Die Juden Im Weltkriege

Part 4

Chapter 43,157 wordsPublic domain

Die Ergebnisse aus dem Kriege fuer das Verhaeltnis der deutschen Juden zum Reiche sind leicht zu ziehen. Wie im Frieden, so haben sich die Juden besonders in den schweren Zeiten der Stuerme als gute Staatsbuerger bewaehrt. Der Burgfriede hat es ermoeglicht, dass die, welche durch lange Zeit als Soldaten II. Klasse und auch als mindere Staatsbuerger behandelt worden waren, ihre Pflicht in vollem Masse taten und mehr als das. Wenn man die Zahl der juedischen Kriegsfreiwilligen, die zum Heere stroemten, zaehlen wird, duerfte mancher fruehere Antisemit erstaunen. Soviel Liebe und Begeisterung fuer ein Vaterland, das seinen juedischen Mitbuergern die Zeiten des Soldatenstands nicht zu den angenehmsten machte, kann nur bei einem Volke gefunden werden, das in seinem Kern ein loyales ist. Und die Juden waren und sind denn auch tatsaechlich in England, in Frankreich, in Italien und Oesterreich, in den Vereinigten Staaten, in Holland etc. ueberall als ein unbedingt gut patriotisches Element bekannt.

Wenn sich etwas aus den Lehren des Augenblicks fuer die Zukunft ergeben muesste, so ist es die Forderung der vollen Durchfuehrung der Gleichberechtigung der juedischen Staatsbuerger in Deutschland. Wie sich in Oesterreich die Ungarn bewaehrten, wie die Polen und Elsaesser und Daenen in unseren Heeren zum Erfolge beitrugen, so vor allem die Juden, die nie auf deutschem Boden ein eigenes Territorium zu gruenden suchten, die nie in geschlossener Organisation irgend welchen staatlichen, sprachlichen oder kulturellen Bestrebungen der Deutschen im Frieden wie im Kriege eine Gegnerschaft aufboten.

Der deutsche Jude hat keine nationale und religioese Politik, die sich gegen die der andern Staatsbuerger wenden kann. Es gibt keinen juedischen Verein, der Deutschland liberal, demokratisch oder sozialistisch regiert haben will. Wohl aber gibt es juedische Redakteure bei den Freikonservativen, bei den Nationalliberalen, bei den Volksparteilern und in der Arbeiterbewegung. Eine irgendwie einheitliche juedische Politik gibt es in Deutschland nicht. Auch ihre religioesen Anschauungen stoeren niemanden.

Nicht um Lohn zu finden, haben die Juden Seite an Seite mit allen anderen Deutschen gekaempft. Sie haben aber ein Anrecht, nicht um ihre Freiheit verkuerzt zu werden. Es muss _das_ Schauspiel des Friedens aufhoeren, dass der Jude, sobald er getauft ist, Professor, Offizier, Staatsanwalt usw. werden kann. Diese _Praemie auf das Renegatentum_ ist nicht wert, in Friedenszeiten wiederzukehren. Deutschland darf keine antisemitische Politik betreiben, es wuerde sich sonst an das programmatisch antisemitische Russland anlehnen. Es kann im Gegenteil auch nicht dem Ehrgefuehl deutscher adliger Offiziere entsprechen, mit Maennern eng verbunden zu sein, die sich ihrer Ahnen und Herkunft schaemen. Es kann nicht die Auffassung der Hueterin des Rechts sein, dass Richter vorerst ihren Glauben abgeschworen haben muessen; es kann keine freie Wissenschaft sein, die das christliche Bekenntnis zur Voraussetzung hat.

Deutschland, der nunmehrige Freund des _Islam_, kann auch seine _juedische_ Bevoelkerung ihrer Religion nachgehen lassen, ohne dabei Schaden fuer seine christlichen Bewohner zu nehmen. Der Uebertritt vom Judentum zum Christentum muss wieder oeffentlich als das gebrandmarkt werden, was es in den weitaus meisten Faellen wirklich ist: als Streberei, Gesinnungsheuchelei, Religionsmissbrauch (alldieweil es keine "ueberzeugten" Christen sind, die den Weg zum Taufbecken suchen und ihn so leicht finden.)

Der Krieg hat dem elenden Religions- und Rassengezaenk im Innern des Landes hoffentlich ein Ende bereitet, nach aussen hin wird es noch genug Arbeit geben, um den Hass der Nationen, die Zwietracht, Rachsucht, Missgunst langsam abebben zu lassen. Auf Jahrzehnte hinaus wird Deutschland genuegend Feinde besitzen, es kann daher die Ruhe im Innern doppelt noetig brauchen.

Soziale und biologische Probleme stellen sich in den Vordergrund. Die deutschen Juden haben der Grossstadt und der Sucht, wirtschaftlich zu erstarken, bedeutende Opfer gebracht. Junggesellentum aus Vorliebe oder aus Not, weil die Familie oekonomisch eine bedeutsame Last ist, Kinderlosigkeit und Kinderarmut sind die Kennzeichen fuer die Entwicklung der heutigen deutschen Juden. Ich habe sie in den Buechern "_Der Untergang der deutschen Juden_"[20], "_Das sterile Berlin_"[21] und in der _Preisschrift der Gesellschaft fuer Rassenhygiene_[22] des naeheren dargelegt.

[20] Verlag Reinhardt, Muenchen.

[21] Verlag Marquardt, Gross-Lichterfelde.

[22] Verlag Louis Lamm, Berlin C.

Nun reisst der Krieg weite Luecken in ihre Reihen. Waehrend Deutschland waechst, verkuemmert der Anteil seiner Juden. _Sombart_ hat nachgewiesen, wie die Buerokratisierung der Banken, der Schwerindustrie usw. den juedischen Einfluss hemmt. Dazu kommt die prozentual geringer werdende Beteiligung. Die hervorstechende oekonomische Macht der Juden weicht langsam, aber sicher von selbst.

Eine antisemitische Bewegung koennte hoechstens wirtschaftlich wertvollen Kraeften, die ohnedies abnehmen, Hindernisse bereiten, Unzufriedenheit in den juedischen Kreisen saeen und den Geist der Zwietracht verbreiten. Deutschland ist kein einheitlicher Staat, aufgebaut auf Grundlagen _einer_ Religion, _einer_ Rasse, _einer_ Staatsform. Es ist (aehnlich Amerika) die glueckliche Synthese der verschiedensten Bevoelkerungsschichten, die alle als deutsche Staatsbuerger respektiert werden wollen. Glaubens- und Rassekaempfe muessen verflossenen Zeiten angehoeren. Wie traurig ist es, dass noch Millionen von Katholiken glauben, sich politisch vereinigen zu muessen, um entweder in ihren Rechten nicht geschwaecht zu werden oder sich groesseren Einfluss sichern zu koennen. Eine Vermischung von Religion und Politik. Sehen wir die Welfenpartei! Eine Gruppe, die nach fuenfzig Jahren noch immer die Geschichte umwaelzen, nochmals die staatlichen Zustaende von 1866 herbeifuehren wollte. Die Negation als Grundlage einer politischen Betaetigung!

Der grosse Krieg muss auch im Innern eine Reform bedingen. Er muss uns soweit einander naeher gebracht haben, dass wir die volle politische und buergerliche _Gleichberechtigung_, die Freiheit des Individuums fuerderhin nicht mehr einzelnen Klassen und Gemeinschaften rauben wollen. Neben den Sozialdemokraten sind es die Juden, die vornehmlich als treue Staatsbuerger angesehen zu werden verlangen und hoffentlich es auch erreichen. Mag besonders die Ostmarkenpolitik, die antisemitisch bis in die Knochen, durch die mehr oder minder gewaltsame wirtschaftliche Vertreibung der juedischen Handwerker und Kaufleute in den Staedten Posens und der oestlichen Provinzen den polnischen Mittelstand aufbluehen liess, ein deutliches Warnungszeichen dafuer sein, wie schaedlich letzten Endes jede Hetzpolitik ist.

* Das Problem der Ostjuden.*

Es mag leicht sein, dass ein Friedensschluss dem Deutschen Reich neue polnische Gebiete bringt. Kein Element wird dann so leicht fuer das Deutschtum sprachlich und staatsbuergerlich zu gewinnen sein, wie das juedische, das sich durch sechs bis sieben Jahrhunderte, seit es aus den Rheinlanden vertrieben wurde, die deutsche Mundart -- wenn auch in eigener Entwickelung -- bewahrte. Viele der deutschen Soldaten dachten sich garnichts dabei, als sie in allen Staedten Russlands eine (wenn auch nicht ganz korrekt) deutsch sprechende Bevoelkerungsschicht antrafen. Einzelne aber waren darueber doch erstaunt. Sie waren auch ueberrascht, eine ueberaus aermliche, im Wust der Umgebung verschmutzte, aber fuer alle Entwicklung empfaengliche Masse anzutreffen, die sich gerne den deutschen Massnahmen fuegte.

Das Urteil ueber die polnischen Juden ist bei den Deutschen nicht immer sympathisch. Jedes fremde Volk hat Schwaechen, die dem Fremden auffallen, und die leicht zu einer vollkommenen Verurteilung fuehren. Bei den russischen Juden wird zu wenig daran gedacht, dass die russische Regierung sie gewaltsam in modernen Ghetti zusammenpfercht. Sie duerfen nur im Ansiedlungsrayon wohnen, und hier wiederum nur in den Staedten. Vor dreissig Jahren hat man sie so zusammengetrieben ohne Ruecksicht darauf, ob die vorhandenen Wohnungs- und Lebensmoeglichkeiten genuegten. Man hat sie zwangsweise in schmutzige Loecher gestossen. Die vielen hundert Verbote, die den russischen Juden treffen, rauben ihm die Lust und das Recht, sich Haeuser zu bauen, das Heim auszugestalten. Russland will den Juden vertreiben, und so ist er denn auch immer auf dem Sprung, wegzugehen. Millionen Juden sind bereits nach Amerika, England, Suedafrika, Frankreich usw. ausgewandert.

Der russische Jude gilt wegen seiner Sprache (Juedisch-Deutsch oder "Jargon") als Deutschfreund. Waehrend sich vielfach Polen und Ruthenen in Oesterreichisch-Galizien bei der russischen Okkupation recht eigentuemlich benommen haben, waehrend in diesen Laendern, besonders aber in Russisch-Polen, die Landbevoelkerung in reichlichstem Masse zum Franktireurkrieg und zu Spionage neigte, verhielten sich die Juden ueberaus loyal. Es ist unwahr, dass sie fuer Deutschland Kundschafterdienste leisteten; sie haben sich aber naturgemaess auch den Russen gegenueber durchaus korrekt benommen. Dabei wurden die Juden am schwersten durch _beide_ Parteien geschaedigt. Die Russen haben aus Hass juedische Staedte, z. B. Szawle, angezuendet, und die Deutschen verbrannten u. a. Tauroggen als Gegenmassregel gegen russische Greuel in Ostpreussen. Tauroggen war aber vor allem eine juedische Stadt. Kalisch, eine echte Judenstadt, wurde gruendlichst zerstoert, weil als Zivilisten verkleidete Soldaten aus Buergerhaeusern schossen. Dadurch wurden Tausende von Juden obdachlos. Viele Staedte wurden durch Bombardements zerstoert, wie Lowicz, Sochaczew etc. Von Seiten der Deutschen mussten vielfach Ausweisungen juedischer Buerger erfolgen, da man natuerlich keinem der feindlichen Staatsangehoerigen trauen konnte; die Massenausweisungen der Juden aus Polen, Russland, Kowno etc. uebertreffen ums Dreifache die Zahl der seinerzeit aus Spanien vertriebenen Juden. Bereits wandern heimatlos eine und eine halbe Million im Innern Russlands, und auch in Oesterreich sind es Hunderttausende, deren Heim zerstoert ist. --

Der deutschsprechende Jude wird, wie oben bemerkt, als Deutschenfreund angesehen. So wie die Verhaeltnisse vor dem Kriege lagen, haette es den russischen Juden nichts eingetragen, sich an die Freundschaft Deutschlands zu wenden. Nicht einmal seine eigenen Juden schuetzte Deutschland vor Russland. Das Zarenreich erlaubte nur ganz ausnahmsweise den Deutschen juedischen Glaubens den Eintritt in sein Land. Und Deutschlands Politiker haben gegen diese monstroese Beschraenkung niemals remonstriert. Sie liessen die oeffentliche Beschimpfung ihrer Juden zu, ohne durch irgendeine Gegenwehr, Gegenmassregel oder nur ernstliche Vorstellung ihre Staatsbuerger vor schimpflicher Behandlung zu schuetzen. Und die deutsch sprechenden sieben Millionen Juden Russlands? Sie gelten zwar als Freunde Deutschlands, _nur dass Deutschland nicht ihr Freund ist_!

Deutschland hat zu Beginn des Krieges durch seine Generale erklaeren lassen, dass es den Polen volle Gerechtigkeit widerfahren lassen wolle. Die Juden, deren Zahl in den Grenzlaendern bedeutend ist, wurden nicht sonderlich erwaehnt.

Es ist anzunehmen, dass sich Deutschland nach dem Kriege allen seinen Juden gegenueber liberal verhalten wird.

Aber es ist doch sehr die Frage, wenn sich keine gewaltigen Grenzverschiebungen ergeben, ob die Judenfrage Russlands einer Loesung naehergebracht wird. Schon vor dem Krieg hat die russische Regierung die Bedrueckung der Juden systematisch inauguriert, die Pogrome des Jahres 1905 waren bestellte Arbeit. Russland bekennt sich zu dem Lehrsatz eines seiner Minister: "Ein Drittel der Juden wird vertrieben, ein Drittel muss verhungern und ein Drittel ist zu toeten." (Siehe Errera "Die Judenfrage".)

Die Judenfrage Russlands interessiert Deutschland aus vielen Gruenden. Die sieben Millionen, die deutsch verstehen und sprechen, bildeten ein wertvolles wirtschaftliches Element, das gerne mit Deutschland Handelsbeziehungen unterhielt. Diese sieben Millionen sind die staerksten Gegner jedes Krieges mit Deutschland, das sie verehren. Wegen ihrer deutschen Sprache und ihrer deutschen Sympathien sind sie in grausamster Weise von Russland bestraft worden. -- Deutschland hat den Polen zu verstehen gegeben, dass es sich ihrer annehmen wird. Mit noch groesserer Berechtigung aber koennen die _Juden_ erwarten, dass Deutschland sie nicht vergisst, wenn die Frage der unterdrueckten Nationen in den Friedensverhandlungen aufgeworfen wird.

Die Juden haben nie im politischen oder sprachlichen Kampfe mit den Deutschen gelegen (wie die Polen), seit Jahrhunderten sind sie zu einem Teile fest verwachsen mit der deutschen Erde. Die in Polen zurueckgebliebenen Gemeinden sind bei der Teilung dieses Landes durch Zufall zu Russland, Oesterreich oder Preussen gekommen. Die, welche russische Staatsbuerger wurden, haben seit jener Zeit eine Geschichte des Leides und der Verfolgung erlebt, die ans finsterste Mittelalter erinnert. Leider wissen unsere deutschen Mitbuerger wohl von "Greueln in Armenien", wie sie die Englaender aus politischen Gruenden aufbauschten, -- die Regierungspolitik Russlands jedoch, das sich so lange als der beste Freund Deutschlands gebaerdete, wusste recht gut ueber allen ihren Schandtaten dichte Schleier auszubreiten.

Die deutsch sprechenden Juden Russlands sind zum Teil Zionisten. Die Tuerkei hat an ihren zionistischen Buergern in diesem Kriege eine gute Unterstuetzung gefunden. Deutschland kann sehr wohl, im eigenen Interesse wie in dem seines neuen Bundesgenossen, ein Entgegenkommen der Tuerkei fuer eine juedische Besiedlung der veroedeten Landstriche Palaestinas befuerworten.

Es kann keine Frage sein, dass sofort nach dem Friedensschluss eine _Massenauswanderung_ der russischen Juden beginnen wird, welche die gesamte Voelkerwanderung numerisch in den Schatten stellt. Diese Juden, denen man das Letzte genommen hat, die ein volles Jahr lang gequaelt und getrieben wurden, jeden Augenblick gewaertig, erschossen oder zum mindesten nach Sibirien gefuehrt zu werden, warten nur auf die Moeglichkeit, wieder frei zu atmen.

Soll Deutschland diese Emigration nicht zum eigenen Nutzen zu beeinflussen suchen? Soll der Strom der Auswanderer nach Amerika gehen?[23] Deutschland wuenscht eine moderne Entwicklung der Tuerkei. Durch die Verluste, die der Krieg im eigenen Lande zeitigte, ist keine Emigration der eigenen Massen bevorstehend. Im Gegenteil.

[23] Eine wirkliche Masseneinwanderung oestlicher Juden in Deutschland wird schon aus oekonomischen Gruenden schwer durchfuehrbar sein. Dieselbe waere auch vom juedisch-nationalen Standpunkt nur eine Notstandsaktion, die uebrigens wegen der vielen Widerstaende, die nach jeder Hinsicht zu ueberwinden waeren, keineswegs einzutreten braucht.

Wenn die Erloesung der kleinen Voelker einen Rueckhalt an Deutschland finden darf, dann kann es die gequaelte juedische Masse des Ostens nur in zionistischem Sinne erloesen. Auf Russland kann Deutschland nicht einwirken, wie es seine Untertanen regieren soll. Eine breite Oeffnung der eigenen Grenzen liegt nicht im Wunsch der meisten eigenen Staatsbuerger.

Will Deutschland das Buendnis mit der Tuerkei oekonomisch ausnuetzen, will es sich dort eine Masse sichern, die aus sprachlichen Motiven wie auch aus Dankbarkeit zu Deutschland neigt, dann wird es einer grosszuegigen zionistischen Emigration die Wege ebnen, wird "dem Lande ohne Volk das Volk ohne Land" geben.

Professor Otto _Warburg_ hat schon vor zehn Jahren darauf hingewiesen, dass die Besiedelung Mesopotamiens von ausschlaggebender Bedeutung fuer die wirtschaftliche Erschliessung und Entwicklung Vorderasiens ist.[24]

[24] Wir koennten z. B. von daher unsere Baumwolle beziehen und so vom Auslande unabhaengig werden.

Deutsches Kapital hat die grossen Bahnbauten nach Bagdad ermoeglicht. Wir sind alle daran interessiert, dass Deutschland daraus Nutzen zieht. Hier kann nur eine geeignete Einwanderung helfen, denn die ortsanwesende Bevoelkerungsmenge ist nicht ausreichend.

Da schon Massen arbeitsloser Juden in Polen den Behoerden zur Last fallen, so waere es gut, wenn man sich, wie fuer die ostpreussischen Fluechtlinge, so auch fuer das juedische Proletariat Galiziens und Polens interessierte. Sobald sich die tuerkische Regierung entschliesst, einwandernden juedischen Familien Land anzuweisen, wird auch von der juedischen Seite das noetige Geld zur Ueberfuehrung und Ansaessigmachung aufgebracht werden. Es ist nur noetig, dass sich _der neue Dreibund_ darueber klar ist, _was er mit dem namenlosen Judenelend machen will_, wie er den vom Krieg entwurzelten Massen hilft, ohne dabei selbst Menschen zu verlieren. Denn Menschen sind Geld, Maenner sind im Kriegsfalle Gewehre. Nie hat man die Bedeutung der Ziffer so erfasst, wie bei diesem Krieg.

Kommt aber den Juden vom neuen Dreibund keine Hilfe, dann wandern sie bestimmt nach Amerika aus und gehen fuer die deutsche Sache verloren. Mit ihnen aber ein grosses Nationalvermoegen, -- auch deshalb, weil ja jeder Emigrant etwas Geld bei sich haben muss, was bei einer solchen Voelkerwanderung allein schon Millionenwerte ausmacht.

Die Zukunft von Deutschlands kolonisatorischer Taetigkeit liegt im Orient, in der Tuerkei. Wie kaum je wieder bietet sich eine Gelegenheit, die Kolonisation zu foerdern. Kenner des Orients, wie Rohrbach, Auhagen, Paquet[25] u. a., sind gerade in letzter Zeit fuer diese Orientierung der deutschen Politik eingetreten. Schon frueher plante uebrigens der verstorbene Grossherzog von Baden, das Interesse der Maechte fuer eine organisierte Kolonisation Palaestinas durch die Juden wachzurufen.

[25] Ein soeben von Alfons _Paquet_ erschienener Artikel (in Heft 40 Jahrg. 1915 des Maerz) "_Juden im Osten_" kommt zu denselben Resultaten. Paquet schreibt:

"Das tuerkische Volk kuemmert sich wenig um den Glauben anderer. Es erkennt in den Juden die Orientalen, es weiss, dass jene, die aus dem Westen kommen, zugleich Europaeer sind, Traeger eines praktischen Koennens, das dem neuen tuerkischen Staatswesen Nutzen zu bringen vermag. Und das eigentliche Palaestina? Hat es nicht in den Jahren, die dem Versuch der Wiederbesiedelung gewidmet waren, bewiesen, dass es wirklich das Land ist, wo einmal der Wanderer sein Haupt hinlegen kann unter den Sternen die den Erzvaetern leuchteten, um auszuruhen und boese Spuren aus seinen Zuegen wischen?"

Sie brauchen eines zuerst: eine Zukunft, ein gruenes Banner. In dem von Menschen erfuellten Europa werden sie das wichtigste fuer ihre Zukunft: -- den Boden -- nie erhalten, eher werden sie die Traeger irgend eines unbestimmten Unheils sein. In allen Erdteilen, ausser Vorderasien, fehlen die Moeglichkeiten einer Ansiedelung, die den Juden erlaubt, nach ihrer hoechst eigentuemlichen Art zu leben und von dem geistigen Gut, nach dem sie hungern, satt zu werden. Aber in dem einen kleinen Lande, das schon begonnen hat, zu einem neuen Dasein zu erwachen, ist Raum und Tragkraft genug, sie aufzunehmen. Josua und Kaleb sind von ihrer Kundschafterreise zurueckgekehrt mit schweren Trauben. Es kommt jetzt darauf an die Faehigkeiten des Volkes, die bisher auf die Wuestenreise verwendet wurden, zu wecken und neu zu gebrauchen. Schulen nach dem Vorbild der deutschen Volksschulen, vielleicht mit einer Hochschule an der Spitze, werden dazu helfen koennen. Einst werden dann diese Knaben die Mannschaft eines neuen morgenlaendischen Wesens bilden, gleichviel, ob sie Ingenieure oder Kaufleute, Handwerker, Ackerbauer oder Gelehrte werden, gleichviel sogar, wie viele von ihnen in Europa bleiben und wie viele wirklich im Morgenland wohnen. Sie koennen in einer neuen Heimat ein neues Volk sein -- nicht im Sinne jenes Nationalismus, der in Europa die Voelker zerreisst und schlaegt, sondern in dem innerlich freien, nach aussen duldsamen Sinne der morgenlaendischen Weisen. "Der tuerkische Baum muss sehr gruen werden und auswachsen." "Wer in seinem Schatten wohnen will, muss aber zuvor sein Gaertner sein." -- -- --

So denkt ein bekannter Orientkenner ueber die Judenfrage und das Problem der Tuerkei.

Statt dessen hat man den franzosenfreundlichen Jesuiten, die neben zahlreichen Schulen eine Universitaet in Beirut gruendeten, den russischen und griechischen Missionen Raum gegeben und hat die englischen Machinationen unter den Arabern geduldet.

Die neu-deutsche Judenpolitik darf des weiteren nicht in den Fehler verfallen, das juedische Element im Osten den Polen auszuliefern. In ganz Galizien hat man die Juden dem Terrorismus der Polen ueberantwortet. Man denke sich, dass dort ca. 900000 Menschen ein deutsches Idiom sprechen, eine Sprache, die der deutschen naehersteht als die flaemische Mundart. Gleichwohl konnte man in Oesterreich nicht erreichen, dass das "Jiddisch", wie es genannt wird, die Rechte einer Sprache bekam. Obwohl es eine Unzahl von Zeitungen gibt, die taeglich in diesem Dialekt geschrieben werden, und deren Blaetter u. a. in Lemberg, Lodz, Krakau etc. erscheinen (Warschauer und New Yorker Blaetter in Jiddisch haben Auflagen von ueber 100000 Exemplaren), war diese Sprache "von Rechts wegen" verpoent! Der Kaufmann sollte seine Rechnungsbuecher damit nicht fuehren duerfen, Eingaben an die Regierung waren unstatthaft, waehrend unterdessen die jiddische schoene Literatur in alle Sprachen uebersetzt wurde, und Theaterstuecke, ins Hochdeutsche uebersetzt, Sensation in Berlin hervorriefen!

Auch heute hat die deutsche Regierung die Bedeutung dieses Jargons noch nicht erfasst. Eine Volksschicht, die in polnischen Gebieten lebt, greift aber, wenn sie ihre Muttersprache lassen muss, nicht zu dem dieser nahverwandten Deutschen, sondern zum _Polnischen_. Es liegt kein Grund vor, die Polen _kuenstlich_ zu staerken und ein Volkstum, das sich sprachlich ans Deutsche anlehnt, seiner Nationalitaet zugunsten der polnischen gewaltsam zu entkleiden.

Sollten groessere polnische Bezirke Deutschland und Oesterreich angegliedert werden, so muss das _Recht der Minoritaet_ geschuetzt werden. Das moderne Polentum hat sich noch nicht als massvoller und zuverlaessiger Charakter erwiesen. Wo sie es nur konnten, haben die Polen die Juden bedrueckt und ausgenutzt. Die galizischen Wahlen waren wahre Schlachttage der Schlachta. In vielen Orten floss juedisches Blut, weil die Juden keine Polen waehlen wollten. Noch schlimmer erging es den Juden in Russisch-Polen, wo sie den _Polen und Russen_ gaenzlich ausgeliefert waren.

Wenn die Franzosen und Italiener von "unerloesten Voelkern" sprechen, dann haben sie kaum der armen Juden gedacht, und sicherlich nie eine Hand geruehrt, um deren Los zu erleichtern.[26] Und sie haetten es doch so bequem. Sie brauchten bloss ihren Bundesgenossen "darauf aufmerksam zu machen". -- -- --