Die Jüdin von Toledo Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 4
König. Nicht beide Hände! Die Rechte nur, obgleich dem Herzen ferner, Gibt man zum Pfand von Bündnis und Vertrag, Vielleicht um anzudeuten, nicht nur das Gefühl, Das seinen Sitz im Herzen aufgeschlagen, Auch der Verstand, des Menschen ganzes Wollen Muß Dauer geben dem was man versprach; Denn wechselnd wie die Zeit ist das Gefühl, Was man erwogen bleibt in seiner Kraft.
Königin (die Rechte bietend). Auch das! Mein ganzes Selbst.
König. Die Hand, sie zittert. (Sie loslassend.) Ich will dich nicht mißhandeln, gutes Weib. Und glaube nicht, weil minder weich ich spreche, Ich minder darum weiß, wie groß mein Fehl Und minder ich verehre deine Güte.
Königin. Verzeihn ist leicht, begreifen ist viel schwerer. Wie es nur möglich war. Ich faß es nicht.
König. Wir haben bis vor kurz gelebt als Kinder. Als solche hat man einstens uns vermählt Und wir, wir lebten fort als fromme Kinder; Doch Kinder wachsen, nehmen zu an Jahren Und jedes Stufenalter der Entwicklung Es kündet an sich durch ein Unbehagen Wohl öfters eine Krankheit, die uns mahnt, Wir sei'n dieselben und zugleich auch andre Und andres zieme sich im Nämlichen. So ist's mit unserm Innern auch bestellt, Es dehnt sich aus, und einen weitern Umkreis Beschreibt es um den alten Mittelpunkt. Solch eine Krankheit haben wir bestanden! Und sag ich: wir, so mein ich, daß du selbst Nicht unzugänglich seist dem innern Wachstum. Laß uns die Mahnung stumpf nicht überhören! Wir wollen künftighin als Kön'ge leben, Denn, Weib, wir sind's. Uns nicht der Welt verschließen Noch allem was da groß in ihr und gut, Und wie die Bienen, die mit ihrer Ladung Des Abends heim in ihre Zelle kehren, Bereichert durch des Tages Vollgewinn Uns finden in dem Kreis der Häuslichkeit, Nun doppelt süß durch zeitliches Entbehren.
Königin. Wenn du's begehrst, ich selbst vermiß es nicht.
König. Du wirst's vermissen dann in der Erinnrung Wenn du erst hast, woran man Werte mißt. Nun aber laß Vergangnes uns vergessen! Ich liebe nicht, daß man auf neuer Bahn Den Weg versperre sich durch dies und das, Durch das Gerümpel eines frühern Zustands. Ich spreche mich von meinen Sünden los, Du selbst bedarfst es nicht in deiner Reinheit.
Königin. Nicht so! nicht so! Oh, wüßtest du, mein Gatte, Was für Gedanken, schwarz und unheilvoll, Den Weg gefunden in mein banges Herz.
König. Wohl etwa Rachsucht gar? Nun um so besser, Du fühlst dann, daß Verzeihen Menschenpflicht Und niemand sicher ist, auch nicht der Beste. Wir wollen uns nicht rächen und nicht strafen, Denn jene andre, glaub, ist ohne Schuld Wie's die Gemeinheit ist, die eitle Schwäche, Die nur nicht widersteht und sich ergibt. Ich selber trage, ich, die ganze Schuld.
Königin. O laß mich glauben, was mich hält und tröstet. Der Mauren Volk und all, was ihnen ähnlich, Geheime Künste üben sie, verruchte, Mit Bildern, Zeichen, Sprüchen, bösen Tränken Die in der Brust des Menschen Herz verkehren Und seinen Willen machen untertan.
König. Umgeben sind wir rings von Zaubereien, Allein wir selber sind die Zauberer. Was weit entfernt, bringt ein Gedanke nah, Was wir verschmäht, scheint andrer Zeit uns hold, Und in der Welt voll offenbarer Wunder Sind wir das größte aller Wunder selbst.
Königin. Sie hat dein Bild.
König. Sie soll es wiedergeben Und heften will ich's sichtlich an die Wand Und drunter schreiben für die späten Enkel: Ein König, der an sich nicht gar so schlimm, Hat seines Amts und seiner Pflicht vergessen. Gott sei gedankt, daß er sich wiederfand.
Königin. Allein du selber trägst an deinem Hals--
König. Ja so! ihr Bild? Ward dir das auch schon kund? (Er nimmt das Bild mit der Kette vom Halse und legt es auf den Tisch rechts im Vorgrunde.) So leg ich es denn hin, und mög' es liegen Ein Blitz, der nicht mehr schädlich nach dem Donner.
Das Mädchen aber selbst, sie sei entfernt! Mag dann mit einem Mann sie ihres Volks-- (von vorn nach rückwärts auf und nieder gehend, in Absätzen stehenbleibend) Ob das zwar nicht.--Die Weiber dieses Stamms Sind leidlich, gut sogar.--Allein die Männer Mit schmutz'ger Hand und engem Wuchersinn, Ein solcher soll das Mädchen nicht berühren. Am Ende hat sie Bessern angehört.-- Allein was kümmert's uns?--Ob so, ob so, Wie nah, wie fern!--Sie mögen selber sorgen.
Königin. Doch wirst du stark auch bleiben, Don Alfonso?
König (stehenbleibend). Sieh nur, du hast das Mädchen nicht gekannt. Nimm alle Fehler dieser weiten Erde, Die Torheit und die Eitelkeit, die Schwäche, Die List, den Trotz, Gefallsucht, ja die Habsucht, Vereine sie, so hast du dieses Weib, Und wenn, statt Zauber, rätselhaft du's nennst, Daß jemals sie gefiel, so stimm ich ein Und schämte mich, wär's nicht natürlich wieder. (Er geht auf und nieder.)
Königin. Oh, nicht natürlich, glaube mir mein Gatte.
König (stehenbleibend). Ein Zauber endlich ist. Er heißt Gewohnheit, Der anfangs nicht bestimmt, doch später festhält, Von dem was störend, widrig im Beginn, Abstreift den Eindruck, der uns unwillkommen, Das Fortgesetzte steigert zum Bedürfnis. Ist's leiblich doch auch anders nicht bestellt. Die Kette, die ich trug--und die nun liegt, Auf immer abgetan--so Hals als Brust Sie haben an den Eindruck sich gewöhnt (sich schüttelnd) Und fröstelnd geht's mir durch die leeren Räume. Ich will mir eine andre Kette wählen, Der Körper scherzt nicht, wenn er warnend mahnt. Und damit nun genug!--Doch daß Ihr blutig Euch rächen wolltet an der armen Törin, Das war nicht gut. (Zum Tische tretend.) Denn sieh nur diese Augen-- Nun ja, die Augen Körper, Hals und Wuchs, Das hat Gott wahrlich meisterhaft gefügt; Sie selber machte später sich zum Zerrbild. Laß Gottes Werk in ihr uns denn verehren Und nicht zerstören was er weise schuf.
Königin. Berühr es nicht!
König. Schon wieder denn der Unsinn! Und wenn ich's nehme wirklich in die Hand (er hat das Bild auf die Hand gelegt) Bin ich ein andrer drum? Schling ich die Kette Aus Scherz, um dein zu spotten, um den Hals, (er tut's) Das Bild, das dich erschreckt, im Busen bergend, Bin minder ich Alfonso, der es einsieht Daß er gefehlt und der den Fehl verdammt? Drum sei's des Unsinns endlich doch genug. (Er entfernt sich vom Tische.)
Königin. Allein--
König (wild nach ihr hinblickend). Was ist?
Königin. O Gott im Himmel!
König. Erschrick nicht gutes Weib. Doch sei vernünftig Und wiederhole mir nicht stets dasselbe, Es mahnt zuletzt mich an den Unterschied. (Auf den Tisch, dann auf seine Brust zeigend.) Dort jenes Mädchen--zwar jetzt ist sie hier-- War töricht sie, so gab sie sich als solche Und wollte klug nicht sein, noch fromm und sittig. Das ist die Art der tugendhaften Weiber, Daß ewig sie mit ihrer Tugend zahlen. Bist du betrübt, so trösten sie mit Tugend, Und bist du froh gestimmt, ist's wieder Tugend, Die dir zuletzt die Heiterkeit benimmt, Wohl gar die Sünde zeigt als einz'ge Rettung. Was man die Tugend nennt, sind Tugenden, Verschieden, mannigfalt, nach Zeit und Lage, Und nicht ein hohles Bild, das ohne Fehl, Doch eben drum auch wieder ohne Vorzug. Ich will die Kette nur vom Halse legen, Denn sie erinnert mich--Und dann Lenore, Daß du mit den Vasallen dich verbündet, Das war nicht gut, war unklug, widrig. Wenn du mir zürnst, bist du in deinem Recht; Doch diese Männer, meine Untertanen, Was wollen sie? Bin ich ein Kind, ein Knabe, Der noch nicht kennt den Umkreis seiner Stellung? Des Reiches Sorge teilen sie mit mir Und gleiche Sorge, weiß ich, ist mir Pflicht. Doch ich, Alfonso, ich, der Mensch, der Mann In meinem Haus, in meinem Sein und Wesen, Schuld ich des Reiches Männern Rechenschaft? Nicht so! Und hört' ich nichts als meinen Zorn, Ich kehrte rasch zurück, woher ich kam, Nur um zu zeigen, daß nicht ihrem Urteil, Nicht ihrer Billigung ich untertan.
(Nach vorn tretend und mit dem Fuße auf den Boden stampfend.) Und endlich dieser Alte, Don Manrique, Wenn er mir Vormund war, ist er es noch?
(Don Manrique erscheint in der Mitteltüre. Die Königin zeigt mit gerungenen Händen nach ihrem Gatten. Manrique zieht sich mit einer beruhigenden Bewegung beider Hände zurück.)
Erkühnt er sich dem König vorzuschreiben Die hausgebacknen Lehren seiner Weisheit? Wohl gar zu heimlicher, verwegner Tat--? (In der Quere der Bühne auf und nieder gehend.) Ich will das untersuchen, ich, als Richter Und zeigt sich eine Spur nur von Vergehn, Von frevelhafter Absicht oder Tat, Je näher mir der Schuldige, ja nächst, Nur um so härter büß' er sein Erkühnen. Nicht du, Lenore, nein, du bist entschuldigt.
(Die Königin hat sich während des letzten leise durch die Seitentüre rechts entfernt.)
Wo ging sie hin? So läßt man mich allein? Bin ich der Tor in meinem eignen Haus? (Er nähert sich der Seitentüre rechts.) Ich will zu ihr!--Die Tür verschlossen? (Die Türe mit einem Fußtritt sprengend.) Auf! So nehm ich mir im Sturm mein häuslich Glück. (Er geht hinein.)
(Don Manrique und Garceran erscheinen in der Mitteltüre. Letzterer macht einen Schritt über die Schwelle.)
Manrique. Willst du mit uns?
Garceran. Mein Vater!
Manrique. Willst du nicht? Die andern sind voran. Folgst du?
Garceran. Ich folge.
(Sie ziehen sich zurück, die Türe geht zu.--Pause.--Der König kommt zurück. In der Stellung eines Horchenden.)
König. Horch wieder!--Es ist nichts, und alles stille.-- Die Zimmer meiner Gattin leer, verlassen. Rückkehrend aber, in der Erkerstube Vernahm ich Lärm von Wagen und von Rossen In reißendem Galopp das Weite suchend. Bin ich allein? He, Garceran! Ramiro!
(Der Knappe kommt aus der Seitentüre links.)
Was ist? Was geht hier vor?
Knappe. Erlauchter Herr Das Schloß ist menschenleer; Ihr selbst und ich Zur Zeit die einzig lebenden Bewohner.
König. Die Königin?
Knappe. Verließ das Schloß zu Wagen.
König. Schon nach Toledo denn zurück?
Knappe. Ich weiß nicht. Allein die Herren--
König. Welche Herrn?
Knappe. Die Stände, Die sich gesamt auf ihre Pferde schwangen, Sie nahmen ihren Weg nicht nach Toledo, Vielmehr den Weg, auf dem ihr selber kamt.
König. Ha! nach Retiro? Fällt's wie Schuppen doch Von meinen sehenden und blinden Augen. Das ist der Mord! Sie gehen, sie zu töten. Mein Pferd! Mein Pferd!
Knappe. Das Eure, hoher Herr, Ward als gelähmt, wie selber Ihr befahlt--
König. Nun denn ein andres, Garcerans, das deine.
Knappe. Man hat die Pferde sämtlich weggebracht, Mit sich geführt, vielleicht gejagt ins Freie. Die Ställe sind geleert so wie das Schloß.
König. Sie denken mich zu überholen. Fort! Schaff mir ein Pferd, und wär's ein Ackergaul, Es soll ihm Flügel leihen meine Rache. Und wenn's geschah?--Dann, guter Gott, dann gib, Daß ich nicht als Tyrann, daß ich als Mensch Die Schuld bestrafe und die Schuldigen. Schaff mir ein Pferd! Sonst bist du einverstanden Und zahlst mit deinem Kopf, wie alle, (an der Türe stehenbleibend, mit einer heftigen Bewegung) alle! (Er eilt fort.)
(Der Vorhang fällt.)
Fünfter Aufzug
Saal im Schlosse zu Retiro mit einer Mittel- und zwei Seitentüren. Überall Zeichen der Zerstörung. Links im Vorgrunde ein umgestürzter Putztisch mit zerstreutem Geräte. Rechts im Hintergrunde ein gleichfalls umgeworfener Tisch, darüber ein Gemälde, halb aus dem Rahmen herausgerissen. In der Mitte des Gemachs ein Stuhl. Es ist dunkel.
Von außen, hinter der Mittelwand, Geräusch von Stimmen, Fußtritte und Waffengeklirr, endlich.
Von außen. Es ist genug! Das Zeichen tönt! Zu Pferde!
(Die Stimmen und die Fußtritte entfernen sich.--Pause. Dann kommt der alte Isaak aus der Seitentüre rechts, einen nachschleifenden Teppich über den Kopf gestülpt, den er später fallen läßt.)
Isaak. So sind sie fort?--Ich höre nichts. (Zurücktretend.) Doch ja-- Nein wieder nichts. Ich habe mich versteckt Als sie nach Räuberart das Schloß durchsuchten. Am Boden lag ich in mich selbst gekrümmt, Und diese Decke war mir Dach und Schirm. Doch nun wohin?--Was ich erspart, erworben, Hab ich vorlängst im Garten eingescharrt; Das hol ich später, wenn der Lärm vorüber.-- Wo ist die Tür? Wie rett ich meine Seele?
(Esther tritt aus der Türe links.)
Wer kommt? Weh mir!
Esther. Seid Ihr's?
Isaak Bist du es, Rahel?
Esther. Wie meinst du? Rahel? Esther bin ich nur!
Isaak. Nur, sagst du, nur? Du, meine einz'ge Tochter, Die einz'ge, weil die beste.
Esther. Sag vielmehr: Die beste, weil die einz'ge. Alter Mann, So weißt du nichts vom heut'gen Überfall, Und weißt du nicht, wem all ihr Wüten galt?
Isaak. Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen, Ist Rahel doch entflohn, in Sicherheit. O sie ist klug.--Gott meiner Väter! Was suchst du mich, mich armen alten Mann Und sprichst zu mir aus meiner Kinder Munde? Ich aber glaub es nicht. Es ist nicht. Nein! (Er sinkt am Stuhle in der Mitte nieder, sein Haupt dagegenlehnend.)
Esther. So sei denn stark durch feige Furchtsamkeit. Doch nenn ich andre was ich selber war. Als sie nun kamen und, vom Schlaf erwacht, Ins letzte, ferne, innerste Gemach Ich hin zur Hilfe meiner Schwester eilte, Da faßt mich einer an mit starker Hand Und schleudert mich zu Boden. Und ich Feige, Ich fiel in Ohnmacht, als es galt Mein Leben für die Schwester hinzugeben, Zu sterben wenigstens zugleich mit ihr. Als ich erwachte, war die Tat geschehn Vergebens jedes Mittel der Belebung. Da konnt' ich weinen, mir die Haare raufen; Das ist die rechte Feigheit, Weiberart.
Isaak. Sie sagen dies und das. Ich aber glaub's nicht.
Esther. Leih deinen Stuhl zu sitzen, alter Mann. (Sie rückt den Stuhl nach vorn.) Die Glieder werden schwach mir unterm Leib. Hier will ich bleiben und will Wache halten. (Sie sitzt.) Vielleicht daß einem dünkt der Mühe wert, Die Stoppeln zu verbrennen nach der Ernte, Und kommt zurück und tötet was noch übrig.
Isaak (vom Boden). Mich nicht! mich nicht!--Hier kommt schon einer. Horch! Nein viele!--Schütze mich, ich flieh zu dir. (Er flieht zu ihrem Stuhle, wo er sich am Boden niederkauert.)
Esther. Ich will Euch hüten, einer Mutter gleich, Des altergrauen Vaters zweite Kindheit. Und kommt der Tod, so sterbt Ihr kinderlos, Ich geh voran und folge meiner Schwester.
(In der Mitteltüre erscheint der König mit seinem Knappen, der eine Fackel trägt.)
König. Dring ich noch weiter vor? Begnüg ich mich Mit dem was ich schon weiß eh ich's gesehn? Das ganze Schloß, zerstört, verheert, verwüstet, Ruft mir aus allen Winkeln gellend zu: Es ist zu spät! der Greuel ist geschehn.
Und des trägst du die Schuld, verruchter Zaudrer, Wenn etwa gar nicht einverstanden auch. Allein du weinst, und Tränen lügen nicht. Sieh her, ich weine auch. Allein aus Wut, Aus unbefriedigter Begier nach Rache.
Steck deine Fackel hier in diesen Ring Und geh ins Dorf; versammle die Gemeinde, Heiß sie mit Waffen, die der Zufall beut Sich stellen hier im Schloß. Ich selbst entbiete, Wenn's Morgen erst, durch Schreiben rings mein Volk, Der Arbeit Kinder und der harten Mühn. An ihrer Spitze will ich rächend gehn Und brechen all die Schlösser jener Großen, Die Diener halb und halb auch wieder Herrn, Sich selber dienen und den Herren meistern, Beherrscher und Beherrschte, also sei's, Und jene Zwitter tilg ich rächend aus, Die stolz auf Blut, auf das in ihren Adern Und auf das fremde, wenn's ihr Schwert vergoß.
Laß hier dein Licht und geh! Ich bleib allein Und brüte die Geburten meiner Rache.
(Der Diener steckt seine Fackel in den Ring neben der Türe und entfernt sich.--König einen Schritt nach vorn machend.)
Was regt sich dort? Ist hier noch Leben übrig? Gebt Antwort!
Isaak Gnädiger Herr Missetäter, Verschont uns edler Mörder!
König. Du bist's, Alter? Erinnre mich nicht dran, daß sie dein Kind, Es minderte ihr Bild in meiner Seele. Und du bist Esther, nicht?
Esther. Ich bin es, Herr.
König. Und ist's geschehn?
Esther. Es ist.
König. Ich wußt' es wohl Seit ich das Schloß betrat. Drum keine Klagen! Glaub, das Gefäß ist voll, was man noch zugießt Fließt ab vom Rand und schwächt des Inhalts Gift. Als sie noch lebte wollt' ich sie verlassen. Nun da sie tot, verläßt sie nimmer mich Und dies ihr Bild auf dieser meiner Brust Es gräbt sich ein und schlägt nach innen Wurzel. Denn war nicht selber ich's, der sie getötet? Blieb sie mir fern, sie spielte noch, ein Kind, Sich selbst zur Lust und anderen zur Freude. Vielleicht--ob das zwar nicht! Ich sage nein! Kein andrer durfte ihre Hand berühren Und niemands Lippen nahen ihrem Mund, Kein frecher Arm--Sie war des Königs eigen, Ob nie gesehn, gehörte sie doch mir, Der Reize Macht dem Mächt'gen auf dem Thron.
Isaak. Spricht er von Rahel?
Esther. Wohl, von Eurer Tochter. Sosehr der Schmerz verlornen Wert verdoppelt, Sag ich Euch doch: Ihr schlagt zu hoch sie an.
König. Meinst du? Ich sage dir, wir sind nur Schatten, Ich, du, und jene andern aus der Menge; Denn bist du gut: du hast es so gelernt, Und bin ich ehrenhaft: ich sah's nicht anders; Sind jene andern Mörder, wie sie's sind: Schon ihre Väter waren's, wenn es galt. Die Welt ist nur ein ew'ger Widerhall Und Korn aus Korn ist ihre ganze Ernte. Sie aber war die Wahrheit, ob verzerrt, All was sie tat ging aus aus ihrem Selbst, Urplötzlich, unverhofft und ohne Beispiel. Seit ich sie sah, empfand ich, daß ich lebte Und in der Tage trübem Einerlei War sie allein mir Wesen und Gestalt.
So wie man sagt, daß in Arabiens Wüsten Der Wandrer, der sich lang im Sand geplagt, Der Sonne Brand ertragen glühnden Haupts, Mit einemmal ein blühend Eiland trifft Umbrandet von der See der trocknen Wellen, Da blühen Blumen, winkt der Bäume Schatten, Der Kräuter Hauch steigt mildernd in die Luft Und wölbt sich unterm Himmel als ein zweiter. Zwar ringelt sich die Schlange unterm Busch, Ein reißend Tier, von gleichem Durst gequält, Fand etwa seinen Weg zur kühlen Quelle; Doch jubelt auf der Wandrer, wegemüd Und saugt mit gier'gem Mund den Labetrank Und wirft sich in des Grases üpp'gen Wuchs.
Den üpp'gen Wuchs. Fürwahr! Ich will sie sehn, Noch einmal jenen stolzen Bau der Glieder, Den Mund, der Atem sog und Leben hauchte, Und der, nunmehr auf immerdar verstummt, Mich anklagt, daß ich sie so schlecht beschützt.
Esther. Tu's nicht, o Herr! Da 's nun geschehn, Laß es geschehen sein. Uns sei der Jammer, Du trenne dich nicht, Herr, von deinem Volk.
König. Meinst du? Ich bin der König, weißt du wohl? Nicht nur an ihr, an mir hat man gefrevelt. Gerechtigkeit und Strafe jeder Schuld Hab ich geschworen an dem Krönungstag Und will es halten bis an meinen Tod. Dazu muß ich mich stärken, mich verhärten, Denn alles was dem Menschen hoch und wert, Wird man entgegenstellen meinem Grimm: Erinnerung aus meiner Knabenzeit, Des Mannes erste bräutliche Begegnung, Die Freundschaft und die Dankbarkeit, die Milde, Mein ganzes Leben schroff in eins geballt Wird mir genüberstehn in Waffenrüstung Und mich zum Kampfe fordern mit mir selbst, Drum muß ich von mir selbst mich erst entfernen. Ihr Bild wie es vor mir steht hier und dort An jeder Wand, in dieser, jener Ecke, Zeigt mir sie nur in ihrer frühern Schönheit Mit ihren Schwächen, die so reizend auch. Ich will sie sehn, zerstört, versehrt, mißhandelt, Versenken mich im Greuel ihres Anblicks, Vergleichen jedes Blutmal ihres Leibes Mit ihrem Abbild hier auf meiner Brust Und lernen Unmensch sein genüber gleichen.
(Da Esther aufgestanden ist.)
Sprich mir kein Wort! Ich will! Und diese Fackel Soll mich begleiten, flammend wie ich selbst, Nur leuchtend weil zerstörend und zerstört. Sie ist in jenem letzten, innern Zimmer, Wo ich so oft--?
Esther. Sie ist, sie war, sie bleibt.
König (hat die Fackel ergriffen). Mir deucht ich sehe Blut auf meinem Weg. Es ist der Weg zum Blut.--O Nacht der Greuel. (Er geht in die Seitentüre links.)
Isaak. Wir sind im Dunkeln.
Esther. Wohl, im Dunkel rings, Umgeben von des Unglücks grauser Nacht. Allein der Tag bricht an. Laß mich versuchen Ob ich die Glieder trage bis dahin. (Sie tritt zum Fenster und zieht den Vorhang.) Der Morgen dämmert schon, sein bleicher Schein Schaut, wie entsetzt, die Greuel der Zerstörung, Den Unterschied von gestern und von heut. (Auf die am Boden zerstreuten Schmucksachen deutend.) Da liegen sie die Trümmer unsres Glücks, Der bunte Tand, um dessentwillen wir, Ja wir, nur wir--nicht er, der dort sich schuld gibt-- Die Schwester opferten, dein töricht Kind. All was geschieht ist Recht. Wer sich beklagt, Verklagt sich selbst und seine eigne Torheit.
Isaak (der sich in den Stuhl gesetzt hat). Hier will ich sitzen. Seit der König da Fürcht ich sie nicht und alle die noch kommen.
(Die Mitteltüre öffnet sich, Manrique und Garceran, hinter ihnen die Königin, ihr Kind an der Hand führend, und mehrere Große treten ein.)
Manrique. Kommt hier herein und stellt demnächst Euch auf. Wir haben an dem König uns versündigt, Das Gute wollend, aber nicht das Recht. Wir wollen uns dem Rechte nicht entziehn.
Esther (auf der andern Seite, eines Ruckes den umgestürzten Tisch emporhebend). Verwüstung ordne dich! Laß sie nicht glauben, Daß wir erschrocken, oder daß wir feig.
Königin. Hier sind sie, jene andern!
Manrique. Immerhin! Sie traf bereits, was uns vielleicht bedroht. Stellt Euch in Reih' und Ordnung wenn's beliebt.
Königin. Mich laßt voran, ich bin die Schuldigste.
Manrique. Nicht also, edle Frau! Ihr spracht das Wort, Doch als es kam zur Tat, habt Ihr gezittert, Euch widersetzt und Schonung anbefohlen, Obgleich umsonst, denn Not war uns Gebot. Auch wünscht' ich nicht, daß sich sein erster Grimm Entlüde auf die Häupter, die uns hoch, Zunächst nach ihm die Hoffnung unsers Throns.
Ich selber tat's. Zwar nicht mit meiner Hand, Allein mit Rat, mit furchtbar ernstem Mitleid. Ich trete vor Euch hin. Und du, mein Sohn, Hast du den Mut, als Mann auch zu vertreten Was du gehindert nicht, wenn nicht gefördert, So daß dein Streben, wieder gut zu machen, Und deine Rückkehr selbst nicht ohne Schuld?
Garceran. Seht mich bereit. Ich tret an Eure Seite Und treffe mich des Königs erster Zorn.
Esther (herüberrufend). Ihr dort, obgleich ihr Mörder seid gesamt Und würdig jeden Tods und jeder Strafe; Genug des Unheils ist bereits geschehn, Ich wünschte nicht die Greuel noch vermehrt. Der König ist dort drin bei meiner Schwester, Und vorher schon ergrimmt, wird ihn ihr Anblick Aufstacheln zu vermehrter, neuer Wut. Auch dauert mich das Weib dort und ihr Kind, Unschuldig halb und halb auch halb nur schuldig. Drum geht, weil es noch Zeit, begegnet nicht Dem Rächer, der zum Richter noch zu heiß.
Manrique. Weib, wir sind Christen.
Esther. Nun, Ihr habt's gezeigt. Ich lobe mir die Jüdin, weiß es Gott!
Manrique. Als solche abzubüßen auch bereit Was wir gefehlt, uns willig unterwerfend.
Legt Eure Schwerter ab. Hier ist das meine. Die Wehr an Mannes Seite spricht von Schutz. Schon unsre Anzahl streitet mit der Demut, Sie teilt die Schuld, die doch in jedem ganz.
(Alle haben die Schwerter vor Manrique auf den Boden gelegt.)
So harren wir. Vielmehr geh' einer hin Und trete fördersamst den König an. Des Landes Not erheischt, daß er sich fasse, Ob so, ob so; und wär's auch nur bereuend Zu rasche Tat, von der wir selbst das Opfer. Geh du mein Sohn!
Garceran (der einige Schritte gemacht, umkehrend). Seht hier der König selbst.
(Der König stürzt aus dem Seitengemache. Nach ein paar Schritten wendet er sich um und sieht starr nach der Türe.)
Königin. O Gott im Himmel!
Manrique. Ruhig gnäd'ge Frau.
(Der König geht nach vorn. Er bleibt mit untergeschlagenen Armen vor dem alten Isaak stehen, der wie schlummernd im Sessel liegt. Drauf geht er nach dem Vorgrunde.)
Esther (zu dem Alten). Schau, deine Feinde zittern. Freust du dich? Ich nicht. Die Tote wacht doch nimmer auf.
(Der König, im Vorgrunde, betrachtet seine beiden Hände und streift daran, wie reinigend, mit der einen über die andere. Hierauf dieselbe Bewegung über den Oberleib. Zuletzt fährt er nach dem Halse, die Hände um den Umkreis desselben bewegend. In dieser letzten Stellung, die Hände noch immer am Halse, bleibt er stehen und sieht starr vor sich hin.)
Manrique. Erlauchter Fürst und König! Gnäd'ger Herr!
König (emporfahrend). Ihr seid's? Ihr kommt zurecht. Euch sucht' ich eben, Und alle. Ihr erspart mir manche Müh'. (Er tritt vor sie hin, sie mit zornigen Blicken messend.)