Die Jüdin von Toledo Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 3
Rahel. Und nun entzieht Ihr mir hartherzig Eure Stütze Auch dieses Gartens Gänge, nicht mit Sand, Mit scharfen Steinen sind sie roh bestreut, Für Männertritt und nicht für Frauenschritte.
König. Legt einen Teppich ihr und macht ein Ende.
Rahel. Ich fühl es wohl, ich bin Euch nur zur Last. O wäre meine Schwester nur erst hier Denn ich bin krank und sterbens-todes-matt. Nur diese Kissen hier? (Die Kissen in der Laube heftig untereinanderwerfend.) Nein, nein, nein, nein!
König (lachend). Die Mattigkeit, zum Glück, läßt etwas nach. (Garceran erblickend.) Ah Garceran! Sieh nur, sie ist ein Kind.
Garceran. Ein sehr verwöhntes, scheint's.
König. So sind sie alle. Es steht ihr wohl.
Garceran. Nachdem nun der Geschmack.
König. Sieh Garceran, ich fühle ganz mein Unrecht Doch weiß ich auch, daß eines Winkes nur, Es eines Worts bedarf, um dieses Traumspiel Zu lösen in sein eigentliches Nichts. Und also duld ich es, weil ich's bedarf In diesen Wirren, die ich selbst verschuldet. Wie steht's im Heer?
Garceran. Wie Ihr seit länger wißt. Die Feinde rüsten sich.
König. Wir wollen's auch. Nur noch ein Tage drei, daß dies Getändel, Als abgetan, ich aus dem Innern weise, Und zwar für immer, dann kommt Zeit und Rat.
Garceran. Der Rat vielleicht, allein die Zeit entflieht.
König. Wir holen sie mit Taten wohl noch ein.
Rahel. Nun sprechen sie und ach ich weiß wovon, Von Blut, von Krieg, von wüster Heidenschlacht Und jener dort verschwört sich gegen mich, Lockt seinen Herrn ins Lager, fern von hier, Daß frei der Weg zu mir für meine Feinde.
Und doch, Herr Garceran, ich hab Euch lieb Ihr wißt mit zarten Frauen umzugehn, Man spricht von Eurer Liebe kühnem Werben Von Euren Taten in der Minne Streit. Ihr seid nicht wie der König, Euer Herr, Der rauh selbst in der Zärtlichkeit Begegnung, Der jedes milde Wort sogleich bereut Und dessen Neigung ein verstecktes Hassen. Kommt her, setzt Euch zu mir! Ich möchte sprechen, Nicht einsam sein in all dem lauten Schwarm. Allein Ihr kommt nicht. Wohl, man hält Euch ab. (Weinend.) Man gönnt mir keine Freude, keinen Trost, Hält mich in abgeschiedner Sklaverei. Wär' ich erst nur daheim in Vaters Hause, Wo alles mir zu Willen und zu Dienst Indes ich hier ein Wegwurf der Verachtung.
König. Geh hin zu ihr!
Garceran. So soll ich?
König. Geh nur, geh!
Rahel. Setzt Euch zu mir! Nur näher, näher, so! Noch einmal Garceran, ich hab Euch lieb. Ihr seid ein echter Ritter in der Tat Nicht nur dem Namen nach, wie sie's gelernt Die stolzen eisernen Kastilier Von ihren Feinden, von der Mauren Volk, Nur daß was jene zierlich und geschickt Als Ausdruck üben angebornen Sinns, Sie rauh und derb nachahmen, weil geborgt. Gebt mir die Hand: sieh doch, wie ist sie sanft, Und doch führt Ihr das Schwert wie jene andern. Nur seid Ihr heimisch auch im Fraungemach Und wißt was Brauch und heitern Umgangs Sitte. Hier dieser Ring ist wohl von Doña Clara Die viel zu bleich für wangenfrische Liebe, Wär' nicht die Farbe, die dem Antlitz fehlt, Ersetzt durch stets erneutes Schamerröten. Doch hier seh ich noch andre Ringe mehr, Wieviel habt Ihr Geliebte? nun, gesteht.
Garceran. Wie, wenn ich Euch dieselbe Frage stellte?
Rahel. Ich habe nie geliebt. Doch könnt' ich lieben Wenn ich in einer Brust den Wahnsinn träfe Der mich erfüllte, wär' mein Herz berührt. Bis dahin mach ich die Gebräuche mit, Die hergebracht im Götzendienst der Liebe, Wie man in fremden Tempeln etwa kniet.
König (der während des Vorigen von vorn nach rückwärts auf und nieder gegangen ist, jetzt links im Vorgrunde zu einem der Diener gewendet, halblaut). Bring meine Waffen, eine volle Rüstung Abseits zum Gartenhaus und harre mein, Ich will ins Lager wo man mein bedarf.
(Diener ab.)
Rahel. Seht Euren König nur! Er glaubt zu lieben, Und doch, sprech ich zu Euch, drück Euch die Hand, Ihn kümmert's nicht, und wie ein guter Hauswirt Vollbringt er den geschäftig lauten Tag, Zufrieden, schließt der Abend nur die Rechnung. Geht nur! Ihr seid wie er und wie die andern alle. Wär' meine Schwester hier! Sie ist besonnen Und klüger weit als ich; doch fällt der Funke Von Willen und Entschluß in ihre Brust, Dann lodert sie in gleichen Flammen auf. Wär' sie ein Mann, sie wär' ein Held. Ihr alle Erläget ihrem Blick und ihrem Mut; Ich will indes nur schlafen bis sie kommt, Bin ich doch selbst ein Traum nur einer Nacht. (Sie legt den Kopf auf den Arm und diesen auf die Kissen.)
Garceran (zu dem Könige tretend, der stehengeblieben ist und auf die Ruhende hinschaut). Erlauchter Herr!
König (noch immer hinblickend). Wie meinst du?
Garceran. Wenn's genehm Kehr ich zurück ins Lager, zu dem Heer.
König (wie oben). Das Heer verließ das Lager? und warum?
Garceran. Ihr hört mich nicht. Ich selber will dahin.
König. Und wirst erzählen dort und meinen, schwatzen.
Garceran. Wovon?
König. Von mir, von dem, was hier geschah.
Garceran. Dazu müßt' ich vor allem es verstehn.
König. Ja so!--Glaubst du an Wunder, Freund?
Garceran. Beinahe. Seit kurzem, Herr!
König. Und weshalb nur seit kurzem?
Garceran. Man liebt doch sonst nur was man achtet auch, Doch Liebe und Verachtung, hoher Herr--
König. Verachtung wär' ein viel zu hartes Wort! Nichtachtung etwa, doch bleibt's wunderbar.
Garceran. Das Wunder freilich ist ein wenig alt, Und stammt von jenem Tag im Paradies, Wo Gott das Weib schuf aus des Mannes Rippe.
König. Doch schloß er auch die Brust, nachdem's geschehn Und gab den Eingang in die Hut des Willens. Du sollst zum Heer, doch nicht allein, mit mir.
Rahel (sich emporrichtend). Die Sonne schleicht sich ein in mein Versteck, Wer stützt den Umhang mir nach jener Seite? (Rechts in die Szene blickend.) Dort gehn zwei Männer, schwere Waffen tragend, Die Lanze paßte gut für meinen Zweck. (In die Szene rufend .) Hierher! Nach hier! Hört ihr denn nicht? und schnell!
(Der abgesendete Diener und ein zweiter, von denen jener Helm und Lanze, der andere Schild und Brustharnisch des Königs tragen, kommen.)
Rahel. Gebt Eure Lanze, guter Mann und stoßt sie Hier mit der Spitze in den Boden ein Damit das Dach gestützt nach jener Seite Und breiter dann der Schatten, den es wirft,-- --Macht Ihr's!--Nun gut!--Und jener zweite, Er trägt, der Schnecke gleich, sein eigen Haus, Wenn's nicht vielmehr das Haus für einen andern. --Weis her den Schild!--Ein Spiegel in der Tat! Zwar derb, wie alles hier, doch dient's zur Not.
(Der Schild wird ihr vorgehalten.)
Man bringt das Haar in Ordnung, weist zurück Was sorglos sich zu weit hervorgewagt Und freut sich, daß uns Gott so löblich schuf. Allein die Wölbung hier entstellt. Hilf Himmel! Was für gedunsne Backen. Nein, mein Freund, Wir sind zufrieden mit der eignen Fülle. --Nun noch der Helm! Zweckwidrig für den Krieg, Denn er verhüllt, was siegreich meist, die Augen, Doch wie geschaffen für der Liebe Streit. Setzt mir den Helm aufs Haupt!--Ah, Ihr verletzt mich!-- Empört sich der Geliebte und wird stolz Den Helmsturz nieder! (Das Visier herablassend.) Und er steht in Nacht. Doch wollt' er etwa gar sich uns entziehn, Schickt' nach dem Heergerät, uns zu verlassen, Hinauf mit dem Visier. (Sie tut es.) Es werde Licht! Die Sonne siegt, verscheuchend alle Nebel.
König (auf sie zugehend). Du albern spielend, töricht-weises Kind.
Rahel. Zurück!--Gebt mir den Schild! gebt mir die Lanze! Man naht mir mit Gewalt. Ich schütze mich.
König. Streck deine Waffen nur! Dir naht kein Arg. (Ihre beiden Hände fassend.)
(Esther kommt von rückwärts, links.)
Rahel. Ah du, mein Schwesterlein! Sei mir gegrüßt! Fort mit der Mummerei! Nur schnell, nur schnell! Ihr reißt den Kopf mir mit! Seid Ihr nicht tölpisch! (Ihr entgegeneilend.) Willkommen noch einmal, o Schwester mein Wie hab ich mich gesehnt nach deiner Nähe! Und bringst du mir das Armband und die Spangen, Die Salben mir und Wohlgerüche mit, Die in Toledo feil und ich bestellt?
Esther. Ich bringe sie, zugleich mit schwerern Dingen, Mit übler Nachricht, die gar böser Schmuck.
Erlauchter Herr und Fürst! Die Königin Hat von Toledos Mauern sich entfernt Nach jenem Lustschloß wo zum erstenmal Zu unserm Unheil, Herr, wir Euch gesehn. (Zu Garceran.) Zugleich mit ihr ging Euer edler Vater Manrique Lara, rings mit offnen Briefen Bescheidend all des Reiches Standesherrn Um zu beraten das gemeine Beste. Als wäre herrenlos das Königreich Und Ihr gestorben, der Ihr Herr und König.
König. Ich denke wohl du träumst.
Esther. Ich wache, Herr. Vor allem für das Leben meiner Schwester Die man bedroht und die zuletzt das Opfer.
Rahel. O weh mir, weh! Bat ich Euch denn nicht längst Zu scheiden, Herr, zurückzugehn an Hof Und dort zu stören meiner Feinde Trachten? Allein Ihr bliebt. Seht, hier sind Eure Waffen: Der Helm, der Schild und dort der lange Speer. Ich sammle sie.--Doch ich vermag es nicht.
König (zu Esther). Sorg du für jene Törin, die sich zehnmal In jedem Atemzuge widerspricht. Ich will an Hof; doch brauch ich keiner Waffen. Mit offner Brust, mit unbewehrtem Arm Tret ich in meiner Untertanen Mitte Und frage: wer sich aufzulehnen wagt. Sie sollen wissen daß ihr Herr noch lebt Und daß die Sonne tot nicht wenn es Abend Daß sie am Morgen neu sich strahlend hebt. Du folgst mir Garceran!
Garceran. Seht mich bereit.
Esther. Doch Herr, was wird aus uns?
Rahel. O bleibt doch, bleibt!
König. Das Schloß ist fest, der Kastellan bewährt, Er wird euch schützen mit dem eignen Leben. Denn fühl ich gleich, daß ich, wie sehr, gefehlt, Soll niemand drunter leiden, der, vertrauend Auf meinen Schutz, so Schuld als Fehl geteilt. Komm, Garceran! Vielmehr geh du voraus, Denn fänd' ich jene Stände noch versammelt, Von mir berufen nicht und nicht berechtigt, So müßt' ich strafen, und das will ich nicht. Drum heiß sie schnell nur auseinandergehn. Und deinem Vater sag: War er mein Schützer Und mein Vertreter in der Knabenzeit, So weiß ich selber nun mein Recht zu schützen, Auch gegen ihn und gegen jedermann. Komm nur! Und ihr lebt wohl!
Rahel (sich ihm nähernd). Erlauchter Herr!
König. Laß jetzt! Ich brauche Kraft und festen Willen Und möchte nicht im Abschied mich erweichen. Ihr hört von mir, wenn ich mein Amt geübt, In welcher Art und was die Zukunft bringt Hüllt Dunkel noch und Nacht. Für jeden Fall Setz ich mein Wort an euern Schirm und Schutz. Komm Garceran. Mit Gott! Er sei mit euch.
(Der König und Garceran nach der linken Seite ab.)
Rahel. Er liebt mich nicht, ich hab es längst gewußt.
Esther. O Schwester, nutzlos ist das späte Wissen Das kommt wenn uns der Schade schon belehrt. Ich warnte dich, du hast mich nicht gehört.
Rahel. Er war so heiß und feurig im Beginn.
Esther. Nun gleicht er kühl die Übereilung aus.
Rahel. Was aber wird aus mir, die ich vertraut? Laß uns entfliehn!
Esther. Die Straßen sind besetzt Das ganze Land in Aufruhr gegen uns.
Rahel. So soll ich sterben denn und bin noch jung, Und möchte leben noch. Zwar leben nicht Nein, tot sein unverwarnt und unverhofft. Der Augenblick des Sterbens nur erschüttert. (An Esthers Halse.) Unglücklich bin ich, Schwester, rettungslos! (Nach einer Pause, mit von Schluchzen unterbrochener Stimme.) Und ist das Halsband auch mit Amethysten Das du gebracht?
Esther. Es ist. Mit Perlen auch So hell wie deine Tränen und so reichlich.
Rahel. Ich will es gar nicht sehn. Nur später etwa Wenn unsre Haft sich dehnt zu längrer Zeit, Zerstreuung heischt das ew'ge Einerlei, Versuch ich es, und schmücke mich zum Tod. Doch sieh, wer naht?--Ha, ha, ha, ha! Fürwahr Ist's unser Vater nicht? und zwar in Harnisch.
(Isaak, eine Sturmhaube auf dem Kopfe und einen Brustharnisch unter seinem langen Rocke, kommt von links.)
Isaak. Ich bin's, der Vater ungeratner Kinder Die meinen Tag verkürzen vor der Zeit. In Harnisch, ja. Droht denn der Mörder nicht? Schützt sich der Leib von selber vor dem Dolch? Ein unversehner Schlag zerschellt den Kopf. Auch birgt der Harnisch mir die Wechselbriefe, Die Taschen tragen das ersparte Gold Das grab ich ein und schütze Leib u Seele Vor Armut und vor Tod. Und lacht ihr mein, So geb ich euch den Fluch des Patriarchen, Der Isaak hieß wie ich; ihr mit der Stimme Des frommen Jakob und mit Esaus Händen, Nur mit verkehrtem Recht der Erstgeburt. Ich sorg um mich. Was kümmert ihr mich länger! Horch!
Rahel. Welch Geräusch?
Esther. Man zieht die Brücken auf.
Rahel. Ein Zeichen, daß der König aus den Toren. So eilt er fort! Wird er auch wiederkehren? Ich fürchte: nein! Das Äußerste befürcht ich. (An Esthers Brust sinkend.) Und hab ihn, Schwester, wahrhaft doch geliebt.
(Der Vorhang fällt.)
Vierter Aufzug
Saal mit einem Thronsitze rechts im Vorgrunde.
Daneben in gleicher Reihe nach links laufend mehrere Stühle, auf denen acht oder zehn kastilische Standesherren sitzen. Dem Throne zunächst Manrique de Lara, der aufgestanden ist,
Manrique. So sind wir denn in Trauer hier versammelt, Nur wenige, sofern die kurze Frist, Verbunden mit der Nähe seines Sitzes, Die Möglichkeit zur Ankunft jedem bot. Es finden mehrere sich später ein; Doch jetzt schon heißt für voll uns zu erachten Die dringende, die allgemeine Not, Die keinen Aufschub gönnt. Vor allem fehlt In unserm ernsten Kreis derjenige In dessen hohem Recht nicht nur der Vorsitz, Selbst die Berufung steht zu solchem Rat, So daß halb rechtlos wir schon im Beginn. Deshalb nun war ich, edle Herrn, bedacht, Zu laden unsrer Kön'gin Majestät, So schwer sie trifft der Inhalt der Besprechung, Zu nehmen ihren Sitz dort unter uns; Damit wir wissen, daß nicht herrenlos, Daß nicht aus eigner Willkür wir versammelt.
Der Gegenstand nun unsers heutigen Rats Ist, hoff und fürcht ich, allen schon bekannt. Es hat der König, unser hoher Herr, Nicht hoch an Stand und Rang und Würde nur, Nein auch an Gaben, so daß, schaun wir rückwärts In unsrer Vorzeit aufgeschlagnes Buch, Wir seinesgleichen kaum noch einmal finden, Nur daß die Kraft, der Hebel alles Guten, Hat sie einmal vom Wege sich verirrt, Den Fehler auch mit gleicher Stärke will-- Es hat der König sich von Hof entfernt Verlockt von eines Weibes üpp'gem Sinn, Was uns zu richten keineswegs geziemt.-- --Die Königin!
(Die Königin, von einigen Damen begleitet, tritt von der rechten Seite auf, und nachdem sie den Standesherren, die sich erhoben haben, durch eine Handbewegung bedeutet, wieder ihre Plätze zu nehmen, setzt sie sich auf den Thronsessel.)
Erlaubt Ihr, hohe Frau?
Königin (leise). Fahrt fort!
Manrique. Ich wiederhole denn mein Frühres: "Was uns zu richten keineswegs geziemt." Doch rüstet sich der Maure an den Grenzen Und droht mit Krieg dem schwerbedrängten Land; Da ist des Königs Recht zugleich und Pflicht Mit selbst berufnem und geworbnem Heer Entgegen sich zu stemmen der Gefahr, Allein der König fehlt. Zwar wird er kommen, Ich weiß. Wär' es auch nur dieweil erzürnt Ob unserer Versammlung Eigenmacht. Doch bleibt der Grund, der ihn von uns entfernt, So kehrt er wieder in die alten Bande Und wir sind eben, nach wie vor, verwaist. Beliebt?
(Die Königin bedeutet ihn, fortzufahren.)
Da muß vor allem denn die Dirne fort. Da liegt denn manch ein Vorschlag etwa vor. Die einen wollen sie mit Gold erkaufen, Die andern sie gefangen aus dem Land In weitentlegene Gewahrsam senden. Doch Gold hat auch der König, und ob fern, Die Macht weiß wohl zu finden was sie sucht. Ein dritter Vorschlag--
(da die Königin aufgestanden ist)
Edle Frau, mit Gunst. Ihr seid zu mild für unser hart Geschäft Und Eure Güte, durch kein festes Wollen Von Zeit zu Zeit gekräftigt und erneut, Hat unsern Herrn vielleicht zumeist entfremdet. Ich tadle nicht, ich sage nur was ist. Deshalb begebt Euch nur der eignen Meinung. Zwar, wenn Ihr reden wollt, wohlan so sprecht. Welch Blumenschicksal, welche Schmeichelstrafe Glaubt Ihr dem Fehl der Buhlerin gemäß?
Königin (leise). Den Tod.
Manrique. Fürwahr?
Königin (bestimmter). Den Tod.
Manrique. Ihr hört's, Ihr Herren. Das war der dritte Antrag, den ich früher, Obgleich ein Mann, nicht auszusprechen wagte.
Königin. Ist denn die Ehe nicht das Heiligste, Da sie zu Recht erhebt was sonst verboten, Und was ein Greuel jedem Wohlgeschaffnen, Aufnimmt ins Reich der gottgefäll'gen Pflicht? Die andern Satzungen des höchsten Gottes Verstärken nur den Antrieb eines Guten, Doch was so stark, daß es die Sünde adelt, Muß mächt'ger sein als jegliches Gebot. Dagegen hat nun dieses Weib gefrevelt. Währt aber meines Gatten Fehltritt fort, So war ich selbst in all der frühern Zeit Nur eine Sünderin, und nicht sein Weib Und unser Sohn ein mißgeborner Auswurf Sich selber Schande und der Eltern Schmach. Seht Schuld Ihr in mir selbst, so tötet mich, Ich will nicht leben, wenn mit Schuld befleckt. Dann mag er aus den Königstöchtern rings Sich eine Gattin wählen, da nur Willkür, Nicht das Erlaubte wohltut seinem Sinn. Doch ist dies Weib der Schandfleck dieser Erde, So reinigt Euren König und sein Land. Ich schäme mich, daß ich vor Männern spreche, Und was kaum schicklich auch, doch zwingt die Not.
Manrique. Doch wird der König es, und wie, ertragen?
Königin. Er wird wohl, weil er soll und darum muß. Auch bleibt ihm ja die Rache an den Mördern: Vor allem treff' er mich und diese Brust. (Sie setzt sich.)
Manrique. Es ist kein andrer Ausweg, muß ich sagen. Es sterben in der Schlacht die Edelsten Und eines bittrern, grauenhaftern Tods, Vor Durst verschmachtend, unter Pferdeshufen In jedes Schmerzes schärferer Verdopplung Als je ein Sünder auf dem Hochgericht; Die Krankheit rafft die Besten täglich fort, Gott geizt mit seiner Menschen Leben nicht, Und soll man ängstlich sein, da wo sein Wort, Die heil'ge Ordnung, die er selbst gesetzt, Den Tod des einen fordert, der gefrevelt? Wir wollen insgesamt den König angehn, Ihn bitten, zu entfernen jenen Anstoß Der ihn von uns und uns von ihm entfernt Und weigert er's, dann walte blutiges Recht, Bis wieder eins der Fürst und das Gesetz, Und wir den beiden in dem einen dienen.
(Ein Diener kommt.)
Diener. Don Garceran.
Manrique. Und wagt es der Verräter? Sagt ihm--
Diener. Im Auftrag Seiner Majestät.
Manrique. Das ist ein anderes. Und wär 's mein Todfeind, Er hat mein Ohr spricht er des Königs Worte.
(Garceran tritt ein.)
Manrique. Sagt Euern Auftrag und dann: Gott befohlen.
Garceran. Erlauchte Königin und Ihr, mein Vater, Zugleich Ihr andern, dieses Landes Beste, Ich fühl am heut'gen Tag, wie niemals sonst, Daß das Vertraun der Güter köstlichstes Und Leichtsinn, wenn auch keiner Schuld bewußt, Verderblicher und lähmender als Schuld, Da einen Fehltritt man denn doch verzeiht, Der Leichtsinn aber alle stellt in Aussicht. Und so, am heut'gen Tag, ob rein mich fühlend, Steh ich als ein Bemakelter vor Euch, Den Unbedacht abbüßend meiner Jugend.
Manrique. Davon ein andermal. Jetzt Euern Auftrag.
Garceran. Der König löst durch mich den Landtag auf.
Manrique. Und gab er denn, da er den Leichtsinn sandte, Nichts Festes ihm als Bürgschaft auf die Reise Kein schriftlich Wort zumeist von seiner Hand?
Garceran. Er folgt mir auf dem Fuß.
Manrique. So viel genügt. Und also lös ich in des Königs Namen Die Reichsversammlung auf. Ihr seid entlassen. Doch hört Ihr meinen Wunsch und meinen Rat, So kehrt noch nicht zurück in Eure Häuser, Vielmehr harrt in der Nähe, rings verteilt, Bis klar, ob Don Alfonso unser Amt, Ob uns es obliegt, seines zu vertreten. (Zu Garceran.) Ihr aber, so gewandt im Fürstendienst, Seid etwa Ihr zum Späher auch berufen, So meldet nur dem König was ich riet, Und daß die Stände in der Tat gelöst, Doch auch bereit zur Tat sich zu vereinen.
Garceran. Noch einmal denn im Angesicht von allen Lehn ich die Schuld ab dieses wirren Vorgangs. Wie Zufall mich nur aus dem Lager brachte War's Zufall, daß der König mich ersah, Dies Mädchen vor des Volkes Wut zu schützen; Und was durch Warnung, Gegenred' und Gründe Ein Mann vermag um Unrecht zu verhüten, Hab ich versucht, ob fruchtlos freilich wohl. Verachtet mich, wenn's anders als ich sage. Und Doña Clara, Ihr, die mir bestimmt Durch unsrer Väter Wunsch, der auch der meine. Zu bergen braucht Ihr nicht Eu'r edles Haupt. Zwar Eurer würdig nicht--ich war's wohl nie-- Doch minder würdig nicht als sonst und jemals, Steh ich vor Euch und schwöre: also ist's.
Manrique. Ist's also denn und seid Ihr noch ein Mann, Seid ein Kastilier, tretet unter uns Und führt mit uns des Vaterlandes Sache. Ihr seid bekannt im Schlosse zu Retiro Der Hauptmann öffnet Euch, wenn Ihr's begehrt. Vielleicht ist solch ein Einlaß uns vonnöten, Wenn taub der König, unser hoher Herr.
Garceran. Nichts gegen meinen König, meinen Herrn.
Manrique. Ihr hab, die Wahl! Folgt jetzt nur diesen andern, Vielleicht kommt alles besser als man glaubt.
(Diener von links eintretend.)
Diener. Des Königs Majestät.
Manrique (zu den Ständen, auf die Mitteltüre zeigend). Nur hier hinaus! (Zu den Dienern.) Und ihr setzt diese Stühle an die Wand. Nichts soll ihn mahnen, daß man hier getagt.
Königin (die vom Throne gestiegen). Es wankt mein Knie und steht mir niemand bei!
Manrique. Die Kraft war mit der Sitte sonst vereint, Doch wurden sie in jüngster Zeit sich feind, Die Kraft blieb bei der Jugend, wo sie war, Die Sitte floh zum altergrauen Haar. Nehmt meinen Arm. Wie schwankend auch die Schritte: Die Kraft entfloh, doch treulich hielt die Sitte.
(Er führt die Königin nach rechts ab. Die Stände mit Garceran haben sich durch die Mitteltüre entfernt.--Der König kommt von der linken Seite, hinter ihm sein Knappe.)
König. Der Braune, sagst du, hinkt? Nun es ging scharf, Doch hab ich seiner fürder nicht vonnöten. Laß ihn am Zügel führen nach Toledo, Dort stellt ihn Ruh' als beste Heilung her. Ich selber will an meiner Gattin Seite In ihrer Kutsche mich dem Volke zeigen, Auf daß es glaubt was es mit Augen sieht Daß abgetan der Zwist und die Zerwürfnis.
(Der Knappe geht.)
Ich bin allein. Kommt niemand mir entgegen? Nur kahle Wand und schweigendes Gerät. Hier haben sie vor kurzem, scheint's, getagt. Oh, diese leeren Stühle sprechen lauter, Als jene, die drauf saßen, es getan. Allein was soll das Grübeln und Betrachten, Gut machen heißt's; damit denn fang ich an. Hier geht's hinein zu meiner Fraun Gemächern, Betret ich denn den unwillkommnen Weg. (Er nähert sich der Seitentüre rechts.) Allein die Tür versperrt? Holla, da drinnen, Der König ist's, der Herr in diesem Haus, Für mich gibt's hier kein Schloß und keine Tür.
(Eine Kammerfrau tritt aus der Türe.)
Versperrt Ihr Euch?
Kammerfrau. Die Kön'gin, Majestät--
(da der König mit starkem Schritte hineingehen will)
Die innre Tür auch hat sie selbst verschlossen.
König. Eindringen will ich nicht. Sagt ihr denn an Ich sei zurück und lasse sie entbieten-- Vielmehr sagt: bitten, wie ich's jetzt gesagt.
(Die Kammerfrau geht.--König dem Throne gegenüberstehend.)
Du hoher Sitz, die andern überragend, Gib, daß wir niedriger nicht sei'n als du, Auch ohne jene Stufen, die du leihst, Das Maß einhalten des was groß und gut.
(Die Königin kommt.--König ihr mit ausgestreckter Hand entgegengehend.)
Lenore, sei gegrüßt!
Königin. Seid uns willkommen.
König. Und nicht die Hand?
Königin. Ich freu mich Euch zu sehn.
König. Und nicht die Hand?
Königin (in Tränen ausbrechend). O Gott und Vater!
König. Lenore, diese Hand ist nicht verpestet. Zieh ich in Krieg, wie ich denn soll und muß, So wird sie Feindes Blut vollauf bedecken, Doch klares Wasser tilgt den Makel aus Und rein werd ich sie bringen zum Willkomm. Das Wasser nun der körperlichen Dinge Hat für die Seelen geistigen Ersatz. Du bist als Christin glaubensstark genug, Der Reue zuzutrauen solche Macht. Wir andern, die auf Tätigkeit gestellt, Sind so bescheidnem Mittel nicht geneigt, Da es die Schuld nur wegnimmt, nicht den Schaden, Ja, halb nur Furcht ist eines neuen Fehls. Wenn aber beßres Wollen, freudiger Entschluß Für Gegenwart und für die Zukunft bürgt, So nimm's, wie ich es gebe, wahr und ganz.
Königin (beide Hände hinhaltend). O Gott, wie gern!