewußt!
RAIMOND. O kommt, kommt, laßt uns eilen, Eure Unschuld Laut, laut vor aller Welt zu offenbaren!
JOHANNA. Der die Verwirrung sandte, wird sie lösen! Nur wenn sie reif ist, fällt des Schicksals Frucht! Ein Tag wird kommen, der mich reiniget. Und die mich jetzt verworfen und verdammt, Sie werden ihres Wahnes inne werden, Und Tränen werden meinem Schicksal fließen.
RAIMOND. Ich sollte schweigend dulden, bis der Zufall--
JOHANNA (ihn sanft bei der Hand fassend). Du siehst nur das Natürliche der Dinge, Denn deinen Blick umhüllt das irdsche Band. Ich habe das Unsterbliche mit Augen Gesehen--ohne Götter fällt kein Haar Vom Haupt des Menschen--Siehst du dort die Sonne Am Himmel niedergehen--So gewiß Sie morgen wiederkehrt in ihrer Klarheit, So unausbleiblich kommt der Tag der Wahrheit!
FÜNFTER AUFZUG
Fünfter Auftritt
Die Vorigen. Königin Isabeau mit Soldaten erscheint im Hintergrund
ISABEAU (noch hinter der Szene). Dies ist der Weg ins engelländsche Lager!
RAIMOND. Weh uns! die Feinde! (Soldaten treten auf, bemerken im Hervorkommen die Johanna, und taumeln erschrocken zurück)
ISABEAU. Nun! was hält der Zug!
SOLDATEN. Gott steh uns bei!
ISABEAU. Erschreckt euch ein Gespenst! Seid ihr Soldaten? Memmen seid ihr!--Wie, (Sie drängt sich durch die andern, tritt hervor und fährt zurück, wie sie die Jungfrau erblickt) Was seh ich! Ha! (Schnell faßt sie sich und tritt ihr entgegen) Ergib dich! Du bist meine Gefangene.
JOHANNA. Ich bins. (Raimond entflieht mit Zeichen der Verzweiflung)
ISABEAU (zu den Soldaten). Legt sie in Ketten! (Die Soldaten nahen sich der Jungfrau schüchtern, sie reicht den Arm hin und wird gefesselt) Ist das die Mächtige, Gefürchtete, Die eure Scharen wie die Lämmer scheuchte, Die jetzt sich selber nicht beschützen kann? Tut sie nur Wunder, wo man Glauben hat, Und wird zum Weib, wenn ihr ein Mann begegnet? (Zur Jungfrau) Warum verließest du dein Heer? Wo bleibt Graf Dunois, dein Ritter und Beschützer?
JOHANNA. Ich bin verbannt.
ISABEAU (erstaunt zurücktretend). Was? Wie? Du bist verbannt? Verbannt vom Dauphin!
JOHANNA. Frage nicht! Ich bin In deiner Macht, bestimme mein Geschick.
ISABEAU. Verbannt, weil du vom Abgrund ihn gerettet, Die Krone ihm hast aufgesetzt zu Reims, Zum König über Frankreich ihn gemacht? Verbannt! Daran erkenn ich meinen Sohn! --Führt sie ins Lager. Zeiget der Armee Das Furchtgespenst, vor dem sie so gezittert! Sie eine Zauberin! Ihr ganzer Zauber Ist euer Wahn und euer feiges Herz! Eine Närrin ist sie, die für ihren König Sich opferte, und jetzt den Königslohn Dafür empfängt--Bringt sie zu Lionel-- Das Glück der Franken send ich ihm gebunden, Gleich folg ich selbst.
JOHANNA. Zu Lionel! Ermorde mich Gleich hier, eh du zu Lionel mich sendest.
ISABEAU (zu den Soldaten). Gehorchet dem Befehle. Fort mit ihr! (Geht ab)
FÜNFTER AUFZUG
Sechster Auftritt
Johanna. Soldaten