Part 4
CHATILLON. Die Königin Isabeau soll in dem Frieden Mit eingeschlossen sein, wenn sie ihn annimmt.
KARL. Sie führet Krieg mit mir, nicht ich mit ihr. Unser Streit ist aus, sobald sie selbst ihn endigt.
CHATILLON. Zwölf Ritter sollen bürgen für dein Wort.
KARL. Mein Wort ist heilig.
CHATILLON. Und der Erzbischof Soll eine Hostie teilen zwischen dir und ihm, Zum Pfand und Siegel redlicher Versöhnung.
KARL. So sei mein Anteil an dem ewgen Heil, Als Herz und Handschlag bei mir einig sind. Welch andres Pfand verlangt der Herzog noch?
CHATILLON (mit einem Blick auf Du Chatel). Hier seh ich einen, dessen Gegenwart Den ersten Gruß vergiften könnte.
(Du Chatel geht schweigend)
KARL. Geh, Du Chatel! Bis der Herzog deinen Anblick Ertragen kann, magst du verborgen bleiben! (Er folgt ihm mit den Augen, dann eilt er ihm nach und umarmt ihn) Rechtschaffner Freund! Du wolltest mehr als dies Für meine Ruhe tun! (Du Chatel geht ab)
CHATILLON. Die andern Punkte nennt dies Instrument.
KARL (zum Erzbischof). Bringt es in Ordnung. Wir genehmgen alles, Für einen Freund ist uns kein Preis zu hoch. Geht, Dunois! Nehmt hundert edle Ritter Mit Euch und holt den Herzog freundlich ein. Die Truppen alle sollen sich mit Zweigen Bekränzen, ihre Brüder zu empfangen. Zum Feste schmücke sich die ganze Stadt, Und alle Glocken sollen es verkünden, Daß Frankreich und Burgund sich neu verbünden. (Ein Edelknecht kommt. Man hört Trompeten) Horch! Was bedeutet der Trompeten Ruf?
EDELKNECHT. Der Herzog von Burgund hält seinen Einzug. (Geht ab)
DUNOIS (geht mit La Hire und Chatillon). Auf! Ihm entgegen!
KARL (zur Sorel). Agnes, du weinst? Beinah gebricht auch mir Die Stärke, diesen Auftritt zu ertragen. Wie viele Todesopfer mußten fallen, Bis wir uns friedlich konnten wiedersehen. Doch endlich legt sich jedes Sturmes Wut, Tag wird es auf die dickste Nacht, und kommt Die Zeit, so reifen auch die spätsten Früchte!
ERZBISCHOF (am Fenster). Der Herzog kann sich des Gedränges kaum Erledigen. Sie heben ihn vom Pferd, Sie küssen seinen Mantel, seine Sporen.
KARL. Es ist ein gutes Volk, in seiner Liebe Raschlodernd wie in seinem Zorn.--Wie schnell Vergessen ists, daß eben dieser Herzog Die Väter ihnen und die Söhne schlug, Der Augenblick verschlingt ein ganzes Leben! --Faß dich, Sorel! Auch deine heftge Freude Möcht ihm ein Stachel in die Seele sein, Nichts soll ihn hier beschämen, noch betrüben.
DRITTER AUFZUG
Dritter Auftritt
Die Vorigen. Herzog von Burgund. Dunois. La Hire. Chatillon und noch zwei andere Ritter von des Herzogs Gefolge. Der Herzog bleibt am Eingang stehen, der König bewegt sich gegen ihn, sogleich nähert sich Burgund und in dem Augenblick, wo er sich auf ein Knie will niederlassen, empfängt ihn der König in seinen Armen
KARL. Ihr habt uns überrascht--Euch einzuholen Gedachten wir--Doch Ihr habt schnelle Pferde.
BURGUND. Sie trugen mich zu meiner Pflicht. (Er umarmt die Sorel und küßt sie auf die Stirne) Mit Eurer Erlaubnis, Base. Das ist unser Herrenrecht Zu Arras und kein schönes Weib darf sich Der Sitte weigern.
KARL. Eure Hofstatt ist Der Sitz der Minne, sagt man, und der Markt, Wo alles Schöne muß den Stapel halten.
BURGUND. Wir sind ein handeltreibend Volk, mein König. Was köstlich wächst in allen Himmelstrichen, Wird ausgestellt zur Schau und zum Genuß Auf unserm Markt zu Brügg, das höchste aber Von allen Gütern ist der Frauen Schönheit.
SOREL. Der Frauen Treue gilt noch höhern Preis, Doch auf dem Markte wird sie nicht gesehn.
KARL. Ihr steht in bösem Ruf und Leumund, Vetter, Daß Ihr der Frauen schönste Tugend schmäht.
BURGUND. Die Ketzerei straft sich am schwersten selbst. Wohl Euch, mein König! Früh hat Euch das Herz, Was mich ein wildes Leben spät, gelehrt! (Er bemerkt den Erzbischof und reicht ihm die Hand) Ehrwürdger Mann Gottes! Euren Segen! Euch trifft man immer auf dem rechten Platz, Wer Euch will finden, muß im Guten wandeln.
ERZBISCHOF. Mein Meister rufe, wenn er will, dies Herz Ist freudensatt und ich kann fröhlich scheiden, Da meine Augen diesen Tag gesehn!
BURGUND (zur Sorel). Man spricht, Ihr habt Euch Eurer edeln Steine Beraubt, um Waffen gegen mich daraus Zu schmieden? Wie? Seid Ihr so kriegerisch Gesinnt? Wars Euch so ernst mich zu verderben, Doch unser Streit ist nun vorbei, es findet Sich alles wieder, was verloren war, Auch Euer Schmuck hat sich zurückgefunden, Zum Kriege wider mich war er bestimmt, Nehmt ihn aus meiner Hand zum Friedenszeichen. (Er empfängt von einem seiner Begleiter das Schmuckkästchen und überreicht es ihr geöffnet. Agnes Sorel sieht den König betroffen an)
KARL. Nimm das Geschenk, es ist ein zweifach teures Pfand Der schönen Liebe mir und der Versöhnung.
BURGUND (indem er eine brillantne Rose in ihre Haare steckt). Warum ist es nicht Frankreichs Königskrone? Ich würde sie mit gleich geneigtem Herzen Auf diesem schönen Haupt befestigen. (Ihre Hand bedeutend fassend) Und--zählt auf mich, wenn Ihr dereinst des Freundes Bedürfen solltet! (Agnes Sorel in Tränen ausbrechend tritt auf die Seite, auch der König bekämpft eine große Bewegung, alle Umstehende blicken gerührt auf beide Fürsten)
BURGUND (nachdem er alle der Reihe nach angesehen, wirft er sich in die Arme des Königs). O mein König! (In demselben Augenblick eilen die drei burgundischen Ritter auf Dunois, La Hire und den Erzbischof zu und umarmen einander. Beide Fürsten liegen eine Zeitlang einander sprachlos in den Armen) Euch konnt ich hassen! Euch konnt ich entsagen!
KARL. Still! Still! Nicht weiter!
BURGUND. Diesen Engelländer Konnt ich krönen! Diesem Fremdling Treue schwören! Euch meinen König ins Verderben stürzen!
KARL. Vergeßt es! Alles ist verziehen. Alles Tilgt dieser einzge Augenblick. Es war Ein Schicksal, ein unglückliches Gestirn!
BURGUND (faßt seine Hand). Ich will gutmachen! Glaubet mir, ich wills. Alle Leiden sollen Euch erstattet werden, Euer ganzes Königreich sollt Ihr zurück Empfangen--nicht ein Dorf soll daran fehlen!
KARL. Wir sind vereint. Ich fürchte keinen Feind mehr.
BURGUND. Glaubt mir, ich führte nicht mit frohem Herzen Die Waffen wider Euch. O wüßtet Ihr-- Warum habt Ihr mir diese nicht geschickt? (Auf die Sorel zeigend) Nicht widerstanden hätt ich ihren Tränen! --Nun soll uns keine Macht der Hölle mehr Entzweien, da wir Brust an Brust geschlossen! Jetzt hab ich meinen wahren Ort gefunden, An diesem Herzen endet meine Irrfahrt.
ERZBISCHOF (tritt zwischen beide). Ihr seid vereinigt, Fürsten! Frankreich steigt Ein neu verjüngter Phönix aus der Asche, Uns lächelt eine schöne Zukunft an. Des Landes tiefe Wunden werden heilen, Die Dörfer, die verwüsteten, die Städte Aus ihrem Schutt sich prangender erheben, Die Felder decken sich mit neuem Grün Doch, die das Opfer eures Zwists gefallen, Die Toten stehen nicht mehr auf, die Tränen, Die eurem Streit geflossen, sind und bleiben Geweint! Das kommende Geschlecht wird blühen, Doch das vergangne war des Elends Raub, Der Enkel Glück erweckt nicht mehr die Väter. Das sind die Früchte eures Bruderzwists! Laßts euch zur Lehre dienen! Fürchtet die Gottheit Des Schwerts, eh ihrs der Scheid entreißt. Loslassen Kann der Gewaltige den Krieg, doch nicht Gelehrig wie der Falk sich aus den Lüften Zurückschwingt auf des Jägers Hand, gehorcht Der wilde Gott dem Ruf der Menschenstimme. Nicht zweimal kommt im rechten Augenblick Wie heut die Hand des Retters aus den Wolken.
BURGUND. O Sire! Euch wohnt ein Engel an der Seite. --Wo ist sie? Warum seh ich sie nicht hier?
KARL. Wo ist Johanna? Warum fehlt sie uns In diesem festlich schönen Augenblick, Den sie uns schenkte?
ERZBISCHOF. Sire! Das heilge Mädchen Liebt nicht die Ruhe eines müßgen Hofs, Und ruft sie nicht der göttliche Befehl Ans Licht der Welt hervor, so meidet sie Verschämt den eitlen Blick gemeiner Augen! Gewiß bespricht sie sich mit Gott, wenn sie Für Frankreichs Wohlfahrt nicht geschäftig ist, Denn allen ihren Schritten folgt der Segen.
DRITTER AUFZUG
Vierter Auftritt
Johanna zu den Vorigen. Sie ist im Harnisch, aber ohne Helm, und trägt einen Kranz in den Haaren
KARL Du kommst als Priesterin geschmückt, Johanna, Den Bund, den du gestiftet, einzuweihn?
BURGUND. Wie schrecklich war die Jungfrau in der Schlacht, Und wie umstrahlt mit Anmut sie der Friede! --Hab ich mein Wort gelöst, Johanna? Bist du Befriedigt und verdien ich deinen Beifall?
JOHANNA. Dir selbst hast du die größte Gunst erzeigt. Jetzt schimmerst du in segenvollem Licht, Da du vorhin in blutrotdüsterm Schein Ein Schreckensmond an diesem Himmel hingst. (Sich umschauend) Viel edle Ritter find ich hier versammelt Und alle Augen glänzen freudenhell, Nur einem Traurigen hab ich begegnet, Der sich verbergen muß, wo alles jauchzt.
BURGUND. Und wer ist sich so schwerer Schuld bewußt, Daß er an unsrer Huld verzweifeln müßte,
JOHANNA. Darf er sich nahn? O sage, daß ers darf? Mach dein Verdienst vollkommen. Eine Versöhnung Ist keine, die das Herz nicht ganz befreit. Ein Tropfe Haß, der in dem Freudenbecher Zurückbleibt, macht den Segenstrank zum Gift. --Kein Unrecht sei so blutig, daß Burgund An diesem Freudentag es nicht vergebe!
BURGUND. Ha, ich verstehe dich!
JOHANNA. Und willst verzeihn? Du willst es, Herzog?--Komm herein, Du Chatel! (Sie öffnet die Tür und führt Du Chatel herein, dieser bleibt in der Entfernung stehen) Der Herzog ist mit seinen Feinden allen Versöhnt, er ist es auch mit dir. (Du Chatel tritt einige Schritte näher und sucht in den Augen des Herzogs zu lesen)
BURGUND. Was machst du Aus mir, Johanna? Weißt du, was du foderst?
JOHANNA. Ein gütger Herr tut seine Pforten auf Für alle Gäste, keinen schließt er aus; Frei wie das Firmament die Welt umspannt, So muß die Gnade Freund und Feind umschließen. Es schickt die Sonne ihre Strahlen gleich Nach allen Räumen der Unendlichkeit, Gleichmessend gießt der Himmel seinen Tau Auf alle durstenden Gewächse aus. Was irgend gut ist und von oben kommt, Ist allgemein und ohne Vorbehalt, Doch in den Falten wohnt die Finsternis!
BURGUND. O sie kann mit mir schalten wie sie will, Mein Herz ist weiches Wachs in ihrer Hand. --Umarmt mich, Du Chatel; ich vergeb Euch. Geist meines Vaters, zürne nicht, wenn ich Die Hand, die dich getötet, freundlich fasse. Ihr Todesgötter, rechnet mirs nicht zu, Daß ich mein schrecklich Rachgelübde breche. Bei euch dort unten in der ewgen Nacht, Da schlägt kein Herz mehr, da ist alles ewig, Steht alles unbeweglich fest--doch anders Ist es hier oben in der Sonne Licht. Der Mensch ist, der lebendig fühlende, Der leichte Raub des mächtgen Augenblicks.
KARL (zu Johanna). Was dank ich dir nicht alles, hohe Jungfrau! Wie schön hast du dein Wort gelöst! Wie schnell mein ganzes Schicksal umgewandelt! Die Freunde hast du mir versöhnt, die Feinde Mir in den Staub gestürzt, und meine Städte Dem fremden Joch entrissen--Du allein Vollbrachtest alles.--Sprich, wie lohn ich dir!
JOHANNA. Sei immer menschlich, Herr, im Glück, wie dus Im Unglück warst--und auf der Größe Gipfel Vergiß nicht, was ein Freund wiegt in der Not, Du hasts in der Erniedrigung erfahren. Verweigre nicht Gerechtigkeit und Gnade Dem letzten deines Volks, denn von der Herde Berief dir Gott die Retterin--du wirst Ganz Frankreich sammeln unter deinen Szepter, Der Ahn, und Stammherr großer Fürsten sein, Die nach dir kommen, werden heller leuchten, Als die dir auf dem Thron vorangegangen. Dein Stamm wird blühn, solang er sich die Liebe Bewahrt im Herzen seines Volks, Der Hochmut nur kann ihn zum Falle fahren, Und von den niedern Hütten, wo dir jetzt Der Retter ausging, droht geheimnisvoll Den schuldgefleckten Enkeln das Verderben!
BURGUND. Erleuchtet Mädchen, das der Geist beseelt, Wenn deine Augen in die Zukunft dringen, So sprich mir auch von meinem Stamm! Wird er Sich herrlich breiten wie er angefangen?
JOHANNA. Burgund! Hoch bis zu Throneshöhe hast Du deinen Stuhl gesetzt, und höher strebt Das stolze Herz, es hebt bis in die Wolken Den kühnen Bau.--Doch eine Hand von oben Wird seinem Wachstum schleunig Halt gebieten. Doch fürchte drum nicht deines Hauses Fall! In einer Jungfrau lebt es glänzend fort, Und zeptertragende Monarchen, Hirten Der Völker werden ihrem Schoß entblühn. Sie werden herrschen auf zwei großen Thronen, Gesetze schreiben der bekannten Welt Und einer neuen, welche Gottes Hand Noch zudeckt hinter unbeschifften Meeren.
KARL. O sprich, wenn es der Geist dir offenbaret, Wird dieses Freundesbündnis, das wir jetzt Erneut, auch noch die späten Enkelsöhne Vereinigen?
JOHANNA (nach einem Stillschweigen). Ihr Könige und Herrscher! Fürchtet die Zwietracht! Wecket nicht den Streit Aus seiner Höhle, wo er schläft, denn einmal Erwacht bezähmt er spät sich wieder! Enkel Erzeugt er sich, ein eisernes Geschlecht, Fortzündet an dem Brande sich der Brand. --Verlangt nicht mehr zu wissen! Freuet euch Der Gegenwart, laßt mich die Zukunft still Bedecken!
SOREL. Heilig Mädchen, du erforschest Mein Herz, du weißt, ob es nach Größe eitel strebt. Auch mir gib ein erfreuliches Orakel.
JOHANNA. Mir zeigt der Geist nur große Weltgeschicke, Dein Schicksal ruht in deiner eignen Brust!
Dunois. Was aber wird dein eigen Schicksal sein, Erhabnes Mädchen, das der Himmel liebt! Dir blüht gewiß das schönste Glück der Erden, Da du so fromm und heilig bist.
JOHANNA. Das Glück Wohnt droben in dem Schoß des ewgen Vaters.
KARL. Dein Glück sei fortan deines Königs Sorge! Denn deinen Namen will ich herrlich machen In Frankreich, selig preisen sollen dich Die spätesten Geschlechter--und gleich jetzt Erfüll ich es.--Knie nieder! (Er zieht das Schwert und berührt sie mit demselben) Und steh auf Als eine Edle! Ich erhebe dich, Dein König, aus dem Staube deiner dunkeln Geburt--Im Grabe adl ich deine Väter-- Du sollst die Lilie im Wappen tragen, Den Besten sollst du ebenbürtig sein In Frankreich, nur das königliche Blut Von Valois sei edler als das deine! Der Größte meiner Großen fühle sich Durch deine Hand geehrt, mein sei die Sorge, Dich einem edeln Gatten zu vermählen.
DUNOIS (tritt vor). Mein Herz erkor sie, da sie niedrig war, Die neue Ehre, die ihr Haupt umglänzt, Erhöht nicht ihr Verdienst, noch meine Liebe. Hier in dem Angesichte meines Königs Und dieses heilgen Bischofs reich ich ihr Die Hand als meiner fürstlichen Gemahlin, Wenn sie mich würdig hält, sie zu empfangen.
KARL. Unwiderstehlich Mädchen, du häufst Wunder Auf Wunder! Ja, nun glaub ich, daß dir nichts Unmöglich ist. Du hast dies stolze Herz Bezwungen, das der Liebe Allgewalt Hohn sprach bis jetzt.
LA HIRE (tritt vor). Johannas schönster Schmuck, Kenn ich sie recht, ist ihr bescheidnes Herz. Der Huldigung des Größten ist sie wert, Doch nie wird sie den Wunsch so hoch erheben. Sie strebt nicht schwindelnd irdscher Hoheit nach, Die treue Neigung eines redlichen Gemüts genügt ihr, und das stille Los, Das ich mit dieser Hand ihr anerbiete.
KARL. Auch du, La Hire? Zwei treffliche Bewerber An Heldentugend gleich und Kriegesruhm! --Willst du, die meine Feinde mir versöhnt, Mein Reich vereinigt, mir die liebsten Freunde Entzwein? Es kann sie einer nur besitzen, Und jeden acht ich solches Preises wert. So rede du, dein Herz muß hier entscheiden.
SOREL (tritt näher). Die edle Jungfrau seh ich überrascht Und ihre Wangen färbt die züchtge Scham. Man geb ihr Zeit, ihr Herz zu fragen, sich Der Freundin zu vertrauen und das Siegel Zu lösen von der fest verschloßnen Brust. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo Auch ich der strengen Jungfrau schwesterlich Mich nahen, ihr den treu verschwiegnen Busen Darbieten darf--Man laß uns weiblich erst Das Weibliche bedenken und erwarte, Was wir beschließen werden.
KARL (im Begriff zu gehen). Also seis!
JOHANNA. Nicht also, Sire! Was meine Wangen färbte, War die Verwirrung nicht der blöden Scham. Ich habe dieser edeln Frau nichts zu vertraun, Dess' ich vor Männern mich zu schämen hätte. Hoch ehrt mich dieser edeln Ritter Wahl. Doch nicht verließ ich meine Schäfertrift, Um weltlich eitle Hoheit zu erlagen, Noch mir den Brautkranz in das Haar zu flechten, Legt ich die ehrne Waffenrüstung an. Berufen bin ich zu ganz anderm Werk, Die reine Jungfrau nur kann es vollenden. Ich bin die Kriegerin des höchsten Gottes, Und keinem Manne kann ich Gattin sein.
ERZBISCHOF. Dem Mann zur liebenden Gefährtin ist Das Weib geboren--wenn sie der Natur Gehorcht, dient sie am würdigsten dem Himmel! Und hast du dem Befehle deines Gottes, Der in das Feld dich rief, genuggetan, So wirst du deine Waffen von dir legen, Und wiederkehren zu dem sanfteren Geschlecht, das du verleugnet hast, das nicht Berufen ist zum blutgen Werk der Waffen.
JOHANNA. Ehrwürdger Herr, ich weiß noch nicht zu sagen, Was mir der Geist gebieten wird zu tun; Doch wenn die Zeit kommt, wird mir seine Stimme Nicht schweigen, und gehorchen werd ich ihr. Jetzt aber heißt er mich mein Werk vollenden, Die Stirne meines Herren ist noch nicht Gekrönt, das heilge Öl hat seine Scheitel Noch nicht benetzt, noch heißt mein Herr nicht König.
KARL. Wir sind begriffen auf dem Weg nach Reims.
JOHANNA. Laß uns nicht still stehn, denn geschäftig sind Die Feinde rings, den Weg dir zu verschließen. Doch mitten durch sie alle führ ich dich!
DUNOIS. Wenn aber alles wird vollendet sein, Wenn wir zu Reims nun siegend eingezogen, Wirst du mir dann vergönnen, heilig Mädchen--
JOHANNA. Will es der Himmel, daß ich sieggekrönt Aus diesem Kampf des Todes wiederkehre, So ist mein Werk vollendet--und die Hirtin Hat kein Geschäft mehr in des Königs Hause.
KARL (ihre Hand fassend). Dich treibt des Geistes Stimme jetzt, es schweigt Die Liebe in dem gotterfüllten Busen. Sie wird nicht immer schweigen, glaube mir! Die Waffen werden ruhn, es führt der Sieg Den Frieden an der Hand, dann kehrt die Freude In jeden Busen ein, und sanftere Gefühle wachen auf in allen Herzen-- Sie werden auch in deiner Brust erwachen, Und Tränen süßer Sehnsucht wirst du weinen, Wie sie dein Auge nie vergoß--dies Herz, Das jetzt der Himmel ganz erfüllt, wird sich Zu einem irdschen Freunde liebend wenden-- Jetzt hast du rettend Tausende beglückt, Und einen zu beglücken wirst du enden!
JOHANNA. Dauphin! Bist du der göttlichen Erscheinung Schon müde, daß du ihr Gefäß zerstören, Die reine Jungfrau, die dir Gott gesendet, Herab willst ziehn in den gemeinen Staub, Ihr blinden Herzen! Ihr Kleingläubigen! Des Himmels Herrlichkeit umleuchtet euch, Vor eurem Aug enthüllt er seine Wunder, Und ihr erblickt in mir nichts als ein Weib. Darf sich ein Weib mit kriegerischem Erz Umgeben, in die Männerschlacht sich mischen? Weh mir, wenn ich das Rachschwert meines Gottes In Händen führte, und im eiteln Herzen Die Neigung trüge zu dem irdschen Mann! Mir wäre besser, ich wär nie geboren! Kein solches Wort mehr, sag ich euch, wenn ihr Den Geist in mir nicht zürnend wollt entrüsten! Der Männer Auge schon, das mich begehrt, Ist mir ein Grauen und Entheiligung.
KARL. Brecht ab. Es ist umsonst sie zu bewegen.
JOHANNA. Befiehl, daß man die Kriegstrommete blase! Mich preßt und ängstigt diese Waffenstille, Es jagt mich auf aus dieser müßgen Ruh, Und treibt mich fort, daß ich mein Werk erfülle, Gebietrisch mahnend meinem Schicksal zu.
DRITTER AUFZUG
Fünfter Auftritt
Ein Ritter eilfertig
KARL. Was ists?
RITTER. Der Feind ist über die Marne gegangen, Und stellt sein Heer zum Treffen.
JOHANNA (begeistert). Schlacht und Kampf! Jetzt ist die Seele ihrer Banden frei. Bewaffnet euch, ich ordn indes die Scharen. (Sie eilt hinaus)
KARL. Folgt ihr, La Hire--Sie wollen uns am Tore Von Reims noch um die Krone kämpfen lassen!
DUNOIS. Sie treibt nicht wahrer Mut. Es ist der letzte Versuch ohnmächtig wütender Verzweiflung.
KARL. Burgund, Euch sporn ich nicht. Heut ist der Tag, Um viele böse Tage zu vergüten.
BURGUND. Ihr sollt mit mir zufrieden sein.
KARL. Ich selbst Will Euch vorangehn auf dem Weg des Ruhms, Und in dem Angesicht der Krönungsstadt Die Krone mir erfechten.--Meine Agnes! Dein Ritter sagt dir Lebewohl!
AGNES (umarmt ihn). Ich weine nicht, ich zittre nicht für dich, Mein Glaube greift vertrauend in die Wolken! So viele Pfänder seiner Gnade gab Der Himmel nicht, daß wir am Ende trauern! Vom Sieg gekrönt umarm ich meinen Herrn, Mir sagts das Herz, in Reims' bezwungnen Mauern.
(Trompeten erschallen mit mutigem Ton und gehen, während daß verwandelt wird, in ein wildes Kriegsgetümmel über, das Orchester fällt ein bei offener Szene und wird von kriegerischen Instrumenten hinter der Szene begleitet) Der Schauplatz verwandelt sich in eine freie Gegend, die von Bäumen begrenzt wird. Man sieht während der Musik Soldaten über den Hintergrund schnell wegziehen
DRITTER AUFZUG
Sechster Auftritt
Talbot auf Fastolf gestützt und von Soldaten begleitet. Gleich darauf Lionel
TALBOT. Hier unter diesen Bäumen setzt mich nieder, Und ihr begebt euch in die Schlacht zurück, Ich brauche keines Beistands, um zu sterben.
FASTOLF. O unglückselig jammervoller Tag! (Lionel tritt auf) Zu welchem Anblick kommt Ihr, Lionel! Hier liegt der Feldherr auf den Tod verwundet.
LIONEL. Das wolle Gott nicht! Edler Lord, steht auf! Jetzt ists nicht Zeit, ermattet hinzusinken. Weicht nicht dem Tod, gebietet der Natur Mit Eurem mächtgen Willen, daß sie lebe!
TALBOT. Umsonst! Der Tag des Schicksals ist gekommen, Der unsern Thron in Frankreich stürzen soll. Vergebens in verzweiflungsvollem Kampf Wagt ich das Letzte noch, ihn abzuwenden. Vom Stahl dahin geschmettert lieg ich hier, Um nicht mehr aufzustehn.--Reims ist verloren, So eilt, Paris zu retten!
LIONEL. Paris hat sich vertragen mit dem Dauphin, Soeben bringt ein Eilbot uns die Nachricht.
TALBOT (reißt den Verband ab). So strömet hin, ihr Bäche meines Bluts, Denn überdrüssig bin ich dieser Sonne!
LIONEL. Ich kann nicht bleiben.--Fastolf, bringt den Feldherrn An einen sichern Ort, wir können uns Nicht lange mehr auf diesem Posten halten. Die Unsern fliehen schon von allen Seiten, Unwiderstehlich dringt das Mädchen vor--
TALBOT. Unsinn, du siegst und ich muß untergehn! Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. Erhabene Vernunft, lichthelle Tochter Des göttlichen Hauptes, weise Gründerin Des Weltgebäudes, Führerin der Sterne, Wer bist du denn, wenn du dem tollen Roß Des Aberwitzes an den Schweif gebunden, Ohnmächtig rufend, mit dem Trunkenen Dich sehend in den Abgrund stürzen mußt! Verflucht sei, wer sein Leben an das Große Und Würdge wendet und bedachte Plane Mit weisem Geist entwirft! Dem Narrenkönig Gehört die Welt--
LIONEL. Mylord! Ihr habt nur noch Für wenig Augenblicke Leben--denkt An Euren Schöpfer!
TALBOT. Wären wir als Tapfre Durch andre Tapfere besiegt, wir könnten Uns trösten mit dem allgemeinen Schicksal, Das immer wechselnd seine Kugel dreht-- Doch solchem groben Gaukelspiel erliegen! War unser ernstes arbeitvolles Leben Keines ernsthaftem Ausgangs wert?
LIONEL (reicht ihm die Hand). Mylord, fahrt wohl! Der Tränen schuldgen Zoll Will ich Euch redlich nach der Schlacht entrichten, Wenn ich alsdann noch übrig bin. Jetzt aber Ruft das Geschick mich fort, das auf dem Schlachtfeld Noch richtend sitzt und seine Lose schüttelt. Auf Wiedersehn in einer andern Welt, Kurz ist der Abschied für die lange Freundschaft. (Geht ab)
TALBOT. Bald ists vorüber und der Erde geb ich, Der ewgen Sonne die Atome wieder, Die sich zu Schmerz und Lust in mir gefügt-- Und von dem mächtgen Talbot, der die Welt Mit seinem Kriegsruhm füllte, bleibt nichts übrig, Als eine Handvoll leichten Staubs.--So geht Der Mensch zu Ende--und die einzige Ausbeute, die wir aus dem Kampf des Lebens Wegtragen, ist die Einsicht in das Nichts, Und herzliche Verachtung alles dessen, Was uns erhaben schien und wünschenswert--
DRITTER AUFZUG
Siebenter Auftritt
Karl. Burgund. Dunois. Du Chatel und Soldaten treten auf
BURGUND. Die Schanze ist erstürmt.
DUNOIS. Der Tag ist unser.
KARL (Talbot bemerkend). Seht, wer es ist, der dort vom Licht der Sonne Den unfreiwillig schweren Abschied nimmt? Die Rüstung zeigt mir keinen schlechten Mann, Geht, springt ihm bei, wenn ihm noch Hülfe frommt. (Soldaten aus des Königs Gefolge treten hinzu)