Die Jungfrau von Orleans

Part 3

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ISABEAU. Ihr wißt nicht, schwache Seelen, Was ein beleidigt Mutterherz vermag. Ich liebe, wer mir Gutes tut, und hasse, Wer mich verletzt, und ists der eigne Sohn, Den ich geboren, desto hassenswerter. Dem ich das Dasein gab, will ich es rauben, Wenn er mit ruchlos frechem Übermut Den eignen Schoß verletzt, der ihn getragen. Ihr die ihr Krieg führt gegen meinen Sohn, Ihr habt nicht Recht, noch Grund ihn zu berauben. Was hat der Dauphin Schweres gegen euch Verschuldet? Welche Pflichten brach er euch? Euch treibt die Ehrsucht, der gemeine Neid, Ich darf ihn hassen, ich hab ihn geboren.

TALBOT. Wohl, an der Rache fühlt er seine Mutter!

ISABEAU. Armselge Gleisner, wie veracht ich euch, Die ihr euch selbst so wie die Welt belügt! Ihr Engelländer streckt die Räuberhände Nach diesem Frankreich aus, wo ihr nicht Recht Noch gültgen Anspruch habt auf so viel Erde, Als eines Pferdes Huf bedeckt.--Und dieser Herzog, Der sich den Guten schelten läßt, verkauft Sein Vaterland, das Erbreich seiner Ahnen Dem Reichsfeind und dem fremden Herrn.--Gleichwohl Ist euch das dritte Wort Gerechtigkeit. --Die Heuchelei veracht ich. Wie ich bin, So sehe mich das Aug der Welt.

BURGUND. Wahr ists! Den Ruhm habt Ihr mit starkem Geist behauptet.

ISABEAU. Ich habe Leidenschaften, warmes Blut Wie eine andre, und ich kam als Königin In dieses Land, zu leben, nicht zu scheinen. Sollt ich der Freud absterben, weil der Fluch Des Schicksals meine lebensfrohe Jugend Zu dem wahnsinngen Gatten hat gesellt? Mehr als das Leben lieb ich meine Freiheit, Und wer mich hier verwundet--Doch warum Mit euch mich streiten über meine Rechte? Schwer fließt das dicke Blut in euren Adern, Ihr kennt nicht das Vergnügen, nur die Wut! Und dieser Herzog, der sein Lebenlang Geschwankt hat zwischen Bös und Gut, kann nicht Von Herzen hassen noch von Herzen lieben. --Ich geh nach Melun. Gebt mir diesen da, (auf Lionel zeigend) Der mir gefällt, zur Kurzweil und Gesellschaft, Und dann macht, was ihr wollt! Ich frage nichts Nach den Burgundern noch den Engelländern. (Sie winkt ihrem Pagen und will gehen)

LIONEL. Verlaßt Euch drauf. Die schönsten Frankenknaben, Die wir erbeuten, schicken wir nach Melun.

ISABEAU (zurückkommend). Wohl taugt ihr, mit dem Schwerte dreinzuschlagen, Der Franke nur weiß Zierliches zu sagen. (Sie geht ab)

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Dritter Auftritt

Talbot. Burgund. Lionel

TALBOT. Was für ein Weib!

LIONEL. Nun eure Meinung, Feldherrn! Fliehn wir noch weiter oder wenden uns Zurück, durch einen schnellen kühnen Streich Den Schimpf des heutgen Tages auszulöschen?

BURGUND. Wir sind zu schwach, die Völker sind zerstreut, Zu neu ist noch der Schrecken in dem Heer.

TALBOT. Ein blinder Schrecken nur hat uns besiegt, Der schnelle Eindruck eines Augenblicks. Dies Furchtbild der erschreckten Einbildung Wird, näher angesehn, in nichts verschwinden. Drum ist mein Rat, wir führen die Armee Mit Tagesanbruch über den Strom zurück, Dem Feind entgegen.

BURGUND. Überlegt--

LIONEL. Mit Eurer Erlaubnis. Hier ist nichts zu überlegen. Wir müssen das Verlorne schleunig wieder Gewinnen oder sind beschimpft auf ewig.

TALBOT. Es ist beschlossen. Morgen schlagen wir. Und dies Phantom des Schreckens zu zerstören, Das unsre Völker blendet und entmannt, Laßt uns mit diesem jungfräulichen Teufel Uns messen in persönlichem Gefecht. Stellt sie sich unserm tapfern Schwert, nun dann, So hat sie uns zum letztenmal geschadet, Stellt sie sich nicht, und seid gewiß, sie meidet Den ernsten Kampf, so ist das Heer entzaubert.

LIONEL. So seis! Und mir, mein Feldherr, überlasset Dies leichte Kampfspiel, wo kein Blut soll fließen. Denn lebend denk ich das Gespenst zu fangen, Und vor des Bastards Augen, ihres Buhlen, Trag ich auf diesen Armen sie herüber Zur Lust des Heers, in das britannsche Lager.

BURGUND. Versprechet nicht zu viel.

TALBOT. Erreich ich sie, Ich denke sie so sanft nicht zu umarmen. Kommt jetzo, die ermüdete Natur Durch einen leichten Schlummer zu erquicken, Und dann zum Aufbruch mit der Morgenröte. (Sie gehen ab)

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Vierter Auftritt

Johanna mit der Fahne, in Helm und Brustharnisch, sonst aber weiblich gekleidet, Dunois, La Hire, Ritter und Soldaten zeigen sich oben auf dem Felsenweg, ziehen still darüber hinweg, und erscheinen gleich darauf auf der Szene

JOHANNA (zu den Rittern, die sie umgeben, indem der Zug oben immer noch fortwährt). Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager! Jetzt werft die Hülle der verschwiegner Nacht Von euch, die euren stillen Zug verhehlte, Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe Durch lauten Schlachtruf kund--Gott und die Jungfrau!

ALLE (rufen laut unter wildem Waffengetös). Gott und die Jungfrau! (Trommeln und Trompeten)

SCHILDWACHE (hinter der Szene). Feinde! Feinde! Feinde!

JOHANNA. Jetzt Fackeln her! Werft Feuer in die Zelte! Der Flammen Wut vermehre das Entsetzen, Und drohend rings umfange sie der Tod! (Soldaten eilen fort, sie will folgen)

DUNOIS (hält sie zurück). Du hast das Deine nun erfüllt, Johanna! Mitten ins Lager hast du uns geführt, Den Feind hast du in unsre Hand gegeben. Jetzt aber bleibe von dem Kampf zurück, Uns überlaß die blutige Entscheidung.

LA HIRE. Den Weg des Siegs bezeichne du dem Heer, Die Fahne trag uns vor in reiner Hand, Doch nimm das Schwert, das tödliche, nicht selbst, Versuche nicht den falschen Gott der Schlachten, Denn blind und ohne Schonung waltet er.

JOHANNA. Wer darf mir Halt gebieten? Wer dem Geist Vorschreiben, der mich führt? Der Pfeil muß fliegen, Wohin die Hand ihn seines Schützen treibt. Wo die Gefahr ist, muß Johanna sein, Nicht heut, nicht hier ist mir bestimmt zu fallen, Die Krone muß ich sehn auf meines Königs Haupt, Dies Leben wird kein Gegner mir entreißen, Bis ich vollendet, was mir Gott geheißen. (Sie geht ab)

LA HIRE. Kommt, Dunois! Laßt uns der Heldin folgen, Und ihr die tapfre Brust zum Schilde leihn! (Gehen ab)

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Fünfter Auftritt

Englische Soldaten fliehen über die Bühne. Hierauf Talbot

ERSTER. Das Mädchen! Mitten im Lager!

ZWEITER. Nicht möglich! Nimmermehr! Wie kam sie in das Lager?

DRITTER. Durch die Luft! Der Teufel hilft ihr!

VIERTER und FÜNFTER. Flieht! Flieht! Wir sind alle des Todes! (Gehen ab)

TALBOT (kommt). Sie hören nicht--Sie wollen mir nicht stehn! Gelöst sind alle Bande des Gehorsams, Als ob die Hölle ihre Legionen Verdammter Geister ausgespieen, reißt Ein Taumelwahn den Tapfern und den Feigen Gehirnlos fort, nicht eine kleine Schar Kann ich der Feinde Flut entgegenstellen, Die wachsend, wogend in das Lager dringt! --Bin ich der einzig Nüchterne und alles Muß um mich her in Fiebers Hitze rasen? Vor diesen fränkschen Weichlingen zu fliehn, Die wir in zwanzig Schlachten überwunden!-- Wer ist sie denn, die Unbezwingliche, Die Schreckensgöttin, die der Schlachten Glück Auf einmal wendet, und ein schüchtern Heer Von feigen Rehn in Löwen umgewandelt? Eine Gauklerin, die die gelernte Rolle Der Heldin spielt, soll wahre Helden schrecken? Ein Weib entriß mir allen Siegesruhm?

SOLDAT (stürzt herein). Das Mädchen! Flieh! Flieh, Feldherr!

TALBOT (stößt ihn nieder). Flieh zur Hölle Du selbst! Den soll dies Schwert durchbohren, Der mir von Furcht spricht und von feiger Flucht. (Er geht ab)

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Sechster Auftritt

Der Prospekt öffnet sich. Man sieht das englische Lager in vollen Flammen stehen. Trommeln, Flucht und Verfolgung. Nach einer Weile kommt Montgomery

MONTGOMERY (allein). Wo soll ich hinfliehn? Feinde ringsumher und Tod! Hier der ergrimmte Feldherr, der mit drohndem Schwert Die Flucht versperrend uns dem Tod entgegentreibt. Dort die Fürchterliche, die verderblich um sich her Wie die Brunst des Feuers raset--Und ringsum kein Busch, Der mich verbärge, keiner Höhle sichtet Raum! O wär ich nimmer über Meer hieher geschifft, Ich Unglückselger! Eitler Wahn betörte mich, Wohlfeilen Ruhm zu suchen in dem Frankenkrieg, Und jetzo führt mich das verderbliche Geschick In diese blutge Mordschlacht.--Wär ich weit von hier Daheim noch an der Savern' blühendem Gestad, Im sichern Vaterhause, wo die Mutter mir In Gram zurückblieb und die zarte süße Braut. (Johanna zeigt sich in der Ferne) Weh mir! Was seh ich! Dort erscheint die Schreckliche! Aus Brandes Flammen, düster leuchtend, hebt sie sich, Wie aus der Hölle Rachen ein Gespenst der Nacht Hervor.--Wohin entrinn ich! Schon ergreift sie mich Mit ihren Feueraugen, wirft von fern Der Blicke Schlingen nimmer fehlend nach mir aus. Um meine Füße, fest und fester, wirret sich Das Zauberknäuel, daß sie gefesselt mir die Flucht Versagen! Hinsehn muß ich, wie das Herz mir auch Dagegen kämpfe, nach der tödlichen Gestalt! (Johanna tut einige Schritte ihm entgegen, und bleibt wieder stehen) Sie naht! Ich will nicht warten, bis die Grimmige Zuerst mich anfällt! Bittend will ich ihre Knie Umfassen, um mein Leben flehn, sie ist ein Weib, Ob ich vielleicht durch Tränen sie erweichen kann!

(Indes er auf sie zugehen will, tritt sie ihm rasch entgegen)

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Siebenter Auftritt

Johanna. Montgomery

JOHANNA. Du bist des Todes! Eine britsche Mutter zeugte dich.

MONTGOMERY (fällt ihr zu Füßen). Halt ein, Furchtbare! Nicht den Unverteidigten Durchbohre. Weggeworfen hab ich Schwert und Schild, Zu deinen Füßen sink ich wehrlos, flehend hin. Laß mir das Licht des Lebens, nimm ein Lösegeld. Reich an Besitztum wohnt der Vater mir daheim Im schönen Lande Wallis, wo die schlängelnde Savern' durch grüne Auen rollt den Silberstrom, Und fünfzig Dörfer kennen seine Herrschaft an. Mit reichem Golde löst er den geliebten Sohn, Wenn er mich im Frankenlager lebend noch vernimmt.

JOHANNA. Betrogner Tor! Verlorner! In der Jungfrau Hand Bist du gefallen, die verderbliche, woraus Nicht Rettung noch Erlösung mehr zu hoffen ist. Wenn dich das Unglück in des Krokodils Gewalt Gegeben oder des gefleckten Tigers Klaun, Wenn du der Löwenmutter junge Brut geraubt, Du könntest Mitleid finden und Barmherzigkeit, Doch tödlich ists, der Jungfrau zu begegnen. Denn dem Geisterreich, dem strengen, unverletzlichen, Verpflichtet mich der furchtbar bindende Vertrag, Mit dem Schwert zu töten alles Lebende, das mir Der Schlachten Gott verhängnisvoll entgegenschickt.

MONTGOMERY. Furchtbar ist deine Rede, doch dein Blick ist sanft, Nicht schrecklich bist du in der Nähe anzuschaun, Es zieht das Herz mich zu der lieblichen Gestalt. O bei der Milde deines zärtlichen Geschlechts Fleh ich dich an. Erbarme meiner Jugend dich!

JOHANNA. Nicht mein Geschlecht beschwöre! Nenne mich nicht Weib. Gleichwie die körperlosen Geister, die nicht frein Auf irdsche Weise, schließ ich mich an kein Geschlecht Der Menschen an, und dieser Panzer deckt kein Herz.

MONTGOMERY. O bei der Liebe heilig wallendem Gesetz, Dem alle Herzen huldigen, beschwör ich dich. Daheimgelassen hab ich eine holde Braut, Schön wie du selbst bist, blühend in der Jugend Sie harret weinend des Geliebten Wiederkunft, O wenn du selber je zu lieben hoffst, und hoffst Beglückt zu sein durch Liebe! Trenne grausam nicht Zwei Herzen, die der Liebe heilig Bündnis knüpft!

JOHANNA. Du rufest lauter irdisch fremde Götter an, Die mir nicht heilig, noch verehrlich sind. Ich weiß Nichts von der Liebe Bündnis, das du mir beschwörst, Und nimmer kennen werd ich ihren eiteln Dienst. Verteidige dein Leben, denn dir ruft der Tod.

MONTGOMERY. O so erbarme meiner jammervollen Eltern dich, Die ich zu Haus verlassen. Ja gewiß auch du Verließest Eltern, die die Sorge quält um dich.

JOHANNA. Unglücklicher! Und du erinnerst mich daran, Wie viele Mütter dieses Landes kinderlos, Wie viele zarte Kinder vaterlos, wie viel Verlobte Bräute Witwen worden sind durch euch! Auch Englands Mütter mögen die Verzweiflung nun Erfahren, und die Tränen kennenlernen, Die Frankreichs jammervolle Gattinnen geweint.

MONTGOMERY. O schwer ists, in der Fremde sterben unbeweint.

JOHANNA. Wer rief euch in das fremde Land, den blühnden Fleiß Der Felder zu verwüsten, von dem heimschen Herd Uns zu verjagen und des Krieges Feuerbrand Zu werfen in der Städte friedlich Heiligtum? Ihr träumtet schon in eures Herzens eitelm Wahn, Den freigebornen Franken in der Knechtschaft Schmach Zu stürzen und dies große Land, gleichwie ein Boot, An euer stolzes Meerschiff zu befestigen! Ihr Toren! Frankreichs königliches Wappen hängt Am Throne Gottes, eher rißt ihr einen Stern Vom Himmelwagen, als ein Dorf aus diesem Reich, Dem unzertrennlich ewig einigen!--Der Tag Der Rache ist gekommen, nicht lebendig mehr Zurückemessen werdet ihr das heilge Meer, Das Gott zur Länderscheide zwischen euch und uns Gesetzt, und das ihr frevelnd überschritten habt.

MONTGOMERY (läßt ihre Hand los). O ich muß sterben! Grausend faßt mich schon der Tod.

JOHANNA. Stirb, Freund! Warum so zaghaft zittern vor dem Tod, Dem unentfliehbaren Geschick?--Sieh mich an! Sieh! Ich bin nur eine Jungfrau, eine Schäferin Geboren, nicht des Schwerts gewohnt ist diese Hand, Die den unschuldig frommen Hirtenstab geführt. Doch weggerissen von der heimatlichen Flur, Vom Vaters Busen, von der Schwestern lieber Brust Muß ich hier, ich muß--mich treibt die Götterstimme, nicht Eignes Gelüsten,--euch zu bitterm Harm, mir nicht Zur Freude, ein Gespenst des Schreckens würgend gehn, Den Tod verbreiten und sein Opfer sein zuletzt! Denn nicht den Tag der frohen Heimkehr werd ich sehn, Noch vielen von den Euren werd ich tödlich sein, Noch viele Witwen machen, aber endlich werd Ich selbst umkommen und erfüllen mein Geschick. --Erfülle du auch deines. Greife frisch zum Schwert, Und um des Lebens süße Beute kämpfen wir.

MONTGOMERY (steht auf). Nun, wenn du sterblich bist wie ich und Waffen dich Verwunden, kanns auch meinem Arm beschieden sein, Zur Höll dich sendend Englands Not zu endigen. In Gottes gnädge Hände leg ich mein Geschick. Ruf du Verdammte deine Höllengeister an, Dir beizustehen! Wehre deines Lebens dich!

(Er ergreift Schild und Schwert und dringt auf sie ein, kriegerische Musik erschallt in der Ferne, nach einen kurzen Gefechte fällt Montgomery)

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Achter Auftritt

Johanna allein

Dich trug dein Fuß zum Tode--Fahre hin! (Sie tritt von ihm weg und bleibt gedankenvoll stehen) Erhabne Jungfrau, du wirkst Mächtiges in mir! Du rüstest den unkriegerischen Arm mit Kraft, Dies Herz mit Unerbittlichkeit bewaffnest du. In Mitleid schmilzt die Seele und die Hand erbebt, Als bräche sie in eines Tempels heilgen Bau, Den blühenden Leib des Gegners zu verletzen, Schon vor des Eisens blanker Schneide schaudert mir, Doch wenn es not tut, alsbald ist die Kraft mir da, Und nimmer irrend in der zitternden Hand regiert Das Schwert sich selbst, als wär es ein lebendger Geist.

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Neunter Auftritt

Ein Ritter mit geschloßnem Visier. Johanna

RITTER. Verfluchte! Deine Stunde ist gekommen, Dich sucht ich auf dem ganzen Feld der Schlacht. Verderblich Blendwerk! Fahre zu der Hölle Zurück, aus der du aufgestiegen bist.

JOHANNA. Wer bist du, den sein böser Engel mir Entgegen schickt? Gleich eines Fürsten ist Dein Anstand, auch kein Brite scheinst du mir, Denn dich bezeichnet die burgundsche Binde, Vor der sich meines Schwertes Spitze neigt.

RITTER. Verworfne, du verdientest nicht zu fallen Von eines Fürsten edler Hand. Das Beil Des Henkers sollte dein verdammtes Haupt Vom Rumpfe trennen, nicht der tapfre Degen Des königlichen Herzogs von Burgund.

JOHANNA. So bist du dieser edle Herzog selbst?

RITTER (schlägt das Visier auf). Ich bins. Elende, zittre und verzweifle! Die Satanskünste schützen dich nicht mehr, Du hast bis jetzt nur Schwächlinge bezwungen, Ein Mann steht vor dir.

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Zehnter Auftritt

Dunois und La Hire zu den Vorigen

DUNOIS. Wende dich, Burgund! Mit Männern kämpfe, nicht mit Jungfrauen.

LA HIRE. Wir schützen der Prophetin heilig Haupt, Erst muß dein Degen diese Brust durchbohren--

BURGUND. Nicht diese buhlerische Circe fürcht ich, Noch euch, die sie so schimpflich hat verwandelt. Erröte, Bastard, Schande dir, La Hire, Daß du die alte Tapferkeit zu Künsten Der Höll erniedrigst, den verächtlichen Schildknappen einer Teufelsdirne machst. Kommt her! Euch allen biet ichs! Der verzweifelt An Gottes Schutz, der zu dem Teufel flieht. (Sie bereiten sich zum Kampf, Johanna tritt dazwischen)

JOHANNA. Haltet inne!

BURGUND. Zitterst du für deinen Buhlen? Vor deinen Augen soll er--(Dringt auf Dunois ein)

JOHANNA. Haltet inne! Trennt sie, La Hire--Kein französisch Blut soll fließen! Nicht Schwerter sollen diesen Streit entscheiden. Ein andres ist beschlossen in den Sternen-- Auseinander sag ich--Höret und verehrt Den Geist, der mich ergreift, der aus mir redet!

DUNOIS. Was hältst du meinen aufgehobnen Arm, Und hemmst des Schwertes blutige Entscheidung? Das Eisen ist gezückt, es fällt der Streich, Der Frankreich rächen und versöhnen soll.

JOHANNA (stellt sich in die Mitte und trennt beide Teile durch einen weiten Zwischenraum, zum Bastard). Tritt auf die Seite! (Zu La Hire) Bleib gefesselt stehen! Ich habe mit dem Herzoge zu reden. (Nachdem alles ruhig ist) Was willst du tun, Burgund? Wer ist der Feind, Den deine Blicke mordbegierig suchen? Dieser edle Prinz ist Frankreichs Sohn wie du Dieser Tapfre ist dein Waffenfreund und Landsmann, Ich selbst bin deines Vaterlandes Tochter. Wir alle, die du zu vertilgen strebst, Gehören zu den Deinen--unsre Arme Sind aufgetan dich zu empfangen, unsre Knie Bereit dich zu verehren--unser Schwert Hat keine Spitze gegen dich. Ehrwürdig Ist uns das Antlitz, selbst im Feindeshelm, Das unsers Königs teure Züge trägt.

BURGUND. Mit süßer Rede schmeichlerischem Ton Willst du Sirene! deine Opfer locken. Arglistge, mich betörst du nicht. Verwahrt Ist mir das Ohr vor deiner Rede Schlingen Und deines Auges Feuerpfeile gleiten Am guten Harnisch meines Busens ab. Zu den Waffen, Dunois! Mit Streichen nicht mit Worten laß uns fechten.

DUNOIS. Erst Worte und dann Streiche. Fürchtest du Vor Worten dich? Auch das ist Feigheit Und der Verräter einer bösen Sache.

JOHANNA. Uns treibt nicht die gebieterische Not Zu deinen Füßen, nicht als Flehende Erscheinen wir vor dir.--Blick um dich her! In Asche liegt das engelländsche Lager, Und eure Toten decken das Gefild. Du hörst der Franken Kriegstrommete tönen, Gott hat entschieden, unser ist der Sieg. Des schönen Lorbeers frisch gebrochnen Zweig Sind wir bereit, mit unserm Freund zu teilen. --O komm herüber! Edler Flüchtling komm! Herüber, wo das Recht ist und der Sieg. Ich selbst, die Gottgesandte, reiche dir Die schwesterliche Hand. Ich will dich rettend Herüberziehn auf unsre reine Seite!-- Der Himmel ist für Frankreich. Seine Engel, Du siehst sie nicht, sie fechten für den König, Sie alle sind mit Lilien geschmückt, Lichtweiß wie diese Fahn ist unsre Sache, Die reine Jungfrau ist ihr keusches Sinnbild.

BURGUND. Verstrickend ist der Lüge trüglich Wort, Doch ihre Rede ist wie eines Kindes. Wenn böse Geister ihr die Worte leihn, So ahmen sie die Unschuld siegreich nach. Ich will nicht weiter hören. Zu den Waffen! Mein Ohr, ich fühle, ist schwächer als mein Arm.

JOHANNA. Du nennst mich eine Zauberin, gibst mir Künste Der Hölle schuld--Ist Frieden stiften, Haß Versöhnen ein Geschäft der Hölle? Kommt Die Eintracht aus dem ewgen Pfuhl hervor? Was ist unschuldig, heilig, menschlich gut, Wenn es der Kampf nicht ist ums Vaterland? Seit wann ist die Natur so mit sich selbst Im Streite, daß der Himmel die gerechte Sache Verläßt, und daß die Teufel sie beschützen? Ist aber das, was ich dir sage, gut, Wo anders als von oben könnt ichs schöpfen? Wer hätte sich auf meiner Schäfertrift Zu mir gesellt, das kindsche Hirtenmädchen In königlichen Dingen einzuweihn? Ich bin vor hohen Fürsten nie gestanden, Die Kunst der Rede ist dem Munde fremd. Doch jetzt, da ichs bedarf dich zu bewegen, Besitz ich Einsicht, hoher Dinge Kunde, Der Länder und der Könige Geschick Liegt sonnenhell vor meinem Kindesblick, Und einen Donnerkeil führ ich im Munde.

BURGUND (lebhaft bewegt, schlägt die Augen zu ihr auf und betrachtet sie mit Erstaunen und Rührung). Wie wird mir? Wie geschieht mir? Ists ein Gott, Der mir das Herz im tiefsten Busen wendet! --Sie trügt nicht, diese rührende Gestalt! Nein! Nein! Bin ich durch Zaubers Macht geblendet, So ists durch eine himmlische Gewalt, Mir sagts das Herz, sie ist von Gott gesendet.

JOHANNA. Er ist gerührt, er ists! Ich habe nicht Umsonst gefleht, des Zornes Donnerwolke schmilzt Von seiner Stirne tränentauend hin, Und aus den Augen, Friede strahlend, bricht Die goldne Sonne des Gefühls hervor. --Weg mit den Waffen--drücket Herz an Herz-- Er weint, er ist bezwungen, er ist unser! (Schwert und Fahne entsinken ihr, sie eilt auf ihn zu mit ausgebreiteten Armen und umschlingt ihn mit leidenschaftlichem Ungestüm. La Hire und Dunois lassen die Schwerter fallen und eilen ihn zu umarmen)

DRITTER AUFZUG

Hoflager des Königs zu Chalons an der Marne

Erster Auftritt

Dunois und La Hire

DUNOIS. Wir waren Herzensfreunde, Waffenbrüder, Für eine Sache hoben wir den Arm Und hielten fest in Not und Tod zusammen. Laßt Weiberliebe nicht das Band zertrennen, Das jeden Schicksalswechsel ausgehalten.

LA HIRE. Prinz, hört mich an!

DUNOIS. Ihr liebt das wunderbare Mädchen, Und mir ist wohl bekannt, worauf Ihr sinnt. Zum König denkt Ihr stehnden Fußes jetzt Zu gehen, und die Jungfrau zum Geschenk Euch zu erbitten--Eurer Tapferkeit Kann er den wohlverdienten Preis nicht weigern. Doch wißt--eh ich in eines andern Arm Sie sehe--

LA HIRE. Hört mich, Prinz!

DUNOIS. Es zieht mich nicht Der Augen flüchtig schnelle Lust zu ihr. Den unbezwungnen Sinn hat nie ein Weib Gerührt, bis ich die Wunderbare sah, Die eines Gottes Schickung diesem Reich Zur Retterin bestimmt und mir zum Weibe, Und in dem Augenblick gelobt ich mir Mit heilgem Schwur als Braut sie heimzuführen. Denn nur die Starke kann die Freundin sein Des starken Mannes, und dies glühnde Herz Sehnt sich an einer gleichen Brust zu ruhn, Die seine Kraft kann fassen und ertragen.

LA HIRE. Wie könnt ichs wagen, Prinz, mein schwach Verdienst Mit Eures Namens Heldenruhm zu messen! Wo sich Graf Dunois in die Schranken stellt, Muß jeder andre Mitbewerber weichen. Doch eine niedre Schäferin kann nicht Als Gattin würdig Euch zur Seite stehn, Das königliche Blut, das Eure Adern Durchrinnt, verschmäht so niedrige Vermischung.

DUNOIS. Sie ist das Götterkind der heiligen Natur, wie ich, und ist mir ebenbürtig. Sie sollte eines Fürsten Hand entehren, Die eine Braut der reinen Engel ist, Die sich das Haupt mit einem Götterschein Umgibt, der heller strahlt als irdsche Kronen, Die jedes Größte, Höchste dieser Erden Klein unter ihren Füßen liegen sieht; Denn alle Fürstenthronen aufeinander Gestellt, bis zu den Sternen fortgebaut, Erreichten nicht die Höhe, wo sie steht, In ihrer Engelsmajestät!

LA HIRE. Der König mag entscheiden.

DUNOIS. Nein, sie selbst Entscheide! Sie hat Frankreich frei gemacht Und selber frei muß sie ihr Herz verschenken.

LA HIRE. Da kommt der König!

DRITTER AUFZUG

Zweiter Auftritt

Karl. Agnes Sorel. Du Chatel, der Erzbischof und Chatillon zu den Vorigen

KARL (zu Chatillon). Er kommt! Er will als seinen König mich Erkennen, sagt Ihr, und mir huldigen?

CHATILLON. Hier, Sire, in deiner königlichen Stadt Chalons will sich der Herzog, mein Gebieter, Zu deinen Füßen werfen.--Mir befahl er, Als meinen Herrn und König dich zu grüßen, Er folgt mir auf dem Fuß, gleich naht er selbst.

SOREL. Er kommt! O schöne Sonne dieses Tags, Der Freude bringt und Frieden und Versöhnung!

CHATILLON. Mein Herr wird kommen mit zweihundert Rittern, Er wird zu deinen Füßen niederknien, Doch er erwartet, daß du es nicht duldest, Als deinen Vetter freundlich ihn umarmest.

KARL. Mein Herz glüht, an dem seinigen zu schlagen.

CHATILLON. Der Herzog bittet, daß des alten Streits Beim ersten Wiedersehn mit keinem Worte Meldung gescheh!

KARL. Versenkt im Lethe sei Auf ewig das Vergangene. Wir wollen Nur in der Zukunft heitre Tage sehn.

CHATILLON. Die für Burgund gefochten, alle sollen In die Versöhnung aufgenommen sein.

KARL. Ich werde so mein Königreich verdoppeln!