Die Jüdin von Toledo Historisches Trauerspiel in fünf Aufzügen
Chapter 2
König. Nun denn geblickt? Und Junker Gänsrich schaut Bis Dame Gänschen wieder schaut. Nicht so? Dann nimmst du wohl die Laute gar zur Hand Genüber dem Balkon, wie etwa hier, Und singst ein krächzend Lied, wozu der Mond, Ein bleicher Kuppler, durch die Bäume funkelt, Und Blumenkelche duften süßen Rausch Bis nun der günst'ge Augenblick erscheint, Der Vater, Bruder,--oder Gatte gar Das Haus verläßt, auf etwa gleichen Pfaden Und nun die Zofe winkt ihr leises: pst! Da trittst du ein und eine warme Hand Ergreift die deine, führt dich durch die Gänge Die dunkel wie das Grab und endlos gleitend Den Wunsch erhöhn, bis endlich Ambraduft Und bleicher Schimmer, durch die Ritzen dringend Bezeichnen, daß erreicht das holde Ziel. Die Tür geht auf, und hell im Kerzenschimmer, Auf dunkeln Samt die Glieder hingegossen, Den weißen Arm umkreist von Perlenschnüren, Lehnt weichgesenkten Hauptes die Ersehnte, Die goldnen Locken--nein, ich sage, schwarz!-- Des Hauptes Rabenhaar--und so denn weiter! Du siehst, ich bin gelehrig, Garceran, Und da gilt gleich denn: Christin, Maurin--Jüdin.
Garceran. Auf Maurinnen sind Streiter wir der Grenze Zu Recht verwiesen, doch die Jüdin, Herr--
König. Spiel etwa du den Kostverächter doch! Ich wette, wenn das Mädchen dir dort oben Nur einen Blick gegönnt, du wärest Flamme. Ich selber lieb es nicht dies Volk, doch weiß ich, Was sie verunziert, es ist unser Werk; Wir lähmen sie und grollen, wenn sie hinken. Zudem ist etwas Großes Garceran, In diesem Stamm von unstet flücht'gen Hirten: Wir andern sind von heut, sie aber reichen Bis an der Schöpfung Wiege, wo die Gottheit Noch menschengleich in Paradiesen ging, Wo Cherubim zu Gast bei Patriarchen Und Richter war und Recht der ein'ge Gott. Samt all der Märchenwelt, die Wahrheit auch Von Kain und Abel, von Rebekkas Klugheit, Von Jakob, der um Rahel dienend freite-- Wie heißt das Mädchen?
Garceran. Herr, ich weiß nicht.
König. Ei! Von Ahasverus, der den Herrscherstab Ausstreckte über Esther, die sein Weib Und selber Jüdin, Schutzgott war den ihren. So Christ als Muselmann führt seinen Stammbaum Hinauf zu diesem Volk als ältstem, erstem, So daß sie uns bezweifeln, wir nicht sie Und hat es Esau-gleich, sein Recht verscherzt, Wir kreuz'gen täglich zehenmal den Herrn Durch unsre Sünden, unsre Missetaten Und jene haben's einmal nur getan. Nun aber laß uns gehn! Vielmehr bleib du! Geleite sie und merke dir ihr Haus.
Vielleicht einmal wenn müde Sorgen drücken, Besuch ich sie und freu mich ihres Danks. (Im Begriffe zu gehn hört er Geräusch im Hause und bleibt stehen.) Was ist?
Garceran. Geräusch im Haus. Scheint's doch beinah, Sie strafen Lügen dein gespendet Lob Und streiten unter sich.
König (auf das Haus zugehend). Was gibt's zu streiten?
(Isaak kommt aus dem Gartenhause.)
Isaak (zurücksprechend). Nun denn so bleibt und spielt um euer Haupt! Schon einmal ging's euch nah. Ich rette mich.
König. Frag was es gibt!
Garceran. Was soll es guter Mann?
Isaak (zu Garceran). Ah Ihr seid's hoher Herr, der uns beschirmt. Mein Rahelchen sie spricht gar viel von Euch, Sie hat Euch lieb.
König. Zur Sache! Was Geschwätz--
Isaak. Wer ist der Herr?
Garceran. Gleichviel. Du aber rede. Was ist der Anlaß des Gelärms dort oben?
Isaak (zum Fenster hinaufsprechend). Nun ja, es wird euch kommen. Wartet nur. (Zu Garceran.) Ihr selber habt gesehn mein Rahelchen Wie sie geweint, gestöhnt, die Brüste schlug, Halb sinnverwirrt. Ei ja doch, Herr, mein Leben! Kaum wußte sie vorüber die Gefahr Da kam zurück der alte Übermut: Sie lachte, tanzte, sang, halb toll von neuem, Sie rückte das Gerät, das heilig ist, Bewacht von Tod und poltert--wie Ihr hört. Trägt sie am Gürtel nicht ein Schlüsselbund? Nun, das versucht sie, Herr, an allen Schränken Die längs den Wänden stehn, und öffnet sie; Da hängen nun Gewänder aller Art. Der Bettler bei dem König, Engel, Teufel In bunter Reih'--
König (halblaut zu Garceran). Vom letzten Fastnachtspiel.
Isaak. Da wählt sie eine Krone sich heraus Mit Federschmuck--nicht Gold, vergüldet Blech, Man kennt es am Gewicht, gilt zwanzig Heller-- Legt sich ein schleppend Kleid um ihre Schultern Und sagt, sie sei die Königin. (Zurücksprechend.) Ja, Törin! Zuletzt--im Nebenzimmer hängt ein Bild Des Königs unsers Herrn, den Gott erhalte! Das nimmt sie von der Wand und trägt's herum, Nennt es Gemahl, spricht's an mit süßen Worten Und drückt's an ihre Brust.
(Der König geht mit starken Schritten auf das Gartenhaus zu.)
Garceran. Mein hoher Herr!
Isaak (zu rückweichend). Weh mir!
König (auf den Stufen stehend, mit ruhiger Stimme). Den Scherz säh' gern ich in der Nähe. Zudem rückt eurer Heimkehr Zeit heran, Ich wünschte nicht versäumt die günst'ge Stunde. Du Alter aber komm! Denn nicht allein, Nicht unbewacht will nahn ich deinen Kindern.
(Er geht ins Haus.)
Isaak. War das der König? Weh!
Garceran. Geh nur hinein!
Isaak. Zieht er sein Schwert, sind alle wir gerichtet!
Garceran. Geh immer nur! Und was die Furcht betrifft, Nicht deine Tochter ist's, noch du, für die ich fürchte.
(Er stößt den Zögernden zur Tür hinein und folgt. Beide ab.)
Saal in dem Gartenhause. Im Hintergrunde nach links eine Türe, im Vordergrunde rechts eine zweite.
Rahel, eine Federkrone auf dem Kopfe und einen goldgestickten Mantel um die Schultern, ist bemüht, einen Lehnstuhl aus dem Seitengemache rechts herauszuschleppen. Esther ist durch den Haupteingang eingetreten.
Rahel. Hier soll der Lehnstuhl her, hier in die Mitte.
Esther. Um Gottes willen, Rahel, sieh dich vor, Dein Mutwill' wird uns noch in Unglück stürzen.
Rahel. Der König hat das Haus uns eingeräumt, Solang wir es bewohnen, ist's das unsre.
(Sie haben den Stuhl in die Mitte gerückt.)
Rahel (sich besehend). Und meine Schleppe, nicht wahr? steht mir gut, Und diese Federn nicken, wenn ich nicke, Nun fehlt noch eins und, warte nur, ich hol es. (Sie geht in die Seitentüre zurück.)
Esther. O wären wir nur weit, nur erst zu Hause. Der Vater auch bleibt fern, den sie vertrieb.
Rahel (kommt zurück mit einem Bild ohne Rahmen). Hier ist des Königs Bild, gelöst vom Rahmen Das nehm ich mit.
Esther. Treibt wieder dich die Torheit? Wie oft nicht warnt' ich dich!
Rahel. Und hab ich dir gehorcht?
Esther. Beim Himmel, nein.
Rahel. Und werd's auch diesmal nicht. Das Bild gefällt mir. Sieh, es ist so schön, Ich häng es in der Stube nächst zum Bette. Des Morgens und des Abends blick ich's an Und denke mir--was man nun eben denkt Wenn man der Kleider Last von sich geschüttelt Und frei sich fühlt von jedem läst'gen Druck. Doch daß sie meinen nicht, ich stahl es etwa,-- Bin ich doch reich und brauche Stehlens nicht-- Du trägst mein eigen Bild an deinem Hals, Das hängen wir an dieses andern Stelle, Das mag er ansehn, so wie seines ich Und mein gedenken, hätt' er mich vergessen. Rück mir den Schemel her, ich bin die Kön'gin, Und diesen König heft ich an den Stuhl. Die Hexen sagt man, die zur Liebe zwingen, Sie bohren Nadeln, so, in Wachsgebilde, Und jeder Stich dringt bis zum Herzen ein, Und hemmt und fördert wahrgeschaffnes Leben. (Sie befestigt das Bild an den vier Ecken mit Nadeln an die Lehne des Stuhls.) O gäbe jeder dieser Stiche Blut, Ich wollt' es trinken mit den durst'gen Lippen Und mich erfreun am Unheil das ich schuf.
Nun hängt es da und ist so schön als stumm, Ich aber red ihn an als Königin Mit Mantel und mit Krone die mich kleiden. (Sie hat sich auf den Schemel gesetzt und sitzt vor dem Bilde.) Ihr ehrvergeßner Mann, stellt Euch nur fromm, Ich kenne dennoch jeden Eurer Schliche. Die Jüdin, sie gefiel Euch, leugnet's nur! Und sie ist schön, bei meinem hohen Wort, Nur mit mir selber etwa zu vergleichen.
(Der König, von Garceran und Isaak gefolgt, ist gekommen und hat sich hinter den Stuhl gestellt, die Arme auf die Rücklehne gelegt, sie betrachtend.)
Rahel (fortfahrend). Ich, Eure Königin, nun duld es nicht, Denn eifersüchtig bin ich wie ein Wiesel. Ob Ihr nun schweigt, das mehrt nur Eure Schuld. Gesteht! Gefiel sie Euch? Sagt ja!
König. Nun ja!
(Rahel fährt zusammen, blickt nach dem Bilde, dann aufwärts, erkennt den König und bleibt regungslos auf dem Schemel.)
König (vortretend). Erschreckt dich das? Du wolltest's und ich sag's. Ermanne dich, du bist in Freundes Händen.
(Er streckt die Hand nach ihr aus, sie fährt vom Schemel empor und flieht nach der Türe rechts, wo sie tiefatmend und mit gesenktem Haupte stehenbleibt.)
König. Ist sie so scheu?
Esther. Nicht immer, gnäd'ger Herr. Und scheu nicht, schreckhaft nur.
König. Bin ich so greulich? (Sich ihr nähernd)
Rahel (schüttelt heftig mit dem Kopfe).
König. Nun denn, so fasse dich, mein gutes Kind. Ja, du gefielst mir, sag ich noch einmal Und kehr ich heim aus diesem heil'gen Krieg, In den mich Ehre ruft und meine Pflicht, Frag in Toledo ich vielleicht nach dir. Wo wohnt ihr dort?
Isaak (schnell). Herr, in der Jüdenstraße Ben Mathaes Haus.
Esther. Wenn man nicht früher Uns etwa schon vertrieb.
König. Dafür mein Wort! Ich weiß zu schützen, wem ich Schutz gelobt. Und wenn du dort auch so gesprächig bist Und gut gelaunt, wie früher mit den Deinen, Nicht scheu wie jetzt, verplaudr' ich wohl ein Stündchen Und hole Atem aus dem Qualm des Hofs. Nun aber geht, denn es ist hohe Zeit, Du Garceran begleite sie; doch erst noch Häng dieses Bild zurück an seine Stelle.
Rahel (auf den Stuhl losstürzend). Das Bild ist mein.
König. Was kommt dir bei? Zurück zum Rahmen soll's, aus dem du's nahmst.
Rahel (zu Garceran). Berühr die Nadeln nicht, noch dieses Bild, Sonst festig ich's mit einem tiefern Stich, (mit einer Nadel nach dem Bild fahrend) Siehst du? gerad ins Herz.
König. Halt ein! Beim Himmel! Hast du mich fast erschreckt. Wer bist du Mädchen? Übst du geheime Künste, die Verbrechen? War's doch, als fühlt' ich in der eignen Brust, Den Stich nach jenem Bild.
Esther. Mein hoher Herr, Sie ist nur ein verwöhnt, verwildert Mädchen Und weiß von unerlaubten Künsten nichts, Es kam ihr ein, und also tat sie's eben.
König. Man aber soll mit derlei keck nicht spielen. Es trieb bis zu den Augen mir das Blut, Und wie im wirren Licht seh ich die Dinge. (Zu Garceran.) Ist sie nicht schön?
Garceran. Sie ist's mein Herr und König.
König. Und wie das wogt und wallt und glüht und prangt.
(Rahel hat unterdessen das Bild abgenommen und zusammengerollt.)
König. Du willst das Bild denn durchaus nicht entbehren?
Rahel (zu Esther). Ich nehm es mit.
König. Nun denn in Gottes Namen! Er wird's verhüten, wenn ein Unheil droht. Nur eilig fort. Nimm, Garceran Den Weg der rückwärts durch den Garten führt. Das Volk ist aufgeregt; es liebt, als schwach, Die Schwäche gern zu prüfen an dem Schwächern.
Garceran. (am Fenster). Doch seht, o Herr, es naht der ganze Hof, Die Königin an des Geleites Spitze.
König. Hierher? Verwünscht! Ist hier kein andrer Ausgang? Mich widern an die Deutungen des Schwarms.
Garceran. (auf die Seitentüre zeigend). Vielleicht in dies Gemach.
König. Was fällt dir ein! Soll ich verbergen mich vor meinen Dienern? Und doch fürcht ich den Schmerz der Königin, Sie könnte glauben,--was ich selber glaube. Ich rette denn die wirre Majestät, Sieh zu, daß du baldmöglichst sie entfernest.
(Er geht in das Seitengemach.)
Esther. Ich sagt' es ja: es ist der Weg des Unglücks.
(Die Königin, von Manrique de Lara und mehreren begleitet, tritt ein.)
Königin. Es ward gesagt, der König sei hier oben.
Garceran. Er war, doch ging er fort.
Königin. Und hier die Jüdin.
Manrique. Geschmückt, dem losgelaßnen Wahnsinn gleich, Mit all dem Flitterstaat des Puppenspiels. Leg ab die Krone, die dir nicht geziemt, Selbst nicht im Scherz; den Mantel von der Schulter! (Esther hat ihr beides abgenommen.) Was hält sie in der Hand?
Rahel. Es ist mein eigen.
Manrique. Das wollen wir erst sehn.
Esther. Wir sind so arm nicht, Daß wir nach fremdem Wert die Hände streckten.
Manrique (auf die Seitentür zugehend). Auch dort in jenem Zimmer forscht man erst, Ob nichts abhanden, ob die Habsucht nicht Sich mit der Frechheit so wie hier verbunden.
Garceran. (ihm in den Weg tretend). Hier, Vater, ruf ich: halt!
Manrique. Kennst du mich nicht?
Garceran. So Euch als mich. Doch gibt es, wißt Ihr, Pflichten, Die selbst dem Vaterrecht die Waage halten.
Manrique. Sieh mir ins Aug'! Er kann es nicht ertragen. So raubt mir denn zwei Söhne dieser Tag. (Zur Königin.) Wollt Ihr nicht gehn?
Königin. Ich möchte, doch ich kann nicht. Vielmehr ich kann, beim Himmel, denn ich muß. (Zu Garceran.) Ziemt Euer Amt gleich einem Ritter nicht, Doch dank ich Euch, daß Ihr es treulich übt. Zu sehen wäre Tod--doch leiden kann ich Und trefft Ihr Euren Herrn vor Abend noch, Sagt ihm, daß rück ich nach Toledo ging--allein!
(Die Königin und ihr Gefolge ab.)
Garceran. So mußte mich das Unglück diesen Tag, Gerade heut vom Heere heimwärts führen.
Rahel (zu Esther, die sich mit ihr beschäftigt). Ich wäre nicht gewichen, galt's den Tod.
Esther (zu Garceran). Nun aber bringt uns fort, wir bitten Euch.
Garceran. Erst frag ich noch den König, was sein Wille. (An die Seitentüre pochend.) Mein hoher Herr!--Wie nur? Kein Zeichen!--Sollte Ein Unfall?--Wie denn immer auch, ich öffne.
(Der König tritt heraus und bleibt im Vorgrunde stehen, indes die andern sich zurückziehen.)
König. So ist die Ehre und der Ruf der Welt Kein ebner Weg, auf dem der schlichte Gang Die Richtung und das Ziel den Wert bestimmt; Ist's nur des Gauklers ausgespanntes Seil Auf dem ein Fehltritt von der Höhe stürzt Und jedes Straucheln preisgibt dem Gelächter? Muß ich, noch gestern Vorbild aller Zucht, Mich heute scheun vor jedes Dieners Blicken? Dann fort mit dir, du Buhlen um die Gunst! Bestimmen wir uns selber unsre Pfade. (Sich umwendend.) Wie, ihr noch hier?
Garceran. Wir harren des Befehls.
König. Hättst du doch immer des Befehls geharrt Und wärst geblieben an der fernen Grenze. Ansteckend ist dein Beispiel, Garceran.
Garceran. Gerechte Fürsten strafen jeden Fehl, Den eignen selbst. Allein, da selber straflos, Trifft andre gern das Zürnen ihrer Brust.
König. Ich bin kein solcher, Garceran. Sei ruhig! Wir bleiben dir wie früher zugetan. Doch nun bring diese fort, und zwar auf immer. Was andern Laune ist beim Fürsten Schuld. (Da Rahel sich ihm nähert.) Laß nur! Doch dieses Bild leg erst noch ab Stell es zurück, von wo es ward genommen, Ich will's. Drum zögre nicht.
Rahel (zu Esther). So komm du mit. (Indem sich beide der Seitentüre nähern.) Trägst du mein eigen Bild wie sonst am Halse?
Esther. Was willst du?
Rahel. Meinen Willen. Gält's das Schlimmste.
(Sie gehen in die Seitentüre.)
König. Dann kehr zur Grenze, wohin nächst ich folge. Wir wollen in der Mauren Blut die Schmach, Die gleichgeteilte, dieses Tages waschen, Daß wieder wir ertragen Menschen Blick.
(Die Mädchen kommen zurück.)
Rahel. Es ist geschehn.
König. Und fort nun ohne Abschied.
Esther. Nimm unsern Dank, o Herr.
Rahel. Den meinen nicht.
König. Nun so denn: ohne Dank.
Rahel. Ich spar ihn auf.
König. Das heißt: auf nie.
Rahel. Ich weiß das besser. (Zu Esther.) Komm!
(Sie gehen, von Garceran begleitet, wobei der Alte tiefe Verneigungen macht.)
König. Die höchste Zeit war's, daß sie ging, denn wahrlich Die Langeweile eines Fürstenhofs, Sie macht die Kurzweil manchmal zum Bedürfnis. Doch dieses Mädchen, obgleich schön und reizend, Sie scheint verwegner Brust und heft'gen Sinns Da sieht sich denn ein Kluger billig vor. Alonso!
(Ein Diener tritt ein.)
Diener. Hoher Herr--
König. Bereit die Pferde.
Diener. Herr, nach Toledo?
König. Nach Alarcos, Freund. Wir wollen an die Grenze, in den Krieg, Darum bereit das Nötigste nur vor.
Vier Augen drohen in Toledo mir Voll Wasser zwei, und andre zwei voll Feuer.
Sie wollte sich von meinem Bild nicht trennen, Dem Tode selbst, so schien es, trotzte sie. Doch braucht' es nur mein streng gebietend Wort, So hing sie's wieder an die alte Stelle. Schauspielerkünste waren's, weiter nichts. Doch ob sie's auch dem Rahmen eingefügt? Da ich auf lange diesen Ort verlasse Sei alles so wie früher unverrückt Und dieses Vorgangs letzte Spur verschwunden.
(Er geht ins Seitengemach. Pause, während welcher der Diener die von Rahel abgelegten Kleider vom Stuhle aufnimmt und über den Arm hängt, die Krone aber in der Hand hält.)
(Der König kommt zurück, Rahels Bild haltend.)
König. Mein Bildnis fort und dies an seiner Stelle-- Ihr eignes ist's. Es brennt in meiner Hand. (Das Bild auf den Boden schleudernd.) Fort mit dir, fort! Geht so weit denn die Frechheit? Das darf nicht sein! Indes ich ihrer selbst Nur mit gerechtem Widerwillen denke, Schürt sie, gemalt, mir Glut in meiner Brust. Und dann mein eigen Bild in ihren Händen! Man spricht von magisch unerlaubten Künsten, Die dieses Volk mit derlei Zeichen übt Und etwas, wie von Zauber, kommt mich an. (Zum Diener.) Nimm dies vom Boden auf und eile spornstreichs Bis du sie einholst.
Diener. Wen, Gebieter?
König. Wen? Nun eben Garceran und jene beiden, Stell dies zurück den Mädchen und begehre--
Diener. Was, hoher Herr?
König. Soll ich die eignen Diener Zu Mitbewußten machen meiner Scham? Ich will nur selbst den Tausch, wär's Not, erzwingen. Nimm auf das Bild!--Ich selbst berühr es nicht. (Der Diener hat das Bild aufgehoben.) Wie ungeschickt! Birg's nur in deiner Brust; Doch wär' es dort erwärmt von fremder Wärme! Gib her, ich nehm es selbst, und folge mir; Wir holen sie noch ein.--Bedenk ich's recht, So kann, da einmal rege der Verdacht, Ein Unfall sie betreffen, ja Gewalttat, Da schützt zumeist mein eigenes Geleit. Du aber folge mir! (Er hat das Bild angeblickt und dann in den Busen gesteckt.) Ist dort nicht seitwärts Das Schloß Retiro, wo mein Ahn, Don Sancho Mit einer Maurin, aller Welt verborgen--
Diener. So ist's, erlauchter Herr.
König. Wir wollen unsre Ahnen Nachahmen in der Tapferkeit, dem Wert Und nicht in ihrer Schwäche niederm Straucheln. Vor allem gilt es sich erobern selbst-- Und dann entgegen feindlichen Erobrern.
Retiro heißt das Schloß?--Was wollt' ich nur? Ja so, nur fort! Und sei verschwiegen! Zwar Du weißt ja nicht. Um so viel besser. Komm!
(Mit dem Diener ab.)
(Der Vorhang fällt.)
Dritter Aufzug
Garten im königlichen Lustschlosse. Im Hintergrunde fließt der Tajo. Nach vorn auf der rechten Seite eine geräumige Laube.
Links in einer Reihe mehrere Bittsteller, Gesuche in der Hand; Isaak steht bei ihnen.
Isaak. Es ward euch schon gesagt, hier weilt man nicht. Hier geht demnächst lustwandeln meine Tochter Und Er mit ihr, Er selbst; ich sag nicht wer. Erzittert denn und geht! Und eure Schriften Tragt zu des Königs Räten nach Toledo. (Er nimmt dem einen seine Schrift ab.) Laß sehn!--Unstatthaft, fort!
Bittsteller. Ihr haltet's ja verkehrt.
Isaak. Weil eben auch verkehrt die ganze Bitte, Und so auch Ihr. Stört hier nicht länger, fort.
Zweiter Bittsteller. Herr Isaak, hört, Ihr kennt mich von Toledo.
Isaak. Ich kenn Euch nicht. In dieser letzten Zeit Sind fühlbar schwach geworden meine Augen.
Zweiter Bittsteller. Nun so kenn ich denn Euch, und diesen Beutel, Den Ihr verlort, ich stell ihn Euch zurück.
Isaak. Den ich verlor? Oh, ich erkenn ihn wieder, Von grüner Seide, zehn Piaster drin.
Zweiter Bittsteller. Herr, zwanzig.
Isaak. Zwanzig? Nun, mein Aug' ist gut, Nur mein Gedächtnis wird mitunter schwach. Und dieses Blatt enthält wohl die Erklärung Des ganzen Vorfalls, wo du fandst und wie. Die Meldung an die hohe Obrigkeit Ist nicht mehr nötig, aber gib nur gib! Bestellen wollen wir's an seinem Ort, Daß ruchbar dein Geruch von Ehrlichkeit.
(Die Bittsteller halten ihre Gesuche hin, er ergreift mit jeder Hand eine Schrift und wirft sie zu Boden.)
Was es auch immer sei. Hier Eure Antwort. (Zu einem dritten.) Du trägst hier einen Ring an deiner Hand, Der Stein ist gut, laß sehn!
(Der Bittsteller gibt ihm den Ring.)
Ein Faden zwar Entstellt den reinen Glanz, da nimm ihn wieder. (Er steckt ihn an den eignen Finger.)
Dritter Bittsteller. Ihr steckt ihn ja an Eure Hand.
Isaak. An meine? Wahrhaftig ja. Ich dacht' ich gab ihn dir. Er ist so eng, ich martre mich umsonst.
Dritter Bittsteller. Behaltet ihn, doch nehmt auch diese Schrift.
Isaak (sich mit dem Ringe beschäftigend). Ich nehme beides denn dir zum Gedächtnis. Der König soll den Ring, vielmehr: die Schrift Erwägen, trotz dem Faden im Gesuch, Dem Faden in dem Steine--wollt' ich sagen. Nun aber alle fort!--Ist hier kein Stock? Muß ich mich mit dem Christenpöbel plagen?
(Garceran ist währenddem eingetreten.)
Garceran. Glück auf! Ihr sitzt im Rohr und stimmt die Pfeifen, Die Ihr Euch schneidet, find ich, etwas hoch.
Isaak. Mir ist des Ortes Heimlichkeit vertraut. Der König ist nicht hier, er will nicht hier sein Und wer ihn stört--selbst Ihr, Herr Garceran Ich muß Euch heißen gehn. Es ist nicht anders.
Garceran. Ihr suchtet früher nur nach einem Stock. Wenn Ihr ihn findet bringt ihn mir. Er ziemt, Scheint's, Eurem Rücken mehr als Eurer Hand.
Isaak. Nun braust Ihr auf. So seid ihr Christen alle, Nur immer gradezu. Allein die Klugheit, Die Vorsicht, das geschmeid'ge Warten fehlt. Der König unterhält sich gern mit mir.
Garceran. Langweiligkeit wird selbst zur Unterhaltung Wenn lange Weile vor sich selber flieht.
Isaak. Er spricht mit mir von Staat und Geldeswert.
Garceran. So rührt von Euch vielleicht die neue Ordnung Nach der ein Dreier nur zwei Groschen gilt?
Isaak. Geld, Freund, ist aller Dinge Hintergrund. Es droht der Feind, da kauft Ihr Waffen Euch, Der Söldner dient für Sold, und Sold ist Geld. Ihr eßt das Geld, Ihr trinkt's, denn was Ihr eßt Es ist gekauft und Kauf ist Geld sonst nichts. Die Zeit wird kommen, Freund, wo jeder Mensch Ein Wechselbrief, gestellt auf kurze Sicht. Ich bin des Königs Rat. Wenn Ihr nun selber Einträchtig wolltet gehn mit Isaaks Glück--
Garceran. Einträchtig ich mit Euch? Es ist mein Fluch, Daß mich der Zufall und der leid'ge Anschein Gemengt in dieser Torheit wüstes Treiben, Das Pflicht und Eid auf harte Proben stellt.
Isaak. Mein Rahelchen steigt täglich in der Gunst.
Garceran. Oh, daß doch dieser König seine Jugend, Der Knabenjahre hast'gen Ungestüm In Spiel und Tand, wie mancher sonst, verlebt! Allein als Kind von Männern nur umgeben, Von Männern großgezogen und gepflegt, Genährt vorzeitig mit der Weisheit Früchten, Selbst seine Ehe treibend als Geschäft, Kommt ihm zum erstenmal das Weib entgegen, Das Weib als solches, nichts als ihr Geschlecht Und rächt die Torheit an der Weisheit Zögling. Das edle Weib ist halb ein Mann, ja ganz, Erst ihre Fehler machen sie zu Weibern. Und nun ist auch der Widerstand besiegt Den die Erfahrung leiht dem oft Getäuschten, Zum bittern Ernst wird ihm das lose Spiel.
Doch soll's nicht länger währen, sag ich Euch. Der Feind steht an den Grenzen und der König Gehört zu seinem Heer, ich führ ihn hin Und Euer Blendwerk fällt zurück ins Nichts.
Isaak. Versucht's ob's Euch gelingt. Wenn nicht mit uns, So seid Ihr gegen uns. Ihr brecht den Hals Wenn Ihr den weiten Abgrund überspringt.
(Musik von Flöten ertönt.)
Hört Ihr? Da kommen sie mit Zimbeln und Posaunen Wie Ahasverus mit dem Weibe Esther, Die unser Volk zu Glanz und Ruhm erhöht.
Garceran. Muß ich in dieses Königs üpp'gem Treiben Mein eignes Bild aus frührer Zeit erspähn Und mich in ihm, in mir mich seiner schämen?
(Ein Schiff, auf dem der König mit Rahel und Gefolge, erscheint auf dem Flusse und legt an.)
König. Legt an! Hier ist der Platz und hier die Laube.
Rahel. Der Nachen schüttert. Haltet ein, ich falle.
(Der König ist ans Land gesprungen.)
Und hier auf diesem Brett das schwank und schwach Soll ich ans Ufer?
König. Hier nimm meine Hand.
Rahel. Nein, nein, mir schwindelt.
Garceran (vor sich). Schwindelt's dich? Fürwahr.
König (der sie ans Land geleitet). Nun ist's geschehn das übergroße Werk.
Rahel. Nein, nie betret ich, nimmermehr ein Schiff (Des Königs Arm ergreifend.) Erlaubt, mein hoher Herr! Ich bin so schwach Und fühlt, mein Herz es schlägt, als wär's im Fieber.
König. Die Furcht ist Weiberrecht, doch Ihr mißbraucht's.