Die irdische Unsterblichkeit: Roman

Part 7

Chapter 73,907 wordsPublic domain

»Du willst noch lügen, Bube!« schrie ich empört. »War es nicht Sobeide, mit der du in deiner stinkenden Hütte freveltest?«

Der Junge tat ein wildes Lachen, aber es klang nicht echt.

»Ist Liebe Frevel? Und stinkende Hütte, sagst du? Wo sämtliche Rosen des Gartens zu ihrer Ehre um sie versammelt sind? Aber sage mir, wessen Braut soll Sobeide sein? Sie selber weiß es nicht, oder --?«

Er neigte plötzlich nachdenklich den Kopf und biß die Lippen -- wie eng beieinander wohnen Liebe und Argwohn! Mit solchem Herzen wollte ich ihn nicht in die Ewigkeit entlassen und berichtete:

»Sie ist dem Emir bestimmt, allerdings ohne ihr Wissen. Genug davon: sage mir eins: Hast du sie angetastet?«

Der Junge sah mir verständnislos ins Gesicht, seine Augen gewannen eine Fülle rührender Kindlichkeit. Als er schließlich begriff, wogte ihm das Blut über die Stirn, er schlug mit der freien Hand auf meinen Arm und schrie:

»Lästere sie nicht! Gib mich endlich frei! Dem Ungläubigen willst du sie verschachern!«

Mit mächtigem Ruck riß er sich los und wich zwei Schritt zurück, Tod in den glühenden Augen. Es brauste in meinem Kopf, eine jubelnde Befreiung war in mir, daß es nun Kampf galt, daß ich ihn nicht abschlachten mußte wie ein Tier. Streitlust, die aller Gründe vergaß, faßte uns beide, und wie ein Sturmwind hausten wir umschlungen in dem Zimmer, lautlos, die Zähne verbissen, denn uns beiden war nicht um Horcher zu tun.

Wählingerblut! Er war es, bei Gott, denn solche Kraft war mir nirgends begegnet; ich keuchte unter seinen gewaltigen Armen und brauchte meine ganze Stärke; aber das zähere Alter blieb Sieger, ich warf ihn über die Schwelle, kniete auf seinem Leibe und drosselte ihn mit beiden Händen. Die Augen quollen ihm erschreckend aus den Höhlen, ich mußte wegschauen. Da leuchtete aus dem zerrissenen Hemd seine weiße Brust und unter dem Herzen das dreigespaltene Mal der Trebilons.

Ein eisiger Blitz durchfuhr mich vom Scheitel bis zu den Füßen, ich starrte entsetzt in das verkrampfte Gesicht vor mir. Ich wollte schreien, aber nur ein heiseres Wimmern brach aus der Kehle. Gott! Laß es nicht zu! Nicht zu!

Ich weiß nicht, wie ich es zustande brachte, das Richtige zu tun, überhaupt zu handeln. Wie eine Feder schwang ich den schweren Körper auf meine Arme und lief nach den Trögen, in denen das Regenwasser für den Garten stand, netzte seine Stirn, rieb seine Brust, arbeitete an dem leblosen Leibe, daß mir der Schweiß aus allen Poren drang, ohne aufzusehen, ohne Unterlaß, ohne auch nur dem heißen Drang nachzugeben, diese geliebten Lippen zu küssen. Ich betete und fluchte in einem, aber Gott rechnet das Gestammel der umdüsterten Seelen nicht. Seine Liebe ergoß sich auch über diese grauenvolle Stunde und prüfte mich nicht über meine Kraft. Denn ich hätte es _nicht_ ertragen.

Er lebte, der bleiche Morgen beschien sein erstauntes Gesicht, unsicher blickte er mich an. Ich legte den Finger auf den Mund und hieß ihn schweigen.

»Ohne Sorge, ich bin dein Freund, mag es dir auch seltsam vorkommen. Bei dem ewigen Gott, ich will euch beiden helfen, wenn ihr es ehrlich miteinander meint!«

Ein besseres Mittel, ihn zum vollen Leben zu erwecken, konnte ich nicht finden. Er sprang auf, taumelte und stützte sich an mir.

»Väterchen,« stammelte er, »du hast eine eigene Art für Freundschaftsbeweise, aber Knochen wie ein Gaul oder wie mein Vater -- sag, kann ich dir trauen? Und warum? Besinnst du dich auf dein christlich Herz?«

»Darum kümmere dich nicht, du arger Junge! Wie alt bist du?« Er ahnte nicht, mit welcher Spannung ich an seinen Lippen hing.

»Letzten Martin achtzehn geworden,« stotterte er verlegen, er fühlte seine grüne Jugend als wenig ausreichende Grundlage für Liebesdinge; »jedoch in unserem Geschlecht sind frühe Heiraten nicht selten.«

Ich hörte ihn kaum, eine tiefe Seligkeit entführte mich in eine wundersame Welt; er war mein Sohn, mein eigen Fleisch und Blut. Die Zeit stimmte, Aleit mußte gesegneten Leibes gewesen sein, und dies zu der Stunde, da ich Wildling sie schier zu Tode schlug. Späte Scham stieg mir in das früh ergraute Haar, aber die übergroße Freude ließ keine Schatten aufkommen. Ach, wie mußte ich mich bezwingen, mein Kind nicht in die Arme zu schließen! Ich wußte nicht, wie das anstellen, da half er mir selber:

»Alter, ich traue dir nicht! Wie willst du mir bürgen, daß du uns nicht beide verdirbst? Sobeide und mich! An mir ist nichts gelegen; doch wie kannst du, ein Christ, das Mädchen einem Ungeliebten verschachern?«

In einer jähen Erleuchtung griff ich an mein Herz, fast hätte ich laut gejubelt.

»Schwöre mir beim Leibe des Herrn, über das, was ich dir jetzt zeigen will, für immer zu schweigen!«

Er hob betroffen die Hand zum Himmel; ich aber schob mein Gewand zur Seite und zeigte ihm das Mal unter meinem Herzen.

»Auch ich bin ein Trebilon, wie du von der Seite deiner Ahne. Nun bin ich der Mönch Ronald und tot für mein Geschlecht. Glaubst du jetzt?«

Mit leerem Ausdruck saß der Junge da, dann sprang er auf mich zu, umarmte mich und küßte meinen zerschundenen Mund und rief:

»Den Papst zum Vetter! Dem Mütterchen eine Tochter, und dir -- ein Bistum!«

Mich lähmte die Wonne, jauchzende Gebete stiegen lerchengleich aus meinem Herzen; alles, alles hatte mir Gott vergolten durch diesen einen kurzen Augenblick.

Der Rausch verflog, die Seele rüstete sich zum Kampf. Jussuf war für einige Tage verritten; ich hätte ihm nicht ins Gesicht sehen können. Der Himmel, der mich mit Freuden überschüttete, forderte von mir Verrat, und angstvoll lauschte ich in mich hinein, was das Schicksal von mir erwartete. Pläne wurden geboren und verworfen, es blieb nur die Flucht. Zuvor aber mußte ich Sobeide vor mir sehen, und zagenden Herzens schritt ich in das Frauenhaus.

Sie empfing mich mit glänzenden Augen, und so fröhlich mich sonst dieses Licht gemacht hätte, heut stimmte es mich schwermütig, denn ich kannte seinen Ursprung und trauerte, daß mein Kind Geheimnisse vor mir hatte. Mein Kind -- war jener andere nicht viel mehr mein Kind? Ich schüttelte die Gedanken von mir ab, das Gebot der Stunde ertrug nicht die Betrachtung so kunstvoll ineinandergeschlungener Schicksalsfäden. Das Kind saß neben mir, ich hatte meinen Arm um seinen Hals gelegt.

»Diese Nacht belauschte ich dich,« sagte ich und fühlte, wie sie schwerer an meine Brust sank.

Plötzlich faßte sie meine beiden Hände, bebende Angst in den Augen.

»Ihm ist nichts geschehen, Vater?«

»Nein,« sagte ich und wußte genug.

Sie barg ihr Köpfchen an meine Schulter und weinte leise.

»Die langen Jahre hat Jussuf dich gehätschelt und verwöhnt, er liebt dich mit der Glut seines starken und treuen Herzens; nun läufst du ihm davon, mit irgendwem, mit nirgendwem! Dies ist Frauendank.«

So sprach ich und schlug ihr Herz blutig, indes meins vor Weh brechen wollte. Sie sank in sich zusammen und weinte auf meine Hände, unaufhaltsam quoll die bittere Flut aus ihren Augen.

»Ist denn nichts, was dich zu dem Emir zieht?«

Da sprach sie endlich ein paar zitternde Worte, und sie, die bis vor kurzem von Liebe nichts wußte, war nun ganz in Liebe getaucht.

»Doch, Vater, doch! Ich hab ihn lieb wie einen Bruder, er ist der edelste und gütigste Mensch -- nächst dir, Vater,« verbesserte sie sich und streichelte meine Seele, »aber Harald hält mein Herz und ich seins. Straft mich, wenn es unrecht ist, doch ich kann nicht von ihm lassen, im Leben und im Tode nicht.«

Das waren große Worte, aber sie wuchsen aus dem schlichten Grunde ihres Wesens wurzelecht und selbstverständlich wie Opferflammen aus heiligem Herd. Jussufs Schale hob sich und verschwand in Fernen; mir blieb keine Wahl.

»Steht es so, Kind, so will ich euch helfen,« flüsterte ich; »doch des seid gewiß, wir alle spielen mit dem Tode. Nur die Flucht rettet euch, und wehe, wenn uns Jussuf einholt!«

»Dann sterben wir vereint!« erwiderte sie mit glücklichen Augen, sie hörte nur das Versprechen der Hilfe und sah keine Gefahren. »Du aber, Väterchen, mußt mit uns gehen, ich mag dich nicht lassen.«

Armer Jussuf! Drei Herzen sollten vor Seligkeit überströmen, und er, der unser aller Schicksal in den Händen hielt, blieb betrogen, einsam, leer in seiner Verlassenheit. Es mußte mir ein Wort hierüber entglitten sein, denn Sobeide schluchzte lauter auf, und ihr Leib zuckte hilflos in meinem Arm.

»Wär ich tot«, stammelte die Jugend, »und täte niemandem mehr ein Leid!«

Ich nickte betrübt; das Alter erst weiß, daß alles Leben währender Kummer ist. Nur die Erinnerung blickt über das flache Feld und sieht nichts als den hochragenden leuchtenden Mohn des Vergessens, der Freude, der Lust.

»Und deine Gespielinnen?« fragte ich, zur Wirklichkeit zurückkehrend. »Es ist unmöglich, sie alle mitzunehmen; je weniger wir sind, um so größer die ohnehin schwache Aussicht auf Rettung.«

»Der Emir ist gut,« sagte sie zuversichtlich und so ganz Weib, daß ich in aller Trauer lächeln mußte; »er wird ihnen nichts zuleide tun. Warum liebt er nicht ihrer eine statt meiner? Sie sind so schön und klug, viel besser als ich, die ich nichts als Ärger und Pein bringe.«

Sie meinte es ernst mit ihren Worten; die Schuld, die fremde Wünsche und Hoffnungen ihr auferlegten, drückte sie zu Boden; nur die junge, heiße Lebenskraft gab ihr den Mut, trotz allem nach den Sternen zu greifen.

»So bereite dich,« sagte ich entschlossen, »heute, vor Abend, reiten wir davon. Keins deiner Mädchen darf ein Wort erfahren; fort die Tränen, Verschwiegenheit ist unser halber Weg. Ich hole dich selbst.«

Ich schlenderte in die Ställe und musterte die Pferde. Jussuf, dies ist der Dank für deine königlichen Geschenke. Der Dank für zehn stürmelose Jahre, der Fußtritt des Gastfreundes, der wie ein Fürst neben dir gehen durfte.

Die drei Pferde wurden bereitgestellt; es lag nichts Auffälliges in meinem Befehl, da ich oft mit Sobeide ausritt. Darauf wandte ich mich in den Garten Haralds, der eben beim Mahle saß und mit dem gesunden Hunger seiner Jahre gewaltige Stücke von einer Hammelkeule biß.

»Vor Abend noch,« sagte ich, »du, Sobeide und ich. Der Emir wird kaum vor morgen erwartet. Lege dein altes Gewand an und darüber diesen Mantel. Und -- hast du die andere Keule noch? Gut, pack sie ein, ich will mich nicht auffällig versehen. Du erhältst Bescheid.«

Ehe er seinen Dank sagen konnte, verließ ich ihn, meiner verworrenen Gefühle kaum mehr Herr. In meinem Zimmer ging ich auf und ab und grübelte über einen Brief für den Emir, doch die schönsten, tiefsten Worte, die ich fand, dünkten mich armselig und schal. Das Mahl stand unberührt auf dem Tische, ich packte ein Teil in ein linnenes Tuch, füllte zwei Schläuche mit Wasser, band mit schamroter Stirn eine Menge Goldes in meinen Gürtel und wählte für Harald eine Waffe. Ich selbst nahm den Säbel, den mir Jussuf auf mein Wundbett gelegt hatte, und all diese Dinge barg ich notdürftig unter meinem Mantel. Das Gewissen betäubte ich mit dem Vorsatz, von der Küste aus an Jussuf zu schreiben. Wie ein Dieb ging ich aus dem Hause meines Freundes -- unter harten Augen verhehlte ich ein Herz, das seine Schuld in alle Winde schrie. Seine Schuld und seine Angst, denn es wußte nicht, wohin sich wenden nach solcher Tat. Noch auf dem Wege zum Frauenhause beschloß ich, die beiden Kinder nur bis ans Meer zu geleiten und dann männlich vor Jussuf zu treten: Hier bin ich, morde mich und kühle deine Rache in meinem Blut!

Dieser Entschluß verschaffte mir eine merkwürdige Erleichterung, meine Tatkraft spannte sich freudiger. Der Tod dünkte mich kein großes Ding, ich glaubte mein Leben hinter mir zu haben und war mit solchem Abschluß zufrieden.

Sobeide zitterte vor Scham und Leid; nun, da eine jähe Entscheidung verlangt ward, blutete ihr Herz um den Mann, dem sie eine sorglose Jugendzeit verdankte. Sie hatte ihr ärmstes Gewand angezogen, schmucklos bis auf den alten silbernen Löwentaler; nichts von all den Beweisen von Jussufs Liebe und Freundschaft wollte sie mit auf diesen Weg nehmen. Ich verstand sie und redete nichts dawider, stolz auf ihren hohen, adligen Sinn, und so wandten wir uns schweigend zu den Pferden, stiegen auf und ritten, das ledige Tier am Zügel führend, an die andere Seite des Gartens. Vom Sattel aus konnte ich die Mauer erreichen; Harald hörte meinen leisen Ruf, klomm über, und die Paläste versanken hinter uns. Erst weit in der Steppe hielten wir an, banden die Schläuche und Vorräte auf die Kruppen und bereiteten uns besser auf den langen Ritt. In purpurner Verlegenheit sah sich die Jugend zum erstenmal unter fremden Augen an; ihre holde, tastende Verwirrung hätte mich unter anderen Sternen mit Seligkeit erfüllt, jetzt verstörte es mein Gemüt noch ärger. Wir trieben die Pferde an und ritten wortlos in die nahende Nacht, von niemandem belästigt, von keinem verfolgt.

Sobeide lebte noch in dem Gedanken, ich würde sie in das Abendland begleiten; ich mühte mich ab, ihr meinen geänderten Entschluß in einer Weise mitzuteilen, die sie am wenigsten traurig machen würde, aber zum Erfinden taugte mein Kopf heute nicht, ich verschob die Aussprache bis an den Morgen. Endlich fiel mir ein, wie ich ihren Trennungsschmerz zu lindern vermöchte, ich besann mich auf meine Priesterrolle und stand so fern allen Formeln und Gebräuchen, daß ich voller Glück über meinen Plan ward: ich wollte die beiden vor der langen Reise selber ehelich miteinander verbinden; Gott, meinte ich, würde den Segen des Vaters dem des Priesters gleichstellen.

Der Tag begann mit karger Sonne, mir war nicht zum Beichten zumute. Bei kurzen Rasten ritten wir weiter dem Meere zu; es blieb uns keine andere Wahl als Tyrus, denn dies war der einzige Hafen, der der Christenheit noch im Morgenlande verblieben war, und von dem aus wir mit einiger Sicherheit auf Überfahrt rechnen konnten. Zu unserem Kummer lahmte Sobeidens Pferd; auch sie selbst war von der äußeren Anstrengung und inneren Erregung völlig erschöpft und hielt sich nur mit Zwang in den Bügeln. Es kam so weit, daß Harald seine Beute vor sich in den Sattel nehmen und mit seinem Arme stützen mußte. Für seine mächtige Kraft war dies eine kleine Last, und dennoch zitterten seine Hände, als ich ihm das Kind emporreichte.

Vor der zweiten Nacht, als wir uns um der Tiere willen zu einer längeren Ruhe bequemten, sprach ich den Kindern davon, sie gleich an Ort und Stelle zusammenzugeben, da niemand wisse, in welche Fährlichkeiten unsere Pfade führten. Sie griffen danach, als hätte ich ihnen die ewige Seligkeit geschenkt; es war doch _ein_ Ziel dieser Flucht, das erreicht war. Ich nahm den Turban ab, und die beiden Kinder knieten unschuldig vor mir nieder, Hand in Hand. Die Stimme versagte mir fast, das Herkömmliche entfloh meinem Gedächtnis, ein paar Worte stiegen bebend aus tiefem Herzen; rasch segnete ich sie ein, zog sie an meine Brust und küßte sie beide in Herzenslust und Trauer.

Nun war an Schlaf nicht mehr zu denken, wir hatten alle inmitten der Nachtkühle fieberheiße Wangen und schlagende Pulse. Nach kurzer Weile bestiegen wir die Pferde und trabten langsam unter den Sternen dahin, die beiden eng umschlungen, ich mit Sobeidens Pferd am Zaum hinterdrein. Einmal war mir, als berühre eine Hand meinen Nacken, aber rückwärts schauend sah ich nichts als den leeren, flimmernden Himmelssaum über dem silbernen Steppengrase.

Doch das fremde Gefühl wollte mich nicht mehr verlassen, immer häufiger drehte ich den Kopf, und endlich glaubte ich in der Ferne das Blitzen eines Eisens zu sehen. Ein paar Sprünge brachten mich neben Harald, dem ich leise befahl, schneller fortzureiten, da ich, drohe Gefahr, rascher als er auf seinem doppelt belasteten Tier vorankäme. Er hatte kein Arg, trieb den müden Gaul zum Trabe und verschwand bald hinter den Hügeln.

Ich wandte mein Angesicht dem dunklen Schicksal zu, denn der aus dem Osten gegen mich anritt, war der Emir.

Sehr weit in der klaren Nacht erkannte ich den hemmungslosen Zorn in seinen Zügen; von seinem Renner flockte der Schaum wie Schnee; er, der keinen Sporn gebrauchte, trieb das geliebte Tier mit dem Dolche. Die Lanze steil auf meine Brust gerichtet, sprengte er heran, Mord in den verwilderten Augen, und unwillkürlich zog ich den Säbel aus der Scheide. Nicht um mein Leben zu retten; das war verwirkt. Aber ich wollte dem Tod so lange wehren, bis ich Jussuf das Glück der Kinder abgerungen. Ich rief und winkte ihm zu; vergebens, er wollte nichts hören und sehen, mit blinder Wut stachelte er sein Pferd und rannte auf mich ein.

Bei Gott, das Schicksal selber hat ihn getötet, nicht ich!

Da sein Eisen handbreit vor meiner Brust war, zerschlug ich den Speerschaft mit dem Schwerte. Der Emir tat eine unglückliche Wendung im Sattel und stieß mit Gewalt in die Klinge. Sein Hengst stand plötzlich still, friedlich beschnupperten sich die befreundeten Tiere; Jussuf sank ohne einen Laut in meinen Arm. Seine Mienen glätteten sich und wurden mild, je mehr das Blut aus ihnen wich; er schlug die Augen auf und sah mich erstaunt, fast heiter an. Ich hatte die Hand auf seine Wunde gepreßt, aber das Blut quoll und strömte unaufhaltsam über meine Finger, er war verloren. Zu sprechen vermochte er nicht, seine Arme lagen an meinem Halse, er drückte mich mit seiner schwindenden Kraft und legte den Kopf kindlich an meine Brust; ein Lächeln glitt über seine Züge und hielt mit einem an, als schaue er entzückt ein Wunderbares. Stöhnend strich ich ihm die Lider über die gebrochenen Augen, und meine Tränen wuschen ihn rein von Schweiß und Staub. Dann hob ich ihn aus dem Sattel zu mir und ließ ihn sanft zur Erde, stieg ab und kniete lange neben ihm, alles vergessend, versunken in den Anblick seines friedlichen Gesichts, das sein erschautes Wunder wie ein Spiegel festhielt und so schön war wie im glücklichen Leben. Vielleicht, daß Gertraude seiner scheidenden Seele winkend den Weg in die neue Heimat gewiesen.

Und ich? Wohin mich wenden? Sollte ich den Seinen den blutigen Leichnam und mich selbst zum Opfer bringen? Wem zuliebe, wem zuleide? Mittellos trabten die beiden Kinder der Küste zu, noch in jeder Stunde von Gefahr umgeben. Bei ihnen war mein Platz. Ich entschloß mich rasch und hart, die weicheren Gefühle erdrosselnd. Jedoch bevor ich ritt, hob ich mit dem Schwerte die Grasnarbe ab und grub dem Freunde ein Bett. Dann säuberte ich Pferde und Säbel mit meinem Mantel von den Blutflecken, legte ihn zu Jussufs Füßen und deckte das Grab zu. Ich sorgte, daß die Erde über ihm nicht von den Aastieren aufgescharrt werden könnte, indem ich eine Menge Steine zusammentrug und einen Hügel von Gewicht und Dauer aufschichtete. Darauf wechselte ich die Sättel und legte seinem Roß den Sobeidens auf, erstach das lahme Tier und ritt den Kindern nach.

Ich traf sie beim Morgenlicht; sie erschraken, da sie mich sahen, als ob ein Gespenst sie überrascht hätte. Und ich -- gelassen bot ich des Emirs Grüße und in dem Pferde ein letztes versöhnendes Geschenk an Sobeide. Er habe sie nicht mehr sehen wollen und sei auf dem lahmen Tier langsam zu den Seinen verritten.

Sobeide beugte sich über meine Hand und schluchzte leise:

»Und du, Vater?«

Irgend etwas lachte in mir zornig und gepeinigt, ich starrte über die glühende Steppe und trotzte dem Gott, der mich verfolgte, indes mein Herz wie ein gefangen Wild in seinem Kerker tobte.

»Ich fahre mit euch in die alte Heimat!« schrie ich rauh. Aber sie blickten mich erstaunt an und hörten mich nicht; die Worte blieben mir in der Kehle stecken.

Drittes Buch

Es ist ein weiter Weg von Bachara nach Claraforte, zu Wasser und Lande voll von Ereignissen. Mein Gedächtnis ist mir ansonst ziemlich treu geblieben, aber von diesem Wege, seit dem Morgen, an dem ich Jussuf begrub, habe ich nur eine dumpfe, bleischwere Erinnerung, als sei ich ihn ohnmächtig und von Sinnen gefahren. Das Kind hat mir oft berichtet, wie ich bei Stürmen unvernünftig auf Deck hin und her gelaufen sei, daß Harald mich halten und in die Kajüte geleiten mußte; wie ich gedankenlos und ohne aufzuschauen durch Italien und über die Alpen geritten, und daß die Ärzte in Deutschland mich für zerrütteten Geistes erklärt hätten.

Ich _war_ krank. Eine Nachtmahr lag auf meiner Brust und verließ mich erst zu der Stunde, da ich die Grenze meines Landes überschritt. Dort stand am Wege nach Osten zu eine uralte Linde mit zwei tief in den Stamm geschnittenen verschlungenen Herzen.

Harald, der mein Roß führte, hielt an und sagte zu Sobeide:

»Dies ist unsere Heimat, Liebe; sieh die Herzen, die mein Vater ehemals in den Baum geschnitten. Ich hätte Lust, auch unseren Bund hineinzuschreiben. Halt die Zügel und verzieh ein Weilchen.«

Drauf sprang er ab und begann seine Arbeit. Sobeide mochte es zu lange dauern, daß ihr Eheliebster ein paar Schritt fern war, sie glitt aus dem Sattel und stellte sich neben ihn, und plötzlich wich der Schleier von meiner Seele, ich starrte auf das Bild und sah zwei, die vor zwanzig Jahren die alten Herzen hineingegraben hatten, jung, schön, glücklich gleich jenen. Wie Geierflug raste mein Leben an mir vorüber, klar und hart wie ein Wintertag, und abermals hielt ich an der Grenze meines Herzogtums, ein zerfetzter, schuldbeladener, armseliger Greis. Hinter mir lag die Reisezeit gleich einer dunklen Lücke, ich ahnte, daß ich krank gewesen, ich fühlte, daß ich genesen sei.

Zu rechter Zeit, gewiß um keinen Tag zu früh, denn der Abend schon würde mir ein Wiedersehen bringen, schlimmer und tödlicher vielleicht als alle Kämpfe meines Daseins. Das flog durch meinen Sinn, ohne mich mehr als flüchtig nur zu rühren, denn mein Herz lag, kaum erstanden, in anderen Banden, die ich nie und nimmer so mächtig geglaubt. Ich sah den Himmel mit den wunderbaren Wolkenschlössern, die ruhvoll im Blauen schwammen und immer neu erwuchsen, ich atmete den Duft der Heimaterde, stark und lenzgeschwellt, mir war, als senke meine Seele selige Würzlein in die Scholle und begrüße Krume, Wurm und Wasser und sauge sich voll von dem lebendigen Blut, durstig und dankbar wie ein Kindlein an mütterlicher Brust.

Heimat, Heimat, ehe der Abend über mein Schreibwerk hereinbricht, will ich deiner gedenken, du Heilerin der Qualen, Trost im Elend, Treueste der Treuen! Deine Kinder treten dich mit Füßen, aber du vergißt ihrer nimmer. Du warst bei mir in der dürren Steppe, und ob ich deiner kaum gedacht, du warst es doch, die meine Träume füllte. Heimat, Heimat, dich hab ich behalten von allen Gütern, dich allein hab ich geliebt, ob ich dich auch hundertmal verriet, gehemmt von Leidenschaften und Wünschen. Du lebtest in allen, die mein Herz besaßen, und nichts war außer dir als toter Sand.

Ja, ich war genesen und sah mit einem inwendigen Lächeln dem Ende dieses Tages entgegen. Die Kinder merkten verwundert, wie ich verständig in ihre Reden eingriff, und in halb zweifelnder Freude ließ sich Harald den Zaum meines Rosses aus der Hand nehmen. Jetzt erst drang mir auch die äußere Veränderung unserer Leiber in das Bewußtsein; die Kinder trugen abendländische Edelmannstracht und ich selbst eine neue warme Kutte. Unwillkürlich tastete ich an meinen Kopf -- gottlob, sie hatten wenigstens mein schütteres Haar mit der Tonsur verschont.

Die zarte Dämmerung der Nordländer geisterte im Walde, die Stille ging wie ein träumendes Märchen neben uns. Sobeide verstummte in bänglicher Erwartung des Herzogspaares, denn Claraforte rückte näher. Plötzlich lag die Burg vor uns, steil aus einer Lichtung ragend, und der Mond darüber lief wie ein silbernes Wiesel durch die gezackten Wolkenwälder. Wortlos hielten wir an, gebannt von der großen Art dieses Bildes, von Erinnerungen und Hoffnungen überwältigt.

»Dies ist unsere Burg, Vater,« sagte Harald leise zu mir. Ich neigte den Kopf; Gottes Wege, Gottes seltsame Schicksale schlossen langsam ihren Kreis. Ahnungslos führte mein eigen Kind den Flüchtling in das Haus seiner Väter zurück, Frieden und Liebe schienen am Ende des blutigen Pfades zu stehen.