Die irdische Unsterblichkeit: Roman
Part 8
Wir waren, ein jedes aus anderem Grunde, tief bewegt und schämten uns der nassen Augen nicht. Sobeide war von ihres Mannes Seite gewichen und hielt sich neben mir, da wir den Burgberg hinanritten; sie scheute sich, hier sogleich als künftige Herrin aufzutreten, als müsse ihre Ehe von den Eltern erst bestätigt werden.
Herzog und Herzogin schliefen schon. Aber der Lärm der Diener, als sie den Jungherrn sahen, hätte Tote auferweckt; notdürftig bekleidet liefen die Alten herbei, seltsamerweise aus verschiedenen Richtungen den Saal betretend. Ich hatte Muße, sie beide zu betrachten, denn es dauerte lange, ehe die Reihe an mich kam. Der Augenblick, in wieviel Stunden herbeigesehnt, ging nüchterner an mir vorüber, als ich gewähnt hatte, schon glaubte ich entsetzt, Hoffen und Harren hätten meine Liebeskraft verbraucht. Ich kann nicht einmal sagen, daß ich nur Augen für Aleit gehabt hätte, Wesen und Haltung des Bastards fesselten mich fast ebenso stark. Trotz allem mischte sich keine Bitterkeit in den Gedanken, daß ich, der ich recht eigentlich der Mittelpunkt dieser seltsamen Heimkehr war, verlassen im Hintergrunde stand, ein müßiger Zuschauer, der gewiß war, aus den Kelchen überschwenglicher Liebe zum Ende den schalen Rest der Höflichkeit zu bekommen.
Keinen hatte das Alter verschont; Aleit war bleicher und zarter, silberne Fäden trug sie im Haar, ihr Mund war weicher, ihr Blick versonnener. Mir schien, ihr fröhliches Wesen wäre schwerer geworden, und da ich, mit unbewegtem Gesicht, die Narbe auf ihrer Stirn betrachtete, glaubte ich den Grund zu erkennen. Es war ein feiner Unterschied in der Art, wie sie Sohn und Tochter umarmte; blindlings, mit allen Kräften, zog sie ihn an ihr Mutterherz, nichts fragend, weder mit Worten noch mit Augen, nur dem Triebe folgend und beseligt von seiner Nähe. Auf Sobeide ruhte ihr Blick für einen Atemzug, dann erst schloß sie auch die Tochter in die Arme. Niemand bemerkte die Prüfung außer mir; aber als der Bastard, nachdem er den Erben von Claraforte rasch und wild an sich gepreßt hatte, sich zu Sobeide wandte, lag sein Auge auf ihr, als erforschte er ihr Blut bis in die fernsten Geschlechter, und das Kind senkte die Lider. Robert lächelte: dies Lächeln war wie eine zweite Larve unter dem anderen, harten, strengen Antlitz, das Furchen tiefer Leidenschaft durchzogen. Er war gewandelt, wandelte sich noch; die Jahre hatten ihn furchtbar mitgenommen, und -- weh! -- mein arges Herz triumphierte darob.
Sie saßen mit uns zum Mahle nieder, Harald zwischen den Eltern, Sobeide neben Aleit, ich neben dem Bastard, und nun erst faßten sie mich genauer, soweit die spärliche Beleuchtung es zuließ. Harald erzählte kurz von der Flucht aus Bachara, der Bastard neigte sich verbindlich zu mir und sagte:
»Wir sind Euch sehr zu Dank verpflichtet, ehrwürdiger Vater. Verzeiht, wenn wir Euch über den Kindern vergaßen, es war die Freude des Wiedersehens. Morgen steigt ein neuer Tag herauf, der Euch gehört.«
Aleit sah mich an, ihre Augen waren weit und klar; ich vermeinte, eine jungfräuliche Röte überzöge sanft ihre Wangen. Es war unmöglich, daß sie mich erkannte, und doch fühlte ich in ihrem Blick eine liebkosende Berührung.
»Vater Ronald,« begann Harald; der Bastard horchte auf und starrte mich an, zum erstenmal klang der Name deutlich an sein Ohr.
»Ihr nennt Euch Ronald?« fragte er heiser und sichtlich mit großer Anstrengung. Aleit zeigte keinerlei Bewegung, es ward mir klar, sie wußte nichts von dem bösen Handel. Dies richtete mich auf und gab mir Trost, ohne daß ich zu sagen vermöchte, warum. Rasch antwortete ich, bevor das Benehmen des Bastards ihr auffällig werden konnte:
»Herr, das ist eine lange Geschichte, und die Stunde ist vorgerückt. Für heut, daß ich ehmals Benediktus hieß und nun eines Toten Namen trage.«
Der Bastard atmete auf, Blut kehrte in seine Wangen. Er legte das Messer, daran seine unruhigen Hände spielten, mit einem Ruck auf den Tisch und fragte mit bewundernswerter Gleichgültigkeit:
»Eines Toten? Ich kannte einen Mönch Ronald, vielleicht ist es derselbe; sagt mir, ehrwürdiger Vater, wann ihn das Schicksal traf.«
»Er fiel, mit hoher Tapferkeit fechtend, bei Akkon, da Rainald von Chatillon den Sultan zum letztenmal besiegte. Seht, Herr, er führte treffliche Zeugnisse mit sich, die ihm größere Freiheit verschafften, als sonst Klosterbrüdern zuteil wird, und ich nahm sie zu eigen; Gott möge es mir verzeihen.«
Der Bastard verzog die Lippen und verbarg ein Gelächter, da ihm die Vorzüglichkeit dieser Zeugnisse bekannt war. Und wiederum, zur selben Zeit, umdüsterte eine Trauer sein immer noch edles Haupt, Trauer um das Wählingerblut, das er nun unter dem Wüstensande modern glaubte.
»Benediktus oder Ronald,« sprach er höflich, »hier gilt das gleich. Wir hängen nicht an Formeln und bitten Euch, Vater, bleibet hier, so lang es Euch gefällt; übt Euren geistlichen Beruf oder ergötzt Euch an weltlichen Dingen, wie es Euch beliebt. Wir wollen Euch danken, so lange wir leben, denn Ihr habt unser bestes Gut gerettet.«
Er sah Harald an und schien mit Mühe eine tiefe Bewegung zu beherrschen, offenbar hing sein Herz an diesem Erben des Wählingerlandes, als sei es sein eigener Sohn.
»Und mehr dazu!« fügte Aleit leise seinen Worten an, indem sie Sobeide umschlang und mit herzlichem Takt in das Gehege der Sippe einbeschloß.
Ich mußte mich abwenden, meine Augen wurden verräterisch. Kein Wort, keine Bewegung, und doch irgend etwas, das ich, weiß nicht, mit welchem Sinn, wahrnahm, trennte den Bastard von der Herzogin und legte eine ewige Kluft zwischen sie.
Mitternacht ward, wir gingen zur Ruhe. Der Bastard selbst geleitete mich in mein Gemach; ein Handleuchter erhellte notdürftig den Weg. Ich merkte, er führte mich zu einem sehr schönen Turmzimmer für hohe Gäste, und folgte ihm mit sicheren Schritten; die mannigfachen Stufen fand ich blindlings und hatte noch eine kindliche Freude an dieser genauen Erinnerung.
Plötzlich sagte der Bastard rauh:
»Ihr wandelt durch die Gänge, als sei Euch das Haus von Kindesbeinen an vertraut.«
»Die Wüste erzieht Raubtiersinne,« gab ich sogleich zurück, »ich mache mich anheischig, Euch im Dunkeln zu folgen.«
Die rasche Antwort schien seinen Argwohn zu besänftigen, er hob die Riegel aus der Tür des mir bestimmten Zimmers und wünschte mir mit freierer Stimme eine geruhsame Nacht.
Geruhsame Nacht in der Burg meiner Väter, unter einem Dach mit meiner verlorenen Liebe, mit dem Mörder meines Glücks! Die Leidenschaften zerbrachen mit wilden Fäusten ihre Ketten und heulten wie Sturmwinde um mein Lager; stöhnend wälzte ich mich, von Flammen gepeinigt, sprang auf und trat nackt auf den Altan und starrte auf den mailichen Garten, darin aus Blütendüften eine Nachtigall dicht unter mir sang. Die Mauern, die Bäume, die Brunnen im Hofe schimmerten blau umsilbert in dem vollen Mond, die lauen Atemzüge der Frühlingserde bewegten kaum ein Blatt; trunken sog ich die Heimat in mich hinein und vergaß im Rausch.
Ich wachte nicht allein. Vom jenseitigen Turmerker blickte der Bastard zu mir her, ich sah seine Augen im Mondlicht funkeln und wich verstört ins Gemach, in unwillkürlicher Bewegung die Hand über das Mal auf meiner Brust deckend.
Was trieb der Bastard dort? Schlief er nicht in Aleits Kammer? Lebten sie auseinander?
Das Morgenmahl wurde mir an das Bett gebracht; der Mensch, der es trug, war schon in meinen Diensten gewesen, und um ein Haar hätte ich ihn bei Namen genannt. Ich besann mich und schwieg erbittert. Fort aus diesem Hause! Jeder Stein zermalmte mich mit Erinnerungen, ich konnte nicht atmen unter diesem Dach, das die Gespenster toter Lenze beherbergte. Kaum war ich in der Kutte, als der Bastard eintrat.
In seinem verschlossenen Gesicht stand kein Erkennen zu lesen, aber das Tageslicht zeigte deutlich an, wie wenig auch ihn ein frühes Alter verschont hatte. Er vertat seine Zeit nicht mit Worten, grüßte mit gleichgebliebener Freundlichkeit und bat mich, ihm und Harald auf einem Ritt durch das Herzogtum zu folgen. Den Frauen würde es lieb sein, einen Tag ganz für sich allein zu haben; zumal die Herzogin freue sich auf die junge, schöne Helferin und wäre, da sie schwacher Gesundheit, gern mancher Bürde ihrer Pflichten ledig.
Ich ordnete schweigend mein Gewand; er konnte nichts argwöhnen, denn was sollte er mich sonst zu solchem Ritt bitten? Wie es auch sei, ich wollte an Verschlossenheit und Zucht nicht hinter ihm stehen und stimmte zwanglos zu, im geheimen froh, Aleit nicht sogleich unter die Augen kommen zu müssen. Die Beobachtungen der Nacht hatten das Bild der heimatlichen Verhältnisse, das ich klar glaubte, völlig verwirrt, aufs neue rang die Seele um ihr himmlisch Teil. Und, ach, um ihr irdisches.
Harald erwartete uns schon mit den Pferden; wir saßen auf und trabten ohne Geleit in den lichten Morgen. Der Bastard erläuterte uns jedes Ding; seine Kenntnisse gingen bis ins kleinste, jede Hufe Landes hatte in seinem Munde ihre Geschichte. Ich fand mich bald nicht mehr zurecht, mit wachsendem Erstaunen lernte ich, was dieser Mensch aus meinem Reich gemacht hatte. Da war kein Ödland mehr, da standen keine verfallenen Katen, da traf das Auge keine hungernde Not. Strahlend sauber saßen die Häuser breit und behäbig auf ihren grünen Hügeln, das glatte, schiere Weidenvieh war einheitlich gezogen und warf satte, bunte Flecke auf schwellende Wiesen. Viele Felder waren eingezäunt, damit Hirsche und Sauen nicht den Schweiß des Bauern verderben konnten; wohin ich blickte, sah ich die ordnende, segenstiftende Hand, und was der Bastard auch an mir getan, er war ein Fürst und Herr von echten Gottesgnaden und hatte sein Pfund nicht vergraben oder gar vergeudet.
Auf der Burg eines seiner Vögte saßen wir zu Tisch; es war dies der Sohn meines alten Zechgenossen Roger des Wilden, den inzwischen der Teufel geholt hatte. Ich hatte den Jungen als ein böses Früchtchen im Gedächtnis, fand aber einen wackeren, tüchtigen Mann, der Land und Volk in Ordnung hielt und dessen Brut sauber gewaschen und gekämmt in guter Haltung uns den Willkomm bot. Da ich das Kreuzeszeichen über ihre Flachsköpfe machte, traf mein Auge zufällig den Blick des Bastards, der mir voll feinen Spottes über mein priesterlich Gebaren schien.
Nachher sahen wir die Marställe und Waffenkammern; der Herzog merkte mein Befremden über die Fülle und Güte der Tiere und Rüstungen und sagte fast heiter:
»So sind alle meine Burgen ausgestattet, Vater Ronald; da hängt das Geld, das wir nicht in den Abgrund der Kreuzzüge warfen. Das Wählingerland hat kaum einen Toten im Morgenlande zu beklagen außer denen, die uns dieser Wildling entführte.«
Lächelnd zwar, aber dennoch ernst nickte er Harald zu, der in fröhlichem Leichtsinn Antwort gab, daß ihm seine Kreuzfahrt Sobeide zugebracht und er keinen Grund zu Klagen hätte. Auch sei er nicht dummer geworden, seit er die Welt jenseits der Grenzpfähle kenne, zumal da ihm sein Vater hier jede Arbeit zuvortue und ihm nichts ließe als die Jagd.
»Dies kann bald genug anders werden,« sagte der Bastard leise; sein scharfer Blick verschleierte sich, ein Seufzer hob seine Brust. Er ärgerte sich über sein eigenes Wort, sah zum Himmel auf, daran die Wolken dunkler flogen, und bemerkte:
»Für heute mag es genug sein, Vater Ronald; mich deucht, der Tag wird mit Regen enden.«
So ritten wir zurück, nicht auf demselben Wege, denn der Bastard hatte es offenbar darauf abgesehen, uns zu zeigen, wie das Land in jedem Winkel blühe und reich und glücklich war, jedoch enthielt er sich alles eitlen Selbstlobes und ließ dem tüchtigen Blut des Wählingervolkes den Kranz. Zwischen seine Erklärungen flocht er prachtvoll klare Überblicke aus der Geschichte der letzten Jahre, legte den Finger auf die Wunden der Staatskunst seiner Nachbarn und des Rotbarts, der seinen besten Fürsten unbedacht der Meute seiner Herren und Bischöfe preisgegeben habe.
»Heinrich der Braunschweiger war ein Mann nach meinem Herzen,« sagte er schier zornig, »und wenn nicht England und Frankreich nach Claraforte schielten, so hätte ich ihm beigestanden. Beim Himmel, wir hätten gesiegt!«
Dies letzte kam wie Gewittergrollen aus einem Herzen, das zwanzig Jahre Frieden gehalten hatte und am liebsten Tag um Tag in der Schlacht gestanden wäre. In seinen Augen glomm ein gefährlicher Funke, sein Gesicht straffte sich männlich und gewann trotz aller Wildheit einen hohen, adligen Zug, daß ich ihn, alles vergessend, zum erstenmal mit ungemischter Freude betrachtete. Wahrlich, es fehlte nicht viel, so hätte ich ihm den Arm brüderlich um die Schulter gelegt.
Die Dämmerung war grau und trübe hereingebrochen, ein Regen, fein wie Nebel nur, schleierte die Landschaft, die Hufe pochten dumpfer auf den Boden.
»Reite voraus, Harald,« befahl der Bastard, »damit uns Alten das Mahl gerichtet ist, und laß in meiner Schlafkammer das Feuer zünden.«
Dem Jungen war nichts lieber, er hatte ohnehin genug von der Weisheit der Älteren und konnte die Zeit nicht erwarten, Sobeide in die Arme zu schließen. Jauchzend sprengte er von hinnen und verschwand im Laub. Der Bastard dagegen verhielt die Zügel, wandte sich zu mir und sprach mit klangloser Stimme:
»Bist du mit deinem Lande zufrieden, Bruder Robert?«
Ich starrte ihn an, mitten durchgerissen von seinem jähen Wort, und sah ein uraltes, verfallenes Antlitz, voll einer fassungslosen Traurigkeit. Dies war sein unverstelltes Wesen, mein Herz blutete vor Mitleid. Er hatte seine Rechte gegen mich ausgestreckt, sie schwankte und zitterte in den lenzlichen Lüften, der ganze mächtige Leib war von einem Beben ergriffen.
»Kannst mir die Hand ruhig geben, Bruder,« fuhr er müde fort, »ich habe dir nichts von dem Deinigen genommen, auch nicht Aleit, denn ich habe sie nicht berührt, und Harald ist dein Sohn.«
»Sie weiß?« stammelte ich aufgepeitscht, und er, zermalmt von unsichtbaren Fäusten:
»Nein. Aber es liegt eine Welt zwischen uns.«
Mit einemmal flutete das verloschene Sonnenlicht der langen dunklen Tage warm in meine Brust, ich stand in einer inwendigen Lohe wie in Gottes Mantel eingehüllt, und wie in Gottes Mantel ward ich kindlich rein, geläutert von den Schlacken meiner sündigen Begierden, befreit von dem lärmenden Streit zwischen Kopf und Herzen. Ich schob seine Hand beiseite und zog ihn an mich, wir küßten uns und tranken unsere Tränen.
Da er endlich seine Haltung zurückgewann, sagte er leise:
»Nun muß unser böses Spiel durchgeführt werden, bis wir Besseres wissen. Nicht um uns, aber um die anderen. Den Abend haben wir für uns, und du sollst Rechenschaft haben. Vorwärts, Bruder!«
Wie ein Vorhang fiel die starre, strenge Larve vor sein Gesicht, er reckte seine Gestalt, und wir ritten schweigend in unserer Väter Burg.
Das Mahl war stiller als am Vortage, doch um so inniger klangen die Seelen zusammen. Wir betrachteten einander heimlich; auch Aleit, obzwar in dem Anblick der Kinder wurzelnd, warf hin und wieder einen seltsamen Blick auf mich. Ich sah erst jetzt genauer, wie überzart sie geworden war. Ihre Gestalt hatte schier etwas Jungfräuliches, rührend Reines, ihre Hände lagen blaß und durchscheinend auf der Decke, die sie der Abendkälte wegen über Schultern und Knie gelegt hatte. Da saß sie, Jahrzehnte von mir getrennt, immer noch als mein eigen, und in tausend stillen Worten bat ich ihr alles ab, was Verzweiflung, Not und Elend in meinen Gedanken über sie gehäuft hatte. Die stete Flamme der Öllampe warf einen Schein um ihr Haupt, der mich Heiligung und Weihe dünkte, und zu meiner herzlichen Freude schmolz in der lauteren Lohe der letzte Groll in mir dahin.
Es ward mir schwer, mich aus der holden Stimmung loszureißen, doch der Bastard wurde ungeduldiger; ich merkte, wie er sich sehnte, sein Herz zu erleichtern, nahm Urlaub und folgte ihm in sein Gemach. Es war das schlechteste in der Burg und hätte einem Mönch besser angestanden als dem Fürsten. Ein Bärenfell, Schrein, Tisch und Stühle aus grobem Eichenholz, kahle, verräucherte Wände; doch ein Feuerlein sprang lustig im Kamin und spiegelte sich in einer mächtigen Silberkanne.
»Hier, Bruder, magst du sehen, was ich für mich selber gewonnen habe,« begann er ohne Umschweife. »Nur in einem nahm ich kühner: dieser edle Trunk aus deinem Keller geht zur Neige; doch ich bedurfte seiner in den bitteren Nächten.«
Er schenkte die Becher voll und bot mir von dem Blut, das schwer und süß in meine Sinne zog und mein Gebein wohltätig erwärmte; ich war der südlichen Sonne zu sehr gewohnt, um dieser feuchtkalten Heimatluft trotzen zu können.
»Ich ahnte dich gestern, da Harald deinen Namen nannte; aber erst in der Nacht, da ich dich Nackten auf dem Altan erspähte, ward mir Gewißheit.« Er legte seinen Finger leicht auf meine Kutte, darunter die Mitgift der Trebilons verborgen war, und fuhr drängender fort: »Schenke mir diesen Abend, du kannst nicht ermessen, wie heiß ich ihn erflehte. Bediene dich aus dem Vorrat, wenn ich es über meinem Bericht vergessen sollte, und verhalte dein Urteil über mich, bis ich ausgesprochen habe.«
Er setzte sich näher an die Scheite und warf wie damals spielerisch die Glut zusammen. Ihm selbst war es gleicherweise eine Erinnerung, er seufzte auf und sprach:
»So zieht das Leben seine Kreise, Bruder; aber Gott behält die Fäden in der Hand. -- Als ich zuerst in Claraforte einritt, war es Nacht geworden, der Regen rann wie heute. Die Burg lag still, wie es dem Hause des Todes ziemte, niemand begegnete mir auf den Gartenwegen. So sehr war ich von meinem Ziel beherrscht, daß ich auch nicht einen Wimperschlag daran dachte, irgendwer könnte mich erkennen und entlarven. Aber gleich die erste Begegnung schien verhängnisvoll zu werden, denn von diesem Manne hattest du mir nichts erzählt. Es war der Arzt des Priors von Vargan, der mich auf der Treppe grüßte und vertraut ansprach. Er meinte, der Himmel müsse alles zum Besten wenden, und mir schien, als wolle er mich über Aleits Tod trösten. Wortlos wollte ich an ihm vorbei und in die Kemnaten, doch er zog mich an der Hand zurück und flüsterte, ich solle sie nicht stören. Dies dünkte mich für einen Pfaffen, für den ich ihn hielt, allzu frech, ich gedachte deines wüsten Lebens und lachte ihn aus: ob denn auch Tote gestört werden könnten. Worauf jener seine Demut verlor und mich mit verächtlichen Blicken maß: ›Tote nicht, Herr, aber Lebendige. Und ob es Euch lieb ist oder nicht, ich will mit Gott Eure edle Frau erretten. Und Euer Kind, Herr.‹
»Du weißt, Bruder, ich hatte mich trefflich in der Gewalt, aber bei diesem Wort brachen mir die Knie weg, und ich sank an die Wand, im selben Augenblick die geänderte Lage erfassend. Als ich mich aufraffte, war der Arzt verschwunden, ich hätte auch keine Frage für ihn gefunden. Wie ein Dieb öffnete ich die Tür, hinter der Aleit lag, ein weniges und starrte in die Kammer, die ein matter Ampelschein erhellte. Endlich gewöhnten sich meine Augen, ich sah Aleit auf dem Ruhbett liegen, die Stirn in Linnen, die Hand wächsern bleich auf der Brust, die leise atmete. Zu ihren Füßen saß eine ihrer Frauen und strickte. Ich zog die Tür vorsichtig zu und ging in dies Gemach; einem Diener, der mir begegnete, befahl ich, den Haushofmeister zu rufen. Das war Wipold, jetzt deckt ihn auch schon der Rasen. Er war, wie du dich erinnerst, deinen Taten nicht sonderlich zugetan, ich bemerkte sogleich an seinen Blicken, wie sehr er mich verachtete.«
»Mich!« verbesserte ich den Bastard, der eigen lächelte.
»Da könntest du immerwährend nörgeln, Bruder, doch höre lieber. ›Wipold,‹ sagte ich zu dem Alten, ›glaubst du mir, wenn ich ein neues Leben anzufangen verspreche?‹ -- ›Nein, Herr,‹ sagte Wipold messerscharf, ›es gibt nichts, bei dem Ihr nicht schon geschworen habt.‹ -- ›Doch,‹ erwiderte ich grimmig, ›ich schwöre bei dem Leben meines ungeborenen Kindes.‹ Der alte Mann starrte mich zornig an, an seiner Schläfe schwollen die Adern. Aber doch mußte ihm an meinem Ton etwas aufgefallen sein, er wurde unsicher und stammelte: ›Wenn ich dies glauben könnte, Herr, ich wäre der glücklichste Mann im Wählingerlande.‹ -- ›Du kannst es glauben, Alter,‹ versetzte ich, sah ihn ernsthaft an und griff nach seiner zögernden Hand, ›diese Tage haben mir die Augen weit aufgetan. Du wirst hier keine Gelage mehr erleben; und jetzt schaff mir zu essen und eine Kanne Wein, ich verbringe die Nacht hier.‹
»Wipold war überzeugt, er kniete unter Tränen nieder und küßte meine Hände, und wenig fehlte, so hätte ich mit ihm geweint. Hier schlug ein Herz, dem das Wählingerland teurer als das Leben war, in einer jungen Hoffnung; er rannte die Treppen hinunter, und indes die Diener das Mahl trugen, kam er mit diesem Wein wieder. ›Herr, dieser Tag ist ein hohes Fest, darum kostet von dem besten Vermächtnis Eures Vaters.‹ -- So, Bruder, bin ich an dies Faß geraten, das dein Wipold dir entzogen hatte, und sieh, ich habe sparsamen Gebrauch gehalten und nur in Herzensnot davon getrunken; dennoch, Bruder, sind nicht viele Tropfen mehr darin.«
Er schwieg mit bebender Lippe und griff zum Becher, den ich füllte.
»Wer ist nun Gast, und wer Hausherr?« scherzte er schwermütig über meinen Eifer, und ich:
»Wir sind beide Gäste desselben Schicksals und haben voreinander nichts voraus.«