Die irdische Unsterblichkeit: Roman

Part 6

Chapter 63,833 wordsPublic domain

Ich darf Jussuf über dem Kinde nicht vergessen. Der Emir war einer der fähigsten Köpfe, die mir je begegnet sind; in einer stolzen, wilden Seele barg er einen trefflichen Kern von Würde und Mannestum. Seine Vornehmheit saß _unter_ dem Kleide und verriet ihn nie, in welche Lagen er auch durch sein leicht erregbares Blut kam. Mich umgab er mit rührender Freundlichkeit und erwies mir, der ich nur etliche Jahre älter war, eine schier kindliche Achtung. Seine Diener waren gewohnt, mich als zweiten Gebieter zu betrachten, und in der Tat führte ich oft während der Abwesenheit Jussufs die von ihm begonnenen Arbeiten weiter, als sei er der Sultan und ich sein Wesir. Geschenke überhäuften mich, ich war reicher als je und hätte ein großes Schiff gebraucht, wenn mich das Gelüst in die Heimat getrieben haben würde. Aber was war mir die Heimat! Hier hatte ich Kind und Freund, Arbeit und Jagd, und auch bei der Heirat Jussufs sollte das alte väterliche Verhältnis bestehen bleiben, dies war mir zugesichert.

Ich sah den beiden, je näher dieser Tag kam, um so nachdenklicher zu, wenn sie ihre Bälle im Garten warfen oder Schachzabel spielten, darin der Emir ein unerreichter Meister war. Ich spielte besser als Sobeide, aber dem Kinde gegenüber verlor der Emir seine Ruhe mehr und mehr und zog, nicht immer mit Absicht, so schlecht, daß ich verstohlen in mich hineinlächelte. Der Jungfrau harmloses Wesen nahm ich für Kindlichkeit, Jussuf dawider litt es allmählich wie Geißelhiebe, denn er glaubte es als Liebeskälte gegen ihn auslegen zu müssen. Sobeide war in einem Alter, darin die Frauen des Morgenlandes längst mannbar sind. Sie mochte es auch körperlich sein, aber das Herz schlug frei und leicht in ihrer Brust und wußte nichts von solchen unruhigen Dingen. Ich hütete mich wohl, sie zu wecken; alles Lebendige muß von selbst seine Hülle sprengen, wenn es reif geworden ist.

Von allen Menschen gönnte ich sie dem Emir am liebsten und rechnete den Unterschied des Alters nicht. Jussuf war gertenschlank wie ein Jüngling, sein kühnes Antlitz zeigte keine Runzel, seine Kraft war eben auf ihrer Höhe angelangt. Er war immer noch schön wie zu jener Zeit, da ich ihm begegnete; ich zweifelte nicht einen Atemzug lang, daß Sobeidens Herz sich eines Tags stürmisch zu ihm wenden würde. Aber »es war ihm nicht bestimmt«.

Mit den Zeitläuften befaßte ich mich so wenig wie möglich; ich wußte, daß die abendländische Ritterschaft hierzulande Feld um Feld verlor und in einem bedauernswerten Niedergang begriffen war. Es ging mir nahe, doch ich sah nur die Folgen schwerer Schuld. Wie schlimm es in Wahrheit stand, ahnte ich nicht. Im Herbst des Jahres 1187 kehrte Jussuf nach mondelanger Fahrt zurück, bat mich in sein Gemach und teilte mir mit, Jerusalem sei gefallen, Saladin Herr der heiligen Stadt. Bei dieser Nachricht wurden alte Vorstellungen und Bilder so stark in mir, daß mir die Tränen in die Augen traten und ich an mich halten mußte, um nicht meinen Kummer laut hinauszuschreien. Die bitterste Scham übermochte mich, hier tatlos gesessen zu haben, indes draußen auf dem Felde die Brüder den Tod starben, den Tod, ich überlegte nicht, für was, den Tod der Helden jedenfalls; und gleichviel für welchen Gedanken sie fochten, ich empfand meine Zugehörigkeit zu den abendländischen Scharen, das Gemeinsamkeitsgefühl der schimpflichen Niederlage vor den Sarazenen.

Der Emir prüfte mit feinem Takt, was mich bewegte, er drückte mir die Hand und sagte herzlich:

»Heute wir, morgen ihr, Freund Ronald! Gräme dich nicht, auch deine Riesenkräfte hätten das Verhängnis nicht gewendet. -- Doch ich komme wegen anderer Dinge, vielleicht erfüllst du mir meine Bitte nicht ungern. Der Sultan hat angeordnet, möglichst viele der kriegstüchtigen Gefangenen eine Zeitlang in der Sklaverei zu behalten, wenn sie auch in der Lage seien, sich lösen zu können. Du kannst dir denken, warum: die Christen werden sicherlich versuchen, die Grabeskirche wiederzugewinnen; uns aber liegt nichts daran, ihre Scharen zu verstärken. Nun könnte es sein, daß Ritter deiner Heimat dort sind, denen du ihr Los erleichtern möchtest. Auch braucht Sobeide ein paar Gespielinnen, damit sie nicht in allzu langer Kindlichkeit verbleibe.«

Ich lächelte verständnisvoll, indes er unter der braunen Haut errötete.

»Ein eigentümlicher Auftrag für einen abendländischen Mönchen,« scherzte ich, frohgelaunt über die Abwechslung, und er, nicht minder heiter, tat einen Blick auf mein muselmanisch Gewand.

»Ein eigentümlich Kleid für einen abendländischen Mönchen,« rief er unter herzlichem Lachen, »es wird niemand deine Heiligkeit erkennen. Freund, wie wäre es denn, wenn du dir eine Liebste gewännest?«

Mit solchen lockeren Reden begann das traurige Abenteuer. Meine Vorbereitungen waren bald getroffen; das Kind jauchzte hellauf, als es hörte, was ihm beschert werden sollte; und ich ritt mit Dienern und Sänften gen Jerusalem zum Sklavenkauf, ohne daß ein leises Gefühl mich warnte, denn selbst die Scham erstarb unter meiner Unkenntlichkeit Je näher ich der Stadt kam, um so trostloser ward mir zumute; das Siegesgeschrei der Heiden, die Sklavenzüge der Männer, Weiber und Kinder meiner Art, das Elend der Vertriebenen, die an die Küste gezogen waren und obdachlos zurückkehrten, da die christlichen Schiffsherren sie ohne Geld nicht mitnehmen wollten, dies alles drückte meine Stimmung tief herab.

Nachdenklich ritt ich in Jerusalem ein, erstaunt über die Ordnung und Zucht der Sarazenen, die mit großer Schnelligkeit fast alle Spuren des Kampfes ausgetilgt hatten; aber Wehmut beschlich mich zuletzt und trieb mich rasch an meine Geschäfte. Für Sobeide suchte ich einige Waislein aus dem Deutschen Hause aus, das war bald geschehen; darauf ritt ich die Gassen der Gefangenen ab, und eine nicht zu verjagende Unruhe ward Herr über mich, da ich dem normannischen Haufen näher kam. Ich sah kein bekanntes Gesicht, junge Leute ohne Namen, Knechte ohne Herren, hochmütig noch im Unglück aus Unkenntnis dessen, was ihrer harrte. Plötzlich fühlte ich mein Herz erzittern, von Schwindel ergriffen sank ich im Sattel zusammen und starrte irren Auges auf den Hals meines Pferdes, darauf die feinen Adern zuckten. Irgendwo in der Menge hatte ich mein eigenes Gesicht erblickt.

Ich konnte erst wieder aufschauen, als ich mich besann, daß mein Antlitz undurchdringlich geworden war und mit seiner grausen Entstellung jeder Ähnlichkeit spottete. Doch war meine Verwirrung noch so mächtig, daß ich die Jahre vergaß und in dem Jüngling meinen Bruder zu erkennen glaubte. Armes Menschenherz, wie weit bist du von Gott entfernt, dem du dich so nahe wähntest! Der wilde Spuk erlosch nicht, als ich meinen Irrtum erkannte und sah, daß dieser Jüngling höchstens ein Sohn des Bastards sein konnte. Dies aber war mir gewiß.

Ich ritt auf ihn zu, mühsam beherrscht: Zug um Zug sah ich den Vater, und daneben in zorniger Wehmut an einem weicheren Spiel des Mundes die Mutter. Wählingerblut! Aber was für eins! Es sollte Tropfen um Tropfen für meine Leiden bezahlen.

»Wer bist du?« schrie ich hochfahrend auf normannisch.

Der Junge horchte auf, ein verträumtes Lächeln glitt über sein Gesicht, als er die Heimatlaute im Munde eines Moslem fand, dann spottete er herbe:

»Jedenfalls kein Überläufer wie du! Was treibst du für schmutzige Geschäfte, Alter? Pfui über dich! Warst du ein Normanne, so schäme dich doppelt: ich bin der Sohn und Erbe des Herzogs von Claraforte.«

»Mir unbekannt,« versetzte ich kalt. »Hier bist du nichts als eine Ware.«

Inzwischen winkte ich einen der Verkäufer heran und ward handelseinig. Mich hielt es nicht mehr auf dem Markt und in der Stadt, durch die ich einst mich so traurig geschleppt hatte, ich vergaß das Elend der abendländischen Ritterschaft, die nach allen Richtungen verstreut wurde, und sprengte mit meiner Beute von dannen, Herz und Haupt voll verworrener Bilder und Gelüste. Um den Sohn des Bastards kümmerte ich mich während der Reise nicht, er trabte gefesselt zwischen meinen Leuten. Ich hörte ihn hier und da in der Lingua Franca oder in schlechtem Arabisch lustige und freche Reden tun, die wenig Kummer verrieten. Er schien sich in der Gesellschaft wohlzufühlen, wie es dem Bastardblut geziemte, und in meine Gefühle mischte sich Ekel und Verachtung. Ich rang mit Entschlüssen, fand aber zu keinem Ende. Eine unerklärliche Schwermut, mit Sehnsucht gepaart, legte sich betäubend auf mein Gemüt, nach zehn Jahren eines wolkenlosen Glücks rauschten die dunklen Fittiche wieder über mir, und abermals fragte ich nicht nach Gottes Willen. In Bachara suchte ich sogleich das Lager, ohne selbst das Kind begrüßt zu haben, von Fieber umdüstert, von Dämonen zerrissen, aber von schlummerlosen Reisenächten gottlob ermattet, daß ich willenlos versank.

Wie aus schwerer Krankheit tastete ich in den Tag zurück. Die Erregung war einer Art von Gleichgültigkeit gewichen, die kundtat, wie sehr Rache und Zorn in der Erinnerung lagen und mich doch nicht mehr für immer erobern konnten. Und mählich klärte sich mein Besinnen: Was war Gott mir schuldig? Hatte ich nicht eine wundervolle stille Zeit verlebt? War nicht alles Vergangene Notwendigkeit für dies mein Glück? Also, sprach mein Kopf, sende den Erben von Claraforte zurück in seine Heimat und vergiß! Aber mein Herz war still dazu und zögerte.

Ich rief nach Bad und Morgenimbiß und ließ den Bastard zu mir kommen. Er musterte mit seinen schnellen Augen das Gemach, ohne mich zu grüßen, dann ließ er sich auf ein Polster nieder und schob die beiden zuspringenden Wachen mit mächtigen Armen beiseite. Ich winkte, sie gingen betroffen hinaus.

»Der Übertritt ist eine einträgliche Sache,« höhnte der Junge, und bis auf die Stimme glich er dem, der mich betrogen hatte. Jetzt wunderte ich mich, daß ich keinen Haß empfand, ja eher Bewunderung für die schöne, kühne, blonde Jugend, die kaum achtzehn Jahre zählen konnte und schon wie ein gewaltiger Streiter in seinem Kettenhemde dasaß. Über seine Frechheit weghörend, fragte ich kurz:

»Du heißt?«

»Harald,« entglitt es ihm; er biß sich hastig auf die Lippen und rief: »Was geht das dich an, alter Spitzbube? Hast du mich für dich gekauft oder hast du noch einen Beturbanten über dir? Schreib an die Juden in Genua, daß sie mich auslösen, und mach dein Geschäft an mir und dem christlichen Unglück, aber verschone mich mit deinem Anblick.«

»Du irrst,« bedeutete ich ihn gelassen, »an Lösung ist nicht zu denken, du bleibst Sklave. Wer dein Herr ist, kann dir einstweilen gleichgültig sein. Vergiß dein Herzogtum und tu deine Pflichten, die dir angewiesen werden, zur Zufriedenheit der Aufseher, so wird dir kein Leids geschehen.«

Er sprang auf, daß das Polster durch das Zimmer schoß, eine steile Lohe lief über seine Stirn, er sah aus wie mein Vater, wenn er von glühender Jagd heimstürmte; laut lachend brüllte er mich an:

»Mir ein Leids tun? Willst _du_ das etwa versuchen? Oder vielleicht dein braunes Ziefer?«

Unwillkürlich mußte ich lächeln, eine Freudenwelle lief warm über mein Herz. Ach, du prächtige, großmaulige Jugend aus Nordland! Ach, ihr tolldreisten Riesen aus Schnee und Himmel und Gold! Ach, ihr hornhäutigen Drachen mit den Herzen aus Wachs!

Bastard oder nicht, der Junge war von echtem Korn, und wäre er eines anderen Sohn gewesen, ich hätte ihn am liebsten an meine Brust gezogen. Das würde freilich mehr ein Kampf denn eine Liebkosung geworden sein, da er gegen mich offenbar wenig Freundschaft zur Schau trug. Aber er brachte mir die Heimat mit rauschenden Buchen und grünen Hügeln, mit den Stimmen des Waldes und dem Leuchten der Wolken.

Derweilen sah ich, wie er knabenhaft verstohlene Blicke auf die Reste meines Mahles tat, er mußte noch nichts bekommen oder genommen haben. Ich legte eine Taube auf eine Scheibe Brot und bot sie ihm, der dunkel errötete. »Nimm sie getrost. Ich verstehe deine Abwehr gut, aber du darfst nicht verhungern, und alles kommt aus derselben Küche. Ich werde dir eine Beschäftigung zuweisen, die ich selbst einmal als Sklave gehabt habe, bevor ich --«

»Den Heiland verleugnete!« schrie der Junge trotzig und schlug das Brot aus meiner Hand.

Ich hob es ruhig auf und fuhr fort:

»Bevor ich den Dank des Emirs verdiente und sein Freund ward. Den Heiland habe ich nicht so sehr verleugnet wie du, der du sein Brot in den Staub wirfst.«

Der junge Riese wand sich vor Verlegenheit, er versuchte mich freimütig anzusehen und stammelte höflich:

»Vielleicht tat ich Euch unrecht, Alter, dann verzeiht.«

»Nimm und iß!« entgegnete ich ihm, und diesmal griff er zu, und ich sah seinem Hunger an, wie schwer ihm der Kampf gefallen sein mußte.

»Beruhige dich über deine Gefangenschaft; Saladin sorgt für Geiseln, denn da ihm das ganze Land zugefallen ist, wird die Christenheit vor neuem Streite stehen, mit ungewissem Ausgang.«

»Mit gewissem!« triumphierte die Jugend. »Glaubst du, König Richard ließe sich das gefallen? Und der Kaiser? Und mein Vater, wenn er erfährt --«

Das Blut drängte sich mir zu Herzen, ich senkte die Augen. »Warum zieht dein Vater nicht zu Felde? Warum schickt er dich statt seiner?« fragte ich leise. Meine Seele bebte in der Brust und sehnte sich, ein Wort von der Mutter zu hören, ob sie lebe, ob sie fröhlich sei.

Bereitwillig gab er Antwort:

»Mein Vater hat genug im eigenen Lande zu tun, insonderheit bei den Unruhen der englischen Krone, da lärmen die Söhne wider den Vater und untereinander. Dazu ist die Mutter krank, er mag sie nicht verlassen. Auch hat er mich nicht geschickt, ich bin davongelaufen, sonst wäre ich nie ins Morgenland gekommen; denn ich bin der einzige Erbe zu Claraforte, keine Schwester, kein Bruder, ein stilles Haus, Alter.«

Der Kopf war mir in die Hand gesunken, die alten Tage zogen wundersam leuchtend herauf. Alles war in Glanz getaucht, es gab keine Laster, keine Sünden, nur Glück, nur Heimat. Langsam nur traten seine Worte in mein Bewußtsein, herb und plötzlich schüttelte mich die Meldung, Aleit sei krank. Ich wagte nicht zu fragen, stand auf und bedeutete Harald, mir zu folgen. Durch Palmenwege schritten wir zu dem Garten, den ich einige Jahre verwaltet hatte; die Hütte, da mein Herd gestanden, war etwas zerfallen, denn niemand hatte sie bewohnt, der Garten wurde von dem Hauptgesinde mitbedient. Seit Sobeide erwachsen war, kam der Emir nicht mehr her; ich wußte, warum. In der Mitte des Geheges wogte ein Rosenhain voll der edelsten Sträucher, unwissend seiner Bedeutung hatte ich ihn damals aus alter Liebe besonders gepflegt. Es war der Platz, auf dem Gertraudens Leichnam verbrannt worden war, rätselhaft wie ihr Leben war ihr Bestattungswunsch gewesen.

Ich schloß die Tür zu dem verfallenen Hause auf.

»Ergib dich in dein Schicksal, Harald,« sagte ich mit verstellter Gelassenheit, »es ist, glaub es mir, gelinder als das meinige. Die Beschäftigung mit dem Boden, den Pflanzen, den Wolken und Winden tut wohl und macht ruhig. Niemand soll dich treiben; flick die alte Hütte und harre deiner Stunde in Geduld.«

Er warf den schönen Kopf in den Nacken und sah mich mit lachenden Augen an:

»Hütet Eure Pferde, Alter, ich sags Euch offen: kann ich fliehen, so geschieht es.«

Den anspringenden Schrecken -- nachher wurde mir bewußt, wie sicher mein Herz empfunden -- dämpfte ein fernes silbernes Gelächter; ich murmelte einige Worte zum Abschied und eilte hinaus, den Wachen die Fürsorge für den neuen Gärtner einschärfend.

Im Garten des Frauenhauses saß Sobeide im Kreise ihrer neuen Gespielinnen, und die jungen, schönen Gesichter strahlten Freude über ihr unfaßbares Glück, solcher Herrin zugeteilt worden zu sein. Sie hatten ein ganz anderes Los befürchtet.

»Vater, Väterchen!« rief das Kind und fiel mir um den Hals. »Nun hast du eine ganze Gemeinde für dich und kannst wieder Priester sein!«

Einen Augenblick war alles verstummt, dann brach ein tolles Gelächter aus, und ich stimmte von Herzen ein. Wilder konnten die Gegensätze nicht in ein paar Worte gesperrt werden. Oder vielleicht doch von der mundkargen Wirklichkeit, die hier Lust und Leben und Geselligkeit schuf und jenseits der Mauer ein junges Blut zur Einsamkeit verdammte. Jedoch in diesem Wirbel blauer Sterne war kein Raum für Trauer, ich vergaß und genoß.

Jussuf betrachtete Sobeide mit der Überschärfe der Sehnsucht, jede leichte Bewegung wurde ihm zum Wesensspiegel. Da er nach seiner Rückkehr sich über sie neigte und, wie er es gewohnt war, einen flüchtigen Kuß auf ihre Stirn drückte, errötete sie tief und barg verschämte Augen vor seinem heißen Blick; und als sie in der Abendstunde unter der Ampel des Schachspiels pflegten, merkten sie beide nicht, wie seltsam die Figuren unter ihren Fingern hüpften, toller schier als ihre Herzen. Jetzt bot der Emir Schach, bei ungedecktem König; sie achteten es beide nicht. In starker Verwirrung stürzte das Kind die Figuren um, die Augen voll Wasser, und lief schnell hinaus. Jussuf sah mich sprachlos an.

»Lieber Freund,« deutete ich in grenzenloser Torheit lächelnd, »nun ist ihr Gemüt doch wahrhaft genügend bewegt, und das Herzchen steht in Flammen.«

Der Emir griff wie ein Ertrinkender nach dem Strohhalm, seine Züge klärten sich auf, er faßte mich um die Schulter und stammelte:

»Meinst du wirklich? Ach, Ronald, das Kind verfolgt mich durch die Träume, aber ich kann, ich kann ihm nichts sagen, die klare Unschuld wehrt mich ab. Wie? -- Geduld? -- Ich habe sie all die Jahre gehabt, nun aber geht es über meine Kraft.«

Ich tröstete ihn, wie ich vermochte; es seien nun die letzten Wochen, die jungfräuliche Festung wolle ihren Stolz, sich nicht so leichtlich besiegen zu lassen, und was der Reden mehr sind. Er hörte sie mit halbem Herzen und ging seufzend in seinen Palast zurück. Wir waren ein paar alte Narren und wußten es nicht.

Emir Jussufs Liebeskummer griff allmählich auf mich über, auch mein Schlaf wurde blasser und wich einem fruchtlosen Grübeln. Ich hatte kein Arg, daß Sobeide ihn liebte, denn wie sollte ihr seltsames Benehmen anders zu erklären sein? Wen anders als ihn, der schön, treu und mächtig war? Es gab keine Wahl in ihrem Kreise; der Emir, an alles denkend, hatte sorglich jeden stattlichen Besuch vor ihr verborgen. Und doch fühlte ich ein Gewitter in der Luft, der schwüle Hauch ließ mich nicht ruhen. Eines Nachts wuchs dies so unerträglich, daß ich aufstand und ins Freie ging. Unwillkürlich lenkte ich meine Schritte an das Tor, hinter dem ich der Blumen gepflegt hatte; ich ließ mir von den Wachen aufschließen und trat ein, angenehm von meinen Gedanken abgezogen von einer schmunzelnden Erinnerung an den Jüngling, der dort sein Herzogtum verwaltete. Ich ging ohne Groll, ohne Haß unter den Sternen der kühlen Nacht, das Vergangene schien abgetan, das Tote tot. Alles war still, das Rosengrab Gertraudens stand vergessen und traurig entblättert, die Wege herum waren vernachlässigt und voll Unkraut, die Bäume und Büsche verwildert, unbeschnitten -- Harald wünschte offenbar sein Brot nicht mit der Hände Arbeit zu verdienen. Eher beklommen und traurig als zürnend schlug ich den Pfad zu seiner Hütte ein; ich mußte wissen, was er trieb und dachte. Vielleicht hatte Verzweiflung ihn in den stählernen Fängen, und sein Lager war feucht von Tränen und Heimweh.

Mattes Licht schimmerte durch die Hecken, er saß noch wach. Verwundert rieb ich mir die Augen: die ärmliche Hütte war mit blühenden Rosen umrankt, in Töpfen standen flammende Tulpen auf dem flachen Dach, das elende Gemäuer sah wie ein Märchen aus. Hier also steckten seine Tage, nur für sich selbst hatte er Zeit gefunden. Leise schlich ich näher und spähte durch das Fenster, vor dem zu meinem höchsten Erstaunen ein seidener Vorhang hing. Aber meine Prüfung war noch nicht zu Ende, Geflüster drang aus dem Raum, der Junge stammelte unsinnige Brocken Deutsch und Normannisch durcheinander, und jetzt klang ein wehrendes, sehnendes Wort aus Mädchenmund -- meine wilde Jugend stand so jäh vor mir, daß ich auf den Ärmel beißen mußte, um nicht laut aufzulachen. Der Tunichtgut hatte eine der Gespielinnen Sobeidens über die Mauer gehoben und koste mit ihr; und so alt ich war, es reichte noch nicht zu einer greisen Entrüstung. Auf Zehen schlich ich zurück und hinter eine hohe dunkle Staude, die Neugier hielt mich, ich wollte wissen, für welche der Schönen mein Herr Neffe sein Liebesnest mit Gertraudens Grabesrosen gerichtet hatte.

Meine Geduld wurde auf die Folter gespannt; doch endlich ging die Tür auf, der Junge stand breitbeinig davor und lauschte in die Nacht. Dann bog er sich zurück, ein zierliches Wesen, tief verschleiert, hüpfte in seinen Arm und ward auf leisen Sohlen an die Mauer getragen; vorsichtig machte ich mich hinterdrein. Behende schwang der Jüngling sich auf die Steine, kaum daß er den alten Nußbaum erklommen hatte, und ließ ein Seil herunter, daran ein Knüppel verknotet war. Die gefällige Schöne setzte sich rittlings darauf und schwebte sacht empor.

Ich ärgerte mich trotz allem inwendigen Lachen, daß mir ihr Gesicht entgehen sollte; aber jetzt, da die beiden auf der Mauer saßen, löste sich der Schleier zum Abschied, und ein roter Mund bot sich dem Beneidenswerten zu einem langen Kuß.

Wie eine Sturmglocke schwang das Herz in meiner Brust. Es war Sobeide.

Was zwischen zwei Atemzügen durch meinen Kopf ging, verschmolz in einer kalten Mordlust. Was rührte mich dieser Bastard? Er mußte sterben! Über ein halbes Menschenalter hatte der einzige Freund, den ich auf Erden besaß, seine Sehnsucht in verschwiegenem Busen getragen, damit ein hergelaufener Bube mit seiner hübschen, frechen Larve ihn um sein Eigentum betrog -- er mußte sterben! Ihn davonzujagen hieße ewige Trauer in das Herz der verführten Unschuld pflanzen, nur das Grab setzt Lust und Jugend ein Ziel; er mußte sterben. Ungeheures wollte Gott von mir, damit ich meine Freundschaft beweise: den Sohn der Frau, die ich geliebt hatte und noch immer liebte, sandte er in dies ferne Land zum Opfer meiner Treue, den Erben meines Landes hieß Gott hinschlachten um der glücklichen zehn Jahre willen, und diesmal wollte ich meinem Schicksal männlich entgegengehen.

Darauf, so beschloß ich, nähme ich das Kind bei der Hand und geleitete es in den Garten an die Stelle, da ich ihn verscharrt haben würde, und also spräche ich zu ihr: Hier liegt einer, der eine deiner Gespielinnen mit dreisten Reden zur Zuchtlosigkeit verlockt hat. Er hat seine Strafe; forsche du der Dirne nach. Und damit du ein größeres Frauenrecht hast, wollen wir deine Hochzeit mit Jussuf auf den Neumond festsetzen.

So würde ich sprechen, und Jussufs Herz sollte von all dem unberührt bleiben. Wenn nicht der Bursche ihre Ehre beleidigt hatte; und dies mußte ich wissen. Ich zog mich in die Hütte zurück und barg mich in den Schatten, den blanken Dolch in der Faust. Seine sorglosen Schritte schollen über den Rasen, er pfiff eine sanfte Weise vor sich hin und zog die Vorhänge auf. Dann löschte er das Licht und ließ den Mond auf die kahlen Wände scheinen; träumerisch saß er am Fenster, das blonde Haupt von silbernen Liebesflammen umkränzt; nicht um mein Leben hätte ich ihn so erschlagen können. Mit einem Sprung stand ich vor ihm und packte ihn beim Handgelenk. Er erkannte mich sofort und tat eine kaum merkliche Bewegung.

»Alterchen, ist das eine Zeit, die Leute heimzusuchen?« fragte er gelassen und sah mich forschend an, ob ich von seinen Taten wüßte. »Und was willst du mit meinem Arm, Väterchen? Du meinst doch nicht, mich halten zu können!«

Er versuchte eine Befreiung, merkte den Widerstand und nahm all seine Kraft zusammen.

»Mein Gott, was seid Ihr für ein Goliath!« keuchte er, vor Unwillen und Anstrengung feuerfarben. »So laßt mich doch und sagt endlich Euer Begehren!«

»Ist das eines Herzogs würdig,« sagte ich, »die Braut eines anderen zu stehlen?«

»Ach, du Schleicher! -- Die Braut eines -- Mach dich nicht lächerlich, Alter; ich habe den ersten Kuß von diesen Lippen gepflückt. Ihr täuschtet Euch in der Dunkelheit und meintet eine andere.«