Part 2
Wenn wir an die treue Mitarbeit juedischer Firmen in der _Maschinentechnik_ anknuepfen, dann duerfen wir als deutsche Unternehmungen von Weltgeltung herausgreifen die _Orenstein und Koppel_ A.G., (Kleinbahn- und Baggerfabrikanten), die Mannheimer _Ladenburgs_, die Nuernberger _Bings_. Selbst Erzschuerfungen (Hirsch und Beer-Sondheimer-Kupfer) werden von ihnen inauguriert. Caesar Wollheim, v. Friedlaender-Fould sind in 'Kohle' bekannt. Neben der Wichtigkeit des Materials und der Arbeitsstaetten ist es Geheimrat Haber, der durch die kuenstliche Gewinnung des Stickstoffes erst die ganze deutsche Munitionserzeugung gewaehrleistete, und der (nach Davis Trietschs Broschuere, "Juden und Deutsche: Eine Sprach- und Interessen- gemeinschaft"[2]) juedischen Eltern entstammt. Auf solche Koepfe kann die deutsche _chemische_ Wissenschaft stolz sein. Wie ja ueberhaupt die chemische Industrie Deutschlands Groesse in der Welt mitgeschaffen hat. (Es sei u. a. auch des juedischen chemischen Industriellen _Gans_ gedacht, dessen Sohn uebrigens auf dem Gebiete der Luftschiffahrt und der Ballontechnik Bedeutung hat.)
[2] Verlag R. Loewit, Wien 1915.
Auch sonst waere noch viel aufzufuehren. Wir koennten manches ueber andere Wirtschaftskomplexe hier anfuegen, so vom Tabakmarkt, von dem Sombart behauptet, dass Juden die Tabakindustrie in Deutschland einfuehrten. Ebenso wie in der modernen Zigarren- und Zigarettenfabrikation halten Juden den Wettbewerb als Uhren-, Sekt- und Schokolade-Fabrikanten und als Getreideimporteure usw. usw.
Wir wollen nicht ermueden. Die Reichtuemer, die einzelne Juden sich erwarben, waren nicht unverdient. Sie sind bedingt dadurch, dass Deutschlands Handel und Wandel zu der Groesse gefuehrt wurde, die den Neid der fremden Voelker erregte, aber damit auch unserem Lande die Moeglichkeit gab, auch auf dem wirtschaftlichen Felde den allgewaltigen Kampf gegen die Unmenge von Feinden so siegreich zu bestehen.
Auf dem Zeitungsgebiet zeigten die _Mosse_, _Ullstein_, _Sonnemann_ (Frankfurter Zeitung) ihre Tatkraft und schufen, trotzdem ihre Blaetter als "verjudet" verschrien wurden, gewaltige Betriebe. _S. Fischer_ ist der bedeutendste literarische Verleger, _Reinhardt_, der _Buehnentechniker_, welcher dem modernen Theater reiche Impulse verlieh, ist gleichfalls Jude. Als _Antiquitaetenhaendler_, _Numismatiker_, als _Sammler_ jeder Art haben die Juden den deutschen Ruf in der Welt mitbegruendet.
Besonders stark angefeindet wurden sie in der Wissenschaft. Um auf diesem Gebiete ihr Koennen einigermassen zu belegen, muessten wir allein ein dickes Buch schreiben. Aber ein paar Beispiele duerfen wir wohl geben. So ist in der Medizin die Lehre der _sexuellen Krankheiten_ durch drei Juden -- _Neisser_, _Ehrlich_, _Wassermann_ -- in grandioser Weise gefoerdert worden. Neisser, der Entdecker des Gonokokkus, Wassermann, der feinsinnige Schaffer des luetischen Blutnachweises, und Ehrlich, welcher eine moderne Waffe gegen die Syphilis schmiedete. Die _Juristen_ sprechen von den Begruendern der deutschen Rechtswissenschaft, von _Staub_ und _Dernburg_ mit all der Hochachtung, die man diesen kaum vorenthalten duerfte. Die _Sprachwissenschaften_ (die _deutsche_ z. B. vertreten durch _Mauthner_) schaetzen die juedische Mitarbeit; _Statistik_, _Nationaloekonomie_, _Chemie_[3] sind wie _Literatur_, _Musik_ und andere kulturelle Gebiete durch deutsche Juden befruchtet worden. Auf _Schachturnieren_ (Lasker, Steinitz, Zuckertort, Tarrasch), aber auch auf den olympischen Spielen, am Turf und auf gefahrvollen Expeditionen bewaehrten sich Juden. _Emin Pascha_ hiess einst Schnitzer, ein bedeutender Arabien-Forscher war _Glaser_, als einer der ersten wirkte in deutschen westafrikanischen Schutzgebieten und erlag dort der Malaria: Dr. _Kaiser_. . . .
[3] Der letzte Nobelpreis fuer Chemie fiel nach Deutschland. Sein Traeger wurde eine allgemein anerkannte chemische Autoritaet; der Nachfolger Bayers in Muenchen, der Vorstand des dortigen staatlichen Laboratoriums, Geh. Rat Professor Willstaetter.
Die antisemitische Bewegung, die vor dreissig Jahren gegen die Juden entstand, ist dadurch erklaerlich, dass von den vielen hervorragenden Verdiensten deutscher Juden viel zu wenig bekannt wurde.
Die politische Geschichte uebergeht die Abstammung des ersten deutschen Reichstagspraesidenten von Simson, der seinem Koenige mehrfach die Kaiserkrone antrug. Das damals als Musterlaendle gepriesene Baden hatte einen nicht einmal getauften Finanzminister: Ellinger.
Das waren einzelne Personen, die ihr Bestes fuer das Werden des Reiches einsetzten. Schon in den 40er Jahren waren es juedische Dichter in der Sturm- und Drangperiode, welche fuer Einheit und Fortschritt eintraten. Berthold Auerbach und Andere, deren Namen heute vergessen sind, mussten wegen ihrer Zugehoerigkeit zu alldeutschen Burschenschaften hinter Kerkermauern dafuer buessen, dass sie fuer ein geeintes Deutschland agitierten.
Bedeutender zeigt sich aber die Mitwirkung juedischer Elemente bei der Ausgestaltung des deutschen _politischen_ Lebens. Kein Volk der Welt hat ein so gut fundamentiertes Parlament, in dem so ueberzeugungstreue Parteien sitzen, die nicht nach Laune, nach persoenlichen Vorteilen stimmen, sondern die -- oft viel zu sehr -- nach theoretischen Ueberlegungen und prinzipiellen Anschauungen den Fragen naehertreten. Kein Abgeordnetenhaus hat sozialer und menschlicher gearbeitet. An ihren Fruechten kann man am besten nicht nur die Baeume, sondern auch die Parlamente erkennen. Unsere _konservative_ Partei feiert als einen ihrer Mitbegruender Stahl; Lasker und Bamberger schufen die _liberale_ Partei; Marx und Lassalle standen an der Wiege der _Sozialdemokratie_, die in Singer, Haase, Bernstein und Frank mit ihre besten Fuehrer fand.
Da wir noch keine Abhandlung ueber die juedische Mitarbeit an der Entwicklung Deutschlands in der neuesten Zeit besitzen, so war es wohl nicht unangebracht, sie mit einigen Beispielen zu belegen. Aehnlich wie _Deutschland_ in der _Welt_, so machten sich die _Juden_ in _Deutschland_ "unliebsam bemerkbar".
Der Umwelt erschienen einst die deutschen Waren als "billig und schlecht", die aufbluehende deutsche Flotte war den Englaendern, die als handeltreibendes Seevolk ein Monopol anstrebten, eine freche Konkurrenz, die deutsche Beteiligung in der Weltpolitik kam den Englaendern als Aufdringlichkeit vor, selbst wenn sie noch so zurueckhaltend war.
Dazu kamen noch historische Vorurteile, von welchen z. B. besonders die Franzosen nicht loskamen. Das Geschrei der Gasse umnebelte selbst intelligente Englaender, Franzosen, Italiener, Amerikaner, Rumaenen, Russen. Auch in der neutralen Welt gibt es leider tuechtige Menschen, die sich alle Fabeln ueber die Unkultur der Deutschen, ueber die Eroberungssucht des Kaisers und seines Volkes zueigen machten.
Geradeso hat man oft von den Juden gesprochen. Man hat sie des Mangels an Kultur und an Redlichkeit geziehen und all des Schlechten, was man den Deutschen heute nachsagt, beschuldigt. Wollten sie beim Militaer Karriere machen, dann hinderte man sie daran; wenn daraufhin wieder Manche keine sonderliche Lust am Dienste hatten, hielt man es ihnen wieder vor. Wurden sie reich, dann erweckte das Eifersucht; war irgendwo ein unbedeutender Jude, dann wurde daraus der Schluss gezogen, dass der Jude ueberhaupt unfaehig ist. Es ist wirklich ueberraschend, wie aehnlich das Eintreten Deutschlands in der grossen Welt, und das Emporsteigen der Juden in Deutschland von der Aussenwelt gewertet werden.
Wir sehen es ja in unserer Zeit, wie nichts zu plump ist, um geglaubt zu werden, wenn ein Volk neidisch ist. An diesen Instinkt appellierten auch die Antisemiten. Der Jude, der die deutsche Sozialdemokratie mitschuf, soll an den Auswuechsen des Kapitalismus schuld sein, bloss weil findige Koepfe, wie die Tietz, Wertheim, Jandorf, Israel, den Fabrikbetrieb, das Maschinelle auch in den Kleinverkauf einfuehrten und das Warenhaus schufen.[4] Und wie einstmals die Handweber die Fabriken stuermten und die Maschinen zertruemmerten, so kaempften die kleinbuergerlichen Kaufleute und Handwerker gegen die Riesenunternehmen, und verwechselten Person und Sache. Wer diese modernen Erfinder hasste, wurde Antisemit.
[4] Den "kleinen" Mann haben aehnliche Entwicklungstendenzen in den meisten Faellen an die Wand gedrueckt. Grossbaeckereien, Grossschlaechtereien, Waeschereien, Restaurationsbetriebe im grossen, mit und ohne Filialen sind aehnliche Erscheinungen wie das Warenhaus, welche die selbstaendigen Handwerker und Kleinbetriebe in ihrer Existenz bedrohen.
Wie _Deutschland in der Welt ueberall auf Neider stiess, so fand auch der Jude in Deutschland ueberall missguenstige Seelen_. Wie beschraenkt diese waren, geht schon daraus hervor, dass sie durch den Antisemitismus alle sozialen Fragen und Schaeden zu loesen glaubten.
Die antisemitische Literatur ist zwar recht armselig, aber Deutschland hat das traurige Verdienst, diese "Wissenschaft" in der Hauptsache geschaffen zu haben. Die anderen Laender, die sich vielfach viel laenger und viel ungenierter in der Bedrueckung ihrer lieben Juden ueberboten, bekamen leider von Deutschland neue Impulse. Die Pamphlete der Ahlwardts gingen in alle Welt und richteten ausserhalb der schwarz-weiss-roten Grenzpfaehle, besonders auch in Oesterreich, erschreckendes Unheil an. Noch vor kurzem hat der grosse Staat Russland den Juden einen Ritualmordprozess gemacht, nachdem vorher Oesterreich und Deutschland ihre Ritualmordhetze gehabt hatten. Noch schmachtet in oesterreichischen Kerkermauern ein wegen eines "Ritualmordes", -- wie alle Juristen beteuern, unschuldig -- verurteilter armer Jude: Leopold Hilsner. Keine Luege war den Antisemiten zu niedrig -- man lese nur ihre Buecher -- keiner ihrer Fuehrer zu -- bedenkenfrei. Meist waren sie recht dunkle Ehrenmaenner. Aber das Gift, das sie verstreuten, trug dennoch eine reiche Saat. Ein Mann beteiligte sich dabei, dessen Schriften man nicht so ohne weiteres mit denen der anderen vergleichen darf: Houston Stewart Chamberlain. Chamberlain hat zwar neuerdings einiges Wasser in seinen Wein gegossen. Er hat erklaert, seine frueheren Behauptungen gegenueber den deutschen Juden[5] nicht aufrecht zu erhalten. Chamberlain ist ein so massloser Chauvinist, dass er selbst Christus als Germanen reklamieren zu muessen glaubte. Er, der noch vor kurzem allen Germanen, auch den Englaendern, Lob sang, hat nun ein Pamphlet losgelassen, fuer das es kaum ein Wort der Entschuldigung gibt. Als geborener Englaender durfte er nie und nimmer in der Weise das Nest beschmutzen, dem er entstammte. Es gibt nichts Veraechtlicheres, als wenn Renegaten dem Volke, dem sie entstammen, in solcher Weise seine Fehler vorhalten. Wenn sie, die die Schwaechen am besten kennen, sie zusammenstellen, uebertreiben und daraus ein Urteil faellen. Wenn wir nach der Methode Chamberlains dozieren wollten, muessten wir zu dem Schlusse kommen: Alle Englaender taugen nichts. Der Englaender ist so und so. Also ist auch Houston Stewart Chamberlain . . . So aehnlich wurde naemlich nach H. St. Chamberlain ueber den semitischen Geist, ueber den Juden im allgemeinen und im besonderen geurteilt, selbst wenn er -- weit mehr als Chamberlain, der die deutsche Kultur erst seit einiger Zeit genossen hat -- seit _Jahrhunderten_ Anteil an allen Guetern deutschen Geisteslebens genommen hatte.
[5] Das erklaert er _heute_, nachdem die Rassenverhetzung den Juden das Leben auf Schritt und Tritt verekelt hat, nachdem seine voreilige Behauptung gegen die Juden die christliche Naechstenliebe bedingungslos aus Hunderttausenden zu Gunsten des Hasses gegen alle Anhaenger des mosaischen Glaubens getilgt hat.
Nein, "der Jude" in Deutschland war zum Teil tuechtig und faehig, zum Teil faul und indolent. Er war auf der einen Seite ein stiller Mann der Wissenschaft, der nach dem Muster des genialen Spinoza, Marx und vieler anderer, die ohne nach der Anerkennung der Oeffentlichkeit zu lauern, in stillem Kaemmerlein ihre Werke schufen.[6] Es gab aber auch Eintagsgroessen, die sich kaum von Charlatanen unterschieden. Maezene und Volksfreunde hat es unter den Juden gegeben, die ihr Vermoegen dem Fortschritt hingaben, ohne dass es die Menge erfuhr. Keine ideale Bewegung existiert, die nicht an den Juden reiche Foerderer hat: fuer Frauenrechte, fuer Kinderschutz, fuer die Waisen, Arbeitslosen, Blinden etc., die Bestrebungen fuer die Abstinenz, fuer Friedenspropaganda, fuer Vegetarismus, fuer alte Buehnenkuenstler, fuer alle Kuenste, -- der Jude hat seine Person, sein Ansehen und nicht zum mindesten sein Geld jederzeit guten und idealen Zwecken zur Verfuegung gestellt.
[6] So hat der auf dem Felde der Ehre gefallene jugendliche Komponist, Kriegsfreiwilliger Walter _Asch_, wie eine Muenchener Zeitung meldet, in allzu grosser Bescheidenheit als seinen letzten Willen hinterlassen, dass seine Werke nicht gedruckt werden duerfen.
Der Jude, der so sehr fuer jeden sozialen Fortschritt zu haben war, der auf Grund alter historischer Gewohnheiten fuer den Ruhetag in der Arbeitswoche, fuer das Angestelltenrecht etc. eintrat, der sich stets fuer Freiheit einsetzte, wurde den Massen als Ausbeuter schlimmster Sorte, als soziales Hemmnis hingestellt. Vergeblich sein Eintreten fuer alle demokratischen Ideale, fuer individuelle Freiheit, fuer internationale Verstaendigung. Wie der wirtschaftliche Neid nicht nur den Blick truebt, sondern fast blind macht, sehen wir jetzt ja an den Englaendern. Diese Gewaltsmacht, die so oft ganz real die Verhaeltnisse beurteilte, schilt die Deutschen Barbaren, waehrend sie ihr Heer zusammensetzt und sich verbuendet mit Hunderttausenden von Negern, Indiern, Zuaven, Tscherkessen, Kosaken, Kalmuecken und allen schiffbruechigen Existenzen der neuen und alten Welt. Dieses fuer Geld geworbene Analphabetengesindel soll das Vorkaempfertum der Kultur sein! Die Englaender, die am laengsten den Sklavenhandel geduldet, nein gezuechtet hatten, die in Suedafrika die Burenfrauen mordeten, in Aegypten die Vertraege brachen und die Indier verhungern liessen, sind mit Recht als Heuchler an den Pranger gestellt worden. Bei den Franzosen gelten _alle_ Deutschen als Boches, als Verbrecher und als Schweine. . . . Dieser Weltkrieg, an dem 10 Millionen Juden beteiligt sind und schwere Opfer bringen, darf nicht voruebergehen, ohne dass das von Antisemiten getragene absprechende Urteil ueber sie in Acht und Bann getan wird. Ein Urteil, das ebenso unberechtigt ist wie das der Entente-Maechte ueber die Deutschen. Nicht nur, weil ein praechtiges Kaiserwort das gehaessige Treiben der Rassen- und Religionsschnueffler fuer die Dauer des Krieges unterband, sondern weil Deutschland und die Welt einsehen muss, dass die Behauptung der Minderwertigkeit Andersgearteter allzuoft nur eine billige, ueberall gehandhabte Waffe des _Neides_ ist.
Und so unterstreichen wir nochmals die Tatsache:
Dass der Jude am Gemeinwohl, am Fortschritt, an der Entwicklung Deutschlands freudig teilgenommen hat, kann kein objektiv denkender Mensch bestreiten. Ob er als Buergermeister von Posen[7] oder als Stadtrat von Berlin[8] oder Frankfurt, oder im Ehrenamt, oder als Waehler einer Gemeinde seine Pflicht erfuellen konnte, -- als der Abkoemmling einer alten Kulturrasse interessierte ihn alles oeffentliche Leben. Die Staedte, in denen die Juden seit langem wohnen und eine gewichtige Stimme haben, sind nicht schlecht damit gefahren. Das reiche Frankfurt blueht, Nuernberg, Fuerth entwickeln sich ueberaus rasch, Hamburg gedeiht.
Die neueste Wissenschaft hat den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen. _Sombarts_ Arbeiten zeigten die Bedeutung der Juden. Es ist ziemlich gleichgueltig, ob die Juden Handel und Wandel in die Orte bringen, wohin sie kommen, oder ob sie ihn mit zur Bluete bringen. Jedenfalls ist dort Entwicklung, wo sie unbedrueckt leben koennen.
[7] Witting (Witkowski).
[8] z. B. Cassel.
Ausserdem hat eine ziemlich starke Verschmelzung des Adels mit der deutsch-juedischen Geldaristokratie, die uebrigens auch ca. 100 geadelte Familien zaehlt, stattgefunden. Ebenso ist in den besten buergerlichen Kreisen vielfach eine Vermischung eingetreten. Solchen Familien entstammte z. B. Dernburg, der bekannte Kolonialpolitiker, Heyse, der Schriftsteller, der Admiral Bendemann, andere fuehrende Maenner sind mit Juedinnen verheiratet.[9]
[9] So sind z. B. die Nachkommen der bekannten juedischen Gelddynastien Gumpert und Heine aus Hamburg mit dem deutschen und internationalen Hochadel verschwaegert, ebenso wie die als Rennstallbesitzer geschaetzten v. Oppenheimer aus Koeln, v. Weinberg aus Frankfurt, die Bernstein-Becker aus Koenigsberg, v. Hirsch-Gereuth aus Muenchen. Urspruenglich juedisch waren folgende nobilitierte Familien: v. Ukro, v. Oppenfeld, v. Renard, v. Mossner, v. Schwanenfeld, v. Halle, v. Loewenthal u. a.
*Die Juden im Kriege.*
Obwohl nachweislich viele juedische Burschenschafter fuer das schwarz-rot-goldene Band gekaempft und gelitten hatten, obwohl in der Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne juedische Burschenschafter an der Spitze der Verbindungen standen, erklaerte 50 Jahre spaeter der Weidhofener Verband der deutsch-oesterreichischen Burschenschaften alle Juden insgesamt fuer jeder Ehre bar und verweigerte jedem Juden die Satisfaktion, also auch denen, die bis kurz vorher als alte Herren dem Verband angehoert hatten. Dieselbe Ueberhebung, die ein anderer grosser studentischer Verband zeigte, als er Naumann und andere hoechst ehrenwerte deutsche Politiker wegen 'sozialistischer' Tendenzen ausstiess, veranlasste geistesverwandte junge Leute, die Juden in Bausch und Bogen zu verdammen. Semper aliquid haeret. Noch hinkt die Verleumdung, die Beschmutzung, die Verdaechtigung uns nach. Auch dem juedischen Soldaten.
Der Jude hat sich als Soldat bewaehrt. In allen Kaempfen der letzten Jahre haben sich Juden bewaehrt. Die Bulgaren und Tuerken haben sie im vorletzten Krieg vielfach geruehmt. Selbst im antisemitischen Rumaenien ist ein juedischer Oberst (Brociner), der sich im Krieg 1878 auszeichnete, der Kommandeur der Leibgarde und des Koenigl. Schlosses. In Oesterreich sind Juden kommandierende Generale, in Italien war der fruehere Kriegsminister Ottolenghi Jude und schon Napoleon hatte juedische Heerfuehrer.
In den deutschen Freiheitskaempfen gab es viele freiwillige juedische Vaterlandsverteidiger, einige erhielten auch den Offiziersrang. Auch spaeter konnten Juden, hauptsaechlich anno 1870, Offiziere werden; aktive Offiziere standen nur in Bayern, ungetaufte Juden waren hier hauptsaechlich Reserveoffiziere und aktive Militaeraerzte, ein Jude brachte es einige Jahre vor dem Kriege bis zum Major.[10]
[10] In Bayern gibt es jetzt aktive juedische Majore und Oberstabsaerzte, erstere etwa fuenf, von letzteren, soviel bekannt wurde, sieben. In Oesterreich haben sich Juden als Generale ausgezeichnet; aktive Offiziere gibt es einige Hundert. Nach Bloch's "Oesterreichische Israel. Wochenschrift" haben sehr viele waehrend des jetzigen Krieges ein glaenzendes Avancement erfahren. Eine soeben erschienene Broschuere Ludwig Geiger's "Deutsche Juden und der Krieg", die mir bei der Korrektur vorliegt, bringt genauere Zahlen ueber die Beteiligung der deutschen Juden an den Kriegen des XIX. Jahrhunderts. Hardenberg anerkannte danach schon am 4. 1. 1815: "Die jungen Maenner juedischen Glaubens sind die Waffengefaehrten ihrer Mitbuerger gewesen, und wir haben unter ihnen Beispiele des wahren Heldenmutes und der ruehmlichen Verachtung der Todesgefahr aufzuweisen, sowie die Einwohner Berlins, namentlich auch die Frauen, in Opfern jeder Art sich den Christen angeschlossen haben."
Eine Denkschrift der Regierung Preussens vom Jahre 1847 ermittelte das Verhalten der Juden als Soldaten und stellte fest, dass die Juden in den Freiheitskriegen wie im Frieden den uebrigen Truppen nicht nachstanden.
Im Kriege stellten sich nun erfreulicherweise viele Kommandeure auf den Standpunkt, den einmal der leider auf dem Felde gefallene Hauptmann von Treskow also praezisierte: "Wenn wir die Juden prinzipiell nicht befoerdern, duerften wir ihre Dienste auch nicht in Anspruch nehmen". Nach Schaetzungen werden jetzt ueber 900 Juden als Offiziere, ungerechnet die Militaeraerzte, im Felde stehen. Viele sind wegen besonderer Tuechtigkeit befoerdert worden, das "Hamburger Israel. Familienblatt" stellte schon ueber 20 Traeger des Eisernen Kreuzes I. Klasse fest (z. B. der Flieger Frankl, der Reichstagsabgeordnete Haas), darunter waren alle Waffengattungen vertreten. Auch bei der Marine und in den Schutztruppen haben sie sich ausgezeichnet. Nach dem Kriege werden die Ziffern insgesamt zur Verfuegung stehen. Das in Breslau erscheinende "Juedische Volksblatt" hat die Namen veroeffentlicht, die bestimmt dem Judentum angehoeren. Darnach haben bis zum Herbst 1915 knapp 5000 Juden (also fast 1% der gesamten deutschen Judenheit!) das Eiserne Kreuz erhalten, von ueber 3000 Juden konnte namentlich festgestellt werden, dass sie den Heldentod fuers Vaterland gefunden. Leider kann diese woechentliche Zusammenstellung nicht den Anspruch auf Vollstaendigkeit erheben. Da die juedische Jugend, soweit sie nicht gedient hatte, gleich zu Beginn des Feldzuges freiwillig in grosser Zahl (-- es waere sehr interessant, wenn die Heeresverwaltung diese Ziffer veroeffentlichen wuerde --) sich stellte, sind die Verluste sehr stark.[11] In allen juedischen Jugendvereinen wird diese Tatsache festgestellt. So ist z. B. in der juedischen Turnerschaft eine Kriegssterblichkeit, die sich in den einzelnen Untervereinen bis 33% der Mannschaften (wie z. B. bei dem Ruderklub 'Ivria') stellt. Die meisten Turn- und Sportvereine der juedischen Turnerschaft mussten zu Beginn des Krieges ihren Betrieb aufgeben, da alle Mitglieder zu den Fahnen eilten.
[11] Die "Leipziger Neuesten Nachrichten" konstatierten, dass die in Deutschland lebenden Juden, gleichviel welcher Staatsangehoerigkeit, in grosser Zahl freiwillig zu den Fahnen eilten.
Die Mitglieder der juedischen studentischen Verbindungen stellten gleichfalls viele Freiwillige. Von den 2000 Mitgliedern des K. C. (Kartellkonvent) und des K. J. V. (Kartell juedischer Verbindungen) rueckten fast alle aus; ein Drittel davon als Kriegsfreiwillige. Sehr zahlreich war auch die Beteiligung freiwilliger juedischer Aerzte. Nach einer Statistik betraegt die Verlustliste bei den juedischen Aerzten schon ueber Hundert. Auch der juedische Arzt hat an der Front und im Seuchenlazarett seinen Posten ausgefuellt.
Der tapfere juedische Soldat und Offizier verschwindet oft in der Menge. So glaubte man z. B. allgemein nicht, dass der einzige Soldat, der bei meinem Regiment das Eiserne Kreuz I. Klasse im Jahre 1914 besass, ein Jude war (der spaeter als Leutnant gefallene Gottfried Sender, Lehrer an einer juedischen Mittelschule, welcher es im Frieden knapp bis zum Gefreiten bringen konnte). Vielfach ist aber die Tuechtigkeit des juedischen Vorgesetzten und Soldaten von hohen Offizieren anerkannt worden. Exempla docent. Die ueberaus grosse Zahl von Befoerderungen, Dekorationen etc., ueber die sich jeder, namentlich z. B. im "Hamburger Israelitischen Familienblatt" informieren kann, gibt die beste Gewaehr. Der oesterreichische Thronfolger hat oftmals Gelegenheit genommen, sich dahin auszusprechen, dass der persoenliche Mut und die Zuverlaessigkeit des juedischen Soldaten durch diesen Krieg aufs neue bewiesen wurden.[12]
[12] Ueberall ist die Tapferkeit der Juden anerkannt worden.