Part 3
Prinz Fuad, der Fluegeladjutant des tuerkischen Sultans, hat dem offiziellen ungarischen Pressevertreter folgende Erklaerung abgegeben (in der deutschen Presse im Jued. Echo, Muenchen, Nr. 27, 1915, wiedergegeben):
"Die juedische Legion, welche auf den Dardanellen operiert, verrichtet wahre Wunder. Der Kommandant der Legion, ein tuerkischer Jude, bekam den Hauptmannstitel und eine Auszeichnung. In den uebrigen Militaerteilen kaempfen die Juden mit andern zusammen ausgezeichnet. Die tuerkischen Militaerbehoerden machen daher keinen Unterschied zwischen juedischen und nichtjuedischen Soldaten. Das Gleiche kann hinsichtlich der juedischen Zivilbevoelkerung gesagt werden, welche im jetzigen schweren Moment opferwillig dem Lande hilft, soviel sie nur vermag. Die juedischen Bestrebungen in Palaestina sind gut bekannt; niemand zweifelt an dem Patriotismus der tuerkischen Juden".
Und Gustav Herve sagt ueber die viel geschmaehten russischen Juden -- welche ein eignes Regiment gebildet hatten und in den erbitterten Fruehjahrskaempfen bei Arras fielen -- bei Gelegenheit der Veroeffentlichung von Briefen gefallener Juden der juedischen Fremdenlegion:
"Held Litwak -- du, dessen herrlicher Brief, geschrieben am Tag deines ruhmvollen Todes bei Carency an der Seite von 2000 Mitjuden, ich unlaengst abgedruckt habe, vergib diesen armen Sergeanten, die euch monatelang als schmutzige Judenbuben und aehnlich beschimpft haben -- euch, die ohne dazu verpflichtet zu sein, in einem Augenblick edler Begeisterung euer Blut grossmuetig an Frankreich dahingegeben habt, das in euren Augen das Sinnbild aller Freiheit und sittlichen Groesse war." . . . Und das beste Zeichen, wie sehr die Juden freiwillig fuer die Freiheit zu kaempfen wissen, dass gerade die Anfuehrer der polnischen Legionisten fast durchwegs Juden sind: Nach dem Jued. Echo (Nr. 31, 1914, Muenchen) ist der Vorsitzende des Polnischen Nationalen Hauptkomites und der Legionen ein Jude namens Mosche Scherer und ebenso eine ganze Anzahl von Fuehrern der Legion.
Ebenso wie der sozialdemokratische wurde auch der juedische Soldat endlich einmal von den Meisten vorurteilsfrei betrachtet und bewertet. Natuerlich gibt es auch Faelle, wo sich Vorgesetzte noch nicht in den Gedanken der Gleichwertigkeit "solcher Elemente" hineinleben konnten.
Die ungeheure sozialdemokratische Begeisterung ist nicht zuletzt das Produkt der so oft geschmaehten "inter"-nationalen Denkweise juedischer Fuehrer, mit der man frueher alles Unrecht gegen Juden deckte und erklaerte. Die Fuehrer haben ihren Patriotismus nicht nur durch billige Phrasen dokumentiert, sie sind nicht wie andere Sozialistenfuehrer a la Vandervelde als Wanderredner durch die Lande gefahren, um die Menschen aufzuwiegeln, haben a la Herve billige blutruenstige Artikel geschrieben oder sich als Leutnants, wie D'Annunzio, zu Hause wichtig gemacht. Der Jude _Ludwig Frank_[13], vielleicht der faehigste Kopf in der sozialdemokratischen Partei, trat als einfacher Soldat in Reih und Glied und fiel -- wie er es wuenschte -- als ein einfaches, aber schoenes Beispiel treuer Vaterlandsliebe.
[13] Der bekannte Genosse Davidsohn "nur" zweimal verwundet, nunmehr Offizierstellvertreter.
Aber nun kam, was nicht kommen durfte. Man hat in vielen Zeitungen ueber den Mannheimer, ueber den Rechtsanwalt, ueber den Sozialdemokraten Frank geschrieben. Man hat bewiesen, dass ein Sozialdemokrat patriotisch sein koenne. Dass er aber ein Jude war, diese Tatsache wurde nach Moeglichkeit verschwiegen. -- Nicht zum Beweis der Tapferkeit und der Vaterlandsliebe wollen wir Frank als Juden registrieren. Es liegt eigentlich eine unglaubliche Verworfenheit des Charakters vor, wenn jemand von einer kulturell so hochstehenden Rasse wie der juedischen, von der Tausende im oeffentlichen Leben wirken, welche alle Kulturstaetten deutscher und anderer Bildung genossen haben, annehmen koennte, dass Mannesehre und Wuerde bei ihnen nicht zu finden waere.
Dass man bei allen Nachrufen aber sichtlich vergessen wollte, zu erwaehnen, dass der erste deutsche Volksfuehrer, welcher mit seinem Tode die Treue zur Heimat und zum Staate besiegelte, ein Jude war, ist keine erfreuliche Erscheinung.[14] Ebensowenig wie die Tatsache, dass die Dichter des grossen Krieges, die zuerst verwendet wurden und starben, Juden waren. Wir nennen nur _Zuckermann_, der das wundersame oesterreichische Reiterlied empfand, und _Heymann_, den jungen Koenigsberger Lyriker, sowie den Schlesier Georg _Hecht_. Man hat so oft ueber die billige Poesie, wie sie Literaten hinterm Schreibtisch gewinnsuechtig betreiben, gespottet. Zuckermann, Heymann, Georg Hecht. _Ich kannte die gluehende Begeisterung, die sie mit dem Leben zahlten._
[14] Dagegen unterstreichen z. B. die deutsch voelkischen Blaetter haemisch, dass Haase, welcher den verunglueckten Aufruf veranlasste, _Jude_ sei, was man zu Kriegsbeginn, als er noch in minder unsympathischem Fahrwasser segelte, sorgsam unterliess, bei ihm zu erwaehnen.
Eine typische Todesanzeige fuer einen aktiven juedischen Offizier mag hier folgen:
Gestern Abend um 1/29 Uhr verschied in der Medizinischen Klinik des Buergerspitals zu Strassburg
*Herr Major* *Max Hollerbaum*
*Kommandeur des B. Landsturm-Infanterie-Bataillons Passau II Ritter d. Eisernen Kreuzes, d. K. B. Militaer-Verdienstordens usw.*
Das Bataillon steht in tiefer Trauer an der Bahre seines ersten Kommandeurs.
Durch und durch Soldat, ein vornehmer, ritterlicher, zuverlaessiger Charakter, durch Willenskraft und warmherziges Wohlwollen gleichmaessig ausgezeichnet, war er uns allen vorbildlich auch durch den Heroismus, den er im Kampfe gegen ein langwieriges, schweres Leiden bis zuletzt bewahrt hat. Es war ihm nicht vergoennt, wie an dem Kriege um die Gruendung des Reichs so an dem um seine Behauptung bis zum ehrenvollen Abschluss teilzunehmen. Aber er hat Treue bis zum Tode gehalten, und sein Gedaechtnis wird in hohen Ehren bleiben.
Am 27. September 1915.
*Fuer das Landsturm-Infanterie-Bataillon Passau II*
I. V.: *Hauptmann Freiherr von Pechmann.*
Anschliessend mag noch bemerkt werden, dass Major Hollerbaum nicht der einzige aktive juedische Offizier in der bayerischen Armee war. Es gab und gibt noch eine Anzahl solcher. Nachstehend seien nur einige namentlich genannt: Der alte bayerische Kuerassiergeneral Carl Ritter v. Obermayer, Major Isidor Marx (Vater) und Major Maximilian Marx (Sohn), die Majore Orfenau, Friedmann, Henle u. a. Ausserdem gab und gibt es viele juedische aktive Sanitaetsoffiziere, Militaerbeamte und auch untere Chargen.
Wie aber war die Haltung der juedischen Bevoelkerung vor dem Ausbruch des Krieges? Die Juden haben sich in allem ueberaus wuerdig benommen. Dass sie als Kaufleute und Bankiers usw. nicht wie die Militaers bestaendig sich um die Militaerangelegenheiten bekuemmerten, ist selbstverstaendlich. Das beruehmte "juedische _internationale_ Grosskapital", von dem soviel gefabelt wird, ist nie in Aktion getreten. Die juedischen Bankiers und die juedischen Kaufleute benahmen sich nicht anders wie die andern Schichten der Bevoelkerung. Ruhig und ernst, wie es der Situation entsprach, als ihre Soehne entweder freiwillig oder als Militaerpflichtige hinauszogen. Reiche Gaben und Spenden flossen allen Instituten von ihnen zu. Und was in der Heimat geleistet werden konnte, wurde getan. Maenner wie Ballin, Rathenau, Riesser ruhten im Kriege nicht. Es ist noch nicht die Zeit, ihrer Verdienste fuer die Volksernaehrung, fuer die Munitionsergaenzung und anderer Dinge zu gedenken.[15]
[15] Otto v. Gottberg, die offizioese Feder unseres Kriegsministeriums, schreibt in einem Artikel "D. K. R. A." ueber Rathenau: "Er kam ohne Ruf und Amt, ein Deutscher in Sorge um das Vaterland. Wie wenige ein Kenner unserer Wirtschaft, fuehlte Dr. Walter Rathenau, dass Deutschland einen laengeren Krieg siegreich nur dann ueberstehen koenne, wenn der Staat ohne Saeumen zu organisiertem Sammeln, Sparen und Mehren der fuer die Kriegfuehrung noetigen Stoffe schritt. Der Kriegsminister sah den Mann, den er gesucht hatte. Sankt Bureaukratius schlug wohl unter Protest die Haende ueber dem Kopf zusammen, als der General den Zivilisten, Doktor und Ingenieur mit hoeflicher Geste beim Kragen nahm und im Allerheiligsten der Heeresverwaltung in einen Stuhl setzte mit dem Auftrag, die Kriegs-Rohstoff-Abteilung ins Leben zu rufen."
Die Art, wie Rathenau die Aufgabe in achtmonatlichem Wirken loeste, sichert ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte des Wirtschaftskrieges.
Die deutschen Juden hatten schon in Friedenszeiten eine zu geringe Vermehrung. Zu viele blieben aus wirtschaftlichen Gruenden oder aus Laune Junggesellen; die vielen Spaetehen der akademischen Kreise und der Kaufleute bedingten einen hohen Prozentsatz kinderloser Ehen. Die, die Kinder haben, begnuegen sich mit zweien. Auf die deutsche Judenheit, welche eine geringere Geburtenziffer als die Franzosen hat, wird der Krieg eine unheilvolle Bedeutung haben. Er raecht die Beschraenkung der Kinderzahl.
Die durch Taufe und Mischehe und Kinderlosigkeit geschwaechte deutsche Judenheit weiss, dass dieses elementare Ereignis ihre Reihen noch mehr lichten wird. Alte Familien werden durch den Krieg erloeschen, die deutsche Judenheit wird unendlich geschwaecht und in ihrer Existenz erschuettert aus dem Kriege hervorgehen.
Die juedische Jugend zahlte gern die Teilnahme an der deutschen Kulturgemeinschaft mit dem Tode.
* Juden im Ausland.*
Italien, Frankreich, England sind judenarm. Italien hat nur 40000, Frankreich 120000, England nicht ganz 300000, also alle drei Laender zusammen nicht viel mehr als Preussen. In der englischen Regierung sass vor 35 Jahren ein bedeutender Jude, Lord Beaconsfield, der mit Bismarck eine Verstaendigung der beiden Laender herbeifuehrte. Heute hat im britischen Ministerium nur Lord Samuel ein Portefeuille, das des Postministers, der nur in seinen Angelegenheiten eine Stimme hat.
In Italien ist der bekannte Sonnino der Sohn eines getauften italienischen Juden und einer englischen Christin. Ausserdem ist in Italien der Finanzminister Luzzatti Jude, der sich urspruenglich gegen den Krieg aussprach.[16] Das judenreinste Kabinett Russlands traegt die Hauptverantwortung fuer diesen Krieg. Das Land, in welchem die Juden am wenigsten zu sagen haben, hat am staerksten zum Kampf gedraengt.
[16] Die Abkunft Barzilais' ist uebrigens nicht sicher auf Juden zurueckzufuehren.
In England lag die Entscheidung ausschliesslich bei wenigen Nichtjuden. Bedeutende englische Juden hatten sich gerade in den letzten Jahren fuer eine gegenseitige Annaeherung Deutschlands und Englands bemueht, weil sie instinktiv die Entfremdung der Laender bemerkten.[17] Als der Krieg begann, legten Sir Cassel und Sir Speyer ihre Wuerden nieder.
[17] Dafuer hat Ernst Cassel Millionen gespendet, die er dem Kaiser uebermittelte; der einzige Englaender, der sich die Freundschaft der beiden Laender etwas kosten liess und sich ernsthaft darum bemuehte.
In Frankreich war das Kabinett wie in Russland und Serbien "judenrein". Die Juden an der Pariser Boerse haben wahrlich keinen Krieg inszeniert. Als der Krieg aber ein fait accompli geworden war, haben einzelne fruehere Deutsche resp. Elsaesser in Frankreich und England aus der Angst fuer ihre Existenz unsympathische Kundgebungen erlassen. Ob sich darunter viele Juden befanden, weiss ich nicht. Ich konnte es nicht erfahren. Der beruechtigte Obermacher der Bethlehem Steel Company, _Schwab_ in Amerika, welcher wohl der anruechigste Typ des Renegaten ist, stammt von wuerttembergischen Eltern, ist nicht, wie deutsche antisemitische Blaetter verleumderisch behaupten, ein Jude. Er ist vielmehr der Nachkomme eines Pfarrers.
Wenn in einem Staate eine ziffernmaessig einflussreiche juedische Volkschaft war, die sich fuer den Frieden haette einsetzen koennen, so waere es die Russlands gewesen. An sieben Millionen Menschen, die aber in der Duma nur durch _einen_ Abgeordneten vertreten sind. (Auf diese Juden werden wir noch spaeter zu sprechen kommen.) Sie waren vollkommen machtlos.
Der Jude ist nicht, wie das alte, aber abgeschmackte Maerlein der Antisemiten es will, der Brandzuender des Weltkrieges gewesen. Er war ein Freund des Friedens. Er wuerde als Kriegshetzer auch am allermeisten gegen sein Interesse handeln. Der Beamte wird im Krieg durch den Staat hinreichend oekonomisch geschuetzt, der Bauer findet nach dem Kriege immer seinen Grund und Boden wieder. Der Jude aber als Kaufmann hat durch die Unterbindung des Aussenhandels enorm verloren. Bei einer grossen Zahl der juedischen Firmen ist mit einem Schlage der Lohn arbeitsvoller Jahre dahin gewesen. Und nach dem Kriege wird es auch fuer sie des groessten Fleisses beduerfen, um nur annaehernd das wieder zu erreichen, was man vorher an Wirtschaftsbeziehungen besass.
Am meisten unter allen Voelkern haben die _Juden in Oesterreich_ gelitten. Die Besetzung Galiziens und der Bukowina stuerzte 800000 Juden ins Unglueck. Der ruthenische oder polnische Bauer wurde von der russischen Regierung mit aller Schonung behandelt. Gegen den Juden ist man jedoch mit aller Niedertracht verfahren, die man sich denken kann. Der Bauer hat sein Heim, seine Ernte, seinen Verdienst behalten. Der galizische Jude ist --, wenn er nicht gar nach Sibirien transportiert wurde, -- zum armseligen Bettler geworden. Sein Haus, seine Ware, sein Geld vernichtet, er selbst brotlos und heimatlos. Man lese darueber das Buch Segels "Der Weltkrieg und das Schicksal des juedischen Volkes"[18] -- und man wird das Gruseln dabei lernen.
[18] Verlag Stilke, Berlin 1915.
Eines der auch amtlich nachgewiesenen Ereignisse moechte ich hier zur Probe nach der Schilderung Benjamin Segels wiedergeben:
"Im 16. Jahrhundert pflegten sich die Kosaken im Kampfe gegen Polen eines von den Tataren entlehnten Kriegsmittels zu bedienen: wenn sie eine Festung stuermten, trieben sie mit Lanzenstichen und Gewehrfeuer Gefangene vor, die Saecke voll Erde auf den Schultern trugen und unter dem Kugelregen ihrer eigenen belagerten Landsleute die Laufgraeben um die Festung ausfuellen mussten, wobei sie unter der Last begraben wurden. Diese unmenschliche Sitte ist aus dem Kriege zwischen zivilisierten Voelkern verschwunden. Die Japaner haben nur oftmals gegen die russische Feldarmee Viehherden vorgetrieben, die das heftigste Feuer auffingen. Die Russen aber haben in Galizien aufs neue den Brauch eingefuehrt, Menschen, wehrlose Menschen zu diesem Zwecke zu gebrauchen. Nicht etwa Gefangene, sondern Nichtkaempfer, Greise, Frauen und Kinder. Vor _Nadworna_ im Suedosten Galiziens geschah das Furchtbare. Die Russen brachten _eintausendfuenfhundert juedische_ Familien zusammen und trieben sie vor die oesterreichische Front, waehrend sie selber hinterdrein vorrueckten.
Die menschliche Sprache hat keine Worte, um das Grausame dieser Untat auch nur annaehernd zu kennzeichnen." --
Bekannt sind die Befehle russischer Kommandanten, von denen ich z. B. den des Etappenkommandeurs von Krosna, vom 10. Maerz, wiedergebe:
"Fuer jeden Fall, in dem die deutsche oder oesterreichische Regierung jemanden aus der nichtjuedischen Bevoelkerung bestraft, sind die Juden verantwortlich. Zu diesem Zweck werden juedische Geiseln mitgenommen und fuer jeden Nichtjuden wird man zwei Juden umbringen."
Das Stockholmer Blatt "Sozialdemokraten" konstatierte: Jeder russische General, der eine Niederlage erleidet, schiebt die Schuld einfach auf -- die Juden in dem Gebiete, wo er ist. Die Juden wurden zu Zehntausenden ausgewiesen: auf lose Angebereien wurden sie erschossen und erhaengt.
Und in _Russland_? Die russischen Juden duerfen, das ist in Deutschland kaum bekannt, nur in den westlichen polnischen, litauischen und bessarabischen Provinzen Russlands wohnen und auch hier nicht auf dem Lande, sondern nur in den Staedten. Sie sind vom Ackerbau abgeschlossen, Bodenerwerb ist ihnen streng untersagt. Kuenstlich hat die russische Regierung alle modernen Bildungsbestrebungen verboten, alle freiheitlichen Regungen unterdrueckt, die idealistische Jugend, die ihre Glaubensgenossen organisieren wollten, die fuer irgend einen Fortschritt kaempften, gefangen gesetzt. Tausende gerade der Faehigsten sind ausgewandert. Amerika nahm allein 2 Millionen dieser unfreiwilligen Emigranten auf. Was blieb, ist ein Torso. Die staendigen Judengesetze und Verordnungen treiben willkuerlich die Juden in gewissen Staedten zusammen. So hat das Jahr 1882 eine masslose Ueberfuellung des Ansiedlungsrayons hervorgerufen. Das polnisch-juedische Ghetto ist ein modernes Kunstprodukt, wofuer die russische Regierung verantwortlich zeichnet. Mit Gewalt haelt die Obrigkeit die juedische Bevoelkerung in Armut, hindert jede hygienische Regung und verbietet alle geistigen Bestrebungen. Es ist unmoeglich, dass die Verhaeltnisse anders sind, als wir sie antreffen, und das antisemitisch absprechende Urteil beruecksichtigt nicht, dass es sich um ein Volk handelt, das in allem geknebelt und entrechtet ist. Der Krieg, der sich im Westen Russlands abspielt, hat naturgemaess die Juden am staerksten betroffen.
Hunderte juedischer Gemeinden sind zertreten. Ich habe selbst viele in Polen sowie noerdlich der Weichsel und besonders im Gouvernement Kowno, sowie in Kurland gesehen.
Ueber die Lage der Juden in Russland informiert das Buechlein von Kurt _Aram_: Der Zar und seine Juden[19] ("Das juedische Elend in Warschau ist doch noch viel graesslicher als alles andere, was ich sah.") Und Dr. Claus schreibt im Russenheft der Sueddeutschen Monatshefte: "Schon in Friedenszeiten war das Elend unter den Juden gross; wer einmal einen Einblick in die Ghetti Warschaus oder einer litauischen Stadt getan hat, wird das Bild des Grauens so leicht nicht los."
[19] Verlag Ullstein, Berlin.
Ich will nicht eingehend ueber all das Grauenhafte schreiben, was selbst die russische Zensur in ihren Blaettern bringen liess. Einwandsfreie nichtjuedische Abgeordnete haben in den denkwuerdigen Dumatagen des August das tragische Geschick des juedischen Volkes, das von der Regierung zu allen Zeiten als Blitzableiter dienen musste, gekennzeichnet. Geben wir der "Guerre Sociale", dem bundesgenoessischen Blatt, darueber das Wort:
"Das oesterreichische wie das russische Polen ist von Polen und Juden bewohnt. Was hat man getan, um z. B. die Juden fuer die Sache der Verbuendeten zu gewinnen? Hat man nicht vielmehr alles getan, sie en bloc in das Lager unserer Feinde zu treiben? Wenn alles das, was amerikanische Blaetter ueber die den Juden seit Kriegsbeginn zuteil gewordene _schmachvolle Behandlung_ mitteilen, wahr ist, wie kann Russland dann fuer sie etwas anderes sein, als ein _Land des Schreckens und der Schande_, wo ihre verfolgte Rasse den Becher bis zur Neige geleert hat."
Und nochmals die "Guerre Sociale" (Gustav Herve): "Mir kommt nicht zu, in diesem Augenblick, wo das befreundete und verbuendete Russland schmerzliche Stunden durchlebt, davon zu erzaehlen, wie es viel zu lange die Juden behandelt hat. Es hat sie aber behandelt, wie unsere Vorfahren sie im Mittelalter behandelt haben."
Und schliessen wir mit den mutigen Worten des juedischen Dumadeputierten _Friedmann_, den keine Angst vor Einkerkerung oder vor Sibirien abhalten konnte, nach allen vorliegenden Zeitungen u. a. folgendes festzustellen:
"Die Zeitungen registrierten eine ungeheure Menge juedischer Kriegsfreiwilliger. Diese Freiwilligen sollten ihrem Bildungsgrad nach Anspruch auf Offiziersrang haben, aber sie wussten ganz gut, dass sie als Juden den Offiziersrang nicht bekamen. Trotzdem zogen sie in den Krieg.
Zahlreiche juedische Studenten kamen aus dem Ausland und gingen an die Front. Die Juden zuhause bauten Lazarette, spendeten viel Geld und brachten verhaeltnismaessig _weit groessere Opfer als andere Nationen_.
Viele juedische Soldaten bekamen auch das Georgskreuz. (Ich habe selbst verschiedene gesehen. Der Verf.) So war die Stimmung der Juden bei Kriegsausbruch. Aber wir duerfen nicht vergessen, dass im Polenland juedisches Blut in starken Stroemen fliesst, und zum Unglueck nicht nur von Feindeshand. Militaerbehoerden und Regierung brauchten Suendenboecke fuer ihre Misserfolge. Man benutzt zu diesem Zweck die alte Firma, das ist der Jude. Kaum ueberschritt der Feind die Grenze, so verbreiteten sich Geruechte, dass juedisches Gold auf Aeroplanen, in Saergen und Eingeweiden von Gaensen zu den Deutschen floss. Die Legende wuchs, sie verbreitete sich dank der Agitation der Regierungsagenten und nahm schliesslich ungeheure Dimensionen an. Den Juden gegenueber wurden unerhoerte Massnahmen angewendet und diese Massnahmen, die vor den Augen der ganzen Bevoelkerung vollzogen wurden, floessten derselben und der Armee das Gefuehl ein, dass die Juden als schlimmste Feinde ausserhalb des Gesetzes stehen. Zuerst wurden alle Juden aus Polen und Litauen ausgewiesen. _Ueber eine Million_ Menschen musste den Bettelstab ergreifen. Verwundete juedische Soldaten mit dem Georgskreuz wurden in Viehwagen und wirklich wie Vieh mit einem Frachtschein abtransportiert. Juedinnen, deren Maenner, Kinder und Brueder ihr Blut fuers Vaterland vergossen haben, wurden ueberall verfolgt. Eine andere harte Massnahme war das Geiselnehmen. Es handelt sich hier um einen unerhoerten Fall in der Weltgeschichte. Man nahm als Geiseln Staatsangehoerige des eigenen Landes. Anders als eine Schmach kann man das nicht nennen."
Trotzdem Millionen nur Jiddisch verstehen, wurden in ganz Russland die Korrespondenzen, Telefongespraeche, Unterhaltungen auf der Strasse in Jiddisch verboten und die Ungluecklichen eingekerkert, die dagegen verstossen mussten.
Russland erklaert, dass des Zaren "liebe" Juden Freunde der Deutschen sind, dass sie denen zu Liebe spionieren, ja sogar auf die russischen Truppen schiessen. Gewiss bestehen vielfach Sympathien fuer die Deutschen auf Seiten der russischen Juden, weil viele Deutsche zwar auch Antisemiten, aber doch nicht so grausame Feinde der Juden sind wie die Russen. Aber zwischen einigen Sentiments und zwischen der Aeusserung irgendwelcher staatsfeindlicher Gefuehle ist doch noch ein sehr weiter Sprung. Selbst die, welche sich darueber klar sind, dass ihnen die deutsche Regierung wegen des geringeren antisemitischen Druckes lieber waere, wagen sicherlich nicht die geringste Tat. Sie wissen, dass sie als Juden schon _ohne_ allen Grund als Vaterlandsverraeter gebrandmarkt sind, dass man ihnen ueber Schritt und Tritt nachforscht. Und sie hueten sich aengstlich vor jedem Verstoss. Wer die Psyche der Ostjuden kennt, weiss, dass es, abgesehen vom Hindu, keine friedlichere Bevoelkerung gibt. In der strengglaeubigen Bevoelkerung sprechen dabei auch religioese Auffassungen mit.
Was die russischen Juden den Deutschen so nahebringt, ist ihre Sprache und ihre Kultur. Wohin der deutsche Soldat in Russland kommt, er nimmt sich immer den Juden vor, von dem er weiss, dass er Deutsch versteht, und dass er ueberhaupt nicht schwer von Begriff ist.
Die deutsche Regierung, die Militaerverwaltung hat ueberall gerne juedische Mitarbeit gesucht und gefunden. Andererseits haben gerade die juedischen Gemeinden in weitgehendster Weise die Not unter den Juden gelindert, sogar im armen Osten haben die juedischen Religionsverbaende ihre Angehoerigen gestuetzt, und dem Staate damit seine Aufgabe erleichtert.
* Die Lehren des Krieges.*