Die Juden Ein Lustspiel in einem Aufzuge verfertiget im Jahre 1749.

Chapter 2

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Der Reisende. Mein Herr, ich muß notwendig-Das Fräulein. Dableiben, mein Herr, dableiben! Ich laufe, Ihrem Bedienten zu sagen, daß er wieder abpacken soll. Doch da ist er schon.

Achter Auftritt

Christoph (in Stiefeln und Sporen, und zwei Mantelsäcke unter den Armen). Die Vorigen.

Christoph. Nun! mein Herr, es ist alles fertig. Fort! kürzen Sie Ihre Abschiedsformeln ein wenig ab. Was soll das viele Reden, wenn wir nicht dableiben können?

Der Baron. Was hindert euch denn, hierzubleiben?

Christoph. Gewisse Betrachtungen, mein Herr Baron, die den Eigensinn meines Herrn zum Grunde, und seine Großmut zum Vorwande haben.

Der Reisende. Mein Diener ist öfters nicht klug: verzeihen Sie ihm. Ich sehe, daß Ihre Bitten in der Tat mehr als Komplimente sind. Ich ergebe mich; damit ich nicht aus Furcht grob zu sein, eine Grobheit begehen möge.

Der Baron. Oh! was für Dank bin ich Ihnen schuldig!

Der Reisende. Ihr könnt nur gehen, und wieder abpacken! Wir wollen erst morgen fort.

Das Fräulein. Nu! hört Er nicht? Was steht Er denn da? Er soll gehn, und wieder abpacken.

Christoph. Von Rechts wegen sollte ich böse werden. Es ist mir auch beinahe, als ob mein Zorn erwachen wollte; doch weil nichts Schlimmers daraus erfolgt, als daß wir hier bleiben, und zu essen und zu trinken bekommen, und wohl gepflegt werden, so mag es sein! Sonst laß ich mir nicht gern unnötige Mühe machen: wissen Sie das?

Der Reisende. Schweigt! Ihr seid zu unverschämt.

Christoph. Denn ich sage die Wahrheit.

Das Fräulein. Oh! das ist vortrefflich, daß Sie bei uns bleiben. Nun bin ich Ihnen noch einmal so gut. Kommen Sie, ich will Ihnen unsern Garten zeigen; er wird Ihnen gefallen.

Der Reisende. Wenn er Ihnen gefällt, Fräulein, so ist es schon so gut, als gewiß.

Das Fräulein. Kommen Sie nur;--unterdessen wird es Essenszeit. Papa, Sie erlauben es doch?

Der Baron. Ich werde euch sogar begleiten.

Das Fräulein. Nein, nein, das wollen wir Ihnen nicht zumuten. Sie werden zu tun haben.

Der Baron. Ich habe jetzt nichts Wichtigers zu tun, als meinen Gast zu vergnügen.

Das Fräulein. Er wird es Ihnen nicht übelnehmen: nicht wahr, mein Herr? (Sachte zu ihm.) Sprechen Sie doch Nein. Ich möchte gern mit Ihnen allein gehen.

Der Reisende. Es wird mich gereuen, daß ich mich so leicht habe bewegen lassen, hierzubleiben, sobald ich sehe, daß ich Ihnen im geringsten verhinderlich bin. Ich bitte also--

Der Baron. Oh! warum kehren Sie sich an des Kindes Rede?

Das Fräulein. Kind?--Papa!--beschämen Sie mich doch nicht so!--Der Herr wird denken, wie jung ich bin!--Lassen Sie es gut sein; ich bin alt genug, mit Ihnen spazieren zu gehen.--Kommen Sie!--Aber sehen Sie einmal: Ihr Diener steht noch da, und hat die Mantelsäcke unter den Armen.

Christoph. Ich dächte, das ginge nur den an, dem es sauer wird?

Der Reisende. Schweigt! Man erzeigt Euch zuviel Ehre--

Neunter Auftritt

Lisette. Die Vorigen.

Der Baron (indem er Lisetten kommen sieht). Mein Herr, ich werde Ihnen gleich nachfolgen, wann es Ihnen gefällig ist, meine Tochter in den Garten zu begleiten.

Das Fräulein. Oh! bleiben Sie so lange, als es Ihnen gefällt. Wir wollen uns schon die Zeit vertreiben. Kommen Sie!

(Das Fräulein und der Reisende gehen ab.)

Der Baron. Lisette, dir habe ich etwas zu sagen!--

Lisette. Nu?

Der Baron (sachte zu ihr). Ich weiß noch nicht, wer unser Gast ist. Gewisser Ursachen wegen mag ich ihn auch nicht fragen. Könntest du nicht von seinem Diener--

Lisette. Ich weiß, was Sie wollen. Dazu trieb mich meine Neugierigkeit von selbst, und deswegen kam ich hieher.--

Der Baron. Bemühe dich also,--und gib mir Nachricht davon. Du wirst Dank bei mir verdienen.

Lisette. Gehen Sie nur.

Christoph. Sie werden es also nicht übelnehmen, mein Herr, daß wir es uns bei Ihnen gefallen lassen. Aber ich bitte, machen Sie sich meinetwegen keine Ungelegenheit; ich bin mit allem zufrieden, was da ist.

Der Baron. Lisette, ich übergebe ihn deiner Aufsicht. Laß ihn an nichts Mangel leiden. (Geht ab.)

Christoph. Ich empfehle mich also, Mademoisell, Dero gütigen Aufsicht, die mich an nichts wird Mangel leiden lassen (will abgehen).

Zehnter Auftritt

Lisette. Christoph.

Lisette (hält ihn auf). Nein, mein Herr, ich kann es unmöglich über mein Herz bringen, Sie so unhöflich sein zu lassen--Bin ich denn nicht Frauenzimmers genug, um einer kurzen Unterhaltung wert zu sein?

Christoph. Der Geier! Sie nehmen die Sache genau, Mamsell. Ob Sie Frauenzimmers genug oder zuviel sind, kann ich nicht sagen. Wenn ich zwar aus Ihrem gesprächigen Munde schließen sollte, so dürfte ich beinahe das letzte behaupten. Doch dem sei, wie ihm wolle; jetzt werden Sie mich beurlauben;--Sie sehen, ich habe Hände und Arme voll. --Sobald mich hungert oder dürstet, werde ich bei Ihnen sein.

Lisette. So macht's unser Schirrmeister auch.

Christoph. Der Henker! das muß ein gescheuter Mann sein: er macht's wie ich!

Lisette. Wenn Sie ihn wollen kennenlernen: er liegt vor dem Hinterhause an der Kette.

Christoph. Verdammt! ich glaube gar, Sie meinen den Hund. Ich merke also wohl, Sie werden den leiblichen Hunger und Durst verstanden haben. Den aber habe ich nicht verstanden; sondern den Hunger und Durst der Liebe. Den, Mamsell, den! Sind Sie nun mit meiner Erklärung zufrieden?

Lisette. Besser als mit dem Erklärten.

Christoph. Ei! im Vertrauen:--Sagen Sie etwa zugleich auch damit so viel, daß Ihnen ein Liebesantrag von mir nicht zuwider sein würde?

Lisette. Vielleicht! Wollen Sie mir einen tun? im Ernst?

Christoph. Vielleicht!

Lisette. Pfui! was das für eine Antwort ist! vielleicht!

Christoph. Und sie war doch nicht ein Haar anders, als die Ihrige.

Lisette. In meinem Munde will sie aber ganz etwas anders sagen. Vielleicht, ist eines Frauenzimmers größte Versicherung. Denn so schlecht unser Spiel auch ist, so müssen wir uns doch niemals in die Karte sehen lassen.

Christoph. Ja, wenn das ist!--Ich dächte, wir kämen also zur Sache. --(Er schmeißt beide Mantelsäcke auf die Erde.) Ich weiß nicht, warum ich mir's so sauer mache? Da liegt!--Ich liebe Sie, Mamsell.

Lisette. Das heiß ich, mit wenigen viel sagen. Wir wollen's zergliedern--

Christoph. Nein, wir wollen's lieber ganz lassen. Doch,--damit wir in Ruhe einander unsre Gedanken eröffnen können;--belieben Sie sich niederzulassen!--Das Stehn ermüdet mich.--Ohne Umstände!--(Er nötiget sie auf den Mantelsack zu sitzen.)--Ich liebe Sie, Mamsell.--

Lisette. Aber,--ich sitze verzweifelt hart.--Ich glaube gar, es sind Bücher darin--

Christoph. Darzu recht zärtliche und witzige;--und gleichwohl sitzen Sie hart darauf? Es ist meines Herrn Reisebibliothek. Sie besteht aus Lustspielen, die zum Weinen, und aus Trauerspielen, die zum Lachen bewegen; aus zärtlichen Heldengedichten; aus tiefsinnigen Trinkliedern, und was dergleichen neue Siebensachen mehr sind.--Doch wir wollen umwechseln. Setzen Sie sich auf meinen;--ohne Umstände!--meiner ist der weichste.

Lisette. Verzeihen Sie! So grob werde ich nicht sein--

Christoph. Ohne Umstände,--ohne Komplimente!--Wollen Sie nicht?--So werde ich Sie hintragen.--

Lisette. Weil Sie es denn befehlen--(Sie steht auf und will sich auf den andern setzen.)

Christoph. Befehlen? behüte Gott!--Nein! befehlen will viel sagen. --Wenn Sie es so nehmen wollen, so bleiben Sie lieber sitzen.--(Er setzt sich wieder auf seinen Mantelsack.)

Lisette (beiseite). Der Grobian! Doch ich muß es gut sein lassen--

Christoph. Wo blieben wir denn?--Ja,--bei der Liebe--Ich liebe Sie also, Mamsell. Je vous aime, würde ich sagen, wenn Sie eine französische Marquisin wären.

Lisette. Der Geier! Sie sind wohl gar ein Franzose?

Christoph. Nein, ich muß meine Schande gestehn: ich bin nur ein Deutscher.--Aber ich habe das Glück gehabt, mit verschiedenen Franzosen umgehen zu können, und da habe ich denn so ziemlich gelernt, was zu einem rechtschaffnen Kerl gehört. Ich glaube, man sieht mir es auch gleich an.

Lisette. Sie kommen also vielleicht mit Ihrem Herrn aus Frankreich?

Christoph. Ach nein!--

Lisette. Wo sonst her? freilich wohl!--

Christoph. Es liegt noch einige Meilen hinter Frankreich, wo wir herkommen.

Lisette. Aus Italien doch wohl nicht?

Christoph. Nicht weit davon.

Lisette. Aus Engeland also?

Christoph. Beinahe; Engeland ist eine Provinz davon. Wir sind über funfzig Meilen von hier zu Hause.--Aber, daß Gott!--meine Pferde,--die armen Tiere stehen noch gesattelt. Verzeihen Sie, Mamsell!--Hurtig! stehen Sie auf!--(Er nimmt die Mantelsäcke wieder untern Arm. )--Trotz meiner inbrünstigen Liebe muß ich doch gehn, und erst das Nötige verrichten.--Wir haben noch den ganzen Tag, und, was das meiste ist, noch die ganze Nacht vor uns. Wir wollen schon noch eins werden.--Ich werde sie wohl wieder zu finden wissen.

Eilfter Auftritt

Martin Krumm. Lisette.

Lisette. Von dem werde ich wenig erfahren können. Entweder, er ist zu dumm, oder zu fein. Und beides macht unergründlich.

Martin Krumm. So, Jungfer Lisette? Das ist auch der Kerl darnach, daß er mich ausstechen sollte!

Lisette. Das hat er nicht nötig gehabt.

Martin Krumm. Nicht nötig gehabt? Und ich denke, wer weiß wie fest ich in Ihrem Herzen sitze.

Lisette. Das macht, Herr Vogt, Er denkt's. Leute von Seiner Art haben das Recht, abgeschmackt zu denken. Drum ärgre ich mich auch nicht darüber, daß Er's gedacht hat; sondern, daß Er mir's gesagt hat. Ich möchte wissen, was Ihn mein Herz angeht? Mit was für Gefälligkeiten, mit was für Geschenken hat Er sich denn ein Recht darauf erworben?--Man gibt die Herzen jetzt nicht mehr, so in den Tag hinein, weg. Und glaubt Er etwa, daß ich so verlegen mit dem meinigen bin? Ich werde schon noch einen ehrlichen Mann dazu finden, ehe ich's vor die Säue werfe.

Martin Krumm. Der Teufel, das verschnupft! Ich muß eine Prise Tabak darauf nehmen.--Vielleicht geht es wieder mit dem Niesen fort.--(Er zieht die entwende Dose hervor, spielt einige Zeit in den Händen damit, und nimmt endlich, auf eine lächerlich hochmütige Art, eine Prise.)

Lisette (schielt ihn von der Seite an). Verzweifelt! wo bekömmt der Kerl die Dose her?

Martin Krumm. Belieben Sie ein Prischen?

Lisette. Oh, Ihre untertänige Magd, mein Herr Vogt! (Sie nimmt.)

Martin Krumm. Was eine silberne Dose nicht kann!--Könnte ein Ohrwürmchen geschmeidiger sein?

Lisette. Ist es eine silberne Dose?

Martin Krumm. Wann's keine silberne wäre, so würde sie Martin Krumm nicht haben.

Lisette. Ist es nicht erlaubt, sie zu besehn?

Martin Krumm. Ja, aber nur in meinen Händen.

Lisette. Die Fasson ist vortrefflich.

Martin Krumm. Ja, sie wiegt ganzer fünf Lot.

Lisette. Nur der Fasson wegen möchte ich so ein Döschen haben.

Martin Krumm. Wenn ich sie zusammenschmelzen lasse, steht Ihnen die Fasson davon zu Dienste.

Lisette. Sie sind allzu gütig!--Es ist ohne Zweifel ein Geschenk?

Martin Krumm. Ja, sie kostet mir nicht einen Heller.

Lisette. Wahrhaftig, so ein Geschenk könnte ein Frauenzimmer recht verblenden! Sie können Ihr Glück damit machen, Herr Vogt. Ich wenigstens würde mich, wenn man mich mit silbernen Dosen anfiele, sehr schlecht verteidigen können. Mit so einer Dose hätte ein Liebhaber gegen mich gewonnen Spiel.

Martin Krumm. Ich versteh's, ich versteh's!

Lisette. Da sie Ihnen so nichts kostet, wollte ich Ihnen raten, Herr Vogt, sich eine gute Freundin damit zu machen--

Martin Krumm. Ich versteh's, ich versteh's!-Lisette (schmeichelnd). Wollten Sie mir sie wohl schenken?--

Martin Krumm. O um Verzeihung!--Man gibt die silbernen Dosen jetzt nicht mehr, so in den Tag hinein, weg. Und glaubt Sie denn, Jungfer Lisette, daß ich so verlegen mit der meinigen bin? Ich werde schon noch einen ehrlichen Mann dazu finden, ehe ich sie vor die Säue werfe.

Lisette. Hat man jemals eine dümmre Grobheit gefunden!--Ein Herz einer Schnupftabaksdose gleich zu schätzen?

Martin Krumm. Ja, ein steinern Herz einer silbern Schnupftabaksdose--

Lisette. Vielleicht würde es aufhören, steinern zu sein, wenn--Doch alle meine Reden sind vergebens--Er ist meiner Liebe nicht wert--Was ich für eine gutherzige Närrin bin!--(will weinen) beinahe hätte ich geglaubt, der Vogt wäre noch einer von den ehrlichen Leuten, die es meinen, wie sie es reden--

Martin Krumm. Und was ich für ein gutherziger Narre bin, daß ich glaube, ein Frauenzimmer meine es, wie sie es red't!--Da, mein Lisettchen, weine Sie nicht!--(Er gibt ihr die Dose.)--Aber nun bin ich doch wohl Ihrer Liebe wert?--Zum Anfange verlange ich nichts, als nur ein Küßchen auf Ihre schöne Hand!--(Er küßt sie.) Ah, wie schmeckt das!

Zwölfter Auftritt

Das Fräulein. Lisette. Martin Krumm.

Das Fräulein (sie kömmt dazu geschlichen, und stößt ihn mit dem Kopfe auf die Hand). Ei! Herr Vogt,--küß Er mir doch meine Hand auch!

Lisette. Daß doch!--

Martin Krumm. Ganz gern, gnädiges Fräulein--(Er will ihr die Hand küssen.)

Das Fräulein (gibt ihm eine Ohrfeige). Ihr Flegel, versteht Ihr denn keinen Spaß?

Martin Krumm. Den Teufel mag das Spaß sein!

Lisette. Ha! ha! ha! (Lacht ihn aus.) O ich bedaure Ihn, mein lieber Vogt--Ha! ha! ha!

Martin Krumm. So? und Sie lacht noch dazu? Ist das mein Dank? Schon gut, schon gut! (Gehet ab.)

Lisette. Ha! ha! ha!

Dreizehnter Auftritt

Lisette. Das Fräulein.

Das Fräulein. Hätte ich's doch nicht geglaubt, wenn ich's nicht selbst gesehen hätte. Du läßt dich küssen? und noch dazu vom Vogt?

Lisette. Ich weiß auch gar nicht, was Sie für Recht haben, mich zu belauschen? Ich denke, Sie gehen im Garten mit dem Fremden spazieren.

Das Fräulein. Ja, und ich wäre noch bei ihm, wenn der Papa nicht nachgekommen wäre. Aber so kann ich ja kein kluges Wort mit ihm sprechen. Der Papa ist gar zu ernsthaft--

Lisette. Ei, was nennen Sie denn ein kluges Wort? Was haben Sie denn wohl mit ihm zu sprechen, das der Papa nicht hören dürfte?

Das Fräulein. Tausenderlei!--Aber du machst mich böse, wo du mich noch mehr fragst. Genug, ich bin dem fremden Herrn gut. Das darf ich doch wohl gestehn?

Lisette. Sie würden wohl greulich mit dem Papa zanken, wenn er Ihnen einmal so einen Bräutigam verschaffte? Und im Ernst, wer weiß, was er tut. Schade nur, daß Sie nicht einige Jahre älter sind: es könnte vielleicht bald zustande kommen.

Das Fräulein. Oh, wenn es nur am Alter liegt, so kann mich ja der Papa einige Jahr älter machen. Ich werde ihm gewiß nicht widersprechen.

Lisette. Nein, ich weiß noch einen bessern Rat. Ich will Ihnen einige Jahre von den meinigen geben, so ist uns allen beiden geholfen. Ich bin alsdann nicht zu alt, und Sie nicht zu jung.

Das Fräulein. Das ist auch wahr; das geht ja an!

Lisette. Da kömmt des Fremden Bedienter; ich muß mit ihm sprechen. Es ist alles zu Ihrem Besten--Lassen Sie mich mit ihm allein.--Gehen Sie.

Das Fräulein. Vergiß es aber nicht, wegen der Jahre--Hörst du, Lisette?

Vierzehnter Auftritt

Lisette. Christoph.

Lisette. Mein Herr, Sie hungert oder durstet gewiß, daß Sie schon wiederkommen? nicht?

Christoph. Ja freilich!--Aber wohlgemerkt, wie ich den Hunger und Durst erklärt habe. Ihr die Wahrheit zu gestehn, meine liebe Jungfer, so hatte ich schon, sobald ich gestern vom Pferde stieg, ein Auge auf Sie geworfen. Doch weil ich nur einige Stunden hierzubleiben vermeinte, so glaubte ich, es verlohne sich nicht der Mühe, mich mit Ihr bekannt zu machen. Was hätten wir in so kurzer Zeit können ausrichten? Wir hätten unsern Roman von hinten müssen anfangen. Allein es ist auch nicht allzusicher, die Katze bei dem Schwanze aus dem Ofen zu ziehen.

Lisette. Das ist wahr! nun aber können wir schon ordentlicher verfahren. Sie können mir Ihren Antrag tun; ich kann darauf antworten. Ich kann Ihnen meine Zweifel machen; Sie können mir sie auflösen. Wir können uns bei jedem Schritte, den wir tun, bedenken, und dürfen einander nicht den Affen im Sacke verkaufen. Hätten Sie mir gestern gleich Ihren Liebesantrag getan; es ist wahr, ich würde ihn angenommen haben. Aber überlegen Sie einmal, wieviel ich gewagt hätte, wenn ich mich nicht einmal nach Ihrem Stande, Vermögen, Vaterlande, Bedienungen und dergleichen mehr zu erkundigen Zeit gehabt hätte?

Christoph. Der Geier! wäre das aber auch so nötig gewesen? So viel Umstände? Sie könnten ja bei dem Heiraten nicht mehrere machen?--

Lisette. Oh! wenn es nur auf eine kahle Heirat angesehen wäre, so wär' es lächerlich, wenn ich so gewissenhaft sein wollte. Allein mit einem Liebesverständnisse ist es ganz etwas anders! Hier wird die schlechteste Kleinigkeit zu einem wichtigen Punkte. Also glauben Sie nur nicht, daß Sie die geringste Gefälligkeit von mir erhalten werden, wenn Sie meiner Neugierde nicht in allen Stücken ein Gnüge tun.

Christoph. Nu? wie weit erstreckt sich denn die?

Lisette. Weil man doch einen Diener am besten nach seinem Herrn beurteilen kann, so verlange ich vor allen Dingen zu wissen--

Christoph. Wer mein Herr ist? Ha! ha! das ist lustig. Sie fragen mich etwas, das ich Sie gern selbst fragen möchte, wenn ich glaubte, daß Sie mehr wüßten, als ich.

Lisette. Und mit dieser abgedroschnen Ausflucht denken Sie durchzukommen? Kurz, ich muß wissen, wer Ihr Herr ist, oder unsre ganze Freundschaft hat ein Ende.

Christoph. Ich kenne meinen Herrn nicht länger, als seit vier Wochen. So lange ist es, daß er mich in Hamburg in seine Dienste genommen hat. Von da aus habe ich ihn begleitet, niemals mir aber die Mühe genommen, nach seinem Stande oder Namen zu fragen. So viel ist gewiß, reich muß er sein; denn er hat weder mich noch sich auf der Reise notleiden lassen. Und was brauch ich mich mehr zu bekümmern?

Lisette. Was soll ich mir von Ihrer Liebe versprechen, da Sie meiner Verschwiegenheit nicht einmal eine solche Kleinigkeit anvertrauen wollen? Ich würde nimmermehr gegen Sie so sein. Zum Exempel, hier habe ich eine schöne silberne Schnupftabaksdose--

Christoph. Ja? nu?--

Lisette. Sie dürften mich ein klein wenig bitten, so sagte ich Ihnen, von wem ich sie bekommen habe--

Christoph. Oh! daran ist mir nun eben so viel nicht gelegen. Lieber möchte ich wissen, wer sie von Ihnen bekommen sollte?

Lisette. Über den Punkt habe ich eigentlich noch nichts beschlossen. Doch wenn Sie sie nicht sollten bekommen, so haben Sie es niemanden anders, als sich selbst zuzuschreiben. Ich würde Ihre Aufrichtigkeit gewiß nicht unbelohnt lassen.

Christoph. Oder vielmehr meine Schwatzhaftigkeit! Doch, so wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, wann ich dasmal verschwiegen bin, so bin ich's aus Not. Denn ich weiß nichts, was ich ausplaudern könnte. Verdammt! wie gern wollte ich meine Geheimnisse ausschütten, wann ich nur welche hätte.

Lisette. Adieu! ich will Ihre Tugend nicht länger bestürmen. Nur wünsch ich, daß sie Ihnen bald zu einer silbernen Dose und einer Liebsten verhelfen möge, so wie sie Sie jetzt um beides gebracht hat. (Will geben.)

Christoph. Wohin? wohin? Geduld! (Beiseite.) Ich sehe mich genötigt, zu lügen. Denn so ein Geschenk werde ich mir doch nicht sollen entgehn lassen? Was wird's auch viel schaden?

Lisette. Nun, wollen Sie es näher geben? Aber,--ich sehe schon, es wird Ihnen sauer. Nein, nein; ich mag nichts wissen--

Christoph. Ja, ja, Sie soll alles wissen!--(Beiseite.) Wer doch recht viel lügen könnte!--Hören Sie nur!--Mein Herr ist--ist einer von Adel. Er kömmt,--wir kommen miteinander aus--aus--Holland. Er hat müssen--gewisser Verdrüßlichkeiten wegen--einer Kleinigkeit--eines Mords wegen--entfliehen--

Lisette. Was? eines Mords wegen?

Christoph. Ja,--aber eines honetten Mords--eines Duells wegen entfliehen.--Und jetzt eben--ist er auf der Flucht--

Lisette. Und Sie, mein Freund?--

Christoph. Ich, bin auch mit ihm auf der Flucht. Der Entleibte hat uns--will ich sagen, die Freunde des Entleibten haben uns sehr verfolgen lassen; und dieser Verfolgung wegen--Nun können Sie leicht das übrige erraten.--Was Geier, soll man auch tun? Überlegen Sie es selbst; ein junger naseweiser Laffe schimpft uns. Mein Herr stößt ihn übern Haufen. Das kann nicht anders sein!--Schimpft mich jemand, so tu ich's auch,--oder--oder schlage ihn hinter die Ohren. Ein ehrlicher Kerl muß nichts auf sich sitzen lassen.

Lisette. Das ist brav! solchen Leuten bin ich gut; denn ich bin auch ein wenig unleidlich. Aber sehen Sie einmal, da kömmt Ihr Herr! sollte man es ihm wohl ansehn, daß er so zornig, so grausam wäre?

Christoph. O kommen Sie! wir wollen ihm aus dem Wege gehn. Er möchte mir es ansehn, daß ich ihn verraten habe.

Lisette. Ich bin's zufrieden--

Christoph. Aber die silberne Dose--

Lisette. Kommen Sie nur. (Beiseite.) Ich will erst sehen, was mir von meinem Herrn für mein entdecktes Geheimnis werden wird: Lohnt sich das der Mühe, so soll er sie haben.

Funfzehnter Auftritt

Der Reisende.

Der Reisende. Ich vermisse meine Dose. Es ist eine Kleinigkeit; gleichwohl ist mir der Verlust empfindlich. Sollte mir sie wohl der Vogt?--Doch ich kann sie verloren haben,--ich kann sie aus Unvorsichtigkeit herausgerissen haben.--Auch mit seinem Verdachte muß man niemand beleidigen.--Gleichwohl,--er drängte sich an mich heran; --er griff nach der Uhr:--ich ertappte ihn; könnte er auch nicht nach der Dose gegriffen haben, ohne daß ich ihn ertappt hätte?

Sechzehnter Auftritt

Martin Krumm. Der Reisende.

Martin Krumm (als er den Reisenden gewahr wird, will er wieder umkehren). Hui!

Der Reisende. Nu, nu, immer näher, mein Freund!--(Beiseite.) Ist er doch so schüchtern, als ob er meine Gedanken wüßte!--Nu? nur näher!

Martin Krumm (trotzig). Ach! ich habe nicht Zeit! Ich weiß schon, Sie wollen mit mir plaudern. Ich habe wichtigere Sachen zu tun. Ich mag Ihre Heldentaten nicht zehnmal hören. Erzählen Sie sie jemanden, der sie noch nicht weiß.

Der Reisende. Was höre ich? vorhin war der Vogt einfältig und höflich, jetzt ist er unverschämt und grob. Welches ist denn Eure rechte Larve?

Martin Krumm. Ei! das hat Sie der Geier gelernt, mein Gesicht eine Larve zu schimpfen. Ich mag mit Ihnen nicht zanken,--sonst--(Er will fortgehen.)

Der Reisende. Sein unverschämtes Verfahren bestärkt mich in meinem Argwohne.--Nein, nein, Geduld! Ich habe Euch etwas Notwendiges zu fragen--

Martin Krumm. Und ich werde nichts drauf zu antworten haben, es mag so notwendig sein, als es will. Drum sparen Sie nur die Frage.

Der Reisende. Ich will es wagen--Allein, wie leid würde mir es sein, wann ich ihm unrecht täte.--Mein Freund, habt Ihr nicht meine Dose gesehn?--Ich vermisse sie.--

Martin Krumm. Was ist das für eine Frage? Kann ich etwas dafür, daß man sie Ihnen gestohlen hat?--Für was sehen Sie mich an? für den Hehler? oder für den Dieb?

Der Reisende. Wer redt denn vom Stehlen? Ihr verratet Euch fast selbst--

Martin Krumm. Ich verrate mich selbst? Also meinen Sie, daß ich sie habe? Wissen Sie auch, was das zu bedeuten hat, wenn man einen ehrlichen Kerl dergleichen beschuldigt. Wissen Sie's?

Der Reisende. Warum müßt Ihr so schreien? Ich habe Euch noch nichts beschuldigt. Ihr seid Euer eigner Ankläger. Dazu weiß ich eben nicht, ob ich großes Unrecht haben würde? Wen ertappte ich denn vorhin, als er nach meiner Uhr greifen wollte?

Martin Krumm. Oh! Sie sind ein Mann, der gar keinen Spaß versteht. Hören Sie's!--(Beiseite.) Wo er sie nur nicht bei Lisetten gesehen hat--Das Mädel wird doch nicht närrisch sein, und sich damit breit machen--

Der Reisende. Oh! ich verstehe den Spaß so wohl, daß ich glaube, Ihr wollt mit meiner Dose auch spaßen. Allein wenn man den Spaß zu weit treibt, verwandelt er sich endlich in Ernst. Es ist mir um Euren guten Namen leid. Gesetzt, ich wäre überzeugt, daß Ihr es nicht böse gemeint hättet, würden auch andre--

Martin Krumm. Ach,--andre!--andre!--andre wären es längst überdrüssig, sich so etwas vorwerfen zu lassen. Doch, wenn Sie denken, daß ich sie habe: befühlen Sie mich,--visitieren Sie mich--

Der Reisende. Das ist meines Amts nicht. Dazu trägt man auch nicht alles bei sich in der Tasche.

Martin Krumm. Nun gut! damit Sie sehen, daß ich ein ehrlicher Kerl bin, so will ich meine Schubsäcke selber umwenden.--Geben Sie acht! --(Beiseite.) Es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie herausfiele.

Der Reisende. O macht Euch keine Mühe!