Die Jüdin von Toledo Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 5
Manrique (auf die am Boden liegenden Waffen zeigend). Wir haben unsre Wehr von uns gelegt--
König. Ich sehe Schwerter. Kommt Ihr, mich zu töten? Vollendet Euer Werk. Hier meine Brust. (Er öffnet sein Kleid.)
Königin. Er hat's nicht mehr!
König. Wie meint ihr schöne Frau?
Königin. Das böse Bild ist fort von seinem Halse.
König. Ich gehe, es zu holen. (Er macht ein paar Schritte gegen die Seitentüre und bleibt dann stehen.)
Königin. Gott, noch immer!
Manrique. Wir wissen wohl, wie sehr wir, Herr, gefehlt; Vor allem: nicht die Rückkehr zu dir selbst Dir selbst und deinem edlen Sinn vertrauend. Allein die Zeit war dringender als wir. Es bebt das Land. Der Feind an unsern Grenzen Er fordert auf zu Wehr und Widerstand.
König. Und Feinde muß man strafen, oder nicht? Ihr mahnt mit Recht; umringt bin ich von solchen. He, Garceran!
Garceran. Meint Ihr mich, hoher Herr?
König. Ich meine dich. Du hast mich zwar verraten, Allein du warst mein Freund. Komm her zu mir. Sag mir was hältst du von dem Mädchen dort? Nun--die du morden halfst--doch davon später. Was hieltst du von ihr da sie lebte noch?
Garceran. Herr, sie war schön.
König. So! und was weiter noch?
Garceran. Doch auch verbuhlt und leicht, voll arger Tücken.
König. Und das verschwiegst du mir als es noch Zeit?
Garceran. Ich sagt' es Euch.
König. Und ich hab's nicht geglaubt? Wie kam das? Sag nur an!
Garceran. Die Königin Sie rät auf Zauberei.
König. Das ist der Aberglaube, Der nachglaubt, was er erst sich vorgeglaubt.
Garceran. Zum Teil war's freilich wieder auch natürlich.
König. Natürlich ist zuletzt nur was erlaubt. Und war ich nicht ein König, mild, gerecht? Der Abgott meines Volks und all der Meinen. Nicht leer an Sinn, und blind auch nicht vor allem. Ich sage dir: sie war nicht schön.
Garceran. Wie meint Ihr?
König. Ein böser Zug um Wange, Kinn und Mund, Ein lauernd Etwas in dem Feuerblick Vergiftete, entstellte ihre Schönheit. Betrachtet hab ich mir's und hab verglichen. Als ich dort eintrat, meinen Zorn zu stacheln, Halb bange vor der Steigrung meiner Wut, Da kam es anders als ich mir's gedacht. Statt üpp'ger Bilder der Vergangenheit Trat Weib und Kind und Volk mir vor die Augen. Zugleich schien sich ihr Antlitz zu verzerren, Die Arme sich zu regen mich zu fassen. Da warf ich ihr ihr Bild nach in die Gruft Und bin nun hier und schaudre, wie du siehst. Nun aber geh! Hast du mich doch verraten, Fast tut mir leid, daß ich Euch strafen muß. Tritt hin zu deinem Vater, zu den andern. Kein Unterschied, denn alle seid Ihr schuldig.
Manrique (mit starker Stimme). Und Ihr nicht auch?
König (nach einer Pause). Der Mann hat recht; ich auch. Allein was ist die Welt, mein armes Land, Wenn niemand rein und übrall nur Verbrecher? Doch hier mein Sohn. Tritt du in unsre Mitte, Du sollst der Schutzgeist sein von diesem Lande, Ob uns ein höhrer Richter dann verzeiht. Führt Doña Clara, Ihr ihn an der Hand, Euch hat ein günstiges Geschick verliehn In Unbefangenheit bis diesen Tag Das Leben zu durchziehn; Ihr seid es wert, Die Unschuld einzuführen unter uns. Doch halt! Hier ist die Mutter. Was sie tat, Sie tat es für ihr Kind. Ihr ist verziehn.
(Da die Königin vortritt und ein Knie beugt.)
Madoña, straft Ihr mich? Wollt Ihr mir zeigen Die Stellung, die mir ziemte gegen Euch? Kastilier seht her! Hier Euer König, Und die Regentin hier an seiner Statt, Ich bin nur der Feldhauptmann meines Sohns. Denn wie die Pilger mit dem Kreuz bezeichnet Zur Buße hinziehn nach Jerusalem, So will ich, meiner Makel mir bewußt, Euch führen gegen jene Andersgläub'gen, Die an der Grenze fern aus Afrika Mein Volk bedrohn und dies mein stilles Land. Kehr ich dann wieder, und will's Gott als Sieger, Dann sollt Ihr sagen, ob ich wieder wert, Das Recht zu schützen, das ich nun verletzt. Euch jeden trifft die Strafe so wie mich, Denn in die dichtsten Haufen unsrer Feinde Sollt Ihr mir folgen, Ihr gesamt, zunächst. Und wer dann fällt, er hat gebüßt für alle. So straf ich Euch und mich. Hier meinen Sohn, Setzt ihn auf einen Schild, gleich einem Thron, Denn er ist heut der König dieses Landes, Und so geschart, laßt gehn uns vor das Volk.
(Man hat einen Schild gebracht.)
Ihr Frauen beide reicht dem Kind die Hand, Sein erster Thron ist schlüpfrig--wie der zweite. Du Garceran, du bleibst an meiner Seite: Wir haben gleichen Leichtsinn zu vertreten, Wir wollen kämpfen wie mit einer Kraft. Und hast du dich gereinigt so wie ich, Vielleicht hält jene Stille, Sittigreine Dich ihrer Huld und ihres Auges wert. Ihr sollt ihn bessern, Doña Clara! doch, um Gott! Macht ihm die Tugend nicht nur achtungswert, Nein liebenswürdig auch. Das schützt vor vielem.
(Trompeten aus der Ferne.)
Hört Ihr? Sie rufen uns. Die ich beschieden Als Beistand gegen Euch, sie sind bereit Zur Hilfe gegen unser aller Feind, Den grimmen Mauren, der den Grenzen droht, Und den ich senden will mit Schmach und Wunden Rück in sein heimisch dürres Wüstenland, Auf daß das unsre frei von Unbill Nach innen und nach außen wohl bewahrt. Voraus! Voran! Geliebt es Gott: zum Sieg.
(Der Zug hat sich schon früher geordnet. Voraus einige Vasallen; dann das Kind auf dem Schilde, das die Frauen zu beiden Seiten an den Händen halten, dann der Rest der Männer. Zuletzt der König, sich vertraulich auf Garceran stützend.)
Esther (zu ihrem Vater gewandt). Siehst du, sie sind schon heiter und vergnügt Und stiften Ehen für die Zukunft schon. Sie sind die Großen, haben zum Versöhnungsfest Ein Opfer sich geschlachtet aus den Kleinen Und reichen sich die annoch blut'ge Hand. (In die Mitte des Theaters tretend.) Ich aber sage dir, du stolzer König: Geh hin, geh hin in prunkendem Vergessen-- Du hältst dich frei von meiner Schwester Macht, Weil abgestumpft der Stachel ihres Eindrucks Und du von dir warfst, was dich einst gelockt. Am Tag der Schlacht, wenn deine schwanken Reihen Erschüttert von der Feinde Übermacht, Und nur ein Herz, das rein und stark und schuldlos Gewachsen der Gefahr und ihrem Drohn: Wenn du emporschaust dann zum tauben Himmel, Dann wird das Bild des Opfers, das dir fiel, Nicht in der üpp'gen Schönheit, die dich lockte, Entstellt, verzerrt, wie sie dir ja mißfiel, Vor deine zagend bange Seele treten! Dann schlägst du wohl auch reuig an die Brust, Dann denkst du an die Jüdin von Toledo. (Den Alten an der Schulter fassend.) Kommt, Vater, kommt! Wir haben dort zu tun. (Auf die Seitentüre zeigend.)
Isaak (wie aus dem Schlafe erwachend). Doch such ich erst mein Gold.
Esther. Denkt Ihr noch das? Im Angesicht des Jammers und der Not. Dann nehm ich rück den Fluch, den ich gesprochen, Dann seid Ihr schuldig auch, und ich--und sie. Wir stehn gleich jenen in der Sünder Reihe; Verzeihn wir denn, damit uns Gott verzeihe. (Die Arme gegen die Seitentüre ausgestreckt.)
(Der Vorhang fällt.)
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