Die irdische Unsterblichkeit: Roman

Part 9

Chapter 93,881 wordsPublic domain

»So ist es recht, Bruder; ich merke, du bist in einer strengen Schule gewesen, doch war auch vielleicht dein äußeres Leben bunter als meines, inwendig werde ich dir nichts nachgeben. Aleit lag fast zwei volle Monde auf dem Lager, stündlich vom Tode mit winkender Sichel bedroht, und ich hatte noch nicht den Mut gefunden, in ihre Kammer zu gehen. Dies fiel weniger auf, weil ich mich mit Macht der Geschäfte meines Landes annahm, und hiervon, Bruder, will ich dir lieber schweigen. Genug, beim Niedergang finden sich überall willige Helfer; beim Aufbau selten, denn keiner will opfern. Als ich mein Feld überblickte, begegnete ich störrigen Gesichtern, allen war meine Wandlung unbequem, außer dem geringen Volk und den wenigen von guter Art, denen eben dieses Volk am Herzen lag als der eigentliche Born ihrer Kraft und die Quelle und Zukunft ihrer Geschlechter. Aber nicht von dem zu hören bist du hier; es nahte die Stunde, wo ich Aleit besuchen mußte, der Keim des Argwohns war schon gepflanzt. Ich betrat allein ihr Zimmer, sie lächelte mir matt entgegen und hob beide Arme. Ob ihre Hände nun aus Schwäche oder einem tieferen Gefühl niedersanken, eh sie mich erreichten -- kurz, sie sanken nieder, und in ihren Augen glomm eine schier hilflose Angst auf. Sie zog das Tuch über ihre Brust und errötete, als sei ich ein Fremder, indes trotz all dem kein Zweifel war, daß auch sie vom Betruge getäuscht war und gläubig vertraute, du stündest an ihrem Lager. Ich setzte mich still neben sie und schilderte in großen Zügen meine Arbeit während ihrer Krankheit, gewiß ohne Eigenlob und nur zu dem Zweck, sie durch Taten von meiner Wandlung zu überzeugen. Dann erst bat ich sie, mir zu verzeihen, und richtete mein gesenktes Auge auf sie. Sie lag und weinte lautlos, stumm wie Perlen rannen die Tränen über das regungslose Antlitz, das von einem ungeheuren Jammer ganz durchtränkt schien. Du weißt, Bruder, ich liebte sie schon lange vordem, hoffnungslos und ohne Wünsche, jetzt, da ich vor der Wirklichkeit eines vielleicht doch einmal geträumten Traumes stand, konnte ich das lebendig gewordene Bild nicht fassen. Einmal hinderte mich mein Gewissen, zum anderen stieß sie selbst mich zurück -- zu meinem Glück, denn sonst säßen wir nicht vor diesen Flammen. Endlich streifte sie meine Hand mit ihrer zarten und flüsterte: ›Was soll ich dir verzeihen, Robert? Ich bin ja glücklich, daß ich Gottes Werkzeug sein durfte, dir den guten Weg zu weisen. Hab Geduld mit mir, Robert, mein Kopf ist trüb und wirr, ich weiß kaum, was ich rede.‹ Und wieder die entsetzte Angst in ihren Blicken, daß ich verstört vom Lager sprang. Vielleicht hatte der Unglückssturz wirklich ihr Gehirn erschüttert, und sie brauchte lange Zeit, wieder völlig zu genesen. Jedenfalls verstand ich, sie wollte allein sein, allein bleiben, und dies kam mir, der ich nicht daran dachte, dir, dem ich das Land genommen, auch die Ehre zu rauben -- dies kam mir gelegen. Ich sprach ihr gut zu, erwähnte zwischen den Reden, daß ich oben im Turm mein Lager aufgeschlagen hätte und daß es vorerst das beste wäre, es bliebe so und sie pflegte sich in Ruhe, zumal wegen des Kindes. Bei diesen Worten schoß es heiß in mir auf, daß du von ihrer Schwangerschaft offenbar nichts wußtest, und daß ich ihr danken müsse. Ich fand stotternde Worte, die sie, fliegenden Purpur auf den Wangen, entgegennahm; mein Herz zitterte, wie es nimmer vor dem Tode gezittert hätte, ich beugte mich herab und wollte sie küssen, bei Gott, mitten in meiner Rolle und nicht aus Begier; doch sie wich mir erschrocken aus, von neuem in Glut getaucht. Sehr erleichtert drückte ich ihr die Hand und nahm Urlaub -- Bruder, sie entließ mich mit einem Blick, den ich nie vergesse, als hätte ein Maler Schrecken und Frohlocken in einem blauen Glanz vereinigt.

»Aber in meinem Gemüt stießen sich die Gegensätze nicht minder. Zwar war ich nach dieser Begegnung erst wahrhaft Herr auf Claraforte und also unser Plan gelungen, jedoch barg die Zukunft Kämpfe einer Art, die ich nicht gewollt hatte und nicht auf mich genommen hätte, wäre die Entscheidung noch vor mir gewesen. Ich zog aus, ein Reich zu erobern, nicht aber ein Weib zu stehlen.

»Der Sommer war gekommen und Aleit außer Bett, genesen zwar, doch zarten Wesens und in ihrer zunehmenden Schwangerschaft doppelt der Schonung bedürftig. Niemand konnte Arges darin sehen, daß ich mein Lager im Turm beibehielt, zumal mich wachsende Geschäfte bis in die Nacht fesselten und wachzwangen. Am Martinstage ward Harald geboren, die Stunden fielen schwer und traurig über sie, und ich konnte ihr am wenigsten helfen. Unbekümmert um das Gerede der Leute, das ich sonst peinlich vermied, verritt ich tagelang und kehrte erst zurück, als der Sohn ihr im Arme lag. Ich freute mich seiner mehr, als sei es mein eigen Kind, denn so hatte das Land einen Erben, ohne daß ich eine ungeliebte Frau zu heiraten brauchte -- dir zur Gesundheit, Bruder! -- einen Erben vom echten Stamm!«

Hastig leerte ich den Becher und noch einen, da meine Zunge wie verdorrt im Gaumen lag. Aus seinen Worten stieg meine versunkene Jugendwelt auf, verscherzt, vertan, verloren. Und draußen wogte im treibenden Regen der Frühling und goß Flammen in meinen rüstigen Leib.

Der andere fuhr fort:

»Das Kind war ein neuer Grund, ihr fernzubleiben, und so lebte die Gewohnheit uns, die wir nie verbunden waren, langsam auseinander. In ihrer Güte erfand Aleit für das, was sie mir an Liebesbeweisen schuldig blieb, eine Fülle kleiner Aufmerksamkeiten, und wenn du meine kostbar gestickten Röcke musterst, weißt du, wie sie ihre Zeit verbrachte. Sie mußte in ihren Gedanken öfters bei mir weilen, vielleicht sehnte sie sich nach mir und überwand den ersten Schritt nicht, den ich zu tun mich nicht entschließen konnte, solange ich dich im Leben glaubte.

»Wer Schäden ausmerzt, findet wenig Freunde. Wipold starb; ich vereinsamte, mein ödes Herz verwilderte nach innen, denn nach außen hin hielt ich es hoch und spielte ein gewagtes Spiel. Einmal, im heißen Sommer, überwältigte mich die Leidenschaft. Sie spielte mit dem Kinde auf dem Rasen am Weiher, unter den drei Birken, und das liebliche Bild entzückte und riß mich hin. Dann ward das Kind von der Amme geholt; sie lag neben mir im Grase und sah mit den wundervoll tiefen Blicken über das spiegelklare Wasser in die Landschaft, die schwer von Segen unter der Sonne zu atmen vergaß. Ich fühlte die Wärme ihres Leibes schwüler als sonst --«

Er sprang auf und ging erregt im Zimmer hin und her, derweil mein Herz so laut schlug, daß es kaum vor ihm verborgen blieb. Aus der dunkelsten Ecke sprach er weiter, heiser und stockend:

»Bruder, ich würde es nicht berichten, wenn ich das seltsame Leben nicht vor dir und mir klären möchte. Ich riß sie in die Arme, ich fühlte den Druck der ihrigen, und ihre Lippen blühten mir entgegen, aber das war wie ein Vergessen nur, dann wandte sie totenblaß den Kopf und lief mit einer nichtigen Ausrede ins Haus. Nicht zu ihrem Kinde; die Amme kam bald darauf ahnungslos zurück und wollte das gestillte Kind der Mutter wiederbringen. Sie verweilte einen Augenblick, da der Junge nach meinen blanken Borten griff und munter krähte; doch ich, der ich in dem Kinde die Mutter sah, muß wohl eine wehrende Bewegung gemacht haben, und die beiden stoben eilends davon. Harald glich in seinen ersten Jahren mehr Aleit als dir, erst mit dem Jünglingsalter schlug das Wählingergesicht durch. -- Ich blieb auf dem Platze, wie ein Besiegter auf dem Schlachtfelde, und meine Wunden brannten genau so todesbitter. Zu Anfang überwog die Eitelkeit und tobte fruchtlos. Danach kam die Erkenntnis meines Raubversuches und peitschte mein Gewissen. Es war ja nichts geschehen, aber doch kann ich selbst heute noch nicht ohne grimmige Scham an diese Stunde denken. Ich war ein unreines Tier, das sich von Begierden hetzen läßt und die edelste Frau zu zerbrechen willens war, betrügerisch und verächtlich mehr als im rohen Sturm der Leidenschaft.

»Spät schlich ich in die Burg. Die Möglichkeit, mich zu entschuldigen, war mir genommen. Was tut ein Mann seinem Weibe zuleide, wenn er nach einem Kuß Begehr trägt? Ich lag in meinen eigenen Stricken, und wahrlich, sie schnitten scharf genug ins Fleisch. Wir mieden uns eine Zeitlang mit gesenkten Lidern, dann schien sie den Vorfall vergessen zu haben und gewann ihre bescheidene Heiterkeit zurück.

»Als Harald älter wurde und der Mutter aus den Händen wuchs, fehlte ihr die tägliche Beschäftigung; sie fragte mich mehr denn früher nach dem Stand der Dinge im Lande und wurde mir in vielem eine kluge Beraterin, die oft mit klarem Herzen schärfer sah als mein Verstand. So, in ihrer fraulichen Reife, schien sie mir noch werter, sternenhafter; aber nie wieder versuchte ich sie auf die Erde zu reißen. Diese Gefühle sind niemals über unsere Lippen gedrungen, so daß in all den Jahren der leichte Hauch eines schamvollen Geheimnisses zwischen uns wallte und einen lockenden, doch ehern trennenden Schleier bildete. Es ist kein Tag vergangen, Bruder, den ich ganz gewonnen hätte, ein Herzschlag war in jedem, der mich erinnerte, wie kläglich und arm mein menschlich Teil geblieben war. Und noch heute habe ich es nicht überwunden, obzwar ich sehe, daß wir alle Gottes Wege gegangen sind.«

Die letzten Worte murmelte er vor sich hin, kaum daß ich sie verstand. Eine Frage schwebte mir lange auf der Zunge, und wenn ich ihn auch quälte, es mußte heraus:

»Kam dir nicht, da du Aleit am Leben fandest, der Gedanke, mich zurückzurufen? Ein Wanderer mit gewissem Ziel wäre rasch gefunden.«

Seine Züge vertieften sich und wurden hart, knisternd stob die Glut unter dem Schüreisen, die Flammen warfen flackernde Blitze über seine abgemagerten, blutleeren Hände. Er hob die Augen kühn zu mir und antwortete:

»Nein! Und wenn mich mein Herz nicht betrügt, so wirst du heute dankbar sein. Wir sind gegen das Schicksal angerannt und haben uns die Stirnen blutig geschlagen, aber wir möchten die Narben nicht missen. Das Wenige, das ich von deinem Leben weiß, lehrt mich deutlich, daß alles sein mußte. Gottes Werkzeuge waren wir, um unser Land und unser Geschlecht zu retten. Die furchtbare Schrift auf deinem Antlitz, die, dein irdisch Andenken für alle, die dich kannten, auslöschend, dir Tochter und Sohn brachte, diese Löwenschrift soll uns beiden eine währende Mahnung sein. Und nun, Bruder, sage mir offen, was du von deiner Heimkehr ersehntest?«

»Von meiner Heimkehr? Für mich?« stammelte ich, betäubt von dem unerwarteten Angriff. »Was soll ich hoffen? Ich brachte die Kinder, ich will nichts für mich. Nichts in deinem Hause, nichts in deinem Lande als dereinst ein paar Fuß Erde, die du mir nicht verweigern kannst.«

In steigender Erbitterung keuchte ich die häßlichen Worte, zornig über seine Frage, zornig über mich selbst, voller Groll über die Einsamkeit, in die er mich stieß. Er selbst blieb gelassen, ja, ein Lächeln spielte um seinen Mund.

»Es gibt zwei Wege,« sagte er ohne sichtliche Erregung, »einmal können wir Aleit und den Kindern alles erklären, und du gewinnst im Hause die alten Rechte. Dem Lande gegenüber scheint mir das nicht gut, es wäre richtig, wenn ich nach außen Herzog bliebe. Doch sei dir auch dies zugestanden, wenn du das Gerede nicht scheust. Zum anderen können wir unsere Geschichte in unserer Brust begraben, und du bleibst, ein Bruder und Freund, an meiner Seite, solange uns Gott den Atem schenkt. Wie du auch wählst, Bruder, du kannst mich nicht verletzen. Sage mir heute nichts, beschlaf es und künde mir morgen den Bescheid.«

Er erhob sich frei, mit heiterem, erlöstem Antlitz, seine strengen Augen lachten mich freundlich an.

Leicht wie ein Vogel ward mir das beschwerte Herz, fröhlich schwenkte ich die geleerte Kanne und rief:

»Bruder, sollen wir uns auf unsere alten Tage vor den Kindern zum Narren machen? Und Aleit dazu? -- Wir wandern den zweiten Pfad, aber -- wie stehts mit der Wegzehrung?«

Der Bastard lachte krampfhaft auf, griff mit zitternden Händen unter den Tisch und holte einen verborgenen Krug hervor.

Wir waren Brüder und wurden Freunde. Die Gemeinsamkeit der menschlichen Schulden drückte uns nicht mehr seit jenem Abend, da wir klar sahen, daß eine Entwirrung der verschlungenen Schicksale kein Entsühnen bedeuten könnte. Wir vermeinten, es genügte, wenn zwei alte Narren ihre Liebe begrüben; wir schmückten die Gruft mit Rosen und waren stolz darob. Aber es kommt nicht darauf an, was die Menschen in ihrem Gedächtnis behalten, sondern was Gott behält. Beidemal sind es zuletzt die großherzigen Taten; dort mit der Unvollkommenheit menschlicher Werkzeuge, hier mit dem unbestechlichen Auge der Ewigkeit erfaßt. Die Kinder gingen ihren Weg, wir Alten trabten glückselig nebenher und schafften Steine fort, an die ihr Fuß auch ohne uns nicht gestoßen wäre. Wir vergaßen Aleits.

Sie schien unter dem Einfluß der Jungen neue Kraft zu gewinnen, ihre Augen blickten fröhlich, ihre Bewegungen wurden lebhafter; wir freuten uns dessen und schrieben es der werdenden Mutterschaft Sobeidens zu. Es fiel mir nicht einmal auf, daß sie mich häufig suchte; sie fand schließlich Gefallen an meinen Geschichten aus dem Morgenlande und teilte sich andererseits gern dem Priester mit, den sie in mir vermutete. Jedoch mit der Zeit wuchsen wir so selbstverständlich zueinander, daß mir der Tag nichts galt, an dem wir nicht beisammen waren, und aus der heißen Jugendgier ward ein milder, schöner Abendschatten, warm noch von den verglühten Tagessonnen. Mitunter, wenn ihre Augen mich liebkosten und ich fühlte, wie etwas von meinem Wesen einen stillen Platz in ihrer Seele besaß, kam mir ein Bedauern für den Bruder und eine scheue Angst, zu nehmen, was mir nicht zukäme, und Verspieltes zurückzufordern. Ich stand eng genug mit ihm, um mich offen auszusprechen.

»Bruder,« entgegnete er gelassen, »ist es ein Wunder, wenn Aleit dich sucht? Wir beide haben das Selbstverständliche verkehrt, und nun will es sich Bahn brechen. Mich trifft es nicht, nur fürchte ich von Aleit, daß sie die Wahrheit nicht erträgt.«

»Hiervon ist keine Rede,« fiel ich ihm errötend ins Wort. »So lang Verstorbenes läßt sich nicht wieder aufwecken wie Jairi Töchterlein, und wäre es doch, es trüge den Verwesungsduft mit in sein kärglich Leben. Ich vermeine nur, wenn ihre Seele sich zu der meinen ahnend neigt, so sollst du nicht glauben, ich zöge sie mit Absicht.«

Der Bastard lächelte schmerzlich.

»Es kann mir nichts genommen werden, was ich nicht einmal besessen habe. Plage dich mit anderen Sorgen, Bruder, und genieße in Frieden, was dir ihr Herz bietet.«

Heiter verließ er mich; ich verfolgte ihn mit den Augen, wie er durch die herbstlichen Büsche ging, und mir schien, seine Schultern beugten sich mehr und mehr, und endlich, da er sich unbeobachtet wähnte, stand er vor einer Buche still und lehnte den Kopf an den Stamm, als überwältigte ihn ein plötzlicher Schwindel. Er riß sich zusammen und verschwand steten Schritts in den Gehegen. Ratlos blieb ich in meinem Stuhl sitzen, die Glieder versagten mir schier. Ich hatte ihn lieb, wie ich Jussuf geliebt hatte, und ich brachte ihm Schmerzen wie jenem. Wie oft mir Gott gezeigt hatte, wozu ich auf der Welt war, ich vergaß es immer wieder und verkam in Grübelei über mein unnützes, äußerliches Dasein.

Oft quälte ich mich mit dem Plan, Claraforte zu verlassen und abermals pilgernd die Erde zu durchwandern, dann wieder schien mir Friede in einer Einsiedelklause zu blühen; aber es kam zu keinem Entschluß, der Winter brach früh und hart herein, Schneewolken überschütteten das Land und trieben uns um das Herdfeuer, in dessen schattenhellem Licht die zarten Schwingungen der Seele noch ungebundener und lieblicher tönten.

Eines Abends, da ich allein in meinem Gemach weilte und vor dem flackernden Feuer alten Dingen nachsann, derweil ich das Haus schlafen wähnte, trat Aleit durch die Tür und setzte sich purpurn neben mich.

»Denk was du willst, Mönch,« sagte sie, die sonst gewohnt war, mich bei Namen zu nennen, mit fremder, trauriger Stimme, »ich muß mein Herz befreien, ich kann es nicht länger tragen. Seit du hier bist, bin ich gänzlich verändert.«

In diesen Worten gewann sie ihren Mut zurück und hob die klaren, ehrlichen Augen zu mir auf, der ich wie gelähmt auf meiner Bank saß und um Atem rang. Und sie:

»Es ist das zweitemal in meinem Leben, daß meine Seele vor Geheimnissen sonderer Art steht, und« -- wie ein Hauch kamen die Worte von todblassen Lippen -- »schlimmer fast als meine Seele meine immer noch wachen Sinne. Hör mich, Priester oder Mensch, und sei mir ein klarer Bronnen, darin ich mein Herz kühlen kann.«

Mitten in ihr Gemüt greifend, fuhr sie mit einer fast sachlichen Trockenheit fort:

»Der Herzog war nicht immer der, als den du ihn kennst. Er war ein wilder, oder richtiger, ein wüster Jüngling mit unbekümmerten Lastern von Vatersseite her, mit ererbten Freunden gleicher Gesinnung. Denke das Schlimmste, und du siehst recht.«

Aber ich dachte gar nichts, ich beneidete die Männer im feurigen Ofen um ihren kühlen Platz, denn was mir jetzt geschah, war grausamer als alle Martern, die menschlichen Gehirnen entsprungen waren. Feig zuckte das Herz in meiner Brust wie in einem Kessel geschmolzenen Bleies, die Augen glühten mir tränenlos in erstarrtem Angesicht. Sie sah es nicht, Nacht und Schatten verbargen mich.

»Mit Dirnen besudelte er meine Ehre und zuletzt mein Haus, und dies zu einer Zeit, da ich gesegneten Leibes war. Jedoch, Mönch, ich hatte ihn lieb und war sein eigen.«

Sie, die mich richtete, sprach diese Worte mit solcher schlichten Süße, daß ich den Blick auf sie zu heben wagte. Ich sah ein Antlitz, das verklärt in seiner Liebe leuchtete und schwärmerisch verzieh und entsühnte. Es wandelte sich jählings in Traurigkeit, sie berichtete schwerer als vordem, indes sie mit dem Finger die Narbe auf ihrer Stirn streifte:

»Diese Wunde war die letzte unbedachte Tat des Herzogs; ich reizte ihn so sehr, daß er sich vergaß, und habe die Schuld recht eigentlich selbst. Es wäre vielleicht nicht einmal geschehen, wenn er um meinen Zustand gewußt hätte; doch ich hatte noch keine Stunde gefunden, mich ihm mitzuteilen. Wie es kam, tut nichts zur Sache, du mußt nur wissen, daß ich viele Wochen zwischen Tod und Leben lag, zumeist von Sinnen. Der Herzog kam nicht an mein Krankenbett, wohl aber brachte mir die Kammerfrau Gerüchte über ihn, die mich mit Stolz und Freude füllten: er habe seinem wilden Volk den Abschied gegeben und schaffe von früh bis spät für das Wohl des Landes, sähe keine Dirne an, sei ein mäßiger Trinker worden, kurzum, ein gewandelter, tüchtiger Mensch. Ich vermag nicht zu sagen, in welch hohen Himmel mich die Seligkeit trug, denn all mein Sein und Wesen gehörte ihm; ich allein, vermeinte ich, kannte seit je seinen edlen, tapferen Kern, den er unter den Lastern barg, und ich war dankbar, daß ich ein Werkzeug für seine Umkehr hatte sein dürfen. Wie sehnte ich mich ihm entgegen, wie lüstete mich, ihn in die Arme zu schließen, mein Auge in sein kühnes, lachendes zu tauchen!«

Schweigend sann sie vor sich hin, es arbeitete in ihren Zügen, sie stritt mit ihrer Bitterkeit. Klanglos, fremd der zagsten Hoffnung, fuhr sie fort:

»Der Augenblick kam und zerriß mein Gemüt, daß es zwanzig Jahre Stunde um Stunde schmerzte. Der Herzog trat an mein Lager, seine Wangen glühten nicht vom Wein, sein Atem war nicht von Weibern verpestet, sichtbar hatte ihn die Arbeit geadelt und geläutert. Aber da er sich zu mir wandte, artig und in Züchten wie nimmer zuvor, ging eine Fremdheit von ihm aus, die wie eine Wand aus Eis zwischen uns emporwuchs. Mein Herz hörte auf zu schlagen, erstickt, erdrosselt von dem jähen, entsetzlichen Bewußtsein, daß es diesen Mann nicht mehr liebte -- glaube mir, Mönch, denn du kannst es nicht wissen: es gibt nichts Schrecklicheres, als zu lieben aufzuhören. Du verarmst schneller, als der Blitz die Erde trifft, du verödest und stehst nackt und ohne Heimat, ohne Gott. Du bist tot, bevor du gestorben. Der Herzog bemerkte es und ging, verlassen von seiner wilden Weise, traurig fort.«

Die Erinnerungen schienen sie zu umstricken, sie lehnte erschöpft in ihrem Stuhl, den Kopf im Nacken, mit geschlossenen Lidern. Ich sah die blauen Adern auf der Schläfe pochen, der leichte Hauch ihres Atems dampfte in der Luft, die nicht mehr von den Kaminflammen erreicht wurde. Mit einem blickte sie auf mich, verzweifelt und entschlossen zugleich, und sagte:

»Das war nicht das Furchtbarste, Ronald. Der Herzog hatte kaum die Tür hinter sich geschlossen, da kam die alte Liebe wie ein Lenzsturm über mich, ich weinte und biß in die Kissen, um nicht all mein Sehnen hinauszuschreien, mein Sehnen und mein seliges Glück, zu lieben. Ich war zugleich gesättigt von Freude über Roberts Wandlung und dankte Gott, daß er mich unnütz Wesen zu solcher Glorie erkoren. Stunde um Stunde horchte ich auf seinen Schritt; mir schien, mein Gehör wurde feiner und schärfer, ich erkannte seine Stimme im Burghof und lauschte, wie männlich und fest sie geworden war. Golden lag die Zukunft vor mir, denn ich liebte, und er liebte mich, das stand in seinem Blick geschrieben. -- Schläfst du, Ronald? Langweile ich dich?«

Ich hatte das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf die Knie gestützt. Meine Brust ging schwer und keuchend, jeder Lichtstrahl, der mein Auge traf, war ein Dolchstoß in alte Wunden. Die Narben brannten, von der nahen Glut, der heißen Scham zermürbt, Vergangenheit und Gegenwart tanzten einen rasenden Wirbel in meinem Hirn.

»Sprecht weiter!« brachte ich hervor; jedes Wort mehr hätte mich verraten.

»Nach einer Zeit, die mich ewig dünkte, besuchte mich der Herzog zum zweitenmal, und, Ronald, meine Qual wuchs ins Unermessene. Ich liebte ihn nicht, er war und blieb mir fremd, ich konnte kaum aufsehen vor Scham, diesen gleichgültigen Menschen an meinem Lager zu wissen. Ich vermochte den Augenblick, da er mich verließ, kaum zu erwarten, und sieh, Mönch, da er gegangen war, hätte ich mein Leben, ja das Leben meines Kindes darum gegeben, ihn in die Arme schließen und herzen zu dürfen, recht mit der Glut und Innigkeit der Jugendsinne. War es seine Wandlung? Dann her, o Gott, mit dem alten, wüsten, lasterhaften Jüngling, den ich küssen durfte und dessen Seele rein in meiner Seele ruhte. Schon gab ich dem Gedanken Raum, die Wunde an meiner Stirn hätte meine Vernunft getrübt, aber nichts schien sonst auf eine derartige Folge hinzuweisen; der Arzt von Vargan, den ich befragte, sah mich erstaunt an und lachte. ›Herzogin,‹ sagte er, ›Ihr behaltet eine Narbe und einen der trefflichsten Männer. Seid dem Himmel dankbar, wie es das ganze Wählingerland ist; der Herzog ist genesen, wie Ihr es auch in Bälde seid. Haltet Euch munter und denkt an Euer Kind!‹

»Daran brauchte er mich nicht zu erinnern, ich dachte seiner schon genug. Mit unendlicher Liebe, wenn Robert fern war, mit Angst und Scham, wenn er neben mir saß. Der Herzog übrigens, der ehmals keine meiner kleinen Launen achtete, erfaßte mein verändertes Wesen mit vollkommenem Takt, und nur einmal strömte er über und riß mich an sich, stürmisch, einen Augenblick lang; sah mein verängstigt Gesicht und ließ mich wieder, für immer. Wir gewöhnten uns, nebeneinander zu gehen, er mit gleicher Güte, ich mit schuldbeladener Brust. Er tat seine Arbeit im Lande, ich zog den Jungen groß; unsere frischen Leiber verwelkten glücklos wie unter Priesterkutte und Nonnenschleier, nur daß der Bräutigam meiner Seele nicht Jesus hieß, und er, das fühlte ich in jeder Stunde, nicht die Gottesmutter erkoren hatte. Ohne das Kind hätte ich dies verzerrte Leben nicht ertragen; es kam mich hart an, Harald eines Tages den Männern überlassen zu müssen. Aber das Herz ist ein tapfer Wesen und stirbt nicht vom ersten Schlag.«