Part 1
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DIE JUDEN IM WELTKRIEGE
*Mit besonderer Beruecksichtigung* *der Verhaeltnisse fuer Deutschland*
Von
*_Felix A. Theilhaber_*
1916
WELTVERLAG BERLIN, UNTER DEN LINDEN 56
* Inhalt.*
Vorwort Seite 5 Einleitung 7
Der Krieg und die Juden 13 Die Stellung der deutschen Juden vor dem Kriege 13 Die Juden im Kriege 28 Juden im Ausland 36 Die Lehren des Krieges 44 Das Problem der Ostjuden 48
Schluss 58 ------------------------------------------------------------------
* Vorwort.*
Die folgenden Ausfuehrungen verdanken ihr Entstehen freien Stunden an der Front in Kurland, wo ich dem unendlichen Leid der Ostjuden auf Schritt und Tritt begegnete, einer unterdrueckten Menschenmasse, die menschlich unser Interesse verdient, aber auch sprachlich, da sie den Deutschen darin noch naeher steht als die Vlamen.
Vor allem gilt die Schrift den Beziehungen der deutschen Juden zu ihrer Umgebung. Die Verhetzung, welche vor dem Krieg das Volk bald gegen Sozialdemokraten, Agrarier und Zentrumsanhaenger trieb, fehlte nicht gegenueber den Juden. Aber jeder wirtschaftliche Hass, jede chauvinistische nationale Abneigung wirkt auf die Dauer unfruchtbar und schaedlich.
* * *
Damit die gegenseitige Achtung auch nach dem Kriege fortdauere und innerlich begruendet wird, habe ich dargelegt, dass das Wort eines grossen Denkers nicht zu Unrecht besteht: "Jedes Land hat die Juden, die es verdient".
"Wer die Luft, die ich atme, den Boden, auf dem ich stehe und in dem meine Eltern bestattet sind, mir nehmen will, ist mein Moerder . . ."
So ungefaehr wandte sich vor fuenfzig Jahren Gabriel Riesser an seine Widersacher. Moege uns, wenn wir in die Heimat zurueckkehren sollten, diese Sprache in alle Zukunft erspart bleiben.
Moege mein Wort der Verstaendigung, der Aufklaerung und dem Frieden dienen!
Herbst 1915.
*Felix A. Theilhaber.*
* Einleitung.*
Die "Hilfe" vom 2. September 1915 bringt einen Artikel _"Der Krieg und die russischen Juden" von Paul Barth_. Seine Worte moegen meine Auseinandersetzung ueber das Problem "Judentum und Deutschtum" einleiten. Paul Barth schreibt:
"Was aber lauter als alles andere zum Himmel schreit, das sind die Massenverbrechen, die die russische Militaer- und Zivilbuerokratie tagtaeglich an den "lieben Juden" des Zaren veruebt. Wohin das russische Heer kommt, da ist die erste kriegerische Leistung, dass die Juden ausgewiesen werden. Im Februar dieses Jahres erliess der "Allgemeine Juedische Arbeiterbund Litauens, Polens und Russlands" einen Aufruf an "die Kulturwelt", der einigermassen veranschaulichte, welches Meer von Leiden hinter dem Worte "ausgewiesen" steckt. Mit einer Frist von vierundzwanzig, oft bloss von acht Stunden, hinausgetrieben in die Nacht und die Kaelte des russischen Winters, alle, auch Greise, Frauen und Kinder; ohne Ziel, ohne Schutz in ein fast feindlich gesinntes Land; rechtlos schon im Frieden, jetzt rechtloser denn je. Unsere Ostpreussen sind gewiss tief zu beklagen, aber sie zogen doch in ein freundlich gesinntes Land. Hunderttausend ausgewiesene Juden sammelten sich damals hilflos in Warschau an, sehr viele, besonders Kinder, starben auf der Landstrasse. Wie gluecklich verhaeltnismaessig diejenigen, die ein Kosak erstochen hatte! Denn das ist nach jenem Aufruf ein regelmaessiger Sport der Kosaken, der unbestraft bleibt. Der Roemer Seneca ereiferte sich darueber, dass ein Mensch, der Gladiator, "zum Spiele und Scherze getoetet wird". Der Gladiator jedoch konnte sich wehren, er war bewaffnet, das Ganze war ein Kampf zweier geuebter Fechter. Der arme russische Jude aber kann sich nicht wehren.
Und ich fuerchte, das ist erst der Anfang. Allerdings ein sehr grosser Anfang. Denn Mitte Mai wurden die Gouvernements Kurland, Kowno und ein Teil von Suwalki von 280000, also mehr als einer Viertelmillion Juden "evakuiert", wie der russische technische Ausdruck lautet. Neuerdings wurde eine Million Juden aus den Gouvernements Wilna, Grodno und Warschau vertrieben, d. h. wirtschaftlich vernichtet. Das tut die russische Regierung. Was wird erst geschehen, wenn die russische "Volksseele", besonders die der "echt russischen Leute", unruhig wird! Und sie wird aufkochen, wenn Russland weitere Niederlagen erleidet, und sich in "Pogromen" Luft machen, genau so, wie es 1905 und 1906 geschah. Was damals in Kertsch, Bialystok und vielen anderen Staedten vorging, das wird sich in ganz Russland wiederholen und wahrscheinlich mit viel groesserer Heftigkeit. Und die Polizei wird, wie damals, teils wohlwollend zusehen, teils wohlwollend helfen. Damals war es schliesslich die erste, sehr liberale Duma, unter einem viel besseren Stimmrecht als dem jetzigen gewaehlt, die den Greueln ein Ende machte. Aber die Duma, die jetzt zusammengetreten ist, wird fuer solche inneren Fragen keine Zeit haben.
Was tun nun dabei die Juden der uebrigen Welt, ausserhalb Russlands? Im allgemeinen nichts, -- was ueberraschend, vielleicht auch ein bedauerliches Symptom ist. Wie sehr sie auch die Kultur des Landes angenommen haben, in dem sie wohnen, sie hegen doch alle die gleiche Pietaet fuer ihre Vergangenheit, die sie als starkes Band mit ihren russischen Stammesgenossen vereinigt. Die deutschen Juden freilich sind entschuldigt, sie _koennen_ nichts tun. Jeder oeffentliche Schritt ihrerseits wuerde den russischen Juden bloss schaden. Diese wuerden daraufhin noch mehr verdaechtigt werden, ueber die Grenze hinaus nach dem Landesfeinde zu schielen. In den Laendern des Vierverbandes sehen wir nur eins: ueberall sind Juden unter den Kriegshetzern, gegen die Zentralmaechte, also fuer den Zarismus. In Frankreich sind sehr viele Juden in den hoechsten Stellen, die bestaendig ihre Liebe zum Zarismus betaetigen. In England haben die Juden viel Einfluss in der hoechsten Aristokratie, die ganz besonders in der Hoffnung auf "die Dampfwalze" schwelgte. Lord Rosebery, einer der einflussreichsten Aristokraten, ist ja Schwiegersohn des Barons Meyer Rothschild.
In Italien finden wir unter den wildesten Kriegshetzern juedische Namen. Herr Nathan, der Buergermeister von Rom, hielt im Dezember 1914 als Freimaurer, als frueherer Grossmeister der Logen des Grossorients, im Theater Constanzi in Rom eine schwungvolle Rede, in der er zum Kriege fuer den Dreiverband, also fuer den Zaren, aufrief. Zwei bekannte italienische Politiker juedischer Herkunft, Barzilai und Luzzatti, trieben ebenfalls zum Kriege.
Aber was tun die Juden in den neutralen Laendern? Der einzige, der sich auf seine Herkunft und seine Gewissenspflicht besinnt, scheint Georg Brandes in Kopenhagen, wie sein Briefwechsel mit Clemenceau bewies. Andere sind auf seiten des Vierverbandes. Die rumaenische Zeitung "Adeverul" (Wahrheit), die taeglich gegen die Zentralmaechte, also fuer Russland agitiert, war bis vor kurzem und ist wohl noch in juedischen Haenden. Die uebrigen tun gar nichts, nicht einmal die Sozialisten unter den Neutralen. Vor kurzem meldete Reuter aus Neuyork, Samuel Gompers, der Vorsitzende der American Federation of Labour, zweifellos juedischer Herkunft, habe auf eine Einladung zu einer Versammlung, die gegen die amerikanische Kriegsbedarfsausfuhr protestieren wollte, durchaus ablehnend geantwortet. Dunkel ist zwar die Begruendung seiner Ablehnung: "es gebe schrecklichere Dinge als den Krieg, naemlich des Geburtsrechts (d. h. wohl des angeborenen Rechts), der Freiheit und der Gerechtigkeit beraubt zu sein". Dies alles sind ja die Leiden der russischen Juden; aber Gompers lehnt ab, gegen die Unterstuetzung ihrer Unterdruecker zu protestieren.
Wenn nun die Juden selbst so gaenzlich passiv sind, so muessen wir _Nichtjuden_ uns regen und sie aus ihrer Resignation aufruetteln. Ich moechte nochmals betonen, dass die Verfolgungen erst anfangen. Je weiter die verbuendeten Heere vorruecken, desto groesser die Gefahr neuer Wutausbrueche. Und schon, wie berichtet wird, sind die Juden teilweise konzentriert in besondere Lager -- sehr bequem fuer die Verfolger. Das Volk wird einen Suendenbock suchen, auf den es die Schuld der Niederlagen abwaelze. Es wird die Regierung schuldig finden, aber es kann wieder einen Minister geben, wie denjenigen, der im Oktober 1905 -- nach juedischen Quellen -- sagte: "Wir werden die Revolution im Blute der Juden ersticken." Es folgten darauf die furchtbaren, zehn Tage dauernden Oktobermorde. Tausend Juden wurden erschlagen, achttausend wurden zu Krueppeln. Werte im Betrage von 180 Millionen Mark wurden vernichtet, 300000 Juden flohen ins Ausland. (Vergl. "Allgemeine Zeitung des Judentums", 1910, S. 577.)
Die deutschen Juden koennen, wie gesagt, unmittelbar nichts tun, aber mittelbar sehr viel. Sie koennen die Juden der _nordamerikanischen_ Union aufrufen, die fuer russische Angelegenheiten doch sonst Interesse zeigen. Als der Beilisprozess schwebte, haben diese beim russischen Gesandten in Petersburg dagegen protestiert und spaeter dem zwar freigesprochenen, aber sehr geschaedigten und gequaelten Beilis eine Farm geschenkt. Jetzt steht mehr als ein Menschenleben auf dem Spiele. Was dem einen Beilis recht war, ist allen russischen Juden billig. Die amerikanischen Juden muessten laut und energisch ihre Stimme erheben fuer ihre niedergetretenen russischen Stammesgenossen, taeglich, so oft als moeglich, in den Zeitungen, in allgemeinen Versammlungen der Juden und der Christen. Wenn erst die russische Regierung weiss, dass man ihr Treiben beobachtet, wird sie doch vielleicht stutzig werden und das Schlimmste unterlassen, sie wird wenigstens nicht die Polizei zur schweigenden Duldung der Morde und der Diebstaehle anhalten, sondern notgedrungen den Befehl zur Aufrechterhaltung der Ordnung geben muessen. Nordamerika ist ja der kuenftige Geldmarkt fuer Russland, der einzige, wo es einst Anleihen machen kann. Denn alle europaeischen Staaten werden nach dem Kriege selbst zu viel Schulden haben, um anderen leihen zu koennen. Die Juden der Union aber sind eine starke Kapitalmacht, besonders im Westen. Sie haben -- nach W. Sombart -- eine herrschende oder wenigstens wichtige Stellung im Getreidehandel, im Tabakhandel und im Baumwollhandel. Auf allen drei Gebieten koennen sie den Russen schaden. Vor allem aber koennen sie jede russische Anleihe erschweren, vielleicht unmoeglich machen. Damit muessten sie drohen. Darauf wird selbst die zarische Regierung hoeren.
Und wenn die Proteste und Drohungen nichts helfen, so werden sie doch wenigstens Zeugnis ablegen, dass in der allgemeinen sittlichen Verwilderung es noch Menschen gegeben hat, die die Unmenschlichkeiten der zarischen Regierung als solche zu brandmarken gewagt haben.
Wenn aber gar nichts geschieht, dann wird ganz gewiss sich das alte Sprichwort bewaehren: "Wenn die Menschen schweigen, so reden die Steine", freilich in diesem Falle nur die Steine des Pogroms, die auf unschuldige, wehrlose Opfer fallen werden."
* * *
Wenn Barth sich auf die Einwirkung der amerikanischen Juden verlaesst, so fuerchte ich, gibt er uns einen Wechsel auf die Zukunft. Die amerikanischen Juden sind noch nicht genuegend organisiert, z. T. auch als Vollblutyankees zu sehr auf Seiten der Entente.
Ich glaube und werde es zu beweisen versuchen, dass Deutschland allen Grund hat, jede antisemitische Regung abzustreifen, den Juden im Inland die Gerechtigkeit, die ihrer treuen Staatsbuergerschaft gebuehrt, widerfahren zu lassen, den Juden in eroberten Gebieten jede Autonomie zu gewaehren und den Auswandernden im Orient allen Vorschub fuer eine grosszuegige Kolonisation zu leisten.
Doch damit komme ich schon zur Voraussetzung jeder Politik gegenueber den Juden: die Bewertung derselben als zuverlaessige und faehige Staatsbuerger gegenueber ihren Heimatslaendern, und nicht zum mindesten in Deutschland!
* Der Krieg und die Juden.*
Der grosse Krieg hat infolge des grandiosen Kaiserwortes "Ich kenne keine Parteien mehr" den antisemitischen Angriffen und Uebergriffen vorlaeufig den Grund und Boden entzogen. Trotzdem will das Judenproblem keineswegs von der Bildflaeche verschwinden. Im Gegenteil. Der Einmarsch der deutschen Truppen in die polnischen und russischen Gebiete hat mit einem Schlage die innerpolitische Unhaltbarkeit des Schicksals, der nahezu sieben Millionen starken juedischen Bevoelkerung Russlands der ganzen Kulturwelt aufgetan. Man wird nicht leugnen koennen, dass das juedische Problem beim Friedensschlusse sowohl von grossem internationalem Belang sein wird, als auch von hervorragender Bedeutung fuer die _deutsche Politik_.
*Die Stellung der deutschen Juden vor dem Krieg.*
Die Judenfrage ist fuer Deutschland praktisch so wichtig, dass es sich gewiss verlohnt, darauf einzugehen. Pruefen wir zunaechst einmal die Stellung der Juden Deutschlands und ihren Einfluss in diesem Lande.
Die Mitte des verflossenen Jahrhunderts hat nicht nur einen voelligen Umsturz aller inner- und aussen_politischen_ Verhaeltnisse Deutschlands bedingt; die breiten Volksmassen erschuetterte ein _sozialer_ Umschwung. Aus einem rein agrarischen Staate wuchs in wenigen Jahrzehnten eine gigantische Industrie heraus, welcher bald ein weltenumspannender Handel die Wege bahnte. Die Technik feierte rascher ihre Triumphe, als die Regierungsfuersorge und die von Organisationen getragene Selbsthilfe der Interessengruppen sich auf die Neukonstellationen einstellen konnten. Dadurch gerieten die Arbeiter stellenweise in die Gefahr, materiell und physisch ausgenutzt zu werden. Auf dem Lande hatte sich einst ein aehnlicher Prozess, wodurch sich Latifundien bildeten, im Laufe der Jahrhunderte entwickelt. Die industriellen und kommerziellen Grossunternehmungen aber kamen ueber Nacht. Erbarmungslos rang das Grosskapital den Stand der kleinen Leute nieder. Dieser oekonomische Werdegang ging nicht ohne Gewalttat, ohne Haerten ab, die den Traegern den Hass des in seiner Existenz erschuetterten dritten Standes eintragen mussten.
Die Sozialdemokratie als die Zusammenfassung der Proletarier ist das naturnotwendige Produkt dieser Entwicklung. Der Antisemitismus ist die Konsequenz des Prozesses insofern, als sich diese Bewegung gegen die sichtbarsten Traeger, gegen die Klasse von Menschen wandte, welche am geschicktesten die Macht des Kapitals auszunutzen wussten. Die erste Partei ist ein Versuch, der _Sache_ selbst entgegenzutreten, die letztere kaempft gegen _Personen_, die nebenbei in ihrer religioesen und rassigen Eigenart eine gute Zielscheibe boten.
Uns interessiert hier nicht, wie die Auswuechse des Kapitalismus oder der Kapitalismus selbst zu bekaempfen ist. Wir wollen nur der Frage naehertreten, wie der Antisemitismus des weiteren zu erklaeren ist, welches die Bedeutung der deutschen Judenheit gewesen ist, und ob wir anlaesslich des Krieges den Juden einen mehr oder minder guenstigen Einfluss auf die Wirtschaftsgestaltung Deutschlands einraeumen koennen, um dann spaeter auf den Einfluss der deutschen Juden und ueberhaupt auf den Krieg eingehen zu koennen.
Bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts stroemte ein gut Teil der juedischen Jugend Deutschlands nach den Vereinigten Staaten von Amerika, Suedafrika, England, Frankreich etc. Teilweise war ihnen die volle Gewerbefreiheit (wie z. B. in Bayern bis 1864) vorenthalten gewesen. Die siebziger Jahre, die beruehmten Gruenderzeiten, bringen eine Hochflut von aus den Doerfern in die Staedte stroemenden Juden. Die juedischen jungen Leute wandern nicht mehr in die Fremde, sondern wenden sich dem deutschen Handel, der Industrie, den akademischen Berufen, und vor allem den Grossstaedten zu. Das seit Jahrhunderten betaetigte Wohnen in den Staedten, bedingt durch Eigenart, aber auch durch das mittelalterliche Gesetz, das bis ins XIX. Jahrhundert hinein Geltung hatte, laesst sie allmaehlich in die groesseren Staedte abwandern, wo die Verdienstmoeglichkeiten sich stetig vergroessern. Dazu traegt auch die antisemitische Ostmarkenpolitik bei, welche die Juden aus den Provinzen Posen, Ost- und Westpreussen vertreibt. Der Druck der Hakatisten, der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boykott der evangelischen Deutschen den Juden im Osten gegenueber, laesst ihre Stellung zwischen Deutschtum und Polentum unhaltbar werden. Dazu kommen elementare Ausbrueche der von den Antisemiten bearbeiteten Volksschichten. Der "Ritualmord von Konitz" ist eins dieser bezeichnenden Ereignisse. Fluchtartig verlaesst der Jude diese Staedte, deren Charakter durch seine Anwesenheit noch ein deutscher war, und ueberlaesst den Platz den Polen.
Die neueren Schriften ueber das Ostmarkenproblem geben saemtlich zu, dass die durch die staatliche und gesellschaftliche antisemitische Politik bedingte Vertreibung der Ostmarkenjuden ein bedeutsamer Missgriff war, der sich nach drei Seiten bemerkbar machte:
1. Fuer die Entwicklung dieser Staedte, die durch den Verlust von Menschen, von Kapital und von unternehmungslustigen und faehigen Elementen gehemmt wurde.
2. Fuer die deutsche Sache. Der Wegzug von ca. 150 bis 200000 Juden aus den bedrohten Provinzen hat die deutsche Sache um so viel Anhaenger aermer gemacht.
3. Fuer den Staat. Der Jude der Ostmark (wie ueberhaupt in ganz Deutschland) war ein zuverlaessiger Staatsbuerger, auf den in jeder Zeit gerechnet werden konnte.
Organisationen ueber Organisationen erwuchsen aus dem reichen Boden der Gebiete rechts der Elbe. Deutsche und polnische Kleinbauern-Genossen- schaften, Vereine der Gutsbesitzer und Gross-Eigentuemer, die zugleich die Zucker- und Spiritusfabrikation besassen, politische Organisationen beider Sprachengemeinschaften, alle aber mit leicht antisemitischen Tendenzen, die durch den in Berlin geborenen Antisemitismus erst voll und ganz durchtraenkt werden sollten. Was dagegen der Jude an Organisation entgegenstellte, war kaum der Rede wert. Er organisierte sich nicht wirtschaftlich, sondern verzichtete darauf, sich in einen Kampf einzulassen, in dem ausser Regierung und Verwaltung auch die breite Masse des Volkes gegen ihn Stellung nahm, und verschwand in die Grossstadt, wo er untertauchen konnte.[1]
[1] Die oft zitierten juedischen Vereine haben keinen wirtschaftlichen, sondern einen humanitaeren Charakter.
Dadurch ist die unnatuerliche ploetzliche Ueberschwemmung der Hauptstaedte mit Juden bedingt worden. Nicht nur die Jungen und Faehigen kamen; viele, die sich nicht mehr anzupassen wussten, schwemmte die Flut herein. Aeltere Menschen, die ueberall anstiessen, weil sie in dem neuen Beruf nicht mehr von der Pike auf dienen konnten. Neben einer grossen Menge von Begabten und Energischen auch "Luftmenschen", Bassermann'sche Gestalten, labile Charaktere. Aber was das junge Blut anlangt, so kann man leicht zeigen, dass es Deutschland zum Segen gereichte. Deutschland ist der grosse, kraeftige und reiche Staat in hohem Masse auch durch die Mitarbeit der _Juden_ geworden.
Bekannt ist deren Mitwirken an der finanziellen Entwicklung. Die Finanzgroessen, die die deutsche _Geldwirtschaft_ und die Grossbanken schufen, waren zum grossen Teil Juden. Das Erstarken unserer finanziellen Kraft liegt in der gluecklichen Ausgestaltung unserer Finanzinstitute. Die Banken sind nach Sombart eine juedische Erfindung. Die Barone Oppenheim sind die Gruender der ersten, der Darmstaedter Bank. Neben den Rothschild's ragen als Eisenbahnkoenige einige juedische Haeuser wie die in Bayern nobilitierten Eichthal und die spaeter in Preussen geadelten Fould's, spaeter Dr. Strousberg und der Baron Hirsch hervor. Das Bankhaus Mendelsohn hat heute noch seine nahen Beziehungen zu den massgebenden Stellen des Reiches, und der Chef der Firma Bleichroeder ist der Oeffentlichkeit populaer geworden, weil er Bismarck zu der hohen franzoesischen Kriegsentschaedigung von 5 Milliarden in Gold zu bewegen wusste. Auch die modernen Finanzgroessen, die Leiter unserer wichtigsten Institute, zaehlen Juden an erster Stelle auf. Wir erinnern an die von Cohn, von Wassermann, Fuerstenberg, Speyer-Ellissen, von Schwabach, Goldberger . . .
Die Arnold, Berliner und Deutsch sind Namen, welche in der neudeutschen Wirtschaftsgeschichte einen guten Klang besitzen. Hagen-Koeln (frueher Levy geheissen) war wohl einer der Maenner, welcher in dem Aufsichtsrat der groessten deutschen Gesellschaften den maechtigsten Einfluss besessen hat.
Juden haben in Hamburg die _Strumpfindustrie_, in Fuerth das _Spiegelglas_, im posenschen die _Schnapsbrennerei_ grossgemacht. Wir treffen sie auch als Grossindustrielle in der _Seiden_fabrikation.
Neben unseren vortrefflichen Geldinstituten haben uns vor allem unsere grosszuegigen Wollfirmen die Kriegfuehrung erleichtert. Der deutsche _Woll- und Baumwollmarkt_ ist von Juden geschaffen und auf die Hoehe gebracht worden, die er heute einnimmt, wie wohl kein Kenner der Verhaeltnisse bestreiten wird. Unter den vielen Tuechtigen verdienen hier die Gebrueder Simon namentliche Erwaehnung.
An den grandiosen Woll- und Baumwollhandel konnten sich die zahlreichen, vielfach juedischen, Textilfabriken anlehnen. Die bluehende deutsche _Konfektion_ ist quasi eine juedische Domaene.
Daneben erinnere ich an den Leipziger _Rauch_markt. Wer die beruehmte Pelzmesse kennt, weiss, dass juedischer Fleiss und Erwerbsfreudigkeit hierin Deutschland eine erste Stelle in der Welt schuf. Die grossen "_Felljuden_", welche unsere Lederindustrie mit ausbauten (z. B. Adler-Oppenheimer), und die _Stiefelkoenige_ sind bekannt.
Den Neid aller Voelker, den Stolz Deutschlands bedingte unsere so rasch, fast ueber Nacht zu grandioser Groesse entwickelte _Handelsflotte_, die auch in Kriegszeiten dem Reiche ihre Dienste leiht. Der Schaffer der Hamburg-Amerika-Linie aber ist der viel genannte _Ballin_. Seine Bedeutung fuer die Entwicklung Deutschlands wird einst die Geschichte zu wuerdigen haben.
Der Vater der _elektrochemischen_ Industrie war der juengst verstorbene Rathenau, der Schoepfer der A.E.G. Sombart behauptet, dass auch die Siemens und Halske-Werke erst den Wettkampf um die Vormachtstellung der deutschen Industrie in aller Welt aufnehmen konnten, als der juedische Direktor Berliner an leitende Stellung trat. Aber nicht nur in friedlichen Zeiten bedang die A.E.G. Deutschlands Ruhm und Groesse. In unserm Kriege haben sie Bedeutendes geleistet, wenn es jetzt auch noch nicht Zeit ist, darauf naeher einzugehen.
Viel geschmaeht worden ist die Arbeit der Juden auf dem Gebiete der _Waffen-_ und _Munitionsfabriken_. Wie vereinzelte Sozialdemokraten die Wichtigkeit der Kruppwerke und ihre vaterlaendische Rolle missverstanden und vor der breitesten Oeffentlichkeit verunglimpften, so wusste seinerzeit Ahlwardt den grossen _Loewe_konzern zu verdaechtigen. Aber die "Juden"flinten, die Maschinengewehre und alle die Waffen, welche unsere Heeresleitung von diesen Unternehmungen beziehen konnte, waren letzten Endes nicht bedeutungslos. Der Nur-als-Kraemer und Schacherer verschriene Jude hat dem Reich zu Kriegsbeginn wertvolle Staetten zur Verfuegung stellen koennen: Angefangen von dem reich ueberfuellten Wollmarkt, von den Handelsschiffen, welche die Flotte stuetzten, bis zu den Fabriken, die direkt oder indirekt dem Heere alle Mittel moderner Kriegsfuehrung lieferten.